Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Report : SCHEIDUNGS KINDER– so bewältigen sie den Trennungsschmerz


Lisa - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 06.02.2019
Artikelbild für den Artikel "Report : SCHEIDUNGS KINDER– so bewältigen sie den Trennungsschmerz" aus der Ausgabe 7/2019 von Lisa. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lisa, Ausgabe 7/2019

Familienpsychologin Senia H. Salah (43) wird vor dem Familiengericht zum Sprachrohr von Kindern. Deren Wünsche und Bedürfnisse hat sie immer fest im Blick. InLISA beschreibt sie drei Fälle aus ihrem Arbeitsalltag und gibt Tipps für Trennungsfamilien

Es kullern heiße Tränen. Füße werden aufgestampft. Das Kuscheltier fliegt in die Ecke – wenn Mama und Papa sich trennen, leiden die Kinder. Auch wenn hierzulande die Zahl der Scheidungen sinkt (2017: 153 500, ein Minus von 5,5 %) und nicht immer Kinder involviert sind, berührt jedes einzelne Schicksal Familie und Umfeld. Manchmal sind Eltern aber zu sehr ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lisa. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Aktuell :Liebe Leserin: Hurra, wir haben zugenommen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aktuell :Liebe Leserin: Hurra, wir haben zugenommen!
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Love is in the Air. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Love is in the Air
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Aktuell :Menschen, die uns bewegen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aktuell :Menschen, die uns bewegen
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Perfekt für Job, Feier & Stadtbummel 3 Styling-Varianten für den Hosenanzug. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Perfekt für Job, Feier & Stadtbummel 3 Styling-Varianten für den Hosenanzug
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Alles, was den Valentinstag. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alles, was den Valentinstag
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Diese Woche neu in den Shops. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Diese Woche neu in den Shops
Vorheriger Artikel
Diese Woche neu in den Shops
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Body & Soul: Dafür hat jeder Zeit! : Fit und gesund &nda…
aus dieser Ausgabe

... mit sich und ihren eigenen emotionalen Verletzungen beschäftigt – da rückt der Nachwuchs aus dem Fokus. Für diese Fälle hat der Gesetzgeber vorgesorgt. Jedem Kind steht es zu, vor Gericht angehört zu werden – übrigens auch in Fällen, die nichts mit einer Scheidung zu tun haben.

Alltag voller Emotionen Jemand, der betroffenen Kindern eine Stimme verleiht, ist Senia H. Salah. Die Familienpsychologin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern in schwierigen Lebenssituationen beizustehen. Im Gespräch mitLISA skizziert sie drei bewegende Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag, bei denen sie als vom Gericht bestellter Verfahrensbeistand eingreifen musste. Senia H. Salah weiß genau, dass „jedes Scheidungskind eine Menge psychischen Stress zu bewältigen hat“.

Der verlassene Ehemann kämpft mit seinen emotionalen Verletzungen – und darf doch die Ängste der Kinder nicht aus den Augen verlieren


2017 waren bundesweit 123 563 Minderjährige von Scheidung betroffen. Zudem gab es 340 000 familiengerichtliche Verfahren rund um Sorgerecht, Kindeswohl etc.


Plötzlich war die Mutter verschwunden“ – Senia H. Salah erinnert sich an drei Schwestern, zu denen sie als Verfahrensbeistand gerufen wurde. Der Vater hatte bei Gericht das alleinige Sorgerecht beantragt. Die Details aus dem Leben der Familie sind, wie bei allen Fällen, die uns die Expertin schildert, verfremdet. Aber so viel kann sie sagen: „Während der Vater auf Geschäftsreise war, blieb die Mutter mit den zwischen zehn und 15 Jahre alten Mädchen zu Hause. Einen Tag bevor er zurückkam, verabschiedete sie sich von ihren Töchtern. Die Mutter sagte, sie wolle eine Freundin besuchen, ging – und kam nicht mehr wieder.“


„Die Mutter ging anscheinend eine Freundin besuchen und kam nie wieder“


Große Sorgen Von diesem Tag an blieb die dreifache Mutter verschwunden. Ihre Familie machte sich große Sorgen, malte sich schlimmste Szenarien aus. Überall suchten sie nach der Mutter, telefonierten alle Freunde und Krankenhäuser ab: „Sie klopften buchstäblich an jede Tür in der Nachbarschaft. Niemand konnte helfen. Schließlich erstattete der Vater eine Vermisstenanzeige bei der Polizei.“ Denn neben all den Sorgen häuften sich die Alltagsprobleme. „Die Eltern hatten das gemeinsame Sorgerecht. Das bedeutet auch, dass der Vater nur mit Zustimmung der Mutter Anträge bei Behörden einreichen oder eine Schulanmeldung vornehmen konnte“, erklärt Senia H. Salah das Dilemma.

