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REVIEWS


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 20.07.2022

PLAYLISTS

SEBASTIAN KESSLER

1. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

2. The Halo Effect DAYS OF THE LOST

3. Oceans Of Slumber STARLIGHT AND ASH

Enttäuschung: Hollywood Undead

Überraschung: The Machinist

Vorfreude auf: Parkway Drive, Blind Guardian

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Iron Maiden THE NUMBER OF THE BEAST

KATRIN RIEDL

1. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

2. The Halo Effect DAYS OF THE LOST

3. Undertow BIPOLAR Enttäuschung: Kein RS-Konzert, kein AA-Videodreh und -F2F dank C .

Überraschung: Sinner, Perish, Chaosbay

Vorfreude auf: Das Verlassen der Wohnung.

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Bon Jovi SLIPPERY WHEN WET

MATTHIAS WECKMANN

1. Oceans Of Slumber STARLIGHT AND ASH

2. The Halo Effect DAYS OF THE LOST

3. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

Enttäuschung: H.E.A.T.

Überraschung: The Halo Effect

Vorfreude auf: Megadeth

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Metallica ... ...

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... AND JUSTICE FOR ALL

FRANK THIESSIES

1. The Interrupters IN THE WILD

2. My Sleeping Karma ATMA

3. Journey FREEDOM

Enttäuschung: Amon Amarth

Überraschung: Oceans Of Slumber, Undertow

Vorfreude auf: Nikki Lane DENIM & DIAMONDS

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Iron Maiden THE NUMBER OF THE BEAST

PETRA SCHURER

1. Psycroptic DIVINE COUNCIL

2. Wake THOUGHT FORM DESCENT

3. Undertow BIPOLAR

Enttäuschung: Hollywood Undead

Überraschung: Witchery

Vorfreude auf: Sigh

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Dio HOLY DIVER

RAPHAEL SIEMS

1. The Halo Effect DAYS OF THE LOST

2. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

3. Chaosbay 2222

Enttäuschung: Das schlechte Abschneiden von Nicolas Cage Fighter.

Überraschung: Blood Gods reiner Fokus auf ein einziges Schema.

Vorfreude auf: Blind Guardian

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Metallica MASTER OF PUPPETS

AMONGST LIARS

Amongst Liars Modern Rock 5,5

EARACHE (11 Songs / VÖ: erschienen)

Aus der Asche der beiden Rock-Truppen Saint Apache und Katalina Kicks entstand 2019 eine Band, die nun bereit ist, Vorreiter des modernen Rock zu werden – und zwar Amongst Liars: Das Band-betitelte Debütalbum der Briten ist auf jeden Fall ein großer Schritt in diese Richtung. Die aggressiven, kraftvollen und gleichzeitig groovigen Sounds sind hervorragend. Ferner schafft das Quartett eine bunte, eindringliche und ausdrucksstarke Mischung aus Rock, Punk und Grunge, die durchgehend für gute Stimmung sorgt. Bemerkenswert ist zudem, wie es die Musiker schaffen, mit den Strophen eine enorme Spannung aufzubauen und diese dann durch den Refrain komplett explodieren zu lassen. Beispielhaft dafür sind vor allem ‘Black Days’, ‘Money’, ‘Burn The Vision’ und ‘Over And Over’. Letzterer Titel ist ohne Zweifel der Favorit der Platte: intensives Bassspiel, donnernde Schlagzeug-Sounds, eine eingängige Melodie sowie außerordentlich starker Gesang, den man so schnell nicht vergisst. In Großbritannien sind Amongst Liars schon längst keine Unbekannten mehr. Mit ihrem Debütalbum sind sie nun auf dem richtigen Weg, sich auch außerhalb ihres Heimatlands einen Namen zu machen.

AMANDA DIZDAREVIC

Platz 28

ARDOURS

Anatomy Of A Moment Rock 2,5

FRONTIERS/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Dass es keinem wehtut, ist nichts, das Metaller über ihre Musik hören möchten. Gut, richtig hart wollen Ardours bestimmt nicht sein, aber ANATOMY OF A MOMENT plätschert trotzdem nur so dahin. Das Zweitprojekt von Tristania-Sängerin Mariangela Demurtas ist nicht schlecht, sticht aber auch nicht aus der Masse heraus. Das zeigt bereits der Opener ‘Epitaph For A Spark’: Sowohl der elektronische Start als auch Demurtas’ Stimme klingen vielversprechend – nur sind sie nicht aufeinander abgestimmt. In ‘Insomniac’ wird der Gesang nicht mehr überlagert, auch werden Gothic-Wurzeln deutlich – nur nimmt der Song nie richtig Fahrt auf. So geht es weiter, selbst bei den Höhepunkten. Bei jedem Treffer reißen Ardours direkt das Ruder herum: ‘Given’ ist der stärkste Track und klingt in seiner Melancholie nur so nach Schluss, dass er in der Albummitte deplatziert ist; ‘Anatomy Of A Moment’ wirkt durch den vermehrten Einsatz elektronischer Sounds wie etwas, das sich die Band für das gesamte zweite Album vorgestellt, aber nicht geschafft hat. So bleibt das Ziel schwammig: ANA-TOMY OF A MOMENT ist nie ganz Gothic oder Rock, und die Electro-Parts in Achtziger-Anlehnung sind zu modern für eine Retro-Atmosphäre. Durch den Mix erinnern Ardours an eine angeschlagene Cyber-Version ihrer Landsleute Lacuna Coil. Zwar werden die Songs bei mehrfachem Hören greifbarer, allerdings manifestiert sich dabei auch das Schwächeln der zweiten Hälfte. Letztendlich ist ANA-TOMY OF A MOMENT okay, während es läuft – aber direkt danach irgendwie egal.

ANNIKA EICHSTÄDT

ASHENSPIRE

Hostile Architecture Black Metal 5,5

AURAL (8 Songs / VÖ: erschienen)

Es ist ein zweifelhafter Ansatz, eine unbekannte Band durch einen Vergleich mit einer kaum weniger obskuren Referenz vorzustellen, aber in diesem Fall unvermeidlich: Das schottische Quartett Ashenspire klingt im Wesentlichen wie eine Eins-zueins-Kopie von A Forest Of Stars. Was jetzt nicht per se verwerflich ist, denn erstens kann ich von diesen irren Insel-Idiosynkrasien über manischen Black Metal-Miniaturen kaum genug bekommen, und zweitens gibt es sonst keine weitere Band, von der mir bewusst wäre, dass sie den gleichen Durst lindert. Nach dem starken Debüt SPEAK NOT OF THE LAUDANUM QUANDARY beginnt HOSTILE ARCHITECTURE mit dem besten Song, den A Forest Of Stars nicht geschrieben haben: ‘The Law Of Asbestos’ ist eine grandiose Mixtur aus Melancholie und Hysterie – und nachdem damit die Stimmung klar ist, können Ashenspire auch anfangen, eigene Noten ins Spiel zu bringen. Diese haben alle so einen leichten Solefald-Geschmack: frei jazzendes Blech, seltsame deutsche Post-Modernismen (‘Plattenbau Persephone Praxis’ jemand?), theatralische Zwischenspiele (‘How The Mighty Have Vision’). Wer die Betonwelten da draußen als psychiatrisches Freiluftlabor hören will, sollte hier einschalten.

ROBERT MÜLLER

BALLS GONE WILD

Stay Wild Hard Rock 3

METALVILLE/RTD (11 Songs / VÖ: 22.7.)

Neues aus der Kategorie völlig beknackter Name und trotzdem halbwegs anständige Musik. Bei so etwas wie Balls Gone Wild denkt man eher an Steel Panther-Ulk-Metal als punkigen Power Rock (dass der Band-Name auf dem Cover noch dazu in einem albernen Guitar Hero-Font verfasst ist, hilft dabei ebenfalls nicht). Dennoch ist es genau das, was die wildgewordenen Testikel spielen: von Hellacopters-Rotzigkeit durchzogene Riff-Rocker mit Neunziger Jahre-Punk-Gesang. Die Band selbst sieht sich laut Pressetext zwar als das „Resultat einer außerehelichen Liaison von Motörhead und AC/DC“, erweckt auf STAY WILD jedoch mehr Erinnerungen an geschliffenen Ami-Punk wie NOFX oder Konsorten. Nur selten hat man das Gefühl, hier eine waschechte Hard Rock-Band zu hören. Auf dem Vorgänger HIGH ROLLER war das noch anders. Das Finale des Albums ist allerdings eine der wenigen Ausnahmen: Mit der ruhigeren Nummer ‘Bride Of Satan’ zeigen die Kölner, dass sie auch komplizierter können. Ein bisschen Akustikgitarre, Tempowechsel, mehr als nur ein einziges, kurzes Solo und interessantes Songwriting – so macht das Album wirklich Spaß. Runtergeschramme wie das einminütige ‘Knocked Out’ oder der anstrengende Opener ‘Killing One’ bewirken wiederum eher das Gegenteil. STAY WILD ist eine Platte, die man zwar gut hören kann, aber nicht muss.

SIMON LUDWIG

BATTERING RAM

Second To None Hard Rock 4,5

TARGET/SPV (9 Songs / VÖ: erschienen)

Nach seinem Debüt von 2020 kehrt das schwedische Quartett zurück und versorgt seine Hörerschaft wieder mit reinem, aber doch facettenreichen Hard Rock à la Volbeat und Konsorten. Der Opener ‘What I’ve Become’ steigt direkt ordentlich ein: Die tiefen, verzerrten Gitarren haben Power; das Schlagzeug schreitet in schlichtem, aber entschlossenem Rhythmus voran, bevor der Gesang Johan Hallströms melodisch wie energisch daherkommt. Besonders spannend fällt dabei die Melodieführung aus, die viel auf herausstechende Leittöne und Blue Notes setzt (auch auffällig im späteren ‘Ram You Down’). Zwischendurch mag der Gesang ein wenig zu sehr ins Schmalzige driften, wenn es etwa im Refrain von ‘Hold On’ (oder auch ‘Coming Home’) zur sehr schmerzlichen Akzentuierung kommt. Gut, dass sich die Band nicht zu sehr an solchen Momenten festkrallt, sondern auch ihre bissige Seite offenbart (etwa in den Strophen zu ‘Rage’), denn diese steht der Kapelle schlicht und einfach besser. Schöne Gitarrensoli schmücken das Ganze aus; versteckte Grüße an ihre Helden lassen zwischenzeitlich aufhorchen (etwa das kurz eingestreute Black Sabbath-Riff in ‘Coming Home’). Kurz: Battering Ram liefern mit SECOND TO NONE ein solides zweites Werk ab, das sich explizit an die Fans der Hard Rock-Schiene richtet.

RAPHAEL SIEMS

BEACH RATS

Rat Beat Punk Rock 4,5

EPITAPH/INDIGO (12 Songs / VÖ: 29.7.)

Brian Baker kann es einfach nicht lassen. Gemeint sind damit nicht etwa weitere Demutslektionen in Richtung seiner ganz speziellen Freunde Bring Me The Horizon, sondern die Zahl der Nebenprojekte, die der hauptberufliche Bad Religion-Gitarrist, auch einstiges Mitglied der Hardcore Punk-Legenden Minor Threat sowie der Hollywood-Sleaze-Rocker Junkyard, heute unterhält. Nach einem Seitensprung mit Refused-Sänger Dennis Lyxzén unter der Band-Bezeichnung Fake Names hat sich Baker als Folge seines Umzugs in das von Springsteen bekannt gemachte Asbury Park nun zu Sänger Ari Katz (Lifetime), Gitarrist Pete Steinkopf und Bassist Bryan Kienlen (beide Bouncing Souls) sowie Drummer Danny Windas (Let It Burn) gesellt, um mit ihnen die Jersey-Shore-Strandspaß-Combo Beach Rats zu vervollständigen. Das Ergebnis ist ein 22-minütiges (!) Debütalbum, das in zwölf zackigen und bisweilen hymnischen Hard- ore Punk-Songs zwischen Lifetime, Minor Threat und The Germs manchmal sogar einen Hauch von nöligeren Nirvana verströmt. Und wenn zum Schluss fünf Männer in ihren Fünfzigern mit derselben Inbrunst und DIY-Dringlichkeit wie in ihren jugendlichen Punk-Prägejahren im Drei-Minuten-Epos lässig wie die Stooges ‘Fuck You Dad’ skandieren, zaubert einem das schon ein Grinsen ins Gesicht.

FRANK THIESSIES

BLOOD COMMAND

Praise Armageddonism Punk Rock 3

HASSLE/CARGO (10 Songs / VÖ: erschienen)

Blood Command präsentieren sich auf ihrem Album PRAISE ARMAGEDDONISM mit neuer Frontfrau. Nachdem letztes Jahr Nikki Brumen die bis dato singende Karina Ljone ersetzt hatte, musste die neue Platte abermals aufgenommen werden – für die Veröffentlichung war nämlich bereits das meiste im Kasten. Die norwegische Gruppe läuft seit einigen Jahren unter der Genre-Bezeichnung Deathpop, was sich auf ihrem vierten Langspieler in einer Mischung aus sehr tanzbaren Synthiepop-Beats und typischen Punk Rock-Elementen zeigt. Der Gesang von Brumen ähnelt klanglich einigen Sängerinnen der Riot Grrrl-Szene: durchweg schrilles, aggressives Keifen, das hin und wieder von Klargesang abgelöst wird. Dieser ist auch bitter nötig und bringt Abwechslung ins Spiel. Hiervon dürfte es gesanglich auch ruhig noch mehr geben – Instrumentell wird man durch ein dynamisches Spiel jedoch am Zuhören gehalten. PRAISE ARMAGEDDONISM ist eine gute Punk Rock-Platte mit starkem Pop-Einschlag. Wer sich mit dem Gesang allerdings nicht anfreunden kann, für den wird das Ganze wahrscheinlich ziemlich schnell etwas anstrengend.

CELIA WOITAS

BLOOD GOD/ DEBAUCHERY

Demons Of Rock’n’Roll Hard Rock 3

MASSACRE/SOULFOOD (20 Songs / VÖ: 5.8.)

Platz 27

Alben mit zwanzig Titeln sind heutzutage eine Seltenheit. DEMONS OF ROCK’N’ROLL schummelt als Doppelalbum zwar ein wenig, doch der Umfang ist erst mal beachtlich. Aber von vorne: Auf zwei CDs bringt Thomas Gurrath die Stile seiner beiden Bands Blood God und Debauchery zusammen. Erst gibt es die zehn neuen Songs im Hard Rock-Stil von Blood God, dem in kreischenden Gitarren und hohem Gesang AC/DC als Vorbild durchweg anzuhören ist, und danach werden einem die gleichen Lieder mit tiefer Debauchery-Stimme geboten. So weit, so gut. Hat man allerdings die Tracklist gelesen, ist das Album eigentlich schon gehört – viel mehr Text als die jeweiligen Titel haben die Songs nämlich nicht. Hier wird ein Satz vervollständigt, dort gibt es einen stumpfen Reim, aber im Grunde bestehen die Songs aus ihren Überschriften. So fällt das Wort „bombshell“ in ‘Bombshell’ beispielsweise ganze 33-mal! Sich die wenig abwechslungsreichen Songs des Doppelalbums dann alle zweimal anzuhören, ist dementsprechend anstrengend. Da sich nur der Gesang unterscheidet, nicht aber die Instrumental-Passagen, sind die Aufnahmen einander zu ähnlich. Überraschenderweise sind die Debauchery-Versionen zwar die mit mehr Pepp, weil die Growls mit dem brechen, was man von Hard Rock erwartet (‘Raze Hell’ ist mit „Monsterstimme“ auch irgendwie glaubwürdiger), aber vollständige Cover hätten DEMONS OF ROCK’N’ROLL in seiner Länge wohl spannender gemacht.

ANNIKA EICHSTÄDT

BORIS

Heavy Rocks Proto Metal 4

RELAPSE/RTD (10 Songs / VÖ: 12.8.)

