Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

REISE: Grünes Band/Nationalpark Bayerischer Wald Vorhang auf


Camping, Cars & Caravans - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 20.09.2019

Vor dreißig Jahren fiel der Eiserne Vorhang. An seiner Stelle entwickelte sich das Grüne Band Europa, auf dem sich seltene Tier- und Pflanzenarten tummeln. Besonders schön präsentiert sich das Grüne Band im Bereich des Nationalparks Bayerischer Wald.


Artikelbild für den Artikel "REISE: Grünes Band/Nationalpark Bayerischer Wald Vorhang auf" aus der Ausgabe 10/2019 von Camping, Cars & Caravans. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Fotos: Gerhard Eisenschink

S echs Uhr fruh auf dem Weg zum Lusen, dem dritthochsten Berg im Nationalpark Bayerischer Wald. Steinchen knirschen unter den Sohlen unserer Wanderschuhe, der Lichtkegel der Taschenlampen tanzt vor uns her, irgendwo trallert ein Rotkehlchen melancholische Weisen. Mit der einsetzenden Morgendammerung zeichnen sich die Konturen der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Camping, Cars & Caravans. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2019 von FRAGE DES MONATS: Was hat sich in 25 Jahren geändert?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FRAGE DES MONATS: Was hat sich in 25 Jahren geändert?
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von BILD DES MONATS: ZUM JUBILÄUM Spenden statt Geschenke. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BILD DES MONATS: ZUM JUBILÄUM Spenden statt Geschenke
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von BILD DES MONATS: Feiern mit Königen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BILD DES MONATS: Feiern mit Königen
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von CARAVAN SALON: Großer Bahnhof. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
CARAVAN SALON: Großer Bahnhof
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von PROFITEST: LMC Sassino 470 K Für die Kleinen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PROFITEST: LMC Sassino 470 K Für die Kleinen
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von PRAXIS: Mobile Solarpanels: Sonnenfänger. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PRAXIS: Mobile Solarpanels: Sonnenfänger
Vorheriger Artikel
TIPP DES MONATS: 25 Jahre Leading Campings Die Erfinder des Glamp…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel CAMPING-MAGAZIN
aus dieser Ausgabe

S echs Uhr fruh auf dem Weg zum Lusen, dem dritthochsten Berg im Nationalpark Bayerischer Wald. Steinchen knirschen unter den Sohlen unserer Wanderschuhe, der Lichtkegel der Taschenlampen tanzt vor uns her, irgendwo trallert ein Rotkehlchen melancholische Weisen. Mit der einsetzenden Morgendammerung zeichnen sich die Konturen der Baume ab und der Blick gleitet uber das bohmisch-bayerische Grenzgebirge. So weit der Blick reicht, nichts als mit Wald bedeckte Berge und Taler. Keine Zivilisation weit und breit.

Die Besonderheit des Lusen ist nicht seine Hohe, die mit 1.373 Metern relativ unspektakular ist, sondern sein mit urtumlichen Granitblocken ubersater Gipfel. Da wir vom Lusengipfel aus den Sonnenaufgang beobachten wollen, sind wir auf dem Winterweg unterwegs, der am schnellsten zum Gipfelkreuz hinauffuhrt. Die Route ist breit, leicht zu gehen und mit einem seltenen Tier markiert, das seit 1970 in dieser Region wieder heimisch ist: der Luchs. Hier, im Nationalpark Bayerischer Wald und im benachbarten tschechischen Nationalpark Šumava, wurden im vergangenen Jahr 25 erwachsene Luchse und 21 Jungtiere gezahlt, doch sie sind in der freien Natur selbst fur Wildbiologen und Nationalpark-Ranger nur selten zu sehen.

Die Sonne bewegt sich bereits rot gluhend uber den Horizont, als wir am Lusenschutzhaus vorbei die letzten Meter zum Lusengipfel emporsteigen. Der Weg fuhrt uber gewaltige Granitblocke, die aussehen wie von Riesen in die Bergwelt gewurfelt. Mit gelbgrunen Flechten uberzogen, leuchten sie im Licht der aufgehenden Sonne fast neonfarben. Oben angekommen, setzen wir uns unters Gipfelkreuz, packen unsere Brotzeit aus und geniesen das Bergpanorama.

