Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

RENTNER & STEUERN: Bedrohter Ruhestand


Guter Rat - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 14.03.2019

DOPPELBESTEUERUNG Immer mehr Rentner müssen eine Steuererklärung abgeben. Doch inzwischen mehren sich die Stimmen, die an der Rechtmäßigkeit zweifeln


Artikelbild für den Artikel "RENTNER & STEUERN: Bedrohter Ruhestand" aus der Ausgabe 4/2019 von Guter Rat. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Guter Rat, Ausgabe 4/2019

Von wegen entspannter Ruhestand: Der Stress mit der Steuererklärung bleibt bis zum Lebensende


Jörg Baumgarten


Gesetzliche Altersrenten sind steuerpflichtig. Besonders hart kann es dabei für Rentner werden, die ab 2018 ihren Ruhestand antreten. So sieht das jedenfalls der Bund der Steuerzahler. Diese Rentenjahrgänge müssen eine Doppelbesteuerung fürchten, weil in der Vergangenheit nur ein Teil der Rentenversicherungsbeträge als Sonderausgaben steuerlich ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Guter Rat. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Unter uns: Süße Wahrheiten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Unter uns: Süße Wahrheiten
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Marktplatz. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Marktplatz
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von BERND ADAMS PREISBAROMETER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BERND ADAMS PREISBAROMETER
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von KRANKENVERSICHERUNG: Geld von der Krankenkasse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KRANKENVERSICHERUNG: Geld von der Krankenkasse
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von RISIKOLEBENSVERSICHERUNG: Flexible Seilschaft. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
RISIKOLEBENSVERSICHERUNG: Flexible Seilschaft
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von VERBRAUCHERKREDIT: Clever umschulden. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VERBRAUCHERKREDIT: Clever umschulden
Vorheriger Artikel
BETRIEBSKOSTEN: Sieben-Punkte-Check
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel LEBENSVERSICHERUNG Nicht immer steuerfrei
aus dieser Ausgabe

... abziehbar war und die gesetzliche Rente bei Rentenbeginn 2018 im Gegenzug mit 76 Prozent versteuert werden muss. Hierzu plant der Bund der Steuerzahler einen Musterprozess.

STEUERERKLÄRUNGSPFLICHT Doch auch sonst ist das Rentnerleben unter Steuergesichtspunkten nicht gemütlich. Ruheständler haben häufig mehr Stress mit dem Finanzamt als Kleinunternehmer. Eine Einkommensteuererklärung muss grundsätzlich jeder Rentner abgeben, dessen jährliche Gesamteinkünfte 2018 höher liegen als 9 000 Euro/ 18 000 Euro (ledig/Zusammenveranlagung).

Bei den Gesamteinkünften summiert das Finanzamt die Rente (= Bruttorente minus Rentenfreibetrag minus Werbungskosten) mit anderen Einkommensarten, zum Beispiel Mieten (minus Werbungskosten) und Einkünften aus selbstständiger Arbeit (= Betriebseinnahmen minus Betriebsausgaben).

Wenn bei Eheleuten ein Partner bereits Rentner ist und der andere noch arbeitet, müssen beide unabhängig von der Höhe der Gesamteinkünfte eine Steuererklärung abgeben. Dasselbe gilt, wenn Sie oder Ihr Ehegatte neben der gesetzlichen Rente noch eine Betriebsrente beziehen. Weitere typische Fälle, die Sie zu einem Fall für das Finanzamt machen, sind die Steuerklassenkombinationen III/V oder IV-Faktor/ IV-Faktor.