Die Schwestern unter stützen sich gegenseitig im Alltag ohne ihre Mutter


Die Polizei spürte die Mutter in einer Psychiatrie auf, sie hatte sich selbst eingewiesen. Sie litt unter Depressionen, die es ihr unmöglich machten, sich liebevoll um ihre Töchter zu kümmern. „Sie schämte sich furchtbar. Beteuerte immer wieder, dass sie ihre Kinder lieben würde“, erinnert sich die Expertin.


Sie schämte sich ganz furchtbar


Verlorenes Vertrauen Bei der ersten Begegnung mit der Familienpsychologin waren die Mädchen wütend auf ihre Mutter, die in ihren Augen freiwillig gegangen war. Wie sollten sie ihr je wieder vertrauen? In Gesprächen kam heraus, dass sich die Mädchen das alleinige Sorgerecht für den Vater wünschten – sie wollten einfach Sicherheit. Der wiederum verstand das Krankheitsbild seiner Frau jetzt viel besser. Sollte er ihr unter diesen Umständen einen zusätzlichen Stoß versetzen – und sie ganz aus dem Leben der Kinder drängen?

Rat & Lösung : Senia H. Salah sagt: „Psychische Erkrankungen sind für Kinder besonders schwer zu verstehen. Sie erleben vertraute Personen stark im Wesen verändert. Darum hilft es, Kinder in die Therapie-Prozesse des Erwachsenen einzubinden. Dabei erfahren sie Verständnis und neue Orientierung.“

Vor Gericht: Die Mutter erteilte dem Vater eine umfassende Sorgevollmacht, mit der er allein wichtige Entscheidungen für die Kinder treffen konnte. Für ihn eine Erleichterung, für die Kinder die gewünschte Sicherheit. Für die Mutter bedeutete dies, dass sie sich auf ihre Genesung konzentrieren und daran arbeiten konnte, in Zukunft wieder für ihre Töchter da zu sein. Das Sorgerecht verblieb bei beiden Elternteilen. Eine Chance, um verlorenes Vertrauen neu aufzubauen.


„Nico wollte nicht mehr zu seinem Vater, nässte sogar wieder ein …“


Der dreijährige Nico glaubt, dass er schuld an der Trennung der Eltern ist


Der dreijährige Nico* verstand die Welt um sich herum nicht mehr. Was war nur los mit seiner Mama, was stimmte nicht mit Papa? Und wieso saß plötzlich immer Onkel Paul mit am Tisch?

Senia H. Salah kennt viele Fälle, bei denen Kinder psychisch stark von einer Scheidung der Eltern belastet sind. Obwohl diese sich größte Mühe geben. „Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Und das ist oft das Einzige, worüber sie sich einig sind“, sagt sieLISA . „Bei Nico war es so, dass er zunächst wenig von der Trennung mitbekam. Der Vater lebte noch ein halbes Jahr im Haus der Familie. Kümmerte sich wie immer um den Kleinen. Erst als er eine neue Freundin und auch die Mutter einen neuen Partner hatte, änderte sich für das Kind alles.“


Bundesgerichtshof 2017: Gerichte dürfen eine Betreuung des Kindes im „paritätischen Wechselmodell“ (gleiche Zeit für Mutter & Vater) gegen den Willen eines Elternteils anordnen.


Verweigerung Als Nicos Papa auszog, kam der neue Freund der Mutter. „In den ersten Wochen nach der räumlichen Trennung holte der Vater Nico regelmäßig zu sich, doch bald zeigte der Junge Auffälligkeiten“, erzählt die Familienpsychologin. Er wollte nicht mehr mit dem Vater gehen, schlief schlecht, machte wieder in die Hose: „Für die Mutter waren das klare Signale dafür, dass der Umgang mit dem Vater und vor allem mit dessen neuer Freundin Nico schadete. Von nun an durften sich Vater und Sohn nur noch für wenige Stunden sehen und waren nie ohne Begleitung.“ Für Nicos Vater eine unhaltbare Situation – er ging vors Familiengericht. Dort wurde Senia H. Salah als Verfahrensbeistand hinzugezogen: „Ich besuchte Nico zu Hause, spielte mit ihm, sprach mit ihm kind- und altersgerecht über seine Eltern, Freunde, den Kindergarten und seine Wünsche.“ Zudem bemühte sich die Familienexpertin um eine Vermittlung zwischen den Eltern. Denn die Mutter litt sehr darunter, dass es ihrem Kind schlecht ging. Und der Vater hatte große Angst vor einer Entfremdung.

