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REPORT: STREAMING-DIENSTE IN EUROPA UND USA: DAS DUELL: EUROPA CONTRA USA


video - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 03.08.2018

ARD und ProSiebenSat1 wollen den mächtigen Streaming-Angeboten aus den USA entgegentreten. Eine große, wenn möglich europäische Plattform für Video on Demand soll den Markt wieder ausbalancieren. Neue Plattformen und neue Mediatheken werden schon bald die deutsche On-Demand-Szene verändern.


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Bildquelle: video, Ausgabe 9/2018

Gewitterwolken ziehen auf, und man wetzt die Säbel. Es geht um nichts Geringeres, als dass Europa den großen US-Plattformen den Kampf ansagt.

Diese haben Streaming-Geschichte geschrieben. Mit ihren Angeboten für Video on Demand hauchten sie dem Internet bis dahin ungeahntes Leben ein, das sich im Heimkino und auf ...

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... Mobilgeräten artenreich und stetig entfaltet. Amazon, Netf lix und Youtube übernahmen auf diese Weise innerhalb weniger Jahre die Marktführerschaft, auch in Europa.

Dabei trumpfen sie nicht nur mit Quantität, sondern auch Qualität. Während in Deutschland ansässige VoD-Anbieter den Einstieg in Ultra High Definition und High Dynamic Range eben erst gefunden haben, finden Cineasten bei den US-Größen bereits ein reichhaltiges und rege wachsendes Archiv vor.

Man überließ den Giganten nahezu tatenlos das Feld. Doch das soll sich nun ändern. Sowohl die Öffentlich-Rechtlichen als auch die Privatsender zücken das Schwert und überraschen sich gegenseitig mit Initiativen. Mögliches Ziel: Die bislang eher rivalisierenden TV-Sender sowie die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger könnten sich gegen den gemeinsamen Gegner verbünden.

Eine deutsche, vielleicht sogar europäische Medienplattform soll die Wende bringen. Denn auch im europäischen Ausland regt sich bereits Widerstand. Ganz neue, zum Teil EUweite Regelungen stützen die Pläne, die in einem ersten Schritt bald die deutschen Mediatheken verändern. Doch bleibt der Weg hürdenreich.

Eigene Kultur, eigene Meinung

„Europa ist in Gefahr, die digitale Hoheit über sein kulturelles Erbe zu verlieren.“ Ulrich Wilhelm ist der seit Anfang des Jahres amtierende ARDVorsitzende, und er findet kernige Worte für die derzeitige Medienentwicklung. Für ihn geht es nicht nur um Video on Demand. Er thematisiert auch, welche weiteren Medienkräfte Bilder in den Köpfen prägen und Meinung in der Gesellschaft bilden. Die Diskussion spinnt sich dabei um die jüngsten Skandale bezüglich „Fake-News“. Und um die rechtlichen Rahmenbedingungen, die insbesondere die Auswahl der Suchergebnisse beim Suchmaschinenzar Google betreffen.

Der ARD-Chef will ein europäisches Gegengewicht schaffen. „Deutschland und Frankreich sollten die Initiatoren sein, die das Projekt voranbringen, wie einst Airbus als europäische Antwort auf Boeing“, erklärte er auf der ARD-Pressekonferenz Ende Juni. „Eine solche Plattform würde die kulturelle Selbstbehauptung Europas besser sichern.“

Inzwischen war er sogar zu Besuch bei den französischen Kollegen von France Télévision, um Optionen zu besprechen. Dort ist man bereits einen Planungsschritt weiter. Der dortige öffentlich-rechtliche Sender will gemeinsam mit den Privatanbietern TF1 und M6 die VoD-Plattform Salto gründen. Auch hier ist man motiviert, dem US-Übergewicht Paroli zu bieten. Inhalte sollen Nachrichten, Sport, Unterhaltung, französische Fernsehfilme, Dokus, aber auch US-Serien und Kinofilme sein. Der Starttermin steht noch nicht fest.

