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Report „Erst als ich Mutter vergab, heilten auch meine Narben“


Lisa - epaper ⋅ Ausgabe 52/2018 vom 18.12.2018

Katjas (42) Kindheit war schwierig. Sehr schwierig. Sie wurde vernachlässigt und sogar misshandelt. Die seelischen Wunden bestimmten ihr Leben. Bis sie eine Entscheidung traf


Artikelbild für den Artikel "Report „Erst als ich Mutter vergab, heilten auch meine Narben“" aus der Ausgabe 52/2018 von Lisa. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lisa, Ausgabe 52/2018

„Es ist gut, Mama endlich ohne diesen Groll begegnen zu können“, erzählt Katja


Eines der wenigen Kinderbilder, das Katja von sich hat


Du hast mein Leben ruiniert!“ Ein Satz wie Gift. Katja* (42) erinnert sich gut an diesen Sonntag vor 25 Jahren, an dem er ausgesprochen wurde. Sie erinnert sich an die kalte Stimme ihrer Mutter, an die Wut in ihrem Blick.

„Heute weiß ich, dass das nicht nur Wut war, sondern auch Verzweiflung“, beginnt ...

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... die Verwaltungsfachangestellte zu erzählen. „Meine Mutter war nie glücklich. Immer auf der Suche. Eine Getriebene. Und es stimmt: Sie hätte vielleicht besser kein Kind bekommen.“

Aber so war es nun mal. Sie hatte eine Tochter. Und die hätte tatsächlich erwarten dürfen, dass ihre Mutter sich kümmert. Verantwortung übernimmt. Doch das tat sie nie wirklich. „Sicher, sie hat mich als Baby versorgt. Sie hat mich immerhin nicht verhungern lassen. Ich hatte etwas zum Anziehen, ein Bett, wurde gewaschen.“ Doch es fehlte an Liebe.

Die meiste Zeit zumindest. Wenn ihre Mutter gerade mal keine Affäre hatte, dann hat sie Katja als ihre „kleine Freundin“ bezeichnet und sie wie ein Püppchen behandelt. Sie hat ihr hübsche Kleider gekauft und sogar Kuchen gebacken.


„Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.“
Mahatma Gandhi


Doch bald ging es wieder los. Katja merkte es, wenn ihre Mutter unruhig wurde. „Dann setzte es schon mal eine Ohrfeige.“ Und bald war ihre Mutter wieder jeden Abend unterwegs. Bis sie den nächsten Mann an der Angel hatte. Dann störte Katja …

Nie wieder! Das hatte sich Katja nach diesem großen Streit geschworen. Nie wieder würde sie sich so behandeln lassen. Und nie wieder würde sie auf nettes Getue reinfallen – um dann doch wieder zu stören. „Ich bin dann bald ausgezogen. Und ich habe aufgehört, darauf zu hoffen, dass meine Mutter doch noch eine richtige Mama wird. Eine, die sich interessiert, auf die man sich verlassen kann.“

Ab da verließ sich Katja nur noch auf sich selbst. Sie wollte alles anders, besser als ihre Mutter machen: einen richtigen Job haben. Eine Ehe, die hält. Kinder, für die sie da ist.

Träume, die sich nicht erfüllten. Obwohl immerhin das mit dem Job hat geklappt. Aber keine ihrer Beziehungen hielt länger als ein Jahr. „Mein Misstrauen und meine Ansprüche haben immer alles kaputt gemacht. Und meine Traurigkeit.“

Wenn die sie überfiel, dann wurde sie nach außen aggressiv und abweisend. In diesen Zeiten mied sie ihre Mutter komplett. Sonst waren sie in Kontakt. Auch wenn das Verhältnis kühl war, sahen sie sich recht regelmäßig.

Dann kam der Zusammenbruch. Da war Katja 38. Ein Burn-out, sagte ihr Arzt. Und fragte sie, was sie denn so viel Kraft kostet. Denn dass es nicht an ihrer Arbeit lag, wusste auch er. „Mir wurde plötzlich klar, dass ich immer noch dieses Gift in mir habe. Dass mein Groll mich selbst vergiftet. Und ich verstand, woher meine ‚unerklärliche Traurigkeit‘ kam.“

Katja fasste eine Entscheidung: Sie würde ihrer Mutter verzeihen. „Anfangs fühlte sich die Idee seltsam an. Falsch. Aber je länger ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde mir: Ich wollte frei sein!“

Es gab keine große Aussprache. Das wollte Katja nicht. „Ich verzieh Mama innerlich. Das heißt nicht, dass ich plötzlich okay finde, was sie getan hat. Aber ich kann sehen, dass sie nicht anders konnte. Warum auch immer …“

Seither geht es Katja gut. Sie ist auch mit jemandem zusammen. Seit drei Jahren schon. Glücklich!