Um mit Boris Schritt zu halten, braucht es eine besondere Kondition. Das japanische Trio lässt sich nicht kategorisieren, wechselt von VÖ zu VÖ die Gangart und haut die Platten im Akkord raus. Sicher ist nur eines: Wata, Takeshi und Atsuo legen sich selbst im 30. Jahr ihres Bestehens die Latte höher. Auf diesem dritten Album in der HEAVY ROCKS-Reihe (sie heißen alle gleich) zitieren Boris reichlich Stoner-/ Schweine-Rock und Früh-Punk – eine Tonalität, die ihnen schon immer gut stand – und übersetzen deren Getriebenheit und Manie in unsere Zeit. Vor allem ‘Cramper’, ‘My Name Is Blank’ und ‘Ruins’ wirken dabei wie die Boris-Version von ‘Mad Max: Fury Road’: eine irre Jagd durch ein postindustrielles Wasteland. Könnte Tokio sein, oder ein brutaler Unort aus einem Manga? You decide. Lässig und lullig wird es bei ‘Blah blah blah’ (wobei – die Saxofonfolter verhindert das Räkeln), danach ziehen die letzten Tracks das Tempo wieder deutlich an. Hier funkt auch der Noise à la Merzbow rein, der japanischen Industrial-Größe, mit der Boris früher zusammengearbeitet haben. Zuletzt erfüllt dann das zerbrechliche ‘(Not) Last Song’ sein Versprechen – und bricht ab. Hätten Boris zu diesem Zeitpunkt nicht schon eine kilometerlange VÖ-Liste unterm Gürtel, wäre dies ihr erstes Album, man würde verwunde(r)t, begeistert und erschöpft raustaumeln. So ist es einfach ein weiteres großes Album in einem großen Werk: reduziert, schnell und wütend.

MELANIE ASCHENBRENNER

Platz 21

CHAOSBAY

2222 Metalcore 5

CIRCULAR WAVE (12 Songs / VÖ: 29.7.)

Chaosbay entführen uns mit ihrer neuen Scheibe – wie der Titel bereits verrät – in das Jahr 2222. Während der Großteil der Bands in den eigenen Veröffentlichungen von einer Dystopie ausgeht, stehen die Berliner der Zukunft optimistisch gegenüber: Auf ihrem Neuling widmen sie sich einer Anti-Apokalypse und beschreiben eine Utopie aus der Sicht eines in dem besagten Jahr lebenden Menschen. Die progressive Metalcore-Gruppe liefert uns dabei nicht nur ein scharfes Riff nach dem anderen und ein beeindruckendes Schlagzeugspiel, sondern überhäuft uns zusätzlich mit einer Vielzahl von melodischen, einprägsamen und beinahe poppigen Refrains. Das ist jedoch nicht das Einzige, das einen lang anhaltenden, positiven Eindruck hinterlässt: Der Vokalist singt sich mit seiner engelsgleichen Stimme direkt unter die Haut – mit ‘Home’ gelingt ihm das am besten. Für diese balladenähnliche Nummer bekam er Unterstützung von der Eyes Set To Kill-Sängerin Alexia Rodriguez. Im Gegensatz dazu sind ‘Eternal Eyes’, ‘2 Billion’ und ‘Passenger’ von der schnelleren, aggressiveren Sorte und gehören zu den Höhepunkten des Albums. Das Glanzstück ist aber eindeutig ‘What Is War’: Das Quartett kooperierte hierfür mit Siamese-Sänger Mirza Radonjica. Gemeinsam schufen sie diesen dermaßen gefühlsvollen, dynamischen und groovigen Song. Reinhören lohnt sich daher auf alle Fälle!

AMANDA DIZDAREVIC

SPECIAL-TIPP

DEVILDRIVER

Clouds Over California: The Studio Albums 2003-2011

Thrash Metal BMG (73 SONGS / VÖ: 29.7.)

Hätte mir einer bei meinem ersten Coal Chamber-Interview 1997 gesagt, dass Dez Fafara mal Frontmann einer gewitzten Thrash Metal-Band werden würde, wäre ich aus dem Wiehern nicht mehr herausgekommen. Aber genauso kam es. Nach dem (vorläufigen) Ende seiner New Metal-Truppe gründete der heute 56-Jährige 2002 Devildriver – und überzeugte in vermeintlich unbekanntem Terrain auf voller Linie. CLOUDS OVER CALIFORNIA: THE STUDIO ALBUMS 2003-2011 zeichnet den Werdegang des Sängers in dieser Richtung nach, garniert von einem zwanzig Seiten starken Booklet samt Linernotes. Wer alle fünf Scheiben bereits in irgendeiner Form zu Hause hat, kann getrost zur nächsten Rezi weiterblättern. Es gibt nichts Neues zu erzählen. Devildriver brillieren auf allen Werken mit feistem Riffing, griffigen Melodielinien und fettem Groove, aber das Songwritingniveau schwankt mitunter: THE FURY OF OUR MAKER’S HAND (2005) steht über THE LAST KIND WORDS (2007), gefolgt von DEVILDRIVER (2003), PRAY FOR VILLAINS (2009) und BEAST (2011). Darauf sind schon brutale Metal-Schätze enthalten, sofern man Fan von giftigem Riffing ist. Klar ist auch: Aufgrund des fetten (aber eindimensionalen) Gesangsstils von Fafara kann man sich an dieser Box leicht satthören. Für Ultra-Fans ist das ohnehin nichts. Eher für neugierige Gitarrenenthusiasten, die wissen wollen , wie man saugeile Riffs in Serie rauspumpt.

MATTHIAS WECKMANN

CLEANBREAK

Coming Home Hard Rock 5

FRONTIERS/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Typischer als Cleanbreak könnte eine neue Veröffentlichung des italienischen AOR/Mainstream-Labels Frontiers kaum sein. Die All-Star-Besetzung mit Sänger James Durbin (ehemals Quiet Riot), den Stryper-Musikern Robert Sweet (Schlagzeug) und Perry Richardson (Bass) sowie dem Riot V-Gitarristen Mike Flyntz passt zum Wust gezielt initiierter Projekte, die wie Testballons in den blauen (Hard Rock-)Himmel über Neapel freigelassen werden. Ebenso kennzeichnend für das Konzept: Mit Giancarlo Floridia von den Power-Metallern Faithsedge wurde ein (italienischer) Songwriter zur Verstärkung hinzugezogen. Das Resultat nennt sich COMING HOME und liefert die zu erwartende Mischung aus mehr oder minder harten Rock-Songs, die gesanglich an glorreiche Firehouse-/ Hardline-Zeiten erinnern und ausnahmslos in hymnischen Refrains kulminieren. Kompositorisch gibt’s hier nichts zu kritteln, handwerklich schon mal gar nicht. Was allerdings die Originalität betrifft: Angesichts der Flut derartiger Frontiers-Veröffentlichungen entsteht der Eindruck von Massenware. Doch dafür können Durbin & Co. nichts.

MATTHIAS MINEUR

DEAD TIRED

Satan Will Follow You Home Hardcore-Punk 4,5

NEW DAMAGE/MEMBRAN (10 Songs / VÖ: erschienen)

Zwei Platten so gut wie zeitgleich am Start zu haben, muss man erst einmal hinkriegen. George Pettit hat das kürzlich einfach mal gemacht: Ende Juni erschien mit OTHERNESS das vorzügliche fünfte Werk seiner Haupt-Band Alexisonfire, rund zwei Wochen später legte der Schreihals mit Dead Tired Studioalbum Nummer drei nach. Das ungestüme, rumpelige SATAN WILL FOLLOW YOU HOME fühlt sich an wie ein Treffer mit einer Bratpfanne. Stumpf ist nicht selten Trumpf – so auch hier. Das Quintett aus Hamilton rifft sich vornehmlich rastlos-ungeduldig wie in den zum Schwofen einladenden Punk-Brechern ‘Breakfast Of Participants’ und ‘New World Pigs’, mal schleppend-aufwühlend wie in den deprimierenden ‘Vast Lethality’ und ‘Creeping Dread’ durch Power-Chords und schräge Gitarrenklänge. Als großes Plus kommen die angenehm beunruhigenden Song- sowie der Albumtitel daher. Vom Schlimmsten auszugehen, war schon immer die beste Verfahrensweise.

LOTHAR GERBER

PLAYLISTS

LOTHAR GERBER

1. The Halo Effect DAYS OF THE LOST

2. Undertow BIPOLAR

3. My Sleeping Karma ATMA

Enttäuschung: Amon Amarth

Überraschung: Subunguales Hämatom

Vorfreude auf: Festivals

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Metallica MASTER OF PUPPETS

ROBERT MÜLLER

1. Psycroptic DIVINE COUNCIL

2. Ashenspire HOSTILE ARCHITECTURE

3. Altars ASCETIC REFLECTION

Enttäuschung: Oceans Of Slumber

Überraschung: Wake

Vorfreude auf: Behemoth

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Slayer REIGN IN BLOOD

MATTHIAS MINEUR

1. ZZ Top RAW

2. H.E.A.T. FORCE MAJEURE

3. Sinner BROTHERHOOD

Enttäuschung: Vomit Forth – nur partiell als Musik zu identifizieren.

Überraschung: True North

Vorfreude auf: Das neue Album von Stratovarius.

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

AC/DC BACK IN BLACK

FLORIAN KRAPP

1. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

2. Spite DEDICATION TO FLESH

3. Undertow BIPOLAR

Enttäuschung: Hollywood Undead

Überraschung: Toxik, The Halo Effect

Vorfreude auf: Electric Callboy

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Slayer REIGN IN BLOOD

MARC HALUPCZOK

1. Toxik DIS MORTA

2. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

3. Protector EXCESSIVE OUTBURST OF DEPRAVITY

Enttäuschung: Tungsten

Überraschung: Maul

Vorfreude auf: Tyler Leads

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Welcher Tropfen Wasser ist der wichtigste in einem Meer?

FLORIAN BLUMANN

1. Soulfly TOTEM

2. Amon Amarth THE GREAT HEATHEN ARMY

3. The Halo Effect DAYS OF THE LOST

Enttäuschung: Amon Amarth – nicht der erhoffte Kracher.

Überraschung: Soulfly TOTEM

Vorfreude auf: Blind Guardian THE GOD MACHINE

Das wichtigste Metal-Album der Achtziger:

Iron Maiden THE NUMBER OF THE BEAST

DEATHBRINGER

It Death Metal 4

UNIQUE LEADER/MEMBRAN (15 Songs / VÖ: erschienen)

Das zweite Album der Belarussen Deathbringer handelt von einem formund namenlosen Wesen, welches schon vor der Entstehung des Universums existierte. An welchen berühmten Roman eines gewissen Herrn King dies wohl erinnert? Die Idee für das Konzeptalbum stammt von Lead-Gitarrist Artyom Serdyuk, welcher zudem als Songwriter fungiert. Sein vertracktes Spiel an der Klampfe ist das Aushängeschild der Truppe: Seien es mitreißende Riffs in ‘Per Aspera’ oder verspielte Harmonien in ‘A Place To Exist’ – meist sind sie derart verfremdet, dass sich die Gitarre als Instrument nur noch erahnen lässt. Diese Experimente klingen oft so interessant, dass man immer wieder zu den Passagen des Masterminds zurückspult. Die Lawine von technischer Finesse und dröhnender Death-Sound-Wand wird nach zwei bis drei Songs immer wieder durch gelungene instrumentale Einschübe aufgedröselt. Die Folgestücke nehmen zumeist die Strukturen der orchestralen Vorgänger auf. Der Instrumental-Opener ‘Delta’ geht beispielsweise ruhig los, damit ‘Frozen Beliefs’ besser wirken kann. Das Leise/ Laut-Prinzip in bester Manier. Leider stört das Dauergegröle von Piotr Jablonski, denn sein Gesang ist meist nur solide Genre-Kost. IT ist keine Neuentdeckung des Tech Death, doch ein gelungenes Zweitwerk mit einigen Höhen.

FLORIAN BLUMANN

ENCHANTMENT

Cold Soul Embrace Death Doom 4,5

COSMIC KEY (8 Songs / VÖ: erschienen)

Dass Bands ein Weilchen brauchen, um ihrem Debüt einen würdigen Nachfolger zu bieten, ist keine Seltenheit – im Fall von Enchantment hat es satte 28 Jahre gedauert. Geschrieben wurde das Material von COLD SOUL EMBRACE bereits in den Jahren 1994 und 1995 kurz vor ihrer Auflösung, allerdings kam es damals nicht zur Aufnahme. Nach Reissues des Debüts DANCE THE MARBLE NAKED kam schließlich die Reunion – und damit auch die Fertigstellung ihres Zweitwerks. Das Ergebnis ist gut produziert, wurde nicht unnötig aufpoliert, sondern klingt authentisch nach dem Sound der britischen Death-Doom-Szene der frühen Neunziger, welche uns Bands wie Paradise Lost oder My Dying Bride geschenkt hat und aus der auch Enchantment stammen. Vom Opener ‘As Greed As The Eye Beholds’ mit seinem schleppenden Instrumental-Intro über das von saftigen Lead-Gitarren getragene ‘Painting Amongst The Feathers’ bis hin zum zwischen Akustikgitarren und Geballer mäandernden Outro ‘One Jump Of The Sun’ fahren Enchantment eine stilistische Mischung auf, die verschiedenste Elemente harmonisch in einen gemeinsamen dynamischen Klangkontext einbettet. Hoffen wir, dass es bis zum dritten Album weniger lang dauert.

KONSTANTIN MICHAELY

Platz 2

THE HALO EFFECT

Days Of The Lost Melodic Death Metal 6

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 12.8.)

Das Ehemaligentreffen, auf das die Metal-Welt gewartet hat: Jeder in dieser Band hat eine In Flames-Vergangenheit, wobei die von Sänger Mikael Stanne am weitesten zurückliegt, die von Gitarrist Niclas Engelin kaum abgeschlossen ist und Jesper Strömblad der größte Einfluss auf die Melodic Death Metal-Miterfinder nachgesagt wird. Vervollständigt durch Bassist Peter Iwers und Schlagzeuger Daniel Svensson machen es The Halo Effect sich und uns exakt in der stilistischen Mitte zwischen Dark Tranquillity und frühen In Flames gemütlich. Die Waage neigt sich dabei leicht hin zu Stannes Stammformation – insbesondere angesichts der oft melancholisch gefärbten Refrains (‘The Needless End’), die teils mit dessen traumwandlerischem Klargesang daherkommen (‘In Broken Trust’). Doch werden die Leitmotive, Schubkräfte und Riffs von Stücken wie ‘Days Of The Lost’ oder ‘Feel What I Believe’ Anhänger von In Flames-Alben wie WHORACLE (1997), COLONY (1999) oder CLAYMAN (2000) Tränen der Freude in die Augen treiben. Beispielsweise scheut sich ‘Conditional’ nicht vor Anklängen an spätere, moderner tönende Alben wie SOUNDS OF A PLAYGROUND FADING (2011) (und glänzt darüber hinaus mit einem besonders packenden Refrain). Ohnehin verkommt DAYS OF THE LOST nie zur reinen Retro-Show, da hörbar der Spaß an Trademark-Sound und treffsicheren Songs im Vordergrund steht. Grundlegend Neues ist auf dem Debüt von The Halo Effect also nicht zu erwarten; dafür wohliges Jahrtausendwechsel-Feeling. Und womöglich ist das (obwohl früher gewiss nicht alles besser war) genau das, was wir im Moment brauchen.

SEBASTIAN KESSLER

Platz 10

HAMMER KING

Kingdemonium Heavy Metal 5

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: 19.8.)

