Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

REPORTAGE: Wenn ich groβ bin, werde ich Polizist!


Logo von Partner Hund
Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 31.07.2019

Der kleine Chami steht vor der wichtigsten Prüfung seines Lebens. Bald wird der Deutsche Schäferhund beweisen müssen, dass er das Zeug zum Diensthund hat. Polizeihauptmeisterin Bianca Schmidbauer gibt einen Einblick in ihren aufregenden Alltag


Artikelbild für den Artikel "REPORTAGE: Wenn ich groβ bin, werde ich Polizist!" aus der Ausgabe 9/2019 von Partner Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 9/2019

Bianca Schmidbauer trainiert Chami mit Spaß und Motivation, niemals über Zwang


Der pensionierte Diensthund Abocci (l.) ist Chamis ganz großes Vorbild


Abocci, Chamuel und Sina, drei stattliche Deutsche Schäferhunde, dösen entspannt in ihren riesigen Hundebetten in Pfotenform im Schlafzimmer von Bianca und Stefan Schmidbauer. Doch die Kuschelatmosphäre trügt, denn ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Partner Hund. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2019 von MOMENTAUFNAHME: Hunde, die über: Wasser gehen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MOMENTAUFNAHME: Hunde, die über: Wasser gehen
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von NEWS: Neues aus der Hundewelt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS: Neues aus der Hundewelt
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von TITELTHEMA: Angeleint und trotzdem happy. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TITELTHEMA: Angeleint und trotzdem happy
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
BASICS: 7 Tipps… für einen sicheren Rückruf
Vorheriger Artikel
BASICS: 7 Tipps… für einen sicheren Rückruf
FÜR SIE ENTDECKT: Tierische Bücher
Nächster Artikel
FÜR SIE ENTDECKT: Tierische Bücher
Mehr Lesetipps

... zumindest Abocci und Chamuel können auch ganz anders: Sie sind Polizeihunde. Abocci (10), geprüfter Schutz- und Rauschgifthund, hat sein Arbeitsleben seit Januar hinter sich und genießt den wohlverdienten Ruhestand. Chamuel (2), liebevoll „Chami“ genannt, steht im Moment vor der wohl wichtigsten Prüfung seines Hundelebens: Er muss beweisen, dass er zum Diensthund taugt, auf die Befehle „Such das Gift“ oder „Fang den Lump“ mit Vollgas „funktioniert“ und im Ernstfall auch zubeißen kann. Auch für „Frauchen“ Bianca Schmidbauer, Polizeibeamtin in Straubing, eine sehr aufregende Phase. Denn schon einmal musste die 45-Jährige ihren Hund abgeben, weil er nicht tauglich war.

Nix für Zartbesaitete

Für die Beamtin war es schon immer ein Ansporn, in einer Männerdomäne ihre „Frau“ zu stehen, und so bewarb sich Schmidbauer bei der Polizei. Nach Stationen in München, als der Ruf ihrer Heimat Niederbayern zu stark wurde, ergriff sie die Gelegenheit, Diensthundeführerin zu werden. Auch das ist eine Seltenheit, denn im Dienstbereich Niederbayern gibt es gut zwei Dutzend Diensthundeführer, nur drei davon sind Frauen.

Vor zehn Jahren zog „Joey“, eine zehn Monate alte Hündin, bei der sportlichen Polizistin ein. „Zusammen mit mir durchlief Joey die Ausbildung zum Schutzund Rauschgiftspürhund. Doch leider musste sie ausgemustert werden, weil sie mit gut zwei Jahren an Cauda Equina erkrankte“, bedauert die Beamtin. Es ist eine der wenigen negativen Seiten des Berufes, die Diensthundeführer immer im Hinterkopf haben: Da Polizeihunde während ihrer Dienstzeit nicht im Besitz des Hundeführers, sondern des Freistaates Bayern sind, der sich auch um Tierarzt- und Futterkosten sowie die Versicherung kümmert, können nicht dienstfähige Hunde ausgemustert oder weitervermittelt werden. An andere Besitzer oder an weniger belastende „Arbeitsplätze“ bei anderen Behörden. „Natürlich wird das mit dem Hundeführer abgesprochen“, erzählt die Gesetzeshüterin. „Trotzdem ist es emotional sehr schwer, wenn man nach zwei Jahren seinen Hund aus gesundheitlichen Gründen oder weil er seine Leistung nicht abrufen kann, abgeben muss. Da ich nur mit einem neuen Hund meine Arbeitsstelle behalten konnte und wir für Joey wirklich einen guten Platz gefunden haben, habe ich dennoch schließlich zugestimmt.“