Rat & Lösung : „Alle Eltern müssen verstehen, dass Trennungskinder häufig die Gründe für diese Veränderung bei sich selbst suchen. Hier glaubte der kleine Nico, dass er nicht lieb genug war und der Vater deshalb wegging. Der Junge musste zudem lernen, den Vater mit dessen neuer Partnerin zu teilen. In den allermeisten Scheidungskindern schlummert aber der riesige Wunsch nach Wiedervereinigung der Familie – und das meist viele Jahre lang! Ich konnte Nicos Eltern vermitteln, dass er in dieser Zeit ein hohes Maß an Anpassung erbringen musste. Eine unglaubliche Anstrengung für einen Dreijährigen, die fast automatisch in Verhaltensauffälligkeiten wie Einnässen, Verweigerung oder Schlafstörungen mündet. Die Eltern waren bereit, sich von nun an besser über Nicos Verhalten auszutauschen und Schuldzuweisungen zu vermeiden. Vor Gericht wurde ein Umgangsvergleich geschlossen, der das Verhältnis zwischen Vater und Sohn behutsam wieder aufbauen und zu einem geregelten Besuchs-Turnus führen würde.“


Trennungskinder suchen die Gründe dafür bei sich


Bitte umblättern

Bei ihrer wichtigen Arbeit als Verfahrensbeistand begegnet Senia H. Salah aber nicht nur Familien, die durch eine Scheidung zerrüttet sind. Sie wird auch immer dann gerufen, wenn sich Kinder in einer unmittelbaren Gefahrensituation befinden. So auch in dem Fall zweier Geschwister, die mitten in der Nacht vom Jugendamt in Obhut genommen werden mussten.


„Die Kleinen mussten immerzu weinen, weil sie ihre Mutter so sehr vermissten – trotz ihrer Drogensucht“


Drogen & Unordnung „Zum Hintergrund dieses Falles kann ich sagen, dass eine Anzeige bei der Polizei eingegangen war. Darin wurde der Mutter der Kinder vorgeworfen, mit Drogen zu handeln“, erinnert sich unsere Expertin heute. „Die Polizei ging der Sache nach und führte eine Hausdurchsuchung durch, bei der tatsächlich größere Mengen unerlaubter Substanzen gefunden wurden. Außerdem stellten die Beamten fest, dass die Wohnung der Familie in einem ziemlich unordentlichen und unsauberen Zustand war.“

Es wurde umgehend das Familiengericht informiert, um zu entscheiden, ob eine Trennung der Kinder von der Mutter gerechtfertigt sei. In der Zwischenzeit kamen die Siebenjährige und ihr jüngerer Bruder in einer Bereitschaftspflegefamilie unter (siehe Infokasten).


Die Polizei fand größere Mengen Drogen


Wichtige Kinderrechte Im Gespräch mitLISA weist Senia H. Salah auf einen wichtigen Grundsatz hin: Die Trennung von Eltern und Kindern darf nur unter engen rechtlichen Voraussetzungen erfolgen! Und auch nur dann, wenn mildere Mittel die Gefahr für die Kleinen nicht abwenden können. Die weltweit anerkannte UN-Kinderrechtskonvention sichert jedem Kind zu, „dass es nicht gegen den Willen der Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, dass die zuständigen Behörden in einer gerichtlich nachprüfbaren Entscheidung nach den anzuwendenden Rechtsvorschriften und Verfahren bestimmen, dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist.“ Zudem billigt Artikel 12 der UN-Konvention jedem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in Bezug auf seine eigenen Belange frei zu äußern. Doch welche Auswirkung hatte dies im Gerichtsverfahren, in dem es um die beiden Geschwister ging?


Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 61 383 Kinder zur Gefahrenabwehr vom Jugendamt in Bereitschaftspflegefamilien oder in Heimeinrichtungen untergebracht.


Auch wenn die Bereitschaftspflegefamilie sich liebevoll um die Geschwister gekümmert hat, wollen beide unbedingt zu ihrer Mama zurück – und werden vor Gericht angehört


Die Liebe zur Mutter „In der richterlichen Anhörung sagten beide Kinder aus, dass sie immerzu weinen müssten, weil sie ihre Mama so sehr vermissten. Am liebsten wollten sie zu ihr zurückkehren, denn sie habe sich immer gut um sie gekümmert“, berichtet Familienpsychologin Senia H. Salah von dem Fall, der sie nachhaltig bewegt hat. Eine schwere Entscheidung für das Gericht – und eine große Aufgabe für die Mutter!


