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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 24.08.2022
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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 9/2022

Platz 10

A-Z A-Z

Hard Rock

METAL BLADE/SONY (11 Songs / VÖ: 2.9.)

4,5

Neue Band, alte Gesichter: Bei den Gründungsmitgliedern von A-Z handelt es sich um Ray Alder von Fates Warning und Mark Zonder, den man von Warlords kennt, sowie in früheren Zeiten ebenfalls von Fates Warning. Das Debüt ihrer neuen Formation ist nach diversen Jahren das erste Werk, auf dem die Prog-Urgesteine wieder gemeinsam zu hören sind. Entsprechend der Musik, die man bereits aus ihren anderen Bands kennt, mischen sich Hard Rock und Heavy Metal mit einer guten Prise Progressivität. Letzteres kommt immer wieder in Form von Orgelsoli und unkonventioneller Rhythmik an die Oberfläche (‘The Far Side Of The Horizon’). Doch auch Nicht-Anhänger des Prog werden sich dieser Platte problemlos annähern können, da sich jene Elemente doch sehr in Grenzen halten. Über die meiste Zeit hinweg geht es auf dem Debüt vielmehr um Rock-Nummern, die ...

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... energiegeladen, aber eben auch sehr eingängig daherkommen (so etwa bei ‘Trial By Fire’ oder ‘Borrowed Time’). Hervorstechend sind dabei nicht nur die solistischen Einlagen der Orgel und Gitarren (die in Stücken wie ‘The Machine Gunner’ sogar mehrfach auftreten), sondern auch der saubere und immerzu sehr melodische Gesang Ray Alders. Dies verleiht den Songs einen angenehm erzählerischen Stil, auch wenn das Album dadurch leider zeitweise in die Beliebigkeit zu rutschen droht. Dennoch ein schönes Debüt, das sowohl bei Prog- als auch Hard Rock-Fans Gefallen finden kann.

RAPHAEL SIEMS

AMKEN

Passive Aggression

Thrash Metal

MASSACRE/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: 26.8.)

4,5

Passiv aggressiv ist Thrash Metal in der Regel selten. Meistens knallen einem einschlägige Szene-Bands ihre Wut ganz unverhohlen vor den Latz. Das tun Amken auf PASSIV AGGRESSION auch, wagen dabei allerdings immer mal wieder Ausflüge in groovige Midtempopassagen und Kopfnicker-Riffs. ‘The Underdogs’ besticht durch seinen melodischen Ausklang, ‘Dead Man’s Land’ ist ein reines Wechselspiel aus Haudraufgitarrengekreische und ohrwurmgarantierender Eingängigkeit, und ‘Somewhere Past The Burning Sun’ lässt PASSIVE AGGRESSION brutal ausklingen. Amken beherrschen ihr Handwerk. Kleinere Schnitzer leisten sich die Griechen trotzdem. Größter Wermutstropfen: Frontmann Βανιας dümpelt qualitativ zwischen brachialem Bellen und harmlosem Kläffen herum; das hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Damit verspielt die Band leider einige Punkte, da die Songs ansonsten wirklich überzeugen. Dennoch: Amken wissen das Gaspedal ordentlich durchzutreten, ohne dabei das Gefühl für Zugänglichkeit zu verlieren. Ein bisschen weniger Slayer und Havok, dafür ein gewaltiges Maß stampfende Rhythmen, zugänglich hier, brachial da. Die Königsklasse des griechischen Thrash Metal, in der Größen wie Suicidal Angels spielen, erreichen sie allerdings nicht. PASSIVE AGGRESSION ist beileibe kein Meisterwerk – ein solides Album ist es aber allemal!

TOM LUBOWSKI

BAD BARON

Ace Of Hearts

Melodic Rock

PRIDE&JOY/SOULFOOD (13 Songs / VÖ: 26.8.)

Von den ersten Tönen des Openers ‘Edge Of Our Dreams’ (dessen Noch-eine-Oktave-höher-Refrain-Repetitionsschema fast schon schmerzlich an den 1989 von Stock Aitken Waterman ersonnenen Jason Donovan-Hit ‘Too Many Broken Hearts’ gemahnt) an weiß man, was Bad Baron vor den Ohren haben: Diese frisch ins Rennen geschickte finnische Melodic Rock-Band kennt sich sowohl in der AORals auch Pop-Sektion der Achtziger aus, wie sie zudem – Arrangementseitig – auch von einem aktuellen Melodic-Phänomen wie Ghost Wind bekommen haben muss. Ein vermeintlich symbiotisches Erfolgsprinzip, welches sie meint, in 13 Songs kompositorisch durchziehen zu können/ müssen. Die Hör-Realität sieht jedoch anders aus. Zu schnell wird man von den immergleichen – wie auch abgeschmackten – Songwriting-Mustern gelangweilt (die uninspirierten und keinerlei Authentizität versprühenden Texte aus dem großen Rock-Phrasen-Almanach mal ganz außen vor gelassen) und fragt sich am Ende von ACE OF HEARTS, ob es seit 1991 je eine dummdreistere Kopie der damals delektablen Danger Danger gab.

FRANK THIESSIES

6

BECOMING THE ARCHETYPE

Children Of The Great Extinction

Death Metal

SOLID STATE/MEMBRAN (10 Songs / VÖ: 26.8.)

Wiedersehen macht Freude – und in diesem Fall besonders! Die Technical-Death-Metaller aus Atlanta, Georgia lagen seit neun Jahren auf Eis, nun haben sich Becoming The Archetype wieder zusammengerauft und reichen mit CHILD-REN OF THE GREAT EXTINCTION ihren ersten Longplayer seit dem 2012er-Opus I AM an. Darauf zermalmen Sänger und Bassist Jason Wisdom, Schlagzeuger Brent „Duck“ Duckett sowie Gitarrist Seth Andrew Hecox alles, was nicht ihren Wertvorstellungen entspricht – und zwar im Rahmen eines Science-Fiction-Konzepts, das erschreckend viele Gemeinsamkeiten mit unserer heutigen Realität aufweist.

Das Trio hat fürwahr nichts verlernt und ebensowenig weder etwas von seiner Schlagkraft noch Finesse eingebüßt. Nackenbrecher wie ‘The Dead World’, ‘The Awakening’ oder ‘The Hollow’ überzeugen eben nicht nur mit schierer Brutalität, sondern darüber hinaus auch mit überbordender Musikalität und wunderschön inszenierten, sanften Augenblicken. Auch beinharte Todesmetaller unter den Hörern dürften sich nicht am gefühlvollen Akustik-Track ‘The Phantom Field’ stören. CHILDREN OF THE GREAT EXTINCTION stellt eine mehr als gelungene Rückkehr dar.

LOTHAR GERBER

Platz 6

BLOODBATH

Survival Of The Sickest

Death Metal

NAPALM/UNIVERSAL (11 Songs / VÖ: 9.9.)

4,5

Bloodbath hatten lange Zeit Probleme mit der Besetzung am Mikro: 2004 ging Peter Tägtgren, von 2006 bis 2008 waren die Schweden gesangslos. 2012 verabschiedete sich Mikael Åkerfeldt, erst zwei Jahre später fanden sie mit Ex-Paradise Lost-Frontmann Nick Holmes ihren langjährigsten Kandidaten. Dieser growlt sich zuverlässig durch alle elf neuen Songs. Speziell seine Behäbigkeit wirkt für Death-Verhältnisse entspannt und verleiht den Stücken einen treibenden Groove. Draufgepackt werden die eingängigen Melodien an den Klampfen von Anders Nyström und Tomas Åkvik, welche besonders in ‘Putrefying Corpse’ zur Geltung kommen. Die Titel drehen sich allesamt, wie im superben Cover verdeutlicht, um Verwesung und Verfall – die Herren schaffen es, das Thema in all seinen Widerwärtigkeiten auszuleuchten. Bei der Stange hält einen jedoch am meisten die abwechselnde Rhythmik: ob thrashig in ‘Born Infernal’ und ‘Tales Of Melting Flesh’, oder Doomangehaucht (‘To Die’). Diese Riffs machen schwächere Momente (‘Affliction Of Extinction’) wieder wett, wirkliche Graupen sucht man aber vergeblich. Der Wechsel zu Napalm ist schon mal vielversprechend. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass sich Bloodbath in dieser ausgewogenen Formation halten können.

FLORIAN BLUMANN

BRYMIR

Voices In The Sky

Melodic Death Metal

NAPALM/UNIVERSAL (11 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz 20

5

Über die Qualität finnischer Bands wurde in diesem Magazin (unter anderen auch von dieser Autorin) bereits einiges gesagt. Doch das Phänomen bleibt erstaunlich: So scheint selbst die nachrückende Riege mit jeder Menge Potenzial gesegnet zu sein – und das dringend unter Beweis stellen

zu wollen. Dies gilt auch für die 2006 gegründeten Brymir: Die Gruppe begann unter dem Namen Lai Lai Hei und weckt klanglich Assoziationen mit Ensiferum, wobei die Folk-Komponente nur einen von diversen Einflüssen darstellt. Auf dem vierten Album des von Gitarrist Joona Björkroth (Battle Beast) angeführten und im Kern stabilen Quintetts trifft stimmiger Melo Death Metal im Stil Insomniums auf pompöse Chöre und Orchestrationen, was sich in packenden Hit-Kandidaten wie ‘Forged In War’, ‘Fly With Me’ oder ‘Seeds Of Downfall’ Bahn bricht. Hier und da bleibt Raum für ruhigere Passagen, Akustikgitarre und Klavier; ‘Borderland’ enthält zudem einen Einsprecher. Trotz des generell energetischen Sounds wohnt VOICES IN THE SKY die so geliebte skandinavische Melancholie inne, die viele Vertreter des Nordlands auszeichnet und emotional bewegende von guten Bands abgrenzt. Brymir sind auf dem besten Weg, in die erste Kategorie vorzustoßen – und stellen mit dem (angemessen brachialen) Cover von Dark Funerals ‘Diabolis Interium’ zudem ihren Wagemut unter Beweis.

KATRIN RIEDL

THE CALLOUS DAOBOYS

Celebrity Therapist

Mathcore

MNRK/SPV (8 Songs / VÖ: 2.9.)