Der Gipfel des 1.373 Meter hohen Lusen ist ein Felsenmeer mit Weitblick auf die deutsche und tschechische Seite eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Mitteleuropas. Auf einer Ranger-Führung wird Natur hautnah vermittelt. Der Baumwipfelpfad im Nationalpark gilt als der längste der Welt.

Dass die Tschechische Republik mit dem Nationalpark Šumava nur einen Steinwurf von unserem Standort entfernt ist, fallt uberhaupt nicht auf. Huben sieht es aus wie druben: Granitblocke, Walder, Berge – die vorherrschende Farbe ist Grun. Dieses Grun entlang der deutsch-tschechischen Grenze ist Teil des Grunen Bandes Europa. Es ist mit seltenen Pflanzen und Tieren bestuckt und zieht sich vom Eismeer im Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer an der Grenze zur Turkei. Auf rund 12.500 Kilometern Lange folgt es dem Verlauf des ehemaligen Eisernen Vorhangs, der bis vor dreisig Jahren Ost- und Westeuropa voneinander trennte.

Wir haben unser Gespann auf dem Campingplatz „Camping am Nationalpark“ in Klingenbrunn stationiert und wollen das Grune Band Europa im Umfeld des Nationalparks Bayerischer Wald naher erkunden. Auf rund 350 Kilometern gibt es hier ein sehr gut markiertes Wanderwege-Netz, das hier und da das Grune Band tangiert. Auserdem einen grenzuberschreitenden Nationalpark-Radweg und einen Nationalpark-Rundweg sowie umweltfreundliche Igelbusse, die zum Teil auch Rader transportieren, und mit denen man Wander- und Radrouten bequem kombinieren kann. In den Nationalpark-Zentren und –Infostellen haben wir uns mit kostenlosem Karten- und Infomaterial eingedeckt, sodass wir bei unseren Touren durch die urwuchsige Natur im Umfeld des ehemaligen Eisernen Vorhangs gut ausgerustet sind.

Nach der Brotzeit am Lusengipfel folgen wir einem markierten Wanderweg uber Granitblocke in Richtung deutsch-tsche chische Grenze, die lediglich an einen Holzsteg und einen alten Grenzstein zu erkennen ist. Die Teilpassage dorthin ist mit Drahtseilen gesichert, an denen man sich beim Uberschreiten der Felsblocke festhalten kann.

Unterwegs auf den Wanderwegen des Nationalparks Bayerischer Wald erkundet man die wilde Natur, in der der Wald wieder wild wachsen darf. Mitten durch den Bahnhof von Bayerisch Eisenstein verlief früher die harte Grenze des Eisernen Vorhanges. Die verhängnisvolle historische Entwicklung der Region scheint heute zum Glück fast überwunden.

Zahlreiche Sagen und Geschichten ranken sich um das mehr als 200.000 Quadratmeter grose Blockmeer am Lusen, das wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge nicht von Riesen aufgeturmt, sondern auf naturlichem Wege durch Frostverwitterung entstanden ist. Doch die nuchterne Erklarung tut der geheimnisvollen Aura dieser uralten Felslandschaft, die sich seit der Tertiarzeit in dieser Form ausgebildet hat, keinen Abbruch.

Am Fus des Blockmeers folgen wir dem Holzsteg und dem weiteren Wegverlauf der Markierung „Soldanelle“ in Richtung Finsterau.

Wie eine Soldanelle aussieht, kann man nicht nur der Skizze auf der Wegmarkierung entnehmen. Im Mai, wenn der Lusen noch mit Schneeflecken bedeckt ist, spriesen die violettfarbenen Blutenpflanzchen auf dem Finsterauer Lusensteig – wie sich der mit der Soldanelle markierte Weg auch noch nennt – hier und da am Wegesrand. Die zarten Glockchen der Soldanelle sind nicht die einzige Seltenheit im Umfeld des Grunen Bandes.

