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REPORTAGE: Fotos lesen lernen


fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 80/2018 vom 13.07.2018

Die Fotografie wandelt sich vor allem durch die Erfindung des Smartphones vom Medium der Erinnerung zum Medium der Kommunikation. Doch lassen sich Bilder eigentlich wie Texte lesen? Und wenn ja: Wo und wie lernen wir das?


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Durch das Eye-Tracking werden die Bewegungen der Augen beim Betrachten von Bildern aufgezeichnet. So lässt sich nachweisen, welche Bildteile Aufmerksamkeit erhalten haben – und welche nicht.


FOTO: © MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR BIOLOGISCHE KYBERNETIK

Dieses Foto wird unterschiedlich wahrgenommen: Manche sehen hier ein weiß-goldenes, andere ein schwarz-blaues Kleid.



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„WIR DENKEN, DASS WIR ALLES WAHRNEHMEN, DOCH WIR SEHEN NUR EINEN WINZIGEN TEIL SCHARF.“
Rainer Rosenzweig


1,2 Billionen Fotos wurden im vergangenen Jahr geschossen. 85 Prozent davon mit einem Smartphone. Man kann auch sagen: Heute fotografieren wir innerhalb einer Minute mehr als im gesamten 19. Jahrhundert. Tendenz: weiter steigend.
Ein wichtiger Grund, warum wir heute so viel fotografieren, ist neben der kostengünstigen und technischen Voraussetzung durch die Verbreitung des Smartphones vor allem die Möglichkeit, Bilder mit anderen Menschen zu teilen – sei es in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram oder über Nachrichten-Dienste wieWhatsapp ,Telegram und denFacebook Messenger . Sie tragen wesentlich dazu bei, dass heute viel selbstverständlicher Fotos als Mittel der Kommunikation genutzt werden – und nicht mehr hauptsächlich als Medium der Erinnerung wie in den rund 180 Jahren zuvor. Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans sprach 2014 in einem Interview mit dem britischenGuardian davon, dass Fotografien Wörter als Nachrichtenmedium gar ersetzen würden. Andere werden nicht müde zu betonen, dass die Fotografie ein „visuelles Esperanto“ sei. Doch ist dem wirklich so? Können Fotografien überall verstanden oder zumindest gelesen werden? Und wenn ja: Wo lernt man das? Schließlich gibt es für den Umgang mit Fotos kein Lexikon wie in der Traumdeutung, in dem man nachschlagen könnte, was beispielsweise ein Mann mit Plastiktüten vor einer Reihe von Panzern, eine elegante Frau im Abendkleid zwischen vier Elefanten oder vier junge Männer auf einem Zebrastreifen zu bedeuten haben.
Die Experten sind sich einig: Wer Fotografien lesen lernen will, muss vor allem Sehen lernen. „Wir brauchen eine enorme Seh-Praxis“, sagt beispielsweise Klaus Honnef, der 30 Jahre lang Ausstellungschef am Rheinischen Landesmuseum Bonn und Deutschlands erster Professor für die Theorie der Fotografie war und regelmäßig über das Medium schreibt. „Das ist allerdings nicht ganz einfach, denn jeder von uns hat eine Seh-Praxis aus dem Alltag. Wir brauchen aber ein ‚sehendes Sehen‘, nicht das zerstreute Sehen wie beim Flanieren. Das hat mit Bildern und Fotos relativ wenig zu tun. Bilder bedürfen der selben großen Aufmerksamkeit, die wir auch fürs Lesen aufbringen.“
Und das ist genau der Punkt. Nur, weil wir alle Augen haben, meinen wir, sehen zu können. Das ist aber ein Trugschluss. „Das Abbilden der Welt auf der Netzhaut ist nur der erste Schritt und schon fehlerhaft, weil die Welt dreidimensional, unsere Netzhaut aber zweidimensional ist“, sagt der Wahrnehmungspsychologe Rainer Rosenzweig von der TH Nürnberg. „Wir denken, dass wir räumlich sehen, aber es ist nur eine Interpretation, eine Rekonstruktion unseres Gehirns. Wir verwechseln diese Rekonstruktion mit der Wirklichkeit.“ Manchmal kommt es dann zu Phänomenen, die wir umgangssprachlich als „optische Täuschung“ bezeichnen und die mit dem Beuchet Stuhl oder im Ames Raum überprüft werden können: Dort wirken Menschen plötzlich sehr viel größer oder kleiner, weil dem Hirn vorgegaukelt wird, sie stünden direkt nebeneinander, obwohl sie in Wirklichkeit hintereinander stehen.
Das sind optische Beispiele, die im Alltag eher selten auftreten. Höchstwahrscheinlich ist es hingegen, dass unsere Wahrnehmung von den vier Faktoren Erfahrung, Erwartung, Kontext und Aufmerksamkeit beeinflusst werden, so Rosenzweig. So sei der Mensch aufgrund seiner Erfahrung besonders gut darin, Gesichter zu erkennen – mit der Folge, dass wir sie ständig suchen und auch finden: in Häusern, in Autos, auf Briefkästen und auf Toastbrotscheiben. Dieses Phänomen nennt man Pareidolie. Das führt dann auch dazu, dass der Blick auf einer Fotografie immer vom Gesicht angezogen wird, fast egal, was und wieviel sonst darauf zu sehen ist.