3,5

Der Süßigkeitenwagen, gefüllt mit all den Geschmäckern, die die Musikwelt zu bieten hat, rollt an, und The Callous Daoboys hätten gerne alles. Dabei kommt es immer wieder zu explosionsartiger Massenwahrnehmung: Ein saurer Drops schriller Gitarren, süße Karamel-Nuancen tiefdröhnenden Basses sowie ein von mild bis feurig reichender Gesang. Neben Instrumenten wie Gitarren oder Schlagzeug haben The Callous Daoboys auch eine Geige mit im Spiel. Häufig merkt man davon aber nichts. Denn wenn das Chaos überhandnimmt, klingt es, als habe man sämtliche Instrumente zusammengeworfen und mit einem Vorschlaghammer bearbeitet. Immer wieder zeigen sich auf diesem Album aber auch spannende Kompositionen. Die absolut irren Momente werden von durchdachten Spielereien zusammengehalten, sodass man CELEBRITY THERAPIST keineswegs unterstellen kann, es wäre ein durchgängig anstrengendes Album. Jenes Urteil richtet sich ohnehin nach der Chaos(in)toleranz der Hörenden. Wem nicht der Sinn nach absoluter Unberechenbarkeit steht, sollte die Finger hiervon lassen. Wer sich aber gerne vom Chaos treiben lässt, wird sicher den ein oder anderen Moment für sich finden können. Einen Startversuch bietet der Titel-Track, der teils genial mit starken Gegensätzen spielt und in dem man nicht gänzlich verloren geht, sowie ‘Star Baby’, dessen ulkiges, disharmonisches Spiel zwar vielleicht auch Kopfschmerzen bereitet, rhythmisch aber die Wogen glätten kann, und dem der sehr melodische Schluss-Part noch mal versöhnlich zutut.

CELIA WOITAS

CARRION VAEL

Abhorrent Obsessions

Melodic Death Metal

UNIQUE LEADER/MEMBRAN (8 Songs / VÖ: erschienen)

5,5

Schon mal das Bedürfnis gehabt, in den Kopf eines Psychopathen und Killers reinzuschauen? ABHOR-RENT OBSESSIONS bietet die Möglichkeit dazu, denn laut eigenen Aussagen verschaffen uns Carrion Vael mit ihrem dritten Langspieler einen Einblick in die Psyche derartiger Menschen. Begleitet wird dies von einem brutalen und bedrohlichen Sound und Gesang. Die Band nutzt jede Sekunde, um uns mit ihrem melodischen und technischen Death Metal, den vielen Thrash Metal-Elementen sowie dem halsbrecherischen Tempo gehörig umzuhauen. Hier spielt alles auf demselben Level und nichts wird übertönt; es ist also eine perfekte Zusammenarbeit. Allerdings gibt es zwei Dinge, die hervorzuheben sind: In erster Linie fällt das unglaublich gute und intensive Schlagzeugspiel auf; bei diesem rasenden Doublebass-Geballer bleibt einem definitiv die Spucke weg. Das Gleiche gilt für den Gesang: Es ist faszinierend, mit welcher Leichtigkeit der Vokalist von den hohen, blutrünstigen Screams zu den tiefen, gnadenlosen Growls wechselt. In ‘Tithes Of Forbearance’ und ‘Disturbia’ präsentiert er auch seinen Klargesang. Dieser dauert zwar nur wenige Sekunden, schraubt das Tempo und die Aggression dennoch spürbar zurück, was gleichzeitig als störend empfunden werden kann. Weitere Kritikpunkte lassen sich hingegen nicht finden. Für Anhänger von Bands wie The Black Dahlia Murder, At The Gates oder Aborted ist ABHORRENT OBSESSIONS unumgänglich.

AMANDA DIZDAREVIC

Platz 30

CONAN

Evidence Of Immortality

Doom Metal

NAPALM/UNIVERSAL (6 Songs / VÖ: erschienen)

6

Auch auf ihrem fünften Langspieler setzen Conan auf Repetitivität und schiere Gewalt. Schon der Opener ‘A Cleaved Head No Longer Plots’ macht seinem Titel alle Ehre und treibt Riff um Riff Wiederholung um Wiederholung in die Schädel seiner Hörerschaft. Nach etwas mehr als zehn Minuten ist das Stück vorbei, doch von Erholung keine Spur: ‘Levitation Hoax’, ‘Ritual Of Anonymity’ und Co. knüpfen kompositorisch mitunter etwas vielschichtiger, jedoch nicht minder brachial an ihre Vorhut an und dreschen weiter unerbittlich auf unsere bereits geschundenen Trommelfelle ein. Genug der Metaphern: EVI-DENCE OF IMMORTALITY funktioniert zum einen aufgrund der bombastischen Produktion, zum anderen deshalb, weil Conan ein exzellentes Gespür dafür haben, wie lange man ein gutes Riff maximal ausreizen kann. Dazu kommt hier und da ein bisschen Feedback, gelegentlich ein bisschen Tempo in die Drums und natürlich die unverkennbare Stimme von Jon Davis – voilà: Instant-Genre-Klassiker!

KONSTANTIN MICHAELY

CONSUMPTION

Necrotic Lust

Death Metal

HAMMERHEART/SPV (9 Songs / VÖ: 26.8.)

4,5

Consumption kommen aus Schweden und legen nach RECURSIVE DEFINITIONS OF SUPPURATION (2020) bereits ihr zweites Album vor. Wie man als schwedische Death Metal-Band zu klingen hat, wissen die Jungs natürlich. Allerdings hat das Duo einen etwas anderen Ansatz als die klassischen Stockholm-Verehrer, denn Consumption verbinden ihren Sound deutlich mit ihrer Liebe für Carcass zu NECROTICISM-Zeiten. Die HM2-Säge klingt nicht ganz nach wütendem Hornissennest, sondern etwas klarer, die Produktion ist dabei schön transparent, wenn auch nicht übermäßig druckvoll – am Ende passt sie aber sehr gut zu dem Ansatz, diese beiden ursprünglich „gegenläufigen“ Death Metal-Stile zusammenzuführen. Der Dosenöffner ‘Suffering Divine’ schraubt ordentlich, und es fällt immer wieder auf, dass sich das Duo Jon Skäre (Schlagzeug, unter anderem Wachenfeldt) und Håkan Stuvemark (Gitarre, Bass, Vocals, unter anderem Wombbath), die zusammen auch als Crossbow Suicide und bei Rex Demonus aktiv sind, vor allem bei den groovigeren Parts wie in ‘The Last Supper’ ein paar wirklich feine Riffs und Rhythmen aus den Handgelenken schüttelt. Als Krönung der eigenen Leichenleidenschaft haben die Schweden (in Anbetracht ihrer vielen Bands und Projekte natürlich Homies von Rogga Johansson und Jonny Pettersson, mit denen sie bei Reek, PermaDeath, Grisly, Ghoulhouse, Pale King und Never The Dead aktiv sind) es geschafft, für ihren Song ‘Ground Into Ash And Coal’ Jeff Walker als Gastsänger zu verpflichten. Auch wenn das Label trommeln muss: NECROTIC LUST ist ein sympathisches Album geworden, aber sicher nicht das Album, das Carcass nach NECROTICISM nie aufgenommen haben. Da muss die Promoabteilung mal die Leiche im Sarg lassen... Dafür wartet die Digipak-CD immerhin mit drei Bonustracks auf.

THOMAS STRATER

CRIPPLED BLACK PHOENIX

Banefyre

Post Rock

SEASON OF MIST/SOULFOOD (13 Songs / VÖ: erschienen)

5

Das Kollektiv um Chef-Exzentriker Justin Greaves hat es sich beziehungsweise uns nie leichtgemacht. Irgendwann akzeptiert man eben, dass es wenig Konstanten gibt; die Möglichkeit, die Band beim nächsten Album personell und musikalisch nicht wiederzuerkennen, ist immer eingepreist. Gleich bleiben allenfalls der Hang zu Epik und Drama, das Flirren zwischen Pink Floyd, Katatonia und Sigur Rós. Die namenlose Traurigkeit, selbst in den kraftvollsten Stücken. Oder: die Solidarität mit den Unterdrückten und Ausgegrenzten, denen BANEFYRE explizit gewidmet ist. Neben Belinda Kordic steht nun der Schwede Joel Segerstedt am Mikro, zurückhaltender als sein Vorgänger Daniel Änghede, oft aber auch melodischer. Los geht’s mit ‘Incantation For The Different’ des kontroversen US-Künstlers Shane Bugbee, gefolgt von ‘Wyches And Basterdz’, einem feierlichen Stück Shoegaze Post Rock, abwechselnd von Belinda und Joel gesungen. Das schleppende ‘Ghostland’ wiederholt beschwörend und mächtig einen Satz auf Schwedisch, ‘In der Ewigkeit wandern wir, ohne Ende Unendlichkeit’. ‘Everything Is Beautiful But Us’ mit seinem The Cure-PORNOGRAPHY-Rhythmus stammt aus der Lockdown-Zeit, als Justin und Belinda in die Natur flohen und ahnten: Sobald wir zur Normalität zurückkehren, geht die Zerstörung weiter. Überhaupt ist der Mensch ein schreckliches Tier, wie auf ‘Blackout77’ über den großen Stromausfall in New York 1977 – als hätten CRIPPLED BLACK PHOENIX die bevorstehenden Energieengpässe und Verteilungskämpfe kommen sehen. Wie zum Trost fällt BANEFYRE üppig aus; gleich vier der 13 Tracks reißen die Zehn-Minuten-Marke. Was für ein wütendes Fest.

MELANIE ASCHENBRENNER

Platz 20

DEAD CITY RUINS

Shockwave

Hard Rock

AFM/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: erschienen)

5

Diese australische Band hat sich bereits 2012 gegründet und seitdem drei Alben veröffentlicht. Das letzte erschien 2018 und trug den Titel NEVER SAY DIE. Jetzt steht also die vierte Platte in den Startlöchern, und an wem die noch nicht allzu bekannte Formation bisher vorbeigegangen ist, sollte diesem Werk durchaus eine Chance geben: Alle Songs auf SHOCKWAVE sind mit einem satten Groove versehen, über den sich nicht nur feinste Hard Rock-Riffs und -Soli legen, sondern auch ein Gesang, der so viel Biss enthält, dass er nicht selten an Led Zeppelin erinnert (‘Madness’). Tatsächlich nennt das Quartett diese auch als einen ihrer größten Einflüsse – neben Deep Purple und Guns N’ Roses. Einerseits lässt sich das also nur bestätigen, andererseits klingen Dead City Ruins trotzdem nicht, als wollten sie ihren Idolen nur nacheifern. Stattdessen kommt ihre Musik stets mit frischem Wind daher. Was sie zudem richtig machen, ist der dynamische Sprung, den sie sowohl zwischen den besagten Grooves und einigen schnelleren Nummern wie ‘End Of The Line’ schaffen, als auch im Stilistischen: wenn etwa ein Song wie ‘Rain’ vom typischen Hard Rock abweicht und zu gemächlichem Western-Sound übergeht. Zwar mag SHOCKWAVE mit alledem keine absolute Neuheit sein, doch bei so vielen kreativen Ideen steht es trotzdem für sich allein.

RAPHAEL SIEMS

PLAYLISTS

SSEBASTIAN KESSLER

1. Parkway Drive DARKER STILL 2. Blind Guardian THE GOD MACHINE 3. Sigh SHIKI Enttäuschung: Heilung Überraschung: Machine Head Vorfreude auf: Slipknot Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Mit dem Gummihammer bewaffnet am METAL HAMMER-Stand vorstellig geworden.

