Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Reizvolle Regionen: Ein Almtraum


natur - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 15.11.2019

Zwischen Chiemsee und Berchtesgadener Land, zwischen Salzburg und den Tiroler Alpen: Malerischer als die Region Traunstein kann ein Fleckchen Erde kaum eingerahmt sein. Obendrein hat sie einzigartige Natur-Schmankerl zu bieten. Das größte Binnendelta oder den kältesten See Mitteleuropas etwa – oder „Kinder der Eiszeit“, die unser Klima schützen


Artikelbild für den Artikel "Reizvolle Regionen: Ein Almtraum" aus der Ausgabe 12/2019 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 12/2019

Weide mit Aussicht: die Kaltblüter der Hefteralm


Wer etwas über das Moor Kendlmühlfilzen am Chiemsee lernen will, muss mit dem Ökologen Stefan Kattari losziehen – so wie diese Schüler


Vorn: das Hochmoor Kendlmühlfilzen. Im Hintergrund: der Schnappenberg, der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von natur. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Mann jagt Morgensonne. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mann jagt Morgensonne
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Briefe an natur. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Briefe an natur
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Oh, Tannenbaum!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Oh, Tannenbaum!
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von »Der Christbaum ist eine Chance«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Der Christbaum ist eine Chance«
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Nadeln in Zahlen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nadeln in Zahlen
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Das Klima-Gedächtnis. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Klima-Gedächtnis
Vorheriger Artikel
Hammer des Monatsfür Eberhard Schultes: Bis dass das Tauen e…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Bücher&Filme
aus dieser Ausgabe

... Hochfelln und, über allen, der 1748 Meter hohe Hochgern


Klaus Thiele tritt vor die Tür des Museums Salz & Moor und hat Glück: Nur 10 000 Jahre früher, und er wäre – flatsch! – im Wasser des Chiemsees gestanden. Knietief, mindestens. Damals, am Ende der letzten Eiszeit, war das „Bayerische Meer“ mehr als dreimal so groß wie heute. Sein Ufer dürfte bis etwa dorthin gereicht haben, wo heute das Museum steht.

10 000 Jahre. Klingt lang. Aber in den geologischen Dimensionen, in denen jemand wie Klaus Thiele, Mitgründer des Museums und bis 2016 dessen Leiter, zu denken gewohnt ist, ist es wie ein Wimpernschlag. Nochmal ein Wimpernschlag, und schon ist der Chiemsee komplett verschwunden: „In etwa 8000 Jahren“, sagt Thiele, „könnte es so weit sein.“

Schade um den schönen See. Aber wer weiß, vielleicht wird es dann an seiner Stelle ein schönes Moor geben. So wie die Kendlmühlfilzen, das Hausmoor des Museums. Thiele muss nur ein paar Schritte gehen – und schon steht er mittendrin, im größten zusammenhängenden Hochmoor Bayerns. Dort, wo einst der tiefste Punkt des Chiemsees lag.

Die Kendlmühlfilzen ist eine der vielen Einzigartig - keiten der Natur, die der oberbayerische Landkreis Traunstein zu bieten hat. Neben dem größten Binnendelta und dem wohl kältesten See Mitteleuropas beispielsweise. Und natürlich neben seiner malerischen Lage, zwischen Chiemsee und Berchtesgadener Land, zwischen Salzburg und den Tiroler Alpen.

Wackliger Untergrund

Am schnellsten – und unterhaltsamsten – lernt man die Kendlmühlfilzen kennen, wenn man Thieles Nachfolger als Museumsleiter, den Botaniker und Ökologen Stefan Kattari, auf einen Rundgang mit einer Schulklasse begleitet. An einem Septembermorgen führt Kattari eine 6. Klasse, auf Schullandheimbesuch in Traunstein, in das Moor. Viele bunte Regenjacken. Es tröpfelt vom Himmel.

