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REPORT: Mehr Respekt, bitte!


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 34/2019 vom 16.08.2019

Was ist aus Rücksicht, Wertschätzung und Achtung geworden? Experten warnen: Der Umgang wird rauer, die Gewalt nimmt zu


Drängeln, Pöbeln, Hassen Verroht unsere Gesellschaft?

Artikelbild für den Artikel "REPORT: Mehr Respekt, bitte!" aus der Ausgabe 34/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 34/2019

IM VERKEHR Autofahrer rasten auf den Straßen immer öfter aus


Heilbronn, 17. Juli 2019: Nach einem schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn 6 quält sich ein Feuerwehrfahrzeug durch die viel zu enge Rettungsgasse. Ein Lkw-Fahrer weigert sich sogar, den Rettungskräften Platz zu machen: Er beschimpft und bespuckt sie. Unfassbar. Und leider kein Einzelfall. Auf den Straßen, im Alltag, bei Kommentaren im Internet: Überall wird der Ton ...

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... rauer, die Aggressivität nimmt zu. Experten wie Prof. Alfred Gebert aus Münster warnen bereits vor einer Verrohung der Gesellschaft: „Alles beginnt mit fehlendem Respekt“, erklärt der Psychologe. „Und diese Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende.“

Respekt – was ist das eigentlich? „Es geht um Respekt für Menschen, die anders sind. Um Respekt für Vielfalt“, erklärt Günter Bressau vom Demokratiezentrum Baden- Württemberg, das die Meldestelle „respect!“ gegen Hetze im Netz betreibt. „Das bedeutet für uns einfach: ein gesunder Umgang miteinander und ein friedliches, fröhliches gesellschaftliches Zusammenleben.“ Dazu kommen Rücksicht, Wertschätzung, Höflichkeit – und das in allen Bereichen des Alltags. Zahlreiche Vorfälle der letzten Zeit zeigen allerdings: Genau daran scheint es immer mehr zu mangeln.

Die Achtung vor Helfern und Opfernsinkt

Allein Berlin registrierte im vergangenen Jahr 240 Angriffe auf Helfer. Sie wurden mit Bierflaschen und Böllern beworfen, geschlagen und getreten. Bundesweit nahmen Attacken auf die Feuerwehr innerhalb eines Jahres um 11 Prozent auf 911 Fälle zu, auf Rettungskräfte sogar um 13 Prozent auf 1969 Übergriffe. Deshalb wirbt das Bundesinnenministerium seit Mai 2019 mit einer neuen Kampagne um mehr Anerkennung für die tägliche Leistung von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und Technischem Hilfswerk (THW).

„Wer Retter bepöbelt, sieht nicht, dass da jemand helfen will, sondern er sieht nur sich selbst“, sagt Psychologe Alfred Gebert. „Ein typisch egoistisches Verhalten.“ Dieser Egoismus zeigt sich in einer Vielzahl von Alltagssituationen: Radfahrer rasen durch Fußgängerzonen, in der Schlange vor der Supermarktkasse wird gedrängelt und geschimpft, Patienten randalieren in der Notaufnahme. Ein respektvoller Umgang sieht anders aus. Eine Studie der Hochschule Fulda belegt, dass knapp 76 Prozent der Mitarbeiter hessischer Notfallambulanzen Opfer körperlicher Gewalt geworden sind. Unfassbare 97 Prozent wurden in den zurückliegenden zwölf Monaten von Patienten beleidigt und beschimpft. Die waren meist angetrunken oder mit Bagatellen ins Krankenhaus gekommen. Jeder sieht nur noch sein eigenes Ziel und die eigenen Interessen. Ist der eigene Schnupfen wichtiger als der Herzinfarkt des anderen?


97 % aller Mitarbeiter in den Notaufnahmen in Hessen wurden schonbeleidigt und beschimpft


Doch auch der Respekt vor Opfern scheint zu schwinden. Bei Unglücken, Bränden, Überfällen: Auf der Jagd nach dem besten Foto fallen die letzten Hemmungen. Gaffer mit Smartphones drängen sich durch Absperrungen oder schubsen Helfer einfach zur Seite. „Das Foto ist schneller im Internet als der Verletzte im Krankenhaus“, beklagt Alfred Gebert. Dabei wird deutlich: Solche Fotos und das Internet entfremden uns immer mehr von der Wirklichkeit. Nur ein Beispiel: Nach einem tödlichen Unfall auf der A6 in Bayern kommt es auf der Gegenfahrbahn wegen etlicher Schaulustiger zu einem kilometerlangen Stau. Lkw-Fahrer filmen die Unfallstelle mit ihrem Handy. Einem Polizisten platzt der Kragen. Er knöpft sich einen Gaffer vor: „Wollen Sie tote Menschen sehen?“ Er konfrontiert ihn hart mit der Realität. „Jetzt müssen Sie 128,50 Euro zahlen, weil Sie Fotos vom Unfall gemacht haben. Schämen Sie sich!“ Psychologe Gebert erklärt: „Ein Bild ist etwas völlig anderes als der direkte Blick auf den Verletzten. Was wir auf Fotos sehen, macht uns fast ein bisschen immun dagegen.“ Das Blut, das etwa in Videospielen oder Virtueller Realität fließt, lässt uns kalt. So schwindet durch die Distanz, die neue Technologien schaffen, auch der Respekt.

