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Reportage: Fünfeinhalb Meter unter dem Meer


PROTRADER - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 18.12.2018

Südnorwegen ist ab dem Frühjahr 2019 um eine Attraktion reicher: Im Örtchen Spangereid, 70 Kilometer westlich von Kristiansand, erlaubt das erste Unterwasser-Restaurant Europas ein Erlebnis der besonderen Art. Während man dort tafelt, wird man die Gelegenheit haben, dem Treiben jener Meeresbewohner zuzusehen, die nicht das Pech hatten, erst im Netz und dann im „Under“ auf dem Teller zu landen. Na dann skål und måltid!


Artikelbild für den Artikel "Reportage: Fünfeinhalb Meter unter dem Meer" aus der Ausgabe 1/2019 von PROTRADER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: PROTRADER, Ausgabe 1/2019

Reportage
51/2 Meter unter dem Meer

Branche
Spezialbau

Wie bei einem Schiff, begann seine Gestaltwerdung im Trockendock. Und auch seine strömungsgünstige, monolithische Form würde sich, vom ...

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Wie bei einem Schiff, begann seine Gestaltwerdung im Trockendock. Und auch seine strömungsgünstige, monolithische Form würde sich, vom Baumaterial Beton einmal abgesehen, durchaus für ein Wasserfahrzeug eignen. Nur dass eine Ortsveränderung nach einem ersten kurzen Trip nicht mehr vorgesehen ist. Der führte das „Under“ am Haken eines Schwimmkrans, kaum mehr als 200 Meter weit vom Anleger des direkt an dem kleinen Hafen von Spangereid gelegenen Lindesnes Havhotell, einmal quer über die Hafeneinfahrt und dann noch um die winzige Insel Terneholmen herum. Bereits hier ging das 2000 Tonnen schwere Gebilde auf Grund. Selbst die glücklose Vasa der schwedischen Marine war auf ihrer ersten und einzigen Fahrt 1628 weiter gekommen.
Doch der Vergleich hinkt. Hatte man der Vasa eigentlich die Aufgabe zugedacht, über Jahre die schwedische Vorherrschaft im Ostseeraum zu sichern, und sie daher als waffenstarrende, schwimmende Festung konzipiert, war „Schwimmen“ das Letzte, was sich die Schöpfer des Under von ihrer Idee versprachen. Ganz im Gegenteil. Ihre Festung soll zwar der stürmischen Witterung sowie vor allem dem Wasserdruck in fünfeinhalb Metern Wassertiefe trotzen, sich ansonsten aber bitteschön möglichst unbeweglich gerieren – als bauliche Hülle für Europas erstes Unterwasser-Restaurant. Was mittlerweile so aussieht, wie ein just an der Küste Südnorwegens niedergegangenes Ufo, verfügt an seinem unter Wasser gelegenen Ende über eine über elf Meter breite Panorama-Plexiglasscheibe, und gestattet es von innen heraus, trockenen Fußes die Unterwasserfauna der Nordsee zu bestaunen.

Restaurant mit Seeblick

Die Idee zu dem Projekt hatten die Brüder Gaute und Stig Ubostad, die das Lindesnes Havhotell in Spangereid sowie das Rosfjord Strandhotell in Lyngdal leiten. Den Anstoß zur Konkretisierung ihrer Idee lieferte das Restaurant Al Mahara im Burj Al Arab in Dubai, das allerdings, und das ist Gaute Ubostad besonders wichtig, nur den Blick in ein überdimensionales Aquarium bietet. Hier am Nordrand des Skagerrak dagegen sollen die Gäste via Panoramascheibe die Aussicht auf eine reale Unterwassersituation genießen.

Über einen Bootssteg kommen die Gäste in den Empfangsbereich des Under. Hier beginnt der Abstieg in die Unterwasserwelt