Muss man sich Sorgen machen? Erstmals kommt der Hammer in keinem der neuen Song-Titel vor, und auch die Reiter auf dem Cover schwingen schnöde Schwerter. Dafür bringt es der König auf vier Erwähnungen, und die zehn Stücke von KINGDEMONIUM unterstreichen, dass das Quartett das Hämmern nicht verlernt hat. Kaum mehr als ein Jahr nach dem Band-betitelten Vorgänger setzen sie den darauf beschrittenen Weg fort: Die knackigen Heavy- und Power Metal-Nummern strotzen vor Melodien, die reinfließen, um wieder rausgegrölt zu werden, galoppierenden Rhythmen, kraftvollen Männerchören und feurigen Riffs und Soli. Dabei kommt die deutsche Truppe weniger kauzig daher als auf ihren früheren Alben, doch der Hammer schlägt trotz Politur unverändert kraftvoll und nachhaltig zu. Einzig mit ‘Live Long, Die Nasty’ bewegen sich Hammer King auf dem schmalen Grat zwischen perfektem Livesong und anbiedernder Eingängigkeit; doch die Welt ist im Hammer-Königreich schnell wieder in Ordnung, wenn sie bei ‘The 7th Of The 7th King’ ihr Talent für das Episch-Hymnische ausspielen, mit ‘We Shall Rise’ und ‘The Four Horsemen’ das Gefühl früher Manowar und Warlord wiederbeleben, in ‘Pariah Is My Name’ heftige Riffs sprechen lassen oder sich in ‘Guardians Of The Realm’ als perfekte Mischung aus Hammerfall und mittelalten Blind Guardian anbieten. KINGDEMONIUM macht Spaß, ohne in allzu platte Albernheiten zu verfallen.

SEBASTIAN KESSLER

Platz 19

HATRIOT

The Vale Of Shadows Thrash Metal 5

MASSACRE/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: 22.7.)

Mit dem letzten Album FROM DAYS UNTO DARKNESS (2019) haben sich die beiden Souza-Kids Cody und Nick vom übermächtigen Schatten ihres Vaters (Exodus-Sänger Steve) befreien können und wuppen den Laden mittlerweile mit zwei gleichaltrigen Kollegen. Kein Problem, Codys Stimme klingt der seines alten Herrn sowieso zum Verwechseln ähnlich. Davon abgesehen überzeugt aber auch THE VALE OF SHADOWS – wie schon sein Vorgänger – durch Abwechslung. Statt durchgehend stumpfem Riff-Gehacke verirren sich auch immer wieder Melodien in den musikalischen Tornado. So beim Opener ‘Horns & Halos’ oder im an sich knüppelharten ‘Forceful Balance’, das durch ein gelungenes Solo aufgelockert wird. Auch der Wechselgesang zwischen fiesem Gekeife und Gegrunze hat sich bewährt und verleiht den Nummern eine ganz eigene Dynamik. Damit klingen Hatriot weder angestaubt noch zu modern (einzig die Produktion erinnert deutlich an 2022), sondern fabrizieren zeitlosen Thrash Metal, der nach mehr schreit. Als Anspieltipp sei das rasend schnelle Titelstück genannt, das jeden Nackenmuskel zum Knacken bringt.

MARC HALUPCZOK

Platz 13

H.E.A.T.

Force Majeure Hard Rock 4

EAR/EDEL (11 Songs / VÖ: 5.8.)

15 Jahre nach ihrer Gründung sind die Schweden H.E.A.T. wieder in dezent dezimierter (Zweitgitarrist Eric Rivers fehlt) Originalbesetzung unterwegs. Stilistisch bilden sowohl Europe (Leckremos stimmliche Nähe zu Joey Tempest ist nicht zu verleugnen) als auch teilweise Tyketto die Vorbilder des Quartetts, wobei die Refrains leider trotz aller handwerklich evidenter Stärke eine Schwachstelle der Schweden bleiben. Ausnahmen bilden die Bombastballade ‘One Of Us’ und das wirklich hervorra- gende ‘Hold Your Fire’, welches als einziger Song des Albums die hochmelodischen Qualitätsstandards eines OUT OF THIS WORLD tatsächlich zu erreichen vermag. Ansonsten verlassen sich H.E.A.T. in Sachen Kehrverskunst leider zu oft auf in Richtung Power Metal-Schemata schielende, tumbe Repetitionen oder schrappen wie in ‘Paramount’ nur haarscharf am Grand Prix Eurovision de la Chanson-Siebziger-Schlagerprogramm vorbei. Da hilft es auch nicht groß, dass man beim anschließenden ‘Demon Eyes’ Härte- und Tempofaktor wieder in Iron Maiden-Nähe verschiebt und mit Etüdensolo zu glänzen versucht. Womit alle Hoffnung auf den Schultern des nach seiner Zeit mit H.E.A.T. zum neuen Skid Row-Frontmann mutierten Erik Grönwall liegt, dass aus dem Split wenigstens eine gute Sache hervorgeht.

FRANK THIESSIES

Platz 29

HOLLYWOOD UNDEAD

Hotel Kalifornia Nu Metal 1,5

BMG (14 Songs / VÖ: 12.8.)

Bei aller Toleranz für Genre-Vermischung sowie Liebe für das Nu Metal-Zeitalter: Es gibt Grenzen. Hollywood Undead haben mit ihrer Gründung im Jahr 2005 doch eigentlich noch die letzten guten Platten des Genres mitbekommen? Auch wenn die Rap-Einschübe von Jorel „J-Dog“ Decker schon ab Sekunde eins stören, die harten Momente im Opener ‘Chaos’ sind noch hörbar. Im Folgestück ‘World War Me’ werden die kraftvollen Gitarren-Passagen einem besonders radiofreundlichen und langweiligen Pop im ersten Teil vorgezogen. Der Finger wandert bereits hier zur Skip-Taste. Doch mit ‘Ruin My Life’ schießen die fünf Herren aus dem „Sunshine State“ den Vogel ab: Schlimmste Electronic Dance Music samt gestretchtem und mit Autotune versehenem Gesang. Das ist vielleicht noch für schmerzfreie Fans von The Black Eyed Peas ertragbar. Selbst die passablen Riffs drei Nummern weiter in ‘Alone At The Top’ können das Ruder nicht rumreißen. Hollywood Undead steuern konsequent in Richtung Abgrund der austauschbaren Pop-Hölle. Nun gut, ihre Art des Nu oder Alternative Metal war schon immer recht Rap-lastig, und ihren Stil führen sie auch auf ihrer achten Platte weiter. In der Vergangenheit gab es zwar immer wieder akzeptable Ohrwürmer, doch die müssen jetzt furchtbaren EDM-Einlagen weichen.

FLORIAN BLUMANN

IMPERIAL TRIUMPHANT

Spirit Of Ecstasy Black Metal 5

CENTURY MEDIA/SONY (8 Songs / VÖ: 22.7.)

Dinge, die nicht passieren werden: Jemand brüllt nach ’nem Bier und der neuen Imperial Triumphant zum „ordentlich abrocken“. Dinge, die passieren können: Ein Schrei hier und da beim Bewusstwerden, dass dieser irre vertaktete, Metal-Instrumente und Jazz-Tröten an den Rand der Verzweiflung treibende „Geist der Ekstase“ tatsächlich Gehirnwindungen pulverisieren kann. Das Kaleidoskop-artige vom Vorgänger ALPHAVILLE hat sich das neue Album bewahrt, aber die gleißende Metropolen-Ästhetik bekommt eine spürbarere, organische „Würgekraft“, in Ermangelung eines besseren Worts: Kenny Grohowkis Trommelspiel ist weiter von HAMMERHEART-Stoik entfernt als je zuvor und trügerisch wie ein Untergrund aus Schotter, was das instinktive Zurückschrecken vor den oft an Portal erinnernden Tentakel-Riffs tückisch macht. Bleibt so beeindruckend wie benutzerunfreundlich, denn von der Idee des „Songs“ sind Imperial Triumphant nach VILE LUXURY jetzt wohl endgültig abgewichen.

ROBERT MÜLLER

JOURNEY

Freedom Melodic Rock 5

FRONTIERS/SOULFOOD (15 Songs / VÖ: erschienen)

Der herausforderndste Aspekt beim Verfassen dieser Kritik ist vermutlich, die verwirrende Personalsituation dieser Platte aufzudröseln. So gibt Schlagzeuger und Co-Produzent Narada Michael Walden hierauf seinen Einstand und hat man mit RAISED BY RADIO-Bassist Randy Jackson sogar einen Rückkehrer vorzuweisen – jedoch sind beide inzwischen auch schon nicht mehr Teil der Band. Dafür sitzt Deen Castronovo wieder fest am Schlagzeug, der auf dem Album zudem den Lead-Gesang des nach Art von Richard Marx zartschmelzenden ‘After Glow’ beisteuern durfte. Und damit in medias res: Das dritte Werk mit dem jetzt auch schon seit 14 Jahren zur Band gehörenden, exzellenten Steve Perry-Ersatzsänger Arnel Pineda ist der Hit-Hattrick für das philippinische Vokaltalent sowie die beiden verbliebenen Journey-Recken und -Song-Schreiber Neal Schon (Gitarre) und Keyboarder Jonathan Cain. Von ‘Don’t Give Up On Us’, das ‘Separate Ways (Worlds Apart)’-Vibes mit einem Motown-Twist inszeniert oder Instant-AOR-Granaten wie ‘Don’t Go’ über ein bis zwei überraschend kantige Songs wie den progressiv-angehauchten Hard Rock-Blues ‘Let It Rain’ bis hin zu dem von 17 auf sieben Minuten gekürzten Knopfochtränenballadenfinale ‘Beautiful As You Are’ kommen bekennende wie anonyme Melodiker definitiv auf ihre Kosten.

FRANK THIESSIES

KNEIPEN-TERRORISTEN

Hart-Zart-Unverzerrt Deutsch-Rock 2,5

REMEDY/SOULFOOD (17 Songs / VÖ: erschienen)

Komm, wir schaffen das. Egal, wie eklig der Fusel schmeckt, wir kriegen den schon leer. Da halten wir zusammen, es nützt ja auch nix! Also nicht lang schnacken, Kopp in’ Nacken. So etwa lässt sich HART-ZART-UNVERZERRT zusammenfassen. Äußerst originelle Texte, die natürlich gar nicht klischeehaft sind, werden (im doppelten Sinne) aus vollster Kehle gegrölt. Statt des rotzig verzerrten Deutsch-Rock wird das Ganze „unplugged“ gespielt, heißt: keine verzerrte Gitarre, sondern Akustik. Der Rest bleibt im Grunde gleich. In dieser Form haben die Kneipengänger überwiegend alte, aber auch ein paar neue Songs aufgenommen. Den besagten inhaltlichen Schwerpunkt findet man dabei bereits in den Titeln wieder: ‘Prost!’, ‘Mein letztes Bier’ oder ‘Holstenfetischisten’ lauten die offensichtlicheren unter ihnen. Aber auch hinter Stücken wie ‘Wir schaffen das’, die ihre Themen zunächst offener halten mögen, lauert im Grunde ein und derselbe Kern, von dem bloß mit Ausnahmen wie ‘Ring um die Eier’ abgewichen wird. Das macht das Ganze zwar berechenbar, aber wichtiger ist die musikalische Umsetzung – wenn die stimmt, kann man über vieles hinwegsehen. Leider verlassen sich die Burschen hierbei nach wie vor ganz auf die Machart der Onkelz, die schon vielfach durchgekaut ist. Die Sache mit dem Unplugged-Album bringt zwar ein wenig Varianz ein, aber ist die Akustikgitarre wirklich das einzige Stilmittel dafür?

RAPHAEL SIEMS

Platz 16

KRISIUN

Mortem Solis Death Metal 5

CENTURY MEDIA/SONY (10 Songs / VÖ: 29.7.)

Krisiun, gegründet Anfang der Neunziger, gelten als eine der bekanntesten und langlebigsten Extrem-Bands Brasiliens. Die drei Brüder gehen fokussiert und absolut leidenschaftlich zu Werke und legen mit MORTEM SOLIS ein weiteres starkes Album vor. Auf ihrer zwölften Errungenschaft zockt die Truppe ihren mit Thrash-Akzenten versehenen Death Metal schön rasant und angriffslustig, ficht irre Riff-Läufe sowie packende Melodien ein und fährt trotz des technischen Anspruchs über weite Strecken eingängig in den Nacken (‘Tomb Of The Nameless’ oder ‘War Blood Hammer’). Etwa in der Mitte des 40-Minüters erfolgt das atmosphärische Intermezzo ‘Dawn Sun Carnage’, ansonsten unterbricht (außer den eigenen Haken und Tempowechseln) nichts die derbe Versohlung, die das Trio hier anbietet. Wer Kritik üben will, führt den auf Langstrecke tendenziell etwas monotonen Grundklang an – davon abgesehen lässt sich MORTEM SOLIS Fans von knüppelndem Death Metal mit Headbang-Garantie vorbehaltlos nahelegen.

KATRIN RIEDL

Platz 24

LESSMANN/VOSS

Rock Is Our Religion Hard Rock 4

ATOMIC FIRE/WARNER (12 Songs / VÖ: 22.7.)

ROCK IS OUR RELIGION ist nicht nur die Antwort, die man von den meisten Mitarbeitern dieses Magazins bekommen würde, wenn man sie nach ihrer Konfession fragen würde, sondern auch der Titel des Erstlings einer neuen Supergroup. Oder, besser gesagt: eines neuen Superduos. Claus Lessmann, ehemaliger Bonfire-Sänger und Vertreter schwieriger nationalistischer Meinungen sowie Michael Voss, Ex-Sänger von Mad Max, vereinigen sich unter ihren eigenen Namen und verschreiben sich dem guten, alten Hard Rock. Wobei das „gut“ etwas auf sich warten lässt – der Albumauftakt ‘Medicine Man’ ist mit seinem Pseudo-Indianergesang und den unkreativen Haus-Maus-Reimen eher noch peinlich. In klassischer Grower-Manier wird ab da alles nur noch besser: ‘Smoke Without A Fire’ hat mit der eingängigen Boston-Gitarrenarbeit und der ewig hängenbleibenden Hook Hit-Potenzial. Zwar vor Kitsch nur so triefend, aber irgendwie gut. Und so lässt sich im Prinzip auch der Rest der Platte beschreiben. Zuckersüße Melodien, die schon mit einem Fuß im Pop Rock stehen. Aber dank einiger fetziger Soli und ein paar knackigen Blues-Riffs wie dem in ‘Something Is Better Than Nothing’ bleibt ROCK IS OUR RELIGION stets fest im Hard Rock verwurzelt. Einen echten Gehörgangsschmeichler liefern die beiden Musiker am Ende: Das America-Cover ‘Sister Golden Hair’ ist mit seiner Pedal-Steel-Gitarre der perfekte Soundtrack für ein sommerliches Feierabendbier.

SIMON LUDWIG

THE LORD

Forest Nocturne Avantgarde/Horror Metal 4

SOUTHERN LORD/CARGO (8 Songs / VÖ: 29.7.)

Ein bisschen wie Carpenter Brut in ernst, oder ‘The Fog – Nebel des Grauens’ in endlosen Gitarrenschleifen: Greg Anderson alias The Lord (beziehungsweise der Große Bartwichtel von Sunn O)))) hat sich und seinem Label zum Record Store Day eine Freude gemacht und einen Horrorsoundtrack geschaffen – zu einem Film, der mit jedem Hören frisch in deinem Kopf entsteht. Die Hommage an Genre-Klassiker wie Regisseur John Carpenter und den ‘Psycho’-Komponisten Bernard Herrmann liegt (bei Titeln wie ‘Church Of Herrmann’!) auf der Hand, aber man muss die Klassiker nicht zwingend parat haben, um Gregs atmosphärischer FOREST NOCTURNE etwas abzugewinnen. Bei ‘Lefthand Lullaby I & II’ kommt das Grauen von Outer Space (oder aus dem Dschungel, have your pick), bei ‘Forest Wake’ sägen sich Sirenen in dein Hirn, und das ominöse ‘Deciduous’ dröhnt einfach dumpf dahin, als Horror-Filler oder Intro zum Sunn O)))esken ‘Old Growth’. Für das große Finale ‘Triumph Of The Oak’ mit Gastgrummler und -görbler Attila Csihar scheint Greg das Motiv von ‘Hunting & Gathering’ (von MONOLYTHS & DIMENSIONS) aufzugreifen und launig zu Black Metal zu zwirbeln. Erstaunlich eigentlich, dass jemand wie der allmächtige Lord – seit Mitte der Achtziger aktiv, seit den Neunzigern die Doomund Drone-Szene prägend und Chef des kultigen Southern Lord-Labels – erst jetzt ein komplettes Solowerk vorlegt, aber der Mann ist busy... Und Spaß machen soll’s ihm halt auch. Dass er dabei nicht alle mitnimmt? Geschenkt. Dass FOREST NOCTURNE derivativ ist? Auch. Ein gutes Pastiche bleibt ein gutes Pastiche.

