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REITUNTERRICHT: „Absatz tief!“ – oder doch nicht?


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 07.12.2018

Die Kommandos des Reitlehrers sind meistklar definiert , dennoch entstehen immer wiederMissverständnisse. Warum solche Anweisungen nicht generell zu einem besseren Sitz oder einer feinen Kommunikation zwischen Reiter und Pferd beitragen und welche Rolle dabei dasBewegungslernen spielt, erklärt unser Experte Eckart Meyners


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Artikelbild für den Artikel "REITUNTERRICHT: „Absatz tief!“ – oder doch nicht?" aus der Ausgabe 10/2019 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 10/2019

Ein rein anweisungsorientierter Reitunterricht kann dazu führen, dass das Erlernen und Erfühlen von Bewegungen zu kurz kommt


Runde für Runde trabt eine junge Reiterin mit ihrem Wallach auf dem Zirkel. ...

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... Dieser verwirft sich zusehends stärker im Genick, und an ein geschmeidiges Aussitzen ist schon lange nicht mehr zu denken. Der Reitlehrer wiederholt stets die gleichen Kommandos: „Rahm ihn mehr ein! Äußerer Zügel dran und Hände aufrecht hinstellen. Mach dich schwer im Sattel. Absatz tief und setz dich durch!“, ertönt es durch die Halle, wobei der Ausbilder seinen Anweisungen durch hektische Handbewegungen Ausdruck verleiht. Der Reiterin ist deutlich anzusehen, dass sie Probleme hat, die Situation zu kontrollieren, und auch ihrem Pferd steht der Stress regelrecht ins Gesicht geschrieben. Diese Szene stammt aus einem Ausbildungsstall und es ist leider keine Seltenheit, dass Unterrichtseinheiten so oder so ähnlich ablaufen. Der Reitlehrer gibt Anweisungen, und der Schüler probiert alles, um diese zu befolgen. DochReiten ist eben kein bloßes Ausführen von Befehlen. Hier treffen Mensch und Pferd aufeinander. Zwei Individuen, die miteinander kommunizieren und nicht gegeneinander, sondern zusammenarbeiten sollten. Damit die gegenseitige Kommunikation gelingt, müssen Bewegungen erlernt und der Unterricht entsprechend gestaltet werden.

Die Körperhaltung des Reiters wirkt sich auch auf die Haltung des Pferdes aus


„REITEN SOLLTE IMMER SELBSTBEWEGUNG SEIN, ALSO DIE


HANDELNDE, SELBST AUSGELÖSTE, FÜHRENDE UND EINWIRKENDE AUSEINANDERSETZUNG EINES REITERS MIT DEM PFERD …“Eckart Meyners

Chance zum Fühlen geben

Der Sportpädagoge Eckart Meyners beschäftigt sich schon seit langem mit innovativem Körper- und Bewegungstraining für Mensch und Pferd. In seinem neuen Buch „Wie bewegt sich der Reiter?“ übt er Kritik an dem anweisungsorientierten Reitunterricht: „Wenn der Reiter den Vorgaben nachfühlen möchte, wird er ständig aus seinen inneren Zuständen herausgerissen, um die neuen Bewegungsanforderungen ausführen zu wollen. Der Reiter hat keine Chance zum Fühlen. Er wird ständig aufgefordert, seine Reitbewegungen rein analytisch anzugehen.“ Der Experte gibt zu bedenken, dass der Reiter von außen in allen Körperbereichen geführt und regelrecht in eine Form gepresst werde. Das geschehe unter anderem durch starre Anweisungen wie „Absatz tief“, „Kopf hoch“ oder „Schenkel dran“. Wenn Reiten zu einer Reihe von nacheinander geschalteten Abläufen wird, erwirbt der Reiter nicht die Fähigkeit, Bewegungen strukturiert zu erlernen.

