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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 13.04.2022

PLAYLISTS

SEBASTIAN KESSLER

1. Die Apokalyptischen Reiter WILDE KINDER

2. Destruction DIABOLICAL

3. Ibaraki RASHOMON Enttäuschung: Papa Roach Überraschung: Heidra, Audrey Horne Vorfreude auf: Rammstein, Kreator Diese Metal-EP muss man gehört haben: Samael EXODUS

KATRIN RIEDL

1. Destruction DIABOLICAL

2. Ibaraki RASHOMON

3. Die Apokalyptischen Reiter WILDE KINDER Enttäuschung: Die Weltlage... Überraschung: Bomber, Siberian Meat Grinder, Cold Years Vorfreude auf: Kreator Diese Metal-EP muss man gehört haben: Sorry, ich höre lieber ganze Alben.

MATTHIAS WECKMANN

1. Shinedown PLANET ZERO

2. Halestorm BACK FROM THE DEAD

3. Monuments IN STASIS Enttäuschung: Papa Roach Überraschung: Skull Fist Vorfreude auf: Kreator Diese Metal-EP muss man gehört haben: Metallica THE $5.98 E.P. – GARAGE DAYS RE-REVISITED

FRANK THIESSIES

1. Screaming Trees SWEET OBLIVION

2. Mark Lanegan WHISKEY FOR ...

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... THE HOLY GHOST

3. The Gutter Twins SATURNALIA Enttäuschung: Mark Lanegans verfrühtes Ableben. Überraschung: Papa Roach haben im HipHop endlich ihren Stil gefunden. Vorfreude auf: Rob Halfords Blues-Album. Diese Metal-EP muss man gehört haben: Alice In Chains JAR OF FLIES

PETRA SCHURER

1. Destruction DIABOLICAL

2. Static Abyss LABYRINTH OF VEINS

3. Watain THE AGONY & ECSTASY OF WATAIN Enttäuschung: Ibaraki Überraschung: Devil Master Vorfreude auf: Septicflesh Diese Metal-EP muss man gehört haben: Napalm Death MENTALLY MURDERED

RAPHAEL SIEMS

1. Shinedown PLANET ZERO

2. Halestorm BACK FROM THE DEAD

3. Ibaraki RASHOMON Enttäuschung: Das unwürdige Linkin Park-Cover von Stone Broken. Überraschung: The Gathering, Cold Years Vorfreude auf: Space Of Variations Diese Metal-EP muss man gehört haben: Chuggaboom CHUGG WARS

ABSENT IN BODY

Plague God

Sludge Metal 4

RELAPSE/MEMBRAN (5 Songs / VÖ: erschienen)

Man kann sich ungefähr vorstellen, was passiert, wenn Amenra, Neurosis und Sepultura aufeinandertreffen: Es wird vor allem laut und intensiv! Zwei Adjektive, die diese mehr oder weniger neue Experimental-Metal-Supergroup (eigentlich gibt es sie schon seit 2017, doch wurde seither nur ein überlanger Song veröffentlicht) gut beschreiben – dennoch sind sie viel mehr als nur brutales Geballer in künstlerisch wertvoller Form. Musikalisch bewegt sich das Debüt zwischen schmerzhaft zähem Sludge und Post Metal. Allerdings erschafft dabei jedes Lied seinen eigenen Kosmos, der sich vom restlichen Werk unterscheidet. Igor Cavaleras Schlagzeugspiel, dass sich an Stammesrhythmen und Industrial-Sounds orientiert, bietet ein perfektes Fundament, um mit verschiedenen Drone-, Ambient-und klassischen Metal-Klängen zu experimentieren. Die düstere Gitarrenarbeit von Amenra-Saitenzauberer Mathieu Vandekerckhove in Kombination mit Scott Kellys und Colin Van Eeckhouts mal geschrienem, gegrowltem oder an manchen Stellen auch einfach „nur“ melodisch vorgetragenem Gesang ist genauso abwechslungsreich. Trotz aller unterschiedlichen Klangwelten hat PLAGUE GOD eine gewisse Kontinuität, denn alle Songs des Albums verbreiten dieselbe nihilistische Stimmung. Kein Wunder – Inspiration lieferte unsere heutige, von Pandemie und politischer Unruhe geprägte Welt. Ein Album, das schon fast eine körperliche Erfahrung ist – ganz im Gegensatz zum Band-Namen.

SIMON LUDWIG

ANGEL NATION

Antares

Melodic Metal 4

INNER WOUND/ALIVE (10 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 2 9

Bevor Sängerin Elina Siirala bei Leaves’ Eyes anheuerte, lieh sie Angel Nation ihre Stimme. Verlassen oder aufgelöst wurde die Band nie – und so steht nach fünf Jahren Funkstille das dritte Album an. Der musikalische Unterbau gerät dabei weniger pompös als bei den Wikingeraffinen Symphonic-Metallern (deren Oberhaupt Alex Krull hier für Mix und Mastering zuständig war), sondern entpuppt sich als vergleichsweise bodenständiger Gothic und Dark Metal mit reichlich Keyboard-Klängen. Vor allem aber gibt die Band über weite Strecken ordentlich Gas – Fans von Amaranthe über Battle Beast bis Stratovarius werden sich schnell abgeholt fühlen. ANTARES gefällt immer dann am besten, wenn Angel Nation knackige Riffs sprechen lassen (‘We Are Fire’) oder wie in ‘Out Of Sight, Out Of Mind’ galoppierender Melodic Metal, Synthiesounds und handfester Rock zusammenlaufen. Das Spiel mit Pathos

und Epik gelingt im zugleich mystischen wie hittigen ‘Crucify Me’ sowie der orchestrierten Power-Ballade ‘Way Back Home’ prächtig, da Siiralas starker Gesang besonders schön zur Geltung kommt. Vor allem dann, wenn die in Großbritannien beheimatete Band ihre Rock-Schlagseite nach vorne kehrt (‘End Of Innocence’, ‘Face To Face With The Merciless’), scheinen sich die verschiedenen Klangbilder nicht immer hundertprozentig zusammenzufügen. Oft genug spielen Angel Nation aber ihre Stärken aus, sodass Genrefans ihre berechtigte Freude mit ANTARES haben werden.

SEBASTIAN KESSLER

DIE APOKALYPTISCHEN REITER

Wilde Kinder

Alternative Metal 5,5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Fuchs, Ady, Volk-Man und Sir G. sind ohne Zweifel ein Haufen wilder Kinder, die mit ihrer grenzenlosen und unbändigen Experimentierfreude alles niederbrennen – und Schutt und Asche hinterlassen. Ausschließlich in musikalischer Hinsicht, versteht sich. So glüht der auf DER ROTE REITER (2017) wieder angefachte Kern der frühen Band-Jahre – auch dank des eingeschobenen Jam-Ventils THE DIVINE HORSEMEN (2021) – ebenso auf Studioalbum Nummer zwölf stark weiter. Der für Die Apokalyptischen Reiter typische Mix aus Riff-Walze, Rammstein und hymnischem Refrain funktioniert immer (‘Volle Kraft’, ‘Ich bin ein Mensch’). Inhaltlich singt und rockt das Quartett gegen Verzweiflung und Verzagtheit an (‘Alles ist gut’, ‘Nur frohen Mutes’, ‘Blau’), weswegen WILDE KINDER gut als Corona-Album durchgeht. Das bedeutet jedoch nicht, dass der untragbare Zustand der Welt nicht aufs Äußerste angeprangert werden kann (‘Der Eisenhans’, ‘Euer Gott ist der Tod’). Letzteres Stück wird überdies von Ex-Deadlock-Chanteuse Sabine Scherer veredelt. Obgleich das DER ROTE REITER-Niveau nicht ganz erreicht wird, bleiben die Reiter verlässlich wandelbar, verlässlich zupackend sowie schlicht und einfach verlässlich.

LOTHAR GERBER

AUDREY HORNE

Devil’s Bell

Heavy Rock 4

NAPALM/UNIVERSAL (8 Songs / VÖ: 22.4.)

Platz

Die Norweger Audrey Horne bleiben ein Kuriosum. Aber nicht etwa, weil ihre beiden Gitarristen Arve Isdal (Enslaved) und Thomas Tofthagen (Sahg) eigentlich der Viking respektive Doom Metal-Ecke entstammen und auf diesem Nebengleis seit gut zwanzig Jahren ihren rockigen musikalischen Vorlieben frönen. Nein, Audrey Horne schaffen es auch nach zwei Dekaden noch damit zu verwundern, die stilistischen Stellschrauben einmal mehr neu justiert zu haben. Waren die ersten beiden, im nachhinein besten Alben (allen voran LE FOL von 2007) noch stark im Alternative Rock verwurzelt, war das Quintett schon mit YOUNG-BLOOD (2013) mehr zur Hard Rock-Band mit Classic Metal-Schlagseite mutiert. Es folgten der Totalausfall PURE HEAVY, dann die halbe Rehabilitierung mit BLACKOUT. Das siebte Studioalbum DEVIL’S BELL orientiert sich noch stärker an den von Iron Maiden, Ozzy, den Scorpions (oder sogar 1991er-Metallica wie im Opener ‘Ashes To Ashes’) patentierten Achtziger-Mainstream-Metal-Rezepten und -Sounds. Die gute Stimme von Sänger Torkjell „Toshie“ Rød, geschmackvolle (streckenweise gar ausgerechnet an Vito Bratta gemahnende) Gitarrenarbeit, welche auch ein komplettes Instrumental wie ‘Return To Grave Valley’ zu tragen vermag, sowie das der Band zuweilen nicht abzusprechende Hit-Know-how lassen darüber hinweghören, dass sich Audrey Horne einer echten musikalischen Identitätsfindung immer weiter entziehen.

FRANK THIESSIES

BECULTED

Arcane Manifestations

Blackened Doom 4,5

CRAWLING CHAOS (3 Songs / VÖ: 29.4.)

ARCANE MANIFESTA-TIONS eröffnet mit dem Elfminüter ‘Geborgenheit’. Beim ersten Kontakt ein beinahe ironisch gewählter Titel, vermitteln Beculted doch kein Fünkchen dieser positiv assoziierten Gefühlsstimmung. Vielmehr bauen die Darmstädter auf ihrem Debüt einen lichtlosen, kalten Klangkerker aus Klagemauern und verbarrikadierten Fenstern: Kriechende Doom-Riffs und -Rhythmen fungieren als Blick in den Spiegel einer trostlosen Existenz, rabenschwarze Rasereien als Ausbruchsversuche aus dem Seelengefängnis. Im Mittelpunkt des Tauziehens zwischen Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Wut sitzt P.: Die Frontfrau keift und faucht ihren Schmerz Gollum-artig in die Welt hinaus und rebelliert gegen die schweren Ketten des Lebens. Aggressiv, zermarternd, intensiv – obwohl nicht frei von Längen, bietet ARCANE MANIFESTATIONS ein Hörerlebnis, das zur Auseinandersetzung mit den finsteren Winkeln des eigenen Ichs zwingt und nach dem Verstummen der letzten Note noch lange nachhallt. Zumal der Einstieg nach insgesamt drei Songs und 39 Minuten Spielzeit gar nicht mehr so abwegig erscheint. Denn wenngleich die Atmosphäre nicht weiter von einem Wohlgefühl entfernt sein könnte, veranschaulicht das Album umso packender den unsterblichen Wunsch, selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen nach dem zu streben, was in Kindheitstagen für manche selbstverständlich scheint und im weiteren Verlauf des Daseins für viele zu einem raren Luxusgut schrumpft: Geborgenheit.

DOMINIK WINTER

BHLEG

Fäghring

Black Metal 4,5

NORDVIS (7 Songs / VÖ: erschienen)

Bhleg haben sich einer Lesart des Black Metal verschrieben, die man dieser Tage nicht allzu oft serviert bekommt: Naturnah, spirituell, mit stetem Wechsel zwischen klirrendem Tosen und bedeutungsschwangerer, naturmystischer Kontemplation. Die Schweden zeigen sich auf ihrem tadellosen vierten Album FÄGHRING ebenso beseelt von den tiefen Wäldern und Geheimnissen ihrer Heimat wie vom Klang früher Vintersorg-Wanderungen und Arckanum-Anrufungen. Sauberer produziert und vor allem abwechslungsreicher arrangiert, im Herzen aber dem naturmystischen Black Metal der Altvorderen treu ergeben. Ausgedehnte akustische Ruhephasen erinnern mal an Ulvers naturmystische Phase, mal an vergessene Helden wie Garmarna. Und auch wenn sich das jetzt hier so liest, als würden Bhelg nur altbekannte Zitate zur Schlachtbank führen, bietet FÄGHRING insbesondere in den getragenen Abschnitten genügend Eigenes, um als originäre Band mit jeder Menge guter Einfälle und einem Händchen für Dynamik sowie verwunschene Momente zu bestehen. Stimmungsvolle Sache.

BJÖRN SPRINGORUM

BLACK SWAN

Generation Mind

Hard Rock 4,5

FRONTIERS/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: erschienen)

Im Jahr 2020 taten sich die bekannten Szenemusiker Robin McAuley (McAuley Schenker Group), Reb Beach (Winger, Whitesnake), Jeff Pilson (Foreigner, Ex-Dokken) und Matt Starr (Ace Frehley, Mr. Big) zur Formation Black Swan zusammen und brachten ihr Debüt SHAKE THE WORLD auf den Markt. Auf seinem nun erscheinenden Zweitwerk geht das illustre Quartett erneut passioniert zu Werke und haut uns seinen in den Achtzigern angesiedelten Hard Rock und Heavy Metal mit jeder Menge Energie und hörbarer Spielfreude um die Ohren. Besonders zu spüren ist dies in Stücken wie dem hymnischen Titel-Track, ‘Eagles Fly’ oder ‘Killer On The Loose’, in denen sich alle Beteiligten (allen voran der großartige Vokalist) in bestechender Form präsentieren. Weniger offensiv, aber nicht minder stark klingen das getragen riffende ‘See You Cry’ und das melodische ‘Miracle’; merklich ruhiger kommt das balladeske ‘How Do You Feel’ daher, während ‘Long Way Down’ erst hintenraus richtig aufdreht. Trotz durchweg hohem Niveau drängt sich gen Ende jedoch der Eindruck auf, der Truppe ginge während der 55-minütigen Spielzeit der Atem aus – drei Stücke weniger hätten es vielleicht auch getan. Wer auf krachigen Hard Rock und melodischen Heavy Metal steht, dürfte an GENERATION MIND trotzdem Gefallen finden.

KATRIN RIEDL

BODYSNATCHER

Bleed-Abide

Deathcore 4,5

MNRK/H’ART (13 Songs / VÖ: 22.4.)

Verglichen mit den aufkeimenden Deathcore-Gruppen der Zweitausender Jahre lassen Bodysnatcher den ersten Teil in der Genre-Bezeichnung (ironischerweise) aufleben. Markerschütternd wird man von BLEED-ABIDE wie von einem massiven Felsrutsch überrollt. Brachiale Riffs, stampfende Rhythmen und absolut Pit-taugliche Breakdowns: Der 2014 gegründeten Band merkt man musikalisch absolut nicht an, dass sie aus dem Sonnenstaat Florida stammt. Für ihr drittes Studioalbum werden erneut die Ellenbogen ausgefahren. Dabei bleibt die Gruppe über alle 13 Songs ihren äußerst fiesen, verzerrten Tiefsaiterklängen treu. Die einzelnen Lieder fühlen sich kurzweilig an, sodass die ähnliche Struktur dieser erst im letzten Teil der Platte ein Schwinden der Aufmerksamkeit verursacht. Ein bisschen Abhilfe schaffen ‘Chaos’ und ‘Value Through Suffering’, die beide zumindest mit ein paar ruhigen Introklängen die Möglichkeit geben, neue Energie für weiteres Geknüppel zu tanken. Neben sehr unverständlichem Gegrunze finden sich in den äußerst wutentbrannten Shouts immer wieder Teile, die darauf schließen lassen, dass die Texte in Abkapselung allein in einem Kämmerchen mit Missmut auf die Welt entstanden sind. Obwohl Bodysnatcher absolut unerbittlich durch ihr Album brettern und dabei nicht an Qualität nachlassen, sind die insgesamt 13 Songs doch viel zu (er)tragen, sodass man danach – allein vom Hören – erst mal eine Verschnaufpause einlegen muss.