Ulrich Wilhelm wiederum schwebt eher ein großer Medienmix vor, bestehend aus Video, Audio-Beiträgen und Text. Dieser soll „Information, Kultur, Wissenschaft und Bildung“ vereinen. Hierzu ruft er nun ausdrücklich die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger auf, mit ins Boot zu kommen. Doch die sind zurückhaltend.

Erst jetzt scheint ein bereits länger andauernder Streit geschlichtet zu sein. Die Verleger monierten stets, dass die ARD als TV-Sender zu viel Text in ihren Online-Angeboten veröffentlicht habe. Dies sei gebührenfinanzierte Konkurrenz. Hier will der ARD-Boss nachgeben und sich mit den Verlegern abgleichen. Die Stimmung ist jedoch noch angeheizt, und die Verbände reagieren auf den ARD-Vorstoß eher kritisch. Ihnen fehlt noch die Konkretisierung, wie der Verband deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) im Interview verdeutlichen. Auch die Art der Finanzierung sei fraglich, da die Gebührenfinanzierung von ARD und ZDF mit den marktwirtschaftlichen Strukturen der Verlage schwer unter ein Dach zu bringen seien. Außerdem fragt man sich, wie viele Verlage überhaupt auf einer solchen Plattform Platz haben. Gewünscht ist, dass diskriminierungsfrei alle teilhaben können.

Hier gilt es, Lösungen für schwierige Sachverhalte zu erarbeiten. Klar wird dabei: Die Verlage sind so zurückhaltend, dass sie keine eigenen Konzeptideen einbringen, sondern auf weitere Vorschläge der ARD warten.

Neue Mediatheken

Der aktuelle Regulierungsbedarf, so wird an dem Streit deutlich und sind sich Politik wie auch Wirtschaft einig, ist angesichts der fortschreitenden Digitalisierung der Medien immens hoch. Doch der Wust lichtet sich. So können die öffentlich-rechtlichen Sender nun etwa mit ihren Mediatheken konkurrenzfähiger werden.

Der brandneue Telemedienauftrag beinhaltet, dass fortan sämtliche Sendungen zeitlich unbegrenzt online abrufbar bleiben dürfen. Bislang mussten die beiden TV-Anstalten einen großen Teil davon bereits innerhalb einer Woche nach Live-Ausstrahlung wieder aus dem Angebot entfernen.

Weitere Neuheit: Nicht nur Eigenproduktionen, sondern auch Lizenzprodukte dürfen On Demand bereitstehen. Das sind Serien, Filme und Dokus von ausländischen Sendern. Wichtige Einschränkung: Alles muss aus Europa kommen – US-Produktionen sind tabu. Der Wermutstropfen hierbei sind zusätzliche Kosten, die durch Lizenzzahlungen an Produzenten entstehen, wenn deren Werke länger abrufbar bleiben. Welche Inhalte wie lange online sind, werden daher die Sender und ihre Gremien von Fall zu Fall entscheiden.

Letztlich starten die Mediatheken mit einem deutlich größeren Angebot durch. Im Herbst, so die Ankündigung auf der Pressekonferenz, soll es losgehen. Wilhelm verdeutlicht, dass er es ernst meint. Eine Neustrukturierung der Online-Organisation sei bereits für September eingeleitet. Statt historisch gewachsenen, zu vielen Verantwortungsbereichen gebe es dann nur noch drei „Boards“ unter der Leitung des „Digitalboards“. Hinzulernen muss man hier wohl noch. Der Chef gibt zu, dass die Arbeitsabläufe glatter werden müssten. Video- und Audioinhalte will man zukünftig „schneller an den Start bringen“, um aktueller aufzuschlagen als bislang.

