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REPORT: ARO MANTIK: ALLES außer romantisch


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 04.03.2020

Noch nie verliebt? Für die meisten Menschen ist das wohl unvorstellbar. Aromantiker dagegen leben gut ohne Schmetterlinge im Bauch


Artikelbild für den Artikel "REPORT: ARO MANTIK: ALLES außer romantisch" aus der Ausgabe 7/2020 von Für Sie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 7/2020

Der Bauch kribbelt, das Herz rast, und die Gedanken drehen sich nur noch um den oder die Liebste. „Verliebte, Verrückte“ lautet ein lateinisches Sprichwort, das nicht ganz unrecht hat. Denn was in Kopf und Körper von Frischverliebten geschieht, kommt einem Rausch gleich. Die Droge? Na klar, der Partner. Schon der Gedanke an ihn führt zur Ausschüttung von Dopamin, Adrenalin und Cortisol. Ein regelrechter Hormoncocktail, der unsere Fixierung auf das Objekt unserer Zuneigung ...

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... weiter verstärkt, die Konzentration ansonsten sinken lässt. Forscher fanden sogar heraus: Bei Verliebten sind die gleichen Gehirnregionen aktiv wie bei Suchtkranken. Wahnsinn.

Doch Liebe geht auch anders. Angenommen, Sie wären noch nie verliebt gewesen, Schmetterlinge im Bauch kennen Sie nicht, und die Gefühlsduselei wäre Ihnen ebenso fremd. Würden Sie das alles dann vermissen? Wohl eher nicht. Ganz ähnlich geht es Aromantikern, Menschen, die wenig bis gar keine romantische Anziehung zu anderen verspüren. Dennoch führen sie Beziehungen, heiraten und haben Sex – sofern sie denn möchten. Die Intimität, die gegenseitige Verantwortung, wie sie für romantische Beziehungen typisch ist, empfinden Aromantiker ebenfalls.

Worin also unterscheidet sich eine aromantische Beziehung von einer romantischen? Aromantiker überspringen quasi die turbulente Phase des Verliebtseins, sehnen sich nicht nach romantischen Gefühlen. Was für andere Ausdruck tiefster Emotion sein kann – ein Candle-Light-Dinner etwa –, hat keine emotionale Bedeutung für sie. Viele mögen solche Szenarien sogar – doch ohne deren symbolische Aufladung, die etwa mit dem Überreichen einer roten Rose den Wunsch nach einer emotionalen Reaktion verbindet, die ihnen fehlt.

Vermutlich gab es Aromantiker schon immer. Doch heute vernetzen sie sich, etwa über die englischsprachige Website aromanticism. org, haben die jährliche „Arospec Awareness Week“ ins Leben gerufen, die über das „aromantische Spektrum“ aufklärt. Denn ganz einfach haben sie es nicht in einer Gesellschaft, auf deren Werteskala das Ausleben von romantischen Gefühlen weit oben steht.

ELISA LINDERT* (38)


”ICH WEISS NICHT, WIE ES SICH ANFÜHLT, VERLIEBT ZU SEIN“


Elisa Lindert ist lange nicht bewusst, warum ihr zu viel Nähe fremd erscheint. Erst als sie mit 25 Jahren von Aromantik liest, wird ihr klar: Sie wird sich niemals verlieben.

Sie versucht es zunächst auf dem klassischen Weg: Mit 19 lernt Elisa Lindert auf einer Party ihren ersten Freund kennen. Sie ist glücklich, zieht bereits nach neun Monaten mit ihm zusammen und wird schwanger. Doch mit der Zeit bemerkt sie immer öfter: Irgendetwas stimmt nicht. Die Bedürfnisse ihres Partners scheinen intensiver als ihre. „Sein Verlangen nach einem konstanten, engen Zusammenleben lösten in mir Fluchtreflexe aus“, erinnert sie sich. Nach dreieinhalb Jahren Beziehung hält sie es nicht mehr aus. Elisa trennt sich und zieht den gemeinsamen Sohn fortan alleine auf. Dass sie aromantisch ist, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst als sie kurz darauf im Netz von Aromantik liest, erkennt sie sich wieder.