GESETZLICHE ALTERSRENTE

Die Besteuerung der gesetzlichen Rente funktioniert immer nach demselben Schema. Das Finanzamt ermittelt im zweiten Jahr des Rentenbezugs einen prozentualen Rentenfreibetrag und zieht zusätzlich und ohne Nachweise 102 Euro Werbungskosten von dem zu versteuernden Anteil der Rente ab. Der derart ermittelte Rentenfreibetrag bleibt normalerweise bis zum Lebensende gleich hoch. Der Prozentsatz, der bei der Ermittlung des Rentenfreibetrages zur Anwendung kommt, hängt vom Jahr ab, in dem Sie das erste Mal eine gesetzliche Altersrente bezogen haben. Sind Sie vor 2005 oder in 2005 in Rente gegangen, blieben damals 50 Prozent der Rente steuerfrei. Für jeden neuen Rentnerjahrgang kletterte der Prozentsatz für den Teil, der versteuert werden muss, um zwei Punkte 2006 = 52 Prozent, 2010 = 60 Prozent, 2015 = 70 Prozent; 2018 = 76 Prozent).

BEISPIEL Angenommen Sie sind Mitte 2005 in Rente gegangen und hatten damals eine Bruttojahresrente von 10 000 Euro. Die Rente für erstmals komplette zwölf Monate betrug im Jahr darauf 18 000 Euro. Der Rentenfreibetrag betrug bei Rentenbeginn im Jahr 2005 50 Prozent. Da Sie 2005 aber noch keine vollständige Jahresrente erhalten hatten, hat das Finanzamt Ihren Rentenfreibetrag anhand Ihrer Jahresbruttorente in 2006 ermittelt.

Der beträgt 9 000 Euro (50 Prozent von 18 000 Euro) und gilt zeitlebens. Inzwischen ist Ihre gesetzliche Altersrente 2018 auf 18 700 Euro gestiegen. Wie wirkt sich der Rentenfreibetrag auf den Rentenanteil aus, den Sie für 2018 versteuern müssen? Das Finanzamt zieht von den 18 700 Euro den Rentenfreibetrag von 9 000 Euro und 102 Euro Werbungs kosten ab. Dadurch beträgt der Teil der Rente, den Sie versteuern müssen, unter dem Strich noch 9 598 Euro.

Doppelbesteuerung ab 2018?

Ab dem Rentenjahrgang 2018 wird es dann jedoch kompliziert. Wer im vergangenen Jahr in Rente gegangen ist, muss bereits 76 Prozent seiner gesetzlichen Bruttorente versteuern. Nach Einschätzung des Bundes der Steuerzahler kann das jedoch zu einer Doppelbesteuerung führen. Denn während ihres Berufslebens haben Rentner die Beiträge zur Rentenversicherung aus ihrem bereits versteuerten Einkommen gezahlt.

Nach Beurteilung des Steuerzahlerbunds kann es in Fällen mit einem Rentenbeginn ab dem Jahr 2018 zu einer Doppelbesteuerung kommen, wenn folgende Voraussetzung erfüllt ist: Die Summe des steuerfreien Anteils der Rente im ersten Jahr, in dem eine volle Jahresrente gezahlt wurde, multipliziert mit der voraussichtlichen Lebenserwartung des Rentners ist geringer als die selbst getragenen Beiträge des Steuerzahlers.

BEISPIEL Ein Steuerzahler geht im Juli 2018 in Ruhestand und erhält eine gesetzliche Rente. Im Jahr 2019 bezieht er erstmals eine volle Jahresrente in Höhe von 25 000 Euro. Bei Rentenbeginn im Jahr 2018 sind davon 24 Prozent steuerfrei, also 6 000 Euro. Geht man von einer statistischen Lebenserwartung des Mannes von 18 Jahren ab Rentenbeginn aus, kann der Rentner also auf eine steuerfreie Rente von 108 000 Euro hoffen (steuerfreier Anteil der Rente 6 000 Euro x 18 Jahre Lebenserwartung). Eine Doppelbesteuerung würde dann vorliegen, wenn die selbst getragenen Rentenversicherungsbeiträge des Rentners während seines Berufslebens höher als 108 000 Euro wären. Mit anderen Worten: So viel, wie aus steuerbelasteten Einkommen in die Rente geflossen ist, sollte im Alter als steuerfreier Rentenanteil auch wieder herauskommen. Und das ist in dem Beispiel nach einer Berechnung des Bundes der Steuerzahler nicht der Fall. Denn bei einer Jahresrente von 25 000 Euro hat der Rentner während seines Berufslebens circa 164 000 Euro Rentenversicherungsbeiträge gezahlt. Zum steuerfreien Anteil werden aber noch die Rentenversicherungsbeiträge berücksichtigt, die in den Jahren ab 2005 steuerlich anerkannt wurden. Ebenfalls, allerdings im geringeren Umfang, die Beiträge aus den Jahren vor 2005. Dabei ist eine individuelle Berechnung nötig.