Die Ausbildung eines Diensthundes verlangt einiges von Zwei- und Vierbeinern


Üben für den Ernstfall

Joeys Nachfolger war der gutmütige Abocci. Nach zweijähriger, intensiver Ausbildung war er geprüfter Schutzund Rauschgifthund – also vollwertiger Diensthund. Macho Chami dagegen steckt jetzt noch voll in der Ausbildung. „Man kann diese ‚Lehrzeit‘ nicht mit der Schutzhundeausbildung oder Unterordnung, wie sie auf Hundeplätzen üblich ist, vergleichen“, erklärt die Polizeihauptmeisterin. „Wir müssen die Hunde auf viel härtere Bedingungen einstellen, sie müssen lernen, auch bei echter Gegenwehr auf unsere Befehle zu hören oder in sehr belastenden Situationen zu funktionieren.“
So wird der Ernstfall geprobt zum Beispiel in dunklen, engen Nischen, auf rutschigen Böden, mit schreienden Statisten, die im Schutzanzug den Täter mimen, und unter knallenden Geräuschen. Schussfest müssen Polizeihunde in jedem Fall sein, und zu jeder Zeit dienstbereit, wie ihr menschlicher Kollege auch. „Diensthundeführer haben einen Vollzeitjob mit 40-Stunden-Woche und Schichtbetrieb – das mag vielleicht auch ein Grund sein, warum sehr wenige Frauen diesen Beruf ausüben“, so die 45-Jährige.

Der Polizeihund ist immer dabei, liegt während der Bürodienste in einer geräumigen Box im Dienstwagen. Kritische Hinweise diesbezüglich kann die Windbergerin nicht nachvollziehen: „Abgesehen davon, dass wir erst kürzlich auf einem Lehrgang wieder gelernt haben, dass Wölfe etwa 20 Stunden am Tag schlafen und von der Restzeit auch nur 30 Minuten Höchstleistungen bringen, ist das Leben als Polizeihund kein Zuckerschlecken. Die Ausbildung verlangt unseren Hunden vieles ab und auch die Einsätze sind nervenzehrend und stressig, alle stehen unter enormem Druck. Körperlich hat ein Diensthund eine viel größere Belastung als ein reiner Familien- oder normaler Sporthund. Er muss seine Arbeit auf Knopfdruck machen, egal um welche Tageszeit.“

Das sei auch optisch an den Hunden erkennbar: „Abocci war schon mit vier Jahren grau um die Schnauze“, erklärt die Polizistin. „So ist die Box ein guter Rückzugsort, an dem meine Hunde ruhig schlafen können, und wenn wir auf Streife fahren, sind sie froh, mit dabei zu sein.“ Von reiner Zwingerhaltung hält die Hundeführerin allerdings nichts: „Meine Vierbeiner leben mit intensivem Familienschluss, sind daheim ganz normale Haushunde und wahre Kuschelmonster. Ich bin überzeugt davon, dass das besser für unsere Bindung ist, als sie auszusperren. Schließlich sind wir nur als echtes Team richtig gut.“

Von seinem Ziehvater Abocci schaut sich der kleine Chami so manches ab…


Kollegen und Kuschelmonster

Auch wenn Abocci nun in Pension ist: Er teilt sich trotzdem noch den Dienstwagen mit Chami und darf im Training auch seine Nase beschäftigen, nur im richtigen Einsatz ist er nicht mehr dabei. „Wir haben zusammen eine sehr intensive Zeit verbracht, auch privat sehr viele Höhen und Tiefen durchlebt, dabei war Abocci immer für mich da. Natürlich ist auch ein Polizeihund nicht unfehlbar, aber auf Abocci war in jeder Gefahrensituation Verlass“, blickt Schmidbauer stolz zurück.

Wie bei einem nächtlichen Einsatz auf dem weitläufigen Gelände einer Nutzfahrzeuge-Firma. Der Sicherheitsdienst meldete suspekte Personen, die offensichtlich einen Einbruch planten. „Wir mussten den 40 Kilo schweren Abocci erst mal über den hohen Zaun des Betriebsgeländes hieven. Er hatte dann die Aufgabe, die Einbrecher zu suchen, und das auf einem Parkplatz mit jeder Menge geparkter Fahrzeuge. Abocci fand den Täter dann tatsächlich unter einem Wagen versteckt und meldete ihn laut bellend. Zusammen mit meinem vierbeinigen Kollegen konnte ich den Täter unter dem Auto hervorbringen und festnehmen. Noch zwei Tage später war Abocci mit stolz geschwellter Brust unterwegs“, schmunzelt die Beamtin, die fest davon überzeugt ist, dass ihre Hunde verstehen, welch wichtige Aufgabe sie erfüllen.

