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REPORTAGE: POSER! DIE GESCHICHTE DER MODELS


fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 70/2020 vom 12.06.2020

Von der Muse zum Medienstar: eine kurze Geschichte der Frauen hinter den Ikonen der Modefotografie.


Die ersten Fotomodelle waren eigentlich gar keine. Die Fotografie als Teil der Werbeindustrie ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert arbeiten zwar manche Fotografen bereits mit Modellen, doch das Model bleibt noch eine Projektionsfläche der Künstler. Künstlerische oder wissenschaftliche Studienbilder sind in bürgerlichen Haushalten begehrt. So mancher Fotograf zerrt unter dem Vorwand „ethnologischer Studien“ Repräsentanten fremder Völker vor die Kamera und portraitiert diese. In den ...

Artikelbild für den Artikel "REPORTAGE: POSER! DIE GESCHICHTE DER MODELS" aus der Ausgabe 70/2020 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: fotoMAGAZIN, Ausgabe 70/2020

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... sogenannten „Kulturstaaten“ werden ganze Alben unfreiwilliger Portraitaufnahmen fremder Ethnien angelegt. Wissenschaftlicher geht beispielsweise Eadwaerd Muybridge vor: Seine Bewegungsstudien sind wegweisend.

Das tägliche Business vieler Fotografen bleibt allerdings zunächst das Portrait als Spiegelbild der Realität. Im Studio imitiert das Model die Kleidung und Pose der Bourgeoisie. Genrebilder – von szenischen, religiösen Darstellungen bis zu erotischen Bildgeschichten – erfreuen sich großer Beliebtheit. Als Model arbeiten vor allem Menschen aus der Halbwelt, Prostituierte oder Schauspieler.

Eine Muse wechselt die Seiten

1926 entgeht eine junge Studentin aus Poughkeepsie in New York knapp einem Autounfall. Der Mann, der sie geistesgegenwärtig rettet, ist der Verleger Condé M. Nast, Gründer des gleichnamigen Verlagshauses. Nast ist vom Look der jungen Dame derart begeistert, dass er ihr anbietet, für sein Modemagazin Vogue zu modeln. Die junge Frau ist Lee Miller. Bereits im Alter von 18 Jahren reist sie nach Paris, um dort Beleuchtung und Kostümdesign zu studieren. Zurück in New York beginnt sie dann als Model zu arbeiten und steht vor der Kamera von Edward Steichen, George Hoyningen-Huene und vielen anderen. Ihre kühle, elegante Art wird zum Inbegriff des klassischen Vogue-Models. Zwei Jahre ist sie en Vogue, dann verkauft Steichen eine Aufnahme von ihr ohne ihre Zustimmung für Damenbinden-Werbung. Lees Modelkarriere endet damit abrupt, denn nach der Anzeigen-Kampagne bekommt sie keine hochklassigen Aufträge mehr. 1929 beginnt sie selbst zu fotografieren und zieht erneut nach Paris. Sie möchte bei Man Ray lernen und wird schließlich dessen Model, Muse und Liebhaberin. Lee beginnt schon bald, Man Rays kommerzielle Aufträge auszuführen, damit dieser sich der Malerei widmen kann. 1932 kehrt sie nach New York zurück und eröffnet dort gemeinsam mit ihrem Bruder das erfolgreiche Lee Miller Studio. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wagt sie erneut einen Neubeginn als Kriegsreporterin in Europa.

Arnold Genthe portraitierte Lee Miller 1927, kurz nachdem sie als Model zu arbeiten begann. Diese Fotografie gehört stilistisch noch zum Piktoralismus. Wenige Jahre später wird Miller in Paris mit Man Ray arbeiten, bevor sie selber ein Fotostudio in New York aufmacht.


Die Berührbaren

Bereits 1853 arbeiten die ersten Frauen als Models in großen Modehäusern. Doch erst in den 1930er-Jahren wird daraus ein Berufstyp. Das Präsentieren von Kleidern geschieht buchstäblich in „Griffdistanz“. So ist es üblich, die Kleider der Modelle zu berühren, um deren Stoffqualität zu testen. Die Models werden in dieser Zeit direkt von den Modemachern angestellt und zeichnen sich durch eine elegante Zurückhaltung aus. Fotografen wie Models bleiben schlecht bezahlt. Um dieser Ausbeutung ein Ende zu setzen, gründen in Frankreich einige Models nun eine eigene Gewerkschaft.