GUTER RAT Wenn Sie 2018 in Rente gegangen sind oder später noch gehen, sollten Sie das beachten. Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder schließen Sie sich dem Bund der Steuerzahler als Musterkläger an oder Sie legen gegen Ihren Steuerbescheid Einspruch ein und beantragen bis zu einer Entscheidung des Bundesfinanzhofs in dem angestrebten Musterprozess eines anderen Klägers das Ruhen des Einspruchsverfahrens.

SO VERRINGERN SIE IHRE STEUERLAST

Unabhängig vom Ausgang des geplanten Musterprozesses sollten Sie alle Optionen nutzen, um Ihre Steuerlast zu verringern.

WERBUNGSKOSTEN Wenn Sie gegen die Deutsche Rentenversicherung prozessieren, bei einem Rentenberater Hilfe suchen oder noch Gewerkschaftsbeiträge zahlen, dürfen Sie diese Ausgaben dem Finanzamt als Werbungskosten präsentieren. Das gilt übrigens auch für Schuldzinsen für einen Kredit zur Finanzierung freiwilliger Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung vor Rentenantritt.

SONDERAUSGABEN Neben den von der Bruttorente abgezogenen Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung mindern Kirchensteuerzahlungen, geleistete Spenden, Unterhaltszahlungen an den Ex- Ehegatten von bis zu 13 805 Euro pro Jahr sowie geleistete Beiträge zur Kfz- oder Privathaftpflicht oder Unfallversicherung als Sonderausgaben Ihre Steuerlast.

AUSSERGEWÖHNLICHE BELASTUNG Sind Ihnen Kosten im Zusammenhang mit einer Krankheit, für Zahnersatz oder eine Brille entstanden, können Sie dafür in der Steuererklärung den Abzug einer außergewöhnlichen Belastung beantragen. Leider ist nicht der komplette Betrag steuerlich abziehbar. Das Finanzamt ermittelt je nach Höhe Ihrer Einkünfte eine zumutbare Belastung. Und nur der übersteigende Betrag mindert Ihr Einkommen.

GUTER RAT Selbst wenn Sie bisher keinen Cent für außergewöhnliche Belastungen rausholen konnten, empfiehlt sich ein neuer Versuch. Denn aufgrund eines Urteils des Bundesfinanzhofs muss das Finanzamt die zumutbare Belastung großzügiger berechnen. Das erhöht die Chance auf höhere Abzugsbeträge.

Es gibt auch die Möglichkeit für außergewöhnliche Belastungen ohne lästige zumutbare Belastung. Das betrifft den Behindertenpauschbetrag, der je nach Grad der Behinderung eine Minderung des Einkommens zwischen 310 Euro und 3 700 Euro bedeutet. Rentner sollten sich bei gesundheitlichen Beschwerden unbedingt eine Behinderung bescheinigen lassen, um beim Finanzamt dem Ziel näher zu kommen, ihre Steuerlast zu verringern.

HANDWERKER & CO. Auch Rechnungen, die Sie von Handwerkern oder anderen Dienstleistern (Gebäudereiniger, Fensterputzer; ambulanter Pflegedienst) bekommen, wirken sich steuersparend aus. Die Zahlungen werden direkt auf Ihre Steuerlast angerechnet. Sie dürfen 20 Prozent der Kosten für Handwerkerleistungen, maximal 1 200 Euro pro Jahr, und bei haushaltsnahen Dienstleistungen 20 Prozent der Arbeitsleistung, maximal 4 000 Euro pro Jahr, geltend machen.