Reportage
51/2 Meter unter dem Meer

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Spezialbau

Dem Baubeginn Anfang des Jahres gingen umfangreiche Voruntersuchungen voraus. Dutzende Fragen galt es zu klären. Das von den Ubostads beauftragte renommierte Architektur- und Designbüro Snøhetta suchte daher die Zusammenarbeit mit der Submar Group, einem interdisziplinären Zusammenschluss von norwegischen Unternehmen, die allesamt auf die Entwicklung von Unterwasserprojekten, vor allem in der Offshore-Industrie, spezialisiert sind. Auf Basis der unterseeischen Bodenbeschaffenheiten erarbeiteten die Spezialisten ein Modell zur Prognose der vor Ort auftretenden Wellenhöhen, konzipierten die Art und die Dimensionierung der Verankerung und ermittelten schließlich, welchen von Wind, Wetter, Wellen und Wasserdruck ausgehenden Kräften eine in die See eintauchende Konstruktion zu widerstehen hätte. Dabei entstand auch die Idee, bei der Gestaltfindung des Gebäudes dafür zu sorgen, dass es, statt als Wellenbrecher die Kräfte aufzunehmen, mit den Strömungsverhältnissen koexistiert und die Kräfte möglichst ableitet. Dennoch wurde auch das Szenario einer sogenannten Jahrtausendwelle durchgespielt.

Lange tüftelten die Konstrukteure auch an der Frage nach dem idealen Materialmix sämtlicher Komponenten und der möglichen Verankerung. Schließlich favorisierten sie eine Verbindung des Monolithen mit dem felsigen Untergrund über Stahlprofile.
Eine nicht ganz unerhebliche Frage bei diesen Untersuchungen war beispielsweise auch die mögliche Klimatisierung des Gebäudes. Das Under zu heizen bzw. zu kühlen, wird eine Wärmepumpe übernehmen, welche die ganzjährig stabile Meeresbodentemperatur nutzen soll.

Konstruktive Vorgaben

Lag eingedenk der wünschenswerten stromlinienförmigen äußeren Gestalt ohnehin die Verwendung von Beton als Baustoff nahe, diktierten die berechneten dynamischen und statischen Belastungen durch Wellen und Wasserdruck für die 26,5 mal 12,5 Meter große Konstruktion selbst bei der Verwendung von Spezialbeton noch eine Wanddicke von rund einem halben Meter. Damit würde die Struktur im Endausbau ein Gewicht von knapp 2000 Tonnen erreichen.

Blick von der Südspitze von Terneholmen hinüber zum Anleger des Lindesnes Havhotell und dem Rohbau des Under


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51/2 Meter unter dem Meer

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Die Arbeitsplattform mit dem Bohrgerät am künftigen Standort des Under in Sichtweite von Spangereid


Dem in fünfeinhalb Metern Tiefe unter dem Meeresspiegel herrschenden Wasserdruck standzuhalten, würde allerdings vor allem dem völlig ebenen Panoramafenster am Meeresgrund einiges abverlangen. Bei einer Breite von stattlichen elf Metern und einer Höhe von dreieinhalb Metern, lag die erforderliche Stärke der Acrylglasscheibe samt Sicherheitsreserven bei beachtlichen 32 Zentimetern.

Gebotene Nachhaltigkeit

Die soweit durch die Umgebung des Baus bestimmten Parameter des Under eröffneten andererseits wiederum auch Möglichkeiten, auf die gegebene Situation zu reagieren. So wurde etwa die Oberfläche der Betonhülle bewusst sehr grob gehalten, damit sich die Mollusken besser darauf festsetzen können. Im Laufe der Zeit wird sich die äußere Gebäudeschale daher in ein künstliches Muschelriff verwandeln.
Überhaupt wurde dem Faktor Nachhaltigkeit bei dem Projekt große Beachtung geschenkt. Daher ist das Under auch nicht ausschließlich als Restaurant konzipiert, sondern dient zugleich auch Forschungszwecken, wodurch für die Finanzierung neben staatlichen Mitteln auch Gelder eines Forschungsfonds eingesetzt werden konnten. Den einzigartigen Beobachtungsposten in über fünf Metern Wassertiefe sollen, wenn das Restaurant geschlossen hat, beispielsweise Wissenschaftler zum Studium der Meeresbiologie und des Verhaltens der Fische nutzen. Im Gegenzug haben sich die Meeresbiologen etwa zum Ziel gesetzt, dafür zu sorgen, dass die Restaurantgäste auch ausreichend zu sehen bekommen. Die Wissenschaftler wollen Fische und Kleintiere, die deren Nahrungsgrundlage darstellen, mithilfe von Licht, Geräuschen und Gerüchen anlocken und so für ein buntes Treiben vor der Panoramascheibe sorgen.