Beim Stichwort Kontext fällt Rosenzweig spontan das berühmte Kleid ein, das vor drei Jahren unter dem Hashtag#dressgate zu einem regelrechten Streit im Internet und darüber hinaus führte: die einen sehen bis heute in dem schlecht fotografierten Bild ein weiß-goldenes, die anderen ein schwarz-blaues Kleid. Die Ursache, so Rosenzweig, vermutet man darin, dass der Betrachter beim Anblick sofort unbewusst entscheidet, ob das Kleid bei Tageslicht im Schatten oder bei gelblichem Kunstlicht angestrahlt wurde – und entsprechend einen Blau-oder Gelbstich korrigiert. Das Spannende an diesem Fall ist jedoch, dass sich diese Sichtweise nicht ändern lässt: Einmal festgelegt, bleiben fast alle Betrachter bei ihrer Wahrnehmung. Doch wenn wir uns noch nicht einmal einig darüber sind, was für eine Farbe ein Kleid hat – wie sollen wir es dann erst sein, wenn es um die Bedeutung von komplexen Inhalten geht?
Zuletzt sei die Aufmerksamkeit enorm wichtig. „Wir denken immer, dass wir alles wahrnehmen, doch beim Eye-Tracking wird deutlich, dass wir immer nur einen winzigen Teil scharf sehen und der ist so groß wie ein Daumennagel am ausgestreckten Arm.“ Wenn wir dann auch noch die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt oder ein bestimmtes Ereignis lenken, wird alles andere ausgeblendet.
Ein berühmtes Beispiel ist das Experiment von Daniel Simons und Christopher Chabris aus dem Jahr 1999, mit dem sie nachgewiesen haben, dass sich die Mehrheit der Versuchspersonen so sehr auf eine Sache konzentrieren können, dass sie regelrecht blind werden für das Unerwartete – selbst, wenn es direkt vor ihnen ist: Sie schauten ein Video, in dem sich zwei Mannschaften Basketbälle zuwarfen. Die Probanden sollten die Ballkontakte der weißen Mannschaft zählen. Dabei waren sie so fokussiert, dass die Mehrheit nicht merkte, dass zwischenzeitlich ein als Gorilla verkleideter Mann durchs Bild lief, sich auf die Brust schlug und wieder aus dem Bild hinaus ging.
Das klingt alles wenig motivierend. Und dennoch gibt es Menschen, denen es einfacher fällt ein Bild zu lesen als anderen – weil sie sich viel damit beschäftigt haben. Jemand, die sich um das Erlernen von visueller Kompetenz in unserer Gesellschaft bemüht, ist Angelika Jung. Die Kunsthistorikerin ist Gründerin und Inhaberin des Instituts für visuelle Bildung mit Sitz in Innsbruck. Unter einer visuellen Bildung versteht sie „die Kompetenz, inhaltliche sowie formale Informationen zu verstehen und effektiv zu nutzen sowie andere Sichtweisen in Erwägung zu ziehen.“ Dafür greift sie aufVisual Thinking Strategies (VTS) zurück, eine in den 1990er Jahren in den USA entwickelte Methode.
„Wir haben im Laufe unseres Bildungssystems die Sinne zugunsten des Intellekts sehr vernachlässigt“, erklärt Jung. „Das spüren wir heute sehr, weil die Leute nicht mehr am Bild bleiben. Das, was wirklich vor ihnen ist, nehmen sie gar nicht wahr, sondern nur einen ganz kleinen Teil und über den machen sie sich viele Gedanken. Aber unser Denken ist nicht ganzheitlich, unsere Sinne sind reduziert.“ MitVTS sollen wir also vor allem erst einmal das Schauen lernen – und dem Gesehenen dann sprachlich Ausdruck verleihen. Und weil eine Gruppe immer mehr sehe und mehr wisse als ein Einzelner, werde die Methode auch immer in Gruppen durchgeführt – beispielsweise bei Führungen durch Ausstellungen, in denen dann nur über drei oder vier Bilder gesprochen wird, dann aber intensiv.
Dabei hat Jung immer drei Fragen zur Hand, um die Gruppe in das Bild zu führen. Mit „Was passiert in diesem Bild?“ startet sie die Diskussion, mit „Was siehst du, dass du das sagen kannst?“ fragt sie nach, wenn die Betrachter Urteile fällen, die nicht aus dem Bild selbst entstehen, und mit „Was könnt ihr sonst noch finden?“ lenkt sie das Gespräch auf bislang unbeachtete Details.
Das klingt erst einmal alles sehr banal, ist für die meisten Menschen aber ein völlig neuer Umgang mit Fotos und Bildern. Und vor allem: „Nach 30 Stunden Bilder Decodierens macht es das Gehirn automatisch“, sagt Jung. „Und dann hast du einen mündigen, selbstdenkenden Staatsbürger erzogen, der hinschaut und nachdenkt, was er sieht, und der nicht einfach nur alles nachplappert.“
In Deutschland sei man aber noch weit davon entfernt, sagt Jung. „In Skandinavien sind sie schon wesentlich weiter. Dort geht es nicht nur darum, Bilder lesen zu lernen, sondern generell um kompetenzorientiertes Unterrichten. Es geht darum, dass man weg geht von der Idee, dass es richtig und falsch gibt.“ Aber dafür bräuchten wir nicht nur mündige Schüler, sondern auch mündige Lehrer und Professoren.
Ähnlich sieht es Anna-Maria Loffredo. Sie ist Professorin für Fachdidaktik am Institut für Kunst und Bildung an der Universität Linz und war vorher Lehrerin für Kunst-und Sozialwissenschaften in der Nähe von Köln. „Gerade in der Kunstpädagogik wird zu oft der Fokus auf die gestalterischen und künstlerischen Aspekte gelegt. Im Bildungskontext wird hingegen zu wenig geschaut, dass wir den rezeptiv-reflexive Umgang üben. Auch das Versprachlichen des Gesehenen findet viel zu wenig statt, weil das andere Zeichensysteme sind als beim Schreiben.“ Auf der anderen Seite gäbe es auch Lehrer, die sich nur um den Umgang mit dem Rezeptiv-Reflexiven beschäftigen, aber den gesamten gestalterischen Bereich außer Acht lassen, beispielsweise in den Erziehungswissenschaften. „Denen fehlt die Möglichkeit der Decodierung und eine kunsthistorische Verortung.“
