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Religion als antisystemische Bewegung. Das Beispiel Islam


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WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 183/2022 vom 01.01.2022

Soweit antisystemische Bewegungen Erfolg haben, ermöglichen sie es bestimmten Teilen der unterprivilegierten Gruppen, innerhalb der Hierarchie des Weltsystems ihre Position zu verbessern – ohne diese Hierarchie selber abzuschaffen. Auf diese Weise trugen antisystemische Bewegungen ungewollt zur Stabilisierung des Weltsystems bei. Um das Jahr 1968 herum traten neue antisystemische Bewegungen auf, die sich gegen die bürokratischen Tendenzen ihrer Vorgänger wandten und Themen wie Umweltverschmutzung, Rassismus und Sexismus in den Blick nahmen. 1

Religiöse antisystemische Bewegungen

Hier wird vorgeschlagen, Wallersteins Trio von antisystemischen Bewegungen um eine vierte Komponente zu ergänzen, die religiösen antisystemischen Bewegungen. Unter einer religiösen antisystemischen Bewegung wird eine Gruppe verstanden, die sich 1. auf eine religiös definierte Gemeinschaft bezieht; 2. diese Gemeinschaft in ...

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... einer untergeordneten und/oder ungerechten Position sieht; und 3. konkrete Maßnahmen zur Verbesserung dieser Position propagiert, die wiederum religiös legitimiert sind.

Religiöse antisystemische Bewegungen problematisieren oft soziale Ungerechtigkeiten und Unterdrückung von Frauen, argumentieren aber – anders als ihre sozialistischen und feministischen Gegenstücke –, dass diese Probleme allein im Rahmen der Religion gelöst werden können. Während Nationalisten von der Aufteilung der Menschheit in durch Staatsbürgerschaft oder Sprache getrennte nationale Gemeinschaften ausgehen, sind religiöse Bewegungen (zumindest soweit sie die Weltreligionen repräsentieren) für alle Bekehrungswilligen offen. Dieses recht abstrakte Schema soll am Beispiel der islamisch orientierten antisystemischen Bewegungen illustriert werden. Gebiete mit großem muslimischen Bevölkerungsanteil finden sich im Mittleren Osten, Subsahara-Afrika, Zentralasien, Südasien und Südostasien. Aus Platzgründen beschränke ich mich auf den Mittleren Osten.

1 Arrighi, Giovanni / Hopkins, Terence K. /Wallerstein, Immanuel (1989): Antisystemic Movements. Verso, London u. New York, S. 29-51, 97-115; Wallerstein, Immanuel (2004): World-Systems Analysis. An Introduction. Duke University Press, Durham u. London, , S. 67-73, 83-86.

Die modernistischen Reformer

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte die politische, wirtschaftliche und kulturelle Penetration der islamischen Welt durch Europa und Nordamerika. Die etablierten religiösen Eliten, d.h. die ulama (Rechtsgelehrten) und die Anführer der Sufi-Orden (Mystiker), kollaborierten oft mit den Kolonialmächten oder tolerierten diese; soweit sie Widerstand leisteten, war dieser überwiegend erfolglos. Vor diesem Hintergrund traten eine Reihe von Intellektuellen auf, die einerseits selber den ulama angehörten und dem Sufismus zuneigten, sich andererseits als Journalisten betätigten und sich der in dieser Periode ausbreitenden Druckmedien bedienten. Hierzu gehören der Wanderaktivist Jamad ad-Din al-Afghani (1838-1897), sein Schüler Muhammad Abduh (1849-1905), der es vom konstitutionellen Revolutionär zum obersten Rechtsgutachter Ägyptens brachte, und dessen Schüler, der Zeitungsherausgeber Muhammad Rashid Rida (1865-1935).

Diese Denker diagnostizierten an dem in ihrer Zeit praktizierten Islam Fehlinterpretationen und Aberglauben und plädierten für eine Rückkehr zu dem ihrer Meinung nach korrekten Islam der Frühzeit. Sie wandten sich gegen Heiligenverehrung und die unkritische Gefolgschaft gegenüber traditionellen Autoritäten bei der Interpretation der heiligen Texte. Stattdessen traten sie für eine selbständige Auslegung durch die Gläubigen ein. Ihre auf diesem Prinzip basierenden Neuinterpretationen der Texte führten für die Modernisten zu dem Ergebnis, dass moderne Institutionen und Ideen, z.B. Konstitutionalismus, Banken, Monogamie oder Evolutionslehre, nicht nur mit dem ursprünglichen Islam vereinbar, sondern sogar Teil seiner – sofern richtig verstandenen – Lehre sind.