CELIA WOITAS

BOMBER

Nocturnal Creatures

Heavy Metal 4,5

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 1 2

Welch ein Debüt! Die 2016 formierten Bomber aus Schweden offenbaren auf ihrem ersten Werk in voller Länge gleich ihr unbestreitbares Potenzial und legen nach einer gesprochenen Einleitung eine energetische Mixtur aus traditionellem Heavy Metal, Hard und Classic Rock mit starker Achtziger-Schlagseite aufs Parkett, die bang-wie tanzbar aus den Boxen schallt. Stimmlich erinnert Sänger Anton Sköld häufig an Björn Strid bei The Night Flight Orchestra, in seiner Gesamtheit klingt NOCTURNAL CREATURES jedoch wesentlich kerniger, härter und setzt auf riffende wie heulende Gitarren statt Keyboard-Orgien. Zudem evozieren Bomber eine für ihr Unterfangen perfekte, zwischen Exzess und Gefahr pendelnde Atmosphäre, die uns dreieinhalb bis vier Jahrzehnte zurückbeamt, aber wohlproduziert und kein bisschen altbacken klingt. Höhepunkte wie ‘Fever Eyes’ oder ‘The Tiger’ vereinen gänsehautträchtige Nostalgie mit hymnischen Zügen und zünden dank hörbarer Passion sofort, während ‘You’ve Got Demons’ zurückhaltender klingt, ‘Hungry For Your Heart’ düstere Töne anschlägt und ‘Kassiopeia’ instrumental daherkommt. Obgleich die zweite Hälfte etwas abfällt, gelingt Bomber mit den genannten Hits eine so unterhaltsame wie gekonnte Zeitreise, die nicht nur Achtziger-Fans ans Herz zu legen ist.

KATRIN RIEDL

CALIBAN

Dystopia

Metalcore 4,5

CENTURY MEDIA/SONY (11 Songs / VÖ: 22.4.)

Immerhin auf eines ist noch Verlass: Dank der 2021 eingeschobenen Neuaufnahmen ZEIT­ GEISTER konnten Caliban ihren Rhythmus von einem neuen Album alle zwei Jahre zumindest im Durchschnitt halten. Dass die letzte vollwertige Platte ELEMENTS schon vier Sonnenumrundungen zurückliegt, kommt DYSTOPIA zugute: Zwar wird das altbewährte Muster „harte Strophe, herzschmerzender Refrain“ weiterhin durchgezogen, doch wirkt auf dem zwölften (regulären) Album vieles natürlicher, dynamischer und speziell beim Blick aufs Detail ausgefeilt-abwechslungsreicher. Korn-artige Psycho-Einschübe steigern etwa im Titel-Song die Intensität, und ‘Dragon’ reizt die Dynamik zwischen laut und leise, melodisch und heftig, auf packende Weise aus. Am meisten Spaß macht DYSTO­ PIA aber immer dann, wenn Caliban aus ihrer Wut schöpfen und dieser (ohne auf die melodischen Einschübe zu verzichten) in ausgearbeiteten Bahnen Raum geben – etwa in ‘VirUS’ (mit Heaven Shall Burns Marcus Bischoff als Gast am Mikro) und dem heftigen ‘sWords’. Apropos: Diesmal tanzt die Band besonders ausgiebig auf dem schmalen Grat zwischen cleveren Gedankenspielen und Todsünden aus der Wortspielhölle (‘mOther’ macht das Trio komplett). ‘Phantom Pain’ begeistert mit seinen rockig voranpreschenden Strophen, fällt im austauschbaren Refrain jedoch ab: Obwohl für sich genommen gelungen, sind es auf Albumlänge ausgerechnet die gewollt eingängigen, melodischen Elemente, die einen aus dem Hörfluss rausreißen und einen faden Beigeschmack hinterlassen. Gut, dass DYSTOPIA verlässlich oft genug ballert!

SEBASTIAN KESSLER

CARPENTER BRUT

Leather Terror

Dark Synth 6

VIRGIN/UNIVERSAL (12 Songs / VÖ: erschienen)

Franck Hueso meldet sich zurück – sowohl mit Longplayer Nummer vier als auch der Fortsetzung der Geschichte um seinen dunklen Protagonisten Leather

Teeth. Musste dieser im ersten Teil noch zu sich selbst finden, ist er nun der Rock-Star, der er immer sein wollte – und rächt sich im Serienmörderstil an allen, die ihn einst schlecht behandelten. Dass die Story einen Tacken düsterer ausfällt, spiegelt sich auch in der Musik wider, die insgesamt gewohnt Soundtrack-haft und wandelbar ausfällt. Nach dem feinen Einstiegsgeballer ‘Straight Outta Hell’ liefern Carpenter Brut zunächst mit ‘The Widow Maker’ und ‘Imaginary Fire’ zwei astreine Tanzflurfüller. In letzterem Track geht Gastsänger Greg Puciato (ehemals bei Dillinger Escape Plan am Mikrofon) locker als Trent Reznor durch. Zwischendurch gibt es zum Beispiel mit ‘... Good Night, Goodbye’ oder dem gefühlvoll-bedrohlichen ‘Stabat Mater’ immer wieder Verschnaufpausen. Ansonsten schießt der Franzose aus Poitiers aus allen Synthie-Rohren. Gitarren fanden auf LEATHER TERROR nämlich keine Verwendung. So hat das Carpenter Brut-Konzept auch 2022 noch Neues zu erzählen – und versprüht dabei wieder jede Menge Achtziger-Flair und Spaß.

LOTHAR GERBER

COLD YEARS

Goodbye To Misery

Alternative Rock 4

MNRK/H’ART (12 Songs / VÖ: 22.4.)

Manchmal muss man seinem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen. Eine feuchtfröhliche Kneipentour im trist-verregneten Aberdeen (Schottland) und eine raffinierte List: So legte Frontmann und Sänger Ross Gordon 2014 den Grundstein für Cold Years, indem er jedem seiner potenziellen Band-Kollegen sagte, er hätte bereits die Zustimmung des jeweils anderen. Zwei EPs und ein Debutalbum später hält Gordon auch bei GOODBYE TO MISERY klar die Zügel in der Hand. Mit seiner charismatischen Stimme dreht er die Regler im provokanten Opener ‘Britain Is Dead’ von CD-/ Wohnzimmer-Flair direkt auf Abrisskonzert-Feeling. Gänsehaut gefällig? Einfach in die ersten 50 Sekunden des (ja!) hymnenhaften ‘Generation Fuck It All’ reinhören: Stimmgewalt. Power. Facettenreichtum. Und damit ist das Pulver längst nicht verschossen. ‘Hey Jane’ lässt 2000er-Herzen höherschlagen. ‘Jack Knife’ rockt kraftvoll mit starker Instrumentation. Und die Single-Auskopplung ‘Kicking And Screaming’ sorgt für melodischen Drive. Hin und wieder schleichen sich Lückenfüller ein (‘Say Goodbye’ und ‘Headstone’), die dem Hörspaß aber keinen Abbruch tun, sondern GOODBYE TO MISERY zu einer herrlich unaufgeregten, soliden und radiotauglichen Platte machen. Cold Years definieren den Rock zwar nicht neu, Fans von Rise Against oder Green Day dürften aber einige Parallelen und Gefallen an diesem Longplayer finden.

BIANCA HÄRTZSCH

PLAYLISTS

LOTHAR GERBER

1. Carpenter Brut LEATHER TERROR

2. Hällas ISLE OF WISDOM

3. Die Apokalyptischen Reiter WILDE KINDER Enttäuschung: Mark Lanegan Überraschung: Hällas Vorfreude auf: Kreator Diese Metal-EP muss man gehört haben: Ghost POPESTAR

EIKE CRAMER

1. Cold Years GOODBYE TO MISERY

2. Halestorm BACK FROM THE DEAD

3. Caliban DYSTOPIA Enttäuschung: Die Speckmann-Nummer. Überraschung: Shinedown, Halestorm, Die Apokalyptischen Reiter Vorfreude auf: Kreator Diese Metal-EP muss man gehört haben: Kreator FLAG OF HATE

ROBERT MÜLLER

1. 1914 WHERE FEAR AND WEAPONS MEET

2. Drudkh ЇМ ЧАСТО СНИТЬСЯ КАПІЖ

3. Watain THE AGONY & ECSTASY OF WATAIN Enttäuschung: Papa Roach noch besch*ener als geahnt. Überraschung: Nichts Vorfreude auf: Septicflesh Diese Metal-EP muss man gehört haben: Deathspell Omega KÉNÔSE

MATTHIAS MINEUR

1. Axel Rudi Pell LOST XXIII

2. Udo Dirkschneider MY WAY

3. Fish THE LAST STRAW Enttäuschung: Nichts Überraschung: Envy Of None: Trotz Alex Lifeson meilenweit von Rush entfernt. Vorfreude auf: Die Scorpions-Konzerte 2023... Diese Metal-EP muss man gehört haben: David Lee Roth CRAZY FROM THE HEAT

FLORIAN KRAPP

1. Monuments IN STASIS

2. Caliban DYSTOPIA

3. Die Apokalyptischen Reiter WILDE KINDER Enttäuschung: Ibaraki Überraschung: Skull Fist Vorfreude auf: Amon Amarth Diese Metal-EP muss man gehört haben: Amon Amarth SORROW THROUGHOUT THE NINE WORLDS

MARC HALUPCZOK

1. Destruction DIABOLICAL

2. Audrey Horne DEVIL’S BELL

3. Crisix FULL HD Enttäuschung: Märvel Überraschung: Siberian Meat Grinder Vorfreude auf: Kreator Diese Metal-EP muss man gehört haben: Omen NIGHTMARES

CREDIC

Vermillion Oceans

Melodic Death Metal 5

BLACK LION/SOUND POLLUTION (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Vier Jahre nach AGORA kehren die Melodic Death-Metaller Credic mit einem Nachfolger zurück und werfen damit ihrer üblichen Brutalität eine gute Ladung obendrauf. Mit ‘Tides Disharmonized’ startet das Ding, und dieses braucht nicht lange, bis es mitten im Geschehen angekommen ist: Ein kurzer Blast-Rhythmus; darüber ein Riff, das schnell klarstellt, wo die Sache hinsteuert – nach fünf Sekunden ist die Härte in vollem Gang, und die tiefen Growls von Frontmann Stefan Scheu eröffnen die erste Strophe. Mit dessen Inbrunst, den schnellen Rhythmen und messerscharfen Stakkato-Riffs der Gitarren klingen Credic wie ein wütendes Biest, das Blut geleckt hat und seitdem nicht mehr aufzuhalten ist. Das spiegelt auch die Track-Liste wider, die während ihrer zehn Stücke dem Hörer nur selten eine Ruhepause genehmigt. Auch die Art und Weise, wie sie Letzteres vollzieht, ist eingegrenzt – Fans von klarem Gesang sind an der falschen Adresse. Trotzdem wissen die Stuttgarter um die Wirkung einer guten Dynamik: Der wichtigste Song in dieser Hinsicht ist das instrumentale ‘Tethys Mix’, das mit emotionalem Klavier beginnt und sich über nahezu zwei Minuten aufbaut, bis die Härte ihren Rest beisteuert. Ein guter Zug, denn dadurch wirkt die Härte nochmals intensiver. Derartige Parts darf das Quintett gerne noch weiter ausbauen – trotzdem ist VERMILLION OCEANS ein solides Brett, das Anhängern von melodischem Death Metal hiermit empfohlen sei.

RAPHAEL SIEMS

CRISIX

Full HD

Thrash Metal 3

LISTENABLE/EDEL (11 Songs / VÖ: 15.4.)

Für ihren fünften Langspieler führen die Spanier Crisix ihren schnellen Thrash im Stil der Bay Area-Größen weiter. Anhänger ihrer Vorgängerplatten bekommen zwar neues Futter, doch für Neulinge könnte FULL HD ein zweischneidiges Schwert sein. Denn die rasanten Titel werden über die Gesamtstrecke anstrengend. Dabei überzeugen die Herren Marc Busqué und Albert Requena an den Klampfen in Riffs und Soli durch die Bank. Dies trifft auf den Gesang von Fronter Julián Baz jedoch nicht immer zu: Besonders, wenn er hoch schreit, klingt er etwas heiser. Freunde von Death-beziehungsweise Metalcore werden seinen Growls jedoch etwas abgewinnen können. Die meiste Zeit übertönt er allerdings die restliche Musik und lenkt somit die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Speziell im Titelstück nervt das Dauerfeuer arg.

Dafür kann der Humor von Crisix überzeugen – die Herren aus Barcelona parodieren in ihrem Video zu ‘W.N.M. United’ eine Gesangs-Show mit dem Namen „CrisiX Faktor“. In manchen Songs wie ‘Macarena Mosh’ werden kleine Snippets eingebaut, die etwas aus dem Takt werfen, aber nochmals die Verspieltheit der Truppe unterstreichen. Eine durchgängige, lockere Spielfreudigkeit ähnlich der Thrash-Legenden Anthrax. FULL HD ist ein schneller Snack für zwischendurch, der wohl nur Thrashern mit einem Hang zur Reizüberflutung richtig Spaß macht.

FLORIAN BLUMANN

CROSSPLANE

Fastlane

Rock 4,5

EL PUERTO (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Okay, seien wir nicht päpstlicher als der Papst selbst und gestehen ambitionierten Bands großzügig die pure Adaption ihrer persönlichen Heroen zu: Die Ruhrpottler Crossplane klingen wie Motörhead, was natürlich vor allem am heiseren Reibeisenorgan von Frontröhre Marcel „Celli“ Mönni festgemacht werden kann. Allerdings nicht nur, denn auch Gitarrist Alexander „Alex“ Störmer hat seinen Phil Campbell gelernt, während Schlagzeuger Mark „Bridgeman“ Brückmann ebenso energisch die Felle drischt wie einst der schwedische Blondschopf Mikkey Dee, der heute bei den Scorpions etwas moderater den Takt angibt. Das Sympathische an den vier Crossplanern: Sie versuchen gar nicht erst, ihr Faible für die eigenen Vorbilder zu kaschieren, sondern machen exakt das, was auch Lemmy & Co. Zeit ihres Daseins gemacht haben – sie geben einfach Vollgas, lassen die Verstärkerröhren glühen, den Bassdrum-Klöppel kreisen und dröhnende Bassfrequenzen die Magengegend kräftig durchschütteln. Das alles klingt mal rockig, mal schwermetallisch, vereinzelt sogar punkig, aber niemals halbherzig. Bleibt noch die Frage nach den Texten, über die sich Mr. Kilmister garantiert mächtig gefreut hätte: ‘Make Beer Not War’, ‘All Hell Is Breaking Loose’, ‘Rock’n’Roll Will Never Die’ oder auch ‘Black Is My Blue Sky’. Ja, es stimmt tatsächlich: Sie sind Crossplane, und sie spielen Rock’n’Roll!

MATTHIAS MINEUR

DARKHER

The Buried Storm

Doom Folk 7

PROPHECY/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: 15.4.)

Auf THE BURIED STORM nimmt uns Jayn Maiven mit auf den Grund ihres ganz persönlichen Ozeans. In eine dunkle, beängstigende, fremde und doch seltsam beruhigende Welt voller Schatten. Dennoch ist Licht in ihrer Musik. Licht, das durch die Risse in ihr hineindringt, um es mit den Worten des großen Leonard Cohen zu sagen. Immer schon eine Meisterin der dräuenden Atmosphäre, ist dieses zweite Darkher-Album ein überwältigendes, aufwühlendes und dennoch Trost spendendes Manifest. Darkher perfektionieren ihren ureigenen Doom Folk aus geisterhaftem Sirenengesang, nervösen Geigen, grollenden Riffs und glazialen Drums, schaffen mit den acht Stücken ein zerbrechliches Zuhause im Auge des großen Sturms. Instrumentalisiert mit Hall, Tiefe und Weltschmerz, ausgeführt mit einer meditativen, in sich gekehrten Gelassenheit: THE BURIED STORM mag aus den bekannten Zusätzen ihres Universums zusammengesetzt sein. Die Anordnung der Teile ist diesmal jedoch so makellos, voller beschwörender Kraft, dass man fast versucht ist, der Engländerin danach eine radikale Kurskorrektur zu empfehlen. Besser als hier kann man diese Musik eigentlich nicht exorzieren.

BJÖRN SPRINGORUM

DEAD HEAD

Slave Driver

Thrash Metal 5

HAMMERHEART/SPV (10 Songs / VÖ: 29.4.)

Wenn es um europäische Thrash Metal-Helden von gestern und heute geht, fällt der Name der Niederländer Dead Head relativ selten. Was ein wenig verwundert, schließlich steht das Quartett seit 1989 für gnadenlosen Holland-Thrash, der Legion Of The Damned dereinst weltberühmt machte. SLAVE DRIVER ist das siebte Studioalbum der Jungs und schließt nahtlos an seine Vorgänger an. Rasend schnelle Riffs und wiehernde Gitarren der Marke frühe Slayer treffen auf den brutalen Gesang des wieder zur Band zurückgekehrten Ralph de Boer (Bodyfarm). Songs wie ‘Grim Side Valley’, Frequency Illusion’ (hierzu existiert auch ein feiner Videoclip), ‘Polar Vortex’ oder ‘Parabellum’ sind vertonte Abrissbirnen mit wenigen, aber geschickt platzierten Breaks zum Verschnaufen. Und diese kleinen Pausen sind auch nötig. Fans von Dark Angel oder Possessed dürften sich zu Freudensprüngen veranlasst sehen. Freunde der gepflegten Melodie hingegen sollten um dieses Album lieber einen großen Bogen machen. Hier wird das Holz noch grob gehackt.