KATRIN RIEDL

1. Soilwork ÖVERGIVENHETEN 2. Lacrimas Profundere HOW TO SHROUD YOUR-SELF WITH NIGHT 3. Bloodbath SURVIVAL OF THE SICKEST Enttäuschung: Corona killt alle Pläne. Und der VÖ-Terror. Überraschung: Machine Head, Brymir, Defacing God Vorfreude auf: Normale VÖ-Zeiten (siehe Saitenhieb) Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Way Of Darkness 2009, mein erster Einsatz als MH-Praktikantin – der Beginn einer (?) großen Liebe.

MATTHIAS WECKMANN

1. Five Finger Death Punch AFTERLIFE 2. Megadeth THE SICK, THE DYING... AND THE DEAD! 3. Machine Head OF KINGDOM AND CROWN Enttäuschung: Thundermother Überraschung: Parkway Drive (stilistisch). Vorfreude auf: Slipknot Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Essacher Luft morgens um 8 Uhr in Wacken war schon hart.

FRANK THIESSIES

1. King’s X THREE SIDES OF ONE 2. Whiskey Myers TORNILLO 3. Long Distance Calling ERASER Enttäuschung: Zu viele überraschend gute Veröffentlichungen, alle in einem Monat. Überraschung: A-Z, Dead City Ruins, Fire Horse Vorfreude auf: Das nächste Festival mit Chickenfoot. Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Graspop – bei Chickenfoot eingeschlafen.

PETRA SCHURER

1. Sigh SHIKI 2. Revocation NETHERHEAVEN 3. Bloodbath SURVIVAL OF THE SICKEST Enttäuschung: Machine Head Überraschung: Trial (Swe) Vorfreude auf: Defleshed Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Dismember buchstäblich unter den Tisch getrunken beim Fuck The Commerce.

LOTHAR GERBER

1. Parkway Drive DARKER STILL 2. Long Distance Calling ERASER 3. Fire Horse OUT OF THE ASHES Enttäuschung: Das neue Electric Callboy-Album ist zum Teil gar nicht mal so neu. Überraschung: Fire Horse Vorfreude auf: Sadio Mané Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Interview mit Tom Morello bei Rock am Ring.

Platz 27

DEFACING GOD

The Resurrection Of Lilith

Melodic Death Metal

NAPALM/UNIVERSAL (12 Songs / VÖ: 2.9.)

5

Lilith ist der Name eines altorientalischen weiblichen Dämons, der sich sowohl in mythologischen Legenden als auch literarischen Schriften wiederfindet. Das Debüt der Dänen gestaltet sich spannend, was Gründerin und Frontfrau Sandie Gjørtz zu verdanken ist. Als nicht nur dank ihrer fiesen Growls treibende Kraft hinter den Songs trägt sie ebenso den Namen Lilith. Dabei steht „Resurrection“ („Auferstehung“) im Titel allzu deutlich für die Damen unserer irdischen Welt, und zwar als feministische Botschaft – vor allem, aktueller denn je, mit einem Auge auf die USA. Die Themen des Okkultismus mitsamt der brennenden Hexen lassen sich wunderbar auf heute projizieren. Nachdem sich die ersten fünf Songs etwas gleich, wenn auch schön eingängig und ordentlich scheppernd anhören, kommt mit ‘Death Followed Like A Plague’ groovige Abwechslung rein. Gegen Ende wird mit ‘Echoes From Fulda’ ein wütender Stampfer spendiert. Varianz können Defacing God. Schade, dass sie nicht mehr auf die Chöre aus ‘The Invocation Part III „Abyzou“’ setzten, denn gepaart mit Gjørtz’ Stimme erschaffen sie Gänsehaut. Bis auf diesen subjektiv gesehenen Aspekt macht THE RESURRECTION OF LILITH auch in instrumentaler Hinsicht alles richtig. Ein sehr spannendes Debüt, aber für den großen Hype fehlt noch der Aha-Moment.

FLORIAN BLUMANN

DREADNOUGHT

The Endless

Progressive Metal

PROFOUND LORE/MEMBRAN (6 Songs / VÖ: 26.8.)

Dreadnought fragen auf ihrem fünften Album, ob wir die Erde noch retten können oder in einem nie endenden Kreislauf des Schattens verloren sind. THE ENDLESS präsentiert sich dementsprechend als ewiges Auf und Ab zwischen Hoffnung und Niedergang. Jene Kontraste erzeugt die 2012 in Denver formierte Band mit einer breiten Palette verschiedener Metal-Spielarten und Kelly Schillings sowie Lauren Vieiras Stimmen. Dreadnought entführen ihr Publikum gerne zunächst mit sphärischen Tönen und zartem Gesang in Traumwelten, um es anschließend hinterrücks mit wilden Schreien anzugreifen. Hat man das Laut-Leise-Schema nach dem Eröffner ‘Worlds Break’ verinnerlicht, gestaltet sich der weitere Handlungsverlauf überraschungsarm. Einzelne Werkzeuge schaffen dann aber doch kleine Aha-Momente. So glänzt ‘Midnight Moon’ zwischen zartem Klavier und Extreme Metal mit vertrackten Rhythmen und Fretless-Bassläufen, oder vernichtet ‘The Endless’ Cello-Klänge mit einem Beinahe-Breakdown. Andere Male tauchen Vieiras Keyboards die Szenerie

4 in ein drogengeschwängertes Hippie-Licht (‘Gears Of Violent Endurance’) oder öffnen ‘Tomb Raider’-Grotten (‘The Paradigm Mirror’). Das alles ist herausfordernd, vorhersehbar und nicht immer belohnend, aber manchmal durchaus faszinierend. Besonders, wenn Dreadnought in dem neunminütigen Höhepunkt ‘Liminal Veil’ eine mystische Reise ins Weltall starten, in einem schwarzen Loch explodieren und neben Cynic, härteren The Gathering und The Third And The Mortal kurz auch Lisa Gerrard zuwinken.

DOMINIK WINTER

DYNAZTY

Final Advent

Power Metal

AFM/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz

Gewöhnlicherweise ist es in Sachen Rock

3

und Metal ein schlechtes Zeichen, wenn eine „Rock“-Band beim Eurovision Song Contest über die Bühne stolziert ist. Wenn sie nicht schon davor für regelmäßige Würgereflexe gesorgt hat, melden diese sich spätestens an ihrem großen Tag zum Dienst. Die schwedische Band mit dem zweifelhaften Namen Dynazty hatte 2011 die Ehre – und, Überraschung, sie war richtig gut! Netter, altertümlicher Hard Rock erfüllte damals die Halle in Düsseldorf. Danach haben die Fünf aber, was Modernität betrifft, ziemlich zugelegt – Keyboard, ein melodischer Power Metal-Sound, der quasi nur aus Hooks besteht, und die Alben überproduziert bis zum Geht-nicht-mehr. So etwa gestaltet sich nun auch ihr neuntes Werk. Zwar fängt FINAL ADVENT mit ‘Will Of Power’ durchaus spritzig in Beast In Black-Manier an, aber schon beim nächsten Song ‘Yours’ erlischt die frisch entstandene Lust. Im Hintergrund zucken digitale Computersounds, und der ohnehin schon kitschige Refrain wird von einem Orchester begleitet, das den Track in ein musikalisches Fondue verwandelt. Einzig die virtuose Gitarrenarbeit von Mike Lavér kann wieder einiges wettmachen. Der Arme wirkt während der meisten Nummern zwar etwas unterfordert, aber sobald es Zeit für ein Solo wird, reißt er die Hütte ab. Und zwar in jedem der Songs, die ansonsten qualitativ von hörbar bis unzumutbar schwanken. Fans von arg modernem Power Metal sollten jedoch auf ihre Kosten kommen.

SIMON LUDWIG

EDENBRIDGE

Shangri-La

Symphonic Metal

AFM/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 26.8.)

4,5

Der Begriff „Shangri-La“, ein tibetisches Synonym für Paradies, passt zu einem Band-Namen wie Edenbridge natürlich wie die Faust aufs Auge. Das Paradies, der Garten Eden, ein Leben in Frieden, Glück und Harmonie: Dies waren in der Band von

Platz

2 7

3 1

Song-Schreiber Lanvall und seiner Sängerin Sabine Edelsbacher schon immer die zentralen Themen. Insgesamt 15-mal (!) haben sich die österreichischen Symphonic-Metaller seit ihrer Gründung im Jahr 2000 bereits mit einem neuen Album zu Wort gemeldet, jedes Mal voller Pathos, Inbrunst und – zugegeben – auch ein bisschen Kitsch. Dieser gehört zu Edenbridge wie die wuchtigen Produktionen, die opulenten Arrangements und die tiefschürfenden Texte philosophischer Prägung. Das neue Album SHANGRI-LA bildet dabei keine Ausnahme, sieht Lanvall neben unterschiedlichen Gitarren und Keyboards ebenso Sitar, Bouzouki, Swarmandal und Ukulele spielend, und speist seine Vielfalt auch aus den Gastmusikern: Wie schon auf THE BONDING (2013) hat Erik Martensson (Eclipse, W.E.T.) die Rolle des gesanglichen Duettpartners übernommen, zudem steuert der Flötist des NDR-Rundfunkorchesters, Daniel Tomann-Eickhoff, zur Instrumentalnummer ‘Savage Land’ Jethro Tull-ähnliche Töne bei. Macht summa summarum ein gewohnt episches Gesamtkunstwerk, das der gewünschten Weisheit vielleicht einen Schritt nähergekommen ist.

MATTHIAS MINEUR

ELECTRIC CALLBOY

Tekkno

Trancecore

CENTURY MEDIA/SONY (10 Songs / VÖ: 9.9.)

Platz 2 4

5

Deutschlands führende Party-Metal-Gruppe als Quatsch abzustempeln, ist erstens zu leicht, und wird ihnen zweitens nicht gerecht. An gut gelauntem Dancefloor-Metal versuchen sich immerhin zahlreiche andere Kapellen – doch kaum jemandem gelingt das so überzeugend und erfolgreich wie den ehemaligen Inuit-Jungs. Es braucht eben mehr als nur stumpfe Eurodance-Beats – vor allem: Songs, Hits, Ohrwürmer. Und davon liefern die Castrop-Rauxelner zehn neue. Wie schon die EP- und Single-Veröffentlichungen der vergangenen Jahre deutlich machten, profitieren Electric Callboy massiv davon, ihre wilde, feierwütige Seite voll zu umarmen und in den Vordergrund zu rücken – also den umgekehrten Weg zum ungeliebten Vorgängeralbum REHAB (2019). Klar, man braucht ein Herz für Funktionshallen- und Megafestival-Techno der Marke Scooter, um Spaß mit ‘Pump It’ und ‘Tekkno Train’ haben zu können; aber berufen sich nicht Scooter umgekehrt immer wieder auf (stumpfe) Rock- und Metal-Einflüsse? ‘Parasite’ betont die heftige Metalund Trancecore-Seite des Ganzen, bei ‘Neon’ wird es Stadion-rockig-gefühlig, während ‘Hurrikan’ als Schlagerparodie funktioniert. Dass die Songs in diesem Spannungsfeld mit ordentlich Schub, krachenden Gitarren, entwaffnenden Melodien und perfekter Produktion daherkommen, kann niemand verleugnen. Der Rest ist Geschmackssache; doch feierbarer als auf TEKKNO wird es diesen Sommer nicht mehr.

