Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

REPORTAGE: HAMMER BILDER


fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 14.12.2018

Wenn im November Sammler aus aller Welt zur Fotokunstmesse Paris Photo in die französische Hauptstadt reisen, versteigert Sotheby´s erlesene Foto-Ikonen. fotoMAGAZIN war dabei, als Kunst für 1,1 Mio Euro unter den Hammer kam.


Artikelbild für den Artikel "REPORTAGE: HAMMER BILDER" aus der Ausgabe 10/2019 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Der Sotheby´s-Auktionator gibt den Zuschlag zu einer Foto-Ikone, die am Telefon ersteigert wurde.


FOTO: © SOTHEBY´S

Es ist nur wenige Wochen her, dass ein Motiv des britischenStreet Art -Künstlers Banksy bei einer Londoner Versteigerung des AuktionshausesSotheby´s durch einen im Rahmen eingebauten Schredder-Mechanismus spektakulär zerstückelt worden ist, nachdem es gerade den ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von fotoMAGAZIN. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2019 von MEISTERWERKE: GALERIE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MEISTERWERKE: GALERIE
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von FORUM: FOTOSZENE: DIE BILDERTRENDS VON „PARIS PHOTO“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FORUM: FOTOSZENE: DIE BILDERTRENDS VON „PARIS PHOTO“
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von INTERVIEW: „NUR IN DER KUNST WIRD OBSESSION BELOHNT“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERVIEW: „NUR IN DER KUNST WIRD OBSESSION BELOHNT“
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von FOTOWETTBEWERB: LESERGALERIE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOTOWETTBEWERB: LESERGALERIE
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von PRAXISFORUM: FEUERWERK FOTOGRAFIEREN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PRAXISFORUM: FEUERWERK FOTOGRAFIEREN
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von BESSER FOTOGRAFIEREN: WINTERIDEEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BESSER FOTOGRAFIEREN: WINTERIDEEN
Vorheriger Artikel
FOTOWETTBEWERB: LESERGALERIE
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel PRAXISFORUM: FEUERWERK FOTOGRAFIEREN
aus dieser Ausgabe

Es ist nur wenige Wochen her, dass ein Motiv des britischenStreet Art -Künstlers Banksy bei einer Londoner Versteigerung des AuktionshausesSotheby´s durch einen im Rahmen eingebauten Schredder-Mechanismus spektakulär zerstückelt worden ist, nachdem es gerade den Besitzer gewechselt hatte. Aktionen wie diese sind heute beiSotheby´s in Paris wohl eher nicht zu erwarten. Hier kommen Fotoklassiker unter den Hammer und das sollte spannend genug sein. „Wir legen unsere wichtigste Pariser Fotoauktion des Jahres auf den Zeitraum währendParis Photo “, erklärt Jonas Tebib,Sotheby´s „ Directeur du Department“ in der Stadt. „Dann versteigern wir Privatsammlungen und zeigen unsere Fundstücke des Jahres. Der Markt hat sich globalisiert und erstreckt sich heute bis in den Mittleren Osten, nach Russland, Asien und anderswo. Etwa 75 Prozent unserer Bieter kommen aus dem Ausland. Davon sind circa 25 Prozent Neukunden.“

Die Rue du Faubourg Saint-Honoré Nr. 76 ist eine ziemlich feine Adresse. Gleich gegenüber residiert der französische Staatspräsident.Sotheby´s hat hier seit zwanzig Jahren seine Dependance in der französischen Hauptstadt. Heute, am Nachmittag des 9. November 2018, will zunächst nicht richtig Leben in die schicken Räumlichkeiten kommen. Die FotokunstmesseParis Photo hat zwar potente Käufer in die Stadt gebracht, doch während im nahen Grand Palais kurz vor 15 Uhr reichlich Besucher durch die Messehalle drängen, geht es hier sehr beschaulich zu. Dabei sollen im Laufe zweier Fotoauktionen unter anderem ein bedeutendes Meisterwerk von André Kertész und der Avedon-Klassiker„Dovima with Elephants“ für deutlich mehr als über je eine halbe Million Euro den Besitzer wechseln. Etwa zehn Minuten vor Beginn der ersten Versteigerung mit dem Titel„Modernisme“ schreitet eine Dame zu einem der Telefone rechts an der Wand neben dem Pult des Auktionators. Die Telefonbieter werden jetzt kontaktiert. Ein kurzes Vorgespräch, denn die Leitung soll überprüft werden. Wer im Saal mitbietet, der hat ein Schild mit Bieternummer bekommen und seine Adresse hinterlegt. 14:55 Uhr. Fünf Frauen nehmen Platz neben dem Pult des Auktionators. Ihre Aufgabe wird es sein, den Raum und die Bieter zu beobachten. Als die Auktion beginnt, befinden sich nur etwa zwei Dutzend Besucher im Raum. Lediglich zwölf Motive aus einer Privatsammlung sollen jetzt aufgerufen werden.