MARC HALUPCZOK

DEVIL MASTER

Ecstasies Of Never Ending Night

Black Metal 3

RELAPSE/RTD (10 Songs / VÖ: 29.4.)

Devil Master haben sich seit der 2019er-Veröffentlichung SATAN SPITS ON CHILDREN OF LIGHT von der Hälfte ihrer Belegschaft verabschiedet und Power Trips Chris Ulsh als Schlagzeuger sowie Keyboarder rekrutiert. Darüber hinaus bleibt alles beim (ganz) Alten – näm-lich dreckigem Achtziger-Schwarzstahl. Allen voran grüßen Bathory und Venom, wenn Devil Master in Songs wie ‘Enamoured In The Throes Of Death’ NWOBHM-Harmonien und Punk-Rotz auf Black Metal schichten. Zwischendurch schauen gerne auch Christian Death, Misfits (‘The Vigour Of Evil’), The Sisters Of Mercy (‘Never Ending Night’) und andere Schwarzkittel vorbei. Obwohl Gitarrist Darkest Prince ECSTASIES OF NEVER ENDING NIGHT als „wirklich magische Erfahrung“ anpreist, fehlt Devil Master ironischerweise exakt das: die Magie der großen Vorbilder. Statt wirklicher Wiedererkennungswerte regiert auf dem zweiten Album der in Philadelphia stationierten Pseudonymliebhaber Vorhersehbarkeit. Als Resultat nur weniger Geschwindigkeitsvariationen abseits der Rumpel-Komfortzone und zu vieler zu zäher Instrumental-Passagen wirkt ECSTASIES OF NEVER EN-DING NIGHT eher wie eine lose Ideensammlung denn ein vollwertiges Album. Einzige Ausnahme: ‘Acid Black Mass’ glänzt im Fahrwasser von Celtic Frost, Darkthrone und Entombed zwar nicht mit Eigencharakter, ragt als veritabler Hit-Kandidat aber deutlich aus dem ansonsten von Durchschnitt geprägten Material heraus. Bitte mehr von dieser „Magick“ auf dem dritten Langeisen!

DOMINIK WINTER

DOROTHY

Gifts From The Holy Ghost

Blues Rock 5,5

SPINEFARM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Ein Album, das Augen, Ohren und Herzen öffnen soll: Nichts Geringeres nimmt sich Frontfrau Dorothy Martin mit ihrem dritten Studioalbum GIFTS FROM THE HOLY GHOST vor. Check, bestanden. 2014 in Los Angeles gegründet, wurde das Quintett Dorothy mit seinem Debüt ROCKISDEAD im Jahr 2016 bereits als einer der aufregendsten Rock-Newcomer gehandelt. Und auch die neueste Platte ist nicht minder ergreifend. Allein der Opener ‘Beautiful Life’ strotzt vor geballter Power und Lebensenergie. Nicht selbstverständlich, betrachtet man die Biografie von Martin. Entstand das erste Album damals hauptsächlich unter Herzschmerz und dem Einfluss von Whiskey, weichen beide nun dem spirituellen Erwachen der Sängerin und bringen eine Hymne nach der nächsten hervor. Die Single-Auskopplung ‘Rest In Peace’ rechnet mit alten Dämonen ab, zieht gnadenlos in den Bann und erzeugt eine derart dunkle, schöne Atmosphäre, die einen noch Stunden später umgibt. ‘Big Guns’ stampft sich bemerkenswert groovig in den Gehörgang, und der Refrain von ‘Made To Die’ geht nicht nur lyrisch ins Herz. Dorothy Martins markant-rauchige Stimme und die erstklassige, facettenreiche Instrumentation mit Elementen aus Blues, Hard Rock und Gospel (‘Gifts From The Holy Ghost’) schaffen eine derart kräftige, abwechslungsreiche Klanglandschaft, dass man GIFTS FROM THE HOLY GHOST nicht nicht mögen kann. Bleibt zu hoffen, dass man Dorothy bald auch auf den Bühnen Europas begrüßen darf.

BIANCA HÄRTZSCH

UDO DIRKSCHNEIDER

My Way

Heavy Metal 5,5

ATOMIC FIRE/WARNER (17 Songs / VÖ: 22.4.)

Der Name der Scheibe ist Programm, passt zum „German Tank“ und bietet ein paar feine Leckerlis: MY WAY ist Udo Dirkschneiders „Abrechnung“ mit der eigenen musikalischen Sozialisation, sprich: mit Songs, die offenkundig seine frühe Jugend geprägt und nun eine metallische Auffrischung erfahren haben. Zum Glück hat der Solinger die Rechnung mit dem Wirt gemacht, nämlich seiner eigenen künstlerischen DNS. Und die findet man – im Gegensatz zur Mehrzahl der gecoverten Stücke – nicht in den Siebzigern mit ihrem bunten Mix aus Rock, Glam und Psychedelia, sondern einem forschen Stechschritt durch die Metal-Institutionen der Achtziger und Neunziger. Stellvertretend für den rundum gelungenen Hybriden stehen unter anderem Alex Harveys ‘Faith Healer’, Uriah Heeps ‘Sympathy’, ‘Hell Raiser’ von The Sweet, ‘Fire’ von Arthur Brown oder ‘Paint It Black’ von The Rolling Stones. Eine etwas härtere Gangart gewähren Nummern wie ‘Hell Bent For Leather’ von Judas Priest, Rainbows ‘Man On The Silver Mountain’, Led Zeppelins ‘Rock’n’Roll’ oder Atzes ‘TNT’. So weit, so gut und nachvollziehbar, doch richtig abenteuerlich wird es im von Frank Sinatra adaptierten Song-/Albumtitel ‘My Way’, vor allem aber in Wolfheims ‘Kein Zurück’, mit – für Udo ungewöhnlich – deutschem Text und der auch für MY WAY gültigen Zeile: „Weißt du noch wie’s war? Kinderzeit wunderbar!“

MATTHIAS MINEUR

DRAGONBREED

Necrohedron

Melodic Death 4

MDD/ALIVE (8 Songs / VÖ: 22.4.)

Dragonbreed ist eine neu gezüchtete Melodic Death-Fraktion aus den Band-Mitgliedern der Düsseldorfer Genre-Paten Suidakra sowie den Südtiroler Dark-Kollegen Graveworm. Ab der ersten Minute wissen Dragonbreed, wo die Reise ihres Debüts hingehen soll: Der im Vergleich zum restlichen Album gezähmte Opener ‘The Undying’ zeigt die melodischen Muskeln, und das Folgestück ‘Summoning The Arcane’ fährt die tiefen Growl-Geschütze sowie Death-Drums auf. Ein Schema, das sich durch das gesamte Album zieht. Speziell die Growls von Frontmann Stefano Fiori machen Laune, und die Gitarren wissen in jedem Stück eine nette Melodie zu zaubern. Schön ist auch, dass der Sänger den Instrumenten in vereinzelten Passagen wie in ‘Dawn Of Calamity’ Platz einräumt. Death-Fans sollten jedoch etwas Toleranz für die gelegentlichen ruhigeren Momente mitbringen, in denen Fiori unheilvoll flüstert. Ungewöhnlich ist bei diesem Werk, dass ein externer Künstler für die Texte verantwortlich ist: Kris Verwimp gestaltete nicht nur das Coverartwork der Platte, sondern schrieb auch die Lyrics. Die damit verfolgte Vision des Künstlers macht NECROHEDRON nicht nur zu einem spannenden Erstling, sondern auch gelungenen Konzeptalbum.

FLORIAN BLUMANN

ENVY OF NONE

Envy Of None

Progressive Pop 5

KSCOPE/EDEL (11 Songs / VÖ: erschienen)

Die wichtigste Info vorweg: Mit Rush hat die neue Band ihres (früheren?) Gitarristen Alex Lifeson wenig bis gar nichts zu tun. Das beginnt beim Gesang, der nicht von Bassist Geddy Lee, sondern Maiah Wynne und damit einer Frau stammt. Es geht weiter über die generelle Ausrichtung der Songs, die weit weniger von Gitarren-Riffs und -Hooks sowie vergleichsweise geringen Rock-Anteilen geprägt sind, sondern stattdessen ihre mystische Atmosphäre durch moderne Pop-Attitüden mit raffinierten Sound-Landschaften und elektronischen Versatzstücken bekommen. Das alles hat zwar dennoch Groove und Drive, ist aber insgesamt eher meditativ, Trance-artig, fast schon Soundtrack-haft. Lifeson, der Envy Of None zusammen mit Coney Hatch-Bassist Andy Curran gegründet und neben Frau Wynne auch Produzent Alfio Annibalini als feste Größe aufzählt, hält sich spieltechnisch erstaunlich zurück. Zudem zeigt er sich auf dem Debüt seines neuen Projekts (ob es eine Band wird, muss sich erst noch zeigen) von einer überraschend und im wahrsten Sinne des Wortes progressiven Seite. Fazit: Hier werden alte Zöpfe abgeschnitten, und Lifesons grandioser Ruf dient als willkommener Werbeträger für Envy Of None. Alles andere ist überraschend, für Rush-Fans möglicherweise sogar verwirrend – aber bei objektiver Betrachtungsweise absolut hörenswert!

MATTHIAS MINEUR

AUS DEM PIT

DIE NEUESTEN LIVE-ALBEN

SOLITARY

XXV Live At Bloodstock

Thrash Metal 4

METALVILLE/RTD (11 Songs / VÖ: 22.4.)

Das aufsteigende Adrenalin, das Jubeln der Fans, glühend heiße Scheinwerfer und eine große Bühne, um Vollgas zu geben – was gäbe es Besseres, um das 25-jährige Bestehen der britischen Thrash Metal-Band Solitary zu feiern? Am Sonntag, den 11. August 2019, war es so weit: die Musiker betraten die Bühne des Bloodstock Open Air Festivals in Großbritannien und waren lauter, schneller und härter als je zuvor. Um dieses Jubiläum für die Ewigkeit einzufangen und mit allen Fans auf der Welt zu teilen, wurde es aufgenommen. Noch im selben Jahr wurde die EP XXV in limitierter Auflage veröffentlicht, welche drei Neuaufnahmen von Solitary-Fan-Favoriten enthält. Diese sind nun ebenfalls auf der Langversion zu entdecken. Jedoch werden Unterschiede zwischen Studio-und Live-Aufnahmen auffälliger: In ihren acht Live-Aufnahmen lassen sich zwar wütende Riff-Attacken wie ‘Trigger Point Atrocity’ oder ‘The Edge Of Violence’, das düstere ‘The Diseased Heart Of Society’ oder altbekannte Fan-Lieblinge finden, doch manch ein Background-Gesang ist schwächer oder gar nicht erst vorhanden. XXV: LIVE AT BLOODSTOCK bringt das Konzert-Feeling nach Hause und erinnert an die Zeiten, in denen man noch unbeschwert zusammen in der Menge stand und Fäuste in die Luft schwang.

SARAH-JANE ALBRECHT

WARDRUNA

Kvitravn – First Flight Of The White Raven

Folk 5

COLUMBIA/SONY (13 Songs / VÖ: 22.4.)

Auf ihrem fünften Album KVITRAVN brachten Wardruna ihr nordisches Runenritual im Winter 2021 zur Perfektion. Ein mächtiges Album, durchdrungen von den Elementen, zu gleichen Teilen irdisch, luftig und feurig und ein Hohelied auf die Allmacht der Natur. Entsprechend spirituell und evokativ war die Live-Umsetzung des Albums, die jetzt als KVITRAVN – FIRST FLIGHT OF THE WHITE RAVEN in verschiedenen Konfigurationen vorliegt. Beim virtuellen Live-Event von März 2021 spielte die Band neben ihrem neuen Album auch einige Höhepunkte der bisherigen Historie – ein gelungener, archaischer Runenwurf, der bewusst nicht nachbearbeitet oder aufgehübscht wurde. Alte Reime, nordische Magie, heidnisch-sakrale Stimmung – wer noch nie bei einem Wardruna-Konzert war, bekommt hier zumindest einen kleinen Vorgeschmack auf das kathartisch-urwüchsige Erlebnis. Ersetzt wird es indes nicht.

BJÖRN SPRINGORUM

EREBE

Aeon

Progressive Metal 4

SILENT FUTURE/SOUND POLLUTION (7 Songs / VÖ: 22.4.)

Der 1994 geborene Franzose Augustin Braud hat sich bereits als ausgezeichneter Komponist im klassischen Bereich einen Namen gemacht. Mit der Formation Erebe verleiht er nun unter Hinzunahme von vier gleichgesinnten Mitstreitern seiner Faszination für härtere Klangwelten Ausdruck. Das Debüt AEON wartet mit einer aus mehrstimmigem Gesang sowie verschiedenen Klangschichten erschaffenen Melange aus Progressive und Post Metal auf, die mal an Steven Wilson und mal an Gojira erinnert, mit dichter Atmosphäre in Atem hält und sich trotz aller Komplexität um Zugänglichkeit bemüht, oft aber dennoch eher sperrig als eingängig klingt (etwa das ins Djentige äugende ‘Sun Leak’). Das Spiel mit Gegensätzen taucht öfter auf: In Stücken wie ‘Solid Sky’ krachen Riff-Wände und fließende Passagen ineinander, während das sanfte ‘Replicate’ auch harschen Gesang beinhaltet. Am Ende steht das über zehnminütige ‘The Collector’, dessen melodisch in Szene gesetzte Zurückhaltung vom Growling Luc Lemays (Gorguts) durchbrochen wird. Mit AEON haben Erebe ein interessantes wie anspruchsvolles Stück Musik erschaffen, das volle Konzentration erfordert und sich eher Nischen-Fans als dem Mainstream empfiehlt.

KATRIN RIEDL

FER DE LANCE

The Hyperborean

Heavy Metal 4

CRUZ DEL SUR/SOULFOOD (7 Songs / VÖ: 22.4.)

Man sollte sich nicht von dem repetitiven Mittelmeerurlaubs-Intro der Platte abschrecken lassen: Das Debüt der aus Chicago stammenden Fer De Lance könnte kaum vielseitiger sein. THE HYPERBOREAN – ein Konzeptalbum über einen antiken Abenteurer auf Seefahrt – strotzt nur so vor sich ergänzenden Einflüssen. Bereits in den ersten Minuten des Openers ‘The Mariner’ fallen die Parallelen zu späteren Bathory-Alben auf. Akustische Passagen, sowohl im Hinter-als auch Vordergrund, und vor allem rohes, schnelles Riffing im Wechsel mit ruhigen atmosphärischen Momenten zeichnen das Album aus. Allerdings lassen sich die Fer De Lance-Recken mehr von mediterranen statt nordeuropäischen Melodien inspirieren. Auf manchen Songs, allen voran die Nummern ‘Sirens’ und ‘Arctic Winds’, schwingt eine gute Portion moderner Epic Metal der Marke Doomsword oder Crypt Sermon mit. Das liegt zu großen Teilen an den vokalen Leistungen von Frontmann MP, der sich im Gegensatz zu Quorthon eher auf hohe Tonlagen konzentriert (die tiefen liegen ihm aber auch), und dem Fokus auf eingängige Melodien. Das gepaart mit dem ohnehin überaus epischen Songwriting ergibt ein mitreißendes Album, bei dem jeder Song überzeugt. Fer De Lance sind definitiv eine Band, die man im Auge behalten sollte – im Studio genauso wie an der Live-Front!

SIMON LUDWIG

THE GATHERING

Beautiful Distortion

Alternative Metal 4

PSYCHONAUT/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: 29.4.)

Acht Jahre ist es her, dass The Gathering ihr letztes Album AFTERWORDS veröffentlicht hatten. Nun sind die Niederländer mit einem neuen Werk zurück. Es trägt zwar den Titel BEAUTIFUL DISTORTION, doch diese wird bei den Gitarren nicht besonders weit aufgedreht. Der Opener ‘In Colour’ etwa, welcher auch als erste Single ausgekoppelt wurde, schmeißt erst nach viereinhalb Minuten kurz verzerrte Klampfen in den Ring, um dramaturgisch etwas anzuziehen – genauso schnell, wie diese gekommen sind, verschwinden sie jedoch auch wieder. Im weiteren Verlauf greifen Titel wie ‘Grounded’ oder ‘We Rise’ zwar etwas mehr auf Verzerrung zurück, diese ist jedoch niemals sehr präsent im Mix und erkennbar dem Bestreben untergeordnet, atmosphärische Dichte zu erzeugen. Mit viel Hall und eng drapierten Klangschichten entsteht ein einheitliches Sound-Bild, das sich gut am Stück hören lässt, ohne dass sich nach den 48 Minuten Spielzeit von BEAUTIFUL DISTORTION etwas langfristig im Kopf festsetzen würde. Vielleicht ist das aber auch gar nicht das Anliegen von The Gathering – gemessen am Vorgänger lässt sich das Werk als „AFTERWORDS light“ beschreiben und wird der Eigenbezeichnung Trip-Rock auf jeden Fall gerecht.

KONSTANTIN MICHAELY

GLADENFOLD

Nemesis

Epic Metal 3,5

REAPER/WARNER (11 Songs / VÖ: 29.3.)