Irving Penn fotografierte 1950 Lisa Fonssagrieves in Kleidern von Balenciaga für die Vogue. Im selben Jahr heirateten die beiden. Lisa Fonssagrieves-Penn ist ein früher Star der Modefotografie. Die Model-Monografie „Lisa Fonssagries-Penn“ ist im Verlag Schirmer/ Mosel erschienen und gibt einen interessanten Einblick in eine Zeit, in der sich Models älter geben mussten.

Kein Model verkörperte die Swinging Sixties wie Twiggy. Terence Donovan fotografierte die Britin am 3. Juni 1966 für den „Woman‘s Mirror“. Liz Halls von der Amsterdamer Galerie ElliottHalls (die Donovans Nachlass vertritt) erzählt, das Bild sei in dem Editorial „Sundae’s Best“ erschienen. Ein pikanter Wortwitz, denn im Englischen ist damit die „Gute Unterwäsche“ für den Sonntag gemeint.


Die idealisierten Göttinnen

Fotomodels haben in den 1940er- und 50er-Jahren vor allem eines zu sein: überhöhte Idealfiguren. Große Modefotografen wie Cecil Beaton, Horst P. Horst, George Platt Lynes, Willy Maywald oder George Hoyningen-Huene bewundern diese Frauen zwar, doch privat interessieren sie sich nicht sonderlich für sie. Models bleiben oft die guten Kumpels vor der Kamera. Irving Penn, der innovative Superstar der Fashion-Fotografie, findet in dem Model Lisa Fonssagrieves hingegen die Frau seines Lebens. Seit den 1950er-Jahren wächst das Model-Business. Immer mehr Magazine wechseln bei ihrer Berichterstattung von der Illustration zu Fotografien. Das erste Model, das 1949 die absolute Traumgage von 30 Dollar am Tag verdient, ist Dovima. Eigentlich heisst sie Dorothy Virginia Margaret Juba und wurde in einem New Yorker Automatenrestaurant entdeckt. Dovima lässt sich nur mit geschlossenem Mund ablichten, da sie einen abgebrochenen Vorderzahn hat. Das hindert sie jedoch nicht daran, zu einem der berühmtesten Models der Welt zu werden.

Eine Ikone der Modefotografie entsteht, als Richard Avedon 1955 das Bild „Dovima mit Elefant“ für Christian Dior aufnimmt. Dovima erscheint über die Jahre mehr als 500 Mal auf den Titelseiten von Modemagazinen. In dem Spielfilm „Funny Face“ spielt sie 1958 ein dümmliches Model, das neben Audrey Hepburn von Fred Astaire in einem New Yorker Buchladen fotografiert wird. Mit 35 Jahren zieht sich Dovima schließlich aus dem Model-Business zurück und arbeitet als Kosmetik-Verkäuferin und Kellnerin in einer Pizzeria. Neue, junge Models betreten jetzt die Bühne und sie verkörpern einen ganz anderen Frauentyp. Die exaltiert übertriebene Model-Pose weicht einer neuen Natürlichkeit, beispielsweise bei der Deutschen Christa Päffgen. Sie hat bereits ein paar Laufstegauftritte im Berliner KaDeWe und für einige Modestrecken für deutsche Magazine gepost, als sie Ende der 50er-Jahre nach Paris kommt. Dort schlägt ihr Heinz Oestergaard vor, ihren deutschen Vornamen zu ändern, um mögliche Ressentiments zu vermeiden: Aus Christa wird Nico. Und Nico wird das erste deutsche Supermodel. Diors Hausfotograf Willy Maywald und Nico sind gute Freunde und sie wird sein Lieblingsmodel. Weltruhm erlangt sie jedoch später in New York – als Sängerin der Kultband Velvet Underground.