Einen Schub soll es auch in puncto Diversifikation geben. Zwar wähnt man eine europäische Plattform als großes Ziel. Auf dieses allein jedoch wollen sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht konzentrieren. Ausdrücklich will man sich auch weiter auf anderen Plattformen tummeln, wie dies etwa bei Youtube bereits der Fall ist. Ein noch stärkeres Engagement für mehr Zuschauerreichweite wird auf diese Weise möglich.

ProSiebenSat1 macht ernst

Eine erste Gelegenheit hierfür böte der jetzige Aufschlag der Sendergruppe ProSiebenSat1. Auch hier will man sich gegen die US-Mächte auflehnen, und die Pläne sind bereits deutlich konkreter ausgeformt als bei der ARD. Und: Es ging eine Einladung direkt an ARD, ZDF sowie RTL hinaus, ab sofort mitzumachen.

Bereits seit September vergangenen Jahres wird hinter verschlossenen Türen geplant, eine größere VoD-Plattform aus der Taufe zu heben. Zu diesem Zeitpunkt schlossen sich ProSiebenSat1 und das TV-Unternehmen Discovery zu einem Joint Venture zusammen und betrieben von da an gemeinsam das Sendungsarchiv 7TV. Laut Discovery-Geschäftsführerin Susanne Aigner-Drews war damals bereits klar, die Plattform deutlich zu vergrößern.

Vergangenen Monat nun verkündete Max Conze, seit Juni Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat1-Gruppe, offiziell die Pläne. Zeitgleich flatterten die Einladungen an die überraschten Kollegen hinaus. Im Auge hat man zunächst Deutschland, doch die Erweiterung auf ein europäisches Angebot schließt man nicht aus. Erklärtes Ziel ist jedenfalls, einen senderübergreifenden Streamingdienst zu etablieren. Die kleineren TV-Anbieter Axel Springer mit „Welt“ und „N24 Doku“ sowie Con-stantin Medien mit „Sport 1“ seien bereits dabei. Im Laufe des nächsten Jahres soll es losgehen. Zehn Millionen Nutzer will man in den ersten zwei Jahren überzeugt haben. Angekündigte Inhalte sind Sport, deutsche Produktionen und Hollywood-Blockbuster.

Auch zur Finanzierung gibt’s bereits Angaben. Sie soll wie gewohnt über Werbung gelingen, zusätzlich sollen Abo-Pakete bereitstehen.

Notwendiges Know-how holt man sich ausgerechnet von der US-Konkurrenz, der man Einhalt gebieten möchte. Alexander Vassilev ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer von 7TV und war bis dahin Manager bei Google. Aufhorchen lässt auch, um ihn ein Team von immerhin 200 Mitarbeitern aufstellen zu wollen, das den Plattformstart begleitet.

Im ersten Schritt werden sich die drei VoD-Dienste von ProSiebenSat1 und Discovery vereinen: Maxdome, 7TV und der Eurosport Player. Dies geschieht organisatorisch unter dem Dach des 7TV-Auftritts. Ob sich dessen Name dann ändert, wägt das Innovationsteam noch ab.

Verhaltene Reaktion

Eigentlich müsste Ulrich Wilhelm geradezu Freudensprünge machen, doch die Reaktion ist eher verhalten. Er agiert ähnlich wie die Verleger auf sein Angebot. „Das ist eine interessante Entwicklung für den deutschen Markt“, so sein Kommentar. Doch das Stadium sei noch zu früh, um beurteilen zu können, „ob wir das machen oder nicht“. Er verweist darauf, dass seine Vision sich nicht ausschließlich um Video on Demand drehen soll, sondern um eine Multiplattform aus verschiedenen Angeboten.

Der ARD-Vorsitzende hatte mit seinem Vorschlag die Privatsender nicht im Fokus. Auch hier müssten Lösungen erarbeitet werden, wie Gebühren- und Werbefinanzierung zusammenwachsen könnten. Außerdem steht noch die Entscheidung des Kartellamts aus: ProSiebenSat1 und Discovery erwarten eine Rückmeldung jetzt Anfang August, ob sie ihren Zusammenschluss wie gewünscht organisieren dürfen oder ob Anpassungsbedarf notwendig ist.