„Das Moor wächst“, erklärt Kattari der bunten Runde. „Aber es wächst unglaublich langsam: nur um etwa einen Millimeter pro Jahr.“ Damit lässt sich das Alter der Kendlmühlfilzen, deren Torf etwa acht Meter mächtig ist, auf 8000 Jahre datieren. Nach ein paar Minuten befiehlt Kattari: „Hüpft mal!“ Die Kinder hüpfen. Und staunen. Es fühlt sich ein bisschen an wie auf einem Trampolin, nur in Zeitlupe. „Ihr merkt: Das ist ganz weich. Da ist schon ordentlich Torf drunter. Der Boden, der federt.“


»In etwa 8000 Jahren könnte der Chiemsee verschwunden sein«
Klaus Thiele, Mitgründer des Museums Salz & Moor


Vogelbeobach - tungsturm an der Hirschauer Bucht: Hier, wo die Tiroler Ache in den Chiemsee mündet, finden Vögel eine Vielzahl an Lebensräumen


Tiefer ins Moor. Der Boden wird nasser, die Vegetation niedriger. Der Weg führt auf einen Holzsteg. „Hier sind jetzt keine Bäume mehr“, stellt Kattari fest. „Warum?“ „Weil sie wackeln würden“, ruft einer der Schüler.

„Und warum würden sie wackeln?“ „Wegen dem Wasser im Boden.“ „Das Wasser ist tatsächlich ein wichtiger Grund dafür, dass hier im Moor keine Bäume stehen. Nur ganz wenige Baumarten können im Wasser wachsen.

Bei uns in Deutschland keine einzige.“ Auch die meisten anderen Pflanzen machen einen Bogen um das Moorgebiet. Zu nass.

Zu sauer, wegen der Torfmoose. Was andererseits hochspezialisierten Arten – wie Rauschbeere, Rosmarinheide, Sonnentau – einen Lebensraum bietet.

„Moore sind aber nicht nur schützenswert, weil sie langsam wachsen und vielen seltenen Pflanzen einen Lebensraum bieten“, so Kattari. „Sondern auch, weil sie CO2 speichern. Was ist CO2?“ „Das atmen wir aus!“, ruft ein Schüler.

Kattari nickt. „Und jetzt? Sollen wir aufhören zu atmen?“ Betretenes Schweigen.

An sich, erklärt Kattari, sei das CO2 in der Atmos - phäre eine gute Sache: „Ansonsten wäre es sehr, sehr kalt auf der Erde. Aber der verstärkte Treibhauseffekt, den wir Menschen durch das Verbrennen von Kohle und Öl verursachen, wird zum Problem.“ Dass viele Moore trockengelegt wurden, für Torfabbau, für Blumenerde, für die Landwirtschaft, verschlimmere es noch.

Welche Dimension das Problem hat, zeigt ein Blick in das Büchlein über die Kendlmühlfilzen, das Klaus Thiele für das Museum verfasst hat. Ein Kilogramm trockener Torf bindet 1,5 Kilogramm CO2, steht dort. Und dass die Moore dieser Erde, obwohl sie nur drei Prozent der Landoberfläche bedecken, ein Drittel der in Böden gespeicherten Kohlenstoffvorräte binden: „Wird ein Hochmoor aber entwässert, werden die Torfschichten zersetzt und gewaltige Mengen an CO2 gelangen in die Atmosphäre.“ Die Moore am Chiemsee, so nennt es Thiele, sind „Kinder der Eiszeit“. So wie der Chiemsee selbst, dessen Becken einst von einem gigantischen Gletscher ausgeschürft wurde – die Eiszeit hat als Landschaftsgärtner ganze Arbeit geleistet. Doch auch dieses Werk, darauf weist Thiele zurecht hin, ist nicht von Dauer.

Derzeit fließen jährlich schätzungsweise 10 000 Kubikmeter Kies und Sand in das „Bayerische Meer“, zudem etwa 200 000 Kubikmeter Schwebstoffe. Sie lassen seine Oberfläche um etwa 100 mal 100 Meter im Jahr schrumpfen. Heute hat der Chiemsee mit rund 80 Quadratkilometern nur noch ein Drittel seiner ursprünglichen Fläche.

Immer noch treff - sicher: Hans Lackner, Jahrgang 1930 (l.). Mann der Zahlen und Patronen: Peter Gschwendtner (u.)


