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Reise ins Grauen


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 02.11.2018

TOURISMUS Auschwitz, Verdun, Ground Zero: Auf der Liste von Urlaubs- und Ausflugszielen stehen oft auch Schauplätze von Völkermord, Krieg und anderen Katastrophen. Warum suchen wir Orte auf, die an fürchterliches Leid erinnern?


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 12/2018

UNSERE AUTORIN
Kerstin Schumacher ist Historikerin und arbeitet als Journalistin in Darmstadt. Bei der Recherche stellte sie fest, dass sie selbst ein »Dark Tourist« ist. Der düsterste Ort, den sie als Touristin besuchte, war das Konzentrationslager Buchenwald.

Ein gepflegtes Hotel, wenige Schritte bis zum Meer und jede Menge Sonne. So sieht für viele Menschen der perfekte ...

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... Urlaub aus. Aber längst nicht für alle. Manche zieht es an jene düsteren Orte, an denen in der Vergangenheit Grauenhaftes geschehen ist: die Konzentrationslager Auschwitz oder Buchenwald, den Atomreaktor von Tschernobyl oder das Schlachtfeld von Verdun. Das Reisen an die schrecklichen Schauplätze der Geschichte bezeichnen Forscher als »Dark Tourism«. Besonders Sozialwissenschaftler interessieren sich dafür, warum Menschen freiwillig Orte aufsuchen, die an Leid und Tod erinnern. Ist das gedankenloses Sightseeing, Lust auf Gänsehautgefühle – oder steckt etwas anderes dahinter?

Ein weit gereister deutscher »Dark Tourist« ist Peter Hohenhaus: Auf seiner Website »dark-tourism.com« bietet der Linguist einen Überblick über rund 700 Reiseziele in 90 Ländern. Viele davon hat er selbst besucht, etwa die »Killing Fields« der Roten Khmer in Kambodscha, die Sperrzone um den Reaktorkern von Tschernobyl sowie Ruanda, wo Angehörige der Hutu-Mehrheit 1994 drei Viertel der Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu töteten. Schätzungen zufolge starben bei dem Völkermord bis zu eine Million Menschen. Eingeschlagene Schädel und Haufen noch sichtbar blutdurchtränkter Kleidung erinnern an das Grauen. »Die Gedenkstätten sind sehr drastisch«, sagt Hohenhaus. Dass jemand sie aus Lust am Grusel aufsucht, hält er für abwegig und nahezu eine Beleidigung für die betreffenden Touristen.

Bei ihm, Jahrgang 1963, liege der Schlüssel in der eigenen Biografie: Die Eltern sind Vertriebene; als Kind besuchte er mit seiner Familie Kriegsrelikte im Hamburger Hafen. Mit elf Jahren stand er an der Berliner Mauer, fuhr durch die Geisterbahnhöfe der geteilten Stadt. Zu den Stätten des Kalten Kriegs fühlt er sich bis heute am stärksten hingezogen. Noch immer treibe ihn das Interesse an authentischen Orten an, das Bedürfnis, »den eigenen Horizont zu erweitern«.

Obschon es auch an Orten wie Tschernobyl inzwischen geführte Touren gibt, ist »Dark Tourism« noch längst nicht im Massengeschäft angekommen. Eine wachsende Nachfrage nach entsprechenden Destinationen lasse sich anhand von Zahlen nicht belegen, sagt eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands.

Tatorte mit prominenten Opfern

Auf die Frage, warum jemand zum »dunklen Touristen« wird, gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Erst in jüngerer Zeit hat das Phänomen überhaupt größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit erlangt. Der Begriff »Dark Tourism« wurde 1996 von den britischen Tourismusforschern John Lennon und Malcolm Foley geprägt. Schon drei Jahre zuvor hatte der Soziologe Chris Rojek vom University College London historische »Black Spots« (schwarze Flecken) zusammengetragen, an denen Berühmtheiten eines gewaltsamen Todes starben, etwa John F. Kennedy in Dallas 1963.

Das Konzentrationslager Auschwitz zählt wie Ground Zero in New York zu häufig besuchten Gedenkstätten.


MARTIN-DM / GETTY IMAGES / ISTOCK

Seit 2012 existiert an der University of Central Lancashire in Großbritannien ein eigenes Institut zur Erforschung von »Dark Tourism«. Sein Leiter Philip Stone versteht darunter »das Besichtigen von Orten, Attraktionen und Ausstellungen, welche Tod, Leid oder das scheinbar Makabre als Hauptthema haben«. Das habe eine lange Tradition, darunter die Gladiatorenspiele im Römischen Reich oder öffentliche Hinrichtungen im Mittelalter. Doch heute, schreibt Stone, in der westlichen säkularen Gesellschaft, finde der Tod nur abgesondert hinter medizinischen und professionellen Fassaden oder aber als inszeniertes popkulturelles Ereignis statt, etwa in Krimiserien wie dem Tatort. »Dark Tourism« hole den Tod zurück ins Leben und biete die Möglichkeit, sich mit dem Thema in sozial akzeptierter Weise zu befassen. Die Stätten erinnerten die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit, böten einen Ort der Besinnung sowie der Beschäftigung mit existenziellen und moralischen Fragen. Das mindere die Furcht vor dem unvermeidbaren Ende und schaffe so letztlich ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden, schließen Philip Stone und sein Kollege Richard Sharpley in einem Aufsatz.