Gladenfold sind (noch) nicht gerade das, was die Metal-Welt als „Meister ihres Fachs“ bezeichnen würde. Und doch: Im Vergleich zur Vorgängerplatte WHEN GODS DESCEND (2019) hat das finnische Sextett merklich an sich gearbeitet. Zwar wirkt der Sound an vielen Stellen noch sehr überladen und klingt etwas zusammengequetscht – doch auf seltsame Weise macht NEMESIS streckenweise sogar Spaß (‘Solitude’s Bane’). Wenn also nicht gerade zig Soundlayer übereinandergelegt worden sind, sondern eine gewisse Melodiestruktur erkennbar ist wie beispielsweise im balladesken ‘Saraste’, hören sich Gladenfold recht angenehm an. Außerdem weicht die Überforderung in der zweiten Hälfte des Albums glücklicherweise ein wenig. Beim ebenfalls recht langsamen ‘Tapestry Of Creation’ zeigt Vokalist Esko Itälä zudem, was er in den ruhigen, tiefen Stimmlagen kann. Generell ist an der stimmlichen Darbietung nichts auszusetzen. Weniger ist aber doch manchmal mehr: Ein gewisses Können ist deutlich erkennbar, denn die Zusammensetzung aus Melodic Death und Power Metal-Elementen ist im Ansatz recht vielversprechend. Dennoch wäre es schön, irgendwann ein gesundes Mittelmaß zu finden und eben nicht zu viel auf einmal zu wollen. Epic Metal hin oder her – Überforderung mag niemand. Das dritte Studioalbum der Herren aus Turku ist demnach nur in Häppchen zu genießen, da sonst wahrscheinlich eine akustische Reizüberflutung droht. Freunde der musikalischen Super-Epik könnten aber durchaus Gefallen an NEMESIS finden.

HEIDI SKROBANSKI

HÄLLAS

Isle Of Wisdom

Space Rock 5,5

NAPALM/UNIVERSAL (8 Songs / VÖ: erschienen)

Als vor zwei Jahren CONUNDRUM, das zweite Album der selbst ernannten schwedischen Adventure-Rocker erschien, bemängelte der Verfasser auch dieser Zeilen, dass es der Platte an zwingenden Songs im Stil des Super-Hits ‘Star Rider’ fehle und man Hällas vielleicht erst mit ihrem dritten Album in den Vintage-Rock-Olymp hieven könne. Jenes liegt mit ISLE OF WISDOM nun vor und schwelgt – wie zu erwarten – weiterhin glitzerumhangtragend in Synthesizer-Sphären (hier kamen tatsächlich abermals bereits von ABBA bemühte Gerätschaften zum Einsatz). Mit einem Artwork, welches man in der Second Hand-Buchhandlung seines Vertrauens gerne aus der Abteilung „Fantastisches“ ziehen könnte, nur um ihm danach umgehend den anhaftenden Sternenstaub abzupusten, wird der musikalische Inhalt der abermals schönen Verpackung diesmal tatsächlich noch um einiges gerechter. Eingängiger und griffiger (‘Earl’s Theme’ gerät fast zum Blue Öyster Cult-Ausflug in Ghost-Gefilde), aber sich noch immer genügend Space-und Prog Rock-Eigentümlichkeiten sowie eine fast schon britisch anmutende, in Richtung Jethro Tull blickende Folk-Verbundenheit bewahrend, ist ISLE OF WISDOM Hällas’ kohärentester Hybridkosmos aus Science-Fiction, Fantasy und Siebziger-Zeitgeist. Das Bemerkenswerteste: Eines einzelnen Volltreffers wie ‘Star Rider’ bedarf es nicht mehr. Bei ISLE OF WISDOM ist – und genauso sollte es in alter Albumhörertradition sein – die ganze Platte der Star.

FRANK THIESSIES

HALESTORM

Back From The Dead

Rock 5,5

WARNER (11 Songs / VÖ: 6.5.)

Man kann nur erahnen, was es für (Verzeihung) Bühnenschweine wie Halestorm bedeuten musste, über solch einen langen Zeitraum nicht mehr live auftreten zu können. Der Titel BACK FROM THE DEAD ist nicht ohne Bedacht gewählt und gewährt intime Einblicke in die Gedankenwelt von Lzzy Hale, welche die Isolation offenbar intensiv dazu nutzte, sich mit der eigenen Biografie zu beschäftigen. Das erwies sich offensichtlich als nicht immer einfach (‘Strange Girl’, ‘Psycho Crazy’). Wenn ihre Röhre in ‘Wicked Ways’, ‘The Steeple’ und ‘Brightside’ an dem druckvollen, aber epischen Klangbild zerschellt, wird deutlich, welchen Unterschied diese Frontfrau im Vergleich zu anderen Bands macht: Ihre Bandbreite ist enorm und deckt scheinbar mühelos die komplette Palette zwischen rotzig, trotzig, sanft, melancholisch, lieblich und aggressivbullig ab. Wenn Lzzy anreißt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Ganz großes Hörkino (zwei fantastische Balladen inklusive). Im Vergleich zum eher moderaten Vorgänger VICIOUS (2018) wirken Halestorm wieder eine ganze Spur zwingender und energischer. Recht so, denn der Schweißfaktor tut der Band aus Pennsylvania gut! Mir geht der ganz große Hit ab, aber auf Strecke dürfte BACK FROM THE DEAD eines jener Alben mit einer Frau am Mikro sein, die ich am Jahresende am häufigsten gehört habe.

MATTHIAS WECKMANN

HEIDRA

To Hell Or Kingdom Come

Heavy Metal 4

MIGHTY/TARGET (10 Songs / VÖ: erschienen)

Richtig einordnen kann man die Dänen Heidra nicht. Als Grundstimmung dominiert natürlich der Folk-und Viking-Charakter. Der traditionelle Heavy Metal-Sound stellt sich dieser Stilzuschreibung jedoch ein klein wenig in den Weg. Die tiefen Growls sowie die rasanten und doch melodischen Gitarren-Riffs weisen eher in Richtung Melodic Death Metal, während der nahezu heldenhafte Klargesang und die orchestral anmutenden Keys für einen Hauch Power Metal sorgen. So seltsam sich das liest, so ungewöhnlich klingt auch das Ergebnis, und teils beißt es sich auch, wenn sich das Ganze zu sehr vermischt (etwa im Zwischen-Part von ‘Restribution’s Dawn’, wo es – dafür, dass der Song solch ein gewaltiges Brett ist – zu weit ins Theatralische geht). Was auf der einen Seite wirkt, als würden Heidra zwischen ihren eigenen Vorlieben wanken, bringt andererseits aber auch Überraschungen mit sich. In einem Stück wie ‘Wolfborn Rising’ gelingt es dem Quartett, die vielen besagten Einflüsse sehr schlüssig zu verpacken: Hier überzeugen sie mit kraftvollen Rhythmen, einer greifbaren Melodie und dezentem Hintergrundchor. Auch die Ballade ‘Ancient Gates’ beweist ein gutes Händchen für Songwriting, da sich das Stück nach seinem ruhigen Einstieg sehr wirkungsvoll aufbaut. Heidra legen mit TO HELL OR KING-DOM COME durchaus ein mächtiges drittes Album vor, auch wenn sich einem dieses nicht zu hundert Prozent erschließen mag.

RAPHAEL SIEMS

H.E.R.O.

Alternate Realities

Alternative Rock 2,5

MERMAID/MEMBRAN (10 Songs / VÖ: erschienen)

Erfahren wir gleich zu Beginn des Begleitschreibens, dass die Dänen mit ihren beiden Vorgängeralben in Japan bereits große Erfolge verzeichnen konnten, verwundert diese Information ein wenig, denn schließlich spielen H.E.R.O. weder True noch Hair Metal, sondern bevorzugen jene modernere US-Spielart des Alternative Rock, die den dezenten Einsatz von Electronica und den von schlimmen Vocodervocals vehement befürwortet, um Industrial aber dann lieber einen Bogen macht. Entfernt lassen sich vielleicht Stabbing Westward in ihrer ersten Endphase oder auch Dredg als Inspirationsquellen identifizieren, wenngleich H.E.R.O. mit ihrem Modern Rock, der ständig nur knapp an der Grenze zum noch belangloseren kontemporären Pop vorbeischrubbt, beiden Zuvorgenannten nicht das Wasser reichen können. Mit seinen zehn gleichförmigen und austauschbaren Songs fragt man sich nach dem (zweifelhaften) Genuss des von Jacob „Volbeat“ Hansen zusammen mit der Band produzierten Albums, wer (außer Japanern angeblich) solche Musik eigentlich hört und kauft. Vermutlich dieselben Leute, die Normcore für ein cooles Klamotten-Statement halten, Saftkuren nicht abgeneigt sind und in TikTok eine kreative Kommunikationsplattform sehen. Willkommen in der alternierten Realität.

FRANK THIESSIES

INTROTYL

Adfectus

Death Metal 5

EMANZIPATION/SPV (8 Songs / VÖ: 29.4.)

Das Label scheut sich nicht davor, das Zweitwerk der Mexikanerinnen Freunden von Monstrosity und Morbid Angel zu empfehlen, was grundsätzlich nicht so falsch ist, partiell aber auch an der Sache vorbeistreift. Denn auf der einen Seite passt der Vergleich zwar, da sich die Damen gerne dem walzenden, technisch versierten 2000er-Death Metal hingeben, auf der anderen Seite das Riffing von Rose Contreras aber auch einen sehr gehörigen Thrash-Anteil hat. Dieser macht sich nicht zuletzt bei der trockenen und ausgefeilten Produktion mit Sariux Riveras Overkill-mäßigem Schredderbass oder der trockenen Snare von Annie Ramírez bemerkbar. Insofern lässt sich neben Kolleginnen wie Nervosa oder Crypta auch das letzte Album SAGA BÈLICA (2002) der mexikanischen Death-Thrasher Cenotaph zur Verortung heranziehen, während Vokillerin Kary Ramos mit ihren relativ verständlichen Shouts und Growls irgendwo zwischen Mameli und Corpsegrinder liegt – harter Scheiß, geiler Scheiß. ADFECTUS lässt jahrzehntelang unangenehm kultivierte Trällerelsenstereotype in Rauch aufgehen – als ob die Band dem „Feuerauge“ entsprungen sei, das letztes Jahr den Golf von Mexiko heimgesucht hat. Die Mädels von Introtyl ballern herrlich kompromisslos und kommen hoffentlich auch bald mal nach Deutschland – kreisende Haarmassen sind ihnen schon jetzt sicher.

THOMAS STRATER

LEADER OF DOWN

The Screwtape Letters

Rock 3,5

CLEOPATRA/DEADLINE (10 Songs / VÖ: erschienen)

Das einst von dem 2011 verstorbenen Ex-Motörhead-Gitarristen Michael „Würzel“ Buston gegründete Projekt Leader Of Down legt mit THE SCREWTAPE LETTERS sein zweites Album vor. Nachdem das Debüt CASCADE INTO CHAOS (2018) noch stark von den Kompositionen und dem Motörhead-Spirit Würzels geprägt waren, orientiert sich der Nachfolger eher am klassischen Hard Rock, verzichtet auf eine Punk-Attitüde und unterstreicht dies auch mit einer „saubereren“ Produktion. Was klanglich ein Upgrade darstellen mag, kostet in der Charme-Kategorie Punkte (und das liegt nicht nur daran, dass Lemmy kurz vor seinem Tod noch Vocals zum Erstling beisteuerte). Die Songs haben Dampf, laden Nacken und Knie zum Mitwippen ein, wirken aber auch überwiegend blass und farblos. Da hilft auch der Gastauftritt des ehemaligen Iron Maiden-Gitarristen Dennis Stratton auf der fix vorgetragenen Single-Auskopplung ‘Hitman’ wenig. Eher ein Album zum Nebenbeihören, denn Überraschungen und große Höhepunkte sucht man vergebens.

MATTHIAS WECKMANN

MÄRVEL

Graces Came With Malice

Hard Rock 5

THE SIGN (10 Songs / VÖ: erschienen)

2022, in seinem zwanzigsten Bestehensjahr, bleibt das schwedische Trio mit dem Panzerknackerstrumpfmasken mummenschanz die wohl putzigste Randerscheinung der schwedischen High Energy-Rock-Musik. Vom Action Rock der ersten Generation und der Marke Hellacopters/Gluecifer genauso wie gleichermaßen von deren Idolen Kiss oder Thin Lizzy beeinflusst, machten Märvel allerdings nie auf dreckige Garage, sondern sind die ganze Glam/ Hard Rock-Chose stets mit einem guten Bauchgespür für ihre inneren Queen oder ELO angegangen. So auch auf dem achten Studioalbum, welches mit einem Mix von keinem Geringeren als Humbucker-Projektvorsteher Robert Pehrsson glänzt. Mit mehr Boogie im Blut als die Konkurrenz (der Opener ‘Slasher With A Broken Heart’ würde gar den Eagles Of Death Metal gut zu Gesicht stehen), erhöhtem, aber stets noch schön subtilem Siebziger-Disco-Faktor (‘Great Man’) oder einer veritablen Kiss-trifft-ZZ Top-Verbeugung wie ‘Hot Nite In Dallas’ machen Märvel als DJs auf ihrer eigenen Geburtstags-Party unmissverständlich klar, dass sie weit mehr sind als nur Mitflieger im Windschatten der Hellacopters: Diese Jungs sind die fabelhaften Umlauttüpfelchen des Scandi Rock.

FRANK THIESSIES

MÅNEGARM

Ynglingaättens Öde

Viking Metal 5

NAPALM/UNIVERSAL (9 Songs / VÖ: 15.4.)

Der Wolf der nordischen Mythologie ist wieder auf Raubzug. Thematisiert werden auf Månegarms zehnten Album abermals Wikingersagen, und besonders schön ist der Band-typische Klargesang von Gründungsmitglied Erik Grawsiö in den Refrains. Mit seinen über zehn Minuten Spielzeit scheint der Einstieg ‘Freyrs Blood’ etwas lang geraten, führt aber sehr kraftvoll und episch in das Album rein – ein echter Atmosphäre-Hit, auch dank der vielen unterschiedlichen Passagen. Dass die Gitarristen Markus Andé und Jonas Almqvist Ohrwürmer-Riffs schaffen können, beweisen sie mit ‘Adils fall’. YNGLINGAÄTTENS ÖDE liefert viele Feierlieder für ein ordentliches Met-Gelage wie in ‘Ulvhjärtat’, kann aber mit ‘En snara av guld’ auch seine melancholische Seite zeigen. Kurz bevor dem Hörer mit vorgenanntem Song etwas schläfrig wird, bitten Månegarm mit dem schnellen ‘Stridsgalten’ zur zweiten Albumhälfte. Wer einen Gegenentwurf zu Amon Amarths melodischem Death Metal sucht, bekommt hiermit ein Werk, welches dank der gewählten Instrumente und dem gelungenen Gesang viel mehr Wikingergefühl verleiht als die Genre-Größen.

FLORIAN BLUMANN

STREITFALL

IBARAKI Rashomon

Black Metal 5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 6.5.)

Ibaraki sind so sehr Black Metal wie Trivium Thrash Metal – im Grundsatz durchaus, in der Ausführung aber noch viel mehr. Das kann kaum überraschen, immerhin hat sich Matthew Kiichi Heafy mit keinem beliebigen Sparrings-Partner zusammengetan, sondern mit Emperors Ihsahn, der seinerseits die Grenzen des Black Metal nicht zuletzt mit seinen Solowerken gedehnt hat. Auf RASHOMON stoßen dementsprechend rasendes Schwarzmetall, symphonische und progressive Arrangements, giftiges Keifen und Heafys von Trivium bekannter Klargesang aufeinander. Obendrein reichern Ibaraki die Songs mit japanisch-folkloristischen Elementen an – das verleiht dem Projekt seinen einzigartigen Dreh und eigene Geschmacksnoten. Norwegen trifft Japan trifft James Bond-Soundtrack – in seinen besten Momenten ist RASHOMON mitreißend und bewegend (‘Ibaraki-Doji’), erinnert, wenn die Prog-Seite überhand gewinnt, auch mal an alte Opeth (‘Jigoku Dayu’) und beeindruckt mit seiner Reichhaltigkeit. Aus der Reihe gefallen wirken vereinzelte Keyboard-Klänge wie aus der Spätneunziger-Mottenkiste; womöglich soll das aber (wie der Game Boy-Start-Sound in ‘Tamashii No Houkai’) retro wirken. An anderer Stelle kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, versehentlich eine Emperor-und eine Trivium-Platte gleichzeitig laufen zu haben; manches hätte geschickter verwoben werden können, zumal gewisse Songs wegen arg ähnlicher Strukturen und Melodien austauschbar wirken. Trotz kleiner Schwächen fasziniert RASHOMON mit seiner einzigartigen Klangwelt und fernöstlicher Mystik. Hörbar ein Herzensprojekt.

SEBASTIAN KESSLER

IBARAKI

Rashomon

Black Metal 3

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 6.5.)

