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REITEN WIR UNSERE PFERDE: UM KOPF & KRAGEN


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 39/2020 vom 07.02.2020

ZWEI DRITTEL DER PFERDE LEIDEN UNTER VERÄNDERUNGEN DER HALSWIRBEL


Artikelbild für den Artikel "REITEN WIR UNSERE PFERDE: UM KOPF & KRAGEN" aus der Ausgabe 39/2020 von Feine Hilfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

(Foto: adobeStock/callipso88)

Der Pferdehals ist aufgrund seiner Länge und Mobilität mit mehr als 100 Muskeln sowie sieben Halswirbeln eine komplexe und empfindliche Struktur, die nicht nur in der Reiterei eine überaus wichtige Rolle spielt - Beeinträchtigungen können zu weiteren gesund- heitlichen Problemen führen und dem equinen Wohlbefinden nachhaltig schaden. Nackenschmerzen und Steifheit bei Pferden werden auch aufgrund des gestiegenen Bewusstseins für ihr Potenzial, die sportliche Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen, immer häufiger ...

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... als Probleme erkannt. Doch vielleicht gehen die Probleme noch viel weiter als bisher gedacht? Eine besorgniserregende Studie aus den USA fand nun heraus, dass rund zwei Drittel aller Reitpferde unter abnormen knöchernen Veränderungen an der Halswirbelsäule leiden.

Durch die Haltung ihres Kopfes können Pferde eine Menge kommunizieren: Ein hoch erhobener Kopf mit gestrecktem Hals signalisiert beispielsweise erhöhte Aufmerksamkeit, während ein tief getragener Kopf Entspannung bedeuten kann. Die Kopfhaltung dient somit auch der Kommunikation innerhalb der Herde. Doch auch in der Reiterei kommt der Mobilität des Kopfes und des Halses eine besondere Bedeutung zu: Durch ihren Hals können Pferde sich ausbalancieren. Die „Beherrschung“ und Positionierung des Pferdehalses und damit des Kopfes gilt bei fast allen Reitstilen als wünschenswert, doch muss das Pferde dafür einen Preis zahlen?

Veränderungen der Halswirbelsäule

Dr. Kevin Haussler von der Fakultät Veterinary Medicine & Biomedical Sciences an der Colorado State University erklärte zur Motivation hinter der Studie: „Ich habe mich schon immer für die Wirbelsäulenpathologie interessiert. Ich habe meine Doktorarbeit über Lenden-, Iliosakral- und Beckenpathologie in Vollblut-Rennpferden geschrieben, und diese Arbeit über die Halswirbelsäule ist eine Erweiterung dieses Interesses.“ Im Rahmen der Studie mit dem Titel „Characterization of bony changes localized to the cervical articular processes in a mixed population of horses“ (Charakterisierung von knöchernen Veränderungen in zervikalen Gelenkprozessen in einer Mischpopulation von Pferden), die erstmals im Journal „Plos One“ veröffentlicht wurde, untersuchten die Wissenschaftler die Gelenkflächen, Ränder und angrenzenden Weichteilansätze im Halswirbelbereich und die ersten drei Brustwirbeln von verstorbenen Pferden. Die nekroskopischen Untersuchungen wurden an 55 Pferden durchgeführt, die aus Gründen, die nichts mit Nackenproblemen zu tun hatten, starben oder in einem einer Veterinärlehrklinik eingeschläfert wurden. Tatsächlich waren bei den betroffenen Pferden - untersucht wurden viele unterschiedliche Rassen und Typen wie Araber, Quarter Horses, Ponys oder Zugpferde - keine primären Halsbeschwerden bekannt.

Das Studienteam fand heraus, dass 72 Prozent der artikulären (Gelenks-) Prozesse knöcherne Veränderungen aufwiesen, die als anormal galten. Die Osteophytenbildung war die häufigste festgestellte Knochenveränderung. Dabei handelt es sich um Knochenklumpen (Knochensporen), die an den Knochen der Wirbelsäule oder um die Gelenke herum wachsen. Nur 28 Prozent der untersuchten Gelenkprozesse wurden als normal bewertet, 45 Prozent hatten Anomalien, die als leicht eingestuft wurden, 22 wurden als moderat und fünf Prozent als schwer eingestuft. Besonders bei älteren Pferden trat eine Häufung der Befunde auf, doch auch große Pferde zeigten vermehrte Veränderungen im Halswirbelbereich, da sie zu erhöhten lokalen Belastungen durch einen längeren und schwereren Kopf und Hals neigen. Die Auswirkungen dieser Veränderungen sind bisher noch nicht bekannt, doch Dr. Haussler ordnet den Befunden durchaus eine klinische Relevanz zu: „Es gibt eine Vielzahl von knöchernen Veränderungen im Halsbereich von Pferden, von denen viele nicht mit routinemäßigen diagnostischen Bildgebungsverfahren wie Radiografie und Ultraschall zu sehen sind. Leider kennen wir die klinische Relevanz vieler dieser Läsionen nicht, aber wenn sie in anderen Körperregionen identifiziert wurden, ist es wahrscheinlich, dass sie als klinisch bedeutsame Ergebnisse angesehen werden können.“ Auch über die Ursachen für die knöchernen Veränderungen lässt sich - so Haussler - zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren: „Wiederholte Inanspruchnahme und Verschleiß sind wahrscheinlich die häufigste Ursache für diese Läsionen. Die Positionierung des Kopfes und des Halses unterm Sattel über eine Reitpferdekarriere hinweg trägt wahrscheinlich durch die Flexion des oberen Halses und die Streckung im unteren Halsbereich ihren Teil dazu bei.“

