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REISE ZUM BODENSEE: WIE DER BODDEN – NUR BESSER“


Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 120/2018 vom 09.11.2018

Unendlich viel Gewässerfläche, 250 Meter tief – im ersten Moment war der Bodensee fürFlorian Pippardt abschreckend. Wo soll man hier die Fische finden? Hätte er zu diesem Zeitpunkt aber geahnt, was er in den kommenden Tagen erleben würde, hätte er sich diese Sorgen nicht gemacht.


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Bildquelle: Blinker, Ausgabe 120/2018

Wer auf dieser Gewässerfläche auf Freiwasserhechte wirft, braucht Vertrauen – und dabei ist der Untersee nur der kleinere Teil des Bodensees.


„MIT EINEM SCHLAG WIRD MIR DIE RUTE FAST AUS DER HAND GERISSEN.“


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Ausgeschlitzt! Erst verlor Michael einen guten Fisch, dann stieg auch ein Räuber bei Johannes aus.


Zum Freiwasserwerfen benutzt Michael Köder von 20 bis 30 Zentimetern Länge.


Es ist Mitte Juni, zusammen mit meinem Kollegen Johannes Radtke will ich einen Film für unser Streamingportal ANGELN plus drehen. Das Ziel ist der Bodensee im Dreiländereck. So weit im Süden Deutschlands war ich nur einmal, vor gut sieben Jahren – allerdings zum Ski fahren. Zum Angeln hatte es mich bis dato noch nie nach Baden-Württemberg oder Bayern gezogen. Als wir allerdings Friedrichshafen durchqueren und parallel zur Promenade des Sees fahren, bereue ich das schon fast etwas. Das Wasser ist türkisblau und man kann auf der österreichischen Seite sogar die Alpen sehen. Mann, ist das schön hier.

SPRACHBARRIERE

Der Bodensee ist geteilt – das wusste ich vorher übrigens auch nicht. Den größeren Teil des Gewässers bildet der Obersee, an ihn grenzen Österreich, Deutschland und die Schweiz. Er ist bis zu 250 Meter tief! Im Gegensatz dazu wirkt der kleinere Untersee mit einer maximalen Tiefe von 45 Metern wie ein Planschbecken. Und genau hier wollen wir uns mit Michael Kratzer treffen, einem erfahrenen, ortskundigen Angler.

Michael sitzt in seinem Boot am Steg und bindet gerade ein Fluorocarbonvorfach an seine schwere Hechtrute, als wir am Wasser ankommen. Er begrüßt uns freudig und teilt uns mit, dass wir genau zur richtigen Zeit ankommen. „Gegen Abend legen die Hechte meist nochmal richtig los.“ Ich bin gespannt. Freiwasserwerfen steht auf dem Plan, neben dem Schleppen die effektivste Methode, um am Bodensee einen Hecht zu erwischen. Das Echolot zeigt sieben Meter, als er den Benziner abschaltet und den Frontmotor zu Wasser lässt. Auf dem Sonar erkenne ich am Grund etwas Kraut und große Futterfischschwärme. In dieser Kombination ziemlich vertrauenerweckend, da kann der Hecht doch nicht weit sein. „Und die Schwärme bestehen allesamt aus Renken?“ frage ich ihn. Michael runzelt die Stirn – habe ich etwas Falsches gesagt? „Na, Renken. Oder Maränen – wie auch immer.“ Ein Kardinalfehler! Er sagt immer noch nichts. Verzweifelt suche ich nach einem weiteren Coregonen-Synonym, aber Michael ist schneller: „Ach so, Felchen meinst du. Ja klar, die halten sich hier überall im Freiwasser auf. Hechtbeute Nummer Eins!“ Na gut, Verständigungsprobleme kenne ich als gebürtiger Thüringer zur Genüge. Meine Kollegen im Osten würden genauso verdutzt schauen, wenn jemand fragt, wie die Aitel in der Saale denn beißen.


