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REPORTAGE: 10 Jahre nach dem Unglück in Nachterstedt: Ein Ort zwischen Trauer und Neuanfang


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 29/2019 vom 11.07.2019

Genau zehn Jahre ist es her, dass Nachterstedt von einem schweren Erdrutsch erschüttert wurde. Jetzt soll der Tourismus der Region Auftrieb geben. Doch wie geht es den Betroffenen der Katastrophe heute? SUPERillu war dort


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 29/2019

Dieser Strandabschnitt wird wiedereröffnet. Er liegt gegenüber vom Unglücksort Nachterstedt, der zur Stadt Seeland gehört


In der Nacht des 18. Juli riss ein Erdrutsch am teilgefluteten Tagebaurestloch Concordiasee Häuser in die Tiefe. Drei Menschen starben


Die Sonnenstrahlen erwärmen das Wasser des 350 Hektar großen Concordiasees. Das klare Blau lädt zum Baden ein. Noch sind im Norden bei ...

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... Schadeleben (Sachsen-Anhalt) wenige Menschen unterwegs. Denn seit zehn Jahren ist das Ufer rund um den See gesperrt. Doch Mitte Juli soll hier ein Bereich wieder für den Freizeitbetrieb geöffnet werden. Dann können in diesem Teil der Stadt Seeland, die aus sechs Gemeinden rund ums Wasser besteht, wieder Jung und Alt baden, Boote fahren, Kinder Eis und Pommes essen.

So wie schon einmal – bevor das Drama vom gegenüberliegenden Ortsteil Nachterstedt am 18. Juli 2009 das Leben der ganzen Region veränderte.

Ekkehard und Elke Schirrmeister verloren bei der Katastrophe alles – außer ihrer Wanduhr, die in der Reparatur war. „Wir sind jeden Tag dankbar, dass wir leben“, sagen beide


Dieses Wohnmobil rettete dem Paar das Leben. Als das Unglück geschah, war es damit unterwegs


Die Doppelhaushälfte der Schirrmeisters wurde mitsamt des Carports, in dem zwei Autos standen, in die Tiefe gerissen. „Es war alles weg“


Es ist immer noch unfassbar: Kurz nach vier Uhr in der Nacht riss damals ein Erdrutsch am teilgefluteten Tagebaurestloch zwei Häuser, ein Stück Straße und eine Plattform 170 Meter in die Tiefe. Drei Menschen starben, 41 wurden obdachlos. Ein Erlebnis, das niemand im Ort vergessen kann. Vor allem nicht die Betroffenen. In SUPERillu erzählen einige, wie es ihnen heute geht, wie sie trotz Tränen und Trauer einen Neuanfang schafften – obwohl die Tragödie für immer ein Teil ihres Lebens bleibt.

Wie für Ekkehard , 80, und Elke Schirrmeister, 69. Die Eheleute verloren vor zehn Jahren ihre gesamte Existenz. Ihre Doppelhaushälfte wurde vollständig weggerissen, vom See verschlungen. „Es war unvorstellbar!“, erinnern sie sich. Trotz des Erlebten erzählt uns der ehemalige stellvertretende Landrat seine Geschichte mit Dankbarkeit. Denn er und seine Frau hatten großes Glück. In jener Nacht verloren die beiden zwar ihr Zuhause – aber nicht ihr Leben.

Denn als ihr Haus in Nachterstedt in die Tiefe stürzte, waren die beiden mit ihrem Wohnmobil in Bad Rodach (Landkreis Coburg) im Urlaub. „Am Morgen hörten wir im Radio, dass in der Nähe von Quedlinburg ein Erdrutsch war. Wären wir zu Hause gewesen, hätten wir keine Chance gehabt.“ Wie alle anderen Betroffenen wurde das Paar von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die die bergrechtliche Verantwortung in diesem Gebiet trug, finanziell entschädigt. „Wir mussten uns alles wieder kaufen. Jeden Spaten, jedes Elektrogerät, jedes Hemd“, erzählt Ekkehard Schirrmeister. Mit einer Liste waren sie tagelang in Geschäf- ten unterwegs. „Wir hatten alle Hände voll zu tun, den Alltag wiederherzustellen.“

Wenige Monate nach dem Unglück zog das Paar ins 13 Kilometer entfernte Ballenstedt. „Wir wollten Abstand zu dem Unglücksort haben. Dort zu bleiben, kam für uns nicht infrage“, sagt Schirrmeister. Selbst zehn Jahre danach denkt das Paar noch oft an die Katastrophe zurück. Gerade jetzt im Sommer. „Wir feiern am 18. Juli jedes Jahr unseren Geburtstag. Es ist ein Wunder, dass wir noch da sind“, so Schirrmeister, der alle Zeitungsartikel von damals aufgehoben hat.

Zur Wiedereröffnung des Sees haben sie eine klare Meinung. „Wir werden nicht hinfahren. Dafür ist dieser Ort für uns zu sehr mit der Tragödie verbunden.“ Schließlich seien ihre verschütteten Nachbarn nie gefunden worden.