Eckart Meyners macht sich dafür stark, dass der Reiter handlungsfähig, also selbsttätig in seine Lernprozesse eingreifen müsse. Bereits Pluvinel sagte eins: „… mit wenig Reden zur gegebenen Zeit kann man die Menschen besser ausbilden als mit dauerndem Geschrei.“ Doch scheint dieses Erfahrungswissen in der Reiterei für ein anderes Unterrichten heute weitestgehend verloren gegangen zu sein. Zu viele sprachliche Informationen überfordern den Reiter und verhindern das so wichtige Fühlen im Sattel. „Unterricht muss nicht nur fordern, sondern man muss einen Rhythmus von Anspannung und Entspannung erkennen können“, betont Meyners. Wichtig sei dabei auch, dass nicht alle Fehlerkorrekturen auf einmal angegangen werden.

Informationen allein sind nicht der Schlüssel

Haltungsfehler sind nicht in einer Stunde zu korrigieren, und verbissenes Training führt nicht zum Ziel


Betrachten wir diese Aussagen einmal an unserem Beispiel: Der Wallach muss Runde für Runde einen Zirkel im Trab meistern, obwohl er sich verwirft. Es mangelt an grundlegenden Punkten wie Takt, Balance und Losgelassenheit. Die Reiterin kann den Bewegungen des Pferdes nicht folgen. Sie hat Probleme auszusitzen und ist nicht in der Lage, mit entsprechend feinen Hilfen einzuwirken. Nun folgen Anweisungen wie „Absatz tief“ und „Hände aufrecht hinstellen“. Natürlich versucht die Reitschülerin diese sofort umzusetzen. Sie zieht die Fußspitzen an und bringt die Hände in Position. Schnell stellt sich Anspannung und Frust ein, denn von einem geschmeidigen Sitz ist sie weit entfernt. Es folgen weitere Runden in einem unbequemen Trab und weitere Kommandos, die weder Reiter, noch Pferd weiterbringen.

Um die Situation nachfühlen zu können, probieren Sie einmal Folgendes aus: Setzen Sie sich auf einen Stuhl und ziehen Sie die Zehenspitzen nach oben, damit Ihr Absatz der tiefste Punkt ist. Übertreiben Sie bei dieser Bewegung ruhig etwas. Konzentrieren Sie sich nun auf die Muskelspannung in Ihrem Körper. Sie werden merken, dass nicht nur diverse Muskelgruppen im Fuß und Bein angespannt sind, sondern auch die Muskulatur im Bauch- und Rückenbereich reagiert. Vielleicht fühlen Sie sogar eine vermehrte Spannung im Kiefer. Nun stellen Sie die Hände vor Ihrem Körper hin, als hätten Sie Zügel in der Hand. Richten Sie sich bewusst auf und blicken Sie geradeaus. Achten Sie in dieser Haltung erneut auf die Anspannung im gesamten Körper. Bedenken Sie, dass Sie nur auf einem Stuhl sitzen, der sich nicht bewegt. Im Sattel hingegen spüren nicht nur Sie selbst, son- dern auch Ihr Pferd die vermehrte Spannung. Hier wird klar, dass Anweisungen allein nicht der Schlüssel zu einem geschmeidigen Sitz und gutem Reiten sein können.

Abwechslung hilft mehr Gelassenheit in den Trainingsalltag zu bringen und Spannung abzubauen


UNSER EXPERTE

ECKART MEYNERS
ist Sportpädagoge und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Bewegungslehre. Er integriert seit Jahrzehnten sein innovatives Körper- und Bewegungstraining in den Reitunterricht.

