Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

REPORT: China auf dem Weg zur Supermacht


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 28/2018 vom 06.07.2018

Wie das Reich der Mitte wirtschaftlich, politisch und militärisch unaufhaltsam an die Spitze drängt und den Rest der Welt allmählich abhängt


Artikelbild für den Artikel "REPORT: China auf dem Weg zur Supermacht" aus der Ausgabe 28/2018 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 28/2018

STAATSCHEF
Xi Jinping will, dass China bis 2049 Wirtschaftsmacht Nummer eins wird


Schon elfmal ist Angela Merkel nach China gereist, so oft wie kein anderer westlicher Regierungschef. Doch als die deutsche Kanzlerin im Mai die Hightech-Metropole Shenzhen in Südchina besuchte, war es ihr, als entdecke sie ein neues Land. In Shenzhen, dem einstigen Fischerdorf, fördert Peking die Erforschung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz und Big Data, E-Mobilität und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,09€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 28/2018 von FOTO DER WOCHE: Myanmar: GOLDENE UNTERWELT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOTO DER WOCHE: Myanmar: GOLDENE UNTERWELT
Titelbild der Ausgabe 28/2018 von „Raus aus der Komfortzone!“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Raus aus der Komfortzone!“
Titelbild der Ausgabe 28/2018 von NATUR: Was wir von der Natur lernen können. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NATUR: Was wir von der Natur lernen können
Titelbild der Ausgabe 28/2018 von NATUR: ABGETAUCHT!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NATUR: ABGETAUCHT!
Titelbild der Ausgabe 28/2018 von TECHNIK: Einer für alle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TECHNIK: Einer für alle
Titelbild der Ausgabe 28/2018 von PSYCHOLOGIE: DER geheime Charakter-Code. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PSYCHOLOGIE: DER geheime Charakter-Code
Vorheriger Artikel
NATUR: Was wir von der Natur lernen können
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel NATUR: ABGETAUCHT!
aus dieser Ausgabe

... autonomem Fahren, von Schlüsseltechnologien also, in denen China schon teilweise die Nummer eins der Welt ist. „Das Tempo ist Wahnsinn“, staunte der Staatsgast über Chinas Wandel von der billig produzierenden Werkbank der Welt zur Innovationsschmiede, die den Standort Deutschland abgehängt hat. Der Handelsbilanz saldo mit China zeigte 2017 mit minus 14,26 Milliarden Euro ein deutliches Defizit. Man müsse sich in der Heimat „strategisch auf die Digitalisierung einstellen“, diktierte Merkel der mitgereisten Presse in den Block, die Zusammenarbeit mit China „auf ganz neue Füße“ stellen.


China schert sich umPrivatheits- und Datenschutzrechte nicht im Geringsten.“
Jan Weidenfeld, Mercator Institute for China Studies


WESTLICHE IRRTÜMER

Längst ist China auch auf dem Weg, die USA als Führungsmacht abzulösen: wirtschaftlich, politisch, militärisch. Chinas Aufstieg entlarvt die größten Irrtümer des Westens, allen voran die Doktrin vom „Wandel durch Handel“. Dahinter verbirgt sich die trügerische Hoffnung, kommunistische Länder würden mit ihrer Öffnung zur Marktwirtschaft auch demokratische Reformen einleiten. „Dieses Prinzip hat sich erledigt“, sagt Jan Weidenfeld, der am Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin die Beziehung zwischen Europa und dem Reich der Mitte erforscht, im Gespräch mit HÖRZU. China, reich und autoritär, werde „auf keinen Fall politische Standards und Regeln des Westens übernehmen. Das Land verfolgt seinen eigenen politischen Weg, der in fundamentalem Gegensatz zu liberaler Marktwirtschaft und Demokratie steht.“

