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REPORT: BAYERN Was so besonders macht: 100 Jahre Bayern


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 45/2018 vom 02.11.2018

Heiß geliebt – meistgehasst. Der Rest der Republik hegt für den Süden gemischte Gefühle. Comedian Michael Mittermeier erklärt, woher das kommt


Artikelbild für den Artikel "REPORT: BAYERN Was so besonders macht: 100 Jahre Bayern" aus der Ausgabe 45/2018 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 45/2018

FAST WIE IM HIMMEL
Auf einer Almwiese am Nebelhorn bei Oberstdorf grast Jungvieh


Es gibt Momente, in denen er nur noch den Kopf schüttelt: Etwa wenn er in seiner Krachledernen über die Wiesn geht und Touristen in Lederhosen mit Reißverschlüssen sieht. Im Original haben die Knöpfe! Darauf besteht Michael Mittermeier. Die bayerische Lebensart wird eben oft und gern kopiert, aber selten ganz verstanden. Man liebt die Kultur – und lästert über die Politik. Man ...

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Es gibt Momente, in denen er nur noch den Kopf schüttelt: Etwa wenn er in seiner Krachledernen über die Wiesn geht und Touristen in Lederhosen mit Reißverschlüssen sieht. Im Original haben die Knöpfe! Darauf besteht Michael Mittermeier. Die bayerische Lebensart wird eben oft und gern kopiert, aber selten ganz verstanden. Man liebt die Kultur – und lästert über die Politik. Man schwärmt von der Natur – und findet die Menschen oft seltsam. Woher kommt die merkwürdige Hassliebe, die der Rest der Republik für den Süden hegt? Zum 100. Geburtstag des Freistaats (siehe Kasten Seite 12) versucht Comedian Michael Mittermeier in HÖRZU einige Phänomene „seines Landes“ zu erklären:
Ich liebe meine Heimat! Es ist eine On-off-Beziehung, eine Switch-Liebe. Manchmal ist man ziemlich heiß aufeinander, dann sagt man wieder: „Komm, lass uns eine kurze Auszeit nehmen.“ Wie’s halt so ist in einer Beziehung: Gut, wenn’s nicht nur so dahindümpelt, sondern wenn man sich immer wieder fragt: „Ist das noch meins?“ Und dann sagt: „Ja, das ist meins!“ Das muss man immer wieder ausloten, unter allen Aspekten.

URBAYER
Michael Mittermeier wurde 1966 in Dorfen (Oberbayern) geboren, heute lebt er mit seiner Familie in München-Schwabing. Zurzeit ist er auf Tour (siehe Seite 12)


»Hier sagt die Natur: Ich bin für dich da, bin für dich schön!«


GAUDI Karussell (l.) und Bier aus Maßkrügen (r.) auf der Wiesn, dem größten Volksfest der Welt


Bayern und seine Natur Ich genieße es, draußen zu sein. Besonders am Starnberger See, auf der ruhigen Seite. Diese Stille, der Blick übers Wasser, die Alpen, die sich dahinter gen Himmel recken. Das ist mein Refugium! Ich brauche keine Kuhglocken. Wenn man schlafen will, stören die nur. Diese Klischees machen nicht Bayern aus. Es ist die Natur, die man aufsaugt. Wer weit weg in den Urlaub fährt, nach Neuseeland, denkt: „Oh, guck mal: ‚Der Herr der Ringe‘! Die Kamerafahrten über die Berge!“ Als Bayer denkst du: „Die Alpen sind auch nicht schlecht! Sehen sehr ähnlich aus!“ Der Tegernsee, das Berchtesgadener Land, der Chiemsee: Wohin du auch schaust – es ist wow! Die bayerische Natur sagt: „Hey, wenn du dich in mich reinlegst, bin ich für dich da, bin für dich schön.“ Sie kann uns nicht entbinden von allem, was los ist, das können nur wir. Ich glaube eher, dass sie uns Kraft gibt, auch in Zeiten der Globalisierung, die viele verunsichert.


