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REPORTAGE: INGRID MACHT’S NOCH MAL!


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 100/2019 vom 16.09.2019

Zweimal Gold, einmal Silber – die Bilanz der Vielseitigkeitseuropameisterschaft liest sich so wie in den „guten alten Zeiten“. Alle voran:INGRID KLIMKE, die ihren Titel verteidigt hat. Und die beiden Ex-WeltmeisterMICHAEL JUNGundSANDRA AUFFARTH


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Reite zu deiner Freude: Ingrid Klimke und Hale Bob mit gespitzten Ohren zeigen wie’s geht.


Michael Jung und Chipmunk lagen nach der Dressur und einer professionellen Geländerunde – hier am fehlerträchtigsten Sprung der Strecke, einem Holzvogel im letzten Wasser – in Führung. Im Parcours verloren sie die Goldmedaille.


Foto: www.toffi-images.de

Natürlich war sie ...

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Natürlich war sie „überglücklich“ und natürlich hat der Husarenritt durch die Westergellerser Heide Ingrid Klimke einen „Riesenspaß“ gemacht. Der 15-jährige Hale Bob v. Helikon xx flitzte in gewohnter Manier über die Geländestrecke, fehlerlos und innerhalb der Zeit – aber das gelang 19 anderen auch. Mit einer sauberen Dressur, 22,2 Minuspunkte, Platz zwei hinter Michael Jung auf Chipmunk, war eine gute Ausgangsbasis geschaffen. Hale Bob präsentierte sich als gut gerittenes losgelassenes Pferd, dem leider die allerletzte Mechanik fehlt. Gewonnen hat Ingrid Klimke ihren zweiten EM-Titel in Folge ausgerechnet im Springen, eigentlich ihrer schwächsten Disziplin. Wie vor zwei Jahren in Strzegom kam Ex-Springreiterbundestrainer Kurt Gravemeier aus Münster herbeigeeilt, um beim Abspringen und Parcoursabgehen zu helfen, und wieder gab es Gold. Anders als bei der WM in Tryon 2018, da war ohne Gravemeier der Titel nach dem Abwurf am letzten Sprung futsch.
Der Mann muss 2020 mit nach Tokio, zu Olympia, das gebietet schon der Aberglaube.

CROSS FÜR NERVENSTARKE

Nicht so überglücklich wie Ingrid Klimke war naturgemäß Michael Jung. Er hatte nach Dressur und Gelände geführt. Ein Abwurf am Aussprung der Zweifachen, wo er etwas zu flott hinkam, verwandelte Gold in Silber – ausgerechnet im Parcours, wo Jung doch quasi mit einem Fuß schon ins Springreiterlager gewechselt ist. Nach einer sehr guten Dressur, die zeigte, wie weit Jung und der erst vor wenigen Monaten zu ihm gekommene Chipmunk schon zusammengewachsen sind, setzte er sich an die Spitze des Feldes. 20,9 Minuspunkte, fast so wenig wie die Ausbilderin des elfjährigen Contendro I-Sohnes, Julia Krajewski, vor einem Jahr bei der WM in Tryon bekommen hatte (19,9). Im Gelände musste der dreifache Olympiasieger seine Kaltschnäuzigkeit und Routine ausspielen. Vor Hinderniskomplex 19 lief ein Hindernisrichter auf die Strecke und machte widersprüchliche Zeichen, so als ob der Reiter angehalten werden sollte. Die Vorreiterin war gestürzt und saß noch im Wasser, als Jung nahte. „Ich war irritiert, verlor meine Distanz und die richtige Linie, ritt aber weiter“, sagte Jung, der dann an diesen Buschhecken nicht besonders gut aussah. Als er am Wasser ankam, war die Dame aufgestanden und der Weg frei.

Sie haben es zum zweiten Mal geschafft: Nach 2017 sind Ingrid Klimke und Hale Bob erneut Europameister. Die Freude bei der Siegerehrung war groß.


Zu den ersten Gratulanten gehörten Ingrid Klimkes Töchter Philippa (re.) und Greta auf Krücken, die eine Knieverletzung auskurieren muss.


Foto: www.toffi-images.de

Gelände mit Stil: Der Ire Cathal Daniels und Rioghan Rua wurden für ihre Leistungen mit Bronze in der Einzelwertung belohnt.