Bereits 2012 und 2013 hatte die Aufsichtsbehörde interveniert. Auf der einen Seite wollten die Privaten gemeinsame Sache machen, auf der anderen Seite ARD und ZDF mit deutschen Produktionsfirmen und Rechteinhabern. Beide Zusammenschlüsse wurden von den Wettbewerbshütern als marktbeherrschend untersagt.

Der Blick hierauf könnte sich jedoch verändert haben. Discovery-Frau Susanne Aigner-Drews sieht die Wettbewerbssituation in Deutschland durch die Stärke von Netflix & Co. so deutlich verändert, dass Zusammenschlüsse sogar eher als Grundlage für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit betrachtet werden können.

Inzwischen gibt sich RTL jedoch mit einer Reaktion auf das Angebot von ProSiebenSat1 so dezent wie die Öffentlich-Rechtlichen. Allerdings besteht hier ein anderer Hintergrund. Denn bei RTL schmoren ebenfalls die Pläne für eine Aufrüstung, und man will sein eigenes Ding drehen.

TV Now ist die Mediathek des Senders, und sie soll zukünftig nicht mehr nur Zusatzangebote zu den TV-Sendungen bieten, sondern ein völlig eigenständiges VoD-Portal werden. Schwerpunkt sind deutsche Eigenproduktionen: Shows und Serien stehen im Fokus. Ob vereinzelt auch Spielfilme in Lizenz von außerhalb hinzukommen, ist laut RTL-Sprecher Thomas Bodemer noch unklar. Der Starttermin stünde ebenfalls noch nicht fest, doch im Gespräch sei bis Ende des Jahres. Die Finanzierung soll weiterhin über ein Monatsabo erfolgen.

Grundsätzlich sei man „offen für Kooperationen“. Doch man wolle weder selbst ein deutsches Netflix, noch Teil einer großen Plattform werden, sondern sich eher auf TV Now konzentrieren. Grund, so darf man spekulieren, dürfte das Ungleichgewicht zwischen den Sendern und deren Angeboten sein. Während ProSiebenSat1 viele Fremdproduktion inklusive Blockbuster in Reserve hat, ist der Eigenproduktionsanteil bei RTL mit eigenen deutschen Serien deutlich höher. Dieser würde auf einer gemeinsamen Plattform vielleicht untergehen.

Wie reagieren die Gegner?

Die andere Seite lässt zu allen Diskussionen und Entwicklungen nichts verlautbaren. Auch auf unsere Anfrage hin möchten sie nicht direkt zu der europäischen Meinung Stellung beziehen, man müsse ein europäisches Gegengewicht schaffen.

Entspannt können sie – zumindest vorerst – bleiben. Laut Beratungs- und Forschungsgruppe Goldmedia stehen die Marktzahlen eindeutig auf ihrer Seite. Amazon hatte in Deutschland unter den kostenpflichtigen VoDAbonnenten vergangenes Jahr einen Marktanteil von 38,7 Prozent. Netflix folgt dicht dahinter mit 34,1 Prozent. Das sind zusammen 72,8 Prozent Marktanteil. Das deutsche Maxdome von ProSiebenSat1 kann gerade mal 6,5 Prozent auf sich vereinen, Sky Go und Sky Ticket zusammen immerhin 15,8. Den Rest machen kleinere Angebote unter sich aus. Da werden die Dimensionen offensichtlich.

Die Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (GfU) untersuchte zudem das Nutzerverhalten, wenn Smart-TVs im Heimkino ins Spiel kommen. Hier wirken die Ergebnisse noch niederschmetternder (siehe Statistik links).