Bewegungsabläufe verstehen lernen

Wenn Kinder Krabbeln oder später Laufen lernen, dann erforschen sie ihren Bewegungsspielraum. Wohl kaum würde dabei ein Erwachsener versuchen, das Kind durch Anweisungen oder Korrekturen der Körperhaltung schneller ans Ziel zu bringen. Bewegungen müssen durch ständige Wiederholungen erlernt werden. Von Reitern wird jedoch sehr schnell eine gewisse äußere Form gefordert und dem so wichtigen Fühlen zu wenig Raum gegeben. Nehmen wir noch einmal das Beispiel des Absatzes: Der federnde, tiefe Absatz ist eine reaktive Funktion und keine aktiv erzeugte. „Der Reiter muss Bedingungen wie unter anderem Kniegelenksbeugung und Bügelaufnahme an der breitesten Stelle des Ballens gewährleisten, um ein Federn durch den gesamten Körper (von den Kopfgelenken bis zum Absatz) zu ermöglichen“, erklärt Eckart Meyners. Um die federnde Funktion zu erreichen, dürfe das Knie nicht zu stark gestreckt sein. Wird der Bügel nur mit der Fußspitze aufgenommen und ist der Absatz dabei dauerhaft der tiefste Punkt, dann geben die kleinen Gelenke der Fußzehen ebenfalls ihre bewegungsübertragende Funktion auf. Anweisungen zur Korrektur der Körperhaltung können sich also schnell auf den gesamten Bewegungsablauf übertragen. Guter Reitunterricht sollte immer zum Ziel haben, dem Reiter Raum zum Erfühlen von Bewegungsabläufen zu geben.

Training soll Reiter und Pferd Spaß machen – regelmäßiges Loben motiviert beide Seiten


Gibt es den „richtigen Sitz“?

Klar, werden Sie wahrscheinlich denken, denn der richtige Sitz wird doch in Lehrbüchern immer wieder im Detail beschrieben. Der anweisungsorientierte Reitunterricht bestärkt diese Annahme, denn diesem Unterrichtsvorgehen liegt eine Sicht von Bewegungen zugrunde, der scheinbar ein genaues Wissen um die „richtige Bewegung“ vorausgeht. Eckart Meyners kritisiert: „Die Förderung der Bewegungsqualitäten von Reitern und Pferden ist nach diesem Konzept daran orientiert, sie zu befähigen, den sogenannten idealtypischen Bewegungsformen möglichst genau zu entsprechen. Reiter und Pferd werden uniformiert.“ Jedoch seien nicht nur alle Reiter unterschiedlich, sondern ebenso deren Pferde. So hält Eckart Meyners es auch für wenig sinnvoll, mehreren Reiter-Pferd-Paaren im Unterricht dieselben Anweisungen zu erteilen. Doch was heißt das genau? Zum einen ist es wichtig, dass der Ausbilder jede Unterrichtssituation individuell betrachtet. Sowohl Reiter, als auch Pferd bringen unterschiedliche körperliche und mentale Voraussetzungen mit. Zum anderen braucht ein guter Sitz Zeit. Bewegungsgefühl muss entwickelt werden. Es kommt also nicht nur auf die Haltung, sondern auch auf die daraus resultierende Einwirkung an. Wenn Sie früh mit dem Reiten begonnen haben, erinnern Sie sich möglicherweise noch an den Umstieg von einem Pony auf ein Großpferd. Plötzlich wurden die großen, schwungvollen Trabbewegungen aufgrund der Körperproportionen zur echten Herausforderung. Sie mussten noch einmal ein ganz neues Bewegungsgefühl erlernen. Auch wenn Sie zuvor perfekt gesessen haben, war diese neue Situation für Sie ungewohnt. Vielleicht haben Sie jetzt auch einen Schlüsselmoment im Kopf, in dem Sie auf einmal geschmeidig sitzen konnten und aus dem Fühlen heraus eine richtige Körperhaltung entwickelt haben.

Der Trainer sollte nicht nur Anweisungen erteilen, sondern auf das jeweilige Reiter-Pferd-Paar eingehen und stets ein Ansprechpartner sein


Störfaktoren erkennen und positiv bestärken

Zu viel Druck und Anspannung während des Trainings kann zu Widersetzlichkeiten führen