»Bayern schafft den Spagat zwischen Trubel und Ruhe.«
Michael Mittermeier, Comedian


PRUNKSTÜCK Schloss Neuschwanstein bei Füssen, der Touristenmagnet Deutschlands


Bayern und seine Politik Die letzte Wahl war ein sehr hampeliges Bauerntheater. Etwa bei der Flüchtlingsfrage. Das darf man nicht den Rechtspopulisten überlassen. Der Frage müssen sich alle klar stellen: egal ob sie links, rechts oder in der Mitte stehen.

Viele streiten sich, ob Franz Josef Strauß mit der heutigen Politik zufrieden wäre. Ob er die Protestwähler hätte halten können. Er war schon eine schillernde Persönlichkeit. Für mich als Jugendlichen, als Anhänger der Grünen, war er ein Gegner, an dem man sich gut reiben konnte. Aber ich mag diese Pragmatik nicht: Hauptsache, es kommt was Gutes dabei heraus, auch wenn man seine Seele verkauft.

Bayern und seine Wirtschaft Wenn’s nach dem Söder geht, fliegen wir mit der „Söder One“ bald durchs Weltall. Wir Bayern sind ja weit vorn in der Weltraumtechnik und haben Firmen angesiedelt, die sie mit bauen. Aber es sind eben auch Unternehmen aus anderen Teilen Deutschlands dabei – das fällt oft unter den Tisch. Wirtschaftlich geht’s Bayern sehr gut, das ist fast schon Tradition. Wir haben die niedrigsten Arbeitslosenzahlen. Es ist ein reicher Landstrich mit viel Agrarwirtschaft, einzigartiger Natur, die deutschlandweit sehr viele Touristen anlockt, mit toller Architektur.

Bayern und seine Mythen Beispielsweise Schloss Neuschwanstein: Wenn man davorsteht, fragt man sich jedes Mal: „Is it real?“ Man drückt noch mal den Daumen in den Stein, um zu sehen, ob es nicht doch eine Disney-Burg ist. Aber nein! Da war mal ein Bayer, der sagte: „Let’s build something very special!“ Und zwar König Ludwig II. Ob er am Ende selbst in den See gegangen ist oder hineingeschubst wurde? Wir werden es nie erfahren. Wie sollen wir auch, wenn nicht noch einer ein Youtube-Video von damals auftreibt? Aber ich finde diese Mythen eigentlich ganz schön. Die Griechen sind ja auch sehr stolz auf ihre Sagen und Mythen – und dank König Ludwig II. haben wir in Bayern auch ein paar.

FREIZEIT Hinter dem Starnberger See locken gleich die Berge


FEIERABEND Der Biergarten am Chinesischen Turm in Münchens Englischem Garten


Bayern und seine Seele Architektur, Wirtschaft, Natur: Als Bayer hat man schon ein gewisses Selbstbewusstsein. Natürlich gibt es immer Grantler, aber die gibt es überall. Wenn du auf Schalke in einer Fußballkneipe bist, gibt es auch dort Fans, die grantig sind. Wenn ich Grantler höre, fällt mir immer ein, dass wir in Bayern auch sehr schöne Sprüche und Redewendungen haben. Etwa: „Passt scho!“ Da kann ein Asteroid auf einer Kuhwiese runterkommen, wenn der Bauer sich nicht gerade verbrannt hat und seine Klamotten noch heil sind, heißt es: „Passt scho!“ Dann treibt er halt die Kühe auf eine andere Wiese.