IN GEFAHR Viele Senioren fühlen sich von respektlosen Jugendlichen bedrängt


SCHAULUSTIGE AM UNFALLORT, MAI 2019 Einsatzleiter Stefan Pfeiffer (l.) fordert einen filmenden Autofahrer auf, sich die Unglücksopfer genauer anzuschauen (Ausschnitt aus Video des BR). Die Erziehungsmaßnahme wirkt: Der Gaffer wird kleinlaut


Das zeigt sich besonders deutlich beim rüden Umgangston im Netz. Wer sich in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter umsieht, stößt rasch auf Hasskommentare. Die können jeden treffen, der sich politisch engagiert oder eine kontroverse Meinung vertritt. Da wird auf beispiellose Art verleumdet, beleidigt und gehetzt. Drohungen wie „Du Penner, dich stech ich ab!“ sind keine Seltenheit. Die scheinbare Anonymität macht’s möglich.

Bislang kann man solche Hasskommentare bundesweit lediglich bei der Initiative „respect!“ melden. Sie prüft jeden eingereichten Vorfall. Ist der Beitrag strafbar? Wie kann man gegen persönliche Beleidigungen vorgehen? „Wir haben seit Juli 2017 über 3000 Fälle untersucht, daraus sind 487 Strafanzeigen hervorgegangen“, sagt Günter Bressau, Leiter des Demokratiezentrums. Klingt nicht viel – ist aber auch nur die Spitze des Eisbergs. Im Jahr 2018 wurden 1200 Fälle registriert. „Wir haben diese Zahl jetzt schon deutlich übertroffen“, so Bressau. „Im letzten Jahr gingen etwa drei Meldungen pro Tag ein, wir sind inzwischen bei etwa acht Meldungen pro Tag.“ Das kann verschiedene Gründe haben: Die Menschen werden sensibler für Hasskommentare, die Meldestelle ist mittlerweile bekannter.

Der Kampf gegen den Hass imNetz

Handelt es sich um strafrechtlich relevante Beiträge, erstatten die „respect!“-Mitarbeiter Anzeige beim zuständigen Landeskriminalamt. Auch Löschanträge etwa bei Facebook werden gestellt. „Diese Verrohung ist kein nur politisch motiviertes Phänomen, sondern grundsätzlich zu beobachten“, sagt Günter Bressau. „Sie darf nicht Alltagskultur werden. Dagegen müssen wir auf verschiedenen Ebenen miteinander ankämpfen. Das Bewusstsein ändert sich bereits, weil Internetnutzer Hasskommentare nicht einfach zur Kenntnis nehmen, sondern darauf reagieren.“

Der raue Ton aus dem Netz schwappt längst in die Realität über. „Im echten Leben holt man da auch einfach viel schneller mal aus oder spuckt jemanden an“, betont Psychologe Alfred Gebert. Die Hemmschwelle, die in der Anonymität fehlt, fällt auch im Alltag. Vor allem auf den Straßen regiert der Hass. Situationen eskalieren, Streithähne beschimpfen sich gegenseitig. Beleidigungen wie „Vollidiot“, „Bastard“, „Depp“, „alte Schlampe“, „blöde Kuh“ oder „Drecksau“ sind kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat, die hohe Geldbußen nach sich zieht.

IM WEG Gaffer sind nicht nur respektlos. Sie behindern auch die Notfallversorgung


1969 Mal wurden im Jahr 2018 Rettungskräfteattackiert


Respekt? Von wegen! Stattdessen wird egoistisch gedrängelt und rücksichtslos gehandelt: „Ich will das jetzt, ich mach das jetzt!“ Das tägliche Bild: Radfahrer gegen Fußgänger, Autofahrer gegen Radfahrer. Regeln sind für andere da. „Es fängt im ganz Kleinen an“, erklärt Prof. Gebert. „Man will pünktlich sein, hat ein Ziel und ist dann heute eben auch bereit, Gesetze zu übertreten. Die anderen machen es ja auch so.“ Bei der Aktion „Hamburg gibt Acht!“ wurden Bürgerinnen und Bürger gefragt, wie man das Miteinander im Straßenverkehr verbessern kann. Ein Ergebnis: „Wer Rücksicht will, muss Rücksicht nehmen.“ Denn fast alle Unfälle in der Stadt sind auf fehlende Rücksichtnahme zurückführbar.