Dass sich hinter dem Phänomen lediglich Voyeurismus verbergen könnte, dafür hat auch Tourismusforscher Duncan Light von der Bournemouth University keine Hinweise gefunden. Nachdem er Forschungsarbeiten aus zwei Jahrzehnten gewälzt hatte, stellte er 2017 fest: »Die meisten Besucher der düsteren Schauplätze erklären, etwas über die Schattenseiten der Geschichte lernen und die Vergangenheit verstehen zu wollen.« Einige fühlten sich dazu, anders als beim Besuch anderer Sehenswürdigkeiten, auch moralisch verpflichtet, wollten ihr Mitgefühl ausdrücken. Doch manchmal, schreibt Duncan Light, sei eine solche Gedenkstätte einfach nur eine Station auf einer längeren Reise, die sonst vor allem dem Vergnügen oder der Erholung diene, etwa im Rahmen einer geführten Tour, ein »Must-see«.

Auf einen Blick: Memento mori

1 »Dark Tourism« bezeichnet das Reisen an Orte mit leidvoller Geschichte, zum Beispiel an Schauplätze von Kriegen, Verbrechen oder Naturkatastrophen, die Geschichte authentisch erfahrbar machen und das gewohnte Alltagserleben durchbrechen.

2 Manche Besucherinnen und Besucher betreiben oberflächliches Sightseeing, folgen einer morbiden Neugier oder voyeuristischen Motiven. Laut sozialwissenschaftlichen Studien ist das aber nicht die Regel.

3 Zu der großen Bandbreite an Motiven zählt demnach vielmehr, etwas über Geschichte zu lernen, der Opfer zu gedenken, sich mit existenziellen Fragen zu beschäftigen oder sich der eigenen Vergänglichkeit zu besinnen.

Das gewohnte Denken durchbrechen

Da sich die wahren Motive von Menschen schwer erschließen lassen, erfassen einige Studien lediglich, was die Reisenden an düsteren Stätten denken, fühlen und tun. Manche von ihnen hinterlassen Blumen oder Botschaften, und die meisten fühlen sich nach eigener Auskunft tief berührt, erleben die Orte als verbindend und Sinn stiftend, denken über moralische Fragen, ihre Werte und ihr Handeln nach. Das Außergewöhnliche eines solchen Orts durchbricht das gewohnte Denken und Empfinden, es bietet Raum für tiefe Erfahrungen.


Das Außergewöhnliche eines solchen Orts durchbricht das gewohnte Denken und Empfinden


Und noch etwas ziehe Menschen an Orte mit leidvoller Geschichte, so schließt Duncan seine Diskussion möglicher Motive ab. Ein Reiseziel könne die eigene Identität festigen, das Selbstbild bestätigen oder ein gewünschtes Bild vermitteln – zum Beispiel das, ein gebildeter, anteilnehmender Mensch zu sein. Einen Ort aufzusuchen, etwa Ground Zero, kann außerdem die kollektive Identität beziehungsweise das kollektive Gedächtnis bewahren.

Die meisten Menschen, glaubt Peter Hohenhaus, sind sich gar nicht bewusst, dass sie »Dark Tourism« betreiben und es einen Begriff dafür gibt. In der deutschen Forschung findet das Phänomen bislang kaum Beachtung. Zu den wenigen Studien zählt die Abschlussarbeit der Wirtschaftspsychologin Katalina Ketschau an der Hochschule für Management in Berlin. Sie untersuchte tiefenpsychologische Motive für »Dark Tourism«. Bei den Recherchen rief das Phänomen oft Ablehnung und Unverständnis hervor, sagt Ketschau. »Wer das macht, ist doch psychisch gestört«, habe sie immer wieder gehört. Sie führte umfassende Gespräche, so genannte Tiefeninterviews, mit sechs Menschen, die im Jahr zuvor bewusst an einen düsteren Ort gereist waren. Ketschau schloss aus den Berichten: »Dark Tourism« integriere die Schattenseiten der menschlichen Existenz. Das Phänomen spiegle »die Unfähigkeit der postmodernen westlichen Gesellschaft, ihre Ängste und Schmerzen wahrzunehmen, ebenso wie ihre Sehnsucht danach«.

Vielleicht erklärt das auch, warum sich mancher an Gedenkstätten nicht angemessen verhält. Peter Hohenhaus findet es respektlos, »wenn Leute an Orten von dunkler Geschichte Fotos machen, als wären sie in Disneyland «. Besonders problematisch sei das bei jüngeren Katastrophen wie dem Feuer im Grenfell Tower in London. Als dort Schaulustige Selfies machten, erregte das viel Kritik. »Voyeurismus« nennt Hohenhaus das; »Slum-Tourismus« zählt er ebenfalls dazu. Vom respektlosen Verhalten einzelner Besucher dürfe man aber nicht auf die Mehrheit der »Dark Tourists« schließen: »Sie sind in aller Regel gut informiert und verhalten sich angemessen.« Er selbst will als Nächstes die ehemaligen Kolonialgefängnisse in Französisch-Guayana und das Museum des »Roten Terrors« in Addis Abeba (Äthiopien) besuchen. Die Ziele werden ihm wohl nicht so schnell ausgehen.

QUELLEN

Light, D.: Progress in Dark Tourism and Thanatourism Research: An Uneasy Relationship with Heritage Tourism.In: Tourism Management 61, S. 275–301, 2017

Stone, P. R.: Dark Tourism and Significant Other Death: Towards a Model of Mortality Mediation.In: Annals of Tourism Research 39, S. 1565–1587, 2012

Dieser Artikel im Intenet: www.spektrum.de/artikel/1597146