SEBASTIAN KESSLER

PLAYLISTS

FLORIAN BLUMANN

1. Blind Guardian THE GOD MACHINE 2. Tallah THE GENERATION OF DANGER 3. Megadeth THE SICK, THE DYING... AND THE DEAD! Enttäuschung: Parkway Drive Überraschung: Tallah Vorfreude auf: Einen hoffentlich pandemiefreien, konzertreichen Herbst. Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Lemmy deutet bei seinem letzten Auftritt bei Rock am Ring 2015 auf mich – ja, richtig: NUR auf mich.

ROBERT MÜLLER

1. Spiritus Mortis THE GREAT SEAL 2. Mourir DISGRÂCE 3. Sigh SHIKI Enttäuschung: Fallujah Überraschung: Nichts Vorfreude auf: Firtan, Horrendous (falls die endlich mal liefern...) Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Mit Greg Mackintosh verwechselt worden, war glaube ich auf dem Rock Together 1991 in Berlin.

MATTHIAS MINEUR

1. Six By Six SIX BY SIX 2. Monster Truck WARRIORS 3. Long Distance Calling ERASER Enttäuschung: Conan – einfallslos; Tallah – Lärm. Überraschung: Überdurchschnittlich viele gute Rock-Scheiben im Soundcheck. Vorfreude auf: Judas Priest/The Dead Daisies in Oberhausen. Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Quer durch den W:O:A-Morast – mit dem Fahrrad.

FLORIAN KRAPP

1. Parkway Drive DARKER STILL 2. Electric Callboy TEKKNO 3. Revocation NETHERHEAVEN Enttäuschung: Machine Head Überraschung: Fallujah, Voodoo Kiss Vorfreude auf: Slipknot Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Mit Amon Amarth als Wikinger gekleidet auf der Bühne.

MARC HALUPCZOK

1. Blind Guardian THE GOD MACHINE 2. Trial (Swe) FEED THE FIRE 3. Megadeth THE SICK, THE DYING... AND THE DEAD! Enttäuschung: Dynazty Überraschung: Monster Truck Vorfreude auf: Tankard Persönlichster Festival-Moment aller Zeiten: Persönliche Grußworte von der Bühne von Tankard und Brainstorm beim Rock Harz beziehungsweise Earthshaker.

ENDONOMOS

Endonomos

Death Doom

ARGONAUTA/CARGO (6 Songs / VÖ: 26.8.)

Vier grimmig dreinblickende Männer in einer kargen Schneelandschaft – schon bevor die ersten Töne erklingen, läuten Endonomos das Sommerende ein. Musikalisch erst recht, hat sich die Band um den von Profanity, Nervecell und Distaste bekannten Multiinstrumentalisten Lukas Haidinger doch einem der dunkelsten, trostlosesten und kältesten Stahl-Unter-Genres verschrieben: Death Doom Metal. Dabei folgen Haidinger, sein trommelnder Distaste-Kollege Armin Schweiger und die ehemaligen Cemetery Dust-Gitarristen Philipp Forster sowie Christoph Steinlechner der (zu) oft zitierten Peaceville-Lehre. Anders als viele Epigonen verknüpfen die Österreicher tödliche Brutalität, doomige Schwere und episch-weinende Melodien allerdings überwiegend spannend. Das liegt trotz üppiger Song-Spielzeiten zum einen an fettreduzierten Arrangements: Wenn Endonomos in ‘Atropos’ beispielsweise einen knapp zehnminütigen Kopfkinokurzfilm inszenieren, nehmen sie sich die Freiheit für einen ausufernden Instrumentalvorspann und ein verstörendjazziges Zwischenspiel, verlieren aber nie die Klimax aus den Augen. Zum anderen zollen sie neben (frühen) My Dying Bride, Paradise Lost und Co. in Stücken wie ‘Barrier’ auch weniger naheliegenden Idolen wie Crowbar oder Gorefest Tribut und erzeugen massiven Druck. Letzteren generieren nicht nur ihre Riffs und Rhythmen, sondern auch Haidingers wuchtigtransparente Produktion und kraftvolle, gelegentlich von teils chorartigem Klargesang flankierte Gutturalstimme. Wer braucht da noch strahlende Strandgesichter? Auf ins ewige Eis!

DOMINIK WINTER

ENSANGUINATE

Eldritch Anatomy

5

Death Metal

EMANZIPATION/SPV (9 Songs / VÖ: 2.9.)

So wichtig die Evolution für jedes Musik-Genre auch ist, ergibt es natürlich auch Sinn, den großen Alten zu huldigen und ihre Errungenschaften in Ehren zu halten. Diesen Ansatz verfolgen Ensanguinate aus Slowenien, die zwar alle „erst“ um die 30 sind, sich auf ihrem Debüt ELDRITCH ANATO-MY aber klar am Extrem-Metal-Sound orientieren, der Mitte bis Ende der Achtziger Jahre richtig in Fahrt kam. Dabei kupfert das Quartett wohlgemerkt nicht blindlings ab, sondern spielt seine eigene Interpretation von thrashigem Death Metal, der vor allem Fans von Bands wie Possessed oder älteren Morbid Angel gefallen könnte (hier erinnern nicht nur die hallbeladenen Vocals an den jungen Mr. Vincent, sondern auch das Band-Foto mit seinem BLESSED ARE THE SICK-Vibe samt Lederklamotten mit Handschelle zum Patronengurt). Aber die Band heißt ja auch nicht Exsanguinate – denn der Sound der Slowenen ist alles andere als blutleer. Ensanguinate bringen Saiten zum Glühen (mal bedrohlich langsam und dräuend wie in ‘Sublimation’, lieber aber

5 schnell und bösartig) und beleben alte Death Metal-Kadaver mit einer Lebenssaftinfusion der schnittigen Art – Songs wie ‘Lowermost Baptisms’ atmen nicht nur den Spirit der genannten Epoche, sondern wissen dank der ausgefeilt transparenten Produktion auch heute zu gefallen und begeistern. Mit ELDRITCH ANA-TOMY ist der Band aus Ljubljana ein überzeugendes Debüt geglückt, das nicht nur „Retro-Fans“ beglücken wird.

THOMAS STRATER

FALLUJAH

Empyrean

Melodic Death Metal

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 9.9.)

Platz

4,5

Den höchsten Teil des Himmels oder auch den Aufenthaltsort von Gott, wie es in verschiedenen Kosmologien heißt, besingen Fallujah also auf ihrem fünften Studiowerk. Viel mehr ist zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt über EMPYREAN – außer, dass die Tech-Deather aus San Francisco quasi die halbe Band ausgetauscht haben. Raus sind Schreihals Antonio Palermo, Rhythmusgitarrist Nico Santora und Bassist Rob Morey. Dafür rein kamen Shouter Kyle Schaefer und Tieftöner Evan Brewer (zuvor bei Enthoes und The Faceless), Scott Carstairs kümmert sich nun um sämtliche Gitarrenspuren. Und die Neulinge scheinen dem zum Teil sehr monoton-brutal daherwalzenden Sound der Kalifornier direkt frischen Wind einzuhauchen. ‘Embrace Oblivion’ zum Beispiel überrascht und überzeugt mit neben kraftvollem Genreriffing fluffiger Atmosphäre und sanft-betörendem Klargesang. Diese neue Klangfarbe bauen Fallujah immer wieder ein – und sie steht ihnen ausgezeichnet. Was nichts daran ändert, dass das Energie- und Dynamik-Level zwischendurch einige Dellen mehr vertragen könnte.

LOTHAR GERBER

FIRE HORSE

Out Of The Ashes

Stoner Rock

SUBURBAN (11 Songs / VÖ: 2.9.)

Platz

25

1 6

4

Wer Lust auf ein skurriles Flashbackticket in den wilden Neunziger Jahre-Rock hat, kommt bei diesem Debüt voll auf seine Kosten. Die niederländischen Protagonisten waren bereits bei Bands wie Peter Pan Speedrock, Birth Of Joy oder Grenadeers aktiv, sind entsprechend erfahren und bedienen sich aus dem kompletten Instrumentenkasten. Der Bass blubbert, die Lavagitarren senden warme Signale, und am Gesang entwickeln sich psychedelische Wolkengebäude. OUT OF THE ASHES weckt im Minutentakt wechselnde Erinnerungen an Queens Of The Stone Age, Stone Temple Pilots, The Smashing Pumpkins, Jane’s Addiction, Masters Of Reality, Grunge, Indie, Stoner, Alternative. Da darf es auch mal ordentlich wackeln, sei es in der Produktion oder den Harmonien, Imperfektion ist bei diesem Ansatz absolut erwünscht. Schräg ist besser. Allerdings bleiben in diesem Fall auch die Hits auf der Strecke. OUT OF THE ASHES ist eine Wohlfühljacke, in die man sich als Zeitzeuge der Neunziger Jahre gerne reinkuschelt, welche aber auch nicht gerade einen schillernden Eindruck hinterlässt. Laut der chinesischen Astrologie steht das Pferd mit dem Element Feuer für Zuverlässigkeit, Temperament, Energie und Enthusiasmus. Speziell in den letzten drei Kategorien punktet OUT OF THE ASHES jedoch nicht vollumfänglich.

MATTHIAS WECKMANN

FIVE FINGER DEATH PUNCH

Afterlife

Modern Metal

BETTER NOISE/SONY (12 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 18

6

Eines vorab: Die Single ‘IOU’ wird als eine der ultimativen Hymnen 2022 in meiner Membran verewigt bleiben. Das Ding überzeugt nicht nur bezüglich der furiosen Dynamik und seines schlauen Aufbaus hundertprozentig, die Chorusidee aus Breakdown und Klargesang ist brillant und dokumentiert alle Stärken dieser Band. Kann das restliche Material mit diesem Über-Song mithalten? Teilweise ja, aber es reicht nicht für die komplette Punktzahl. ‘Welcome To The Circus’ öffnet gewohnt einnehmend und kraftstrotzend die Tür (im Bereich der Opener-Wahl sind Five Finger Death Punch absolut klasse), ‘Afterlife’ bietet den geschmackvollen Mix aus Dicke-Eier-Produktion und Melodiegefühl, ‘Roll Dem Bones’ ist Riff-technisch der vertonte Überfall – schlicht, aber ein Wirkungstreffer. Zu den Riff-Rhythmusmaschinen von ‘Blood And Tar’ oder ‘Gold Gutter’ lassen sich Nackenverspannungen bestens lockern, und ‘The End’ schmeißt den Hörer episch, aber zugleich rockig aus AFTERLIFE raus. Die Hauptballade der Scheibe fällt im Vergleich etwas ab: ‘Times Like This’ hätte ich lieber von Everlast gehört (die gefühlvolle Variante ‘Thanks For Asking’ ist besser gelungen), das rockig akzentuierte ‘Pick Up Behind You’ verpufft in der Wirkung, und das Remix-artige und elektronische ‘Judgment Day’ ist ein guter Trenner zwischen den Modern Metal-Nummern, aber auch nicht mehr. In ihrem Bereich repräsentieren Five Finger Death Punch nach wie vor in diversen Aspekten die absolute Champions League: Songwriting, Produktion, Abwechslung. Starkes Album einer starken Band, welches in diversen Rückblicken zu den Top Ten-Scheiben 2022 zählen wird.

