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REPORT: Späte Liebe


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 43/2019 vom 18.10.2019

Geschieden, verwitwet, einsam – aber nicht mehr ganz jung. Viele wünschen sich auch in fortgeschrittenem Alter eine Beziehung. Kann das gelingen? Experten sagen: Jetzt erst recht!


Noch einmal mit Gefühl

Artikelbild für den Artikel "REPORT: Späte Liebe" aus der Ausgabe 43/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 43/2019

GLÜCKSSACHELiebe 50 plus: Die Rushhour des Lebens ist vorbei, man hat viel Zeit für einen neuen Partner



Ältere Menschen kennen ihre Bedürfnisse besser. Axel Kreutzmann, Diplom-Psychologe


Als die Berlinerin Lisbeth Allers nach zehn Jahren Alleinsein wieder mit einem Mann Hand in Hand durch Schöneberg spaziert, ist sie 71 Jahre alt. Ihr Mann hat sie 14 Jahre zuvor für eine Jüngere verlassen. „Damals dachte ...

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... ich, das war es!“, sagt sie. Bis sie den 77-jährigen Wolfram kennenlernte, beim Gassigehen mit ihrem Hund. Kein Blitz- und Donnerschlag auf den ersten Blick, aber nach und nach doch ein paar glühende Funken. Peinlich, finden ihre beiden erwachsenen Kinder. Wunderschön, findet Lisbeth: „Dass ich das noch mal erleben darf!“

Das Herzklopfen bleibt, dieLust auch

Das Glück der späten Jahre – immer mehr Menschen suchen es. Über 16 Millionen Alleinstehende verzeichnete das Statistische Bundesamt 2018 in Deutschland, 43 Prozent davon über 60 Jahre alt. Früher sei man in dem Alter auf den Ruhestand eingestimmt gewesen, sagt der Diplom-Psychologe Markus Ernst: „Heute aber begeben sich Singles, Geschiedene, Verwitwete dann auch weiterhin aktiv auf Partnersuche.“ Die Zahl der Trauungen, bei denen die Partner über 50 Jahre alt sind, haben sich innerhalb von zehn Jahren fast vervierfacht und machen bereits 20 Prozent aller Eheschließungen aus.

Selbst nach Schicksalsschlägen und Enttäuschungen heißt es: Das Leben geht weiter! In unserer Gesellschaft statistisch gesehen länger denn je. Die neuen Alten sind fitter und aktiver als die Senioren der vorherigen Generationen. „Vor 40 Jahren war man in meinem Alter schon tot“, resümiert der Schriftsteller Günter Franzen, selbst 72 und Autor von „Späte Liebe“ (Aufbau, 266 Seiten, 20 Euro), einem launigen Buch, in dem er seine Erfahrungen mit der Partnersuche über eine Online-Partnervermittlung beschreibt. „Das verlängerte Leben unserer Generation ist ein Geschenk, aber es gibt keine Anlehnung an die Tradition. Der Raum, der plötzlich vor einem liegt, scheint unendlich groß, und keiner weiß, wie man sich darin bewegt.“

Das Bedürfnis nach Wärme, Nähe, Liebe aber ist groß wie eh und je. „Gefühle können in jedem Alter intensiv sein, egal ob man 17 oder 70 ist“, sagt Diplom-Psychologin Kirsten von Sydow, Autorin von „Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen“ (Ernst Reinhardt, 126 S., 16,90 €). Flirt und Erotik, stellte sie bei ihren Recherchen fest, spielen immer eine Rolle. Eine Studie der University of Michigan zeigte: 65 Prozent der 65- bis 80-Jährigen haben noch Interesse an Sex, für 74 Prozent ist er wichtiger Bestandteil einer Beziehung. Alles wie gehabt also? Keineswegs: Die Parameter des Lebens haben gewechselt, und das verändert alles: Die Nestbauphase ist passé, die Kinder sind aus dem Haus, die Rushhour des Lebens hat man hinter sich gebracht. So liegt vor jung gebliebenen Alten ein weites Feld der Möglichkeiten – aber womöglich nicht mehr viel Zeit. „Das zu wissen kann dazu führen, das Leben mit allen Risiken voll zu leben, also auch eine neue Liebe zu riskieren“, sagt von Sydow.

LIEBE UND LUST Weit über die Hälfte der 65- bis 80-Jährigen hat durchaus noch Interesse an Sex


HAND IN HAND Beziehungen im Alter können stabiler sein als junge Partnerschaften


FÜR IMMER UND EWIG Die Zahl der in reifem Alter geschlossenen Ehen hat deutlich zugenommen


Die Partnersuche gestaltet sich womöglich schwieriger: Die Zeit der Partys, der Gelegenheit, Singles sozusagen auf freier Wildbahn zu begegnen, ist Geschichte. Das Revier ist ein anderes, der Radius, in dem man sich bewegt, meist kleiner. Das Netz freilich hat ihn erweitert: Laut Statistischem Bundesamt denken 48 Prozent der über 60-Jährigen, die Chance, einen Partner zu finden, sei online höher oder sogar deutlich höher als beim Sport, Ausgehen oder über Bekannte. Weitere 37 Prozent fanden beide Wege gleich vielversprechend.

