Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

REPORT: CORONA-KATASTROPHE im Pflegeheim


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 41/2020 vom 02.10.2020

Hinter verschlossenen Türen: Eine ARD-DOKU hat den Virusausbruch in Wolfsburg beeindruckend rekonstruiert


Artikelbild für den Artikel "REPORT: CORONA-KATASTROPHE im Pflegeheim" aus der Ausgabe 41/2020 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 41/2020

SCHWERER GANG Im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg kämpften viele Bewohner gegen das Virus – ums Überleben


Es gibt Nachrichten, die gehen einem nicht mehr aus dem Kopf:So wie das Drama, das sich am Anfang der Coronapandemie in einem Wolfsburger Pflegeheim abspielte. Innerhalb weniger Tage infizierten sich dort 112 der 160 Bewohner mit dem bedrohlichen Virus, 47 von ihnen starben. Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Wäre so etwas in Zukunft verhinderbar? Wie erlebten die Menschen im abgeriegelten ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,09€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 41/2020 von Liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 41/2020 von FOTO DER WOCHE: Guanakos in Patagonien: FAMILIE IST ALLES. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOTO DER WOCHE: Guanakos in Patagonien: FAMILIE IST ALLES
Titelbild der Ausgabe 41/2020 von HÖRZU TV-THEMA DER WOCHE: ALLEIN gegen die Mafia. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HÖRZU TV-THEMA DER WOCHE: ALLEIN gegen die Mafia
Titelbild der Ausgabe 41/2020 von GESUNDHEIT: Die 25 wichtigsten ERNÄHRUNGS-FRAGEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GESUNDHEIT: Die 25 wichtigsten ERNÄHRUNGS-FRAGEN
Titelbild der Ausgabe 41/2020 von TV-AKTUELL: Stadt der Geheimnisse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TV-AKTUELL: Stadt der Geheimnisse
Titelbild der Ausgabe 41/2020 von NATUR: König der Lüfte. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NATUR: König der Lüfte
Vorheriger Artikel
NATUR: König der Lüfte
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel GESUNDHEIT: Für eine STARKE BLASE
aus dieser Ausgabe

... Hanns-Lilje-Heim die Situation? In der Quarantäne hatte außer Bewohnern und Pflegekräften niemand Einblick.

ISOLATION Nach dem Coronaausbruch wurde das Hanns-Lilje-Heim hermetisch abgeriegelt


ANGST Innerhalb kurzer Zeit infizierten sich 112 Bewohner, 47 starben


Die ARD-Reporter Arnd Henze und Sonja Kättner-Neumann rekonstruierten die tragischen Wochen vor Ostern für ihre Dokumentation „Ich weiß nicht mal, wie er starb“ (siehe TV-Tipp Seite 24). Schon im März, als Henze die Nachrichten über das Wolfsburger Heim in der Zeitung las, wusste er, dass er der Sache auf den Grund gehen wollte. Bald darauf nahm er mit Kollegin Sonja Kättner-Neumann Kontakt zur Heimleitung auf. Nach langen Briefen und intensivem Austausch per Telefon erfolgte die Einladung. „Die Heimleitung, Pflegekräfte und auch Angehörige haben sich darauf eingelassen, weil sie eine ehrliche Aufarbeitung der tragischen Geschehnisse wollen. So wurde es uns ermöglicht, mit allen Beteiligten sehr offen zu sprechen“, sagt Reporter Arnd Henze.

Dreieinhalb Tage lang drehten sie im Hanns-Lilje-Heim, führten zudem zahlreiche Interviews mit Angehörigen und auch Politikern in Wolfsburg. Besonders aufwendig waren die Schutzvorkehrungen für die Filmarbeiten in der Seniorenanlage. Um das Risiko einer Infektion zu minimieren, machten die Dokufilmer vorher jedes Mal einen Coronatest, reisten mit dem Auto an, trugen Schutzkleidung und verzichteten auf ein zusätzliches Kamerateam. Um die Filmaufnahmen kümmerte sich Sonja Kättner-Neumann.

Erschüttert und allein

Wie war die Atmosphäre bei ihrem ersten Besuch im Juli? „Wir haben sofort gespürt, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die noch ganz gefangen sind in dem, was sie Schreckliches erlebt haben“, berichtet Sonja Kättner-Neumann. Erst wenige Tage vor dem Dreh hatten im Heim die ersten Gespräche der Traumanachsorge begonnen, um alles aufzuarbeiten. „Jeden Moment war spürbar, dass dort eine Trauer ist, ein Erschöpftsein“, so Henze.