Das Langzeitmodel

Sie heisst Carmen Dell´Orefice, wurde 1931 geboren und ist seit 1946 Model! Keine Zweite hat sich über eine so lange Zeit im Model-Business gehalten. Die Liste der Fotografen, mit denen Carmen gearbeitet hat, ist lang. Darunter waren Erwin Blumenfeld, Norman Parkinson und John Rawlings. Bereits mit 16 Jahren bekommt sie ihr erstes Vogue-Cover und bleibt damit bis heute das jüngste Covergirl der Zeitschrift. Sie verdient 10 Dollar die Stunde, bald schon 25 Dollar. 1959 zieht sich Carmen aus dem Model-Business zurück und heiratet den Fotografen Richard Heimann. Die Ehe scheitert und sie bleibt bis in die 70er-Jahre dem Model-Business fern. DellOrefices Leben ist von vielen finanziellen Rückschlägen geprägt. Sie hat in den 80er-Jahren viel Geld an der Börse verloren und musste ihre ganze Sammlung wertvoller Vintage-Fotos zur Auktion bei Sotheby´s freigeben. Doch ihre Rückkehr ins Model-Business ist ein voller Erfolg. Selbst mit über 60 Jahren kann die elegante Schönheit mit den Supermodels mithalten. Ihre schneeweißen Haare sind bis heute ein Hingucker, wenn die inzwischen 89-Jährige ein Cover ziert.

Die Coolen und die Dürren

Als die „Swinging Sixties“ beginnen, sind großgewachsene Models zunächst noch gut im Geschäft. Doch mit der neuen Musik kommt ein neues Lebensgefühl, mit der Pille ein neues Selbstverständnis der Frau. Es beginnt die Zeit von Penelope Tree, Jean Shrimpton und vor allem einer Frau, so burschikos und dürr wie ein Zweiglein: Twiggy.

1966 lässt sich die junge Lesley bei Leonards of London einen neuen Haarschnitt verpassen und die Haare blond färben. Leonard Lewis lässt von ihr Fotos für seinen Salon machen. Wenig später entdeckt Deirdre McSharry, eine Modejournalistin beim Daily Express, dieses Gesicht an der Wand. Wenige Fotoaufnahmen später wird Lesley „Das Gesicht 66“. Ein Freund überzeugt sie, ihren alten Spitznamen aus Kindertagen zu verwenden: Twiggy. Mit nur 167 cm Größe und ihrem kantigen Gesicht revolutioniert sie die Model-Welt. Mit Twiggy schaffen neue, coole Fotografen den Durchbruch: Vorneweg die Briten David Bailey, Brian Duffy, Terence Donovan oder Charles Armstrong-Jones, der später Prinzessin Margaret, die Schwester der Queen, heiratet und als Lord Snowdon in den Adelsstand kommt.


„DIE FOTOGRAFEN ZOGEN DAMALS LOS, NAHMEN EIN MODEL MIT UND MACHTEN, WAS SIE WOLLTEN.“
Peter Lindbergh


Wild und frech

Wer könnte die späten 60er- und 70er-Jahre besser beschreiben als die Münchnerin Uschi Obermeier? Die schöne Münchnerin wirft eine Ausbildung als Retuscheurin hin und beginnt zunächst kleinere Modeljobs anzunehmen. Bald schon folgen größere Aufträge in Berlin und London, fotografieren sie Richard Avedon und Helmut Newton. 1968 lernt sie Rainer Langhans kennen und gründet mit weiteren Freunden die Berliner Kommune 1. Uschi Obermeier steht für die offenen Siebziger. Sie macht keinen Hehl aus ihrem Drogenkonsum, lebt das Credo von „Sex and Drugs and Rock´n´Roll.“ Heute arbeitet sie als Schmuckdesignerin in den USA. 1975 begleitet eine junge Pariserin ihren Freund in eine Modelagentur und wird dort sofort unter Vertrag genommen – Inès de la Fressange. Sie macht zwar schnell ihr erstes Cover mit Oliviero Toscani, doch die Auftragslage bleibt zunächst zäh. Ihr burschikoser, frecher Typ ist noch nicht gefragt. 1983 ruft sie dann Karl Lagerfeld zu Chanel und alles ändert sich. Ihr Gesicht gleiche dem von Coco Chanel, postuliert Karl. Sie wird jetzt seine Muse und ein Medien-Star.

Frankreichs Präsident Francois Mitterand entscheidet 1989, dass der Fotograf und Artdirektor Jean-Paul Goude die Parade zur 200-Jahrfeier der Französischen Revolution gestalten soll. Inès de la Fressange kommt die Ehre zu, dass nach ihrem Gesicht die neue Marianne-Büste modelliert werden soll. Damit stößt sie ihre Vorgängerinnen Brigitte Bardot und Catherine Deneuve vom Sockel und Karl Lagerfeld vor den Kopf. Er ist gar nicht entzückt und ersetzt Inés de la Fressange durch Claudia Schiffer.