Hinzu komme, dass die Fotografie von vielen sogenannten Bewahrpädagogen mit dem Begriff der Manipulation verbunden werde und sie Kinder vor den schlechten Einflüssen der Medien wie Suchtgefahr und Reizüberflutung schützen müssten. „Die greifen dann im Unterricht auf Medien zurück, die wir mit unseren Sinnen erleben können, also Ton oder Linolschnitt.“
Dies kann Jan Schmolling bestätigen. Der Leiter desDeutschen Jugendfotopreises findet, dass die Vieldeutigkeit von Bildern nicht als Qualität, sondern als Makel wahrgenommen werde. „Fotografien sind nach wie vor vielfach als oberflächlich und manipulierend konnotiert, ihre mediale Verbreitung gilt als Reizüberflutung. Wirklich schade und irgendwie unglaublich, dass die Skepsis gegenüber dem Bild heute immer noch existiert.“
Gleichzeitig werde die Medienkompetenz der Schüler, die amDeutschen Jugendfotopreis teilnehmen, immer besser. „Das gilt auch für die Fotografie. So kommen zum Beispiel konzeptionell angelegte Arbeiten, vor Jahren noch eine Domäne von
Studierenden, inzwischen häufig bereits von Schülern im Alter von 13 bis 16 Jahren. Die Konstante, die sich über den gesamten, bald 60-jährigen Zeitraum des Wettbewerbs erstreckt, ist der Wunsch, eine persönliche und künstlerische Ausdrucksform, eine visuelle Sprache zu entwickeln. Kindern und Jugendlichen geht es um die Entdeckung, Erforschung und Reflexion der Umwelt, des Alltags, des Mediums – und der eigenen Gefühlswelten. Das kann man in allen Altersbereichen beobachten.“
Anna-Maria Loffredo hat sich verhältnismäßig früh für den Einsatz von Fotografie im Unterricht stark gemacht und mit ihren Schülern beispielsweise auch zweimal denDeutschen Jugendfotopreis gewonnen. Mit Freude habe sie beobachtet, dass durch die Einführung des Zentralabiturs in Nordrhein-Westfalen vor einigen Jahren plötzlich auch Fotografen wie Gregory Crewdson und Cindy Sherman im Kunstunterricht vorkamen. „Die Lehrer wurden gezwungen sich mit Fotografie auseinanderzusetzen, um die Schüler aufs Abitur vorzubereiten – und eben nicht mehr nur die Malerei mit Surrealismus, Expressionismus und Impressionismus.“ Die Fotografie stehe also mittlerweile obligatorisch auf dem Lehrplan – rund 20 Jahre nachdem sie auch in den Museen angekommen ist. Auf die Bedeutung von Hintergrundinformationen wie beispielsweise eine Bildzeile weist hingegen der Direktor beiWorld Press Photo , Lars Böring, hin. „Ohne Caption ist ein Bild eindimensional. Ein Foto ist nur der Beginn einer Erzählung. Wenn man ein Bild anschaut und dann den Text liest, dann vertieft man sich und die Geschichte
wird viel eindrucksvoller.“ Gleichzeitig habe Böring festgestellt, dass heutzutage Nachrichtenfotos einfacher sein sollen, um in Online-Medien und auf dem kleinen Handy-Display gut zu funktionieren. „Aber ikonische Fotos sind oft sehr leicht zu lesen, sie sind oft nicht sehr kompliziert.“ Vom Publikum desWorld Press Photo Awards weiß er, dass es heute sehr viel kritischer und misstrauischer gegenüber Fotos ist. „Sie fragen immer zuerst: Kann ich dem Bild vertrauen? Ich sage dann: Das Bild sagt nicht die Wahrheit, aber du kannst ihm vertrauen.“ Schließlich gebeWorld Press Photo viel Geld dafür aus, manipulierte Bilder zu finden und aus dem Wettbewerb auszuschließen.
Aber Böring macht noch auf ein ganz anderes Problem aufmerksam: „Viele professionelle Fotografen verstehen ihre eigenen Fotos nicht! Sie sollten genauer hinterfragen, was das Publikum in ihren Bildern sehen soll und warum wir es uns ansehen sollen. Zu oft konzentrieren sich Fotografen auch heute noch auf technisches, kennen aber die Kunst-und Fotografiegeschichte nicht.“
Wenn wir also davon sprechen, dass wir „Fotos lesen lernen“ wollen, setzt es voraus, dass derjenige, der das Bild aufgenommen hat, auch „Fotos schreiben“ kann – denn nur, weil er eine Kamera bedienen kann, heißt es nicht, dass er auch damit umgehen kann. Das ist in etwa so, als wenn man alles lesen und verstehen könnte, nur weil es aus Buchstaben besteht.
„Kans tda das mehr Ordenludenstät und deshalb nurhhgdelek Notwijtlich.“ Wenn Sie diesen Satz nicht verstanden haben, könnte es daran liegen, dass Sie nicht richtig lesen gelernt haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass er einfach keinen Sinn ergibt. So ist es in der Fotografie auch oft.
Doch selbst wer sich jahrelang mit Fotografien, Wahrnehmungsphänomenen, Kunstgeschichte undVisual Thinking Strategies beschäftigt hat, muss davon ausgehen, dass Bilder nicht komplett entschlüsselbar sind. „Bilder haben ihren eigenen Willen“, sagt Klaus Honnef. Und fügt hinzu: „Bilder können Biester sein. Da schwingt etwas mit, das nicht lesbar ist. Das Visuelle lässt sich nicht auf das rein Skripturale und Semiologische reduzieren.“ Genauso wenig wie wir einen Duft oder ein Gefühl perfekt in Worte fassen können, können wir auch Bilder nicht perfekt beschreiben und lesen. Es ist immer lediglich eine Annäherung.