„WELSE BEISSEN IMMER ÖFTER AUF GUMMIS IM FREIWASSER.“


AUSSTEIGER-PARTY

Wir treiben also langsam ins tiefere Wasser und angeln unermüdlich im Nichts. Gedankenverloren werfe ich einen Blick in Michaels Köderkiste: Riesenforellen, ellenlange Aale und fette Gummiplötzen von über 30 Zentimetern Länge. Johannes wird das gar nicht gefallen, er ist überzeugter „Smallbaiter“. Ich muss grinsen, als ich sehe, was er im Karabiner hängen hat – einen zwölf Zentimeter langen Shaker in grün-braun. Was auch sonst. Mit einem Schlag wird mir die Rute fast aus der Hand gerissen, mein Anhieb erfolgt aus Überraschung etwas verzögert. Wahnsinn, das ging ja schnell. Und der Hecht ist nicht einmal klein, nach kurzem Drill keschern wir ihn und legen ihn aufs Maßband. Etwa 90 Zentimeter misst mein erster Bodenseehecht – ich bin glücklich. Michael übrigens auch, das sieht man ihm an. Seine Laune schlägt aber kurz darauf etwas um, durchaus begründet: Erst verliert er einen schönen Hecht im Drill und dann bricht das Handteil seiner Rute während des Wurfes. Hechte verlieren scheint übrigens an diesem Tag gut zu funktionieren. Sowohl Johannes als auch ich haken noch einen Räuber und verlieren ihn im Drill. Aber: Vier Kontakte in zwei Stunden Angelzeit, das ist doch richtig gut! Ich hätte nicht gedacht, dass die Hechtangelei am Bodensee so effektiv ist.

Noch vor den Hechten sind Felchen am Bodensee die beliebtesten Sport- und Speisefische. Mithilfe eines Echolots werden die Schwärme gesucht und mit einer Hegene beangelt.


DEN FILM ZUM THEMA GIBT’S AUF

ANGELN PLUS

ANGELN.DE

Der sogenannte Trichter bei Konstanz stellt den Beginn des Seerheins dar, die Verbindung zwischen Unter- und Obersee.


Eddi ist ein erfahrener Schleppangler und fängt am Bodensee regelmäßig massive Fische. Er setzt auf voluminöse, natürliche Köder in 40 Zentimeter Länge – wie dieses Seeforellenimitat aus Gummi.


Zurück am Anleger warten zwei weitere Freunde von Michael auf uns: Eddi und Dieter. Die beiden wollen uns am nächsten Tag während des Drehs begleiten.

METERHECHTE

Sie begrüßen uns, als würden wir uns schon ewig kennen. „Morgen wird super. Das Wetter spielt mit, ich habe sogar extra mein Boot mitgebracht. Ein Arkip von Linder, kennt ihr das?“ Dieter ist sichtlich euphorisch. Am liebsten wollen er und Eddi schon am nächsten Tag um fünf Uhr angeln, noch vor dem Dreh, aber das nette Angebot müssen wir leider ablehnen. Am darauffolgenden Tag steht dann zuerst Felchenfischen auf dem Programm.

Wir treffen uns gegen Mittag mit Eddi und Dieter am Seerhein, auf dem Gelände des ASV Konstanz. Außerdem erwarten uns einige Mitglieder des Landesfischereiverbandes Baden Württemberg: Thomas Lang, der Gewässerwart, Karin Nowak, die Sekretärin und Räucher-Rainer. Ein lustiger Spitzname, aber den hat er sich verdient. Er veranstaltet Räucherseminare für den Verband und weiß genau, wovon er spricht. Sein Können demonstriert er auch direkt auf dem Vereinsgelände – die Saiblinge und Felchen aus dem Bodensee schmecken wirklich lecker.

Die Hechte des glasklaren Bodensees sind toll gezeichnet und erreichen Durchschnittgrößen von etwa 80 Zentimetern.