Üben für den Ernstfall: Bianca Schmidbauer und Chami beim Training


Chami, wie die Zeit vergeht! Eben noch als Fellknäuel auf dem Arm, heute ein stattlicher Rüde (l.)


Statt Täter zu stellen oder Rauschgift zu suchen ist Aboccis Aufgabe jetzt, ein gutes Vorbild für den jungen „Chami“ zu sein. Der zweieinhalbjährige Jungspund ist zwar schon zum Rauschgifthund ausgebildet, steht im Moment aber kurz vor der Tauglichkeitsprüfung zum Diensthund. Diese entscheidet, wie die jährliche Leistungsprüfung oder auch das erste Röntgenbild, beim Einjährigen darüber, ob der Vierbeiner dienstfähig ist und beim Hundeführer bleiben kann.

Mehr als ein Vollzeitjob

„Anders als andere Polizeibeamte nehme ich meine Arbeit mit nach Hause“, stellt die Polizeihauptmeisterin fest. „Jeder, der weiß, wie viel Zeit die Ausbildung eines Hundes in Anspruch nimmt, kann sich vorstellen, wie das bei einem Diensthund ist. Einmal die Woche steht offizielles Hundetraining an, neben Schutzdienst, Fährte und Objektsuche wird da zum Beispiel auch der richtig gesetzte Biss geübt – immer über Spaß übrigens, nie mit Zwang. Dann werden vielzählige, praxisnahe Szenarien gestellt, in die ein Diensthund kommen kann – sei es bei Familienstreitigkeiten, Raufereien, pöbelnden Betrunkenen, Demonstrationen oder mit flüchtenden Einbrechern. Jeden Tag stehen zudem auch Trainingseinheiten im Alltag an, wie Sozialisierung und das Kennenlernen möglichst vieler unterschiedlicher Gegenstände und Situationen.“
Abocci hat Chamuel zum Beispiel als souveräner „Vorsteiger“ gezeigt, wie locker „Hund“ über schwankende Holzplanken in zehn Meter Höhe laufen kann und dass auch unterschiedlichste Böden oder luftige Treppen kein Problem sind. „Das schaut sich der Junghund dann schon vom alten Hund ab, leider aber genauso schnell auch Negatives“, fasst die Diensthundeführerin zusammen.

Die Diensthunde mal ganz privat: Chami (l.) und Abocci (r.), gemeinsam mit Mitbewohnerin Sina (vorne)


Von wegen altersmilde!

Abocci zum Beispiel ist ein wahrer Leinen-Rambo. Das sei kein Wunder, schließlich bestehe die Ausbildung auch darin, das Selbstbewusstsein des Diensthundes enorm zu pushen, wie die 45-Jährige erklärt.

Chamuel hat sich dieses schlechte Benehmen ganz schnell von seinem „Ziehvater“ abgeguckt, und selbst Sina, die aus schlechten Verhältnissen stammt und jetzt bei den Schmidbauers das Gnadenbrot erhält, macht dabei mit. „Unsere Hunde sind trieblich sehr hoch gelagert, werden dazu trainiert, nicht zimperlich zu sein. Das leben sie auch im privaten Hundealltag aus. Gassigehen mit Hundebegegnungen ist deshalb manchmal etwas anstrengend, und vor allem, da meine Senioren andere Ansprüche haben als der junge Chami, bin ich mit den Hunden meistens einzeln unterwegs“, berichtet die Hundebesitzerin.

„Mich gibt es nur mit Hund!“

Diensthundeführer ist also auch in der Freizeit ein Vollzeitjob und für Bianca Schmidbauer sogar eine Lebenseinstellung, die der Partner teilen muss: „Ich habe immer gesagt, mich gibt es nur mit Hund.“ Da mag sie gar nicht darüber nachdenken, dass es im Dienst auch dazu kommen kann, dass sie ihren treuen Vierbeiner zum Schutz von Menschenleben in eine Situation schicken muss, in der er verletzt oder gar getötet werden könnte.

Umso glücklicher ist sie, mit Abocci nie in diese Verlegenheit gekommen zu sein und ihm jetzt eine geruhsame Pension ermöglichen zu können. Da wird zusammen gespielt oder auf der extra großen Gartenliege, auf der alle gemeinsam Platz finden, gechillt. Ihren Kollegen geht es da übrigens genauso. Alle pensionierten Diensthunde dürfen den Lebensabend bei ihren Familien genießen.

Denn eines ist klar: Selbst der dienstlich voll motivierte, furchteinflößende Polizeihund kann im „Privatleben“ zum wahren Schoßhund mutieren.


FOTOS: STEFAN SCHMIDBAUER, ILLUSTRATION: SHUTTERSTOCK