LEY WALTERMANN* (22)


”ICH VERSUCHE GAR NICHT, ES MEINEN ELTERN ZU ERKLÄREN“


Schon früh wird Ley Waltermann klar: Gefühle romantischer Natur spürt sie nicht. Dennoch dauert es eine Weile, bis sie versteht, was das für sie und ihr Leben bedeutet.

Sie erfährt, dass Aromantik eine gefühlsmäßige Orientierung ist, die Menschen beschreibt, die kaum romantische Anziehung verspüren. Elisa weiht ihre Mutter ein. Die ist wenig überrascht. „Ich wusste immer, dass eine traditionelle Beziehung nichts für dich ist“, sagt sie zu ihrer Tochter. „Ich war sehr erleichtert, dass es endlich eine Erklärung dafür gab“, sagt Elisa.

Doch sie braucht noch zwei weitere romantische Beziehungen, bis sie endgültig versteht, dass sie aromantisch ist. Ein ausschlaggebendes Indiz: „Bei Trennungen hatte ich nie Liebeskummer“, erinnert sich die 38-Jährige.

Heute lebt sie in einer aromantischen Beziehung mit einem Mann und einer Frau. Elisa Lindert ist auch polyamor. „Ich mag den Anspruch nicht, nur zu einem Menschen zu gehören“, sagt sie. „Mit meiner Partnerin führe ich seit fünf Jahren eine queerplatonische Beziehung. Wir verstehen uns als Lebenspartnerinnen und teilen eine intensive emotionale Bindung, aber außer Kuscheln keine körperliche. Mein Freund und ich treffen uns seit sieben Jahren. Mit ihm habe ich auch Sex.“

Für ihre Zukunft in Sachen Partnerschaft wünscht sich Elisa zwei Dinge: „Dass aromantische Menschen nicht als defizitär angesehen werden und unsere Paarbeziehungen nicht als Freundschaft abgewertet werden.“ Schließlich seien sie nicht weniger wert als romantische Beziehungen.

Alles begann mit ein paar harmlosen Gedanken. Ley Waltermann war 17 und grübelte über die Beziehungsprobleme einer guten Freundin nach. „Ich lag zu Hause im Bett, als mir klar wurde: Eine romantische Beziehung – selbst eine perfekte ohne Probleme und Krisen – wird nie das sein, was ich mir wünsche“, erinnert sich die 22-Jährige. Ihre Eltern verstehen bis heute nicht, was ihrer Tochter vor fünf Jahren bewusst wurde: Romantische Gefühle empfindet sie nicht. „Mit 13 hatte ich mal einen Freund. Ich mochte ihn sehr und ging davon aus, dass das romantische Liebe sein musste.“ Heute weiß sie: Es war eher ein Nachahmen dessen, was sie bei Älteren beobachtet hatte.

Ihren Freunden hat sie mittlerweile erzählt, dass sie aromantisch ist. Die meisten akzeptieren es – auch wenn viele es nicht nachvollziehen können. „Bei meinen Eltern habe ich allerdings aufgegeben, es zu erklären. Sie verstehen mich einfach nicht“, sagt sie.

