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REPORT: Klavierstunde mit Lang Lang


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 14/2019 vom 29.03.2019

Der Starpianist zeigte unserer Chefreporterin ein paar Tastentricks. Was man von einem Genie lernen kann


Artikelbild für den Artikel "REPORT: Klavierstunde mit Lang Lang" aus der Ausgabe 14/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 14/2019

WELTKLASSE Lang Lang ist einer der besten Pianisten unserer Zeit. Sein Name bedeutet „Brillanter Mann“. Mit vier Jahren spielte er schon „Für Elise“ (l.)


TREFFEN IN BERLIN
Lang Lang, Preisträger der GOLDENEN KAMERA 2013, und HÖRZU-Chefreporterin Mirja Halbig am Flügel


»MUSIK KANN UNSER LEBEN VERÄNDERN.«


Lang Lang, Pianist

FINGERSPITZENGEFÜHL Lang Lang nimmt die Stunde sehr ernst, gibt wertvolle Ratschläge


Ein Traum wird wahr: Lang Lang wird eine Stunde mein Klavierlehrer sein! Der Flügel steht bereit, ...

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... aber der Starpianist ist noch nicht da. Zögerlich setze ich mich schon ans Instrument, lege meine Finger auf die Tasten und übe ein paar Takte von „Für Elise“, einem der Stücke, die Lang Lang auch auf seinem neuen Album „Piano Book“ interpretiert, das am 29. März erscheint (siehe CD-Tipp Seite 24).

Insgeheim bete ich, Lang Lang möge in diesem Moment bitte, bitte noch nicht über den Flur kommen. Er soll nicht schon vor unserem Unterricht den Kopf aus Verzweiflung in seinen Händen vergraben. In einem Video im Internet erzählt der 36-Jährige, es sei das Schlimmste, wenn Menschen „Für Elise“ so gefühllos spielen wie einen Handy-Klingelton: „Da-dada-da-da-da-da-da-daaa“. Ich gebe alles, damit es nicht so klingt.
Aber auch wenn ich wirklich alles gebe: Kann mein Vortrag jemals gut genug sein für Lang Lang? Mit zehn Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen, bis 15 bekam ich Unterricht, dann habe ich leider aufgehört, wie so viele Teenager. Das ist nun 25 Jahre her. Seit vier Wochen erst steht mein Klavier in unserem Zuhause in Hamburg. Seitdem habe ich jede freie Minute zum Üben genutzt, dadurch fühle ich mich ein wenig sicherer. Trotzdem bin ich nervös – was ich vor Interviews oder Reportagen normalerweise nie bin, egal wer mir gegenübersitzt. Heute ist das anders.

Lang Lang kommt herein – zum Glück nachdem der letzte Ton meines Übungsspiels verklungen ist: lachend, bestens gelaunt, sehr entspannt. Trotzdem verströmt er eine intensive Präsenz, die den Raum erfüllt, die Atmosphäre sofort prägt. Was für eine Aura! Der Klassikstar aus China reicht mir die Hand. Eine wertvolle Begrüßung. Später erfahre ich: Seine Finger sind für 30 Millionen Euro versichert. Wir legen los. Mit einem kurzen Nicken bittet Lang Lang mich zu spielen. Sein Blick wird ernster. Meine Augen kleben an Beethovens Noten. Konzentration, Töne treffen. Es läuft gut – bis zum e in Takt 15. „Kein Problem, noch mal bitte!“, sagt Lang Lang. Ganz geduldig. Nach wenigen Minuten ist die Anspannung verflogen. Der Klassikstar lobt, zeigt Griffe, gibt Tipps. Er ist der perfekte Motivator. Kaum jemand weiß so genau, was ein Schüler braucht, um angespornt zu werden. Mit drei Jahren begann Lang Lang selbst, Klavier zu spielen – einfach weil er mal so gut sein wollte wie der Kater in „Tom und Jerry“. Mit vier Jahren übte er bereits drei Stunden am Tag.

LEIDENSCHAFT Lang Lang, der etwa 130 Konzerte pro Jahr spielt, will andere für Musik begeistern


Die Finger fliegen über die Tasten

„Meine erste Lehrerin hat mir die Liebe zur Musik vermittelt, die Leidenschaft für die Stücke. Sie hat mir die Geschichten hinter den Noten erzählt: wie Beethoven gelebt oder wie Mozart gedacht hat“, wird Lang Lang im Interview nach der Klavierstunde sagen. „Am besten lernen wir alle, wenn es interessant ist und die Fantasie angeregt wird.“ Je länger man ihn erlebt, umso klarer wird: Er liebt Musik und tut alles, um andere mit seiner Begeisterung anzustecken. Während des Unterrichts ergreift er plötzlich kraftvoll meine Finger und führt sie über die Tasten. In diesen Momenten spürt man die Energie, die in dem Weltstar steckt.