Erschwerte Diagnostik

Die Frage, warum viele Probleme im Halsbereich oft unerkannt bleiben, sieht Dr. Haussler in der Diagnostik: „Bei Röntgenaufnahmen gibt es technologische Einschränkungen, da sie nur Veränderungen der Knochendichte und der Konturen knöcherner Strukturen erkennen können. Es gibt viele überlappende Strukturen im Hals, die es schwierig machen, die einzelnen Veränderungen zu sehen. Der Ultraschall des Halses beschränkt sich darauf, nur den seitlichen oder äußeren Rand der Gelenke zu sehen. Viele dieser knöchernen Veränderungen sind in Bereichen der Gelenke lokalisiert, die mit der routinemäßigen Ultraschallbildgebung nicht sichtbar sind. Leider sind der beste Weg, diese knöchernen Veränderungen zu sehen, die Knochen selbst. Die Computertomografie (CT) ist der beste Weg, um diese knöchernen Veränderungen bei lebenden Pferden zu sehen, aber es gibt für viele Pferde technologische Einschränkungen, da die Öffnung in die CT-Einheit oft zu klein ist, um den Kopfund Vollhalsbereich bei erwachsenen Warmblutpferden anzupassen.“ Somit stehen wir in der Diagnostik und auch bei der Bewertung der klinischen Relevanz von Halswirbelproblemen noch am Anfang. Auch die Frage, ob derartige Probleme mit der modernen Reiterei häufiger auftreten, kann nicht abschließend beantwortet werden, da es keinerlei Vergleichswerte gibt. Auch Dr. Mark Kaminski, Fachtierarzt für Orthopädie der Pferde und FEI-Tierarzt aus Bochum, betont die erschwerte Einordnung der Studienergebnisse: „Halswirbelprobleme bleiben oft unerkannt, da Verdachtsdiagnosen nur schwer durch Bildgebung zu belegen sind. Die Risiken einer Anästhesie der Wirbelsäule sind hoch, und so bleibt meist nur das Ausschlussverfahren durch Differenzialdiagnosen. Hinzu kommt, dass Pferde evolutionär bedingt reduziertes Schmerzempfinden zeigen, und nicht immer führen derartige Knochenveränderungen auch zu Einschränkungen - sie haben also nicht unbedingt eine klinische Relevanz. Ein klinischer Befund muss auch immer zu den Bildern passen!“

Erhöhtes Bewusstsein

Doch obwohl die Technik in der Diagnostik noch hinterherhinkt, sehen sowohl Dr. Haussler als auch Dr. Kaminski ein erhöhtes Bewusstsein unter Pferdehaltern und Reitern, wenn es um Wirbelsäulenproblematiken bei Pferden geht. So wurden die ersten drei Halswirbel aufgrund des gestiegenen Bewusstseins für die klinische Relevanz von Krankheiten dieser Art bei Leistungspferden explizit in die US-Studie miteinbezogen. Dr. Haussler erklärt: „Ein erhöhtes Bewusstsein für Nackenschmerzen und Steifigkeitsprobleme bei Pferden ist wichtig, und detaillierte Techniken zur Beurteilung der Wirbelsäule sind wahrscheinlich die nützlichsten Werkzeuge, um festzustellen, ob diese knöchernen Veränderungen bei Pferden klinisch relevant sind oder nicht.“

