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REPORT: DIE FASZINATION DES BÖSEN


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 24/2019 vom 21.10.2019

Sie haben Schreckliches getan, sitzen für Jahre hinter Gittern – und doch werden sie geliebt und hofiert. Warum sind verurteilte Verbrecher für einige Frauen so interessant? Wer verliebt sich in sie – und vor allem: Warum?


DIE VERNUNFT SETZT EINFACH AUS

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Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 24/2019

BLIND VOR LIEBE? Die junge Schwedin Madeleine schreibt Anders Breivik Liebesbriefe. Der sitzt für 21 Jahre mit anschließender Sicherheitsverwahrung in Haft – Höchststrafe in Norwegen

DR. TOD Der britische Arzt Doktor Harold Shipman tötete bis 1998 mindestens 218 ältere Frauen. Seine Ehefrau Primrose hielt ihn bis zu seinem Suizid 2004 für unschuldig ...

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DR. TOD Der britische Arzt Doktor Harold Shipman tötete bis 1998 mindestens 218 ältere Frauen. Seine Ehefrau Primrose hielt ihn bis zu seinem Suizid 2004 für unschuldig

WIE EINEN ROCKSTAR umschwärmten Frauen Charles Manson: Susan Atkins (hinter Gittern), Mary Brunner (im Punkte- Kleid) und Patricia Krenwinkel (lachend zwischen anderen) mordeten für ihn

Einmal pro Woche schreibt sie ihm einen hingebungsvollen Brief, der mit „Liebster Anders“ beginnt. „Ich würde mein Leben wirklich nicht ohne ihn verbringen wollen“, sagt die 29-jährige Schwedin Madeleine über Anders Breivik – jenen Breivik, der 2011 mit einer Bombe im Regierungsviertel Oslos und bei einem Amoklauf auf der kleinen Insel Utøya 77 Menschen ermordet hat. 69 der Opfer waren Kinder und Jugendliche. Eine grausame, unverzeihliche Tat – dennoch erreichen den Verurteilten jeden Tag mehr als 60 Liebesbriefe.

Es ist ein Phänomen: Serienmörder haben oft mehr Verehrerinnen als Hollywoodstars. Das gilt auch für Jack Unterweger, der es nach seinem ersten Mord an einer Prostituierten verstand, sich der österreichischen High Society als arme, missverstandene Seele zu verkaufen. Frauen schrieben ihm Wäschekörbe voll Briefe, seine Gedichte und Bücher wurden über die Maßen gefeiert, ein Radiosender nannte ihn gar „Wunder eines Menschen“. 16 Jahre nach seiner Verurteilung wurde er entlassen und von der feinen Wiener Gesellschaft mit offenen Armen empfangen – auch von Astrid Wagner. Die Strafverteidigerin besuchte den Täter, die beiden wurden ein Paar. Sie hielt ihm auch noch die Treue, als er mutmaßlich neun weitere Frauen ermordete. „Das Beispiel von Astrid Wagner zeigt, dass sich nicht nur schüchterne Mäuschen zu Schwerverbrechern hingezogen fühlen“, sagt Borwin Bandelow, Psychiater an der Uni Göttingen und Autor („Wer hat Angst vorm bösen Mann?“, Rowohlt).

FAMILIENGRÜNDUNG Kurz bevor er für den Mord an 30 Frauen zum Tode verurteilt wurde, verliebte sich Carole Ann Boone (u.) in Serienkiller Ted Bundy (l.). Die beiden heirateten, bekamen eine Tochter – für die Zeit zu zweit soll das Paar Wärter bestochen haben. 1989 wurde Bundy hingerichtet

„Im Gegenteil sind es oft etwa Lehrerinnen oder Anwältinnen. Die sexuelle Anziehung läuft über das Belohnungssystem im Gehirn – und das agiert unabhängig von jedweder Intelligenz. Erinnern Sie sich an den Bad Boy aus Teenagertagen, den Ihre Eltern abscheulich fanden, während Sie total verliebt waren? Kopf und Bauch arbeiten nicht immer notwendigerweise zusammen.“ Anders gesagt: Wenn das Belohnungszentrum blind der sexuellen Anziehung folgt, kann das Vernunftszentrum nicht mehr viel ausrichten.

Es gibt auch Frauen, die eigentlich Angst vor derart gewalttätigen Männern kennen – oder in der Vergangenheit unter einem gelitten haben. Nun drehen sie den Spieß um: Der Mann sitzt ja fest hinter Gittern. Nur sie allein entscheiden, wann sie zu Besuch kommen oder wieder gehen – ähnlich einer Dompteuse im Löwenkäfig. „Sich mit der Bestie konfrontiert zu haben, wird mit einer starken Endorphinausschüttung belohnt“, so Bandelow.