Auch der Autor Günter Franzen meldete sich Jahre nach dem Tod seiner Frau bei einer großen Internet-Partnervermittlung an. Und merkte, dass er sich an diese Art der Balz erst einmal gewöhnen musste: „Man tritt ja auf einem Markt an, in dem man mit seinen Eigenschaften nicht mehr mithalten kann.“ Jugendlichkeit, glatte Haut, eine Top-Figur? Nun ja. „Man lernt im Alter, dass man nicht mehr so viele Karten im Ärmel hat“, erkannte Franzen. „Da überlegt man schon: Wer ist es eigentlich, den man da anpreist.“ Eine sehr gute Gelegenheit für eine ehrliche Bilanz. Und eine Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt. Am Ende zählte Franzen 509 Vorschläge potenziell passgenauer Kandidatinnen. Seniorinnen auf der Partnersuche können von solchen Zahlen oft nur träumen – und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Älteren Frauen steht eine eher begrenzte Zahl älterer Herren gegenüber. Zum einen, weil Frauen länger leben als Männer, zum anderen, weil Männer sich ungern in ihrer eigenen Altersklasse umsehen und eher jüngere Partnerinnen suchen. Dabei gibt es Eigenschaften und Beziehungsstrategien, mit denen gerade Best Ager punkten: Erfahrung und das unschlagbare Gefühl, weder sich noch anderen etwas beweisen zu müssen. Das Wissen, viele Stürme bewältigt zu haben.

Großes Plus einer reifen Liebe:Gelassenheit

„Ältere Menschen kennen zudem ihre Bedürfnisse besser, sie wissen eher, was sie wollen und was ihnen guttut. Sie gehen oft achtsamer mit sich und ihrem Partner um. Sie bewegen sich in einer neuen Beziehung oft vorsichtig aufeinander zu und lassen sich dabei mehr Zeit. Jüngere denken darüber nicht so viel nach und trennen sich womöglich schneller“, weiß der Diplom-Psychologe Axel Kreutzmann, Fachgruppenleiter im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Schriftsteller Günter Franzen glaubt zudem, dass ältere Semester selbstbewusster eigene Schwächen annehmen können. „Wenn wir zu unserem Fehlerregister stehen, können wir ehrlichere Beziehungen führen. Umgekehrt sind wir so gelassen, dass wir uns im besten Fall nicht lange mit der Mängelliste des anderen aufhalten.“ Ältere Menschen erliegen auch nicht dem Trugschluss vieler Jüngerer, dass der Partner sie doch bitte schön glücklich machen sollte. Sie wissen, dass man den anderen nicht verändern kann, genauso wenig, wie sie selbst verändert werden wollen. Vielleicht ist es auch eine Stärke des Alters, den Freiraum des anderen zu akzeptieren und den eigenen einfordern zu können. Rund 25 Prozent aller 50- bis 64-Jährigen wünschen sich für eine perfekte Partnerschaft, getrennt zu wohnen. Eher ein Zeichen von gesundem Realismus als von Resignation.

Nur in Sachen Eigenwerbung zeigen sich viele Ältere mitunter unbeholfen: Franzen fiel bei den unterschiedlichen Profilen suchender Damen auf, dass „viele sich bei der Selbstbeschreibung als, Rentnerinnen‘ bezeichnen. Als ob sie sonst nichts mehr wären. Auch wenn sie als Eigenschaften, völlig zur Ruhe gekommen‘ und bei den wichtigsten Dingen in ihrem Leben, der Hund und die Kinder‘ angeben, frage ich mich: Was wollen die eigentlich von einem Mann?“


Ich erkannte:Alleinsein liegt mir nicht.« Günter Franzen, Autor von „Späte Liebe“


Lisbeth und Wolfram haben inzwischen übrigens geheiratet – mit 75 und 81 Jahren. Eine echte Silberhochzeit. Ein fulminanter Höhepunkt im zweiten Frühling. Vielleicht auch schon im dritten. „Unsere Kinder fanden das zwar anfangs seltsam, aber wir haben klar gesagt: Ihr lebt euer Leben, wir unseres!“ Heute finden Kinder und Enkel ihre Großeltern richtig „cool“. Auch dafür, dass sie irgendwie doch jung geblieben sind.


FOTOS: S. 20-21: AMMENTORP LUND/ULIMI/GETTY IMAGES (2); S. 22: VARELA/NICHOLAS/FRANCO/GETTY IMAGES (4)