Die Kraft des Verzeihens

Es gibt Dinge, die wiegen schwer. Die kann man doch nicht einfach vergessen, oder? Muss man auch nicht. Aber man kann den Groll loslassen.
Die negativen Folgen von Wut Eine buddhistische Weisheit besagt: „An Zorn festhalten, ist wie Gift trinken und erwarten, dass der andere daran stirbt.“ Das bestätigen Psychologen. Sie wissen, dass Menschen, die nicht vergeben können, vor allem sich selbst schaden. Negative Gefühle lösen starken negativen Stress aus. Und der ist sehr ungesund für Körper und Seele. Wer in der Opferrolle verharrt, kann sein Leben auch nicht mehr gestalten. Er blockiert sich selbst.
Vergeben bedeutet nicht billigen Es gibt Taten, die sind so schrecklich, dass sie im Grunde unverzeihlich sind. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass „verzeihen“ gleichbedeutend mit „gutheißen“ ist. Experten sagen allerdings, das sei ein Denkfehler. Verzeihen bedeutet vielmehr, mit dem Geschehenen abzuschließen. Bewusst zu sagen: Mir ist Unrecht geschehen, aber ich befreie mich und den anderen aus diesem Gefängnis. Denn das Unverzeihliche zu verzeihen, hat eine ungeheure Macht. Eine Macht, die größer ist als der Schmerz.
Der Weg in die Freiheit Solange der Schmerz frisch ist, sollte man nicht von sich erwarten, loslassen zu können! In dieser Phase ist es wichtig, sich selbst einzugestehen, dass man schwer getroffen ist. Im nächsten Schritt sollte man sich aber bereits vornehmen, eines Tages zu verzeihen. Psychologen haben herausgefunden, dass schon das einen enorm positiven Effekt hat. Und wenn man den spürt, schafft man es leichter, bewusst zu sagen: „Ich lasse meinen Schmerz los, indem ich dir vergebe.“ Das hilft übrigens sogar dann, wenn man es nur innerlich und nicht zum „Täter“ sagt.

Den ersten Schritt tun

Schon Elton John sang „Sorry seems to be the hardest word“. Und es stimmt: Vielen fällt es schwer, „Tut mir leid“ zu sagen. Dabei kann es so guttun, entschuldigt zu werden.
Die Last auf der Seele Wenn wir einen anderen Menschen verletzen, ungerecht waren oder einen Fehler begangen haben, dann lastet dies auf zwei Seelen. Auf der des Betroffenen natürlich. Aber auch auf der unseren, weil wir uns schuldig fühlen. Diese Last verhindert, dass man sich normal – liebevoll oder im Job auch einfach nur sachlich – begegnen kann.

Es ist sehr befreiend, die eigenen Fehler eingestehen zu können


Die Angst vor der Schwäche Einen Fehler zuzugeben, fällt auch deshalb so schwer, weil wir glauben, damit in die Position des Schwächeren zu geraten. Und es stimmt natürlich: Wir gestehen ein, nicht perfekt zu sein. Aber genau das ist eine Stärke – die liebenswert macht.
Richtig um Verzeihung bitten Der erste Teil sollte immer aus der Mitteilung bestehen, dass es einem leidtut. Dass man gern die Zeit zurückdrehen würde, um den Fehler ungeschehen zu machen. Im zweiten Schritt ist es wichtig, die Verantwortung zu übernehmen. Mit einem Satz wie: „Ich habe mich dumm verhalten“ oder „Es war meine Schuld“ zeigt man Reife und übernimmt Verantwortung. Je nach Schwere des Fehlers ist es angebracht zu fragen, wie man ihn wieder gutmachen kann. Langatmige Rechtfertigungen sollte man sich sparen, eine kurze Erklärung, wie es zu dem Vorfall kommen konnte, hilft hingegen dem anderen, Mitgefühl zu entwickeln.


* Name von der Redaktion geändert; Fotos: fotolia (2), iStock (2)