Der islamische Reformismus enthielt einen strukturellen Widerspruch: die Legitimierung einer de facto-Westernisierung durch einen islamischen Diskurs. In der Zwischenkriegszeit ging er deshalb in anderen Richtungen auf. Ein Teil der Modernisten machte den Schritt zum offenen Säkularismus. Ein prominentes Beispiel ist der Rechtsgelehrte Ali Abd ar-Raziq (1888-1966), der auf der Basis der Schriften argumentierte, im Islam seien Staat und Religion getrennt – eine These, die von den meisten der Rechtsgelehrten, aber auch von Rida nicht freundlich aufgenommen wurde. 2

Die Muslimbrüder

Der konservativere Zweig der Modernisten inspirierte 1928 den ägyptischen Laienprediger Hasan al-Banna (1906-1949) zur Gründung der Ikhwan al-Muslimun (Muslimbrüder), einer sich auf Erziehungs-und Sozialarbeit konzentrierenden Massenbewegung mit Ablegern in verschiedenen Teilen der arabischen Welt. Sie rekrutierte ihre Anhänger vor allem aus den städtischen unteren Mittelschichten sowie Studenten. Die Muslimbrüder teilten mit den Modernisten eine nur bedingt ehrerbietige Haltung gegenüber den ulama und den Sufi-Führern sowie die Ablehnung bestimmter „abergläubischer“ Praktiken, nicht aber gewagtere Neuinterpretationen der Schriften. Vor allem aber legten sie stärker als die Modernisten das Augenmerk auf Fragen öffentlicher Moral.

Im Zuge des Dekolonialiserungsprozesses lag die Initiative bei den nationalistischen Politikern. In Ägypten war dies Präsident Abd an-Nasir („Nasser“), der von 1954 bis 1970 regierte. Er avancierte zum Helden der panarabischen Bewegung. In diese Phase fallen die Schriften von Sayyid Qutb (1906-1966), einem der wichtigsten Theoretiker der Muslimbrüder. Qutb forderte die unmittelbare Gottesherrschaft und sah die muslimische Welt mit ihren säkularen nationalistischen Regimen in den Zustand der faktischen Ungläubigkeit zurückgefallen. Obwohl sich die Leitung der Muslimbrüder von Qutb distanzierte, fanden seine Ideen in der Organisation Verbreitung. Dies umso mehr, weil die Nationalisten in der islamischen Welt ihr eigenes „1968“ erlebten. So zerschellte Nassers panarabisches Programm an der demütigenden Niederlage gegen Israel. Die Diskreditierung der Nationalisten förderte zunächst die sozialistische Variante der antisystemischen Bewegungen. Einige Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit wurden sogar zeitweise von marxistischen Regimen regiert (Südjemen 1969-1990, Somalia 1969-1991, Afghanistan 1978-1992).

2 Lekon, Christian (2015): Ägyptischer Reformislam und Säkularismus 1870-1935. In: Zeitschrift für Weltgeschichte 16.1, S. 62-94.

Aber der Wind wehte zunehmend in Richtung der islamischen Bewegungen. Auf der Welle hoher Ölpreise schwimmend, finanzierte Saudi- Arabien in der islamischen Welt Institutionen, die die im Königreich vorherrschende konservative Version des Islams propagierten. Mit der Islamischen Revolution in Iran 1979 übernahmen die Rechtsgelehrten offiziell eine Kontrollfunktion über den Staat. Die sowjetische Besetzung Afghanistans 1979 endete zehn Jahre später mit dem Sieg der überwiegend islamisch legitimierten Widerstandsgruppen über die atheistische Supermacht. Der Versuch der syrischen Muslimbrüder 1982, das Assad- Regime gewaltsam zu stürzen, scheiterte allerdings.

Der 1996 in Katar gegründete Satelliten-TV-Sender Al Jazeera diente als Forum für den der Muslimbruderschaft nahestehenden Rechtsgelehrten Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926). Er lehnte die radikalen Ansichten Qutbs ab und praktizierte – ganz im Sinne der Modernisten – die eigenständige Textauslegung, vertrat aber gleichzeitig eher konservative Vorstellungen zum Familienleben. In Ägypten begannen sich die Muslimbrüder mit der politischen Betätigung in Form einer Beteiligung an Wahlen anzufreunden. 2007 bekannten sie sich – in sehr ambivalenter Form – zu einem demokratischen System mit gleichen politischen Rechten für alle Bürger, einschließlich der Nichtmuslime. Die große Stunde der Muslimbrüder schien mit dem Arabischen Frühling von 2011 zu kommen, dem sie sich nach anfänglichem Zögern anschlossen. Ihre kurzlebige Regierung in Ägypten (2012-2013) erreichte aber wenig und wurde durch einen Militärputsch beendet. 3