Der Autor dieser Zeilen hat mit Ibaraki leider das gleiche Problem, welches er zuletzt mit Trivium hatte. Auf dem Blatt Papier und in seinen Einzelteilen mag das alles durchaus Sinn ergeben. Insgesamt weiß man aber nicht, wohin es führen soll. Bei Matt Heafys Haupt-Band überwog zuletzt das Muskelspiel – die Floridianer fanden vornehmlich sich selbst geil beim fett-modernen Riffing und Hooks-Kreieren, vernachlässigten dabei jedoch das Songwriting. Letzteres stimmt bei Ibaraki überraschenderweise viel mehr. Jedoch will der Emperor-Fan einfach zu viel: Black Metal (zumindest offiziellen Angaben zufolge, auf RASHOMON gibt es keinen), Prog-Anleihen, symphonische Untermalung und folkloristische Elemente aus Japan, dazu dieses unerträgliche Gekreische von Heafy – all das ist einfach zu viel des Guten. Wenn sich der 36-Jährige lediglich auf Klargesang beschränkt hätte, würde es zweifelsohne mehr Punkte geben. Aber so legt dieser hier lieber mal wieder IN WAVES auf:

LOTHAR GERBER

KURZ & HART

DIE NEUESTEN EPS

KIRK HAMMETT Portals

Metal 5

BLACKENED/UNIVERSAL (4 Songs / VÖ: 23.4.)

Alle schlechten Witze über zusammen mit dem Handy verloren gegangene Riff-Ideen sind erzählt – Kirk Hammett guckt nach vorne und gleicht seine eingeschränkte kreative Beteiligung am noch immer aktuellen Metallica-Album HARDWIRED... TO SELF-DESTRUCT (2016) mit einem Solo-Release aus. Die vier Songs gehen auf seine Horror-und Science-Fiction-Kunstausstellung ‘It’s Alive!’ zurück, zu der er sich einen Soundtrack respektive Hintergrundbeschallung ausmalte. So ist PORTALS im weitesten Sinne filmmusikähnlich geraten. Typischer Metallica-Stoff wird hier nur angedeutet – in einzelnen, zupackenden Riffs, nach vorne gehenden, kurzen Headbangpassagen oder manch ausschweifendem Gitarrensolo, in dem eindeutig Hammetts Handschrift durchscheint. Viel öfter fühlt man sich – speziell im eröffnenden Stück ‘Maiden And The Monster’ – an die deutschen Vorzeige-Instrumental-Metaller Long Distance Calling erinnert, was den gemächlichen Aufbau Schicht für Schicht bis hin zum cineastischen Finale anbelangt. An anderer Stelle dreht Hammett weiter auf: ‘The Incantation’ entwickelt sich vom schleichenden Hammer Films-Horror-Soundtrack zu finaler John Williams-Opulenz, ‘High Plains Drifter’ klingt mit seiner orientalischen Anmutung, als hätte sich Ennio Morricone mal Iron Maidens ‘Seventh Son Of A Seventh Son’ interpretierend zur Brust genommen. Dass Edwin Outwater, der schon an S&M2 beteiligt war, hier (zusammen mit dem Los Angeles Philharmonic-Orchester) seine Finger mit im Spiel hatte, ist durchaus wahrnehmbar, ohne PORTALS zu sehr in die Symphonic Metal-Ecke zu drängen. Hammetts Gitarre steht durchweg im Vordergrund. Einen begleitenden Film würde man sich gerne ansehen – hat aber auch beim genussvollen Kopfkino seine Freude.

SEBASTIAN KESSLER

CRYSTAL VIPER The Last Axeman

Heavy Metal 4

LISTENABLE/EDEL (8 Songs / VÖ: erschienen)

Wie so vielen Bands war es auch Crystal Viper nicht möglich, 2021 ausgiebig auf Tour zu gehen. Gerade hatten sie ihr Album THE CULT veröffentlicht, das zurück zu ihren ursprünglichen Heavy Metal-Wurzeln führt. Doch während des andauernden Stillstands wollten sie nicht untätig bleiben, sondern ihre Fans mit neuem Material versorgen. THE LAST AXEMAN ist offiziell eine Mini-LP, die raue „Live im Studio“-Aufnahmen des achten Albums, Cover-Versionen und Fan-Klassiker beinhaltet. So enthält die EP mehr Material als manch ein normales Album. Der brandneue Song ‘In The Haunted Chapel’ ist textlich von einer H.P. Lovecraft-Geschichte inspiriert und wird von galoppierenden Drums sowie melodischen Gitarren-Passagen direkt ins Ohr getragen. Allem voran steht die stimmliche Präsenz von Marta Gabriel. Jeder Track bringt ihre Fähigkeiten hervor: seien es die hohen Töne in ‘Asenath Waite’ oder die rauen Passagen des Diamond Head-Covers ‘It’s Electric’. Allerdings wird das Vibrato der Stimme zu oft eingesetzt, sodass manch eine Melodie zu übertrieben klingt. Dennoch geht ihnen die Energie nie aus, genauso wie die traditionellen Heavy Metal-Melodien, was speziell in den Live-Aufnahmen auffällt.

SARAH-JANE ALBRECHT

COREY TAYLOR

CMFB...SIDES

Rock 4,5

ROADRUNNER/WARNER (9 Songs / VÖ: erschienen)

Nach seinem ersten offiziellen Albumalleingang vor zwei Jahren schickt der Slipknot-und Stone Sour-Sänger einen Kompilationsnachschlag ins Rennen, der sich primär aus Cover-Versionen, zwei Solo-Songs im akustischen Gewand sowie einem Live-Medley zusammensetzt. Metallica-Fanatikern dürfte jene, den bunten Reigen eröffnende Interpretation von ‘Holier Than Thou’ bereits vom BLACKLIST-Albumbrocken bekannt sein. Die größeren und besseren Überraschungen stellen hingegen die in Cheap Trick’sche Punk-Power Pop-Gefilde vordringende Fassung der Dead Boys-Nummer ‘All This And More’ sowie das in eine ähnliche Kerbe schlagende Kiss-Cover ‘Got To Choose’ dar. Doch auch Eddie Moneys ‘Shakin’’ (dem Taylor einen dezenten Danko Jones-Dreh verpasst) und das Remake der aus dem Achtziger-Musikkultfilm-Flop ‘Eddie And The Cruisers’ bekannten John Cafferty & The Beaver Brown Band Nummer ‘On The Dark Side’ lassen bei Menschen mit einem Herz für Bruce Springsteen (oder John Mellencamp) ebenselbiges höherschlagen. Taylor-Puristen können sich indes an dem neunminütigen Livemedley aus ‘Home’ und ‘Zzyxz Rd’ ergötzen.

FRANK THIESSIES

MONUMENTS

In Stasis

Progressive Metal 5,5

CENTURY MEDIA/SONY (10 Songs / VÖ: 15.4.)

Die Progressive Metal-Truppe Monuments präsentiert nach ihrer stark gelobten Platte PHRONESIS nun den vierten Langspieler. Mit IN STASIS bieten sie uns wie gewohnt komplexe Riffs, eingängige und ausgereifte Melodien, ohrwurmträchtige Refrains sowie viele starke Nummern – ‘Collapse’, ‘Lavos’, ‘Opiate’ und ‘Arch Essence’ zählen sicher zu den größten Bangern des Albums. Wie die Vorgängerscheibe weist auch der Neuling reichlich Elemente des Metalcore auf; dem Djent bleiben die Briten weiterhin stetig treu. Eine Sache hat sich im Vergleich zu den älteren Werken jedoch verändert: Hinter dem Mikrofon steht (wieder) ein neuer Sänger – mittlerweile ist es der fünfte. Es dauert aber nicht lange, bis der neue Vokalist Andy Cizek einen mit seiner ausdrucksstarken Stimme in den Bann reißt. Während in seinem Klargesang enorm viel Herzblut steckt, vermittelt er mit seinen Growls eine Menge Hass und Aggressivität. Neben Andy sind auch der ehemalige Monuments-Sänger Neema Askari sowie Periphery-Frontmann Spencer Sotelo auf der Platte zu hören. Die Londoner haben mit IN STASIS definitiv ein beeindruckendes Werk geschaffen, das seinen Vorgängern in jeglicher Hinsicht gerecht wird. Anhängern von Bands wie beispielsweise I Prevail oder Of Mice & Men sowie Progressive Metalund Djent-Fans kann diese Erscheinung wärmstens ans Herz gelegt werden.

AMANDA DIZDAREVIC

MOSAIC

Heimatspuk

Black Metal 4,5

EISENWALD (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Es gibt eine Menge Dinge auf HEIMATSPUK, dem neben einer Flut von EPs und Splits dritten Album der Thüringer Mosaic, die man rein analytisch kritisieren kann: Der reichlich bizarr geratene Auftakt mit ‘Wir sind Geister’ und ‘Die alte Straße’ wirkt dramaturgisch schwach, da die sonderbare Grusel-Folk-Atmosphäre lange ohne metallisches Fundament bleibt. Selbiges kommt im schwarzmetallischen Zerrbild ‘Teufelsberg’ per dumpfer Holzhammermethode, wobei die zwischen Rammstein-Intonation und A Forest Of Stars-Irrwitz changierenden Gesänge die ganze Zeit schon signalisieren, dass sich hier Eigenwilliges zusammenbraut. Und tatsächlich setzt sich im weiteren Verlauf dieses Reigens aus eher atmosphärischen, schrägen Folk-Moritaten und urtümlichen Black Metal-Miniaturen die besondere Atmosphäre durch: Es spukt tatsächlich, in den Worten, in der Inszenierung, in der Darbietung, und ich kann nur respektieren, was Martin Falkenstein und seine Truppe hier abliefern: Ein Album größer als seine Teile, dessen Makel am Ende mit beitragen. zum Charme

ROBERT MÜLLER

PADDY AND THE RATS

From Wasteland To Wonderland

Folk Metal 1

NAPALM/UNIVERSAL (13 Songs / VÖ: 22.4.)

Bei Celtic Punk kann man nicht viel verkehrt machen? Denkste! Klar ist das feierbar-fidele Gefiedel zunächst mal Geschmacks-und Stimmungssache. Doch selbst – oder vor allem – mit einem Kleeblatt im Herzen und Guinness in der Kehle müssen sich einem bei FROM WASTELAND TO WONDER-LAND selbst die knorrigsten Fußnägel hochrollen. Paddy And The Rats bringen es fertig, das feuchtfröhliche Genre fast komplett trockenzulegen. Eine poppigfluffige Produktion raubt den Songs jede Kante, Härte und Seele. ‘Wasteland’ klingt mit seinen totproduzierten Ohohoh-Gesängen im Refrain kaum süffiger als Johannes Oerding (den man als METAL HAMMER-Leser nicht kennen muss). Nicht besser wird es bei ‘Northern Lights’ mit generischen Klatsch-Samples, Vocoder-Stimme und dümmlichen Modern Metal-Stakkatogitarren. Um so mehr tut es weh, wenn wie in ‘After The Rain’ tatsächlich mal nettes Folk-Flair hervorlinst, um dann doch nur wieder vor die Wand gefahren zu werden. Aber der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht: die Pop-Rock-Nummern ‘Party Like A Pirate’ und ‘Everybody Get Up’ kommen nicht mit dem Augenzwinkern und metallischen Feierfaktor von Alestorm daher, sondern mit drögem Großraumdisco-Flair à la Vengaboys (die man auch als METAL HAMMER-Leser kennen kann). Am lustigsten ist noch der Freud’sche Verschreiber im Promotext, wo ‘Ship Will Sale’ (statt ‘... Sail’) andeutet, wo die abstoßend-anbiedernde Reise hingeht. Vor diesen Piraten ist zu warnen!

SEBASTIAN KESSLER

PAPA ROACH

Ego Trip

Modern Rock 2,5

NEW NOIZE/ADA (14 Songs / VÖ: erschienen)

Für das Falschabbiegen werden hierzulande bis zu 150 Euro Bußgeld fällig – Papa Roach waren immer bekannt dafür, Wendungen in ihrer Karriere gerne in Kauf zu nehmen. Der Schritt vom reinen New Metal-Phänomen hin zum modernen Rock auf LOVEHATETRAGEDY (2002) war durchaus nachvollziehbar. Ein gekonnter, mutiger Schritt von der vermeintlichen Trend-Erscheinung (mit wohlgemerkt fantastischem Material!) hin zur seriösen, nachhaltigen Band auf einem klassischen Fundament. Mit CROOKED TEETH (2017) und WHO DO YOU TRUST? (2019) haben die Kalifornier aber definitiv die falsche Ausfahrt erwischt, auf der sie jetzt mit EGO TRIP weiter Gas geben. Die Songs, welche die klassischen Stärken auffahren und noch vage in die Rock-Kategorie gehören, sind rar gesät und vermitteln (mit Ausnahme des Linkin Park-Klons ‘Killing Time’) kaum Dynamik. Stattdessen ergehen sich Papa Roach in Liedern, die überhaupt nicht organisch wirken und klingen, als wären sie in einer Nacht-Session von Jacoby Shaddix auf dem Handy komponiert worden. Produktionstechnisch ist EGO TRIP ein kleines Desaster, speziell was das Schlagzeug und den Bass betrifft. Komplett klinisch und leblos. Das Problem sind nicht die Pop-und HipHop-Teile. Das Problem ist die Qualität. Zweieinhalb Punkte in Flensburg.

MATTHIAS WECKMANN

PORT NOIR

Cuts

Alternative Rock 5,5

DESPOTZ/RTD (9 Songs / VÖ: erschienen)

Das schwedische Trio mit dem einzigartigen Sound geht in die vierte Runde: Auf CUTS wird abermals eine Mischung präsentiert, die zeitgenössische HipHop-, Pop-und R’n’B-Sounds mit Alternative Rock in Einklang bringt. Das Mischverhältnis fällt dabei von Song zu Song sehr unterschiedlich aus – so ist der Opener ‘All Class’ beispielsweise eine Rap-Nummer mit Royal Blood-Refrain, während der zweite Titel ‘Wild’ deutlich Riff-lastiger zu Werke geht. Die Royal Blood-Anklänge stechen jedoch auch hier ins Ohr und tauchen im weiteren Verlauf der Platte immer wieder auf. Zunächst besticht ‘Sweet & Salt’ jedoch durch Post Rock-Gitarrenarbeit, während ‘Emerald Green’ den R’n’B-Faktor aufdreht. Bei ‘Deep Water’ wird es richtig wild: Black Metal-Gitarren-Licks unter Pop-Hooks? Das funktioniert erstaunlich gut! ‘Preach’ wiederum rückt den Rage Against The Machine-Einfluss des Trios in den Vordergrund, bevor es mit ‘Unclean’ und ‘Monument’ wieder poppiger wird. Riffbetont bringt ‘Entertain Us’ die Platte schließlich zu einem runden Abschluss. Spannende Platte für Menschen ohne Berührungsängste mit dem Mainstream!

KONSTANTIN MICHAELY

PURGATORY

Apotheosis Of Anti Light

Death Metal 5

WAR ANTHEM/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: erschienen)

Zwischen dem Vorgänger ΩMEGA VOID TRIBVNAL und der neuen Scheibe liegen sechs Jahre -aber was ist diese Zeitspanne schon, gemessen an der Band-Geschichte? Purgatory treiben in der deutschen Death Metal-Szene seit 1993 ihr Unwesen. Der große Durchbruch blieb zwar bislang aus, doch APOTHEOSIS OF ANTI LIGHT bietet vieles, was den Szenegrößen heutzutage hier und da abgeht. Aber fangen wir bei der Produktion an, die keinen Vergleich scheuen muss: Die Gitarren kommen druckvoll und dominant, Dreiers Gesang wirkt souverän, aber dennoch natürlich, und die Drums treiben die Songs kräftig, stimmig und präzise voran. Apropos stimmig: Die Songs sind dem Quintett wirklich gelungen, die verarbeiteten Einflüsse vielfältig und frei von trendigem Schnickschnack. Leichte Anklänge an frühe Großtaten von Bands wie Morbid Angel, Deicide oder At The Gates, aber auch teutonische Vibes, die einen kurzzeitig nostalgisch werden lassen und an Protector, Morgoth oder eben ganz simpel an ältere Werke von Purgatory erinnern. Das Schöne an APOTHEOSIS OF ANTI LIGHT ist dabei, dass diese Klangfarben harmonisch ineinander übergehen und etwaige Inspirationen nie aufdringlich zu spüren sind, sondern eben einfach den Sound von Purgatory ausmachen. Dieser klingt im Übrigen nicht altmodisch, trotz der genannten Referenzen. Die Band schafft es, ihren Sound trotz des häufigen Blicks auf traditionelle Elemente frisch und unverbraucht klingen zu lassen. Respekt.