Die heiße Phase des Projekts: Ende Juli 2018 wird das Under von einem Schwimmkran auf die Unterkonstruktion gesetzt


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Der fertiggestellte Rohbau mit Blick auf die hier noch durch eine Folie geschützte Panoramascheibe


Die Realisierung

Mitte Januar 2018 begannen schließlich mit dem Aufbau der ersten Schalungskomponenten auf einem Ponton die Bauarbeiten. Bereits im Sommer war der Bau so weit fortgeschritten, dass das Under seine wahre Gestalt und damit auch das Spiel offenbarte, welches seine Schöpfer mit der Wahrnehmung treiben. Denn die Illusion eines zur Hälfte in die See gestürzten Ufos entsteht letztlich nur, wenn das Gebäude, bis auf den Eingangsbereich, vollständig unter Wasser liegt. Statt einer auf den ersten Blick stark in Richtung Meeresgrund abfallenden Bodenfl äche erwartet die Besucher jedoch eine sich auf drei ebene Stockwerke erstreckende Aufteilung des Gebäudes.
Mit der oberen Ebene betreten sie zunächst die Empfangszone mit einer Garderobe. Steigen sie die Treppe hinunter, gelangen sie zunächst in die Bar auf der mittleren Ebene, während das Restaurant (und die Küche) auf dem 360 Quadratmeter großen Untergeschoss warten.

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51/2 Meter unter dem Meer

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Spezialbau

Wahrend der Rohbau des Under unmittelbar vor dem Anleger des Hotels seiner allmahlichen Fertigstellung entgegensah, liefen auf der dem Anleger abgewandten Seite von Terneholmen, am kunftigen Standort des Under, die vorbereitenden Arbeiten noch auf Hochtouren. Von einem mit Unterwasserstutzen ausgestatteten Ponton aus wurden zahlreiche Bohrungen in den felsigen Meeresgrund getrieben und anschlie.end die Aufnahmen der Unterwasser-Tragwerksstruktur des Under einbetoniert.
Ende Juli war es schlie.lich so weit: Der anspruchsvollste Teil der Bauarbeiten, die Seesetzung, konnte beginnen. Millimeterweise und millimetergenau wurde das Under von einem Schwimmkran in den kleinen Fjord bei Spangereid abgesenkt und dort verankert.

Tafeln auf Tauchstation

Wenn der derzeitige Innenausbau abgeschlossen ist, soll das Restaurant ab Fruhjahr 2019 den Betrieb aufnehmen. Im Gastraum, funf Meter unter dem Meeresspiegel, wird man dann hinter der enorm dicken Plexiglaswand einen einzigartigen Ausblick auf die wimmelnde Unterwasserwelt des Skagerrak erhalten. Hier werden allerlei Schwarmfische zu sehen sein, gewaltige Dorsche, farbenfrohe Lippfische, kampfende Hummer, Seehunde, Dornhaie sowie Tang und Seegras in wunderlichen Formen.
Bis zu 100 Gaste sollen hier zugleich speisen konnen. Schon der Weg bis zum Restaurant ist als Abenteuer inszeniert: Uber eine kleine Brucke mit glaserner Brustung gelangen die Gaste in den Eingangsbereich, nehmen dann in der Champagner-Bar einen Aperitif und erhalten durch ein schmales seitliches Acrylfenster, welches den Ubergang von der Kuste zum Ozean markiert, einen ersten Vorgeschmack auf das, was sie in der Restaurantebene erwartet. Dort wird sie dann, wenn alles gut geht, in Kurze der danische Starkoch Nicolai Ellitsgaard Pedersen mit saisonalem Fisch und Meeresfruchten aus der See oder auch Wild aus den sudnorwegischen Waldern, fein abgeschmeckt mit Gewurzen, Beeren und Krautern aus der wildherben Landschaft, verwohnen.
Klar ist allerdings bereits jetzt, dass das Under deutlich teurer werden wird, als ursprunglich geplant. Das verwundert allein deswegen nicht, weil hier in vielfacher Hinsicht technisches Neuland betreten wurde. Zwischen 10.000 und 15.000 Gasten pro Jahr mussen es da schon werden, haben sich die Ubostads ausgerechnet, damit sich das nach aktuellen Schatzungen umgerechnet etwa sechs Millionen Euro teure Projekt auch wirklich rechnet. Wer nach diesen Zeilen Lust bekommen hat, unter Wasser zu speisen, kann bereits jetzt auf der Webseite des Under () einen Tisch reservieren.


Fotos | Core Marine, Snøhetta, Under