Die Dschihadisten

Anders als die Modernisten oder die Muslimbrüder interessiert sich diese Richtung für theologische Fragen vorwiegend im Hinblick auf den bewaffneten Kampf. Aus einigen, die afghanischen Widerständler unterstützenden Freiwilligen ging die 1988 gegründete transnationale Organisation al-Qaida unter Osama Bin Laden (1957-2011), Sohn eines saudischen Baulöwen, hervor. Er war durch den traditionalistischen Islam seines Heimatlandes und wohl auch durch radikale Muslimbrüder geprägt. Sein Ziel war es, durch terroristische Aktionen das Ende der US-Präsenz in der islamischen Welt zu erzwingen. Die USA reagierten auf die Anschläge, die in 9/11 gipfelten, mit den Invasionen von Afghanistan und Irak. Bin Laden verlor mit dem Sturz der afghanischen Taliban-Regierung (1996-2001) einen wichtigen Gastgeber, was zur Dezentralisierung der Organisation führte. Ableger von al-Qaida in verschiedenen Teilen der islamischen Welt konzentrierten ihren Kampf zunehmend auf den „nahen Feind“, also die lokalen Regime, anstelle des „fernen Feindes“, die USA.

3 Pargeter, Alison (2019): The Muslim Brotherhood and An-Nahda after the Arab Spring. A Failed Project. In: Sharam Akbarzadeh, (Hrsg) (2019): Routledge Handbook of International Relations in the Middle East. Routledge, London u. New York, S. 330-349.

Spektakulär waren Aufstieg und Fall des sogenannten Islamischen Staates (IS) unter Abu Bakr al-Baghdadi (1971-2019). Ursprünglich der irakische Zweig von al-Qaida, beherrschte der IS zwischen 2013 und 2019 Teile von Irak und Syrien. Wie al-Qaida stand der IS für die extrem dschihadistische Ausprägung des Islam und machte geschickt Gebrauch von modernsten Kommunikationsmitteln, in diesem Fall den Sozialen Medien. Anders als al-Qaida setzte der IS den Schwerpunkt auf den Kampf gegen den „nahen Feind“, wobei er mit großer Brutalität besonders gegen schiitische Muslime und Jesiden vorging. 4

Schlussbemerkung

Diese Interpretation orientiert sich an Wallerstein, weicht aber in zwei Punkten ab. Erstens fügt sie die Kategorie der religiösen Gruppen hinzu. Zweitens folgt sie ihm nicht in seiner hoffnungsvollen Auffassung, wonach die im Effekt systemstabilisierenden alten antisystemischen Bewegungen seit etwa 1968 durch emanzipativere Nachfolger herausgefordert worden sind. Im Gegenteil: Hier wird eher eine devolutionäre Entwicklungslinie der letzten anderthalb Jahrhunderte skizziert, die von den innovativen Modernisten über die sozialkonservativen Muslimbrüder zu den dschihadistischen Terrororganisationen führt. Diese bedenkliche Transformation ursprünglich progressiver religiöser antisystemischer Bewegungen ist kein Unikum der islamischen Welt. Ähnliche Entwicklungslinien lassen sich auch anderswo finden, zum Beispiel die von den Hindu-Reformern des späteren 19. Jahrhunderts zur BJP und dem „Saffron-Terrorismus“ oder auch von den agrarischen Populisten in den USA der 1890er Jahre zu Trump und QAnon.

4 Abdel Bari Atwan (2015): Islamic State. The Digital Caliphate. Saqi, London; Shiraz Maher (2017): Salafi-Jihadism. The History of an Idea. Penguin, London.

Um mit einer optimistischeren Perspektive zu enden: Die über 100 Jahre alten Ideen der Reformer, seien es muslimische, hinduistische oder auch US-Populisten, sind es wert, wieder aufgegriffen und für eine emanzipative Agenda verwendet zu werden.

Weiterführende Literatur:

Lekon, Christian (2019): Modernist Reformers in Islam, Hinduism and Confucianism, 1865 – 1935. Peripheral Geoculture in the Modern World-System. Routledge, London u. New York.

Lekon, Christian (2020): Nationalismus und religiöse Reformer in Islam. Hinduismus und Konfuzianismus um 1900. In: Nolte, Hans-Heinrich (Hrsg.) (2020): Nationen und Nationalismen in Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur, Muster-Schmidt, Gleichen usw., S. 86 – 99.

Dr. Christian Lekon geb. 1966, Historiker und Anglist (M.A.), PhD in Internationalen Beziehungen, lehrt an der Ankara Yıldırım Beyazıt Üniversitesi (Türkei) Christian.Lekon@gmx.de