Schon mit acht Jahren schrieb er in einem Aufsatz, er wolle „Weltklassepianist“ werden. Kurz darauf wäre es fast anders gekommen: Als er mit neun Jahren auf das Konservatorium nach Peking wechselte, brach seine neue Lehrerin die Stunde ab. Lang Lang habe kein Talent, es mache keinen Sinn, ihn weiter zu unterrichten. „Wie kann man ein Kind nur so entmutigen?“, sagt Lang Lang. Und als wäre das nicht schon Enttäuschung genug, tobte auch noch sein strenger, ehrgeiziger Vater. Aber der Junge fand Kraft und Trost im Klavierspiel, machte weiter.

CD-TIPP
Auf „Piano Book“ spielt Lang Lang unter anderem Bach und Mozart. Deutsche Grammophon, ab 29.3.


Heute führt ihn die Musik um die ganze Welt. Unsere Klavierstunde findet in Berlin statt. Vor ein paar Jahren hatte er hier noch eine Wohnung, heute lebt er in New York, Peking, Paris. Vier Flügel nennt er sein Eigen. „Zurzeit habe ich Glück: Meine Nachbarn sind alle Musikliebhaber“, erzählt er. „Vor drei Jahren wohnte in Peking noch eine Dame unter mir, die sich laufend beschwerte. In den sozialen Medien schrieb sie: ,Lang Lang übt jede Nacht. Es stört mich!‘ Also habe ich damit aufgehört.“ Wenn ihn das Gefühl beschleiche, zu wenig geübt zu haben, spüre er abends im Bett eine Art inneren Alarm. Am nächsten Tage hole er dann alles nach.

So gesehen müsste in meinem Kopf ein Daueralarm piepen. Aber ich bin hier ja Gott sei Dank nur die Schülerin. Und in unserer Klavierstunde folgt nun ein magischer Moment: Wir tauschen die Plätze. Lang Lang möchte mir eine Passage vorspielen. Er beginnt, mit so viel Gefühl, seine Finger fliegen über die Tasten. Es wirkt, als streiche er nur darüber. Dass er sie mit jedem Anschlag drückt, ist für das Auge kaum wahrnehmbar. Ich halte die Luft an. Nie könnte ich die Finger so schnell bewegen. Auch nicht mit jenem Trick, den mir der Starpianist hinterher verrät: Vor jedem Spiel legt er seine Finger zehn Minuten in warmes Wasser, um ihnen perfekte Beweglichkeit zu verleihen. Ich sehe mir seine Hände genau an: Sie wirken nicht besonders kraftvoll, eher zart. Obwohl sie kaum größer sind als meine, können sie eine Spanne von zwölf Tönen greifen. Enorm!

Lang Lang ist in jeder Hinsicht ein Ausnahmemusiker. Seine Leidenschaft für Klassik ist mitreißend. In China spricht man vom Lang-Lang-Effekt: Über 40 Millionen Kinder hat er bereits zum Klavierspielen ermuntert, durch seine Stiftung werden es weltweit immer mehr. „Musik schenkt Energie, sie kann unser Leben verändern“, sagt Lang Lang. „Man ist nie zu alt, um ein Instrument zu lernen.“ Aber fällt das Lernen Kindern nicht leichter? „Vom Kopf her nicht, höchstens von der Technik her: Junge Finger sind flexibler.“ Wer Klavier spielt, wird sich sehr über Lang Langs neues Album freuen: „Piano Book“ enthält Stücke von Beethoven, Mozart, Schumann, die fast jedem Schüler begegnen. „Sie werden viel zu wenig wertgeschätzt. ,Für Elise‘ etwa hört man selten in einem großen Konzert. Dabei ist es wunderschön. Ich spiele es heute ganz anders als einst mit vier Jahren.“

Lang Lang verehrt besonders Beethoven, Bach und Mozart: „Mozart etwa war ein echter Lebemann. Ich glaube, er war unberechenbar, aber er hatte die besten Ideen. Zu gern hätte ich sie alle kennengelernt, mit ihnen Klavier gespielt und auch über ihr Leben gesprochen.“ Dieser Wunsch von Lang Lang wird ein Traum bleiben. Meiner hingegen ist in Erfüllung gegangen. Was für eine Klavierstunde!

Treffen in Berlin-Mitte: Lang Lang und Mirja Halbig nach der Klavierstunde im Interview


FOTOS: STEFFEN JÄNICKE FÜR HÖRZU