MUSTERPROZESS Kläger gesucht

PROBLEM Bei Senioren, die kürzlich in Rente gegangen sind oder in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, kann es zu einer Doppelbesteuerung kommen.
PRÜFUNG Der Bund der Steuerzahler (BdSt) will diese Besteuerung überprüfen lassen und sucht Musterkläger, die mit ihrem Fall stellvertretend für andere stehen. Für Teilnehmer ist das kostenlos.
KONTAKT Interessenten können sich beim federführenden BdSt-Landesverband NRW per E-Mail melden:
liebern@steuerzahler-nrw.de

FRÜHRENTE Steuertricks gegen die Rentenlücke

RENTENLÜCKE Wenn Sie nach dem Flexirentengesetz die Voraussetzungen erfüllen, um früher in Rente zu gehen, können Sie Ihre Rentenlücke auffüllen. Dabei können Sie die freiwillige Beitragszahlung zur Aufstockung Ihres Punktekontos als Sonderausgaben geltend (§ 10 Abs. 1 Nr. 2a EStG; BMF, Schreiben v. 24.5.2017, Az. IV C 3 – S 2221/16/10001: 004). Der Sonderausgabenabzug ist für 2019 auf 21 388 Euro/ 42 776 Euro (ledig/Zusammenveranlagung) gestiegen (88 Prozent des Höchstbetrags für 2019 von 24 305 Euro/48 610 Euro).
ARBEITGEBER Den Auffüllbetrag können Sie auch vom Arbeitgeber bezahlen lassen. Dann müssen Sie die Zahlung als Lohn versteuern. Im Gegenzug können Sie aber wieder einen Sonderausgabenabzug geltend machen. Anstatt einer klassischen Gehaltszahlung kann Ihr Chef Ihnen auch eine Jubiläumszuwendung gewähren, mit der Sie Ihr Punktekonto aufstocken können. Vorteil: Für eine Vergütung einer mehrjährigen Tätigkeit können Sie eine begünstigte Besteuerung nach § 34 Abs. 2 Nr. 4 EStG beantragen. Wenn Sie eine Abfindung als Auffüllbetrag verwenden, bleiben 50 Prozent des Auffüllbetrags nach § 3 Nr. 28 EStG steuerfrei (BFH, Urteil v. 17.5.2017, Az. X R 10/15).

ZUSATZVERDIENST Alarm beim Finanzamt

Nebenjob
Viele Rentner bessern ihre Einkünfte mit einem Nebenjob auf


KONSTRUKTION Wenn Sie als Rentner einen Nebenjob haben, kommt es auf die rechtliche Ausgestaltung an, ob sich der Fiskus für Sie interessiert.
MINIJOB Üben Sie einen klassischen Minijob mit einem Monatsgehalt von maximal 450 Euro aus, übernimmt der Arbeitgeber die Lohnsteuer pauschal mit zwei Prozent, und das Finanzamt interessiert sich nicht mehr dafür.
LOHNSTEUERABZUG Sobald Sie neben der gesetzlichen Rente noch Arbeitslohn mit Lohnsteuerabzug beziehen, sind Sie zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet.
SELBSTSTÄNDIG Üben Sie Ihren Nebenjob selbstständig aus, sind Sie zur Abgabe einer Steuererklärung gezwungen. Das Finanzamt erwartet bei Gewinneinkünften sogar die elektronische Übermittlung der Steuererklärung. Davon werden Sie nur auf Antrag befreit, wenn Sie weder einen PC noch einen Internetanschluss und auch keinen Steuerberater haben.


FOTO: SHUTTERSTOCK. ILLUSTRATION: SHUTTERSTOCK

FOTOS: IMAGO/JOKER, IMAGO/STPP