MELANIE ASCHENBRENNER

AUS DEM PIT DIE NEUESTEN LIVE-ALBEN

EINHERJER Norse And Dangerous (Live... From The Land Of Legends) Viking Metal 5

NAPALM/UNIVERSAL (13 Songs / VÖ: 5.8.)

Nach neun Alben und ein paar Zerquetschten (Demos und EPs) kann man schon mal eine Live-Platte raushauen. Erst recht, wenn bei der Musik die Atmosphäre solch eine große Rolle spielt, wie es bei Einherjer der Fall ist. Bei den mitgeschnittenen Konzerten handelt es sich um die Releaseshows des letzten Albums NORTH STAR in Haugesund, der Heimatstadt der Norweger. Dass es auf genau diesen Konzerten aufgenommen wurde, bedeutet wiederum nicht, dass die aktuelle Platte den alleinigen Schwerpunkt der Set-Liste einnimmt. NORSE AND DANGEROUS ist vielmehr ein Querschnitt aus dem gesamten bisherigen Werk der Truppe. So findet sich der Titel-Song des Debütalbums von 1996, ‘Dragons Of The North’, ebenso darauf wie norwegischsprachige Stücke à la ‘Nidstong’ (von denen es auf die neueste Platte keine mehr geschafft haben), aber eben auch aktuellere Singles wie ‘The Blood And The Iron’). Insbesondere letzterer Song überzeugt auf der Live-Scheibe. Nicht nur, weil es ein derart dramatisches und tiefdunkles Stück ist, sondern auch durch die charakteristischen Eisenschläge, die bereits in der Studioversion die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Begleitet von Jubelschreien und eingebettet in den Hall der Konzertstätte, wirkt der Viking Metal nur vollendet. Eine schöne Platte, da sie die Konzertstimmung gut auffängt. Hoffentlich eine Überbrückung zum nächsten Studioalbum!

RAPHAEL SIEMS

TORCH

Live Fire Heavy Metal 4,5

METALVILLE/RTD (9 Songs / VÖ: 29.7.)

Der Titel trifft es gut. Denn der breite und zugleich authentische Livesound dieser Platte (samt der gut durchdringenden Jubel- und Mitsing-Parts) bringt die feurige Konzertstimmung direkt ins Wohnzimmer. Insbesondere bei dieser Art von Heavy Metal à la Judas Priest und Konsorten macht sich das gut und lässt sich schön übertragen. Ein Song wie ‘Warlock’ bietet sich geradezu dafür an, da er mit regelmäßigen Bassdrum-Schlägen im richtigen Tempo (gut zum Mitklatschen) die Nummer angemessen aufbaut, ehe es später zum Feuer entfachenden Gitarrensolo kommt. Man hört der Truppe ihre Lust und nach all den Jahren noch immer bestehende Energie deutlich an. Einziger Makel ist, dass etwas ins Auge sticht, wie sehr Torch noch in ihren Anfangstagen leben. Vom aktuellen Album REIGNITED (2020) hat es mit ‘Feed The Flame’ nur ein Song auf die Konzertscheibe geschafft. Zuvor hatten Torch 2009 einige ihrer Achtziger-Songs neu aufgenommen und dabei nur zwei aktuelle Stücke hinzugefügt. Der nächste Schritt in die Vergangenheit ist ein großer Sprung über viele Jahre Funkstille, zurück in besagtes Jahrzehnt. Dabei haben sie doch bewiesen, dass sie es noch immer können. ‘Feed The Flame’ steht der Live-Platte jedenfalls genauso gut wie alle anderen Songs – trotzdem ein schönes Ding, das sich lohnt!

RAPHAEL SIEMS

Platz 24

THE MACHINIST

All Is Not Well Extreme Metal 5

PROSTHETIC/CARGO (9 Songs / VÖ: erschienen)

New York, Stadt der Extreme. Da ist es doch nicht verwunderlich, dass die Metropole auch extreme Klänge wie die von The Machinist hervorbringt. ALL IS NOT WELL ist nach CONFIDIMUS IN MORTE (2019) das zweite Album der New Yorker und dürfte das Trio endgültig nach oben befördern. Was zunächst wirklich nur für Fans der ganz besonders harten Gangart zu sein scheint, entpuppt sich beim zweiten Hören als durchaus melodisch – sogar zart, ohne dabei an Wumms zu verlieren. Bestes Beispiel hierfür ist ‘Hourglass’: Frontfrau Amanda Gjelaj packt in die sanften Vocals ebenso viel Kraft wie in ihre Screams und Growls. Derlei Momente sind auf ALL IS NOT WELL jedoch relativ rar gesät. Meistens geht es ordentlich zur Sache – nicht nur stimmlich. Auch die Gitarrenarbeit von Josh Gomez und Steve Ciorciaris Getrommel schießen gut nach vorne. Die Titelnummer und erste Single-Auskopplung steht quasi exemplarisch für das gesamte Album. Lyrisch werden besonders die letzten beiden Jahre verarbeitet: Isolation, Gewalt, aufhetzerische Politik und polizeiliche Brutalität (‘PIG’) stehen im Vordergrund. In Sachen Produktion gab es Unterstützung von Daniel „DL“ Laskiewicz (Bad Wolves) und Ricky Armellino (Ice Nine Kills). Zu hören sind beide übrigens nicht. Das tut auch überhaupt nicht not! Scharfe Riffs, aggressive Drums, gekonnte Breakdowns, eingängig-geharnischte Vocals und zuletzt noch ein Spritzer Moderne – ALL IS NOT WELL kann und sollte durchaus für sich selbst sprechen.

HEIDI SKROBANSKI

Platz 19

MAUL

Seraphic Punishment Death Metal 4

REDEFINING DARKNESS (10 Songs / VÖ: erschienen)

Warum nicht mal das Pferd von hinten aufzäumen? Nach einer ganzen Latte Demos, Splits, EPs sowie sogar einem Live-Album bringen die aus Fargo, North Dakota stammenden Maul nun ihr Debüt auf den Markt – Fans der Band dürften einige der darauf enthaltenen Stücke bereits kennen. Der kernige, von Garrett Alvarados urwüchsigen Growls und hohen Screams geprägte Death Metal des Quintetts kriecht stellenweise schwer dahin (‘Of Human Frailty’ nach dem packenden Einstieg; ‘Monarchy Of Mold’), birgt in seinen besten Momenten jedoch eine ordentliche Portion groovenden Schwung, dessen Wucht zum Mitnicken einlädt. Dies gilt insbesondere für den Titel-Track, ‘Buried In Resin’, den ballernd-riffenden Anspieltipp ‘Infatuation’ sowie ‘Repulsive Intruder’, in dem Maul Unterstützung von Aaron Dudgeon (Phobophilic) erhalten. Das nach dem Intermezzo ‘Invocations’ platzierte ‘Oracular Burial Grounds’ enthält zudem ein kulissenartiges Ende, während ‘Carrion Totem’ mit einer gesprochenen Passage schließt. SERAPHIC PUNISHMENT erlaubt einen interessanten Einblick in Mauls Schaffen und resümiert die offenkundigen Stärken wie Schwächen der Gruppe in Studioqualität und Albumlänge.

KATRIN RIEDL

Platz 6

MY SLEEPING KARMA

Atma Psychedelic Rock 5

NAPALM/UNIVERSAL (6 Songs / VÖ: 29.7.)

Dass das mittlerweile sechste Studioalbum der Aschaffenburger nun doch noch das Licht der Welt erblickt, darf durchaus als kleine Sensation gewertet werden. Bereits 2017 – zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Vorgängers MOKSHA – hat das Quartett mit den Arbeiten an ATMA begonnen, was so viel wie absolutes Selbst, unzerstörbare ewige Essenz des Geistes oder Seele bedeutet. Der Kern von My Sleeping Karma zerbrach anschließend jedoch fast – zum einen an einer Krankheit mit ungewissem Ende, zum anderen an Existenzängsten. Doch die Band überwand alle Hindernisse und präsentiert nun neues Instrumentalmaterial, das so beruhigend dahinmäandert, mal hierhin, mal dorthin wogt, dass man sich wünscht, die Ampelkoalition käme hinsichtlich der Legalisierung eines gewissen Krauts endlich mal zu Potte. Die Nordbayern servieren puren Gefühls-Rock, der durchaus fordert. Ein kurzes Reinhören reicht hier nicht – was sowieso klar sein sollte. Doch Monster-Tracks wie ‘Prema’, ‘Avatara’ und ‘Pralaya’ wachsen mit jedem Durchlauf. Danke fürs Weitermachen!

LOTHAR GERBER

NEBULA

Transmission From Mothership Earth Stoner Rock 5

HEAVY PSYCH/CARGO (8 Songs / VÖ: 22.7.)

Seit einer gefühlten Ewigkeit ist Sänger/Gitarrist Eddie Glass der einzig verbleibende Fixstern jener Band, die er mit Schlagzeuger Ruben Romano als Fu Manchu-Abtrünnige im Jahr 1997 gegründet hatte. An der musikalischen Vision und Mission von Nebula haben Personalwechsel jedoch keineswegs gerüttelt. Immer noch fest im stilistischen Dreigestirn von Stoner, Psychedelic und Space Rock verortet, klingt TRANSMISSION FROM MO- THERSHIP EARTH wie eine Zeitkapsel ultimativer Kiffer-Coolness. Mit Nummern, die wie Song-gewordene Roger Corman-Filmposter anmuten, Monster Magnet-Anklängen sowie allerhand, dem Trip-Totalitarismus in die Hände spielenden, durch das Stereobild irrlichternden Sound-Effekten, nimmt einen das Trio mit auf eine Klangreise, die keinesfalls von kargen Wüstenbildern, sondern kaleidoskophaftem Farbflimmern geprägt ist und jegliches Bongwasser zum Blubbern bringen dürfte. Bei Nebula verdienen Songs noch Titel wie ‘Melt Your Head’ oder ‘I Got So High’ (fast ein Supersuckers-Fehdehandschuhwurf in Zeitlupe) und darf wie im finalen ‘The Four Horseman’ (sic!) mit Morricone-Western-Konventionen gespielt werden, die in diesem Kontext zwangsläufig eine Kiste Mezcal und mindestens einen roten 1969er-Ford Mustang evozieren.

FRANK THIESSIES

Platz 21

NICOLAS CAGE FIGHTER

The Bones That Grew From Pain Hardcore 5,5

METAL BLADE/SONY (10 Songs / VÖ: 22.7.)

Zugegeben: Die Australier Nicolas Cage Fighter gewinnen schon durch ihren großartigen, an den oft unterbewerteten Schauspieler (‘Mandy’) angelehnten Band-Namen. Immerhin wurde Cage aufgrund der musikalischen Vorlieben seines Sohns Weston Coppola auch schon eine Nähe zum Metal angedichtet. Was soll da noch folgen? Thy Art Is Udo Kier? Rage Against The Manfred Mann? Egal, wichtig ist, dass Nicolas Cage Fighter sonst nicht von Gimmicks leben, sondern einem genial treibenden Sound zwischen Hardcore und Thrash beziehungsweise Death Metal, der eben nicht die üblichen Klischees bedient. Er ist dank seiner brutalen Vokills härter als traditioneller Hardcore, dank seiner groovigen Grundausrichtung tanzbarer als klassischer Metal, aber eben auch nicht der oft negativ konnotierte Deathcore, der sich nur von Breakdown zu Breakdown hangelt, oder mit wuchernd eingeflochtener, flächig-dystopischer Atmosphäre an modernen Black Metal anbiedert. Dabei sind die Jungs sowohl produktions- als auch spieltechnisch auf der Höhe der Zeit, was sie von anderen Bands abhebt, die traditioneller bleiben wollen oder sich bewusst auf 16:9-Breitwand-Sound spezialisieren. Nicolas Cage Fighter aus Ballarat machen auf ihrem Debüt THE BONES THAT GREW FROM PAIN unglaublich viel richtig und sind seit einer gefühlten Ewigkeit der stimmigste Spagat zwischen Hardcore-Spirit und Death/Thrash-Finesse – jetzt fehlt nur noch ein Hit für die Ewigkeit. Wer Bands wie Terror, Get The Shot, Merauder oder Thy Art Is Murder mag, findet mit Nicolas Cage Fighter ein neues Highlight. Aber, Vorsicht: Bitte die Nackenmuskulatur vor dem Genuss von THE BONES THAT GREW FROM PAIN aufwärmen, denn Nicolas Cage Fighter übernehmen keine Haftung für Folgeschäden.

THOMAS STRATER

Platz 3

OCEANS OF SLUMBER

Starlight And Ash Rock 4

CENTURY MEDIA/SONY (11 Songs / VÖ: 22.7.)

Progressive Metal, Alternative Metal, „New Southern Gothic“ – auch nach über einer Dekade und vier Alben lassen sich Oceans Of Slumber kaum einer Kategorie zuordnen. Daran möchte STARLIGHT AND ASH nichts ändern – warum auch? Schon das eröffnende ‘The Water Rising’ pendelt zwischen ‘Rocky IV’-Trainingsmontage, Kate Bush und The Gathering. Einige Schwerpunkte lassen sich im Folgenden dennoch ausmachen. Erstens: Oceans Of Slumber rücken Cammie Gilberts markante, durchdringende Stimme noch prominenter ins Rampenlicht. Zweitens: Ob theatralischer Stadion-Rock (‘Hearts Of Stone’), das mit Klavier, Streichern und einem Hauch ‘Take My Breath Away’ gespickte ‘Red Forest Roads’, das jazzig akzentuierte ‘The Hanging Tree’ oder das von Soul, Nick Cave und Bombast getragene ‘Salvation’ – die texanische Formation baut ein Gros ihrer Songs auf balladeskem Pop-/Rock-Boden. Gut für den Massenmarkt, ebnen die gefälligen Kompositionen sowie die perfekte Produktion doch den Weg zu hohen Chart-Positionen und großen Bühnen. Stahlherzen schlagen hingegen selten ernsthaft bis zum Hals – in der Regel nur, wenn die Band ihre metallischen (Doom-)Wurzeln ein wenig gefährlicher auf dem ‘Star Altar’ positioniert oder sich für ‘Just A Day’ (viel zu kurz) aus dem Midtempo-Korsett freistrampelt. Reinhören ist also vor einem etwaigen Kauf Pflicht, denn wie Oceans Of Slumbers Plattenfirma offen kommuniziert: „STARLIGHT AND ASH ist kein Metal – aber seine Ecken und Kanten sind es.“

DOMINIK WINTER

RYO OKUMOTO

The Myth Of The Mostrophus Progressive Rock 6

INSIDEOUT/SONY (6 Songs / VÖ: 29.7.)

Eines vorweg: Ryo Okumoto ist Keyboarder der amerikanischen Prog-Rocker Spock’s Beard und daher bestens vernetzt. Als er sich knapp zwanzig Jahre nach seinem bis dato letzten Soloalbum COMING THROUGH (2002) auf die Suche nach geeigneten Mitspielern für seine neueste Scheibe THE MYTH OF THE MOSTROPHUS machte, standen ihm offenkundig (fast) alle Türen offen. Und so hat sich tatsächlich eine illustre Schar namhafter Musiker zusammengefunden, unter ihnen die komplette Spock’s Beard-Besetzung, aber unter anderem auch Doug Wimbish (Living Colour), Steve Hackett oder Michael Sadler (ehemals Saga). Star der mehr als hundert Minuten Spielzeit ist dennoch weder Okumoto noch einer der erwähnten Gäste, sondern Sänger Michael Whiteman (I Am The Manic Whale), mit dessen Stimme sich Backöfen an Wüstennomaden verkaufen ließen. Will sagen: Man hört Whitemans warmen, einfühlsamen Melodien gerne zu und glaubt ihm jede emotionale Regung. Und so avancieren Okumoto und Whiteman zu den 2022er-„Glimmer Twins“ des Prog Rock, mit bisweilen monumentalen Songs (allein der Titel-Track ist 22 Minuten lang) und einer an Yes, frühen Genesis, Kansas oder Saga erinnernden Musik, wie sie reicher und farbenfroher kaum klingen könnte.