„FÜR WENIGER ALS 10.000 DOLLAR AM TAG STEHEN WIR GAR NICHT ERST AUF.“
Das Supermodel Linda Evangelista, 1990


Pop- und Disco-Glamour

Als die Rock- und Disco-Ära beginnt, ändert sich erneut der Model-Typ. Für die neue Zeit steht Jerry Hall. Während eines Urlaubsaufenthaltes in St. Tropez wird die 16-jährige Amerikanerin entdeckt und zu einer Modelagentur nach Paris eingeladen. Dort teilt sie sich eine Model-WG mit Grace Jones und Jessica Lange. Während sie 1975 für das neue Album der Band Roxy Music posiert, beginnt sie eine Liaison mit Bryan Ferry. Sie verlässt ihn zwei Jahre später für Mick Jagger, dessen Muse sie nun wird. Jerry ist das erste Model, das 1000 Dollar Tagesgage erhält und war faktisch auf jedem Cover eines Modemagazins mindestens einmal abgelichtet. Eine weitere Ikone dieser Zeit ist ein junges Partygirl aus New York, das weder Alkohol trinkt noch Drogen nimmt: Dianne Brill. Dianne gilt heute als erste Influencerin und frühes It-Girl. Natürlich modelt sie, obwohl sie mit ihrem eigenen Kleiderlabel New Millionaires Club bereits für TV-Serien wie Miami Vice die Klamotten oder Konzert-Outfits für Prince entwirft. Sie arbeitet mit Robert Mapplethorpe, Steven Meisel und Michel Comte. Als das HIV-Virus viele ihrer Freunde hinrafft, verlässt Brill New York und wird in Paris die Muse von Thierry Mugler. Neben den Supermodels gehört sie auch dort zum harten Kern der Model-Welt.

Supermodels mit Super-Ego

1989 erhält Peter Lindbergh von der britischen Vogue den Auftrag, fünf Models zu fotografieren, die in seinen Augen für die 90er-Jahre stehen. Seine Wahl fällt auf Christy Turlington, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Cindy Crawford. Auf dem Cover der Januar-Ausgabe 1990 blicken diese fünf Gesichter in eine neue Dekade. Die Supermodels sind geboren. Weitere Models wie Claudia Schiffer kommen hinzu. Wenige Frauen teilen sich nun die Top-Jobs der Welt. Sie gehören zum Model-Jetset und sprechen sich bei Gehaltsvorstellungen ab. Evangelista provoziert mit dem Satz, unter einer Gage von 10.000 Dollar am Tag stehe sie morgens nicht auf. Die Modewelt akzeptiert dies ohne Murren. Ihr Erfolg wird durch einen sexy Gastauftritt in George Michaels legendärem Musikvideo „Too Funky“ weiter befeuert, die Gagen auch.

Die Neunziger sind die ultimative Dekade der Models. Nadja Auermann, Laetitia Casta, Vanessa Paradis, Stella Tennant, Eva Herzigová bekommen ihre Zeitschriften-Cover im Dauer-Abo. Nur Naomi Campbell und Tyra Banks tauchen dort deutlich seltener auf. Naomi erzählt später in einem TV-Interview, sie habe ihr erstes Vogue-Cover nur erhalten, weil Yves Saint Laurent als größter Werbekunde die Zeitschrift dazu nötigte. Die oberflächliche Perfektion der Model-Welt lässt scheinbar nur in geringem Maße Schattierungen zu. Ein Magazin mit Models anderer Ethnizität verkauft sich schlechter. Von allen Supermodels musste Naomi am meisten kämpfen. Manche haben dies mit ihrem schwierigen Charakter erklärt. Andere entgegnen, dieser habe sich erst im ständigen Kampf um Gleichberechtigung geformt.

Die Kate-Obsession

Kaum ein Model hat sich über die Jahre wandelbarer gezeigt als Kate Moss. Sie gilt als das „Anti-Supermodel“ und dennoch bringen Shootings mit ihr beständig gute Ergebnisse. Sehr gute sogar – egal, ob auf den Fotos von Peter Lindbergh, Albert Watson oder in Mario Sorrentis sinnlicher „Obsession“-Werbung für Calvin Klein. Mehrfach gerät Kate in die Schlagzeilen wegen Drogen oder einer vermeintlichen Magersucht. Sie ist zwischenzeitlich der Inbegriff des Heroin chic und bleibt doch bei wechselnden Abbildungstrends immer vorne mit dabei.