Das fehlende Kertész-Bild

Die erste Überraschung gibt es gleich zu Beginn: Das angekündigte Highlight fehlt. Die„Cello-Study“ von André Kertész aus dem Jahr 1926 war mit einem Schätzpreis von 400.000 Euro bis 600.000 Euro angesetzt und befand sich zu Lebzeiten des Künstlers stets in dessen Besitz. Angeblich soll es eines der Lieblingsbilder aus seinen Jahren in Paris gewesen sein. Noch vor der Auktion wurde das 22,9 x 4,9 cm große Motiv jedoch zurückgezogen. Gründe dafür nennt hier niemand. Der Rest ist schnell erzählt. Die Versteigerung endet nach nicht einmal zehn Minuten. Nur drei der angebotenen Lots wechseln den Besitzer:

FOTO: © SOTHEBY´S


DIE CRÈME DE LA CRÈME DER DAGUERREOTYPIESZENE HAT HEUTE MITGEBOTEN.“
Simone Klein, Art Advisor


Ansel Adams Wintermotiv aus Yosemite Valley (1933) – ein Abzug von dessen erster Einzelausstellung – bringt 62.500 Euro ein. Das solarisierte Man Ray-Portrait seines Künstlerkollegen Albert Giacometti (1934) wird mit einem Gebot von 100.000 Euro zum Topseller dieser Auktion. Und Paul Strands„Boat and Sheds, Gaspé“ (1929) bekommt für stattliche 75.000 Euro einen neuen Besitzer. Dann ist erst einmal Pause bis zur umfangreicheren„Photographie“ -Auktion. Viel Adrenalin konnte bei dieser Blitz-Auktion gar nicht erst ins Blut gelangen. Jetzt füllt sich der Saal erstaunlich gut. Ich habe in einer der vorderen Sitzreihen Platz genommen. Ein Anfängerfehler, wie sich zeigen wird. Auktions-Besucher wollen lieber den ganzen Raum im Blick behalten, nicht den Auktionator. Schließlich möchte jeder sehen, wer um „sein“ Bild mitbietet. Nicht zufällig kommen die meisten Gebote dieses Tages aus den hinteren Reihen oder von Telefonbietern.