Klaus Thiele empfiehlt uns einen Abstecher an die Hirschauer Bucht. „Der Vogelturm in der Bucht ist der beste am Chiemsee“, sagt er. „Weil dort das Delta der Achen immer größer wird.“ Die Tiroler Ache, der Hauptzufluss des Sees, wird von den Traunsteinern Achen genannt, mit „n“ am Ende. Klingt verdächtig nach Mehrzahl, ist aber immer noch Singular. Oberbayerischer Singular. So wie auch die Kendlmühlfilzen Einzahl ist. Oder die Wiesn.

Also: Auf zur Achen! In ihrem Mündungsgebiet ist es am augenscheinlichsten, wie der Chiemsee schrumpft. „Wo heute der Vogelbeobachtungsturm steht, bin ich früher noch mit dem Boot gefahren“, erinnert sich Thiele. Des einen Leid, der anderen Freud’: Die Verlandungsflächen tragen zu einer für Vögel höchst attraktiven Vielfalt an Lebensräumen bei. Schon mehr als 300 Vogelarten wurden in dem Landschaftspatchwork der Chiemseeregion gezählt, darunter Zwergmöwen und Sanderlinge, Kormorane und Alpenstrandläufer. „Aus ganz Deutschland“, so Thiele, „kommen Vogelbeobachter da hin, mit ihren Superspektiven.“

„Oimklo“ mit Chiemseeblick

Als wir an dem hölzernen Vogelbeobachtungsturm eintreffen, steht dort tatsächlich ein Mann mit einem Spektiv, das ziemlich super aussieht. Daneben ein Paar mit einem recht konventionell ausschauenden Feldstecher.

Trautes Schweigen. Ein Zwitschern. Ein Zirpen.

Auf dem Chiemsee ein einsamer Schwan. Ein weiteres Paar stößt hinzu. Eine Sehhilfe haben sie nicht – brauchen sie auch nicht: Auf dem Turm steht ein fest installiertes Fernglas, mit dem man ganz nah heranholen kann, was da in den Wellen kreucht und flattert.

Wer indes einen Fernblick auf den Chiemsee in seiner Gänze, die noch übrig ist, werfen mag, sollte die Höhen der Chiemgauer Alpen erklimmen. Eine Rundwanderung vom Ortsrand von Grassau, einer Gemeinde direkt neben der Kendlmühlfilzen, hinauf zur Hefter - alm und zurück ist in etwa drei Stunden machbar.

Es wäre allerdings verschenkt, direkt wieder abzusteigen, nachdem die 450 Höhenmeter erst einmal überwunden sind. Denn es ist wirklich eine feine Fernsicht, droben auf der Hefteralm. Oder, auf gut Oberbayerisch gesagt, auf der „Hefter Oim“. So steht es auf einem Holzschild vor der Hütte – pardon, Hüttn – geschrieben. Ein weiteres Schild weist auf ein „Oimklo mit Chiemseeblick“ hin.

Auch die Vesperkarte lädt zum Verweilen. Bauernbrot mit Bärlauchkäse? Oder doch ein Kaiserschmarrn? Ein Kaffee zum Wach- oder lieber ein Weißbier zum Müdewerden? Uns zieht es trotzdem weiter – zuder Attraktion der Alm, den Kaltblütern. Dass wir mit Block und Kamera unterwegs sind, macht die Tochter des Hauses, die Guggenbichler Therese, allerdings nervös: „Geht’s bloß ned auf die Pferdealm!“, ruft sie uns hinterher. „Ned reingehn! Des san 17 Stück, und i bin allein hier. I kann euch ned helfen!“

Kann sich noch sehen lassen: der Chiemsee nach 10 000 Jahren Schrumpfkur


Wie gemalt: der Frillensee am Fuß des Zwiesels. Auch er verlandet


Wir tun, wie uns geheißen, reichen den Pferden bloß ein paar leckere Wiesenblumen über den Zaun und kommen unversehrt davon. Das erlaubt uns, anschließend einen zu besuchen, der, wie der Chiemsee, ebenfalls eine Gletschergeburt ist und dem ein ähnliches Schicksal dräut – die komplette Verlandung: den Frillensee bei Inzell, im südöstlichen Zipfel der Region Traunstein gelegen. Er ist jeden Winter als erster zugefroren und gilt als der kälteste See Mitteleuropas.