MARTIN WICKLER

QAALM

Resilience & Despair

Doom 5

HYPAETHRAL (5 Songs / VÖ: erschienen)

Act Of Defiance, die Band der beiden Ex-Megadeth-Musiker Chris Broderick und Shawn Drover, scheint gerade zu pausieren. So kann Sänger Henry Derek Elis seine Gitarren-Skills im Doom-Quintett Qaalm zur Geltung bringen – und das macht er wirklich gut. Die 2019 in Los Angeles gegründete Formation serviert auf ihrem Debüt vier vor herunterziehenden Gefühlen nur so triefende Tracks zwischen 15 und 20 Minuten Spieldauer. Wer sich auf die abgründigen Reisen einlässt, kann die Widerstandsfähigkeit und Verzweiflung aus dem Albumtitel förmlich fühlen. Letzteres haben die Kalifornier unter anderem in ‘Existence Asunder’ auf beklemmende Weise vertont, wohingegen ‘Cosmic Descent’ zumindest phasenweise Wärme und so etwas wie Hoffnung verströmt. All das kotzen uns Qaalm in einer exquisiten Melange aus Funeral Doom-Melancholie, Sludge-Härte sowie einem Schuss Black Metal-Atmosphäre vor die Füße. So positioniert RESILIENCE & DESPAIR Qaalm als eigenständige und vielversprechende Szeneneulinge.

LOTHAR GERBER

RADIANT

Written By Life

Hard Rock 3

MASSACRE/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: 22.4.)

Ein Radiant ist unter anderem ein Winkelmaß, mit dem man die Länge eines Kreisbogens angibt – eine passende Metapher für das zweite Album der deutschen Hard-Rocker: Ein Winkelmaß ist zwar ein rundes Ding und funktioniert wunderbar in der Mathematik, ist aber nicht wirklich spannend. WRITTEN BY LIFE ist ein Konzeptalbum: Jedes Band-Mitglied steuerte persönliche Geschichten bei, aus denen gemeinsam die Songs erarbeitet wurden. Die Qualität ebenjener unterscheidet sich dabei erheblich. Prinzipiell versuchen Radiant einen eher retroorientierten Hard Rock-Sound zu verfolgen, was dank der stabilen Gitarrenarbeit in Nummern wie ‘Stand That Fight’ oder ‘Rock And Win’ gut klingt. Ordentliche Riffs, technisch versierte Soli und dazu stimmungsvolle Hooks sowie Melodien und generell ein dynamisches Zusammenspiel. Haut einen nicht um, aber es geht auch viel schlimmer. Zum Beispiel, wenn sich die Jungs von der ursprünglichen Formel wegbewegen und experimentierfreudig werden. Normalerweise ist so etwas eine gute Idee, doch in vorliegendem Fall geht die Rechnung nicht auf. Die mittelalterlich anmutende Rifferei in ‘Real Passion Will Never Die’ oder die mit Melodic-Elementen durchzogene Ballade ‘Because Of You’ hätte das Album zum Beispiel nicht gebraucht.

RIZON

Prime Time

Melodic Metal 4,5

PURE STEEL/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: erschienen)

Knackiger Melodic Metal mit weiblichem und männlichem Gesang wird heutzutage nicht mehr häufig angeboten. Rizon aus der Schweiz sind bereits seit 1997 dabei und lassen sich nicht von ihrem Kurs abbringen. Gut so, denn PRIME TIME ist absolut anzuhören, dass die Beteiligten die Musik, die sie spielen, auch wirklich lieben. Der Song ‘Fuckin’ Rock It’ fasst das ziemlich gut zusammen. Rizon sehen das Leben und die Musik also eher positiv, auch wenn sie ein mutiertes Vergissmeinnicht auf dem Cover haben, das den Betrachter anbrüllt. Im Lauf des Albums fällt auf, dass die Stimmen von Neusängerin Anastasia Panagiotou und Matthias Görtz gut harmonieren – der Wechselgesang ist der Dynamik dienlich. Womit wir beim einzigen echten Kritikpunkt des Albums wären: mit einer Stunde Spielzeit ist es zu lang. Drei eher durchschnittliche Songs weniger, und das Album hätte noch mehr Spaß gemacht. Fans von melodischem Stoff sollten aber ruhig mal in Songs wie ‘Truth Or Consequences’, ‘Rebel Heart’ oder ‘High Noon’ reinhören.

MARC HALUPCZOK

SAMAVAYO

Pāyān

Stoner Rock 6

NOISOLUTION/EDEL (7 Songs / VÖ: erschienen)

Das siebte Album der in Berlin ansässigen und seit nunmehr drei Scheiben zum Trio geschrumpften Band lebt vom Spiel mit den Gegensätzen, vermengt Punk mit Prog, Fu Manchu mit Tool, aufrichtiges aggressives Rausgekloppe mit ausformulierter melodischer Eingängigkeit. Spätestens, wenn der Titel-Track von Sänger und Gitarrist Behrang Alavi in seiner persischen Muttersprache vorgetragen und somit auch das orientalische Fenster aufgemacht wird und die Band einem die eindeutige Genre-Orientierung noch weiter verwehrt, weiß man, dass das von Richard Behrens (Kadavar, Mammoth Mammoth) produzierte Album zu den Höhepunkten des noch jungen Stoner-Jahres zählt. Dafür sorgen neben den bereits erwähnten Vorzügen die bollernden bis tänzelnden Bassfiguren von Andreas Voland, eine Riege befreundeter Gastgitarristen, die unter anderem Tommi Holappa (Greenleaf, Dozer), Nick DiSalvo (Elder) und Willi Paschen (Coogans Bluff) umfasst, die The Doors-hafte Sixties-Psychedelic des phänomenalen ‘Prophecy’ sowie ‘Talagh’, das Cover-Stück eines Lieds, welches im Original von der iranischen Pop-Ikone Googoosh gesungen wird, welches sich Samavayo mit sägendem Riff und pumpendem Groove zu eigen machen.

FRANK THIESSIES

AXEL RUDI PELL

Lost XXIII

Heavy Metal 4,5

STEAMHAMMER/SPV (10 Songs / VÖ: erschienen)

Obwohl er mittlerweile über 60 ist, lässt es der deutsche Vorzeigegitarrist keineswegs ruhig angehen: Die letzten regulären Studioalben aus Axel Rudi Pells Qualitätsschmiede datieren auf 2018 und 2020, dazu kommen eine Live-(2019) sowie eine Cover-Platte (2021). Das mit neuen Eigenkompositionen ausgestattete LOST XXIII kann dem Künstler zufolge als „Lost World“ gelesen werden (der 23. Buchstabe im Alphabet ist schließlich das W...) und dient als Kommentar zur Weltlage. Das Hard Rock-/Heavy Metal-Quintett agiert hörbar routiniert und spielt seine Trümpfe gewohnt sicher aus – sei es die tolle hohe Stimme von Johnny Gioeli, die Spielfreude und Riff-Passion des Namensgebers oder die Fähigkeit der gesamten Truppe, ihre Talente in Songdienliche Formen zu gießen (mal abgesehen vom technischen Wetteifern in ‘The Rise Of Ankhoor’). ‘Survive’ und ‘No Compromise’ zeigen hymnische Züge, ‘Down On The Streets’ dient als Blaupause für Gitarrenlehrlinge, und die riffende Dampframme ‘Follow The Beast’ erfreut Headbanger; ruhigere Töne schlagen die neunminütige Gedenkballade ‘Gone With The Wind’, das langsame ‘Freight Train’, das klavierbasierte ‘Fly With Me’ und der finale Titel-Track an. Insgesamt liegt das Übergewicht auf getragenen Nummern, wodurch es LOST XXIII (besonders gen Ende) etwas an Schmackes fehlt – stimmige Kompositionen und eindrucksvolle Musikalität hört man selbstredend über die gesamte Spielzeit.

KATRIN RIEDL

Es ist und bleibt unglaublich, mit welcher Regelmäßigkeit Axel Rudi und seine Mannen starke Melodic Metal-Alben veröffentlichen. LOST XXIII bildet dabei keine Ausnahme, auch wenn die beiden direkten Vorgänger nach den ersten Höreindrücken eine winzige Spur stärker wirkten. Fans der blonden Ruhrpottlegende bekommen erneut die Vollbedienung aus an Deep Purple angelehntem Rock, melodischen Metal-Riffs und balladesken Tönen.

Marc Halupczok (5 Punkte)

Bei Axel Rudi Pell ist es wie mit den Rolling Stones: Es gibt den Frühling, den Sommer, den Herbst, den Winter, und es gibt ein neues Axel Rudi Pell-Album. Will sagen: Man kann sich darauf verlassen, auch musikalisch. Experimente kennt der Bochumer Blondschopf nicht, dafür aber auch keine Qualitätsschwankungen – oder wenn, dann nur marginal. Sein neuestes Werk XXIII ist so typisch Pell wie die Vorgänger KNIGHTS CALL (2018) und SIGN OF THE TIMES (2020). Ein Qualitätsmerkmal!

Matthias Mineur (5,5 Punkte)

NEU AUFGELEGT

Dark Tranquillity YESTERWORLDS (MDD/Alive) YESTERWORLDS kehrt zur Gründerzeit der Band zurück. Es bietet eingefleischten Fans die Möglichkeit, die Demos aus frühen Tagen von Dark Tranquillity zu hören. Eine Zusammenstellung aus Death-und Thrash-Material, die noch die hektische und nicht polierte Spielweise auffängt, vervollständigt somit die Diskografie der seltenen, frühen Demos. (SARAH-JANE ALBRECHT)

Mors Principium Est LIBERATE THE UNBORN HUMANITY (AFM/Soulfood) Von den Wurzeln zurück in die Zukunft – das achte Studioalbum enthält eine Zusammenstellung aus den ersten drei Alben INHUMANITY, THE UNBORN, LIBERATION = TERMINATION sowie dem zweiten Demo VALLEY OF SACRIFICE. Jeder Track wurde neu aufgenommen, gemixt und gemastert. Das stellt auch der Opener ‘Cleansing Rain’ unter Beweis: kein programmiertes Schlagzeug, dafür doppelte Riff-Power. Über zwanzig Jahre ist die Truppe im Geschäft – sie wissen, wie melodischer Death Metal gepaart mit finnischer Melancholie zu klingen hat. (SARAH-JANE ALBRECHT)

Therion BEYOND SANCTORUM (Hammerheart) Therion ist das altgriechische Wort für wildes Tier – und das trifft den Kern ihrer Musik. Die schwedische Band veröffentlichte 1992 ihr zweites Album BEYOND SANCTORUM. Dabei handelt es sich um kein geradliniges Death Metal-Werk, sondern ein Übergangsalbum: melodische, groovige Melodiebögen, Growls und Blastbeats zeichnen sich bereits ab. Für seine Zeit war es innovativ, heute wirkt das Album ein wenig stilüberladen und verwirrend. (SARAH-JANE ALBRECHT)

Therion SYMPHONY MASSES – HO DRAKON HO MEGAS (Hammerheart) Zwar erreicht das Quartett mit seinem dritten Album noch keine opernhaften Klänge, doch die symphonische Seite wird ausgebaut. Wie schon das Album-Cover vermuten lässt, befasst sich das Quartett mit verschiedenen okkulten Riten. Durch die Verwendung des Keyboards und die Riff-getriebenen Growlingpassagen gelingt ihnen eine Art „Dark Occult Metal“. (SARAH-JANE ALBRECHT)

Therion LEPACA KLIFFOTH (Hammerheart) Auf ihrem vierten Album befinden sich Therion in der finalen Übergangsphase zwischen den Death Metal-Wurzeln und dem Hybrid aus symphonischem und düsterem Gothic Metal. Die Faszination für obskure okkulte Magie behalten sie in ihren Texten bei, diese werden von mörderischen Midtempo-Metal-Riffs untermalt. Synthesizer, Flöten, arabeske Gitarrenmelodien und Opernsänger verleihen dem Werk einen rauen und bedrohlichen Ton. Klare Strukturen sorgen für einen angenehmen Hörfluss.

(SARAH-JANE ALBRECHT)

SENTIENT HORROR

Rites Of Gore

Death Metal 5

TESTIMONY/CARGO (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Ja, ja, so kann es laufen, die Täuschung lauert überall. So auch im Fall von Sentient Horror, die eines direkt beweisen: Manchmal bewirken die bei Metal-Bands oft gar fürchterbaren Band-Namen glücklicherweise das genaue Gegenteil. Der empfindsame Horror aus New Jersey löst nämlich nicht ebensolchen aus, sondern vielmehr tiefe Glücksgefühle. Zumindest bei Death Metal-Fans. Dabei hat Gitarrist, Shouter und Bandchef Matt Moliti eine überaus interessante Entwicklung vollzogen: War seine alte Band Dark Empire noch in Power-bis Progressive-Gefilden zu Hause, widmet er sich seit 2014 dem Death Metal. Zunächst unter dem Namen Sentient, jetzt als Sentient Horror. RITES OF GORE ist bereits das dritte Album der Truppe und eine sichere Bank für Old School-Death Metal-Fans. Wüsste man nicht um die Herkunft der Band, würde man sie gewiss näher an Stockholm denn New York verorten. Doch hier hilft Mastermind Moliti, der bereits 2018 Gastsoli für Heads For The Dead einspielte, sicher seine Erfahrung als studierter Musiker und Musiklehrer, die Band genau so klingen zu lassen, wie er es sich vorstellt. Und das ist harter, böse um sich walzender Death Metal (Die Bolt Thrower-Huldigung in ‘Splitting Skulls’!), der sich nicht davor scheut, in einem Song auch mal Entombed, Dismember und Unleashed anzureißen – alles natürlich mit klassisch skandinavischen Melodieversatzstücken zwischen den zwingenden Headbangerparts. Die Produktion ist Genre-typisch gelungen, zumal die in den USA entstandenen Aufnahmen für Mix und Mastering durch die original schwedischen Hände von Jonny Pettersson (aktuell unter anderem Massacre) und Dan Swanö gegangen sind. Ein schickes Castellano-Cover dazu, und fertig ist der gelungene Death Metal-Aufriss. Apropos gelungen: Auf der CD-Version von RITES OF GORE gibt es mit ‘Supposed To Rot’ noch ein Entombed-Cover als Bonus.

THOMAS STRATER

SHINEDOWN

Planet Zero

Modern Rock 5,5

ATLANTIC/WARNER (20 Songs / VÖ: 22.4.)

Ambitioniert. Dies ist das erste Wort, das einem beim Blick auf das effektreiche Video zum Titel-Song und dem künstlerischen Ansatz einfällt, ein Konzeptalbum über den Zustand des Planeten sowie den Umgang der Menschen miteinander zu erschaffen – die Thematisierung künstlich erschaffener Parallelwelten und Cancel Culture inklusive. Ein Teil der zwanzig Lieder wird entsprechend von den Botschaften des Robotercharakters Cyren unterbrochen. Das klingt nicht nur interessant, sondern ist von Shinedown auch packend in Szene gesetzt. Der Sound ist ein Blockbuster: fett, durchdringend, modern, aber trotzdem mit den nötigen Platzhaltern, um Dynamik zu ermöglichen. Und die Lieder? Überwiegend bockstark! ‘No Sleep Tonight’, ‘Planet Zero’, ‘American Burning’, ‘The Saints Of Violence And Innuendo’, ‘Army Of The Underappreciated’ bersten vor Ideenreichtum und rocken massiv. Dagegen fallen die Balladen (mit Ausnahme des wunderschönen Melancholiemoments ‘Daylight’) bezüglich der Spannungsbögen leicht ab. Man sollte dieser Scheibe einige Durchläufe gewähren, um den gesamten inhaltlichen wie musikalischen Kosmos von PLANET ZERO erfassen zu können – es lohnt sich!

MATTHIAS WECKMANN

SIBERIAN MEAT GRINDER

Join The Bear Cult

Hardcore 4,5

DESTINY/BROKEN SILENCE (12 Songs / VÖ: 22.4.)

Die Vorgängerplatte METAL BEAR STOMP wurde von METAL HAMMER-Autor Konstantin Michaely in den höchsten Tönen besprochen. Lediglich im Artwork (ein Bär, der über rote Köpfe wandert, während der Hintergrund in Flammen steht) sei noch Verbesserungspotenzial zu sehen. „Mit ein bisschen mehr Zeit klappt es dann vielleicht auch noch mit dem Optischen“, so der Schlusssatz des Reviews von 2017. Nun, in Sachen Coverartworks bleibt sich die Combo offenbar treu. Der Bär trägt jetzt Fledermausflügel und eine Kapuze, während seine rechte Pfote eine Flamme hält, und die linke ein paar ... nun ja, Planeten (wir kommentieren das nicht weiter). Musikalisch geben Siberian Meat Grinder hingegen wieder Vollgas. Zu hören sind elf Songs in halsbrecherischer Geschwindigkeit plus das akustische und dadurch vergleichsweise sehr melodische ‘Flame In The Heart’. Wütender Hardcore trifft auf schnellen Sprechgesang, teils gänzlich ohne Atempausen (‘Immolate Them All’). Zwischenzeitlich wird man wiederum von völlig Genre-fremden Elementen überrascht, wie etwa dem SkaPart in ‘Not Today’. Durch Einschübe solcher Art, rhythmische Punktlandungen sowie einige kurze, aber schöne Gitarrensoli (‘Into The Grinder’ oder ‘Bear Cult Is Real’) stellen Siberian Meat Grinder regelmäßig ihr Können unter Beweis. Lediglich für das immer gleiche Tempo (es bleibt stets bei um die 210 bpm) gibt es Punktabzug.