Highlights für die „Dago-Szene“

Die Sitzreihen sind fast alle besetzt, als die zweite Auktion des Tages mit der Versteigerung von 35 Daguerreotypien des Fotopioniers Joseph Philibert Girault de Prangey (1804-1892) beginnt. Diese Aufnahmen sind 1842 während eines längeren Italienaufenthaltes in Rom entstanden. Der Fotograf bekommt im nächsten Jahr bedeutende Einzelausstellungen im New YorkerMetropolitain Museum und im PariserMusée d´Orsey . Heute sind Vertreter wichtiger Museen und Privatsammler hier, die nun eifrig mitbieten. Schon das dritte Lot, eine Daguerreotypie des Konstantin-Bogens spielt 22.500 Euro in die Kasse. Das Interesse an den gut erhaltenen Landschaftsansichten und zwei schönen Portraits ist groß. Simone Klein, Photo- und Art Advisor mit jahrelanger Erfahrung bei den AuktionshäusernLempertz undSotheby´s, ist heute ebenfalls im Saal. Nach dem Verkauf der Girault de Prangey-Daguerreotypien resümiert sie: „Die Crème de la Crème der Daguerreotypie-Szene war anwesend und hat kräftig geboten. Die Nachfrage war ein positives Zeichen für den sehr spezi- alisierten Markt der Fotografie des 19. Jahrhunderts. Girault de Prangey hat in dieser Szene Kultstatus. Dies könnte nun die letzte Gelegenheit gewesen sein, diese wertvollen Fotografie-Erzeugnisse und Reisedokumentationen zu erwerben.“ Viele sind heute nur für diese Daguerreotypien gekommen, denn während der Auktionator nun die Versteigerung mit Prints des 20. Jahrhunderts fortsetzt, verlassen nicht wenige den Raum. Mittlerweile hat ein Mann um die Mitte Fünfzig in Begleitung einer etwa zwanzigjährigen Dame neben mir Platz genommen. Die vermutlich jüngste Besucherin im Raum bekommt von meinem Nachbarn nach einer kurzen Einweisung das Bieterschild in die Hand gedrückt. Auf sein Handzeichen soll sie gleich mitsteigern. Bei Lot 48 ist es soweit. Claude Cahuns„Selbstportrait mit Katze“ aus dem Jahr 1927 wird aufgerufen und mein Sitznachbar rutscht etwas nervös auf dem Stuhl. Ein kurzes Bietergefecht, dann bekommen die beiden für 18.750 Euro das Bild zugesprochen. „Yes!“, ruft der Käufer nun hocherfreut in den ansonsten ziemlich emotionslosen Raum und herzt kurz die junge Frau, die ihm heute Glück gebracht hat. Dann ballt er die Hand zur Becker-Faust. Am liebsten würde er sein Bild gleich mitnehmen. Das kontrastreiche Foto der androgynen Künstlerin ist im Rahmen des Schätzpreises geblieben. Kurz darauf wird ein wunderbar inszenierter Akt von Francesca Woodman aus dem Jahr 1976 für 25.000 Euro verkauft, bei dem der mitfiebernde Berichterstatter auch gerne mitgeboten hätte.

Wolfgang Tillmans: „Park Work I, II & III“ aus dem Jahr 2000 Einer von drei Prints im Format 61x 50,8 cm, alle rückseitig signiert, betitelt und nummeriert. Verkauft für 100.000 Euro (inkl. Buyers Premium).


FOTO: © WOLFGANG TILLMANS/ COURTESY SOTHEBY´S

Man Ray: „Alberto Giacometti“, 1934 Solarisierter Schwarzweißabzug, 29,1 x 22,9 cm, rückseitig gestempelt mit Man Rays Atelierstempel aus der Zeit zwischen 1940 und 1951), vom Künstler mit dem Vermerk „Original“ versehen. Verkauft für 100.000 Euro (inkl. Buyer´s Premium).


FOTO: © MAN RAY/ COURTESY SOTHEBY´S

Dovima findet keinen Käufer

Das eigentliche Highlight dieses Tages hängt prominent an der Wand hinter den Telefonisten. Ein Making of-Bild aus dem Cirque d´Hiver flankiert den Klassiker. Richard Avedons signierter Abzug seiner Fashion-Ikone„Dovima with Elephants“ aus dem Jahr 1955 ist erstaunliche 124,5 x 100 cm groß und wurde um das Jahr 1962 abgezogen. Diesen Print hat er noch vom Original-Negativ angefertigt, das er 1978 durch ein retuschiertes Negativ ersetzte. Damals tauschte der Künstler alle anderen Abzüge dieses Motives durch Drucke vom neuen Negativ aus. Das Foto in dieser Auktion bleibt deshalb gerade in seiner Unvollkommenheit ein Unikat. Zudem ist dieser Print für Avedons allererste Ausstellung angefertigt worden, die einst dasSmithsonian Museum of American Art zeigte. Dafür fertigte der 2004 verstorbene Fodas tograf zwei Abzüge an. Der zweite Print befindet sich unsigniert in der Sammlung desSmithsonian . Nach Einschätzung der Experten vonSotheby´s sollte„Dovima“ 600.000 bis 900.000 Euro einspielen. Die Auktionatoren hatten ihn bewusst nach Paris gebracht, weil die Aufnahme hier 1955 im Auftrag vonHarper´s Bazaar entstanden ist. Diese Kalkulation ging nicht auf. Es fand sich kein Bieter, der be- reit war, die exorbitante Summe für diese Fashion-Ikone aufzubringen. Waren die Preisvorstellungen hier zu hoch angesetzt oder ist der Käufermarkt derzeit einfach zu zurückhaltend? „Ich denke, es war beides“, analysiert Simone Klein. „Hinzu kommt, dass währendParis Photo das Angebot in der Stadt riesig ist und mit der Auktion konkurriert. In diesem Jahr haben sich die Auktionen der großen Häuser (Christie´s undSotheby´s ) relativ schwer getan.“
Die Topseller des Tages werden am Ende ein Schnappschuss eines Bildhauers und drei Prints eines experimentierfreudig arbeitenden zeitgenössischen Fotokünstlers. Ein aller Voraussicht nach nur einmal existierendes Studioportrait von Constantin Brancusi spielte satte 106.250 Euro ein, drei Fotos von Wolfgang Tillmans folgen ihm nach einem beachtlichen Telefongebot von 100.000 Euro auf Platz zwei der PariserSotheby´s Top 10.