Felix Etzel kam mit Bandit ohne Fehler durchs Gelände, aber sein Ritt war wahrlich keine Augenweide. Immer wieder am Sprung hinter der Bewegung, mit langen Fahrleinen und groben Zügelhilfen schoss er über die Strecke, dazwischen ließ er seinen Wallach auseinandergefallen dahergaloppieren – das war keine Reklame für die Ausbildung, die der Bundeswehrsportschüler doch sicherlich in Warendorf genießt.


Piggy French gewann mit Quarrycrest Echo und dem britischen Team Silber.


Foto: v. Korff

Kandidaten für Tokio 2020: Sandra Auffarth und Viamant du Matz hinterließen einen guten Eindruck.


Foto: www.toffi-images.de

Es waren Klimke und Jung, die die deutsche Team-Goldmedaille mit am Ende mehr als fünf Springfehlern Abstand sicherten. Sie sind auch erste Wahl für Tokio, Chipmunk ist dann zwölf Jahre alt, im besten Alter. Hale Bob ist 16, so alt wie Charisma, als er 1988 das zweite Gold für Mark Todd in Seoul holte.

Pech für Thibaut Vallette (FRA) und Qing du Briot sie lagen auf Bronzekurs, im Einzel und Team – ein Abwurf im Parcours ließ die Medaillenträume platzen.


Foto: Toffi

Einstand nach Maß: Anna-Katharina Vogel und Quintana P haben ein erstklassiges Championatsdebüt gegeben – Platz 14.


Foto: von Hardenberg

Anna Siemer und die blitzschnelle Butts Avondale an einem der vielen, manche meinten zu vielen, Tiefsprünge


Foto: v. Korff

Kai Rüder und Colani Sunrise: nach Startschwierigkeiten eine super Geländeprüfung


Team geplatzt, Olympia adé: Die Niederländer konnten von vier Teamreitern nur einen nach Hause bringen – Tim Lips auf Bayro, Platz sechs.


Foto: Caremans

ETWAS GLÜCKLOS

Teamreiter Kai Rüder agierte weniger glücklich. Er konnte sein hervorragendes Dressurergebnis (25,80) nicht in einen vorderen Platz ummünzen, weil sich sein 13-jähriger Chico’s Boy-Sohn Colani Sunrise etwa eine halbe Minute an der Startbox zierte – nicht zum ersten Mal. Die Zeit lief da bereits. Da verhinderte auch ein Null-Parcours am Sonntag nicht mehr das Streichergebnis (24.). Andreas Dibowski kam nach einer mäßigen, auch streng bewerteten Dressur, mit einer recht schnellen Geländerunde, nur zwei Sekunden über der Zeit, ins Ziel. Ohne Springfehler im Parcours wurde er mit Corrida am Ende 16.

Im Springen wurden auch die übrigen Medaillen verteilt. Die Briten, die auf ihre bewährten Routiniers gesetzt hatten, mussten auf die Springfehler der anderen warten, um sich Silber zu sichern. Weltmeisterin Rose Canter ist noch in der Babypause, aber Kristina Cook, Pippa Funnell, Piggy French und Oliver Townend sind ja auch keine Newcomer mehr. Die Franzosen verloren durch einen Abwurf von Thibaut Valette auf Qing du Briot zwei Bronzemedaillen. Es freuten sich der Ire Cathal Daniels auf der zwölfjährigen irischen Stute Rioghan Rua, der mit seinem Dressurergebnis abschloss (29,0), und die Schweden, die damit ihr Tokio-Ticket buchten, das andere ging an die Italiener (Platz fünf).

Acht Einzelreiter der Gastgebernation durften neben dem Team starten. Bundestrainer Hans Melzer bot das die Gelegenheit, seine Leute für 2020 vorzusichten. Was er braucht, sind blütige Pferde, die sich nicht unnötig verausgaben. Klimke und Jung sind, gesunde Pferde vorausgesetzt, die Säulen des Dreierteams. (Ein Streichergebnis wird es bei Olympia 2020 nicht mehr geben). Ins Blickfeld ritt sich Sanda Auffarth mit Viamant du Matz, Platz elf nach deutlich verbesserter Dressur (31,70), der schwächsten Disziplin des Duos. Dem zehnjährigen Selle Français v. Diamant de Semilly sieht man seinen Vollblutanteil von 71,09 Prozent nicht an, aber er steckt ja drin. Und an Erfahrung und reiterlichem Können ist die Weltmeisterin von 2014 den meisten anderen überlegen.