Vom Forsthaus Adlgaß weist ein Holzschild den Fußweg zum Frillensee: Zur Rechten thront, 1782 Meter hoch, der Zwiesel. Links im Tal plätschert der Frillenseebach, dem wir nicht mehr von der Seite weichen, bis er uns zum Ziel, seinem Namensgeber, geführt hat.

Wetterfeste Freizeitgaudi

Da liegt er nun, der Frillensee, vorn sachtes Ufer mit Holzsteg, hinten steil aufragend der Zwiesel, liegt da wie gemalt. Wie ein Aquarell, genaugenommen, denn Regen setzt ein und lässt die Konturen verschwimmen.

Hoch droben überm See verschwindet der Gipfel des Zwiesels in einer dicken Wolke. Sie senkt sich immer tiefer, den Hang herunter, bis zu einer Geröllhalde am Fuß des Zwiesels – einer Sandreiße, wie man hier sagt. Zeit, zum Forsthaus zurückzukehren.

Eine saftige Wiese, dahinter dunkelgrün der Wald, dahinter felsige Berggipfel, die das Panorama feierlich abrunden: Das Forsthaus hat einen Biergarten, dem es wirklich an nichts fehlt.

Außer an Bier. Die Stühle lehnen schräg an den Tischen, wie beschwipst. Ist einfach kein Biergartenwetter.

Zum Glück ist eine wetterfeste Freizeitgaudi nicht weit. Sie wartet hinter den beschwipsten Biergarten - stühlen, in einer unscheinbaren Blockhütte mit bemoostem Dach. Wer eintritt, den Gastraum links liegen lässt und die Treppe hinuntergeht, steht – mitten in einem Schießstand. Eine 50-Meter-Anlage, auf der von Frühjahr bis Herbst zweimal die Woche ein Gästeschießen stattfindet: Wer in der Region weilt, kann seinem Aufenthalt hier mit dem Kleinkalibergewehr eine zünftige Extradosis Lokalkolorit verpassen.

Am Schießstand steht der Lackner Hans, ein gestandener Schütze mit Hut und Hörgerät, Jahrgang 1930, gebürtig in Inzell, und dahoam geboren, nicht in der Klinik, wie er stolz erklärt. Er hat heute Standaufsicht. An den Wänden des Schießstandes prangen hölzerne Schießtafeln, mit Hirschen und Waidmännern bemalt. Manch eine ist so alt wie der Lackner Hans. Manch eine noch ein paar Lenze älter. „I schieß jetzt des Gewehr ein“, sagt Lackner. Er setzt eine Papierzielscheibe auf die grüne Steckscheibe und bringt sie in Position. Er legt das Gewehr an, zielt … zielt … zielt. Und trifft: den Ring zwischen acht und neun. Sauber!

Harald Eckstein weckte die Traun - steiner Sternwarte aus dem Dornröschenschlaf und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich


Es riecht verbrannt im Schießstand, wie bei einem Silvesterfeuerwerk. Es klimpert ohne Unterlass. Die leeren Patronenhülsen, die auf dem Kachelboden landen. Und es knallt, klar. Aber erträglich. Sind ja nur Kleinkalibergewehre, 5,8 Millimeter. Deren Rückstößchen? Ein Witz!, versichert einer der Gäste, der offenbar ganz andere Kaliber gewohnt ist: „Waren Sie bei der Bundeswehr? Da, mit dem G3,das ist ein Rückstoß!“

Unter der Treppe, über die die Gäste zum Schießstand herabsteigen, sitzt, leicht nach vorn gebeugt wegen der Schräge, der Gschwendtner Peter, der gemeinsam mit dem Lackner Hans die Standaufsicht innehat. Vor sich auf dem Tisch eine kleine Kasse und einen klobigen Taschenrechner, ein Päckchen Patronen, einen Stapel Papierzielscheiben. In dieser Büronische kassiert er – zehnmal Schießen: drei Euro. 50 Schuss: elf Euro –, führt Buch, quittiert Quittungen. Es ist ein übersichtliches Geschäft. Aber auch das will, trotz Geballer und Geklimper, gewissenhaft erledigt sein.