RAPHAEL SIEMS

SKULL FIST

Paid In Full

Heavy Metal 5

ATOMIC FIRE/WARNER (8 Songs / VÖ: 22.4.)

Die Kanadier Skull Fist kehren mit ihrem vierten vollwertigen Album zurück und machen kurzen Prozess: Schnell steht fest, was das Ding kann, und das ist nicht wenig. Solider Heavy Metal schallt aus den Boxen – es groovt, es schreit und klingt bissig. Zunächst dominiert dabei noch der Eindruck, dass zwar alles stimmt, die Platte aber im Prinzip nichts Neues bietet: Der Opener ‘Paid In Full’ etwa kann sich absolut hören lassen, hätte aber in genau dieser Form auch schon von den großen NWOBHM-Pionieren kommen können. Die nächste halbe Stunde ist allerdings geprägt von Details und Spielereien, die nicht nur das Können des Trios unter Beweis stellen, sondern auch von originellem Songwriting und großem Ideenreichtum zeugen. So kann sich der Hörer in ‘Long Live The Fist’ auf ein minutenlanges Zwischenspiel der Instrumentalisten freuen, das als harmloses „Call and response“ von Gitarrist und Schlagzeuger beginnt und in einem mächtigen, mehrstimmigen Solo endet. In ‘Madman’ ist es hingegen die Stimme von Zach Schlotter, die ins Rampenlicht tritt und in verschiedenen Lagen – jedoch vor allem in den hohen – überzeugt. Mit PAID IN FULL bringen Skull Fist eine gelungene Fortsetzung ihres bisherigen Schaffens auf den Markt. Einziger Makel ist, dass diese Fortsetzung mit ihren gerade mal acht Songs gerne noch etwas länger dauern könnte.

RAPHAEL SIEMS

SOMALI YACHT CLUB

The Space

Post Rock

SEASON OF MIST/SOULFOOD (6 Songs / VÖ: 22.4.)

Die Ukraine ist jetzt nicht unbedingt ein Land, welches prioritär mit psychedelischen Stoner Rock-Klängen in Verbindung gebracht wird. Und doch hat sie 2010 das Trio Somali Yacht Club hervorgebracht. Was zunächst nur als Jam-Gruppe begann, hat sich im Lauf der Zeit fest formiert. Nach THE SUN (2014) und THE SEA (2018) folgt mit THE SPACE nun der dritte Langspieler. Die Herangehensweise ist im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern hörbar ähnlich, wenngleich sich Sound sowie Aufbau der einzelnen Stücke weiterentwickelt haben und das Ganze etwas voller klingt. Die gehaltvolle Klangatmosphäre lässt sich nur schwer eingrenzen, auch kann man keine einzelne Nummer hervorheben. THE SPACE entfaltet seine Wirkung irgendwie nur als Ganzes. Dabei ist hier und da durchaus für Abwechslung gesorgt. Eine Mischung aus soften und harten Tönen gepaart mit repetitiven Riffs, die einen hypnotisierenden Effekt haben. Tempowechsel gehören jedoch nicht gerade zu den Stärken von Ihor (Gesang, Gitarre und Keyboard), Artur (Bass) und Lesyk (Schlagzeug). Gewollt oder nicht – zuweilen macht genau dies das Hörerlebnis stark monoton. Wer nichts mit dieser Art von Musik anfangen kann, wird mit Somali Yacht Club den Einstieg bestimmt auch nicht finden. Handwerklich und künstlerisch ist an THE SPACE jedoch absolut nichts auszusetzen. Es darf also gerne reingehört werden.

HEIDI SKROBANSKI

SPECKMANN PROJECT

Fiends Of Emptiness

Death Metal 5

EMANZIPATION/SPV (13 Songs / VÖ: 22.4.)

Master-Chef Paul Speckmann kann getrost als lebende Death Metal-Legende bezeichnet werden – immerhin treibt er seit Anfang der Achtziger sein Unwesen in der Szene und fing bereits früh an, die thrashigen Anfänge in Richtung härterer Death Metal-Klänge zu erweitern. Dafür war ihm vor allem in den Boom-Zeiten der Death Metal-Explosion das Chaos hold, sodass es einen Artikel für sich bräuchte, welche von wem aufgenommenen Songs unter dem Namen Master und welche als Speckmann Project veröffentlicht wurden. 31 Jahre später hat Paul sein Soloding aus der Mottenkiste geholt, diesmal unterstützt von seinen schwedischen Kumpels Rogga Johansson (klar, der ist überall dabei) an Gitarre und Bass, Kjetil Lynghaug (unter anderem Paganizer, Stass) an der Lead-Gitarre und dem Engländer Jon Rudin (Wombbath) am Schlagzeug. Auf der einen Seite ist Speckmann Project purer Fanservice (beim an das Debüt angelehnte Cover beginnend), denn es wird hemmungslos dem rohen, urwüchsigen Death-Thrash mit leicht punkigem Riffing gehuldigt, wofür Speckmann bekannt ist. Motörhead-mäßig geradeaus getrommelt, schnittig gerifft und die Vocals räudig-ghoulig-geifernd herausgebellt wie bei Autopsys Chris Reifert. Neben den geradlinigen Songs gibt es auch ein paar coole Grooves wie in ‘Destroy The Weak’ oder dem Suicidal-coolen Mittel-Part in ‘Then The Calm Before The Storm’, aber auch ein bisschen Atmosphäre wie in ‘The So-Called Tyrants’, wie immer mit kritischen Texten abgerundet. Auf der anderen Seite ergibt diese deutlichere Abgrenzung zu Master aktuell durchaus Sinn, denn Speckmanns Haupt-Band hat sich in den letzten Jahren eher dem „sauberen“, technisch versierten Death Metal zugewandt. Wer aber Pauls alte Sachen von Funeral Bitch über Death Strike bis hin zu Abomination mag, wird auch an FIENDS OF EMPTINESS seinen Spaß haben.

THOMAS STRATER

STATIC ABYSS

Labyrinth Of Veins

Doom Metal 4

PEACEVILLE/EDEL (10 Songs / VÖ: 29.4.)

Zwei Urgesteine des amerikanischen Death formen sich zu einem kräftig durchgeschüttelten Genre-Hybriden. Die Mitglieder von Autopsy, Greg Wilkinson und Chris Reifert, wollen mit ihrem Debüt Echos des Wahnsinns produzieren. Mission erfüllt! Der Doom von Static Abyss ist eher zum pausenlosen, hasserfüllten Headbangen als rockigen Mitgrooven geeignet. Der Gesang sowie die Riffs sind Black Metal-angehaucht, während das Tempo sowie die grundsätzliche Atmosphäre in Doom-Gefilden bleiben. Das Titelstück ist ein schön langsam stampfendes Monster. Doch allzu gemäßigt lassen es die Herren nicht immer angehen: ‘You Are What You Kill’ ist ein nicht einmal zweiminütiges Thrash-Gekloppe, welches sich äußerst gut in die düstere Stimmung des Albums einfügt. Auch in anderen Songs wie ‘Contort Until Death’ sind die Kalifornier anscheinend von Raserei besessen. Längere Stücke hingegen (wie ‘Nothing Left To Rot’) wechseln ihre Rhythmen oft genug ab, um nicht zu langweilen. Auf der Zielstrecke verrennt sich die Formel ein wenig. Ein, zwei Nummern weniger hätten das Erlebnis etwas runder gemacht. LABYRINTH OF VEINS fühlt sich an, als käme es direkt aus der Hölle. Static Abyss haben es geschafft, ein solides, stellenweise sehr gutes Debüt zu schaffen, welches in einem Club auf einer finster ausgeleuchteten Bühne wahrscheinlich sein volles Potenzial entwickeln wird.

FLORIAN BLUMANN

STENGAH

Soma Sema

Tech Metal 4,5

MASCOT/RTD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Durch Frankreich weht derzeit eine steife (Metal-) Brise: Neun Jahre nach Band-Gründung veröffentlichen die aus Lille stammenden Stengah ihr Debütalbum SOMA SEMA und nehmen die derzeit scheinbar im Chaos versinkende Welt aufs Korn. Frontmann Nicolas Queste, der mit geradezu angsteinflößender Aggressivität seine Texte über Ängste, Psychosen, soziale Interaktion und menschliche Eigenheiten herausbrüllt – und dies im wahrsten Sinne des Wortes! –, nimmt weder ein Blatt vor den Mund noch schont er seine Stimmbänder. Und so klingt SOMA SEMA wie ein Orkan, mit ruppigen Gitarren im Stechschritt, einem wie entfesselt trommelnden Fellgerber Eliott Williame und mit Song-Strukturen, die man wohl am besten als erbarmungslos bezeichnet. Will sagen: Nichts für zarte Gemüter, für Menschen mit einem von Reflux bedrohten Magen, der bei derben Vokalgeräuschen zur Übersäuerung neigt. Zumal auch das Presseinfo – tragischerweise durch die aktuellen militärischen Entwicklungen überholt – von „grobschläch-tigem Groove Metal-Kriegsgebiet“ und „verzerrtem, maschinengewehrartigem Sludge“ spricht. Man könnte sagen: Es sind weniger die kleinen Details als vielmehr die unerbittliche Wucht und rigorose Dynamik der Produktion, die den Zuhörer fesseln.

MATTHIAS MINEUR

STONE BROKEN

Revelation

Rock 3,5

SPINEFARM/UNIVERSAL (15 Songs / VÖ: 15.4.)

Dass die Domäne des – in meinen Ohren stets zu steril tönenden – zeitgenössischen Radio-Hard Rock nicht allein Amerikanern oder Kanadiern wie Nickelback oder Three Days Grace vorbehalten ist, beweist das britische Quartett Stone Broken seit seiner Gründung im Jahr 2013. Drei Alben später werden Fans von mit Dicke-Hose-Riffs dahergroovenden, fäusteschwingenden Stadion-Refrains mit REVELATION sicher nicht enttäuscht, auch wenn der Titel-Track mit seiner nach Muse schielenden Electro-Allianz vielleicht überrascht (und sich der Power-Balladen-Schmachtfetzen ‘Me Without You’ etwas zu offenkundig an die potenziellen oberen Chart-Positionen prostituiert). Vom Sikth-Gitarristen Dan Weller (Enter Shikari, Bury Tomorrow) klinisch keimfrei – aber zugegeben – Genre-effektiv gekonnt produziert, greifen Connaisseure der modernen Rock-Spielart am besten zur erweiterten Deluxe-Ausgabe des Albums, die mit Bonusdreingaben wie etwa der Akustikversion des Tracks ‘The Devil You Know’ aufwartet.

FRANK THIESSIES

THORIUM

Danmark

Death Metal 5,5

EMANZIPATION/SPV (10 Songs / VÖ: 29.4.)

Nicht wenige attestierten Thorium, mit ihrem Debüt OCEAN OF BLASPHEMY (2000) zu den ganz großen Hoffnungsträgern des Death Metal ihrer Zeit zu gehören. Und obwohl sie nie Teil der vordersten Riege der Vorzeige-Grunz-Bands waren: Die Dänen wissen ohne Zweifel, wie man zünftig Krach macht. Und das haben sie auch nach 25 Jahren Band-Bestehen sowie manch einem Rückschlag nicht verlernt, wie sie eindrucksvoll auf DANMARK unter Beweis stellen! Finster majestätisch geben Thorium mit ‘War Is Coming’ den Einstieg, schlagen um in verheerende Growls und peitschen wechselnd zwischen treibenden Drums sowie absolutem Feingefühl, Brutalität und Melodiefindigkeit voran. ‘Semen Of The Devil’ driftet in puristischere, todesmetallische Gefilde ab, walzt mit Höllenzorn alles nieder, und ‘Reign The Abyss’ weiß kontrastreich – etwas vom Gaspedal heruntergegangen – mit gemächlicherer Schlagzahl ebenso brachiale Gewalt in jede Note zu bannen. Auch mehr als zwei Dekaden nach ihrem bejubelten Erstling weichen Thorium mit DANMARK keinen Deut von ihrem bewährten Patentrezept aus klassischem Florida-Death Metal und nuancierten Melodieeinflüssen ihrer schwedischen Kollegen ab. Die Kombination geht wie zu erwarten auf. Stampfende Rhythmen und bestialisch krachende Gitarren bohren sich mit einer ordentlichen Portion Groove in die schwermetallischen Gehörgänge mit Vorliebe für härtere Klänge. Wer hierbei nicht headbangen will, ist gänzlich Genre-resistent.

TOM LUBOWSKI

VINYL COUNTDOWN

RUSH Moving Pictures (Limited 40th Anniversary Vinyl Boxset)

MERCURY/UNIVERSAL

Musikalisch gestaltete sich Rushs 1981 erschienenes Meisterwerk vielschichtig. (Damals) futuristisch anmutende Synthie-Schwaden, kompaktere und eingängigere, aber noch immer progressiv-komplexe Kompositionen bescherten dem kanadischen Trio seinen kommerziellen Höhepunkt. Song-Perlen wie ‘Tom Sawyer’, ‘Red Barchetta’ oder das hymnische ‘Limelight’ wurden neben dem ultimativen Instrumental ‘YYZ’ zu Setlist-Standards, doch auch die B-Seite ist von -Ware weit entfernt. Die vier weiteren Scheiben dieses fünf LPs umfassenden Sets, allesamt im audiophilen Direct-to-Metal-Mastering-Verfahren in halber Geschwindigkeit auf 180 Gramm schweres, schwarzes Vinyl gebannt, beinhalten indes den vollständigen, bislang unveröffentlichten und hörenswerten Toronto-Konzertmitschnitt „Live In YYZ 1981“. Zusätzliche Dreingaben sind ein 24-Seiten-Booklet mit unveröffentlichten Fotos, neuem Artwork und neuen Illustrationen von Original-Designer Hugh Syme plus Linernotes. Prog Rock-Pflichtkauf.

FRANK THIESSIES

Savatage FIGHT FOR THE ROCK + HALL OF THE MOUNTAIN KING (earMusic/Edel) Auf Savatages drittem Album FIGHT FOR THE ROCK gab es 1986 statt kraftvollem Heavy Metal schmächtigen Hard Rock zu hören. Heute betont Sänger Jon Oliva, dass das Album der Band vor Augen führte, wie vielfältig sie jenseits der engen Metal-Grenzen agieren kann. So wurde der Flop zum Türöffner für einen ihrer größten Erfolge: Nur ein Jahr später kehrten Savatage mit HALL OF THE MOUNTAIN KING zum Power Metal zurück und umarmten (unter der Regie von Paul O’Neill) ihre progressive und theatralische Seite. Beide Alben kommen neu gemastert für Vinyl im Gatefold.

ZUGABE!

