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Rettung aus der Schmuggelfalle


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Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 11.11.2022

Reise

Artikelbild für den Artikel "Rettung aus der Schmuggelfalle" aus der Ausgabe 12/2022 von Ein Herz für Tiere. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 12/2022

Auge in Auge Schuppentiere sind einzigartige Wesen ? und man schließt sie schnell ins Herz

Wie ein zugezogener Vorhang hat die Nacht den Tag abgelöst, und die Dunkelheit verschluckt den dichten Regenwald. Es ist still im Cuc-Phuong-Nationalpark im Osten Vietnams. Zu hören sind nur die einzelnen Tropfen, die von den Blättern abprallen und sich leise trommelnd einen Weg durch das dichte Grün zur Erde bahnen. Doch dann tritt ein anderes Geräusch in den Vordergrund – ein Schaben, ein Kratzen. Es kommt von Ruben Hoekstra. Im Lichtkegel seiner Stirnlampe schält der 23-Jährige mit einem Löffel kleine Portionen einer krümeligen Masse aus einem Eimer und verteilt sie in Schüsseln. „Das sind Ameiseneier – und das Abendbrot der Schuppentiere, die bei uns im Schutzzentrum sind“, erklärt er.

Stark gefährdete Säugetiere

Schuppentiere, auch als Tannenzapfentier oder Pangolin bekannt, sind mit geschätzt über einer Million gewilderter Tiere zwischen 2004 und 2014 die am meisten geschmuggelten ...

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... Säugetiere der Welt – und sie drohen auszusterben, denn die Nachfrage nach ihrem Fleisch und den einzigartigen Körperschuppen ist riesig.

Jede der insgesamt acht verschiedenen Arten, von denen vier in Afrika südlich der Sahara und vier in Asien in 51 Ländern heimisch sind, ist mittlerweile von der Weltnaturschutzunion (IUCN – International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) als „stark gefährdet“ eingestuft.

Die insektenfressenden Tiere, auf deren Oberseite sich einem Panzer gleich unzählige harte sich überlappende Hornschuppen befinden, haben sich auf Ameisen und Termiten spezialisiert. Sie sind nachtaktiv und leben auf dem Boden oder auf Bäumen und graben mit ihren Grabkrallen die Ameisen und Termiten aus. Sie sind durch ihre röhrenförmige Schnauze, den zahnlosen Kiefer und ihre extrem lange Zunge für diese spezielle Ernährung perfekt ausgestattet. Die Augen, Ohren und Nasenlöcher sind verschließbar, sodass die Insekten während des Fressens nicht eindringen können. Droht Gefahr, rollen sie sich wie ein Igel zu einer Kugel zusammen und stellen ihre scharfkantigen Schuppen auf.

Hilfe im Schutzzentrum

Im Schutzzentrum der Tierschutzorganisation Save Vietnams Wildlife, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 2005 auf die Rettung von Schuppentieren spezialisiert hat, werden die beschlagnahmten Tiere medizinisch versorgt, aufgepäppelt und in weitgehend jagdfreien Regionen wieder ausgewildert. Seit 2014 arbeitet die Tierschutzorganisation mit der Welttierschutzgesellschaft zusammen, und mittlerweile hat das 40-köpfige Team mit tatkräftiger Unterstützung von Volontären aus aller Welt bis Anfang 2022 bereits 1.671 Schuppentiere gerettet, von denen mehr als 60 Prozent wieder ausgewildert werden konnten. Einer der Volontäre ist Ruben Hoekstra aus den Niederlanden. Vier Wochen hilft er, die scheuen Schuppentiere zu versorgen. Er bringt die mit 70 Gramm Ameiseneiern gefüllte Schüssel zur kleinsten Bewohnerin des Schutzzentrums: „Pika ist hier im Schutzzentrum geboren und hat die ersten Monate gut überstanden“, sagt der engagierte Volontär.

Obwohl der Handel mit Schuppentieren mittlerweile verboten ist, geht er im Verborgenen zunehmend weiter. Das liege zum einen an der langen kulturellen Tradition, das Fleisch zu konsumieren und die Schuppen in der Traditionellen Chinesischen Medizin zu nutzen, ist sich Thai Van Nguyen, Direktor der Tierschutzorganisation, sicher. „Die Schuppen gelten in Asien als traditionelles Heilmittel“, erklärt er. Sie sind sehr begehrt – mittlerweile würde ein Kilogramm Schuppen auf dem Schwarzmarkt rund 1000 US-Dollar bringen. Es heißt, viele Krankheiten – unter anderem Hauterkrankungen, Ödeme, Blutstauungen, entzündete Wunden und sogar Krebs – würden durch die Schuppen in gerösteter oder gekochter Form geheilt. Dabei haben sie keinerlei Wirkung, weiß Nguyen: „Die Schuppen bestehen – ähnlich wie das Horn eines Nashorns oder die Fingernägel der Menschen – lediglich aus Keratin“, fügt er hinzu. Man könne auch seine eigenen Fingernägel kauen – und hätte dasselbe Ergebnis.

Das Pangolin ist geschützt und darf laut dem Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) nicht international gehandelt werden. Dass dies dennoch geschieht, liegt an der großen Nachfrage – vor allem in China. Der Aberglaube ist fatal für die friedlichen Wildtiere und bringt sie an den Rand der völligen Ausrottung.