MATTHIAS WECKMANN

FLOGGING MOLLY

Anthem

Folk Punk

RISE/BMG (11 Songs / VÖ: 9.9.)

5,5

Die 1997 gegründeten irisch-amerikanischen Folk-Punk-Rocker sind schon längst eine Institution in der Szene. Nun melden sich Flogging Molly nach fünf Jahren mit neuer Musik zurück – nicht, dass sie

je wirklich weggewesen wären. Nach LIFE IS GOOD (2017) präsentieren Dave King und seine Truppe mit ANTHEM erneut hochwertigen und doch bodenständigen Folk Punk. Von tanzbaren Nummern wie ‘A Song Of Liberty’, der ersten Single-Auskopplung ‘These Times Have Got Me Drinking/Tripping Up The Stairs’ bis hin zu bedächtigeren Stücken wie ‘No Last Goodbyes’ oder ‘The Parting Wave’ ist für alle etwas dabei, die einen Hang zu irischrockigen Klängen haben. Das Zusammenspiel von traditionellen Instrumenten wie Bodhrán, Uilleann Pipes und Tin Whistle mit rotzigen E-Gitarren und Bass meistert das Septett aus Los Angeles jedenfalls mit Bravour. In gemächlichen Gefilden tut sich besonders ‘These Are The Days’ hervor, welches berührt und stellenweise fast schon hymnenartige Züge aufweist. Derlei Wesenszüge hat beinahe jedes der elf Stücke – bei dem Albumtitel ist das jedoch auch nicht ganz abwegig. Wer Flogging Molly schon einmal live gesehen hat, weiß vielleicht, dass stillzuhalten und nicht mitzugrölen kaum möglich ist. Das wird wohl auch mit dem siebten Studioalbum der Fall sein. Die Folk Punk-Legende hat in 25 Jahren Band-Historie absolut nichts an Schmackes eingebüßt. Demnach kann die Jubiläumssause mit ANTHEM starten.

HEIDI SKROBANSKI

GRAVE DIGGER

Symbol Of Eternity

True Metal

ROAR/SOULFOOD (13 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz 13

5,5

Zwei Dinge, die am neuen, für Grave Digger typischen Album bemerkenswert sind: 1.) Chris „Bolle“ Boltendahl und sein wichtigster Kompagnon, Gitarrist Axel Ritt, greifen in SYMBOL OF ETERNITY das von Klassikern wie TUNES OF WAR (1986) oder KNIGHTS OF THE CROSS (1998) bekannte Thema der Kreuzritter wieder auf. Diesmal zwar nicht in einer chronologischen Abhandlung, sondern eher aus spiritueller Sichtweise, aber dennoch mit viel Pathos, wortgewaltigen Texten und erstaunlichem Detailwissen. Für Fans der Band ist dies eine gute Nachricht, denn bekanntlich ist Boltendahl immer dann am besten, wenn er sich historischen Ereignissen widmet. 2.) SYMBOL OF ETERNITY gehört zweifelsfrei zu den bislang härtesten Scheiben der deutschen Band. Dies ist zum einen das Verdienst von Schlagzeuger Marcus Kniep, dessen lebendiges Drumming dem Material zusätzlich Energie verleiht. Vor allem aber liegt es am krachenden Gitarren-Sound der Scheibe, auf der den ruppigen Riffs von Meisterfinger Ritt mehr denn je eine zentrale Rolle eingeräumt wird. Interessanterweise wurden die zwölf Stücke (plus Intro) diesmal nicht wie gewohnt im Sendener Principal Studio aufgenommen, sondern von Boltendahl höchstpersönlich produziert, gemischt und gemastert. Ganz offenkundig eine gute Entscheidung, denn in dieser Aggressivität machen die Songs der Totengräber besonders viel Spaß.

MATTHIAS MINEUR

AUS DEM PIT

DIE NEUESTEN LIVE-ALBEN

KISS Off The Soundboard – Live In Des Moines 1977

Hard Rock

UNIVERSAL (17 SONGS / VÖ: 9.9.)

5

Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der drei Slipknot-Gründungsmitglieder in den Siebzigern Zeuge dieses Kiss-Gigs in Iowa gewesen ist, ist relativ gering. Denn lediglich „Clown“ Michael Shawn Crahan war als Des Moines-Gebürtiger zum Show-Zeitpunkt im Kiss-konzertfähigen Alter von damals acht Jahren. Davon abgesehen ist der in der Heimatstadt der wohl zweitgrößten maskierten Band der Musikgeschichte aufgenommene, neueste Teil der offiziellen Bootleg-Serie Kiss-torisch ein durchaus spannender. Schließlich befand sich die Band am Tag dieses Mitschnitts, dem 29. November 1977, just auf der begleitenden Livetour zu ihrem nur einen Monat vorher veröffentlichten, nun ja, Live-Album ALIVE II, dessen Bühnenmaterial zwischen April und August desselben Jahres konserviert wurde. Abgesehen von dezenten Setlist-Veränderungen dürfte es Kiss-ologen somit einen Riesenspaß bereiten, Nuancen-Analysevergleiche dieses raueren, unmittelbareren Tondokuments mit den Sound-Qualitäten des bekannten, aufpolierten und vornehmlich in Los Angeles aufgezeichneten Kult-Live-Albums zu ziehen. Vielleicht reicht es aber auch einfach, Paul, Gene, Ace und Peter auf ihrem Zenit als ultimative Schmink-Rock-Showmaster, ein 1977er-Update des ALIVE!-Songs ‘Let Me Go, Rock ’n’ Roll’ oder Stanleys hier noch auffälliger im James Brown-Duktus gehaltene Ansagen zu goutieren.

FRANK THIESSIES

HEILUNG

Drif

Folk Metal

SEASON OF MIST/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 29

5

Nur wenige Bands sind so nachdrücklich wie Heilung, wenn es darum geht, ihr eigenes Ambiente mitzubringen. Das ist, als stünde eine Horde Fremder in seltsamen Kostümen vor der Tür, die dich beiseitestoßen, deine Möbel aus dem Fenster schmeißen, Knochen, Äste und Pflanzenteile im Zimmer auslegen, sie mit Eingeweiden behängen und aus dem Rest ein Feuerchen machen. Bisher strikt dem nordischen Raum verhaftet, wirft das Ritual-Trio auf seinem dritten Album das Netz weiter aus – entlang prähistorischer Handelsrouten von Island über Kanaan bis Mesopotamien. DRIF (was wohl so viel wie ‘Versammlung’ bedeutet) bietet Intensität, Schönheit und Strenge: Die Energien der Vorgängeralben OFNIR und FUTHA werden zu einem geheimnisvollen Ganzen gebündelt. Männlich, weiblich und alles dazwischen, irdisch und göttlich, mit Kehlkopfgesang, Krächzen und klarer heller Stimme – so weit, so bekannt, aber DRIF wandert mit neuer Lust durch die Schattenwelt. Der Liebeszauber ‘Asja’ beginnt krude, um zart zu werden, in ‘Tenet’ wird ein sehr altes magisches Palindrom vertont, und ‘Urbani’ wühlt in den Traditionen der römischen Armee zur Zeit Julius Caesars. Das folgende Poem ‘Keltentrauer’ ist als Heilung-typisches Minihörspiel mit deutschem Text dagegengesetzt. ‘Marduk’ schließlich hat was von den US-Magiern Lifegarden (falls die noch jemand kennt). Also, wenn DRIF klingelt: unbedingt aufmachen.

MELANIE ASCHENBRENNER

HIEROPHANT

Death Siege

Sludge/Death

SEASON OF MIST/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Wenige Bands werden im Lauf ihrer Karriere kompromissloser, stoischer, härter. Hierophant scheinen aber genau jene Benjamin Button-Mentalität eingeimpft bekommen zu haben, die sie mit jedem neuen Release noch tiefer in ihr nihilistisches Reich hinabsteigen lässt. DEATH SIEGE zeigt die Italiener bei ihrem bislang überzeugendsten Versuch, stumpfe Härte und kathedralische Größe zu vereinen. Hart war ihre Mucke schon immer; so unnachgiebig, fast schon trotzig brutal aber eben noch nie. DEATH SIEGE klingt wie eine alte Bolt Thrower-Platte, gespielt von Amenra und angereichert mit apokalyptischem Blastbeat-Gewitter im Widerschein eines verstrahlten Industrieparks. Ja, das ist mitunter harter Tobak und gewiss nichts für den launigen Roadtrip mit Kumpels. Dafür jedoch eine überzeugende Darbietung ernst gemeinter Aggression, manisch geklöppelt, mit einem wachsamen Auge für Dynamik präzise inszeniert. Und ein Freudenfest an fiesen Riffs für den nächsten Weltuntergang.

BJÖRN SPRINGORUM

HONG FAUX

Hong Faux

Alternative Rock

GOLDEN ROBOT/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: 26.8.)

5

5,5

Warum genau die Schweden, die zwischen 2011 und 2015 zwei schöne Alben und eine kongeniale EP veröffentlicht hatten, gut sieben Jahre kein musikalisches Lebenszeichen von sich gegeben haben, wird im aktuellen Albumanschreiben leider nicht erklärt. Dafür aber, dass diese Bandbenannte Scheibe eine Art Retrospektive des bisherigen Schaffens darstellt und Songs aus eingangs erwähnter Diskografie in remasterter, alternativer oder Live-Fassung gebündelt präsentiert. Ein willkommenes Wiederhören oder eine gelungene Neueinführung – ganz, wie man es nimmt. Auf jeden Fall ist das sensibel zwischen Neunziger-Seattle-Alternative, gekämmtem Wüsten-Stoner und – vor allem – stets vor Hits und Hooks strotzende Querschnittschaffen der Skandinavier absolut hörenswert und zugleich als Appetithappen auf ein demnächst erscheinendes, brandneues Album gedacht. Mit ‘Drop The Reins’ wird sogar ein erster frischer Single-Vorgeschmack gewährt, der in einer (w)irren Mischung aus Blind Melon (musikalisch) und Miles Davis-Referenzen (lyrisch) nahezu nahtlos an das hohe Qualitätsniveau der Band vor der Pause anknüpft. Man darf gespannt sein.

FRANK THIESSIES

THE HU

Rumble Of Thunder

Folk Rock

BETTER NOISE/SONY (12 Songs / VÖ: 2.9.)