VORSORGE Alle Pflegekräfte mussten Schutzanzüge tragen – auch für die Heimbewohner schwierig


HELFER Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs schaltete sich ein


TRAUER Familien konnten sich nicht von ihren Liebsten verabschieden


Das Heim ist bis heute aufgeteilt in zwei Bereiche: die Station der Glücklichen, die von Corona verschont blieben, und die Station der Überlebenden, unter denen das Virus grassierte. Auf dem Höhepunkt der Pandemie war sie die Isolierstation. Bis heute ist nicht geklärt, wie das Virus ins Heim gelangen konnte. Aber als es endlich erkannt wurde, war es bereits zu spät: Innerhalb weniger Tage hatten sich schon 112 Bewohner angesteckt, obendrein mehr als 40 Pflegekräfte.

„Das Virus ist sehr früh in dieses Heim gelangt. In einer Phase, in der das Land eigentlich noch nicht vorbereitet war“, sagt Henze. „Wir haben zum Beispiel sehr eindrucksvoll beschrieben bekommen, wie Mitarbeiter und auch der Oberbürgermeister von Wolfsburg, Klaus Mohrs, tagelang verzweifelt versucht haben, an Tests zu kommen.“ Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Schon heute, wenige Monate danach, kann man sich nur schwer vorstellen, dass es tatsächlich eine Woche dauerte, bis man getestet werden konnte.

Leiden in der Isolation

Zusätzliche Herausforderung: Da die Bewohner des Heims an Demenz erkrankt sind, haben sie einen enormen Bewegungsdrang und ein starkes Bedürfnis, sich gegenseitig zu berühren. „Es war den Pflegekräften gar nicht möglich zu sagen: ,Bleibt bitte in euren Zimmern, und achtet darauf, dass ihr Abstand haltet!’“, sagt Henze. In der akuten Phase mussten alle Pflegekräfte einen Schutzanzug und Schutzbrillen tragen. Sie hätten sich gegenseitig nur noch an ihrer Stimme erkannt, berichten sie. Was das für die Bewohner bedeutete, kann man nur erahnen. Der Film zeigt deutlich, wie schwer es ihnen fällt, nicht die Mimik ihres Gegenübers sehen zu können. Es verunsichert und verängstigt sie enorm.

Alle Seiten erlebten in dieser Zeit eine komplette Überforderung. „Die Pflegekräfte arbeiteten bis zur Erschöpfung – und fragten sich trotzdem: Hätten wir nicht mehr tun können?“, so Henze. „Manche von ihnen haben während eines Arbeitstages miterlebt, wie fünf Bewohner nacheinander verstorben sind.“ Direkt nach Dienstschluss mussten alle in häusliche Quarantäne, waren von der Familie isoliert, hatten keinen Arm, in den sie fallen konnten. Aus heutiger Sicht fragt Arnd Henze: „Wo sind die Notfallseelsorger gewesen? Wo waren die Menschen, die den Pflegekräften beim Schichtwechsel einen Tee und eine Zigarette angeboten haben?“

Abgeschottet von ihren Liebsten fühlten sich auch Angehörige verlassen und verzweifelt. Eine unerträgliche Situation, vor allem bei Sterbefällen. Mit ihren Gefühlen sind sie bis heute allein geblieben. Viele Fragen sind noch ungeklärt: Gab es keine Möglichkeit, ihre Angehörigen zu retten? Wie ging es denen, als sie starben? Warum konnten sie nicht dabei sein? Die ARD-Reporter beleuchten die Situation sehr behutsam, prangern nicht an, beobachten genau, lassen alle Seiten zu Wort kommen.

Eine ähnliche Situation wie in Wolfsburg trat im Frühjahr auch im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) auf. Dort fand Covid-19 den Weg auf die hochsensible Krebsstation. 40 Mitarbeiter und 22 Patienten waren infiziert, elf Menschen starben. Auch dort sind viele Fragen offen. In beiden Ausbruchsfällen wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, die Ermittlungen dauern an.

Die Filmer der ARD-Doku ziehen bewusst kein Fazit, doch ihr Film macht eines deutlich spürbar: Nie wieder dürfen Menschen in Situationen wie diesen so alleingelassen werden.

REPORTER Arnd Henze (r.) und Sonja Kättner-Neumann (2. v. r.) im Hanns-Lilje-Heim


”Als das Virus ins Heim gelangte, war das Land noch nicht vorbereitet.“
Arnd Henze, ARD-Reporter



FOTOS: S. 22-23: GRABOWSKY/GETTY IMAGES (2), STEFFEN/DPA PICTURE-ALLIANCE, THIES/EPD BILD; S. 24: GETTY IMAGES (3), HUTZLER/DPA PICTURE-ALLIANCE, IMAGO, PRIVAT