Als Illusion hat sich auch die Annahme erwiesen, das Internet sei ein Medium der Demokratisierung und eine Gefahr für Diktaturen, da die Menschen sich online breit informieren könnten. In China zeigt sich im Gegenteil, wie digitale Medien das Regime stärken. Big Data und Big Brother sind eins. Der Staat wacht genau darüber, was die 770 Millionen User des Landes im Netz treiben – und zwar mit seinen digitalen Klonen, etwa der Suchmaschine Baidu, dem Online-Versandhändler Alibaba, dem Kurznachrichtendienst WeChat und dessen Bezahl-App WeChat Pay. Erstaunlich: Trotz ihrer Nähe zum Staat sind Alibaba und der Internetkonzern Tencent aufgestiegen in den exklusiven Klub der Techfirmen mit einem Börsenwert von mehr als 500 Milliarden US-Dollar. Konkurrenzlosigkeit, so scheint es, belebt im Reich der Mitte das Geschäft. Facebook und Twitter sind in China gesperrt, Google hat sich wegen Zensur zurückgezogen. „Die Kommunistische Partei hat immer kontrolliert, was die Menschen wissen durften“, sagt Politologe Eberhard Sandschneider, China-Experte an der FU Berlin. Über Big Data, Gesichtserkennungssoftware und algorithmische Programme sei die Führung „jetzt sogar in der Lage, das Verhalten der Menschen zu steuern“.

Ausverkauf unserer Technologie? Der deutsche Roboterhersteller Kuka ist jetzt chinesisch


Die Stadt Shenzhen etwa ist flächendeckend mit Gesichtserkennungskameras ausgestattet, die jedes Fehlverhalten aufzeichnen und über ein Sozialkreditsystem unmittelbar sanktionieren. Wer nicht brav ist, bei Rot über die Ampel geht oder sich im Netz kritisch über die Partei äußert, verliert auf einem digitalen Benimmkonto einige der 1000 Startpunkte. Auch das Herunterladen von Pornos hat beträchtliche Abzüge und den Verlust von Privilegien zur Folge: Man bekommt Probleme, ein Flugticket zu kaufen, ein Apartment zu mieten oder einen Kredit aufzunehmen. Schon 2020 soll das System landesweit eingeführt werden. „Im Wettbewerb mit den USA und Europa besitzt China neben der Größe und der Abschottung seiner Märkte einen weiteren massiven Standortvorteil: Der Staat schert sich nicht im Geringsten um Privatheits- und Datenschutzrechte“, sagt Weidenfeld. Vorsprung durch Totalitarismus.

Gesichtserkennungssysteme erleichtern das Einkaufen und die staatliche Kontrolle


SUPERMACHT IM NETZ

Nach Recherchen von Merics ist China inzwischen bei E-Commerce, Künstlicher Intelligenz, Big Data und Blockchain-Technologie weltweit führend. Das chinesische Wirtschaftswunder hatte im Westen anfangs noch eine gewisse Bewunderung hervorgerufen, doch jetzt ist die Welt aufgeschreckt. Huawei aus Shenzhen, der drittgrößte Smartphone-Anbieter der Welt, strebt nach der Vorherrschaft im G5-Mobilfunknetz. Der ultraschnelle Mobilfunkstandard G5 ist die technische Basis für die Vernetzung der Welt, für smarte Städte, autonom fahrende Autos, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge. „In Europa unterbietet Huawei die Kosten für die Installierung der Technologie in manchen Ländern um fast 40 Prozent“, sagt Weidenfeld. „Die Chinesen sind nicht nur günstiger, sondern meist auch besser als die Platzhirsche vor Ort. Wir werden in Europa Staaten erleben, deren G5-Infrastruktur komplett aus China stammt.“

Chinas „neuer Kaiser“, Staats- und Parteichef Xi Jinping, der laut Entschluss des Volkskongresses lebenslang im Amt bleiben kann, plant die Zukunft präzise: Bis 2025 soll die Innovationslücke zum Westen geschlossen werden, 2049 die technologische Führerschaft errungen sein. Genau 100 Jahre nach Mao Zedongs Ausruf der Volksrepublik will China alle Schlüsselbranchen beherrschen, auch IT, Robotik, Energiewirtschaft, medizinische Geräte, See- und Schienenverkehr, Raumfahrt.