Eine Tatsache , die auch Imke Wiesenberg, 44, schwer belastet. Die Ärztin verlor beim Unglück ihren Ehemann Thomas, † 50. Sie überlebte nur, weil sie in jener verhängnisvollen Nacht Dienst im Krankenhaus hatte. In den ersten Monaten danach funktionierte die gebürtige Hamburgerin noch. Doch dann wurde sie vom Geschehenen eingeholt. „Die Trauer war unendlich. Wir waren gerade erst neun Monate verheiratet, hatten noch so viele Pläne.“ Der Weg zurück in den Alltag war für die damals 34-Jährige eine Prüfung, die bis heute andauert. Rückblickend sagt sie. „Es ist unvorstellbar, welch enorme Hilfsbereitschaft ich von allen Seiten erfahren habe.“ Der Freundeskreis wurde immer größer, ist bis heute für sie eine wichtige Kraftquelle. Wie auch die Liebe zu ihrem zweiten Mann Thomas Wiesenberg, 60, den sie 16 Monate nach der Tragödie kennenlernte. Seit der Heirat mit ihm 2011 trägt sie seinen Namen.

In der Ortsmitte erinnert ein Denkmal an das Geschehene



„Wir müssen versuchen, die Katastrophe zu überwinden – mit allem was dazu gehört“
Heidrun Meyer, Bürgermeisterin der Stadt Seeland


ERINNERUNG

Thomas Holzapfel-Saalfeld ist eines der drei Opfer des Unglücks. Er wohnte mit seiner Frau Imke im Ort, arbeitete als Pfleger in Aschersleben


Trost fand die Ärztin auch im Glauben. Sie ist in der evangelischen Gemeinde aktiv


Imke Holzapfel, die heute Wiesenberg heißt, verlor damals ihren Ehemann Thomas. Hier, nur einige Hundert Meter entfernt, stand einmal ihr Haus


Mit ihrem zweiten Ehemann Thomas Wiesenberg lebt Imke immer noch in Nachterstedt


Sie verlor ihren Ehemann, fand aber 16 Monate danach ein neues Glück


Alltag war für die damals 34-Jährige eine Prüfung, die bis heute andauert. Rückblickend sagt sie. „Es ist unvorstellbar, welch enorme Hilfsbereitschaft ich von allen Seiten erfahren habe.“ Der Freundeskreis wurde immer größer, ist bis heute für sie eine wichtige Kraftquelle. Wie auch die Liebe zu ihrem zweiten Mann Thomas Wiesenberg, 60, den sie 16 Monate nach der Tragödie kennenlernte. Seit der Heirat mit ihm 2011 trägt sie seinen Namen.

Der neue Partner ist für sie jeden Tag eine wichtige Stütze. Auch wenn die gemeinsame Zeit nicht immer unbeschwert war und ist. „Es hat viel Therapiearbeit gebraucht, um in ein normales Leben zurückzufinden. Für mich ist die Zeit nach dem Erdrutsch auf drei Säulen gebaut: meinen Glauben, die Betreuung durch Psychotherapeuten und meine Familie und Freunde. Hätte eine Säule gefehlt, hätte ich es nicht geschafft“, sagt Imke. Sie lebt im Jetzt, aber gesteht: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an meinen verstorbenen Mann denke.“

Das Andenken an ihn bewahrt Imke Wiesenberg auf vielfältige Art und Weise. Am 18. Juli wird sie noch einmal einen Gedenkgottesdienst für die Opfer mitgestalten – zum letzten Mal. „Zehn Jahre danach muss man irgendwie abschließen“. Deshalb versteht sie einerseits auch den touristischen Neuanfang. „Die Region braucht den Tourismus und wenn die Sicherheit der Menschen gewährleistet ist, ist das in Ordnung.“ Doch andererseits sagt sie zur Teilöffnung des Sees: „Ich werde dort nicht schwimmen gehen. Für mich ist dieser Ort ein Grab.“

Es ist ein Neustart, der Fingerspitzengefühl erfordert. Das sieht auch Sebastian Kruse, Geschäftsführer der Seeland GmbH. Er kämpft schon lange für die Wiedereröffnung des Concordiasees, will ihn zu altem Glanz führen. Er weiß jedoch: „Wir müssen bei allem, was wir tun die Vergangenheit im Blick behalten.“ Das geschieht: Während das Ufer bei Schadeleben touristisch genutzt werden soll, wird es zukünftig im Bereich Nachterstedt auch einen Ort des Gedenkens geben. Heidrun Meyer, Bürgermeisterin der Stadt Seeland, setzt ebenfalls große Hoffnungen in den Neuanfang: „Der See ist eine Chance für uns und den Tourismus.“ Auch wenn sie und die Bewohner jene verhängnisvolle Nacht 2009 nie vergessen werden.

Vor dem Unglück 2009 lagen im Concordiasee viele Boote. Auf einem Dampfer konnte man sogar Fahrten buchen



„Ich war immer ein Optimist. Es hat lange gedauert, aber ich freue mich auf die Teilöffnung“
Sebastian Kruse, Geschäf tsführer Seeland GmbH


FOTOS: SUPERillu/Andreas Wetzel (5), imago, dpa Picture-Alliance