Während Amazon und Youtube sich überhaupt nicht zu unseren Fragen äußerten, reagierte Netflix immerhin indirekt. Man verweist darauf, dass Deutschland durchaus zum Zuge käme: Im Juni habe man mehrjährige Serienverträge mit den Machern der deutschen Netflix-Serie „DARK“ geschlossen. Sie sei die erfolgreichste nicht-englischsprachige Serie im Angebot und werde in Deutschland produziert. Auch die beiden Regisseure seien deutsch und Absolventen der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Die Serie wurde in diesem Jahr mit sieben TV-Grimme-Preisen ausgezeichnet.

Mit mangelnder Qualität den einfachen Publikumsgeschmack zu befriedigen, kann man dem weltweit agierenden Amerikaner also nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Er liegt technisch in puncto Streaming und Bildqualität vorn, und mittlerweile sahnt er auch reihenweise Preise ab. So wurde Mitte vergangenen Monats bekanntgegeben, dass Netflix bei den weltweit wichtigen Emmy Awards mehr Nominierungen einholte als die Fernsehsender – und das, obwohl der Emmy eigentlich ein Preis für TV-Sendungen darstellt.

Wie sehr die VoD-Dienste den klassischen TV-Sendern im Nacken sitzen, zeigt auch eine Analyse der bekannten Investmentbank Morgan Stanley. Danach bedrängt Netflix ProSiebenSat1 und RTL im Marktwert massiv: Wie in den USA wachse auch in Europa der VoD-Anteil beständig und lasse die Marktanteile des klassischen Fernsehens schrumpfen. Ergebnis: Die Aktienwerte mussten im Juni herbe Verluste hinnehmen.

Unter diesem Eindruck erhält der Versuch, eine große VoD-Plattform zu etablieren, noch eine weitere Dimension. Sie wird nicht nur notwendig, um vom Bestellfilmemarkt mehr abzubekommen, sondern auch als Ausgleich für den Bedeutungsverlust der ursprünglichen Unternehmensgrundlage: den TV-Sendern.

Meine Meinung

VOLKER STRASSBURG, TREND- UND BILD-SPEZIALIST

Der innerdeutsche wie auch der innereuopäische Klärungsbedarf scheint gigantisch. Aber er ist notwendig, wenn die hiesigen Medien nicht nur zum US-Anhängsel werden sollen. Die sicherlich notwendigen Regularien stehen schnellen Lösungen zum Teil im Weg. Hauptbremse waren bislang aber die TV-Sender selbst. ARD und ZDF stecken allzu oft in traditioneller Trägheit fest, die es nun zu überwinden gilt. Weniger Eifer bei den Gebühren, stattdessen mehr Initiative in puncto Inhalten, strafferer Orga und Innovation tun not.

Statements

MAX CONZE, Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Media SE

„Ich lade hiermit RTL, ARD und ZDF ein, mit uns gemeinsam einen deutschen Champion zu schaffen.“

„Der Aufbau einer lokalen Plattform für Deutschland ist eine Initiative, ein Gegengewicht gegen die globalen US-Giants zu schaffen. Dies nun im ersten Schritt für Deutschland.“

„Wir geben jetzt den Startschuss, um einen lokalen deutschen Streaming-Champion zu schaffen. In anderen Teilen der Unterhaltungswelt gibt es ähnliche Projekte, in England und Frankreich beispielsweise. In den USA haben sich verschiedene Fernsehsender zusammengeschlossen, um die Plattform Hulu aufzubauen, die sich gut im Markt behauptet. Was wir vorhaben, ist enorm wichtig für die Entwicklung des deutschen Fernsehmarktes. Mit der Partnerschaft mit Discovery machen wir einen Anfang.“

SUSANNE AIGNER-DREWS, Geschäftsführerin Discovery Deutschland

„Um auch die Zuschauer von morgen an unsere Programme und Inhalte zu binden, wollen Discovery und ProSiebenSat.1 mit der gemeinsamen Streaming-Plattform den führenden OTT-Service auf dem deutschen Markt etablieren. Wir wollen nicht das Feld den Wettbewerbern aus den USA überlassen.“