„Passt scho!“ hat eine gewisse Abgeklärtheit: Man regt sich nicht immer gleich über alles wahnsinnig auf. Ich glaube, oft könnten alle ein bisserl mehr „Passt scho!“ gebrauchen. Nicht weil alles passt. Natürlich passt nicht alles, wie wir gerade sehen. Vieles ist in Schieflage, in Bayern genau wie in Deutschland und auf der ganzen Welt. Aber es täte uns gut, nicht immer sofort aggressiv miteinander umzugehen. Die Bayern sind nicht die, die immer sofort loskeifen – auch wenn uns das immer wieder unterstellt wird. Dann heißt es gleich: „Ihr Bayern, ihr spinnt ja alle!“ Manchmal ist es vielleicht gut, Dinge offen anzusprechen. Okay, vielleicht nicht in der Art und Weise wie Uli Hoeneß zuletzt.

Bayern und der Fußball Ich war übrigens immer ein großer Fan vom FC Bayern München, schon als ganz kleiner Junge. Und du wechselst deinen Verein nicht! Niemals! Man könnte sagen: Ich habe halt Glück gehabt, dass die so gut spielen. Es schwingen sowieso immer viele Kindheitserinnerungen mit.

Bayern und seine Wiesn Das ist auch beim Oktoberfest so. Wenn ich hinkann, gehe ich jedes Jahr zwei, drei Mal hin. Mittlerweile bin ich mit meiner Tochter dort unterwegs und probiere auch Fahrgeschäfte aus. Dafür ist die Wiesn eigentlich da. Inzwischen wird so ein unsinniger Hype drum gemacht. Ich gehe da einfach hin und verbringe eine schöne Zeit. Die Wiesn – das ist ein Lebensgefühl.

Bayern schafft einfach den Spagat zwischen Ruhe und Trubel. Ich wohne mit meiner Familie in München in der Innenstadt, in Schwabing. Ich liebe das Flair, alles ist um die Ecke: Cafés, ein gutes Restaurant, Kneipen, Theater, der Englische Garten – auch so ein magischer Ort.

Bayern und sein Bier Im Englischen Garten kann man übrigens das wunderbare bayerische Bier genießen, das eine unvergleichliche Tiefe hat. Warum wir immer gleich einen Liter trinken müssen? Auch das hat eine lange Tradition: Früher hat man sich das Bier nämlich direkt bei der Brauerei abgeholt. Und wie der Bayer halt so ist: Er wollte nicht zu oft laufen und hatte lieber gleich große Humpen dabei. Gar nicht so doof die Bayern, oder?

Michael Mittermeier live

DER COMEDIAN ist zurzeit mit seinem Programm „Lucky Punch: Die Todes-Wuchtl schlägt zurück“ auf Tour (siehe unten). Viele weitere Termine auf mittermeier.de

100 Jahre Freistaat Bayern

8. November 1918: Nach dem Sturz von König Ludwig III. rief Sozialdemokrat Kurt Eisner als Anführer der Novemberrevolution den Freistaat Bayern aus. Als Ministerpräsident führte er das Frauenwahlrecht und den Achtstundentag ein, wurde aber 1919 abgewählt und bei einem Attentat getötet. Es folgte der Zweite Weltkrieg. Seit Gründung der Bundesrepublik 1949 setzten sich bayerische Politiker für eine starke Rolle der Bundesländer ein, besonders CSU-Mann Franz Josef Strauß (1915 – 1988), der Bayerns Interessen weltweit vertrat, in den 1980ern aber als Kanzlerkandidat dem amtierenden Helmut Schmidt unterlag.

URGESTEIN
Franz Josef Strauß (CSU), 1978 bis 1988 Ministerpräsident von Bayern


FOTOS: S. 8-9: ALLGÖWER/GETTY IMAGES (GR.), FALKE/THOMAS & THOMAS, MALORNY/GETTY IMAGES; S. 10: SCHMID/LAIF, NIKADA/GETTY IMAGES, KIATYING-ANGSULEE/ALAMY; S. 12: HUBER/LAIF, BAUMGARTEN/GETTY IMAGES, SCHMID/HUBER IMAGES