Die mongolischen Folk-Metaller The Hu, die mit ihrem ungewöhnlichen 2019er-Debüt THE GEREG für einige Aufregung (Platz 1 der World Album- und Top New Artist-Charts) gesorgt haben, präsentieren ihr zweites Album. Der geografischen Herkunft und ihrem künstlerischen Credo entsprechend startet auch die neue Scheibe mit der programmatischen Nummer ‘This Is Mongol’, die ebenso viel über das Selbstverständnis der Gruppe aussagt wie das später folgende ‘Upright Destined Mongol’, einer Aufforderung zum Widerstand gegen Unterdrückung. Das Besondere dieser Band: Ihr gelingt scheinbar mühelos der (nicht ganz einfache) Spagat zwischen coolen Rock-Grooves, farbenfroher World Music und mongolischem Folk inklusive landestypischer Stilelemente wie Pferdekopfgeige, mongolischer Gitarre oder Untertongesang in Landessprache. Aus genau dieser Mixtur, genannt „Hunnu Rock“, entsteht die besondere Magie der Scheibe, denn während manch andere Ethno-Künstler nur Klischees bedienen oder bereits ausgetretene Pfade noch breiter auslatschen, ist RUMBLE OF THUN-DER innovativ, eigenständig, und trotzdem für traditionell geeichte Ohren genießbar. Zumal sich die beteiligten Musiker nicht nur zu Themen ihrer Heimat, sondern auch kritisch zu Naturschutz und globaler Klimakrise äußern. Dank The Hu ist die aktuelle Rock-Szene um einen spannenden ostasiatischen Einfluss reicher!

MATTHIAS MINEUR

I AM

Eternal Steel

Death Metal

MNRK/SPV (VÖ: 9.9. / 11 Songs)

Platz 23

5

5

Sich auf ikonische Bands zu berufen, ist im Grunde genommen immer eine sichere Bank. Ein derartiges Vorhaben mag vielleicht nicht unbedingt die Innovation für sich gepachtet haben, das Ergebnis kann sich – weil anständig umgesetzt – aber durchaus sehen lassen. Glücklicherweise sind I Am mehr als stumpfe Wiederkäuer bekannter Versatzstücke. Mit ETERNAL STEEL steht das dritte Album in den Startlöchern, und die texanische Thrash/ Death-Combo setzt ihrem gewohnten rüpeligen Spiel die Krone auf. Donnernde Riffs schmiegen sich säbelrasselnd an Heavy Metal-Soli (‘Surrender To The Blade’), und rohe Blastbeats wechseln sich mit groovigen Gitarrenläufen ab (‘Vicious Instinct’). I Am bedienen sich etablierter Muster und setzen diese auf ETERNAL STEEL derart passgenau zusammen, dass das Patchwork-Ergebnis trotzdem wie aus einem Guss wirkt. Dazu noch eine gehörige Portion Eigenständigkeit – fertig ist die holistische Raserei. Und die weiß zu überzeugen. I Am mischen den Groove Panteras mit der Rohheit von Sepultura, der todesmetallenen Finsternis von Morbid Angel und den grunzenden Stampfern Obituarys. Das Ergebnis ist ein krachendes und alles niederwalzendes Death Metal-Fest. ETERNAL STEEL mag sicher kein von Neuerungen strotzendes Werk sein, das mit seiner Finesse eingefleischte Death Metal-Veteranen hinter dem Ofen hervorlockt. Dafür wissen I Am jedoch wie kaum sonst eine Band, brutaler Musik eine erfrischend klischeefreie Eingängigkeit zu verleihen. Und das ist manchmal Qualität genug!

TOM LUBOWSKI

IN SLUMBER

While We Sleep

Melodic Death Metal

5

WAR ANTHEM/EDEL (9 Songs / VÖ: erschienen)

13 Jahre haben sich In Slumber für den Nachfolger von ARCANE DIVINE SUBSPECIES (2009) Zeit gelassen. Nun sind die Österreicher mit WHILE WE SLEEP zurück auf dem Prüfstand und beweisen: Die lange Auszeit – 13 ist schließlich als unheilvolle Zahl bekannt – hat sie keinesfalls milder werden lassen. ‘Clairvoyance’ rührt die Ursuppe einer bombastisch-brutalen Melodic Black Metal-Mixtur an. Blecherne Blastbeats treffen auf flirrende Gitarrenmonotonien, die in apathisches Grummeln und Keifen umschwenken (‘Stillborn’) und sich in ‘Parasomnia’ wieder in sanfte Midtempo-Entspannung verwandeln – zu alledem gesellt sich noch eine gewaltige Portion Groove. Und während in der ersten Hälfte noch deutlich hörbar die schwarzmetallischen Anteile überwiegen, lassen In Slumber auf der B-Seite mehr und mehr heraushören, dass sie sich eben auch als die Erben der Göteborger Schule verstehen. Puristen geht bei einer derart austarierten Zweiteilung gleich das finstere Herz auf. Melodiöse Growls und Krächzer fügen sich in düsterer Atmosphäre zusammen und münden in teils rockige Gitarrenläufe (‘The Lake Of Visions’), die hervorragend den Kern der Band auf den Punkt bringen. Und wenn In Slumber für einen potenziellen Nachfolger nicht weitere 13 Jahre ins Land ziehen lassen, steht dem martialischen Siegeszug, den sie zweifelsohne mit WHILE WE SLEEP antreten werden, nichts mehr entgegen.

TOM LUBOWSKI

THE INTERRUPTERS

In The Wild

Punk Rock

HELLCAT/EPITAPH (14 Songs / VÖ: erschienen)

5,5

Auch wenn die L.A.-Band um Sängerin Amy Interrupter und die drei Gebrüder Bivona auf ihrem vierten Album ihre Ska Punk-/2 Tone-Wurzeln nie gänzlich zu kappen gedenkt, ist IN THE WILD stilistisch und tonal doch eine Platte, die etliche anderen Facetten von Punk, Rock und – in ihrer erklärten Eingängigkeit – auch Pop ziemlich perfekt in sich zu vereinen versteht. Erstmalig nicht von Rancid-Patron Tim Armstrong (der dennoch nicht fehlen und in ‘As We Live’ mitsingen darf), sondern von Gitarrist/Sänger Kevin Bivona weitflächig luftig produziert, profitiert das melodisch starke Material von Amys angenehm tiefem und angerautem Organ, das zuweilen Debbie Harry und dann wieder die taffe Ausgabe des einstigen Go-Go’s-Girls Belinda Carlisle in Erinnerung ruft sowie eine Attitüde und Authentizität aufweist, die vielen anderen Stimmen heutzutage abhandengekommen scheint. Egal, ob punk-rockig-ruppig wie im Michael Monroe-/My Chemical Romance-covern-Dylans-‘Desolation Row’-haften Opener ‘Anything Was Better’, Fünfziger-Doo-Wop-Schmonzetten-verbunden (‘My Heart’) oder, wie in ‘Burdens’, dem Gospel-Ska huldigend – Amy und ihre Jungs legen keine Berührungsängste an den Tag. Und wenn man obendrauf mit ‘In The Mirror’ noch einen heimlichen Mega-Hit in der Hinterhand hat, der den erfolgreichsten No Doubt-Nummern locker das Wasser reichen kann, sollte das endgültig als Beweis genügen, dass Genre-Schwarz-Weiß-Denken hier keinen Platz mehr hat.

FRANK THIESSIES

I PREVAIL

True Power

Modern Metal

SPINEFARM/UNIVERSAL (15 Songs / VÖ: erschienen)

Der Titel klingt nach Manowar, I Prevail bieten aber auch auf ihrem dritten Album ein bisschen von allem – jedenfalls, wenn es um die moderneren Elemente der Szene geht. Post Hardcore, ein bisschen Punk, Modern Metal, Metalcore und viel, viel Melodie prägen TRUE POWER. Härte zart serviert. Festival-tauglich wie Hölle. Mit diesem Ansatz gehört die Band aus Southfield, Michigan, in ihrer Heimat zu den gesetzten Top 20-Einsteigern, wenn es um die Billboard Charts geht. Selbst für Fans von Hollywood Undead gibt es rhythmisch akzentuierte Songs, zu denen man die Beats im Kniegelenk spürt. I Prevail versuchen, wirklich jeden aus dem modernen Spektrum abzuholen. Das wirkt mitunter leicht bemüht. Ich sehe das Konzept, aber fühle nicht genug Emotion. TRUE POWER stellt eine (durchaus schlau strukturierte und dynamisch gelungene) Scheibe dar, die aber nach Skizzenbrett riecht. Etwas mehr Mut zum Risiko wäre dringend vonnöten, um die Leidenschaft zu wecken. Die Frage ist, ob das in der Grundausrichtung dieser Band überhaupt a) möglich oder b) gewünscht ist.

MATTHIAS WECKMANN

4

KING’S X

Three Sides Of One

Alternative Rock

INSIDEOUT/SONY (12 Songs / VÖ: 2.9.)

Platz

5,5

Fast 15 Jahre lang mussten Fans von King’s X warten, bis sich das Trio Doug Pinnick (Bass, Gesang), Ty Tabor (Gitarre, Gesang) und Jerry Gaskill (Schlagzeug, Gesang) wieder auf einen Studiotermin einigen konnte. 15 lange Jahre, in denen die Band-Mitglieder an anderen Projekten beteiligt waren, Soloscheiben einspielten und die Lust an King’s X weitestgehend verloren zu haben schienen. Und nun das: THREE SIDES OF ONE, ein Mach(t)werk, ein Statement, ein mehr als nur „Wir sind wieder da!“, eine Scheibe mit zwölf Songs in zwölf verschiedenen Stilrichtungen und zwölf unterschiedlichen Sounds. Das Angebot reicht von coolen Rock-Tracks über Alternative-Einflüsse bis hin zu komplexen Prog Metal-/Rock-Nummern, in denen die technische Brillanz der drei Ausnahmekönner durchschimmert. Allerdings ging es King’s X diesmal weniger als jemals zuvor um handwerkliche Kabinettstückchen, sondern vielmehr um gute, eingängige Songs. Und diese liefert vor allem Komponist Gaskill, der offenbar für die Pop-Attitüde der Stücke verantwortlich ist. Das ergibt in Summe ein typisch innovatives King’s X-Album, das aufgrund seiner Vielseitigkeit im Detail immer wieder (positiv) überrascht.

MATTHIAS MINEUR

LACRIMAS PROFUNDERE

How To Shroud Yourself With Night

Gothic Metal

STEAMHAMMER/SPV (10 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz

13

9

5

Die Peaceville-Drei spuken gehörig auf Lacrimas Profunderes neuester Grabrede HOW TO SHROUD YOUR-SELF WITH NIGHT. Die Rede ist, klar, von My Dying Bride, Anathema und Paradise Lost. Das ist insofern erstaunlich, als dass die süddeutschen Trauerweiden seit rund zwanzig Jahren eher in sanfteren Goth Rock-Schatten zu Hause waren. Aber der Tod, er steht ihnen echt gut. Und sieht man mal davon ab, dass ihr Sound weder bahnbrechend originell noch modern ist (aber will jemand ein Trap-Album von The Cure?), kann man mit dem 13. Studioalbum der Herren eine Menge morbiden Spaß haben. Okay, nach bald 30 Jahren am Steuer dieses Schiffes auf den Wassern des Lethe weiß Mastermind Oliver Nikolas Schmid natürlich ganz genau, wie man einen ordentlichen Song schreibt; für den auffällig variablen Sänger Julian Larre und den Rest der Band ist es nach dem Vorgänger BLEEDING THE STARS aber jetzt auch schon das zweite Kapitel. Vielleicht kommt endlich mal wieder Ruhe in dieses unstete Line-up.