FIXE FRAUEN

Die Fast-Vollblüterin Butts Avondale v. Nobre xx (99,80 Prozent Vollblut) unter Anna Siemer fegte über die Strecke, obwohl sie dreimal längere Varianten ritt, blieb sie locker in der Zeit. Am Ende nach Nullparcours Platz 13. Es hilft, wenn ein Pferd an jedem Hindernis eine Sekunde schneller ist als andere. Noch schneller lief Quintana P von Anna Katharina Vogel, 27 Sekunden unter der Optimalzeit, wofür die Reiterin zunächst Applaus erntete, aber von den Richtern auch mahnende Worte. Schneller ist nicht immer besser, aber Anna-Katharina Vogels Argument, sie hätte ihr Pferd sonst aus dem „Flow“, also aus dem Atemrhythmus nehmen müssen, überzeugte auch die Jury. Sie trieb die Quality-Tochter mit dem nicht besonders hohen Vollblutanteil von 45,1 Prozent zu keiner Zeit an (s. S. 10).

Rehabilitieren nach seinem Sturz bei der Deutschen Meisterschaft im Juni konnte sich Christoph Wahler, der auf dem zehnjährigen Clearway-Sohn Carjatan die beste Geländeleistung des Tages ablieferte: ohne Fehler exakt in der Zeit von 10:10 Minuten. Die spannige Dressur (33,3), wieder mit einem Aussetzer, besonders streng geahndet von Chefrichter Martin Plewa, verdarb ihm einen besseren als den 20. Platz. Nadine Marzahl war mit Valentine auch fix unterwegs, sie vergaß aber dabei Sprung neun zu überwinden und wurde im Nachhinein ausgeschlossen. Jörg Kurbel und Entertain You (21.), Felix Etzel und Bandit (29.) sowie Josefa Sommer und Hamilton (48.) komplettierten das deutsche Aufgebot.

DER KURS

Die sichere Bank für die Mannschaft: Andreas Dibowski und Corrida


Foto: Toffi

Der Druck auf den Geländeaufbauer ist groß. Passiert ein Unfall, womöglich ein schwerer, ist die erste Frage: Lag’s am Hindernis? Wurde alles getan, um Unfälle zu vermeiden? Gleichzeitig soll der Kurs der Klasse entsprechend anspruchsvoll sein. Dieses schwierige Gleichgewicht hat der britische Parcourschef Michael Etherington-Smith gut hinbekommen. Der 3900 Meter lange Kurs mit 20 Hindernissen und 40 Sprüngen, fragte alles ab, vor allem die Bereitschaft der Pferde, superschmale Hindernisse klaglos zu akzeptieren und die Fähigkeit des Reiters, sich schon vorher die ideale Linie zu überlegen. Eine ungünstige Linie, gerade am Anfang eines aus vielen Elementen bestehenden Hinderniskomplexes, wurde schnell zum Verhängnis. Viele Sprünge waren oben mit Buschhecken gestopft. „Forgiving“, sagte Etherington-Smith – „verzeihend“, nicht so gnadenlos wie hartes Holz.

Einzelreiter Christoph Wahler absolvierte mit Carjatan eine Punktlandung im Gelände, sie kamen genau in der Optimalzeit und ohne Fehler ins Ziel, 20. beim Debüt im Seniorenlager.


Der Kurs forderte bis zum Schluss volle Konzentration. An Hindernis 19 einem bunten Riesenvogel schieden sich die Geister: Wer zu schräg anritt, fiel fast zwangsläufig über die Oberkante ins Wasser. Geirrt hatte sich Etherington-Smith nur in einem: Er hatte sechs Ritte in der Zeit prognostiziert, am Ende waren es 20 Reiter die 10:10 Minuten und weniger brauchten. Selbst Reiter, die einoder mehrmals lange Wege wählten, konnten im Zeitlimit bleiben. Wetter und Boden waren ideal und ermöglichten schnelles Reiten. „Aber man muss ja so bauen, dass es sich bei Regen und schlechterem Boden auch noch reiten lässt“, sagte Etherington-Smith. „Und es muss immer noch Spielraum sein, falls Reiter Fehler machen.“