„WIR HABEN IN UNSEREM BILDUNGSSYSTEM DIE SINNE ZUGUNSTEN DES INTELLEKTS VERNACHLÄSSIGT.“
Angelika Jung



„DAS VERSPRACHLICHEN DES GESEHENEN FINDET VIEL ZU WENIG STATT.“
Anna-Maria Loffredo


„Pareidolie“ nennt die Wahrnehmungspsychologie das Phänomen, wenn Menschen in Dingen wie Häusern, Briefkästen oder Toastbrotscheiben Gesichter entdecken. Das Antlitz von Jesus wurde hier allerdings tatsächlich eingebrannt.


FOTO: © J. RICHARDS/AFP/ GETTY IMAGES


„IKONISCHE FOTOS SIND OFT LEICHT ZU LESEN, SIE SIND MEIST NICHT SEHR KOMPLIZIERT.“
Lars Böring



„IRGENDWIE UNGLAUBLICH, DASS DIE SKEPSIS GEGENÜBER DEM BILD IMMER NOCH EXISTIERT.“
Jan Schmolling


Gerade einmal 13 Jahre alt war Carolin Lätsch, als sie 2008 mit ihrer Serie „Schwebende Pflichten“ den ersten Platz in ihrer Altersgruppe gewann.


FOTO: © CAROLIN LÄTSCH/ KJF

Ein Bild wie aus der Hölle: Ronaldo Schemidt gewann mit seiner Aufnahme des brennenden José Víctor Salazar Balza während der Proteste in Venezuela denWorld Press Photo Award.


FOTO: © RONALDO SCHEMIDT/ AGENCE FRANCE PRESS