MATTHIAS MINEUR

PANZERFAUST

The Suns Of Perdition, Chapter III: The Astral Drain Black Metal 5

EISENWALD/EDEL (9 Songs / VÖ: erschienen)

Die Sonnen der Verdammnis scheinen auf dem dritten Teil der THE SUNS OF PERDITION-Tetralogie noch trostloser als auf WAR, HORRID WAR (2019) und RENDER UNTO EDEN (2020). Zum einen, weil die Menschheit 2022 einen großen Schritt näher am Abgrund steht. Zum anderen, weil Panzerfaust auf die (pandemie- und kriegsgenährte) Fehlentwicklung reagieren, indem sie nun auch die letzten Hoffnungsfunken aus ihrem Schaffen streichen. THE SUNS OF PERDITION, CHAP-TER III: THE ASTRAL DRAIN fühlt sich – wie seine Vorgänger – aufgrund einer konzeptbedingten Verschmelzung von Songs und Geräusch-/Instrumentalstücken weniger wie ein typisches Musikalbum, sondern mehr wie eine Filmvertonung an. Der Projektor in der Kopfkinonachtvorstellung wirft zermarternde, unheilvolle Bilder einer dahinsiechenden Welt auf die karg belichtete Leinwand – geprägt von Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und gelegentlichen Gefühlen des Aufbegehrens. Dass Letztere in dem rabenschwarzen Fiebertraum aus Black, Doom, Death und Post Metal sowie Post Punk (‘Death Drive Projections’) etwas seltener aufblitzen als zuvor, macht das Hörerlebnis umso intensiver. Denn obwohl die Kanadier in Kompositionen wie ‘The Far Bank At The River Styx’ aus ihrem vorwiegend auf mittleren Geschwindigkeiten errichteten Terrain fliehen, bleibt die Gewissheit der Sinnlosigkeit stets allgegenwärtig: Es gibt kein Zurück und erst recht keine Zukunft. Das Ende ist unausweichlich, die innere Rebellion gegen den Untergang eher natürlicher Reflex als Überzeugungstat.

DOMINIK WINTER

Platz 13

PERISH

The Decline Black Metal 4,5

SUPREME CHAOS/RED FLAME (6 Songs / VÖ: erschienen)

Perish sind eine recht neue Band, die sich aus deutschen Musikern zusammensetzt, die anderweitig bereits längere Zeit aktiv sind. Das Trio hat sich dem Black Metal skandinavischer Machart verschrieben, genauer gesagt jener Variante, welche in den Neunziger Jahren beliebt war. Das klingt natürlich heutzutage nicht neu, aber Perish vermögen es durchaus, THE DECLINE einen zeitlosen Vibe zu verpassen. Der Sound ist solide und zweckdienlich, klingt weder überproduziert noch undifferenziert. Die richtige Portion Hall, die Gitarren nicht zu wuchtig, aber auch nicht zu klirrend, und der Mix im Summenverhältnis sehr ausgewogen. Dass die auf Anonymität setzende Band bereits Erfahrung im Songwriting hat, merkt man THE DECLINE ebenfalls an. Bei nur sechs Songs immerhin 50 Minuten Spielzeit, und der letzte Song bringt es gar auf über zehn Minuten Länge, klingt aber alles andere als langweilig. Etwas Geduld schadet allerdings nicht, denn Perish lassen sich Zeit beim Song-Aufbau, streuen aber immer wieder memorable Melodien ein, was den Songs Eingängigkeit verleiht. Positiv hervorzuheben ist noch die stimmige Atmosphäre, denn THE DECLINE wirkt sehr organisch, als hätte die Band die Songs gewissermaßen aus dem Ärmel schütteln können. Mal sehen, was in Zukunft noch kommt.

MARTIN WICKLER

Platz 17

PROTECTOR

Excessive Outburst Of Depravity Thrash Metal 5

HIGH ROLLER/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Seit ihrem „Comeback“ im Jahr 2013 haben die ehemals in Wolfsburg und nun Stockholm ansässigen Thrasher Protector nicht ein misslungenes Album herausgebracht. Und auch EXCESSIVE OUTBURST OF DEPRAVITY reiht sich problemlos in die Reihe der Neoklassiker ein. Schon der Eröffnungsschlag ‘Last Stand Hill’ überzeugt mit einem Ohrwurm-Riff feinster Güte und zeigt der Konkurrenz, dass es auch abseits der großen vier deutschen Thrash-Ikonen einiges zu bewundern gibt. Die gnadenlose Nazi-Abrechnung ‘Referat IV B 4’ (im Volksmund auch als „Judenreferat“ bekannte Gestapo-Abteilung im Reichssicherheitshauptamt) entwickelt einen unglaublich finsteren Sog, und ‘Perpetual Blood Oath’ ist ein Riff-Monster vor dem Herrn. Auf dem gesamten Album findet sich nicht ein Aussetzer – es wird schmutzig gerifft, dass es eine wahre Freude ist. Kurzum: Wer zum Beispiel auf frühere Sodom steht und sich bisher noch nicht mit Protector auseinandergesetzt hat, sollte das schnellstens nachholen. Dieses Album ist ein gutes Argument dafür.

MARC HALUPCZOK

Platz 9

PSYCROPTIC

Divine Council Death Metal 5,5

PROSTHETIC/CARGO (9 Songs / VÖ: 5.8.)

War Schlagzeuger Dave Haley gerade erst mit seiner zweiten Band Werewolves hier vertreten, meldet sich der Australier nun mit seiner Haupt-Band Psycroptic zurück. Die bleibt sich treu und spielt eine Death Metal-Basis mit ebenso thrashigen wie progressiven und atmosphärischen Einschüben. Dabei ist die besondere Kunst von Psycroptic, ihre Songs stets nachvollziehbar zu gestalten. Allen Kabinettstückchen zum Trotz wirken Songs wie ‘This Shadowed World’ durchdacht, kompakt und auf den Punkt gebracht. Dabei ist das genannte Beispiel eher in höheren Temporegionen angesiedelt – oft genug tummeln sich die Australier auch im Doublebass-geschwängerten Midtempo, was die Songs mit ihrem signifikant-modernen Gitarren-Sound noch wuchtiger und „rollender“ wirken lässt (zum Beispiel im folgenden ‘Enslavement’ mit seinem rhythmisch-maschinellen Unterton) – wer hier nicht headbangen muss, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Und selbst bei zackigen Tempi (‘Ashes Of Our Empire’) lässt es sich Haley nicht nehmen, noch ein paar triolische Bassdrum-Schläge unterzubringen. Hier schließt sich der geschilderte Kreis auf DIVINE COUNCIL: Die größte Tugend von Psycroptic ist es, ihre Songs stets dynamisch zu gestalten, sodass der geneigte Hörer gar nicht erst auf die Idee kommt, sich gemütlich im Ohrensessel zurückzulehnen.

THOMAS STRATER

KARL SANDERS

Saurian Apocalypse Folk 5,5

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: 22.7.)

Karl Sanders lässt die Echsenwesen wieder los! Drei Jahre nach dem letzten Nile-Brecher VILE NILOTIC RITES und satte 13 Jahre (oh oh...) nach SAURIAN EXORCISMS stürzt sich der Musiker endlich wieder in die geheimnisvollen, okkulten, verbotenen Musikrituale des Orients, um uns eine Geschichte von Wahnsinn, Entdeckerdrang und, klar, der Apokalypse zu erzählen. „Nile ohne Death Metal“ reicht als Beschreibung allerdings längst nicht mehr aus: Karl Sanders entwirft faszinierende Gebilde aus Folklore, Ambient und umwerfender Gitarrenarbeit, die es in dieser Qualität auch auf den beiden Vorgängern nicht zu bestaunen gab. SAURIAN APO-CALYPSE wäre perfekt dazu geeignet, einen ‘Assassin’s Creed’-Teil musikalisch zu untermalen. Türkische Laute, akustische Gitarren, Glocken, dumpf hallende Percussion, hypnotisierende Rhythmen und bisweilen enthemmte Momente wie in einem Derwischrausch kulminieren in den Songs zu einem cinematischen, Lovecraft’schen Sog, klanggewaltig und einlullend. Da glaubt man fast an uralte Echsenwesen, die mit toten Augen in den Schatten der Welt die Dinge steuern.

BJÖRN SPRINGORUM

NEU AUFGELEGT

ENTOMBED DCLXVI To Ride, Shoot Straight And Speak The Truth! Death Metal

THREEMAN/SPV (15 SONGS / VÖ: ERSCHIENEN)

Starke und bedeutende Alben dürfen neu aufgelegt werden – erst recht dann, wenn sich unter ihnen Legenden befinden, die sich leider, leider verabschiedet haben. Mit diesem Album, das 1997 erschienen ist, wird des erst letztes Jahr verstorbenen Lars-Göran „L.G.“ Petrov gedacht. Gleichzeitig erinnert die Neuauflage an eine Zeit, in der Entombed ihren eigens als Death’n’Roll bezeichneten Stil endgültig etablierten. Dieser hatte zwar schon auf dem Vorgänger WOLVERINE BLUES von 1993 für Aufmerksamkeit gesorgt, galt jedoch erst ab TO RIDE, SHOOT STRAIGHT AND SPEAK THE TRUTH! als vollendet: Es ist jene perfekte Mischung aus Death Metal, Punk und Rock’n’Roll, aus dem immer wieder die rotzigen Einflüsse von Motörhead und Kiss heruntertriefen. Die schweren Riffs in ‘Damn Deal Done’, die einfach nur existieren, um zu zertrümmern; der Lärm des ohrenbetäubenden Titel-Songs, der sich in die Ohren hineinfrisst, sodass der Kopf nicht mehr anders kann als mitzugehen. Mit all dem haben wir den Schweden einen der lautesten und stürmischsten Meilensteine des Death Metal zu verdanken.

RAPHAEL SIEMS

GOD IS AN ASTRONAUT

The Beginning Of The End Post Rock

NAPALM/UNIVERSAL (11 SONGS / VÖ: ERSCHIENEN)

„Now this is not the end, it is not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning“, sagte Winston Churchill einst – und lieferte God Is An Astronaut damit nicht nur den Titel für ihr Debüt, sondern auch für dessen Live-Neuaufnahme. Dabei ist THE BEGINNING OF THE END aber mehr als nur THE END OF THE BEGINNING (2002) neu eingespielt: Was im Herbst 2021 im Windmill Lane Recording Studio in Dublin entstand, zeigt die irische Post Rock-Band gealtert – in Würde. Für THE BEGINNING OF THE END wurden die Songs neu arrangiert, und die Musiker nutzten ihre heutigen technischen Möglichkeiten. Die neuen Aufnahmen klingen ausbalancierter, stellenweise weniger blechern und dumpf. Das sorgt allerdings auch dafür, dass die Tracks weniger knallen (das imposante ‘From Dust To The Beyond’ wirkt recht zahm). THE BEGINNING OF THE END bietet ein ruhigeres Ambiente, als God Is An Astronaut es ohnehin haben, lässt darin aber auch gefühlvoll die Weiterentwicklung der Gruppe in zwanzig Jahren Band-Geschichte deutlich werden. Zum Jubiläum von THE END OF THE BEGINNING schön – wäre es nach dem Remaster von 2011 nicht bereits die dritte Version des Debüts.

ANNIKA EICHSTÄDT

LIV KRISTINE Enter My Religion Pop Rock

ALLEGRO (12 SONGS / VÖ: 19.8.)

ENTER MY RELIGION, erstmals 2006 erschienen, ist kein Metal, aber aufgrund von Liv Kristines anderen Bands natürlich dennoch Szene-relevant. Auf breite Zustimmung ist die Platte damals jedoch insbesondere in Pop-, aber auch Gothic Rock-Kreisen gestoßen. Der Gesang kommt durchweg brav und lieblich daher (‘Fake A Smile’), doch zwischendurch zeigt die Sängerin auch andere Seiten auf, indem sie entweder mehr Volumen einsetzt (was dann schnell Evanescence-Züge aufweist, wie in ‘Trapped In Your Labyrinth’), oder auf eine etwas kältere Machart zurückgreift – was durch den leichten Rock-Sound allerdings lediglich Laffee-Charakter schafft (‘You Are The Night’). Bringt man genügend Offenheit mit, bietet die Platte damit einiges an, da Liv Kristine ihre angenehm weiche Stimme vielfältig einzusetzen weiß. Bloß unter blutrünstigen Metalheads wird sich die Zuhörerschaft womöglich in Grenzen halten.

RAPHAEL SIEMS

PRIMAL FEAR

Primal Fear Heavy Metal

ATOMIC FIRE/WARNER (15 SONGS / VÖ: erschienen)

Genau 25 Jahre sind seit der Gründung von Primal Fear vergangen. Kurz zuvor war das Gründungstrio Ralf Scheepers, Mat Sinner und Tom Naumann noch als Judas Priest-Coverband unter dem Namen Just Priest zu bestaunen. Den Einfluss besagter Legenden kann man auf diesem Debüt kaum leugnen. Jetzt erscheint die Platte in frischer Auflage, neu abgemischt von Jacob Hansen und mit drei Bonustracks versehen (‘Breaker’ als Accept-Cover sowie die beiden albumeigenen Songs ‘Chainbreaker’ und ‘Running In The Dust’ als Live-Versionen). Und: Das Ding ist noch immer derselbe musikalische Meilenstein wie vor zweieinhalb Dekaden. Klassiker wie die Power Metal-Hymne ‘Silver & Gold’ oder das leicht balladesk angehauchte ‘Tears Of Rage’ sprechen für sich. Damals hat PRIMAL FEAR eine steile Karriere losgetreten, die bis heute 13 Alben beinhaltet und mehrere Male den METAL HAMMER-Soundcheck für sich entscheiden konnte (zuletzt mit METAL COMMANDO von 2020). Beeindruckend wird dies vor allem, berücksichtigt man die zwanzig weiteren Alben, welche Sinner und Naumann mit ihrer parallelen Band seither veröffentlicht haben. So ist es gut, und so soll es weitergehen.

RAPHAEL SIEMS

SAOR

Origins Black Metal 4,5

SEASON OF MIST/SOULFOOD (6 Songs / VÖ: erschienen)

Der größte Unterschied zu den Vorläufern von ORIGINS, dem fünften Album von Andy Marshall in seiner Inkarnation als kaledonischer Folk Black Metal-Barde, zeigt sich in der Statistik: Sechs Songs, keiner über zehn Minuten lang – das gab’s noch nie. Und es ist eine gute Idee, denn so bleibt das Album längentechnisch gut verkostbar und die perlenden keltischen Melodielinien, mit denen Saor so gerne das Blut in Wallung bringen, bekommen mehr Effektivität und höhere Schlagzahl. Erwartet jetzt aber nicht Folk in einer irgendwie authentischen Ausprägung, Saor kreieren dichte, komplex durchinstrumentalisierte Klangteppiche, auf das unsereins schön darin kuschele. An zwei anderen Eigenarten seines Stils hat Herr Marshall gegenüber früher wenig geändert: Die meisten Songs haben keinen besonders ausgeprägten Spannungsbogen, und ähnlich wie auf den letzten beiden Blut Aus Nord-Alben gibt es zwar „Gesang“, der aber nur ganz selten dominant wird. Dadurch wirkt die Musik weitgehend instrumental, was jetzt nicht grundsätzlich schlecht sein muss, aber mich persönlich doch stört.