NOCH MEHR NEUE ALBEN IM SCHNELLDURCHLAUF

Dawn Of Ashes SCARS OF THE BROKEN (Artoffact/Cargo) Das zehnte Album der Industrial-Metaller Dawn Of Ashes beginnt mit dem verstörenden, aber noch vielversprechenden Intro ‘(Descending) Torn Inside’ und geht über in das brachiale ‘Love Is Asphyxiation’. Was positiv auffällt, sind die ruhigen Stimmlagen, die an Marilyn Manson erinnern. Mit der dritten Nummer ‘The Despondent Hole’ wird es langweilig, bevor sich zunehmend Konfusion breitmacht. Einen Lichtblick gibt es aber: ‘Bane Of Your Existence’ beherbergt einen Melodiebogen, der zumindest guten Willen zur Eingängigkeit zeigt. Definitiv nur für Genrefans. (HEIDI SKROBANSKI / 2,5 PUNKTE)

Fall Of Rauros KEY TO A VANISHING FUTURE (Eisenwald) Bei Fall Of Rauros verschwimmen erneut die Grenzen zwischen Black Metal, Folk und Progressive Rock. Songs wie ‘Daggers In Floodlight’ oder ‘Poverty Hymn’ werfen die Frage auf, ob diese Band nicht auch rein instrumental funktionieren würde. Würde man den Gesang entziehen, wäre es stilistisch eine andere Geschichte, denn der Black Metal kommt ausschließlich hierdurch zustande: Abrupte Wechsel führen von jenem erzählerischen Charakter in unerwartete Härte. In diesen Momenten schließt sich der Krächzgesang an, was für den schwarzmetallischen Charakter sorgt. (RAPHAEL SIEMS / 5 PUNKTE)

Glemsel FORFADER (Vendetta) Licht aus. Kerzen an. Ruhe einkehren lassen. Bereits der Opener ‘Arv’ sorgt mit sanften Klängen und Regenrauschen für Trübseligkeit, bevor ‘Mod Afgrund’ hemmungslos bedrohlich das Tempo vorgibt. ‘Savn’ überrascht mit seinem geradezu punkigen Anfang, und ‘Ansigterne’ ist an bedrückender Melancholie nicht zu übertreffen. Kettensägen-Riffs und Berserker-Drums tun ihr Übriges dazu: FORFADER ist kalt, schroff und wütend. Andererseits melodisch, progressiv und ruhig. Ein Wechsel aus Ausrasten und Runterkommen. Ersticken und Durchatmen. Eskalieren und Innehalten. Glemsel spielen mit ihrer Hörerschaft – was ausgezeichnet funktioniert! (BIANCA HÄRTZSCH / 4 PUNKTE)

Helms Alee KEEP THIS BE THE WAY (Sargent House) Das sechste Studioalbum KEEP THIS BE THE WAY des Trios erschafft mystisch-geheimnisvolle Klanglandschaften. Das Intro ‘See Sights Smell Smells’ erzeugt durch abgehackten Sprechgesang ein Gefühl der Beklommenheit, und der Titel-Song weitet diese Szenerie mittels Synthesizern sowie aggressiven Gesangs-Parts okkult aus. Doch Helms Alee können auch sanft: ‘Big Louise’ zaubert malerisch-melodische Welten herbei, und das kurze Zwischenstück ‘The Middle Half’ lockert das Gesamtwerk auf. Kurzum: Satte Riffs, transzendente Melodien und der facettenreiche Einsatz von Elementen aus Psychedelic und Indie Rock prägen KEEP THIS BE THE WAY. (BIANCA HÄRTZSCH / 4 PUNKTE)

Oddland VERMILION (Uprising/SPV) Auf der Prog-Spielwiese toben sich Oddland bereits im Intro ‘Vermilion Part 1: Arrival’ mit Jazz-Anleihen aus. Der Klargesang von Sakari Ojanen wird gepaart mit dem krachenden Bass von Joni Palmroth, der an manchen Stellen, wie in ‘Feed The Void’, an den der Nu-Metaller Korn erinnert. Insgesamt erinnern Oddland akustisch erneut an Opeth, sind aber mit den orientalischen Klängen noch verspielter unterwegs als ihre Kollegen. Auch wenn das neueste Werk etwas schleppend geraten ist: Prog-Freunde, die ihr Ohr nicht vor anderen Genres scheuen, sind hier gut aufgehoben. (FLORIAN BLUMANN/ 4 PUNKTE)

Soul Glo DIASPORA PROBLEMS (Epitaph/Indigo) Soul Glo machen vor Genre-Vermischungen wenig halt. So hört man HipHop-Samples in ‘Coming Correct Is Cheaper’, und ‘Fucked Up If True’ startet mit Two-Step-Hardcore, der von einer düsteren Death-Passage in manisch-verrücktes Geschrei wandert. Der schnelle Sprachgesang von Pierce Jordan überschlägt sich in manchen Stücken (‘Thumbsucker’) fast und erinnert damit an Bad Brains. Nach einem kompletten Durchlauf ist man dank des Dauergeschreis ziemlich erledigt, auch weil DIASPORA PROBLEMS für ein Punk-Album etwas lang geraten ist. Genre-Freunde dürfte das aber nicht abschrecken. (FLORIAN BLUMANN / 4,5 PUNKTE)

Spiral Skies DEATH IS BUT A DOOR (AOP/Edel) Leider konnten sich Spiral Skies bisher noch nicht gegen ihre in ähnlichen musikalischen Gewässern segelnden Konkurrenten durchsetzen. Das sollte sich mit DEATH IS BUT A DOOR nun ändern: Die Platte findet ihre ganz eigene, besondere Stimmung. Die Musik wirkt verträumt und psychedelisch, ist aber düster und hart zugleich. Die Gitarre steht meistens etwas im Hintergrund – nach dem Hören fällt es schwer, sich wirklich an ein Riff oder Solo zu erinnern. Was allerdings noch lange nachhallt, ist der Gesang von Frida Eurenius. Sie schafft es, die Songs auf eine überaus kraftvolle Art zu tragen. Wunderschöne Melodien, die ein mulmiges Endzeitgefühl hervorrufen. (SIMON LUDWIG / 4,5 PUNKTE)

Xil RIP & TEAR (Confused) Unverkennbar an Slayer orientiert, lässt das Gespann Riff-Tornados und donnernde Blastbeat-Salven vom Stapel. Zwischen hypnotischen Höllen-Riffs (‘Speedemons’) und irrsinnig kreischender Saitenhexerei (‘Motorcharge’), von nuancierten Abstechern in Headbanger-Hymnen (‘Breakneck’) zu übelrotzigen Punk-Schlagseiten mit pathetischem Black Sabbath-Grummeln (‘Gone Again’) – Xil wissen, wie moderner Thrash Metal zu klingen hat. Mit Vollgas voraus geben Xil auf RIP & TEAR ihren Einstand, der unbeirrt im Schatten der Genre-Ikonen wütet. Über die Kraft, die es bedarf, um aus dieser dunklen Ecke selbst ins Rampenlicht zu treten, verfügen sie jedenfalls. (TOM LUBOWSKI / 5 PUNKTE)

TYSONDOG

Midnight

Heavy Metal 4,5

FROM THE VAULTS/SPV (9 Songs / VÖ: 29.4.)

Für die eigentliche New Wave Of British Heavy Metal kamen Tysondog mit ihren beiden Hammeralben BEWARE OF THE DOG (1984) und CRIMES OF INSANITY (1986) eigentlich schon zu spät. Trotzdem zählt die Truppe aus Newcastle upon Tyne zu den typischen Vertretern dieses Subgenres. Mitte der Achtziger trauten ihnen viele gar eine weltweite Karriere der Güteklasse Saxon zu, doch es kam anders. Umso schöner, dass die Engländer ihren ureigenen, knochentrockenen Sound ins Jahr 2022 gerettet haben. Doppelläufige Gitarrenmelodien und Songs, die niemals zu eingängig oder aufdringlich in die Gehörgänge kriechen, sind die Markenzeichen der Combo. Mit der Rückkehr von Sänger Clutch Carruthers haben Tysondog auch ihre Trademark-Stimme wieder, die grandiose Nummern wie ‘Batallion’, ‘It Lives’ oder ‘Dead Man Walking’ in amtlicher Manier einträllert. Das Material auf MIDNIGHT ist im besten Sinne des Wortes zeitlos und hätte irgendwann innerhalb der letzten 40 Jahre aufgenommen worden sein können. Und das soll ausdrücklich als Kompliment verstanden werden.

MARC HALUPCZOK

UNDEATH

It’s Time... To Rise From The Grave

Death Metal 3,5

PROSTHETIC/CARGO (10 Songs / VÖ: 22.4.)

Dafür, dass diese Death-Metaller erst seit 2018 existieren, haben sie schon erstaunlich viel Material auf den Markt geschmissen. Auf zwei Demos nach nur einem Jahr Band-Bestehen folgte das Live-Album LIVE FROM HELL, anschließend das Debüt LESIONS OF A DIFFERENT KIND, und jetzt kommen die fünf New Yorker schon mit ihrer zweiten vollwertigen Platte um die Ecke. IT’S TIME... TO RISE FROM THE GRAVE klingt wütend und zerstörerisch – wenn auch leider auf ziemlich stumpfe Weise. So übernimmt ‘Fiend For Corpses’ den Einstieg in das Album, vergisst dabei jedoch, den Hörer mitzunehmen. Es könnte auch die zweite Hälfte der dritten Strophe eines x-beliebigen Songs sein, was hier als Auftakt verwendet wurde. Ähnlich banal wirken die vielen eingeschobenen Abschnitte und Tempowechsel innerhalb der folgenden Tracks – vor allem in ‘Enhancing The Dead’ finden sich viele abrupte Spielereien. Unter anderen Umständen könnten Tempo-und Taktwechsel dieser Art durchaus Wirkung mit sich bringen, indem sie den Groove intensivieren oder zumindest einen progressiven Eindruck wecken. Hier scheinen jedoch Bausteine gewaltsam zusammengepuzzelt worden zu sein, die nichts miteinander gemeinsam haben. Der etwas matschige Sound tut sein Übriges dazu. Schade, denn eigentlich haben Undeath alles, was sie für ein ordentliches Stück Brutalität brauchen: Sie sind laut, klingen rotzig, haben enorm tiefe Growls... Sicher können sie bereits damit den ein oder anderen Genrefan abholen, doch schlüssig wirkt das Ganze nicht.

RAPHAEL SIEMS

VĀMĀCĀRA

Cosmic Fires: The Enlightenment Reversed

Black/Doom 5

BLACK SUNSET/MDD (6 Songs / VÖ: 29.4.)

Spezialisten vortreten: Vāmācāra liefert auf COSMIC FIRES: THE EN­ LIGHTENMENT REVERSED den Sound einer kaputten Welt und dystopischen Zeit, eine Spielwiese der Extreme, auf der Black Metal, Doom und kosmische Psychedelik ausgestreut wurden wie Sterne über den Nachthimmel. Da braucht es zwar durchaus ein wenig Durchhaltevermögen, um sich auf diesen eigentümlichen Mix einzulassen, aber irgendwas hat die Musik des obskuren Duos. Ihr entströmt eine sonderbare Aura, die entfernt an die Seltsamkeiten von Urfaust erinnert, aber deutlich variabler und dynamischer zu Werke geht. Das ist höchst okkulter Stoff, bisweilen progressiv und in gewisser Weise eine Interpretation extremer Metal-Stile aus dem Blickwinkel der Siebziger. Klare Nischensache, das wird dem deutschen Duo natürlich klar sein. Aber diejenigen, die zu jenem eingeweihten Kreis zählen, werden an COSMIC FIRES: THE ENLIGHTENMENT REVERSED jede Menge verschrobene Freude haben.

BJÖRN SPRINGORUM

VANUM

Legend

Black Metal 3,5

EISENWALD (5 Songs / VÖ: 22.4.)

Auch wenn sich Wolves In The Throne Room immer mal wieder aufraffen, ist das alte Hype-Pferd Cascadian Black Metal doch ziemlich zu Schanden geritten. Aus den ausgedünnten einstigen Scharen der Epigonen sind Vanum einer der Namen, hinter dem sich noch viele Fans dieser atmosphärischen Langform des Black Metal versammeln. Das letzte Album der US-Band, AGELESS FIRE, brachte jedenfalls nicht nur auf dem Cover reichlich Lodern ins Spiel, war mir aber bei allem Wohlwollen etwas zu wenig „transzendent“, sondern oft eher holzschnittartig gerifft und mit einem monotonen, heiseren Bellen als Gesang ausstaffiert, das etwas nervte. Die gute wie schlechte Nachricht, was den Nachfolger LEGEND betrifft: Daran hat sich nicht wirklich etwas geändert. Den Opener ‘Adversary’ ziert zwar ein vages Bathory-Flair, und er ist mit „nur“ siebeneinhalb Minuten auch die Nummer, die noch am ehesten auf den Punkt kommt, aber das ist alles sehr relativ. Musik wie diese will, dass man sich in ihr verliert, doch mir ist dafür vieles zu kratzig: die Produktion, der genannte Gesang, die modulhafte Aneinanderreihung der Riffs, die Monotonie... Woman Is The Earth haben dies meines Erachtens bei einem ähnlichen Grundansatz auf DUST OF FOREVER deutlich besser hinbekommen.

ROBERT MÜLLER

VULCANO

Stone Orange

Thrash Metal 3

EMANZIPATION/SPV (14 Songs / VÖ: 29.4.)

Das nennt man „beharrlich“: Als letztes verbliebenes Gründungsmitglied legt Zhema Rodero mit STONE ORANGE die 19. Vulcano-Veröffentlichung vor. Damit nicht genug: Der 63-jährige Gitarrist sieht inzwischen zwar wie sein eigener Großvater aus, rifft aber noch immer so angepisst wie ein verpickelter Teenager. Dass Vulcano nach über 40-jähriger, von einigen Pausen und unzähligen Besetzungswechseln unterbrochener Existenz noch immer im Untergrund feststecken, scheint für die Brasilianer kein Problem zu sein. Im Gegenteil: STONE ORANGE legt ein weiteres Mal nah, dass sie den Geheimtippstempel nie ablegen wollten. Angefangen von archaisch-simpel strukturierten Kompositionen bis hin zur schnörkellosen Produktion riecht und schmeckt jede einzelne Faser nach gelebter „Scheiß drauf“-Mentalität. Und nach alter Schule. Schließlich wildert Rodero in Thrash-, Black-, Speed-und Death Metal-Gefilden, ohne seine geliebten 1980er-Grenzen je zu verlassen. Verfechter von unsterblichen Helden wie Possessed, Venom, Motörhead, Slayer, Protector oder frühen Metallica werden das kopfnickend goutieren. Bei allem Respekt vor Roderos Beharrlichkeit, Echtheitszertifikat und Vorreiterrolle für die norwegische Black Metal-Szene sei aber ehrlicherweise betont: Vulcanos alter Wein aus alten Schläuchen schmeckt kein bisschen innovativer oder prickelnder als der alte Wein aus neuen Schläuchen, den etliche Genre-Jungspunde momentan zusammenrühren.

DOMINIK WINTER

ANN WILSON

Fierce Bliss

Rock 5

SILVER LINING/WARNER (11 Songs / VÖ: 29.4.)

Bemühte die Heart-Sängerin für ihre Alleingänge früher ein Repertoire aus Cover-Stücken, überwiegen auf FIERCE BLISS Neukompositionen. Das Album versprüht Traditionsverbundenheit, die sich in rustikalem Blues und Rock, aber auch Folklorismen wie dem Blind Faiths ‘Can’t Find My Way Home’ nicht unähnlichen ‘Black Wing’ entlädt. In ‘Bridge Of Sighs’, einem der zwei Tracks mit Kenny Wayne Shepherd an der Lead-Gitarre (und zudem ein Robin Trower-Cover), kann es Wilson sogar mit Joe Bonamassa aufnehmen, während Gov’t Mule-Mastermind Warren Haynes in ‘Gladiator’ sumpf-rockig die Saiten schwingen lässt. Besondere Erwähnung gilt ‘Love Of My Life’, der Mercury-Komposition aus der 1975er-Queen-Göttergabe A NIGHT AT THE OPERA, welcher Wilson zusammen mit Country-Co-Star Vince Gill als Duettpartner eine Liebeslieddramaturgie verleiht, der gar ein Hauch von Everly Brothers-Magie innewohnt.

FRANK THIESSIES

WATAIN

The Agony And Ecstasy Of Watain

Black Metal 5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 29.4.)

Was genau sie mit diesem Albumtitel ausdrücken wollen, erschließt sich nicht direkt, aber wie sie es meinen könnten, wird recht schnell klar, wenn die ersten Songs des neuen Albums der schwedischen Kutten-Black-Metaller (und Stinkstiefel) Watain erklungen sind: Es geht mal wieder um den Kern der Sache, den Sound, der sie groß machte, gewissermaßen die nächste Ausbaustufe von Dissection, die in dem fantastischen, wenn auch überlangen Meisterwerk LAWLESS DARKNESS kulminierte. Alles, was danach kam, war eher „unterwältigend“: zuerst das mäandernde, nach neuen Ideen tastende, aber orientierungslos wirkende THE HUNT, dann das schroffe, megakurze TRIDENT WOLF ECLIPSE. Mit ‘Ecstasies In Night Eternal’ nimmt der Karren gleich mal explosiv Fahrt auf, eine klassische, Riff-triefende und rasante, typische Watain-Nummer an der Grenze zum Selbstplagiat. Das Album hat eine gute Dramaturgie. Nach den ersten Salven geht es mit ‘Serimosa’ im Midtempo weiter, während sich die epischeren Nummern, insbesondere das tolle ‘Before The Cataclysm’, im zweiten Teil des Albums breitmachen. An sich lautet mein Fazit ähnlich wie letzten Monat bei Dark Funeral: Watain spielen auf Sicherheit, aber sie haben die Skills, gute Riffs – und vor allem: mehr verschiedene Songs als ihre Landsleute.

ROBERT MÜLLER

Das Image und Drumherum von Watain kann man durchaus aufgesetzt und doof finden. Nicht wegzudiskutieren ist aber die musikalische Klasse, die sie auf THE AGONY & ECSTASY OF WATAIN zur Schau stellen: So rohen und ursprünglichen, zugleich aber zeitgemäßen und einzigartigen Black Metal findet man dieser Tage nur selten. Sich der schwarzen Raserei hinzugeben, macht durchweg Spaß, zumal die Schweden mit abwechslungsreichen und mächtigen Songs überzeugen.

Sebastian Kessler (5 Punkte)

Dass Black Metal eine dunkle Welt ist, zu der nicht alle Metalheads Zugang haben, wissen wir alle. Watain schaffen es jedoch, das Tor ein kleines Stück weiter aufzuschieben – ohne sich dabei von ihrem Sektor entfernen zu müssen. Das schaffen sie etwa durch solch bedrückende Melodien wie in ‘Serimosa’, die Produktion mit ihrem nahezu kathedralischen Hall und die enorme Gewalt in der Stimme von Erik Danielsson.

Raphael Siems (4,5 Punkte)