Blick ins All

Um nach diesem Trommelfeuer für die Sinne wieder zur Ruhe zu kommen, kann es helfen, tief ins Glas zu schauen. In ein Fernglas, das ein ganz besonderes Kaliber ist: ein parallaktisch montiertes Linsenfernrohr mit B-Objektiv, darin drei Silikatlinsen von je 175 Millimetern Durchmesser, Brennweite 261 Zentimeter.

Ein solches Fenster ins Weltall, von Carl Zeiss Jena gefertigt, hat sich der Industrielle Emil Ehrensberger 1913 in seine Privatsternwarte einsetzen lassen. Hoch droben über Traunstein, der Stadt Traunstein, auf dem Dach seiner 25-Zimmer-Jugendstilvilla.

„Nach dem Tod Ehrensbergers versank die Stern - warte in einem Jahrzehnte währenden Dornröschenschlaf“, erklärt Harald Eckstein. Der 71-Jährige war einer derjenigen, die sie aus diesem Schlaf weckten.

2007 war das, als er, von Beruf Augenoptiker und aus Passion Astronom, ehrenamtlicher Betreuer der Sternwarte wurde. „Als Optiker habe ich damals auch Fernrohre repariert“, erzählt er. „Aber – solche Geräte natürlich nicht.“ Dieses Fernrohr, vermutet Eckstein, dürfte einzigartig sein auf der Welt. Sündhaft teuer damals, perfekt erhalten bis heute.

Im oberen Stockwerk der Ehrensberger-Villa. Harald Eckstein sperrt die Holztür zur Sternwarte auf, es ist kühl. In der Mitte des Raums führt eine knarzende Holztreppe zur Dachkuppel, wo das Fernrohr steht.

Oben angekommen, klappt Eckstein die Bodenplatten zu, durch die wir heraufgestiegen kamen. „Damit keiner runterfällt. Das ist schnell passiert.“ Eckstein geht hinaus auf den Balkon, der die Kuppel umrundet, zwackt zwei Klammern ab, die die Blitzableiter befestigen. Nun lässt sich die Dachkuppel drehen, indem man an einer großen Holzplanke zieht oder schiebt, es geht überraschend leicht. Das Fernrohr kann Eckstein mit einem Rad in alle Richtungen schwenken.

Seit die Sternwarte wieder wachgeküsst wurde, finden hier oben öffentliche Führungen statt. Einmal im Monat, in etwa zur Zeit des zunehmenden Halbmondes, erklärt Eckstein. „Weil die Menschen gern den Mond anschauen. Der ist leicht zu finden.“ Und bei Halbmond sind die Kontraste am besten. „Komischerweise“, sagt Eckstein, „nimmt man bei nahen Objekten wie dem Mond die größere Vergrößerung. Und bei Objekten, die weiter weg sind, wie Galaxien, die kleinere.

Denn je stärker man vergrößert, desto weniger Licht hat man.“ Wer zu viel sehen will, sieht am Ende gar nichts mehr.

Und vielleicht gilt das ja generell. „Umso mehr man zu wissen glaubt“, sagt Eckstein, „desto weniger weiß man.“ Das lehre die Astronomie. Theorien über Schwarze Löcher zum Beispiel, die würden kommen, gehen, sich immer wieder ändern. „Aber das ist es ja, was die Natur ausmacht: Wenn man nicht alles weiß, kann man sich an ihr erfreuen, wie sie sich uns zeigt.“

Markus Wanzeck
war froh, gemeinsam mit dem Traunsteiner Diether Endlicher unterwegs zu sein. Der fotografierte nicht nur. Er konnte auch einige lokale Spracheigenheiten übersetzen.

Traun Sie sich nach Traunstein!