Guter Reitunterricht basiert zudem auch auf pädagogischen Werten. Dazu gehört unter anderem ein gewisses Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, Reiter und Pferd positiv zu bestärken. Reiten soll Spaß machen, doch wer die Gesichtsausdrücke auf den (Turnier-)Plätzen beobachtet, sieht häufig alles andere als Freude. „Es wird grundsätzlich zu ernst geritten“, sagt Eckart Meyners. „Dabei ist zu bedenken, dass ein ernster Reiter weder äußerlich noch innerlich locker beziehungsweise gelöst sein kann.“ Laut dem Bewegungsexperten sollte die Art des Reitunterrichts so gestaltet werden, dass es trotz alles Ernsthaftigkeit auch spaßig und emotional zugehe. Nur aufgrund dieser Bedingung seien positive Erlebnisse zu erwarten. Verbissenheit führe hingegen nicht zum Erfolg. Scheinbar unwichtige Bewegungen des Reiters wie zusammengepresste Lippen oder aufeinandergebissene Zähne wirken sich grundlegend negativ auf den Sitz aus. Nicht zu unterschätzen ist auch die Auswirkung von Gedanken auf den gesamten Körper. Während positive Gedanken den Reiter beim Mitschwingen unterstützen, führen negative zu Blockaden. „Denkt der Reiter über einen gerade vollzogenen Fehler nach oder ärgert er sich darüber, so werden seine Bewegungen anschließend noch schlechter“, erklärt Eckart Meyners. Der nächste Fehler ist vorprogrammiert. Aufgabe des Ausbilders sei es, den Reiter mental zu unterstützen und für ein gutes Lernumfeld zu sorgen.

Ein harmonisches Miteinander muss sich entwickeln und kann nicht allein durch Anweisungen erzwungen werden


Alles eine Sache der Konzentration?

Zurück zu unserem Unterrichtsbeispiel. Die junge Reiterin soll nun Trab-Galopp-Übergänge reiten. Ihr Wallach ist angespannt und geht gegen den Zügel. „Jetzt konzentrier dich doch mal“, sagt der Reitlehrer mit energischer Stimme. „Mach dich schwer, Schenkel ran und lass ihn so nicht davonkommen.“ Die Situation eskaliert. Der Wallach wird widersetzlich, und auch die Reiterin ist frustriert. Sie bemüht sich sichtlich, die Anweisungen auszuführen, bemerkt aber, dass ihr Pferd kaum noch Kraft hat und stark schwitzt. Eigentlich will sie eine Pause einlegen, doch ihr Reitlehrer sieht das anders. Im Training wird häufig verlangt, dass sich Reiter konzentrieren beziehungsweise anstrengen sollen. Eckart Meyners betont, dass weder zu starke Konzentration noch zu starke Anstrengung zu den gewünschten Resultaten oder einem gefühlvollen Sitz führen würden. Wenn Reiter und Pferd angespannt sind, ist ein geschmeidiges Miteinander nicht mehr möglich.

Und wie sieht es mit Lob aus? Man könnte denken, dass positive Bestärkung immer unterstützend wirkt. „Generell schafft Lob eine innere Einstellung des Reiters, die entsprechend wirken kann und keinen Stress erzeugt“, sagt Eckart Meyners. Jedoch gebe es auch Reiter, die sich durch Lob gestresst fühlten. „Sie machen sich innerlich Druck, indem sie sich zu stark anstrengen, um dieselben guten Leistungen wieder zu erzielen.“ Ein guter Trainer sollte sich bewusst sein, dass er nicht nur auf die äußere Form von Reiter und Pferd, sondern auch auf innere Prozesse Einfluss nimmt. Diese sind nicht immer leicht zu erkennen und erfordern eine gute Kommunikation zwischen Ausbilder und Schüler. Dazu braucht es eben mehr als strikte Anweisungen.

BUCHTIPP

Ein spannender Überblick über die Biomechanik des Reiters auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Bewegungsexperte Eckart Meyners macht in seinem Buch„Wie bewegt sich der Reiter?“ verständlich, was beim Reiten im Körper passiert. Die Komplexität des Reitenlernens kommt ebenso zur Sprache wie psychologische Aspekte. Seine Vorschläge für Faszienübungen am Boden und auf dem Pferd helfen, Haltung, Fitness und Beweglichkeit zu verbessern. Kosmos Verlag; 224 Seiten; 29,99 Euro; EAN: 9783440148266.


Fotos: slawik.com (14), IMAGO/ Frank Sorge (1)