Streetstyle und Rauschebart

Nichts funktioniert ohne Gegentrend. In England findet Anfang der Neunziger-Jahre eine neue Art der Fotografie ihren Ausgangspunkt. Magazine wie The Face und I.D. drängen dort auf den Markt. Ihre angesagten Fotografen sind nun Juergen Teller, Corinne Day oder Wolfgang Tillmans. Models müssen jetzt Mut zum Unkonventionellen beweisen. Plötzlich dürfen wieder Haare unter den Achseln sprießen, zeigen Männer Brusthaar und die ersten Männermodels tragen Bärte. Frauen dürfen nun auch „curvy“ sein und Rundungen zeigen. Mit der Jahrtausendwende kommt ein neuer, individualisierter Stil auf. Die Modefotografie der etablierten Magazine hat Schwierigkeiten damit. Erste Streetstyle- Blogs erscheinen. Plötzlich gibt es auch mehr Agenturen, die sich auf Männer-Models spezialisieren. Waren in den späten Achtzigern die deutsche Männer Vogue und GQ noch fast die einzigen Zeitschriften für modebewusste Männer, so drängen nun Konkurrenten auf den Markt.

Die Krise der Beliebigkeit

Als man Peter Lindbergh in einem Interview fragt, ob er ein wichtiges Model der 2000er-Jahre nennen könne, gerät er ins Stocken. „Eigentlich eigenartig, dass ich mich an keinen Namen erinnern kann.“ Es ist tatsächlich so. Die weltbekannten Models stehen heute einer großen Masse austauschbarer Gesichter gegenüber. Das Mode-Business hat sich wieder einmal radikal verändert. Models erscheinen nun oft bis zur Langeweile geschönt und per Photoshop verfremdet. Dabei wäre doch Individualität gefragt. Die Models der Gegenwart werden nach Sekundärfaktoren ausgewählt: Wieviel zusätzliche Werbung verschaffen sie dem Designer durch ihren Instagram-Account? Bekommt der Kunde einen TV-Mehrwert, wenn er sich an Model-Contests beteiligt? Heidi Klums Germanys Next Top Model war hierzulande die Speerspitze dieser Entwicklung. Models sind jetzt austauschbar geworden. Jobs mit großem Budget gehen eher an prominente Schauspieler und Sportler. Und wer es sich leisten kann, der bucht die großen Namen von gestern: Naomi, Kate oder Giselle.

Kate Moss ist wandelbar, doch selten wirkt sie so natürlich wie in den Fotografien von Peter Lindbergh. 2007 fotografierte er sie auf der Karibikinsel St. Barth. Lindberghs große Retrospektive ist im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe vom 6. Juni bis 1. November zu sehen. Unser Foto stammt aus dem bei Schirmer/Mosel erschienenen Bildband „Images of Women II“.


Karl Lagerfeld fotografierte 2007 eine Werbekampagne mit Claudia Schiffer und Brad Kroenig. Eine umfangreiche Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale) zu Lagerfelds fotografischem Schaffen wurde gerade bis zum 6. Januar 2021 verlängert. Der Ausstellungskatalog dazu ist im Steidl Verlag erschienen.


Helmut Newton fotografierte Jerry Hall vor dem „Ceasars Palace Hotel“ in Las Vegas. In Helmut Newtons Bildband „Pola Woman“ (Schirmer/ Mosel Verlag) findet sich diese Aufnahme von Jerry mit zwei unbekannten Männern als Beiwerk – bis in die 90er-Jahre Schicksal vieler Männermodels.


FOTO: © 1927 ARNOLD GENTHE, VICTORIA AND ALBERT MUSEUM, LONDON

FOTO: © IRVING PENN, CONDÉ NAST PUBLICATIONS INC. / COURTESY SCHIRMER/MOSEL

FOTO: © TERENCE DONOVAN/ COURTESY TERENCE DONOVAN ARCHIVE/ELLIOTTHALLS GALLERY AMSTERDAM

FOTO: © PETER LINDBERGH ESTATE / COURTESY SCHIRMER/MOSEL

FOTO: © KARL LAGERFELD/ STEIDL.DE

FOTO: © HELMUT NEWTON/ COURTESY SCHIRMER/MOSEL