Die Kinder wollten zur Mutter zurück


Rat & Lösung: „Nach der Anhörung vor Gericht wurde entschieden, dass die Kinder in die Obhut der Mutter entlassen werden können – nach der Vorlage eines negativen Drogentestes. Zudem verpflichtete sich die Mutter zu strengen Auflagen. Im Kampf gegen ihre Drogensucht musste sie von nun an ambulante Hilfe in Anspruch nehmen und sich zu regelmäßigen Drogentests bereit erklären. Des Weiteren würde eine sozialpädagogische Familienhilfe regelmäßig nach dem Rechten sehen und die Mutter bei der Haushaltsführung unterstützen.“

Was ist eine Bereitschaftspflegefamilie?

Das Telefon klingelt. Ein Kind ist in Not – und die Bereitschaftspflegefamilie springt ein. Zumeist muss sehr schnell reagiert werden, manchmal mitten in der Nacht. Diese besonderen Familien kümmern sich um Kinder in Krisensituationen, nur selten wissen sie etwas über deren Hintergrund oder Besonderheiten. Die Unterbringung bei einer Bereitschaftspflegefamilie ist immer zeitlich befristet. In dieser Zeit wird gerichtlich geklärt, ob der Nachwuchs zu den Eltern zurückkehren kann oder beispielsweise in einem Heim oder einer Pflegefamilie untergebracht werden muss. In der Regel bleiben die Kinder nicht länger als ein paar Monate, so sollen zu enge Bindungen verhindert werden, die schmerzlich wieder gelöst werden müssen. Was einfacher klingt, als es tatsächlich ist. Denn für Helfer und Kinder ist jeder Fall eine emotionale Belastungsprobe. Die Form der Familie spielt übrigens keine Rolle. Häufig sind Bereitschaftspflegefamilien ältere Paare, deren Kinder bereits aus dem Haus sind. Aber auch schwule, lesbische sowie kinderlose Paare oder Alleinstehende. Gibt es Kinder in der Familie, sollten diese über zwei Jahre alt sein – und alle weiteren Familienmitglieder sollten mit der Pflege einverstanden sein. Wer Interesse an dieser wichtigen Aufgabe hat, findet Informationen im Internet, bei seiner Stadt und sozialen Trägern wie der Caritas.

„Mir ist es wichtig, Kindern beizustehen“

Familienpsychologin Senia H. Salah (43) betreibt in Hagen ihre „Praxis für Verfahrensbeistandschaften und Mediation“ und ist für mehrere Familiengerichte in Nordrhein-Westfalen tätig

■ Frau Salah, Sie arbeiten als Verfahrensbeistand für Kinder. Was bedeutet das genau? „Das Gesetz sieht vor, dass jedem Kind ein Verfahrensbeistand vom Familiengericht beigeordnet werden kann, um seine Interessen zu vertreten.“

Wer macht die Arbeit? „Das müssen keine Juristen sein. Auch Pädagogen oder Psychologen können das machen. Ich bin Dipl.-Sozialarbeiterin und M. Sc.* Psychologie und Psychotherapie der Familie.“

Was ist Ihre Aufgabe? „Ich bin vor Gericht da, um den Kindeswillen festzustellen und ins Verfahren vor dem Familiengericht einzubringen. Der Grundsatz lautet: Es soll nicht nur über das Kind verhandelt werden, es soll mit dem Kind verhandelt werden.“

Warum haben Sie sich dieses Arbeitsfeld ausgesucht? „Mir ist es sehr wichtig, Kindern beizustehen. Sie in den Fokus zu nehmen, ihre Wünsche und Interessen. Das wollte ich machen!“

Wer wählt Sie aus? „Die Gerichte kennen verschiedene Verfahrensbeistände. Aber Richterinnen oder Richter wählen denjenigen, den sie für angemessen halten.“

In einem Fall –LISA berichtet auf Seite 15 darüber – schildern Sie, wie eine Mutter irrtümlich annimmt, dass der Umgang mit dem Vater dem Kind schadet. Kommt das häufiger vor? „Das ist ein ganz klassischer Fall. Aber Kinder, die im Grunde eine gute Elternschaft hatten, wünschen sich in der Regel auch weiterhin Kontakt zu beiden Elternteilen.“