Denn dies stand immer am ehesten zwischen Lacrimas Profundere und einem gehörigen Satz nach oben. Bis jetzt vielleicht: HOW TO SHROUD YOURSELF WITH NIGHT hat mit angezogener Härteschraube und der üblichen verkaterten Melancholie ordentlich Potenzial.

BJÖRN SPRINGORUM

LONG DISTANCE CALLING

Eraser

Instrumental Metal

EAR/EDEL (9 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz 4

5,5

Mit dem Überthema ihres achten Albums treffen die Münsteraner Instrumentalmetaller Long Distance Calling voll ins Schwarze – entpuppt sich ERASER doch als Konzeptwerk zum Komplex Artensterben (ins Detail geht unsere Story). Entsprechend leitet ‘Enter: Death Box’ mit traurigem Klavier perfekt ins Geschehen ein, um sogleich vom dramatisch riffenden ‘Blades’ überlagert zu werden – hier zeigt sich das unter anderem mit Zutaten von Post- wie Progressive Rock und -Metal hantierende Quartett in alter Stärke, die zuletzt bei den Kirchenkonzerten eruptierte. Während Stücke wie ‘Kamilah’, ‘500 Years’ und ‘Giants Leaving’ gekonnt sachte Klänge und fließende Passagen mit furiosem Auftrumpfen und potenter Riff-Macht vereinen, beeindruckt ‘Sloth’ zusätzlich mit stimmungsvollem Saxofon (gespielt von Shinings Jørgen Munkeby). Überhaupt steht der warme Klang dank des natürlichen Ansatzes (inklusive der Verwendung von Streichern in ‘Blood Honey’ und ‘Eraser’) deutlich im Kontrast zum vorherigen Werk, das aus thematischen Gründen einen synthetischeren Sound verlangte. Auf ERASER prallt indes die faszinierende Schönheit der Schöpfung auf das unbarmherzige, alles zermalmende Rad der Zeit – doch wer hätte ahnen können, dass sich das Verschwinden der Giganten in derart packende, auch ohne Worte tief bewegende Musik übersetzen ließe?

KATRIN RIEDL

LUGNET

Tales From The Great Beyond

Hard Rock

PRIDE & JOY/SOULFOOD (10 Tracks / VÖ: 26.8.)

Der Zweitling der schwedischen Rocker Lugnet ist ein Werk, das einen zwiegespalten zurücklässt. Einerseits ist es nämlich reif, kreativ und schlichtweg gut – andererseits macht es einen inkonsequenten und irgendwie allgemein verwirrten Eindruck. Das liegt vor allem an einer Tatsache: Die Band, bei der mittlerweile Mitglieder von Angel Witch, Troubled Horse und mit Johan Solander ein gänzlich neuer Sänger beteiligt sind, kann sich offenbar nicht entscheiden, was für Musik sie eigentlich spielen will. Hard Rock der alten Schule mit Jon Lord-Gedächtnisorgel

4 und bluesigen Gitarrensoli? Gerne! Angedoomter, Sabbathiger Riff-Rock mit Prog-Einschlägen? Auch das! Psychedelische Gitarreneffekthascherei in Überlänge? Ja, bitte! An und für sich sind das alles tolle musikalische Angelegenheiten – die Lugnet (was auf Schwedisch Ruhe bedeutet) auch definitiv beherrschen. Nur säuft das Album dadurch leider teilweise in der eigenen Ambition ab. So wird der Hörer zum Beispiel mit ‘In Harvest Time’, einem rasanten Hüftschwinger, der auch aus dem Spätwerk einer Siebziger-Größe entstammen könnte, aufgeheizt, nur um danach mit ‘Another World’ mit durch den Phaser gejagten Stoner-Riffs und wabernder Räucherstäbchenatmosphäre abgekühlt zu werden. Beides gute Songs – aber vielleicht nicht zusammen auf einem Album. Wer über solch einen Mischmasch hinwegsehen kann, bekommt mit TALES FROM THE GREAT BEYOND definitiv ein starkes Album.

SIMON LUDWIG

MACHINE HEAD

Of Kingdom And Crown

Thrash Metal

NUCLEAR BLAST/RTD (13 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz 10

5,5

Okay, in der Nachbetrachtung sind wir uns einig: CATHARSIS (2018) entpuppte sich als Experiment ohne rechtes Ziel, war für Machine Head aber wichtig, um sich stilistisch zu finden. Auf OF KINGDOM AND CROWN wissen sie wieder, wo sie hinwollen – und peinlicher als die stilisierten Os im Albumnamen und sämtlichen Song-Titeln wird’s dabei nicht. Das Konzept fällt kaum auf – im Gegenteil: Obwohl ihr zehntes Studiowerk wie aus einem Guss wirkt, zeigen sich Machine Head durchweg Song-orientiert. OF KING-DOM AND CROWN ist eine Rückbesinnung auf THE BLACKENING (2007) und UNTO THE LOCUST (2011) – auf jene Phase also, in der Robb Flynn und seine (seither einmal komplett ausgetauschte) Mannschaft die perfekte Balance zwischen Thrash-, Nu- und Heavy Metal gefunden hatte. Demnach finden sich hier mit beispielsweise ‘Choke On The Ashes Of Your Hate’ wütende, schnell thrashende Knochenbrecher, ausladende Hymnen wie ‘Slaughter The Martyr’, Psychoattacken à la ‘Become The Firestorm’ und Alternative Metal-Hämmer der Marke ‘Unhallowed’ (mit starkem Klargesang). Nicht nur das Metallica-mäßige Groove-Monster ‘Kill Thy Enemies’ zehrt vom beeindruckend zupackenden Sound (erneut produziert von Flynn und Zack Ohren). Wann immer man glaubt, das Album sei auserzählt, überrascht es mit einer weiteren Wendung – also exakt so wie Machine Head als Ganzes. OF KINGDOM AND CROWN mag – für Machine Head-Verhältnisse – nicht sonderlich innovativ sein, dafür aber stets kompetent, manchmal sogar begeisternd umgesetzt.

SEBASTIAN KESSLER

NEU AUFGELEGT

Gates Of Ishtar THE DAWN OF FLAMES (MDD/Alive) Auf der zweiten Band-Platte THE DAWN OF FLAMES wurde die halbe Belegschaft von Gates Of Ishtar ausgetauscht, und Sänger Mikael Sandorf übernahm zusätzlich den Bass. Die Sound-Qualität ist angenehm oldschoolig, man könnte auch amateurhaft sagen – definitiv aber nostalgisch. Fans sollten zugreifen. (FLORIAN BLUMANN)

Gates Of Ishtar AT DUSK AND FOREVER (MDD/Alive) Hört man sich die dritte und letzte Scheibe AT DUSK AND FOREVER von Gates Of Ishtar an, ist der Untergang dieser Melodic-Deather umso bedauernswerter. Kurz nach der Veröffentlichung im Jahr 1998 verschwand der Besitzer von Invasion Records auf mysteriöse Weise, es folgten Konkurs und Auflösung der Band. Die remasterte Neuauflage von 2017 ist bereits vergriffen, hiermit gibt es für Liebhaber eine neue Chance. (FLORIAN BLUMANN)

Nevermore THE POLITICS OF ECSTASY (MDD/Alive) Die zweite, derzeit vergriffene Platte der Prog-Thrasher kommt nun als Rerelease: Größte Stärken sind die Gitarrenduelle sowie der Gesang des vor fünf Jahren verstorbenen Frontmanns Warrel Dane. 1996 als Konzeptalbum angesehen, wurde dem Album Sperrigkeit vorgeworfen, was auch heute noch zutrifft – erst vier Jahre später lockerte sich das Spiel. (FLORIAN BLUMANN)

Nevermore DEAD HEART IN A DEAD WORLD (MDD/Alive) Die 2000er-Scheibe bewusst eingängiger gehalten, erreichten Nevermore hiermit ihren Höhepunkt. Auch für Gründungsmitglied Jeff Loomis gilt sie als seine liebste Platte. Speziell ‘The River Dragon Has Come’ und ‘The Heart Collector’ besitzen einen schönen Groove. (FLORIAN BLUMANN)

Shatter Messiah HAIL THE NEW CROSS (MDD/Alive) Ex-Annihilator Gitarrist Curran Murphy wollte den Stil seiner alten Kollegen sowie den seiner Livesession-Freunde Nevermore kombinieren und im Projekt Shatter Messiah verfestigen. Das dritte Werk HAIL THE NEW CROSS erschien zwar, verschwand aber wegen geringer Verbreitung in der Versenkung. Leider kommen die acht Titel nicht über den Stempel „Ganz nett“ hinaus, für Fans genannter Bands ist die Platte aber einen Hördurchgang wert. (FLORIAN BLUMANN)

MAD MAX

Wings Of Time

Heavy Metal

ROAR/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: 2.9.)

4,5

WINGS OF TIME ist in fast jeder Hinsicht ein Knotenpunkt für die Münsteraner Leichtmetaller: Es ist das erste Album mit dem neuen Nachwuchszuckerstimmchen Julian Rolinger, das 15. Album generell, und auch noch das Jubiläumswerk zum 40. Jahrestag. Es gibt also allerhand zu feiern – und das tut die Truppe um Jürgen Breforth mit einem Werk voller musikalischer Versiertheit, guter Laune und mittelmäßigem Songwriting. Wie schon beim unlängst erschienenen Vorgänger STARCHILD RISING (für etwas Verwirrung sorgt, dass der gleichnamige Song nun auf diesem Album enthalten ist) hält sich die Band streng an den Achtziger-Haarspray- und -Spandex-Rock-Kodex, den Hit-Macher wie Whitesnake oder Bon Jovi in den „Rock Of Ages“ gemeißelt haben. Damit besinnen sie sich ebenfalls ihrer eigenen bisher erfolgreichsten Tage – Parallelen zu ihrem 1987er-Erfolg NIGHT OF PASSION dürfen durchaus gezogen werden. Und das ist durchaus gewollt, immerhin versteckt sich mit ‘Days Of Passion’ eine offenkundige Huldigung an den musikalischen Meilenstein. Ganz das Niveau erreichen sie zwar nie, aber Songs wie der vorwärts rockende Choruskracher ‘Miss Sacrifice’ oder der mit seinen harmonisierten Twin-Gitarren bezirzende Groover ‘A Woman Like That’ machen genug Spaß, um der Platte einen Dreh zu geben. Allerdings lässt sich an solchen Titeln auch unschwer erkennen, dass die Band zwar einerseits ihren aufgezwungenen Glaubensschmonz abgelegt hat, in Sachen Texterei aber auch keine Preise gewinnen werden.