In den Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava gibt es 34 Tier- und Pflanzenarten, die auf europaischer Ebene als besonders schutzenswert eingestuft sind. Dazu gehoren bekannte Arten wie Auerhuhn und Fischotter, aber auch unbekannte wie Grunes Koboldsmoos und Mopsfledermaus – zwischen 4,5 und 5,8 Zentimeter gros. 2016 wurde beispielsweise der Gehornte Zunderschwamm-Schwarzkafer entdeckt – ein gerade mal sechs Millimeter groses, extrem seltenes Urwaldrelikt.

Wir gehen gut zweieinhalb Stunden durch urwuchsige Natur, die sich nach dem Motto des Nationalparks „Natur Natur sein lassen“ in den Kernzonen des Schutzgebietes entwickeln darf, wie sie will. Wahrend im Nationalpark-Erweiterungsgebiet um den Grosen Falkenstein Holzfallen und -aufraumen im Rahmen der Borkenkaferbekampfung noch bis 2027 erlaubt ist, greift die Nationalparkverwaltung im Umfeld des Lusen auch bei grosen Windwurfen nicht in die naturlichen Prozesse ein. Und so bildet sich in Deutschlands altestem Nationalpark ein Urwaldgebiet mit Vorbildfunktion fur andere Schutzgebiete heran.

In Finsterau steigen wir in den Igelbus und fahren zur deutsch-tschechischen Grenze bei Bucˇina. Dort, wo einst der Eiserne Vorhang jegliche Verbindung kappte, wuseln heutzutage Wanderer und Radfahrer auf gut markierten, grenzuberschreitenden Wegen hin und her. Dass es hier nicht immer so frohlich wie heute zuging, zeigt sich ein paar Schritte vom Grenzubergang entfernt, am Hotel Restaurant Alpska Vyhlidka. Vis-a-vis der Restaurant-Terrasse, von der man bei gutem Wetter bis zu den Alpen blicken kann, baut sich ein Wachturm nebst Panzersperren und Stacheldraht auf – zum Freilichtmuseum umfunktionierte Uberbleibsel aus der Zeit des Kalten Krieges. Als wir die Anlage naher erkunden, entdecken wir ein Meer von Buschen, Baumchen und bunter Blumen, das die Grenzrelikte allmahlich uberwuchert. Wenn man die Natur am Grunen Band Europa Natur sein lasst, erobert sie sich auch noch die letzten Reste des ehemaligen Eisernen Vorhangs Schritt fur Schritt zuruck.

Die Wanderung auf den Lusen zeigt das Grüne Band von oben. Grün in allen Facetten, von den dunklen Fichten bis zu den leuchtenden Farnen, Buchen und Ebereschen.


Das Grüne Band

Das Grüne Band Europa ist mehr als 12.500 Kilometer lang. Es verläuft auf dem ehemaligen Grenzstreifen des Eisernen Vorhangs, der Ost- und Westeuropa rund 40 Jahre voneinander trennte. Mit den Revolutionen im Jahr 1989 lüftete sich der Vorhang und hinterließ einen Grüngürtel, der seltenen Tier- und Pflanzenarten während der Zeit des Kalten Krieges Rückzugsmöglichkeiten geboten hatte. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) initiierte das Projekt Grünes Band Deutschland, um den Grenzstreifen an der innerdeutschen Grenze für den Naturschutz zu sichern. Dies gab den Anstoß für das 2004 ins Leben gerufene Projekt Grünes Band Europa. Für Camper, Wanderer und Radler lässt sich das Grüne Band besonders gut auf dem Gebiet des Nationalparks Bayerischer Wald erkunden, der heute – dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges – hürdenlos in den benachbarten Nationalpark Šumava (Tschechische Republik) übergeht. Gemeinsam bilden die beiden Nationalparks das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet Mitteleuropas.

Wilde Natur: Auch jeweils ein Wolfsrudel lebt in den beiden Tierfreigeländen des Nationalparks.


“Camping am Nationalpark” in Klingenbrunn grenzt direkt an den Park.