Aus fehlendem Respekt wird schnellGewalt

Ist schwindender Respekt ein Großstadtphänomen? „Zumindest tritt es in der Stadt eher auf“, meint Psychologe Gebert. „Auf dem Dorf gibt es noch die soziale Kontrolle durch die Nachbarn.“ Man kennt sich, ist mehr aufeinander angewiesen, versinkt nicht in der Anonymität. „Die Veränderung der Gesellschaft hängt stark mit unserer Lebensweise zusammen. Wir wohnen in Hochhäusern, in dicht bebauten Stadtteilen, eng zusammen“, so Gebert. So entsteht gefühlt eine tägliche Konkurrenzsituation, in der Achtung und Rücksicht kaum noch Platz haben. Dabei ist Respekt der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, sagen die Soziologen.

Wie schnell fehlender Respekt zu Gewalt führen kann, zeigt das Beispiel aus einer Dresdner S-Bahn. 16. Juli 2019: Eine Gruppe Senioren sucht Plätze in der gut gefüllten Bahn. Ein 21-Jähriger blockiert eine ganze Sitzgruppe, weil er seine Füße samt Schuhen auf die gegenüberliegende Bank ausgestreckt und seinen Rucksack neben sich abgestellt hat. Als eine 71-Jährige ihn bittet, Füße und Rucksack von den freien Plätzen zu nehmen, lehnt der Mann ab. Schließlich soll er ihr sogar ins Gesicht getreten und eine Platzwunde am Auge zugefügt haben. Ein extremer Fall, doch er reiht sich ein in viele schlechte Erfahrungen, die Ältere in letzter Zeit gemacht haben. Senioren werden angepöbelt, beleidigt, beschimpft – oft von Gruppen junger Männer. „In Gangs, die es vor allem bei Jugendlichen gibt, werden die Menschen unberechenbar“, mahnt Psychologe Alfred Gebert. „So kommt es zu Handlungen, die sie allein niemals wagen würden.“

EINSATZ IM SCHWIMMBAD, JUNI 2019 Jugendliche sorgen zum wiederholten Mal in einem Düsseldorfer Freibad für Krawall. Die Polizei greift ein und versucht, den Streit zu schlichten. Das Bad muss vorübergehend schließen


IM NETZ Die Anonymität des Internets macht Hass und Hetze leichter


1200 Fälle vonHass im Netz wurden 2018 bei der Meldestelle „ respect!“ registriert


Jugendgangs hat es schon immer gegeben. Doch was sich zurzeit in einigen Schwimmbädern abspielt, macht sprachlos: Schlägereien, Attacken auf andere Badegäste und Personal. „Heute sind Rücksicht und Respekt verloren gegangen“, beklagt Peter Harzheim, Präsident des Schwimmmeisterverbands. „Die Hemmschwellen sind niedriger. Die Bademeister müssen sich einiges an Bedrohungen anhören und vieles aushalten.“

Wie sollte jeder im Alltag mit Respektlosigkeit umgehen? Was muss sich ändern? Wenn Gewalt im Spiel ist, hat man wenig Chancen. Ansonsten gilt: Nur nicht provozieren lassen! Wer beschimpft wird, ist versucht, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Wer in der Warteschlange geschubst wird, schubst schon mal zurück. Doch das ist kontraproduktiv. Firmen und öffentliche Einrichtungen schulen deshalb Mitarbeiter in Deeskalation: den Streit nicht weiter anfachen, Ruhe bewahren, höflich Respekt und Rücksicht einfordern. Psychologen raten: das Gegenüber eher mit eigenem respektvollem Verhalten beschämen.

Der Lernprozess beginnt schon imKindesalter

„Wir müssen lernen, wieder mehr Respekt zu zeigen“, fordert Prof. Alfred Gebert. „Das fängt bei der Vermittlung im Kindesalter an. In der Familie, in den Kitas, in der Grundschule. Auch später sollte dann immer wieder an die Vernunft appelliert werden, egal wie nervig oder frustrierend das Leben gerade sein mag. Sich immer auch fragen: Wie hättest du es denn selbst gern?“ Die Botschaft lautet: Respekt, Rücksicht und Wertschätzung sind nichts Altmodisches. Sie machen das Miteinander in unserer modernen, kälter werdenden Zeit leichter und menschlicher.
KAI RIEDEMANN, MELANIE KOCH

MI 28.8: TV-TIPP

23.30 TAGESSCHAU 24
RABIAT: HASS IST IHR HOBBY REPORTAGE Über Hetze, Drohungen und Beleidigungen im Internet


ILLUSTRATIONEN: THOMAS KUHLENBECK FÜR HÖRZU; FOTOS: BR, BERGER/DPA PICTURE-ALLIANCE