TREUE SEELE Astrid Wagner verliebte sich in Jack Unterweger, als er wegen (eines) Mordes einsaß – sie schrieb ein Buch über ihre Überzeugung, er sei unschuldig. Kurz nachdem er für neun weitere Morde verurteilt worden war, beging er in seiner Zelle Suizid

Wer das Vermittlungsportal Jailmail durchforstet, auf dem Inhaftierte nach Kontakten außerhalb des Gefängnisses suchen, findet, was so viele Frauen auf den ersten Blick anspricht: nackte Oberkörper, Muskeln und Tattoos. „Die erotische Verlockung wird gepaart mit Hilfsbedürftigkeit“, erklärt Autorin Elisabeth Pfister, die für ihr Buch „Wenn Frauen Verbrecher lieben“ (Ch. Links Verlag) mit mehr als 25 „Knastbräuten“ gesprochen hat. „Die Botschaft der meisten Anzeigen lautet in etwa: ‚Ich bin ein vereinsamter Mann, der zu Unrecht einsitzt und überhaupt keinen Besuch mehr bekommt. Hilf mir – und ich werde dich lieben, wie du noch nie geliebt worden bist.‘“

Man nennt ihn auch das „Amiga- Syndrom“ (kurz für „Aber meiner ist ganz anders“): den Glauben einer Frau, sie könne den Mann bekehren. „Frauen, die für niemanden je wirklich wichtig waren, erleben zum ersten Mal, bedeutsam für einen Menschen zu sein“, ergänzt Bandelow. „Und der Mann sagt ihr dann auch noch: ‚Ohne dich macht das Leben keinen Sinn!‘“

Dabei sei der manipulative Charme eines Psychopathen gar nicht leicht zu durchschauen, erklärt Bandelow weiter: „Unter Männern, die morden, vergewaltigen und Körperverletzung begehen, ist der Anteil antisozialer Persönlichkeitsstörungen sehr hoch. Besser als mancher Psychologe können sie die Schwächen und Bedürfnisse ihres Gegenübers erspüren – und erfassen blitzschnell, was es braucht, um ihn oder sie verführen zu können.“

Joe Bausch nickt zustimmend, wenn er das hört. Der pensionierte Gefängnisarzt und Kölner „Tatort“- Star hat lange in der Justizvollzugsanstalt Werl gearbeitet und ein Buch darüber geschrieben („Gangsterblues“, Ullstein). „Die Männer sagten zu mir: ‚Du hast mir so toll geholfen‘ oder ‚Du bist der Einzige, der mir noch helfen kann‘ – weil sie Beruhigungs- oder Schlafmittel, ein zweites Kissen oder eine Empfehlung für einen anderen Arbeitsplatz wollten“, so Bausch. Da kann man sich schon mal geschmeichelt fühlen: Es gibt Gerichtsgutachter, die sich um den Finger wickeln lassen und einem noch immer gefährlichen Gewalttäter mit ihrer Prognose zur Freilassung verhelfen. Oder Justizvollzugsbeamtinnen, die Inhaftierten die Flucht ermöglichten.

Dabei nehmen diese Männer jede Anstrengung in Kauf, um die Frau auf der anderen Seite der Gitterstäbe zu bezirzen und zu halten. Erstes Mittel der Wahl sind Liebesbriefe: „Und die haben es in sich“, sagt Joe Bausch. „Gerade Heiratsschwindler und Hochstapler sind wahre Meister. Im Knast wird damit auch gehandelt: Gegen zwei Päckchen Tabak bekommt man einen Liebesbrief, der literarische Qualität hat.“ In sorgfältig gewählten Worten eröffnet der Inhaftierte Zukunftsperspektiven, beschreibt, wovon er träumt und was er mit der Frau noch erleben möchte, sobald er erst in Freiheit ist. „Das hat seinen ganz eigenen Reiz“, so Joe Bausch. „Fragen Sie doch mal eine Frau Mitte oder Ende Vierzig, wann sie ihren letzten Liebesbrief bekommen hat.“

Joe Bausch kennt einen Inhaftierten, der seit 20 Jahren mit der Frau zusammen ist, die ihm einst in den Knast geschrieben hat. Tragfähige Beziehungen werden von den Beamten unterstützt: Verheiratete Männer werden seltener rückfällig als Alleinstehende. Elisabeth Pfister sprach mit einer Frau, die seit Jahren mit einem Inhaftierten verheiratet ist. Die leidenschaftliche Tierliebhaberin wurde in ihrer Kindheit geschlagen und missbraucht. „Dann verliebte sie sich in einen Frauenmörder, der zuvor jahrelang Tiere zu Tode gequält hatte“, erzählt Pfister. „Sie aber sagt: ‚Ich würde ihm all meine Tiere anvertrauen, er ist durch mich ein anderer Mensch geworden.‘ Sie fühlt sich in ihrem Vertrauen zu ihrem Mann noch mehr bestätigt, als er ihr gesteht, er habe nach wie vor Gewaltfantasien. Die Geschichte dieser Frau hat mich sehr berührt. Ich habe nach stundenlangen Gesprächen mit ihr verstehen können, warum sie sich ausgerechnet in einen Tierquäler und Mörder verliebt hat und weshalb das für sie mit ihren Wunden und Verletzungen die perfekte Lösung ist. Auf diesen Mann kann sie all ihre Liebe projizieren – ohne Angst haben zu müssen, dass ihr noch einmal passiert, was ihr in der Kindheit widerfahren ist. Der Mann wird das Gefängnis nie verlassen.“


Fotos: Trons/trons.se, dpa Picture-Alliance (5), ddp images (2), action press, laif, ullstein bild