FELCHEN-PILKEN

Nach dem Essen fahren wir auf den sogenannten Trichter – die Verengung am Beginn des Seerheins. Thomas weist mich ein, denn ich mache direkt einen Anfängerfehler: „Felchenfischen ist nicht Pilken! Halte die Rute ruhig, den Rest erledigt das Boot.“ Na gut, ist sowieso entspannter. Außer einem Stichling fange ich allerdings nichts. Dieter hat mehr Glück, er keschert ein schönes Felchen, etwa 45 Zentimeter lang. Für mich endet das Abenteuer Felchen schon nach zwei Stunden, denn ich muss unseren Kameramann vom Flugzeug abholen – in Friedrichshafen, eineinhalb Stunden entfernt. Dementsprechend spät treffe ich erst wieder auf dem Vereinsgelände ein. Dort warten die anderen schon in den Booten, wir wollen auf jeden Fall noch einmal schleppen gehen. Dieter und Johannes sind Protagonisten im Film, der Kameramann begleitet die beiden auf dem Linder Arkip. Thomas, Karin und Rainer bleiben an Land, Eddi nimmt mich mit auf sein Boot.

Eddi war mir von Anfang an symphatisch – vor allem deshalb, weil er genauso klein ist wie ich. Er ist ein echt erfahrener Schleppangler, wie ich auf seinem Handy sehen darf. Ich durchscrolle das Fotoalbum, während wir ablegen. Ich habe noch nie so viele Meterhechte gesehen, glaube ich. Eddi verlangsamt kurz darauf die Fahrt: „So, hier fangen wir an. Du darfst die Köder aussuchen!“ Ich entscheide mich für eine 40 Zentimeter lange Gummiforelle und einen armlangen Swimbait.


„GROSS IST GUT. DIESE EINFACHE REGEL SOLLTE MAN SICH FÜR DEN BODENSEE MERKEN.“


SCHNELLER KONTAKT

Groß ist gut, diese einfache Regel sollte man sich für den Bodensee merken. Ein Mini-Köder würde auf der großen Wasserfläche einfach zu wenig Aufmerk- samkeit auf sich ziehen. Eddi erklärt mir noch, wie ich ein Planerboard korrekt in die Schnur hänge. Ich dachte immer, es sei kompliziert, die Köder auf Abstand vom Boot zu halten – ist es aber überhaupt nicht. Das kleine Brettchen macht die Arbeit von ganz allein.

Ein bisschen zweifle ich allerdings noch an unserem Vorhaben, denn das Echolot zeigt 100 Meter an – wir schleppen bloß auf etwa vier Meter Tiefe. Meine Zweifel legen sich aber schon nach nur 20 Minuten, als die Schnur aus dem Planerboard gerissen wird und die Rutenspitze mehrfach in Richtung Wasseroberfläche ausschlägt. Ich darf drillen – wobei es mehr ein Einholen ist. Mein 70 Zentimeter langer Kontrahent gibt alles, die schwere Schlepprute in meiner Hand beeindruckt das aber gar nicht. Drillspaß hin oder her – wir haben einen Fisch, und zwar recht schnell!

VIEL POTENZIAL

Leider tut sich dann lange Zeit nichts mehr auf unserem Boot. Die anderen erwischen noch einen ähnlich großen Fisch, dabei bleibt es dann aber auch. Eddi ist etwas enttäuscht, er hat sich mehr erhofft: „An einem normalen Tag fängt man beim Schleppen immer einen Fisch von etwa einem Meter. Ich weiß nicht, was heute los ist.“ Ich glaube ihm – sein Fotoalbum spricht für sich. Auf der Rückfahrt frage ich ihn noch etwas aus. „Sag mal, gehst du eigentlich nur hier fischen? Oder auch mal an den Bodden?“ Eddi lacht: „Bodden? Wieso sollte ich? Der Bodensee ist doch ähnlich groß – halt nur noch besser!“

Ich bin mir seit unserer Tour an den Bodensee bewusst, wieviel Potenzial dieses Gewässer hat. Natürlich, die Wasserfläche ist immens. Der See enthält aber auch so viel Biomasse, dass sich die Suche nach Fischen nicht allzu schwierig gestaltet. Zumindest nicht schwieriger als am Bodden! Vielleicht fahre ich doch öfter mal nach Süddeutschland – aber zum Angeln, nicht zum Ski fahren.


FOTO: F. PIPPARDT

FOTOS: J. RADTKE, F. PIPPARDT

FOTOS: F. PIPPARDT