Warum ist genau das häufig so schwierig? „Die Trennung der Eltern ist so konfliktbeladen, dass der Umgang mit einem Elternteil leiden kann. Mütter beobachten dann manchmal eine Verhaltensweise an ihrem Kind, interpretieren diese aber falsch. Der Grund ist, dass es getrennten Paaren häufig schwerfällt, die Paar- ebene von der Elternebene zu trennen. Das ist aber sehr wichtig, denn jemand kann ein fürchterlicher Ehemann gewesen sein, ist aber dennoch ein toller Vater.“

Können Sie den Eindruck bestätigen, dass Väter heute trotz Scheidung „echte“ Väter bleiben wollen? „Ja! Es ist heute so, dass viele ihre Vaterschaft weiterleben wollen. Studien bestätigen, dass sie daran interessiert sind, die Erziehungsaufgabe wahrzunehmen.“

Welche äußeren Zeichen zeigen sich bei Kindern, die mit einer Trennungs-Belastung kämpfen? „Das eine Extrem ist der komplette Rückzug der Kinder, sie sprechen wenig, sind wenig fröhlich. Das andere Extrem kann die Entwicklung von Aggressivität sein oder auch von strikter Verweigerungshaltung.“

Was mache ich als Mutter? „Wenn ich so etwas an meinem Kind bemerke, sollte ich tatsächlich erst einmal beobachten. Nie gleich interpretieren! Am besten wäre es natürlich, das auf der Elternebene mit dem Ex-Partner zu besprechen. Bitte keine voreiligen Schlüsse ziehen!“

Wie verarbeiten Sie schwierige emotionale Fälle? „Ich habe mir eine gute berufliche Distanz erarbeitet. Es gibt natürlich immer wieder sehr prägnante Fälle. Aber man muss lernen, die eigene Widerstandsfähigkeit zu trainieren, um die Arbeit dauerhaft gut zu machen. Um auch dem nächsten Kind unbelastet und unbeschwert entgegentreten zu können.“

Welchen Tipp haben Sie für Scheidungsfamilien? Es ist gut, von vornherein Elternberatung in Anspruch zu nehmen. Nach der Trennung fallen viele Erwachsene in ein Loch – müssen eigene Enttäuschungen und negative Gefühle verarbeiten. Dabei geraten die Kinder leicht aus dem Fokus. Eine Elternberatung rückt sie wieder mehr in den Mittelpunkt.“

*M. Sc. = Master of Science, bezeichnet einen akademischen Grad

Infos und Fakten

Kinder haben nach § 1631 Abs. 2 des BGB ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung


Kinder brauchen Unterstützung. Die meisten haben dafür liebevolle Eltern und Großeltern. Doch wenn dies nicht der Fall ist, eine Scheidung droht oder Gewalt im Spiel ist, müssen Kräfte wie Hilfsorganisationen, Gerichte und Polizei einschreiten.

Statistik Nicht immer wachsen Kinder in liebevollen Familien auf. Für 2017 gibt die Polizei 3 542 Fälle von Kindesmisshandlung an. Und weist darauf hin, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegen dürfte. Denn charakteristisch für betroffene Kinder ist, dass sie sich schämen, die Gründe bei sich suchen und selten um Hilfe bitten (polizei-beratung.de).

Lobby für Kinder In diesem Jahr feiert der Deutsche Kinderschutzbund seinen 65. Geburtstag. Die Kinderschutzorganisation setzt sich dafür ein, dass die Kleinen in sozialer Sicherheit und ohne Gewalt aufwachsen können. Hilfe bieten dabei u. a. das Kinder- und Jugendtelefon, das unter 116 111 zu erreichen ist. Und das Elterntelefon: 08 00/111 05 50. Beide sind kostenlos und bundesweit erreichbar.

Patchworkfamilien Ist die Trennung der Eltern überwunden, stehen neue Herausforderungen an. Alle müssen sich auf neue Partner oder Geschwister einstellen. Senia H. Salah hat diesen Tipp: „Der entscheidende Faktor ist Zeit. Man sollte nichts überstürzen. Es braucht häufig viel Zeit, bis Kinder realisieren, dass die Eltern nicht wieder zusammenwohnen werden. Zudem braucht es viel Verständnis, um Wut und Enttäuschung des Kindes auch einmal auszuhalten.“

Aktuell en gagieren sich 50 000 Mit glieder im Deutschen Kinderschutzbund (DKSB)


* Name von der Redaktion geändert; Fotos (Szenen nachgestellt): iStock (3), privat

Fotos (Szenen nachgestellt): iStock (2), privat