Statement

ULRICH WILHELM, ARD-Vorsitzender und BR-Intendant

Europa ist nicht nur ein geografischer Raum, sondern steht auch für eine Reihe von Werten wie Demokratie, Pluralismus, Toleranz und den Schutz seiner Bürgerinnen und Bürger. Europa muss sich wappnen, um diese Prinzipien auch in der digitalen Welt zu verteidigen.“

„Nach langem Ringen ist es gelungen, den Telemedienauftrag zu modernisieren. Unser Ziel ist, den Erwartungen der Menschen an eine zeitgemäße Mediennutzung nachzukommen. Wir haben die Möglichkeit, unser Mediatheken-Angebot zu verbessern, insbesondere durch europäische Lizenzproduktionen zu ergänzen und die Verweildauern zu verlängern. Bewegtbild und Ton sollen den Schwerpunkt unserer Angebote bilden, Text wird weiter zulässig sein. Natürlich mussten alle Beteiligten Zugeständnisse eingehen. Am Ende macht die Einigung der Länder aber den Weg frei, uns gemeinsamen Herausforderungen in einer sich rasant verändernden Medienwelt zu stellen.“

Statement

STEPHAN SCHERZER, Hauptgeschäftsführer Verband deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)

„Plattformen geben im Digitalen in globaler Dimension den Ton an. Die noch wenig konkrete Idee einer „Super-Mediathek“, die Ulrich Wilhelm zur Diskussion stellt, erweckt deshalb Aufmerksamkeit und führt zu interessanten Fragestellungen. Wie soll dem User ein gebührenfinanziertes Programmangebot auf einer Plattform mit Tausenden von Verlagsangeboten, die sich allesamt am Leser- und Werbemarkt finanzieren müssen, präsentiert werden? Kann so eine Plattform allen Verlagsangeboten diskriminierungsfreien Zugang ermöglichen oder handelt es sich um einen exklusiven Club? Die Gemeinsamkeiten der Kreativbranche im Kontext der Digitalmonopole zu betonen ist richtig. Wir sind auf die konkreten Vorstellungen des ARD-Vorsitzenden zur Super-Mediathek gespannt.“

Statement

THOMAS BODEMER, Sprecher Mediengruppe RTL

„Grundsätzlich sind wir offen für Kooperationen und Allianzen, wenn sie zu unserem Geschäftsmodell passen und wenn sie rechtlich darstellbar sind. Wir konzentrieren uns konsequent auf unsere eigene Strategie, den Ausbau von TV NOW, und möchten dabei nicht an Geschwindigkeit verlieren. Das schließt aber nicht aus, dass wir auch Gespräche führen.“

ProSiebenSat1 und Discovery: Gemeinsam eine starke Plattform

7TV ist die Mediathek von ProSiebenSat1. Zu ihrem Angebot sollen Maxdome und die Sendungen von Discovery hinzu kommen und die neue Plattform bilden.


Maxdome ist der bekannte VoD-Dienst von ProSiebenSat1. Er konnte sich – anders als einstige andere europäische Angebote – bis heute behaupten.


Discovery streamt live über den Browser oder über die hauseigene App „Eurosport Player.“ Er steht zukünftig auch den Partnern zur Verfügung.

Die US-Mächte preschen vor

Die Gesellschaft für Unterhaltungselektronik hat 2000 Smart-TV-Nutzer befragt, welche Streaming-Dienste sie bevorzugen. Ergebnis: Im Heimkino verlieren die TV-Sender und deutschen Angebote zunehmend Anteile. Die Grafiken zeigen die Veränderungen bei den via TV aufgerufenen VoDAnbietern. Verglichen wurde das Jahr 2016 mit dem aktuellen Stand in 2018. Wachstumssieger ist Netflix, gefolgt von Amazon. Google Play als relativ kleiner US-Teilnehmer im VoD-Segment schrumpft. Maxdome verliert massiv.

Quelle: GfU


Bilder: Archiv, Firmen