ROBERT MÜLLER

SATYRICON

Satyricon & Munch Black Metal 6

NAPALM/UNIVERSAL (1 Song / VÖ: erschienen)

Satyricon waren im Korsett des klassischen Black Metal schon immer die Band, die gerne zwei Schritte mehr nach vorne gemacht hat als die anderen. Während sich viele Zeitgenossen längst auf die Konsolidierung ihres Stils geeinigt haben, sucht Satyr noch immer nach radikalen Sollbruchstellen in seiner Musik. Nach dem für Satyricon-Verhältnisse fast klassischen DEEP CALLETH UPON DEEP legt Sigurd Wongraven mit dem Werk SATYRICON & MUNCH seine Musik zu der bereits reichlich thematisierten Edvard-Munch-Sonderausstellung im Osloer Munch Museum vor. Und während unser Besuch in Oslo noch Zweifel daran ließ, ob diese Klänge auch losgelöst vom nachtschwarzen Ausstellungsraum funktionieren, steht jetzt fest: Sie funktionieren. Und wie. Satyricons ureigene DNS begegnet uns in dem 56-minütigen Song auf gewandelte Weise, wirkt losgelöst von typischen Song-Strukturen so urwüchsig, archaisch und naturmystisch wie zuletzt auf THE SHADOWTHRONE oder seinem Wongraven-Soloalbum. Alte Synthesizer, schroffe Gitarren, flächige Drones, rituelle Percussions und Hall zeichnen ein tristes und desolates, aber zugleich berührendes, nahezu verwunschenes musikalisches Bild, das einige von Munchs ureigenen Charakteristiken (Isolation, Einsamkeit, Melancholie) vortrefflich einzufangen weiß und in den Satyricon-Kanon überträgt. Ist das noch Black Metal? Ja. Und nach reiflicher Überlegung sogar mehr als viele aktuelle Veröffentlichungen.

BJÖRN SPRINGORUM

SCAR FOR LIFE

Sociophobia Heavy Rock Heavy Rock 5

PRIDE & JOY (12 Songs / VÖ: 22.7.)

Vom portugiesischen Gitarristen Alexandre Santos 2008 ins Leben gerufen, hat die Projekt-Band über den Verlauf von fünf Studioalben verschiedene (Gast-) Musiker kommen und gehen sehen, darunter solch illustre Namen wie Neil Fraser (Ten), Neil Murray (Whitesnake, Black Sabbath) oder gar Vinny Appice (Black Sabbath, Dio). Auf SOCIOPHO-BIA, dem ersten Album seit acht Jahren, geben sich Gotthard-Bassist Marc Lynn, Schlagzeuger Tobbe Jonsson (The Lightbringer Of Sweden) sowie Keyboarder Darrel Treece-Birch (Ten) die Ehre, um Santos und Sängerentdeckung Rob Mancini bei ihrem Unterfangen zu unterstützen, der geneigten Hörerschaft abermals frischen bis zeitlosen Heavy Rock mit progressiven und alternativen Tendenzen zu kredenzen. So kommen nicht allein beim Eröffnungs-Song ‘Strike Down’ Erinnerungen an Mike Tramps kurzlebige Post-White Lion-Band Freak Of Nature auf, was wohl auch Mancinis angeheisertem Organ geschuldet sein mag. Stets schön melodisch, aber Kitschfettnäpfchen sowie zu offensichtliche Retro-Orientierungshilfen geschickt umschiffend (wobei das allein schon im Titel arg generisch angelegte ‘Send Me An Angel’ den Ausreißer darstellt), zeigen Scar Of Life, dass eingängiger, harter Rock keineswegs von Peinlichkeit oder überbordender Nostalgie gezeichnet sein muss.

FRANK THIESSIES

SERPENTS OATH

Ascension Black Metal 3,5

SOULSELLER/ORCHARD (12 Songs / VÖ: erschienen)

Die Belgier Serpents Oath haben sich seit dem 2020 erschienenen NIHIL klammheimlich vom Trio zum Quintett gemausert. Ihr Debüt hatte damals recht positive Kritiken eingefahren, bemängelt wurde unterm Strich aber meist die fehlende Originalität. Waren es beim Erstwerk primär Dark Funeral, rücken mit der Präsentation von ASCENSION ganz klar Watain als direkter Vergleich in den Fokus. Artwork, Outfit, Präsentation, Thematik – alles scheint sich an den Schweden zu orientieren. Auch musikalisch finden sich genug Parallelen, doch an den Furor des Originals kommt ASCENSION nicht heran, denn die Songs wirken zu generisch, zu einfallslos. Black Metal muss sich nicht ständig neu erfinden, aber hier beschleicht einen häufig das Gefühl, dieses Riff oder jene Melodie schon etliche Male in ähnlicher Form gehört zu haben. Wer sich daran nicht stört, bekommt eine handwerklich gut gemachte Scheibe, die allerdings trotz des eigentlich hohen Härtegrads zahnlos wirkt. Den Songs fehlt der Biss sowie der Anflug einer eigenen Note, welche der Musik ein Mindestmaß an Identität verleiht. So plätschern die Songs recht spannungsarm vor sich hin, da selbst die Spannungsmomente recycelt wirken. Aber wie gesagt, handwerklich ist die Scheibe nicht ubel, und nüchtern betrachtet auf die Musik reduziert beileibe nicht schlecht. Eine individuelle Note wird, im Gesamtkontext betrachtet, allerdings schmerzlich vermisst.

MARTIN WICKLER

Platz 12

SEVENTH STORM

Maledictus Heavy Metal 4

ATOMIC FIRE/WARNER (12 Songs / VÖ: 12.8.)

Fast 30 Jahre lang saß Miguel „Mike“ Gaspar bei Moonspell am Schlagzeug. Nun locken den Portugiesen neue Abenteuer in andere Gefilde: Mit den 2020 formierten, mit Piraten-Image kokettierenden Seventh Storm frönt der hier als Komponist auftretende Trommler Heavy Metal mit unterschiedlichen atmosphärischen (teils landestypischen) Akzenten. Dazu zählen Gesänge (Intermezzo ‘Sarpanit’, ‘Haunted Sea’), Geige und Flöte (‘Pirate’s Curse’) sowie weitere Instrumente, die insbesondere in ‘Gods Of Babylon’ und dem gen Ende starken ‘My Redemption’ zutagetreten. Mit Marco „Rez“ Resende hat Gaspar dazu einen fähigen Sänger verpflichtet, der die wandelbare Musik sicher durch unterschiedliche Lagen manövriert – man höre etwa ‘The Reckoning’ oder das teils balladeske ‘Seventh’. Besonderes Augenmerk legen Seventh Storm auf das (südeuropäische Melancholie beschreibende) Stück ‘Saudade’, das auf Englisch, Portugiesisch sowie je auch akustisch zu hören ist. Obgleich viele Lieder zunächst wohl auch aufgrund ihrer Länge sperrig wirken, lässt sich der Großteil von MALEDICTUS gut hören – offenkundige Hits, größere Euphorie oder gar die emotionale Wirkung Moonspells bleiben dabei jedoch aus.

KATRIN RIEDL

Platz 8

SOULFLY

Totem Thrash Metal 5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 5.8.)

Es gab eine Zeit, in der man geneigt war, genervt aufzustöhnen: Schon wieder ein neues Soulfly-Album? Nun sind nach RITUAL satte vier Jahre ins Land gezogen, sodass sich durchaus Spannung und Vorfreude aufbauen konnten – die TOTEM verlässlich einlöst! Voller Energie und ungezügelt brutal liefern Max und Sohn Zyon Cavalera, Bassist Mike Leon und Studiogitarrist wie Produzent Arthur Rizk unwiderstehliches Moshpit-Futter zwischen Thrash und Death Metal mit einer satten Portion Tribal und Groove. Nummern wie ‘Superstition’ oder der Titel-Song (mit irrem Mittelteil) können sich neben Band-Klassikern behaupten, ‘Filth Upon Filth’ fällt mit zugleich starken, melodischen Gitarrensoli und beinahe psychotischen Riff-Schüben auf, und ‘Rot In Pain’ sowie ‘Ecstasy Of Gold’ lassen Neunziger Jahre-Death Metal wiederaufleben. Dazu passt der wutschnaubende Gastauftritt von John Tardy (Obituary) in ‘Scouring The Vile’. Kaum ein Song reißt die Vier-Minuten-Marke, was der Dynamik und Durchschlagskraft des zwölften Albums der Band entgegenkommt – bis Soulfly zum Abschluss mit ‘Spirit Animal’ mit einem ihrer bislang längsten Stücke ums Eck kommen, um noch mal meisterhaft traditionelle Tribal- und Ethno-Sounds mit aggressiven Thrash-Attacken, halsbrecherischen Soli und progressiven Zügen zu kombinieren. Obwohl nicht jeder Track zum Super-Hit taugt, gelingt ihnen mit TOTEM ein unerwartet kraftvoller Einschlag!

SEBASTIAN KESSLER

Platz 17

SOURCE OF RAGE

Witness The Mess Melodic Death Metal 4

METALVILLE/RTD (10 Songs / VÖ: 22.7.)

Die Wut, die ihr Name bereits verrät, ist Source Of Rage auf WITNESS THE MESS anzuhören. Das liegt vor allem an der gepressten Stimme von Sänger Marko Krause, aber auch sonst prügelt sich das Quartett aus der Nähe von Hildesheim ordentlich durch sein zweites Album. Schrabbelnde Gitarre, groovender Bass, dazu ein alles antreibendes Schlagzeug – fertig ist eine Mischung, die klingt, als wäre man mit einem auf Rhythmus gepolten Wagen auf der Melodic Death-Autobahn unterwegs. Einflüsse älterer In Flames-Alben hört man der Band, die 2019 Deutschland beim Wacken Metal Battle repräsentierte, deutlich an (beispielsweise bei ‘Purify Me’), aber nachgemacht klingt es nicht. Source Of Rage haben basierend auf ihren Einflüssen ein eigenes Konzept gefunden, Songs zu schreiben. Headbangen, tanzen, das ist lles drin. Obwohl man sämtliche neun Tracks nach dem Instrumental-Intro ‘Witness The Mess’ anhand der melodischen Refrains eindeutig voneinander abgrenzen kann, sind sie in ihrer Machart einander aber doch etwas zu ähnlich. WITNESS THE MESS bietet keine Ballade oder etwas anderes, das sich großartig vom Rest abhebt, denn alle Songs schlagen in die gleiche Kerbe. Das ist für jedes Lied einzeln betrachtet in Ordnung, macht das Album jedoch nur wenig divers. Vor allem zum Ende hin geht es immer schwerer ins Ohr. Dass Source Of Rage aber grundsätzlich etwas können, wird auf WITNESS THE MESS schon mal klar – als Hörer muss man also nicht wütend werden.

ANNIKA EICHSTÄDT

SPITE

Dedication To Flesh Deathcore 5

RISE/BMG (12 Songs / VÖ: 29.7.)

Keine Kompromisse bei Spite: Mit deftigem Stampfer-Beat und einem prächtigen Grunzgewitter geht’s in den Opener ‘Lord Of The Upside Down’. Okay, ihr wisst, was das bedeutet: Wenn sich Deathcore mit Beatdown paart, sind die Nackenschellen nicht weit. Ins Gesicht, nicht mehr und nicht weniger. Spite legen mit DEDICATION TO FLESH eine grandios austarierte Brutalität hin. Rein Sound-technisch auf top Level – aber halt, nein, das hier ist kein neumoderner Schnickschnack, sondern, sind wir ehrlich, einfach auf die Glocke. Ein Breakdown jagt den nächsten. Sogar so halsbrecherisch in ‘Caved In’, dass einem die Augen zittern. Oder in ‘Made To Please’, wenn die Twostep-Tanzschuhe aus dem Spind purzeln. Plötzlich dieser dicke Beatdown, und die Sache ist geritzt. Das animalische Organ von Sänger Darius Tehrani tut sein Übriges dazu. Mit Spite kann man einfach nichts falsch machen. Macht durchweg Bock! Der Titel-Track und ‘The Most Ugly’ rühren die Synapsen zu einem quirligen Circle Pit zusammen, Adrenalinüberschuss, und ab die Fahrt. Solides Gebolze, mehr braucht es nicht.

VINCENT GRUNDKE

STICK TO YOUR GUNS

Spectre Hardcore 5,5

END HITS (12 Songs / VÖ: 29.7.)

In ihrer 19-jährigen Band-Karriere zeigten sich Stick To Your Guns nicht unbedingt experimentierfreudig und standen musikalischen Veränderungen mit eher geschlossenen Armen gegenüber. Stattdessen blieben sich die Hardcore-Veteranen stetig treu und setzten den Fokus lieber darauf, ihren eigenen Sound zu perfektionieren – das bestätigt auch ihr neuestes Werk: Auf SPECTRE erwarten uns wie gewohnt eine gewaltige Energie, teils aggressive und harte, teils melodische und gefühlvolle Refrains, die typischen „Wohoho“-Rufe sowie – vor allen Dingen – bedeutungsvolle Texte. Die Lyrics sind wieder einmal persönlich, einprägsam, nachvollziehbar und lassen einen nur schwer wieder los – Schreiben ist und bleibt eine ihrer größten Stärken. Dem Titel ‘More Of Us Than Them’ kommt noch eine zusätzliche Bedeutung zu: Kurz vor seinem Tod schrieb Architects-Gitarrist Tom Searle diesen Song und leitete ihn an die Gruppe aus Orange County weiter. Dieses Stück zeichnet sich insbesondere durch seine Härte und Jesse Barnetts unfassbar kraftvollen wie wütenden Gesang aus – auf ‘The Shine’ und ‘Hush’ trifft das ebenso zu. Barnett zeigt sich natürlich auch von seiner sanften, verletzlichen Seite und sorgt mit ‘No Way To Live’ für Gänsehaut am ganzen Körper – dasselbe gilt für ‘Weapon’. Es ist kein Geheimnis, dass Alben wie DIAMOND, DISOBEDIENT oder TRUE VIEW den Herren die Hardcore-Krone aufsetzten. Dank ihrer siebten Platte dürfen sie diese weiterhin auf ihren Köpfen tragen. SPECTRE ist Stick To Your Guns, wie wir sie kennen und lieben.

AMANDA DIZDAREVIC

TEETHGRINDER

Dystopia Grindcore 5

LIFEFORCE/MEMBRAN (10 Songs / VÖ: 22.7.)

Dass in den Niederlanden nicht alles fröhlich oranje ist, was glänzt, merkt auch der letzte Kräuter-Johnny, wenn er DYSTOPIA von Teethgrinder hört (oder ein Kickback-Shirt auf dem Band-Foto entdeckt). Das dritte Album der Band ist nämlich ein derart unglaublich wütendes, aggressives Werk geworden, dass sich dieser Umstand nicht damit erklären ließe, dass die Einwohner von Zwolle es leid sind, im Schatten ihrer bekannteren Landsleute zu versauern. Vielmehr vertonen Teethgrinder ihre Trauer, ihren Hass, ihre Wut und Ohnmacht ob der den Planten heimsuchenden und zerstörenden Krankheit Mensch. Dabei geht es um persönliche Unzulänglichkeiten wie Süchte (‘Cloaked’), rassistische Politiker (‘Disgrace’) oder den Tiere vernichtenden Gottkomplex der Menschheit (‘God Complex’) – am Ende sehen Teethgrinder keinen Ausweg, sondern nur das ebenso unausweichliche wie verdiente Ende (‘Dystopia’). Solch harter lyrischer Tobak passt schlecht zu seichten Klängen, insofern ist es nur logisch, dass die Niederländer auch musikalisch so brutal wie die besungene Realität agieren: Brachialer Grindcore ist die Basis, die dank wuchtig produziertem Death Metal-Sound, kleineren Ausflügen in Sludge- und Düstergefilde sowie entmenschlichtem Geschrei umso wilder wirkt. Der Moshpart in der Mitte von ‘Worthless’ besitzt einen altmodischen Bolt Thrower-Vibe, ansonsten wird eben nicht nur auf Dauerfeuer geschaltet – es entwickelt sich eine gewisse Dynamik, die DYSTOPIA zugutekommt, es aber auch noch bedrohlicher wirken lässt. So verwundert es nicht, dass die schreiende Kapitolinische Wölfin auf dem Cover nur noch einen Mann säugt, während unter ihr Leichen umhertreiben.