Am meisten nerven sie Floskeln wie „Das ist doch nur eine Phase“, „Da wächst du noch raus“ oder „Du hast nur noch nicht den oder die Richtige gefunden“. „Als ob mich andere Menschen besser kennen als ich selbst. Ist das ganze Leben nicht eine Phase?“ Wirklich unangenehm werde es, sagt Ley, wenn Leute meinen, Romantik mache uns erst zu Menschen. Oder dass Aromantiker herzlose Psychopathen seien. Ins Gesicht gesagt hat ihr das bisher zwar niemand, aber in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter häufen sich diskriminierende Äußerungen. „Diese Idee, dass die einzig wahre Liebe romantische Liebe ist, stört mich. Ich liebe ja schließlich wie alle anderen auch, nur eben ohne romantische Gefühle.“

Derzeit ist Ley Waltermann Single. Wäre sie vergeben, wären Sex, Küssen und Kuscheln aber erlaubt. Wie unterschiedlich die Ausprägungen von Aromantik sein können, wird auch bei Ley Waltermann deutlich, obwohl sie sich als rein aromantisch bezeichnet. Das heißt: Beziehung? Ja. Sex? Ja. Gefühle? Nein.

Ihr größter Wunsch für die Zukunft?„Es wäre schön, wenn niemand mehr versuchen würde, mich zu verkuppeln oder meine Orientierung „heilen“ zu wollen, und die Gesellschaft offener für diverse Beziehungsmodelle wird. Dass romantische Liebe als die einzig wahre Liebe angesehen wird, ist ein großer Irrtum.“

*Namen von der Redaktion geändert

AROMANTIK – ORIENTIERUNG MIT ZUKUNFT?: „Ihre Herzen schwingen gleich“

Dr. Markus Valk erlebt in seiner Praxis als Sexualmediziner täglich Menschen mit unterschiedlichsten Orientierungen. Auch Aromantiker kommen zu ihm. Ein Gespräch über Liebe, Bindung und zu wenig Forschung.

UNSER EXPERTE

Dr. Markus Valk
Facharzt für Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Sexual- und Syndyastische Paartherapie

Herr Dr. Valk, warum können manche Menschen keine romantische Liebe empfinden?
Wie bei anderen Orientierungen auch geht es zunächst um die Frage, ob Aromantik angeboren, also genetisch bedingt, oder sozial erworben ist. Leider gibt es dazu keine eindeutige Antwort. Die meisten Aromantiker sind Menschen, die diese Orientierung schon immer hatten und das Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben, nicht kennen. Das hat übrigens nichts mit „normal“ sein zu tun. Aromantiker lieben anders.
Was ist das besondere an aromantischen Beziehungen?
Man könnte sie als rationale Beziehungsstrukturen verstehen, bei denen emotionale Empfindungen im Hintergrund stehen. Herzenswärme und Intimität werden von Aromantikern weniger erlebt. Ihre Herzen schwingen quasi gleich.
Ist es ein Grund zur Sorge, keine romantischen Gefühle zu spüren?
Nein. Wer feststellt, dass er oder sie keine intensiven Emotionen braucht, um glücklich zu sein, der muss sich erst einmal nicht sorgen. Manche Menschen benötigen eben Bindungen, die rational, nicht emotional gesteuert sind. Sie sind deshalb nicht ärmer als andere. Erst wenn ein Leidensdruck besteht, ist Vorsicht geboten.
Was genau meinen Sie damit?
In dem Moment, in dem jemand die eigene Orientierung als Defizit empfindet, würde ich therapeutische Hilfe empfehlen. Dann liegt die Vermutung nahe, dass etwas mit dem eigenen Lebenskonzept nicht stimmt. Stichwort: Verlustund Bindungsängste. Anzeichen können die Vermeidung von Bindungen, Trauer bis hin zur Depression sein. Wir dürfen nicht vergessen: Sexualität und Bindung gehören zu den Grundbedürfnissen eines Menschen.
Sehen Sie in Ihrer Praxis einen Anstieg an Aromantik?
Das Thema ist in der Sexualmedizin noch kaum angekommen. Auch Studien gibt es bisher keine. Wenn ich in dem Bereich forschen würde, läge mein Augenmerk besonders auf einer Überprüfung der Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin. Denn ließen sich bei Aromantikern tatsächlich geringere Mengen des Hormons nachweisen, wäre das eine körperliche Erklärung für ihre aromantische Orientierung.


Fotos: Ronnie Comeau/Stocksy United, Getty Images, privat