Museum Salz & Moor

Das Museum Salz & Moor ist von Anfang Mai bis Mitte Oktober täglich (außer montags) von 11 bis 17 Uhr geöffnet, auch an allen Feiertagen (dann auch montags). Das Klaushäusl-Gebäudeensemble, in dem das Museum untergebracht ist, ist eine ehemalige Solepumpstation – daher das „Salz“ im Namen. Sie war von 1810 bis 1958 in Betrieb und ist die einzige Pumpstation an der Soleleitung zwischen Reichenhall und Rosenheim, die vollständig erhalten ist. Im Salzhaus des Museums kann man viel über diese „erste Pipeline der Welt“ lernen.
Weitere Infos:www.klaushaeusl.de

Vogelbeobachtung

Sieben Vogelbeobachtungstürme, -hütten und -plattformen stehen an den Ufern des Chiemsees. An jedem dieser Orte des Schauens und Schweigens findet einmal im Monat ein Gruppen-Gucken mit einem Chiemseevogelführer statt.
Weitere Infos:www.naturerlebnis-chiemsee.de

Sternwarte Traunstein

Die Sternwarte Traunstein befindet sich im Haus St. Rupert, einem Tagungs- und Beherbergungsbetrieb der Erzdiözese München und Freising. Von März bis November finden in der Stern - warte an einem Abend pro Monat, immer ungefähr zur Zeit des zunehmenden Halbmondes, kostenlose Führungen statt.
Weitere Infos: www.sternwarte-traunstein.de

Hefteralm

Die Hefteralm, auf gut 1000 Metern in den Grassauer Almen gelegen, ist von Anfang Mai bis Mitte Oktober bewirtschaftet. Während dieser Monate sind neben einer Herde Kaltblutpferde auch Milchkühe, Ziegen und Hühner anzutreffen – und ein Meerschweinchen. Die Hefteralm ist zu Fuß oder per Mountainbike erreichbar. Autos haben keine Zufahrt.
Weitere Infos:www.hefteralm.de

Forsthaus Adlgaß

Montag und Dienstag ist Ruhetag. An den anderen Tagen warme Küche von 11:30 Uhr bis ca. 19:30 Uhr. Von Juni bis September findet am Schießstand hinter dem Forsthaus mittwochs und samstags von 14 Uhr bis 17 Uhr ein Kleinkaliberschießen für Gäste statt. Vom Forsthaus führt ein Wanderweg zum Frillensee.
Weitere Infos:www.forsthaus-adlgass.de

Wochinger Brauhaus

Zu dem Wirtshaus gehört der älteste Biergarten der Stadt Traunstein; schon in einem Stadtplan aus dem 18. Jahrhundert war er vermerkt. Dass die Tradition hier hochgehalten wird, merkt man spätestens nach dem zweiten „Urtrunk“, der Bierspezialität des Hauses: Die Toilette im ersten Obergeschoss funktioniert noch nach alter Väter Sitte. Mit einem Spülkasten, an dem eine Eisenkette baumelt, zum Ziehen.
Weitere Infos:www.wochinger-brauhaus.com

Gletschergarten

An der Bergenge Zwing, durch die die Deutsche Alpenstraße aus Traunstein ins Berchtesgadener Land führt, liegt der Gletschergarten: „Ein Stück Gletschergrund des eiszeitlichen Saalach-Gletschers“, so kündet ein Holzschild in altdeutscher Schrift. Die Eismassen, die sich an dieser Stelle Hunderte Meter hoch türmten, schliffen den Felsen damals glatt. Erst beim Bau der Alpenstraße in den 30er Jahren wurde er wieder freigelegt.
Weitere Infos:www.inzell.de/gletschergarten

BUCHTIPP

Reizvolle Orte In Traunstein und um Traunstein und um Traunstein herum: Dieser Reiseführer stellt 111 Orte vor, die landschaftlich, kulturell oder kulinarisch reizvoll sind – oft genug auch: alles drei auf einmal.
Dorothea Steinbacher: 111 Orte im Chiemgau und im Rupertiwinkel, die man gesehen haben muss. Emons Verlag. 240 Seiten, 16,95 €


Grafik: Karl Marx