Auch Dr. Kaminski sieht die Entwicklung und das Problembewusstsein in der Reiterei positiv: „Durch die medizintechnische Entwicklung können wir heute sehr viel mehr Diagnosen stellen als früher. Auch unter den Pferdeleuten hat sich eine Empfindlichkeit für orthopädische Probleme eingestellt. In vielen Betrieben wird heute sehr viel mehr als früher auf die natürlichen Bedürfnisse der Pferde eingegangen. Täglicher Weidegang und Sozialkontakte zählen heute Gott sei Dank in den meisten Fällen zum Pferdealltag. Durch diese Sensibilisierung zeigen heute eher weniger Pferde Befunde in diesem Bereich auf als früher.“ Der kritischere Blick auf die Reiterei sowie bessere Haltungsbedingungen machen sich also aus Pferdesicht bereits bezahlt. So führt Dr. Kaminski die Mehrheit der Halsprobleme auf traumatische Einwirkungen wie Unfälle etc. zurück. Trotzdem gibt es auch immer wieder Fälle, bei denen Probleme des Bewegungsapparats auf falsche Reiterei zurückzuführen sind. Drucksyndrome, die zu Ataxie führen können, sowie Fehlhaltungen werden leider auch heute noch oftmals durch unsachgemäßen Gebrauch von Hilfszügeln herbeigeführt. Dr. Kaminski: „Hilfszügel gehören immer in die Hände von Profis und sollten sowieso nur bei gesunden Pferden angewandt werden. In den falschen Händen können Ausbinder und Co zu provozierten Fehlhaltungen führen, da das Pferd versucht, den Druck umzulagern. Auf Dauer können diese Fehlhaltungen dann auch zu Veränderungen im Sinne von arthrotischen Umbauprozessen an den Wirbeln führen.“

In Menschenhand

Wie so oft in der Tierhaltung liegt das Wohl und die Gesundheit eben letzten Endes immer in unserer Verantwortung. Mit dieser Verantwortung sollten wir überaus sensibel umgehen, da die Folgen unsachgemäßer Haltung und Reiterei immer zulasten des Pferdes gehen. Probleme des Bewegungsapparats sollten immer große Beachtung finden, nicht nur um uns den Luxus der Reiterei weiterhin zu ermöglichen, sondern auch weil eine schmerzfreie Bewegungsfreiheit für Pferde Lebensqualität bedeutet. Besteht auch nur der leise Verdacht auf Schmerzen, sollte immer ein qualifizierter Tierarzt zurate gezogen werden. Dr. Kaminski: „Probleme im Halsbereich zu diagnostizieren ist überaus schwierig. Da gibt es nicht die eine Untersuchung, die zum Befund führt. Für eine gründliche Untersuchung muss man sich Zeit nehmen und das Pferd auf verschiedenen Untergründen und den verschiedenen Gangarten vorgestellt bekommen. Eine reine Schmerztherapie kann zwar die Symptome - wenn überhaupt welche vorhanden sind - vorübergehend mildern, doch es sollte auch immer die Ursache gefunden und bekämpft werden.“ Das Wohl des Pferdehalses liegt also buchstäblich über Zügel, Strick und Hilfszügel in unseren Händen, und es bleibt zu hoffen, dass sich sowohl die diagnostische Technik als auch das Bewusstsein für orthopädische Probleme in den nächsten Jahren noch weiterentwickeln werden.

Dieses Diagramm fasst zusammen, welche Schweregrade der Verنnderungen in der Studie festgestellt wurden.


(Foto: adobeStock / Sebastian Kaulitzki; Diagramm: Haussler, Pool, Clayton)

KEVIN K. HAUSSLER

… DVM, DC, PhD, Dipl. ACVSMR, schloss 1988 sein Studium am Ohio State University College of Veterinary Medicine ab, absolvierte eine Ausbildung am Palmer College of Chiropractic-West und schloss 1993 ein tierنrztliches Chiropraktik-Zertifizierungsprogramm ab. Er promovierte an der University of California, Davis, mit Schwerpunkt auf Wirbelsنulenpathologie und Beckenbiomechanik bei Vollblutrennpferden und studierte anschlieكend an der Cornell University die Wirbelsنulenkinematik von Pferden. Derzeit ist Haussler auكerordentlicher Professor am Orthopنdischen Forschungszentrum der Colorado State University (CSU), wo er in der Lehre, in klinischen Aufgaben und in der Forschung tنtig ist.

DR. MARK KAMINSKI

… studierte Veterinنrmedizin an der Justus-Liebig-Universitنt in Gieكen und schrieb seine Dissertation an der Vetsuisse Fakultنt in Zürich über „Histologische Untersuchung der Normalstruktur der Beugesehnen und des Fesseltrنgers beim Pferd“. Nach erfolgreicher Absolvierung der Prüfungen „Fachtierarzt für Pferde“ und „Fachtierarzt für Orthopنdie der Pferde“ gründete er 2012 die Tierنrztliche Klinik für Pferde in Bochum. Sein besonderes Interesse gilt orthopنdischen Erkrankungen und generell dem Pferdewohl.

SYLKE SCHULTE

… Jahrgang 1980, studierte Anglistik und Germanistik an der Universitنt Bremen und verband nach ihrem Studium ihre Leidenschaft für Tiere mit ihrem Beruf. Als freie Journalistin arbeitet sie seit 2007 für diverse Pferde- und Hundemagazine und möchte so einen Beitrag leisten zum besseren Verstنndnis von Tier und Mensch.

Weitere Infos:
www.diesprachpraxis.de