THOMAS STRATER

Platz 13

TOXIC

Dis Morta Thrash Metal 4

MASSACRE/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 5.8.)

1985 als Tokyo gegründet, hauten die später in Toxik umbenannten Jungs in den Achtzigern zwei Alben raus. Bis zur Neugründung im Jahr 2007 blieben sie jedoch still. Nach einigen Kompilationen und EPs erscheint nach ganzen 33 Jahren ihr drittes Album DIS MORTA. Nur noch Gitarrist Josh Christian ist von der Urbesetzung übrig. Sein vertracktes Spiel ist die Sogkraft der Progressive Thrash-Pioniere. So wild und ungezügelt wie in ‘Feeding Frenzy’ oder dem Schlusslicht ‘Judas’ sind wenige Riffs im Genre. Der Strudel von schnellen Rhythmen und schrillen Schreien nimmt stellenweise sogar Symphonic-Anleihen an, wie im Titelstück ‘Dis Morta’. Dieser Mix ist manchmal zum Schmunzeln, oft verwirrend, aber die meiste Zeit stimmig und abwechslungsreich. Die Herren nahe der amerikanischen Westküste verstehen es jedoch nur auf kurzer Strecke zu unterhalten. Denn nachdem die Formel einmal durchgespielt und die anfängliche Euphorie über diese Spielweise etwas abgeebbt ist, hängen die restlichen Songs etwas durch. Der letzte Teil mit ‘Devil In The Mirror’ hält fast gar nicht mehr bei der Stange. Trotzdem sei der Neustart jenen Experimentierfreudigen empfohlen, die einen spaßigen Kurz-Trip in verrückte Song-Strukturen und ungewöhnliche Thrash-Erlebnisse suchen.

FLORIAN BLUMANN

Platz 6

STREITFALL

SINNER Brotherhood Hard Rock 5,5

ATOMIC FIRE/WARNER (12 Songs / VÖ: erschienen)

Auch wenn sich BROTHERHOOD insgesamt nahtlos in die Reihe bisheriger Sinner-Alben einordnet, ist es für Mat Sinner eine ganz besondere Scheibe. Denn sie erscheint in einer Zeit, in der sich der Bandchef eigentlich eine Pause gönnen und sich gesundheitlich wieder berappeln wollte/sollte. Speziell deshalb ist der Albumtitel so zutreffend, unterstreicht er doch das große Zusammengehörigkeitsgefühl der beteiligten Musiker, die diesmal auf Unterstützung von Keyboarder Oliver Palotai (Kamelot), Ralf Scheepers (Primal Fear), Ronnie Romero (Rainbow, MSG), Tom S. Englund (Evergrey) oder Dave Ingram (Benediction) zurückgreifen konnten. Vermutlich liegen hier die Gründe dafür, dass BROTHERHOOD stilistisch noch breiter aufgestellt ist und im Vergleich zu den beiden Vorgängerscheiben TEQUILA SUICIDE (2017) und SANTA MUERTE (2019) eine Spur weniger in der Tradition von Thin Lizzy steht. Zudem klingt die Produktion der zwölf neuen Songs härter und metallischer, die Riff-Gitarren feuern aus vollen Rohren und regieren die Szenerie gemeinsam mit dem treibenden, variantenreichen Schlagzeugspiel von Markus Kullmann. Ergo: Typisch Sinner, aber dennoch überraschend – eine gute Kombination!

MATTHIAS MINEUR

SINNER

Brotherhood Hard Rock 3

ATOMIC FIRE/WARNER (12 Songs / VÖ: erschienen)

In einem Punkt muss ich meinem Kollegen rechtgeben: Typisch Sinner, aber gerade deswegen wenig überraschend. Wie immer gibt es die üblichen Verdächtigen: Zum einen die pathetisch mutmachenden Stampfer (‘Refuse To Surrender’), die schnellen Gassenhauer wie das Titelstück sowie die etwas plump wirkenden Rock-Balladen (‘40 Days 40 Nights’). Alles hörbar und oft stimmig, aber dann doch zu generisch – ein paar Ohrwürmer wie das Schlusslicht ‘When We Were Young’ gibt es abermals. Auch richtig: Mat Sinner klingt halbwegs gut erholt, wenn auch nicht immer kraftvoll (‘We Came To Rock’). Dafür wirkt die Produktion (besonders die Gitarren von Alex Scholpp und Tom Naumann) wuchtiger und runder als je zuvor. Über die fast immer gleich klingenden Strophen täuscht sie aber nicht hinweg. Vielleicht eine gute Einsteigerplatte für Unentschlossene – weiteres Futter für die Anhängerschaft sowieso. Wer aber vorher schon nichts mit Sinner anfangen konnte, wird auch mit BROTHERHOOD nicht warmwerden.

FLORIAN BLUMANN

Platz 26

TRUE NORTH

Out Loud Modern Metal 4

OUT OF LINE/RTD (13 Songs / VÖ: 15.7.)

True North präsentieren mit OUT LOUD mit Midi-Synthesizer überfluteten Emo-Rock, der mit Prosa und Dramatik nicht geizt. Der Opener ‘Not Alone’ verleiht schon genau den Mut, der so unüberraschend genau der Szene zuspielt. Mit ihrer ersten Single ‘Your Confession’ und dem Feature-Gast Kellin Quinn von Sleeping With Sirens packen sie ein erstes Highlight direkt an den Start, ein getragener Song voll fühlbarem Schmerz. Allerdings präsentiert sich die Platte ab dann konstruiert, wankt zwischen abgeklärtem Pop und viel Tranendrüse. Balladen wie ‘Save Me’ tragen Bärte wie ZZ Top. Irgendwo wollen True North den Trend-Maschinen Bring Me The Horizon und auch zum Teil Twenty One Pilots nacheifern, aber das macht es nicht spannender. Bekannte Gesangsmelodien geben sich mit ausschweifenden Akkordschwingungen die Klinke in die Hand. Handwerklich ist alles sehr solide, schöner „Laid back“-Pop Rock, ausgeschmückt vom traumhaften Organ von Sänger Tim Beken. Aber die dunkelsten Motten holen sie damit nicht ans Licht.

VINCENT GRUNDKE

Platz 21

TUNGSTEN

Bliss Power Metal 5,5

ARISING EMPIRE/EDEL (11 Songs / VÖ: erschienen)

Tungsten sind eine musikalische Wundertüte. Power Metal trifft auf Growls, folkige Symphonik wird mit elektronischen Sounds gemischt – klingt nicht, als sollte es klappen, funktioniert aber und macht Spaß. Wie auf dem Rummel gibt es auf BLISS an jeder Ecke Neues zu entdecken. Was mit ‘Dreamers’ zahm beginnt, wird spätestens, nachdem einen das folgende ‘In The Center’ unerwartet gegen die nächstbeste Wand geklatscht hat, ein vielseitiges Feuerwerk. ‘March Along’ wäre das passende Intro für eine Fantasy-Cartoon-Serie, nur ohne Kitsch, und ‘Come This Way’ erinnert zu Beginn an alte Videospiele. Überraschend daher kommt auch der Titel-Track des dritten Albums der Schweden: Nicht nur ist ‘Bliss’ düsterer als der Rest, sondern neben einem englischen Refrain gibt es auch einzelne Zeilen in sieben (!) verschiedenen Sprachen. Was ebenfalls angeboten wird: An jeder Stelle scheint es, als würden Veteran Anders Johansson (Ex-Hammerfall, Manowar) und seine Söhne einander generationsübergreifend gut austarieren. Im Kontext solch eines Albums kann man die Haus-Maus-Reime im epischen ‘On The Sea’ tatsächlich verzeihen – genauso das langsame, aber für ein Outro passende ‘Northern Lights’. Ein bisschen sind Tungsten in ihrem neu zusammengesteckten Verständnis von Metal wie Amaranthe, nur dass alles wegfällt, was Fans von klassischem Metal an diesen stört. Tungsten sind stark genug im Power Metal verwurzelt, um noch als solcher zu gelten, doch der moderne Einfluss ist nicht zu leugnen. BLISS ist wild – auf die richtige Art.

ANNIKA EICHSTÄDT

Platz 3

UNDERTOW

Bipolar Groove Metal 5

EL PUERTO/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: erschienen)

Undertow verfolgen eine angenehme Veröffentlichungstaktik: Qualität klar über Quantität. Fast vier Jahre nach dem gelungenen REAP THE STORM ist Neues herangereift: Das neunte Werk der Süddeutschen hört auf den Namen BIPOLAR und verspricht richtig schwere Kost. In der Tat zieht gleich das eröffnende ‘When Tears Became Scars’ gekonnt herunter und zeigt die doomige Seite des Quartetts (mit Klavierausleitung). Wuchtigere Songs wie ‘On Fire’, das furiose ‘Call Of The Sin’ oder ‘Unstoppable’ nehmen hingegen richtig Fahrt auf und vereinen riffende Ballerattitüde mit melodischen Singalong-Refrains – hier erwarten uns die packendsten Momente des Albums. Eindringlich unter die Haut kriechen langsamere Nummern wie das triste, mit „Oh-Oh“-Chören ausgestattete ‘Shadows’, ‘The Longest Breath’ sowie das ruhige, mit Geigen veredelte Klargesangfinale. Noch mehr Alternation erzeugen dunkle Gesänge in ‘Life Kills’ und Wasserkulissen im Band-betitelten Instrumental. Auf BIPOLAR präsentieren sich Undertow abermals wandelbar, dabei jedoch durchgehend von ihrer besten Seite – ernsthaft, bewegend und in bestechender Riff-Form. Ein wertvoller Beitrag zum Thema Me(n)tal Health.

KATRIN RIEDL

Platz 30

VOMIT FORTH

Seething Malevolence Death Metal 4,5

CENTURY MEDIA/SONY (11 Songs / VÖ: erschienen)

Es lebe die Brutalität: Nach der aufsehenerregenden EP NORTHEASTERN DEPRIVATION (2019) gelingt Vomit Forth der Sprung auf ein größeres Label. Allgemeinverträglicher sind sie deshalb mit ihrem Erstling SEETHING MALEVOLENCE nicht geworden. Fiese Deathgrunts schlagen in Grind-Grummler um (‘Eucharist Intact’), und tobende, hasserfüllt spuckende Vocals (‘Tortured Sacrament’) bis hin zu höllischem Keifgesang (‘Unrecognizable’) sprechen eine glasklare Sprache: Vomit Forth haben nichts von ihrer ungestümen Wildheit verloren und preschen unaufhörlich mit gefühlt noch einem Zacken mehr Ruppigkeit voran. Manchmal dürften es dabei auch Ausflüge in den groovigen Neo-Thrash der Neunziger Jahre sein (‘Predatory Savior’) – Pantera und Godsmack lassen grüßen. Ungehobelt wie eh und je kredenzen Vomit Forth einen Berserker-Rundumschlag. Von Grindcore und Death Metal blicken Vomit Forth erstaunlich zaghaft über den Tellerrand ihrer ansonsten akribischpuristischen Kompositionen hinaus. Das mag vielleicht kein Ohrenschmaus für jedermann sein, aber: Wem stumpfes Geprügel gepaart mit finsterem Donnergrollen und einer scheinbar zwangsneurotischen Vorliebe für kompakte zwei- und dreiminütige Songs gefällt, der sollte sich definitiv von SEETHING MALEVOLENCE einmal kräftig das Gehör durchpusten lassen!

TOM LUBOWSKI

Platz 10

WAKE

Thought Form Descent Black Death 4,5

METAL BLADE/SONY (8 Songs / VÖ: 22.7.)

Nach mittlerweile fünf Alben (und einigen EPs zwischendurch) tauchen die kanadischen Wake wieder an der Oberfläche auf. Und wie man es schon von ihnen gewohnt ist, breitet sich mit der Wiedergabe der Musik ein wütender Tornado über einem aus, der alles zerlegt, was sich in unmittelbarer Nähe befindet. Teilweise krachen die Stücke (wie es etwa in ‘Mourning Dirge (Repose To The Dead)’ der Fall ist) in ihrer eisernen Härte nur so durch: Blastbeats scheppern in brachialer Geschwindigkeit; die Saitenfraktion legt sich wie ein Teppich darüber; und die Schreie, welche Elemente des Death und Black Metal vereinen, klingen so messerscharf, dass sie selbst die Luftmoleküle, die sie tragen, zu zerschneiden vermögen. Nicht wenige Hörer werden bei solcher Brutalität nicht hinterherkommen. Gleichzeitig muss man den Kanadiern jedoch lassen, dass sie ihre Songs vergleichsweise human aufbauen, ehe es zu besagter Zuspitzung kommt. Das kriegt man etwa in ‘Venerate (The Undoing Of All)’ zu hören, das nach dem kurzen, ruhigen Instrumentalstück ‘Pareidolia’ die vorherige Härte nur langsam und damit geradezu rücksichtsvoll aufbaut. Leichte melodische Züge der Gitarristen sorgen zudem für weitere potenzielle Zugänglichkeit. Trotzdem bleibt THOUGHT FORM DESCENT ein nur schwer nahbares Stück metallischer Dunkelheit, das vor Kälte und resignierter Melancholie nur so trieft.

RAPHAEL SIEMS

WARWOLF

Necropolis Heavy Metal 5

METALAPOLIS/SPV (10 Songs / VÖ: 29.7.)

Ein Album, das glänzt wie frisch polierte Nieten! Die Kölner Band, die aus ehemaligen Mitgliedern der Leder-Lykanthropen Wolfen besteht, zeigt auf ihrem Debüt, wie man Retro-Metal appetitlich verwurstet. Denn um zu erkennen, dass Iron Maiden klar als musikalisches Vorbild dienen, braucht es keinen Musikprofessor. Aber sie kombinieren die geborgte Epik mit einem eigenen Sound, der für Fans von altem sowie neuem Heavy Metal ansprechend sein sollte. Kein Wunder – produziert wurde der Dreher von Chris Boltendahl, der Stimme von Grave Digger. Stimmtechnisch haben Warwolf mit Sänger Andreas von Lipinski allerdings selbst einiges vorzuweisen: hohe Vocals, die durch einige Ecken und Kanten immer interessant bleiben – Lipinski erinnert eher an Blaze Bailey als Bruce Dickinson. Der Rest stimmt ebenfalls. Zwar zündet das Album erst ab Song zwei, dafür aber richtig. ‘Dawn Of Destiny’ fliegt einem mit gewaltigem Druck um die Ohren, findet aber dennoch die Zeit für ein schickes Instrumental-Interludium samt galoppierendem Bass und pentatonischem Solo. Der darauf folgende Titel-Song ist das Kronjuwel der Platte: ein zehnminütiges, ausladendes Epos mit einem Refrain, der einen zum Mitschreien förmlich zwingt.

SIMON LUDWIG

WE ARE LEGEND

Fallen Angel Progressive Metal 3,5

METALAPOLIS/SPV (10 Songs / VÖ: 29.7.)

Gitarrist Dirk Baur (Ex-Coronatus) und Sänger Selin Schönbeck holen sich für ihr zweites Album internationale Verstärkung. FALLEN ANGEL geht ab Sekunde eins direkt in die Vollen. Im überschwänglich fröhlichen Refrain von ‘Tale Of A Legend’ mit heller Instrumentierung und hohen Vocals beschleicht einen kurz die Angst, falsch abgebogen zu sein: Happy Metal?! Doch die Single-Auskopplung ‘Fallen Angel’ bringt einen zurück auf die ausgetretenen, harten Pfade des Prog. Die Nummer punktet mit absoluter Stimmgewalt: Gastsängerin Eleonora und Schönbeck geben ein charismatisches, schönes Zusammenspiel, bevor ‘Angel Station’ im Stil der Achtziger druckvoll voran groovt und die Atmosphäre zum Knistern bringt. Highlights der Platte! Dem entgegen stehen theatralischexperimentierfreudige (‘I Am This One’) und schräge Arrangements (‘The Inner Circle’) sowie kitschig-überflüssige Wiederholungen (‘Society Of Shadows’), die an der Glaubwürdigkeit der gesamten Platte nagen. Wissen, wann genug ist: eine Kunst, die gelernt sein will. FALLEN ANGEL erfreut dennoch mit abgeklärter Instrumentierung, gesanglicher Variabilität und jeder Menge Facettenreichtum.