Helfer tun ihr Bestes

Fliegen illegale Händler auf, landen die konfiszierten Tiere dann im Schutzzentrum von Save Vietnams Wildlife. „Meist sind sie mehr tot als lebendig, wenn sie bei uns ankommen“, erklärt Tierarzt Lâm Kim Hài. Nicht nur, dass sie gar nicht oder falsch ernährt wurden – schließlich haben Schuppentiere keinerlei Zähne, sondern nur eine extrem lange Zunge – fast so lang wie ihr Körper –, mit der sie überwiegend Ameisen und Termiten sowie deren Eier in ihren Mund bewegen. „Da sie nach Gewicht verkauft werden, sind ihre Mägen mit Steinen vollgepumpt – und diese Qual überleben sie oft nicht“, sagt er. Waren es 2014 noch 22 Tiere, die im Schutzzentrum rehabilitiert wurden, stieg die Zahl 2015 auf 114 und 2017 sogar auf 427 an. Das liegt auch am Anti-Wilderer-Team, das in ganz Vietnam und angrenzenden Ländern Augen und Ohren offenhält, um Schuppentierhändler auf Tiermärkten aufzuspüren.

»Die Schuppen bestehen aus Keratin – wie unsere Fingernägel«

Doch die Versorgung ist noch immer eine Herausforderung, da Pangolins bis heute weitgehend unerforscht und die Tiere oft schwer durch die Qualen des illegalen Wildtierhandels gezeichnet sind. Zu den häufigsten Leiden zählen die Dehydrierung auf langen Transportwegen, die Wunden, die sich die Tiere in den engen Transportnetzen zuziehen, die unnatürliche Zufütterung mit Maismehl und Wasser oder sogar Gipspulver und Steinen, um ihr Verkaufsgewicht zu steigern, sowie der enorme Stress, dem die Tiere ausgesetzt wurden.

Unter diesen Umständen ist das Überleben eines jeden Tieres ein großer Erfolg. Mittlerweile liegt die Überlebensrate selbst bei Tieren mit schwersten Verletzungen bei 80 Prozent. „Das liegt an unserem größeren Wissen und der Routine, die wir in den vergangenen Jahren mit diesen Tieren erlangt haben“, erklärt der Tierarzt.

Jede Minute zählt

Oft kommen die Retter jedoch zu spät – die Tiere sind längst tot und die Schuppen bereits auf dem Weg in andere Länder. So gibt es immer wieder Meldungen von entdeckten Schuppen oder ganzen Tieren. 2019 flog die größte Schmuggelware auf: In Singapur haben Behörden auf einem Schiff aus Nigeria 14 Tonnen Schuppentier-Schuppen gefunden. Dafür mussten schätzungsweise 36.000 Tiere sterben. Es ist die größte Schiffsladung, die das Land je sicherstellte.

Die immens große Nachfrage und der extreme Geldwert der immer seltener werdenden Tiere machen es unendlich schwer, den illegalen Handel mit Schuppentieren einzudämmen oder sogar ganz zu beenden. Doch nun keimt ein Hoffnungsfunke auf.

Im Fokus der Öffentlichkeit

Wurde es bisher kaum von der Öffentlichkeit beachtet, rückt das Schuppentier nun nämlich aus anderen Gründen in den Fokus der Welt: durch den Verdacht, es könnte ein Überträger des Coronavirus sein. Diese These ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn Studien fanden in Schuppentieren Coronaviren, die in bestimmten Bereichen eine Ähnlichkeit zu Sars-CoV-2 aufweisen. Zudem sind Pangolins wie kaum eine andere Art vom illegalen Wildtierhandel betroffen. Das Gerücht: Die Tiere hätten sich bei einer Fledermaus infiziert und das Virus dann auf einem Wildtiermarkt auf den Menschen übertragen – sie seien also Zwischenwirt. Doch mittlerweile überwiegen in der Wissenschaft die Zweifel an der Hypothese, dass Schuppentiere an der Übertragung beteiligt waren. Bei der Betrachtung der vorliegenden Daten sind führende Wissenschaftler wie Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité zu der Erkenntnis gelangt, dass es nicht ausreichend Belege dafür gäbe. Schuppentiere sind damit zwar nicht zu 100 Prozent als Virus-Zwischenwirt auszuschließen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an der Entstehung des Virus beteiligt sind, ist allerdings nach bisheriger Datenlage deutlich geringer als die öffentliche Aufmerksamkeit den Anschein erwecken mag. Und dennoch: Der irrtümliche Verdacht könnte das Überleben der letzten Schuppentiere sichern – nämlich, wenn Wilderer und Konsumenten künftig lieber einen Bogen um die Tiere machen.

In China ist im Februar 2020 ein Gesetz erlassen worden, das verbietet, Wildtiere zu handeln und zu verspeisen. Und im Juni 2020 wurden Schuppentiere außerdem in die höchste Schutzkategorie für Wildtiere aufgenommen und ihre Schuppen als Heilmittel aus dem offiziellen Arzneibuch des Landes gestrichen, was ein Verbot für die Nutzung in der traditionellen Medizin bedeutet. Seit Beginn der Pandemie nahm die Zahl von Schuppentieren, die in Vietnam konfisziert wurden, ab. Das zeitweilige Transportverbot von Wildtieren im Land, die strikten Inspektionen an den Grenzen und die neuen Gesetze in China könnten generell zu einem nachlassenden Schuppentierhandel führen.

Es bleibt zu hoffen, dass all diese Verbote auch eingehalten werden – dann gibt es für die schuppigen Vierbeiner vielleicht noch eine Überlebenschance.

»Mittlerweile liegt die Überlebensrate der geretteten Tiere bei 80 Prozent«

WEITERE INFOS

Mehr Bewusstsein

Für den nachhaltigen Schutz von Wildtieren muss das Tierschutzbewusstsein der Bevölkerung gestärkt werden.

Dies geschieht im Informationszentrum von Save Vietnams Wildlife, das von Schulklassen, Studenten und Touristen besucht wird.

Infos bei der Welttierschutzorganisation () und Save Vietnams Wildlife (www.svw.vn)