100 JAHRE DER SCHMACH

„Nach den Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts hatte China den Anschluss an den Westen verloren“, erklärt Sandschneider. „Das Land rutschte ab in die 100 Jahre der Erniedrigung. Die heutige Führung weiß, dass der Grad der Technologisierung über Chinas zukünftige Position in der Welt entscheidet. Deshalb investiert Peking Milliarden in die eigene Innovationskraft.“ Und in Know-how von außen. Bei der Aufholjagd bedient sich China kräftig beim deutschen Mittelstand. Populärstes Beutestück ist der Roboterhersteller Kuka, der 2016 für 4,6 Mrd. Euro an den chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea ging. Auf der Einkaufsliste fanden sich ebenso Hersteller von Gabelstaplern, Kunststoffmaschinen, Windkraftanlagen und Autozulieferteilen, dazu kamen aufsehenerregende Beteiligungen. Bei Daimler stieg der chinesische Milliardär Li Shufu als größter Aktionär (9,69 Prozent) ein, der Mischkonzern HNA aus Haikou beteiligte sich an der Deutschen Bank und griff auch beim Flughafen Frankfurt-Hahn zu. 13,7 Milliarden Dollar investierten chinesische Investoren 2017 in hiesige Unternehmen, so viel wie nie zuvor. Aber es ist nur ein Bruchteil der Summe, die China in ein Vorhaben steckt, das den romantisierenden Namen „neue Seidenstraße“ trägt.

Im Welthandel die Nummer

Kanzlerin Merkel mit Chinas Parteichef Xi Jinping


Chinas Anteil am weltweiten Warenexport nahm seit 1950 stetig zu: von 1,2 Prozent auf 17,2 Prozent 2015. Für China sind die USA und die EU die wichtigsten Absatzmärkte: 18 Prozent seiner Warenexporte gingen 2015 in die USA, 15,6 Prozent in die EU

Prozentuale Anteile am weltweiten Warenexport (ohne den Handel innerhalb der EU)


Peking rüstet auf: Im Mai stach Chinas erster selbst gebauter Flugzeugträger in See


Huawai ist drittgrößter Smartphonehersteller und führender Anbieter von G5-Mobilfunk


E-Auto von Byton: China hat die deutschen Autobauer abgehängt


Sie ist der Grundpfeiler der chinesischen Expansion: „One belt, one road“ – „Ein Gürtel, eine Straße“. China baut in über 60 Ländern Asiens, Afrikas und Europas neue Straßen, Eisenbahntrassen, Pipelines und Häfen. Es entsteht dadurch ein Netzwerk von Java bis Kasachstan, von Dschibuti bis Duisburg. 1000 Milliarden US-Dollar stellen Chinas Banken für das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten bereit. Um die neuen Häfen im pakistanischen Gwadar, in Dschibuti am Horn von Afrika, im griechischen Piräus und in Klaipeda in Litauen bauen zu können, haben die Partnerländer chinesische Kredite angenommen und sich in eine finanzielle Abhängigkeit gebracht, die Peking in politischen Einfluss ummünzen wird.

Wie man es von einer kommenden Supermacht erwartet, übersetzt China wirtschaftlichen Erfolge auch in militärische Stärke. Das Land steigert seine Militärausgaben in diesem Jahr um 8,1 Prozent. Im Mai ist der erste komplett in China gebaute Flugzeugträger in See gestochen. Jan Weidenfeld erkennt so auch eine Zäsur in der dortigen Außenpolitik: „Früher versuchte China aus der Defensive heraus, das kommunistische System vor westlichen Einflüssen zu schützen. Heute propagiert man offensiv die Entwicklungsdiktatur als ein System, das liberalen Demokratien und Marktwirtschaften überlegen ist.“ Dass Chinas Propaganda an den Rändern Europas Wirkung zeigt, verschärft die Krise auf dem Kontinent.


ILLUSTRATION S. 12-13: PM HOFFMANN FÜR HÖRZU; FOTOS S. 14-15: ZHANG/DPA PICTURE-ALLIANCE (3), GETTY IMAGES (2), LIU/BYTON; INFOGRAFIK: HÖRZU