BIANCA HÄRTZSCH

KURZ & HART DIE NEUESTEN EPS

Oceans HELL IS WHERE THE HEART IS, PART. II: LONGING (Nuclear Blast/RTD)

Ein ordentliches Brett liefern Oceans mit der Fortsetzung ihrer herzzerreißenden Reihe. Zu hören ist satter, moderner Metal, der ein wenig an Royal Blood erinnert, jedoch in melancholischerer (‘I Want To Be Whole Again’) und teils deutlich härterer Manier (‘Living=Dying’).

(RAPHAEL SIEMS / 5,5 PUNKTE)

Growling Creatures GROWLING CREATURES MINI EP (Krombacher/Odyssey) Musik für den Artenschutz: Bei Growling Creatures gibt es statt Gesang Geräusche gefährdeter Tierarten. Während einem melodischer Death Metal durch die Gehörgänge knallt, hört man unter anderem Kuckuck und Luchs in drei passend betitelten Songs (‘Furry Inferno’).

(ANNIKA EICHSTÄDT / 5 PUNKTE)

Platz 5

WITCHERY

Nightside Black/Thrash Metal 5

CENTURY MEDIA/SONY (11 Songs / VÖ: 22.7.)

2016/17 überraschten Witchery ihre Fans mit einem Doppelschlag, dessen zweiter Streich I AM LEGION die Soundcheck-Krone einheimste. Der (auch bei The Haunted tätige) Komponist Patrik Jensen genehmigte sich daraufhin offenbar eine kreative Pause – um nun den achten Schwedenhappen NIGHTSIDE vorzulegen, auf dem Victor Brandt als Bassist debütiert. Die zackige Melange aus Black und Thrash Metal mit Punk-Attitüde erfährt im stürmischen Auftaktdoppel sowie ‘Popecruhser’ hittige Höhepunkte, wird in ‘Storm Of The Unborn’ sowie dem stampfenden ‘Left Hand March’ um atmosphärische Passagen ergänzt und inkludiert in der Zwischensequenz ‘Er steht in Flammen’ sakrale Chöre und multilinguale Meldungsfetzen zum Hexenthema. Das Riff-Intermezzo ‘Under The Altar’ ebnet dem wüsten ‘Churchburner’ wie dem eingängigen ‘Crucifix And Candle’ den Weg. richtig auf die Tube drückt ‘A Forest Of Burning Coffins’, das mit einem Schlagabtausch mit Carcass-Vokalist Jeff Walker überrascht (an anderer Stelle greifen die Gäste Hank Shermann, Simon Johansson und Maciek Ofstad in die Saiten). Den abwechslungsreichen Höllenritt beschließt der getragene, mysteriöse Titel-Track. Knackige 35 Minuten, mal kompromisslos brachial und mal unter die Haut gehend, dabei aber stets eingängig – Witchery zeigen erneut, dass sie mehr sind als eine von vielen Horden geifernder Teufelskerle.

KATRIN RIEDL

VINYL COUNTDOWN

VOIVOD Forgotten In Space – The Noise Records Years Deluxe Set

BMG/WARNER (49 SONGS / VÖ: 29.7.)

Das Geile an besonderen Bands ist mitunter, dass es kompliziert ist, sie zu kategorisieren. Voïvod sind ein Paradebeispiel dafür, wie einflussreich, bereichernd, genial und gleichzeitig kommerziell erfolglos eine Kapelle sein kann. Prog? Thrash? Punk? Klassisch metallisch? Der Zeit voraus? Vielleicht. Abseits des Mainstream? Mit Sicherheit. FORGOTTEN IN SPACE – THE NOISE RECORDS YEARS DELUXE SET ist ein Zeugnis dessen und präsentiert die Alben RRRÖÖÖAAARRR (1986), KILLING TECHNOLOGY (1987) sowie DIMENSION HATRÖSS (1988). Dazu kommt rares und unveröffentlichtes Material, ein 40-Seiten-Buch mit Kommentaren von Drummer Michael „Away“ Langevin, welcher die Anfänge dieser überaus einflussreichen Kapelle thematisiert (rare und bislang unbekannte Fotos inklusive). Erkennbar ist, dass sich die Kanadier im Lauf der Jahre kreativ ein wenig an der Kandare nahmen und ihren Sound eingängiger gestalteten. Aber was heißt das schon im Kosmos von Voïvod? Hinzu gesellen sich Demos, Live-Aufnahmen und eine DVD, welche Interviews, Hinter-den-Kulissen-Clips und das World War III-Konzert von 1985 sowie den Auftritt in Chicago von 1988 beinhaltet. Vieles ist brillant, manches ist einfach nur brutal anstrengend.

MATTHIAS WECKMANN

Savatage GUTTER BALLET + STREETS: A ROCK OPERA (earMusic/Edel)

Die goldenen Jahre: Savatage setzen den auf HALL OF THE MOUNTAIN KING (1987) eingeschlagenen Weg fort. Auf GUTTER BALLET (1989) interpretiert die US-Band ihren Heavy Metal progressiver und theatralischer als zuvor. Vor allem das orchestrale Rock-Drama ‘When The Crowds Are Gone’ und das von Piano und Riff beseelte Titelstück werden zu Klassikern – und bestätigen die Bedeutung von Produzent und Mit-Songwriter Paul O’Neill. Chris Caffery hingegen wird zwar als neuer Gitarrist in den Credits geführt, ist auf dem Album aber nicht zu hören – und vor dem nächsten Album auch schon wieder (vorläufig) ausgestiegen. STREETS (1991) dreht die Rock-Oper-Idee sodann noch weiter und trägt sie sogar im Titel. Kommerziell nicht so erfolgreich wie erhofft, gehört es als erstes Konzeptalbum und mit Stücken wie ‘Believe’ oder ‘Ghosts In The Ruins’ zu den wichtigsten Veröffentlichungen von Savatage. Beide Alben sind jetzt für Vinyl gemastert und je mit zwölfseitigem Booklet und im Gatefold erneut erhältlich. Auf jegliche Bonustracks, selbst ‘Thorazine Shuffle’, müssen Plattensammler bei GUTTER BALLET verzichten, während STREETS ‘Larry Elbows’ (das die Grundlage für das spätere ‘Follow Me’ wurde) wieder aufrücken lässt. Beide Releases gefallen mit originalgetreuen Artworks.

SEBASTIAN KESSLER

Simon McBride THE FIGHTER (earMusic/Edel)

Der 43-jährige Ire, der als Jugendlicher zum Gitarrenwunderkind gekürt wurde und inzwischen als temporärer Saitenersatzmann für Steve Morse bei Deep Purple im Rampenlicht steht, präsentiert auf seinem aktuellen Album ein Joe Bonamassa nicht unähnliches Gespür für kontemporär und eingängigen, Songdienlichen Hochglanz-Blues Rock, der in seinen besten Momenten durchaus den Landsmann und ebenfalls gebürtigen Belfaster Gary Moore auf den Plan ruft.

FRANK THIESSIES

Candlemass EPICUS DOOMICUS METALLICUS (Peaceville/Edel)

Während sich Mitte der Achtziger auf der anderen Seite des Atlantiks Saint Vitus, Trouble und Pentagram anschickten, das schwere Erbe von Black Sabbath anzutreten, schickte Band-Gründer, Bassist und Song-Schreiber Leif Edling in Schweden die erste Inkarnation und Vision seiner Candlemass ins Zeitlupen-Riff-Rennen. Mit ihrem 1986er-Debüt, welches wie ‘Asterix’ für andere bei Jung-Metallern den Lateinunterricht wieder interessanter gestaltet haben dürfte, kredenzten Candlemass eine theatralisch treffsichere Prototypenplatte essenziellen Epic Dooms. Dass Sängergast Johan Längqvist nicht lange im Verbund verweilte, ist schade, denn seine opernhafte stimmliche Darbietung, die in ihrer dramatischen Dringlichkeit streckenweise an eine weniger exaltierte Ausgabe von King Diamond gemahnt, verleiht diesem Einstand eine (oder zwei) besondere Noten. Das farbige, limitierte 3-LP-Set wartet mit einem Album-Remaster, raren Prä-Debüt-Demosession- und Probeaufnahmen sowie Booklet, Poster und dem Druck eines handgeschriebenen Briefs aus Edlings Feder auf.

FRANK THIESSIES

Winter LOOKING BACK (Winterzeit)

Mit einer Retrospektive auf sein Schaffen vor dem letztjährigen Album PALE HORSE wird der Düsseldorfer Düster-Rock-Experte (Markus) Winter hier auf Vinyl vorstellig. Stimmlich zwischen Billy Idol, Dave Gahan oder auch Steve Jones auf dessen 1987er-Solodebüt angesiedelt, besingt Winter entweder wie in ‘We Believe In Rock’ amüsant die Geschichte des harten Rock oder gibt im Gothic-Blues von ‘Heartbreak Road’ den Elvis-Inspirierten. Auf 300 Stück limitiert.

FRANK THIESSIES

WOLFS MOON

Psycho Underground Heavy Metal 2

KERNKRAFTRITTER (12 SONGS / VÖ: ERSCHIENEN)

Manche Alben möchte man am liebsten direkt wieder aus dem CD-Player verbannen; PSYCHO UNDER-GROUND gehört definitiv dazu. Auf dem Vorgänger CURSE THE CULT OF CHAOS (2013) war das Songwriting bereits unerträglich, nun setzt Frontmann Robert Rogge dem qualitativen Verfall mit seinem ungenießbaren Gesangsorgan die Krone auf. Dünn stolpert der Vokalist zwischen Schaumstoffsäbelrasseln (‘Bloodrider’), einer zahnlos-halbherzigen Attila Csihar-Imitation (‘Wolf Demon’), klischeehaften Jammereien (‘Sacrifice In Flames’) und – der absolute Tiefpunkt – pseudoheroischem Gekeife, dessen dröge Pianobegleitung von dröhnenden Gitarren verschlungen wird. Warum zum Geier setzt man ein Klavier ein, wenn es ohnehin im Sound-Brei untergeht?! PSYCHO UNDERGROUND „lebt“ von dermaßen schlechten Umsetzungen noch schlechterer Reißbrettideen, dass selbst der größte Heavy Metal-Fan mit Hang zu schrägen Stimmen an diesem Produkt kaum Gefallen finden kann. Einzig ein paar schwere Power Metal-Riffs retten das Album vor dem Totalausfall. PSYCHO UNDERGROUND scheint wortwörtlich ein spätes Bekenntnis zu sein: Wie vom Wahn getrieben reiten Wolfs Moon ein verendendes Ross, das allein von den Sporen seiner Reiter noch mäßig auf Spur gehalten wird. Mal sehen, wie lange dieser Gaul noch schnauft...

TOM LUBOWSKI

WORMROT

Hiss Grindcore 5,5

EARACHE/EDEL (21 Songs / VÖ: erschienen)

Mieser Tag? Wormrot liefern mit ihrem vierten Album das Gegenmittel, denn: In HISS steckt verdammt viel Hass. Sechs Jahre nach VOICES verarztet die Band aus Singapur geschundene Seelen mit allem, was das Grindcore-Rezeptbuch hergibt – und mehr. In ‘Broken Maze’ peppen Wormrot ihre Vollgaswut beispielsweise mit psychedelischen Klargesangs-Passagen auf und erinnern an Wegbereiter wie Napalm Death, Full Of Hell oder Fear Factory. ‘Behind Closed Doors’ und ‘Noxious Cloud’ profitieren wiederum von Bay Area-Thrash-Attacken, während ‘When Talking Fails, It’s Time For Violence’ seinem Namen mit rotzigen Punk-/Noise Rock-Akzenten alle Ehre macht. Andere Male züchtet das Trio aus schwarzen Riffs, Gangshouts, Darkthrone- und Mantar-Referenzen räudige Gewächse (‘Voiceless Choir’, ‘Desolate Landscapes’) oder zermartert Hirne mit Rückkopplungs-Arien (‘Your Dystopian Hell’). Für noch mehr Verwirrung sorgen Tribal-Rhythmen (‘Pale Moonlight’), auf dem Videospielklassiker ‘The Revenge Of Shinobi’ basierende Soli (‘Vicious Circle’) und Myra Choo: Die Gastviolinistin intensiviert unter anderem die apokalyptische Grundstimmung der Krach-Collage ‘Grieve’ und malträtiert ihr Instrument im schrägen ‘Weeping Willow’. Als Höhepunkt des dynamischen Hassbatzens sticht ‘Seizures’ hervor: Wenn Wormrot in The Hope Conspiracys Windschatten grandiose Mosh-Salven verteilen und einen Spritzer Ministry beimischen, schwillt der Stinkefinger schneller und stärker an als manches Körperteil nach einer Viagra-Überdosis.

DOMINIK WINTER

ZOMBI

Zombi & Friends, Vol. 1 Classic Rock 4

RELAPSE/MEMBRAN (10 Songs / VÖ: erschienen)

Ein Cover-Album – muss das sein? Ja, finden Zombi, und haben sich direkt noch ein paar Musikerkollegen eingeladen, um ZOMBI & FRIENDS, VOL. 1 zu gestalten. Zu hören gibt es zehn Neuaufnahmen von Klassikern aus den Siebzigern und Achtzigern. Diese Zeit kommt der Synthie-Atmosphäre des Pittsburgher Duos natürlich zugute, und so sind die neuen Versionen den Originalen ziemlich nah. Da es sich um nicht ganz anspruchslose Titel handelt (‘Sirius/Eye In The Sky’ von The Alan Parsons Project), sei Zombi verziehen, dass den Songs wenig Eigenes hinzugefügt wurde. Für die Band selbst ist Gesang schon Neuerung genug! Und bei den Covern wird es immerhin anders, wenn die Originale von Frauen gesungen werden: Auf ZOMBI & FRIENDS, VOL. 1 gibt es Dionne Warwicks ‘Deja vu’ neuaufgelegt, außerdem Barbra Streisand und Barry Gibbs’ ‘Guilty’. Letzteres ist auch bei Zombi ein Duett; neben Steve Moore übernahmen Pinkish Black die zweite Stimme. Da ansonsten noch The Sword, Zao und Trans Am zu den titelgebenden „friends“ gehören, ist das Album tatsächlich von Varianz gezeichnet. An wen Zombi allerdings nicht herankommen, ist Neil Diamond: Den Zeilen von ‘America’ haucht nur der Originalsänger richtig Leben ein. Sei’s drum – der Rest ist hörbar.

ANNIKA EICHSTÄDT

ZZ TOP

Raw Blues Rock 5,5

EAR/EDEL (12 Songs / VÖ: 22.7.)

Der im Juli 2021 verstorbene Bassist Dusty Hill, Gitarrist Billy Gibbons plus Drummer Frank Beard trafen sich 2019 in der Gruene Hall im texanischen New Braunfels, um den Soundtrack für die Netflix-Dokumentation ‘That Little Ol’ Band From Texas’ zu zocken. Das Besondere daran: Die Aufnahmen wurden von Produzent Gibbons klanglich bewusst roh gehalten. Erfreulich ist auch die für ZZ Tops Karriere exemplarische Song-Auswahl, natürlich mit Klassikern à la ‘Just Got Paid’, ‘Tush’, ‘La Grange’, ‘Gimme All Your Lovin’’, ‘Heard It On The X’ oder ‘Legs’, aber eben auch mit feinen Kleinoden wie ‘I’m Bad, I’m Nationwide’, ‘Tube Snake Boogie’ oder ‘Thunderbird’. Macht summa summarum eine Scheibe, die zwar kaum nennenswerte Neuerungen aufweist, doch allein aufgrund der historischen Bedeutung (es kommt Wehmut auf!) und der Sympathie für den knorrigen Blues Rock des Kulttrios ein echter Genuss ist.

MATTHIAS MINEUR