Blick auf die Telefon-Bieter Viele der Top-Seller der Auktionen am 9. November wurden an anonyme Bieter verkauft, die sich telefonisch an der Versteigerung beteiligten.


FOTO: © SOTHEBY´S

Bereut hier jemand etwas?

„Pas des regrets?“, fragt der Auktionator am Ende jedes Verkaufsgefechtes und blickt den interessierten Bietern im Raum noch einmal intensiv in die Augen. Was soviel bedeutet wie: „Sie werden es also wirklich nicht bereuen, wenn Sie jetzt nicht mehr mitbieten? Bei den Käufern am Telefon mag dieser psychologische Kniff vielleicht nicht funktionieren. Doch Fodas Telefon hat bei den Auktionen dieses Tages trotzdem keine unbedeutende Vermittlerrolle gespielt. Wer hier mit der aus alten Hollywood-Filmen vertrauten Idee einer Bieterschlacht um Fotoklassiker anreiste, wurde sicher ein wenig enttäuscht. Viele Gebote werden mittlerweile telefonisch abgewickelt. Das sichert den Käufern Anonymität und lässt sich bequem andernorts in der Welt erledigen. Der Thrill des spontanen Investments von beträchtlichen Kapitalmengen war an diesem 9. November tatsächlich nur gelegentlich spürbar. Bei dem interessierten Beobachter stellte sich allerdings ein seltsames Phänomen ein. Mitten in der Action, als der Auktionator den Saal nach neuen Geboten scannte, juckte dem Betrachter immer wieder die Nase. Der Drang zu Kratzen und das einhergehende Risiko, dass dieser Fingerzeig als Gebot gewertet werden könnte, war für den Auktionsneuling wiederkehrend. Gekauft hat er dann trotzdem nichts.

Joseph Philibert Girault de Prangey: „Portrait einer jungen Frau mit Blumen in der Hand“, um 1842 Daguerreotypie von einer Rom-Reise eines Pioniers der Fotografie. Aus einer Sammlung von 35 Daguerreotypien, die 1842 auf dessen Grand Tour durch Italien entstanden sind und in Paris zur Auktion eingereicht wurden. 2019 werden dasMetropolitain Museum in New York und das PariserMusée d´Orsey dem Fotografen eine Einzelausstellung widmen. Verkauft für 35.000 Euro (inkl. Buyers Premium).


FOTO: © JOSEPH PHILIBERT GIRAULT DE PRANGEY/ COURTESY SOTHEBY´S


„75 PROZENT DER AUKTIONSTEILNEHMER KOMMEN AUS DEM AUSLAND.“
Jonas Tebib, Sotheby´s Paris


Ansel Adams: „Winter, Yosemite Valley, Kalifornien“, 1933 Schwarzweißabzug 23,9 x 18,6 cm auf Karton (42,2 x 33,1 cm, rückseitig signiert, betitelt und nummeriert, mit Studiolabel. Print aus Adams erster Einzelausstellung im New Yorker Delphic Studio 1933. Verkauft für 62.000 Euro (inkl. Buyers Premium).


FOTO: © ANSEL ADAMS/ COURTESY SOTHEBY`S

Constantin Brancusi: „Ansicht des Ateliers“, um 1923 Schwarzweißabzug auf Karton, 18,5 x 28,5 cm. Verkauft für 106.500 Euro (inkl. Buyers Premium). Seltene Studioansicht und laut Einschätzung des Auktionshauses ein Unikat. Die Aufnahme, die der Künstler selbst angefertigt hat, zeigt einige der bedeutendsten Skulpturen Brancusis. Er hatte das Bild zunächst seinem Bildhauer-Kollegen Carel Visser geschenkt, von dem es der letzte Besitzer erworben hatte.


FOTO: CONSTANTIN BRANCUSI/ SOTHEBY´S