SIMON LUDWIG

MEGADETH

The Sick, The Dying... And The Dead!

Thrash Metal

UNIVERSAL (12 Songs / VÖ: 2.9.)

Platz 2

5

Das Line-up wurde seit dem Vorgängeralbum mal wieder gut durchgerührt. Mit Dave Mustaine im Zentrum darf sich Fan jedoch sicher sein, was ihn bei Megadeth erwartet und in welcher Qualität – zumindest in einem gewissen Toleranzrahmen. Nachdem DYSTOPIA (2016) schon wieder in die richtige Richtung gezeigt hatte, knüpft THE SICK, THE DYING... AND THE DEAD! ziemlich nahtlos daran an. Die arg radiotauglichen Rock-Anleihen von SUPER COLLIDER (2013) gehören der Vergangenheit an, stattdessen regieren Thrash, Riffs und Soli. Gewaltattacken sind natürlich nicht zu erwarten, doch gelingt es jedem Song auf seine Weise, zupackend und kantig rüberzukommen und zugleich mit starken Melodien aufzutrumpfen. ‘Life In Hell’ und das abschließende ‘We’ll Be Back’ klingen regelrecht frisch und wild, ‘Soldier On!’ nach Frontalangriff, und ‘Dogs Of Chernobyl’ angemessen beklemmend. ‘Sacrifice’ fällt mit mystischer Atmosphäre heraus, ‘Night Stalkers’ mit einem prächtigen Galopp und saucoolem Ice-T-Feature. Aufgebrochen werden die Stücke immer wieder durch beeindruckende Solo-Eskapaden und besonders liebevoll herausgearbeitete Höhepunkte. Was will man mehr? Ihre grundlegende Kauzigkeit und teilweise Unnahbarkeit werden Megadeth in diesem Leben nicht mehr los, doch die Trefferquote und das Energie-Level von THE SICK, THE DYING... AND THE DEAD! unterstreichen, dass auch 2022 noch mit ihnen zu rechnen ist.

SEBASTIAN KESSLER

MONSTER TRUCK

Warriors

Hard Rock

BMG (10 Songs / VÖ: 9.9.)

Platz 16

4

Zuletzt machten die Kanadier eher aufgrund ihrer Asi-Assoziation mit Kid Rock Schlagzeilen, indem sie im Video zu dessen provokanter Neuinterpretation ihres Songs ‘Don’t Tell Me How To Live’ auftraten. Ein Schachzug, der vor allem den peinlich berührten Landsmann Danko Jones als Moralinstanz auf den Plan rief. Rassismus und rechten Konservatismus, den man Rock zu Recht vorwerfen kann, sucht man bei dem fast schon unbedarft wirkenden Trio (Schlagzeuger Steve Kiely verließ unlängst die Band, die nun mit einem Livedrummer arbeitet) auf ihrem vierten Album jedoch vergebens. Musikalisch sonderlich inspirierte Visionen allerdings ebenso. Zwar verstehen es Monster Truck durchaus, sämtliche Insignien des klassischen Breitbein-Rock (die Musikrichtung, nicht Kid) mit ein paar moderneren (leider manchmal zu Nickelback-nahen) Elementen aufzupeppen, sind dabei aber trotz ihrer Anstalten, auch im Southern Rock-Segment punkten zu wollen, weit weniger authentisch als etwa Black Stone Cherry. Womit vielleicht ein Vergleich aus der von der Band durchaus favorisierten Stilperiode, den Siebzigern, am besten greift: Monster Truck sind vermutlich die Grand Funk Railroad unserer Zeit – allerdings (noch) ohne deren auch damals unfassbaren Erfolg.

FRANK THIESSIES

MORBID EVILS

Supernaturals

Death Doom

CODE 7/TOR (4 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Vier bleischwere, ultralangsame, atmosphärische Titel verwöhnen alle Anhänger des gemäßigten Stampf-

Death Dooms. Kürzester Song: ‘Tormented’ mit neun Minuten. SUPERNATURALS, der Name des dritten Albums der Finnen Morbid Evils, trifft dabei recht passend auf das Sound-Gewitter zu, welches die drei Herren bieten. Erst ziehen die dunklen Wolken in jedem Song auf, bis sie sich nach einigen Minuten entladen. Wenn ‘Fearless’ nach vier Minuten aus dem Quark kommt, treten dank des vorherigen mühseligen Gangs durch die düsteren Doom-Gefilde Momente der Begeisterung durch. Rhythmisch und groovend packen die Riffs den Hörer am Kragen, Sänger Keijo Niinimaa holt mit seinem Death-Gesang aus, um dem niederen Konsumenten den Tod zu verkünden. Schade, dass es sich in ‘Anxious’ etwas zieht, bis die Zerstörungswut zum Vorschein kommt. Doch wenn diese einmal da ist, ist die Sound-Wand kaum zu bremsen und erschlägt mit geballter Brutalität. Highlight ist das Titelstück, ein Biest direkt aus der Hölle, schön abwechselnd zwischen dem schnellen, fast schon Thrashangelehnten Schlagzeuggeholze und langgezogenen Melodien. Alle Freunde der Finsternis können sich hiermit bestens für 40 Minuten in den apokalyptischen Abgrund begeben.

FLORIAN BLUMANN

MOTORPSYCHO

Ancient Astronauts

Progressive Rock

STICKMAN (4 Songs / VÖ: erschienen)

Um die Entstehung (und das klangliche Ergebnis) von ANCIENT ASTRO-NAUTS, dem jüngsten Studio-Output der seit 1989 aktiven norwegischen Band etwas besser zu verstehen, muss weiter ausgeholt werden: Während der Pandemie beschränkte sich das Trio nicht auf zwei Alben (THE ALL IS ONE und KINGDOM OF OBLIVION), sondern lenkte seine kreative Energie auch in ein (bislang unveröffentlichtes) Film-Performance-Konzept mit einer Theatertruppe sowie die musikalische Untermalung einer Tanz-Performance. Zwei (ellenlange Instrumental-)Stücke aus Letzterer, ‘Mona Lisa/Azrael’ und ‘Chariot Of The Sun – To Phaeton On The Occasion Of Sunrise (Theme From An Imaginary Movie)’, finden sich auf diesem Album wieder und unterstreichen einmal mehr die Pink Floyd-nahen (Score-)Kompetenzen der Nordlichter. Und während die Aufnahmeabwesenheit des in Stockholm residenten Langzeit-Kollaborateurs Reine Fiske (Gitarre/Keyboards) und die daraus resultierende, erzwungene Reduktion auf das Kerntrio ebenso auf damals herrschende Coronaregularien zurückgeht, sahen sich Motorpsycho dafür mit dem ewigen musikalischen Weggefährten Helge „Deathprod“ Sten als erneutem Produzenten vereint. Kurzum: Neue Musik von einer Band, die nahtlos an den kosmischen Schallgrenzen von Psychedelic, Prog und Space Rock operiert und den Kauf exorbitant teurer Kopfhörer mit jeder Veröffentlichung rechtfertigt.

FRANK THIESSIES

STREITFALL

PARKWAY DRIVE

Darker Still

Metalcore

EPITAPH/INDIGO (11 Songs / VÖ: 9.9.)

6

Die beiden Vorab-Songs ‘Glitch’ und ‘The Greatest Fear’ haben es bereits angedeutet: Die Australier gehen den Weg, den sie seit IRE (2015) eingeschlagen und mit REVERENCE (2018) fortgeführt haben, konsequent weiter. Und dieser Pfad entfernt Winston McCall und Co. noch mehr von ihren Hardcore-Ursprüngen. Klar, Gitarren, Bass und Schlagzeug klingen nach wie vor mega fett, aber von sonischen Vermöbelungen wie auf den früheren Werken sind nurmehr Spuren übrig. Stattdessen regieren überall Melodien und Hooklines – beim Gesang, den Licks von Jeff Ling, den Riffs von Luke Kilpatrick. Neben den bereits erwähnten Liedern drängen sich mit ‘Ground Zero’, ‘Imperial Heretic’ und ‘Land Of The Lost’ förmlich mindestens drei weitere Single-Auskopplungen als potenzielle Hits auf. Doch auch das experimentelle ‘If A God Can Bleed’ mit seiner Klaviermelodie, seinem tanzbar-schlurfenden Beat und dem eingängigen Refrain hat seinen Reiz. Nicht zu vergessen der Titel-Track: eine unfassbar mitreißende, epische Power-Ballade mit bluesigen Soli, Pfeifereien und Breitseiten-Finish. DARKER STILL weist klar in Richtung großer Konzerthallen. Parkway Drive mögen damit ihre langjährigen Fans weiterhin verprellen. Wen interessiert’s? Deren Pech!

LOTHAR GERBER

PARKWAY DRIVE

Darker Still

Metalcore

EPITAPH/INDIGO (11 Songs / VÖ: 9.9.)

3,5

Mit „langjährige Fans verprellen“ zielt Herr Gerber genau in meine Richtung. Und recht hat er: Vielleicht ist es nur die eigene Schuld beziehungsweise Blockade, die den neuen Stil von Parkway Drive nicht erschließen kann. Seit IRE ziehen die Australier ein riesiges Publikum an und führen als Headliner die Festivals. Vorgenanntes Album konnte aber im Gegensatz zu DARKER STILL mit einigen Hardcore-Momenten überzeugen. Als sich die Band mit REVERENCE in die neue musikalische Ära wagte, spaltete sich die Anhängerschaft. Die Hoffnung, dass auf die Stimmen von frühen Hörern eingegangen wird, ist nun, vier Jahre später, passé. Frontmann Winston McCalls Sprech-/Rap-Gesang wird maßlos überzogen und ist in nahezu jedem Song vertreten. Der erwähnte experimentelle Ansatz sowie die eingängigen Melodien sind nett, retten aber auch nicht die ziemlich eintönigen Song-Konstrukte, welche sich nach spätestens der Hälfte schon schleppend anfühlen. Es fehlen einfach die krachenden Momente von DEEP BLUE und die Mitgröltitel von ATLAS, die einen immer wieder wohlig wachrütteln. Parkway Drive anno 2022 klingen noch gewollter nach Mehrzweckhalle als bisher. Diese werden sie auch locker mit frischen Fans füllen, während sich alte Freunde auf die ersten vier Platten besinnen.

FLORIAN BLUMANN

Platz 2

MUTZ AND THE BLACKEYED BANDITZ

Stardust

Rock

MTBB/CARGO (11 Songs / VÖ: erschienen)

Plat z

26

3

Obwohl es sich bei STARDUST um ein Debütalbum handelt, ist der Kopf dahinter kein Unbekannter: Sänger Moritz „Mutz“ Hempel ist seit zwanzig Jahren bei Drone, darüber hinaus veröffentlichte er solo Musik. Mutz And The Blackeyed Banditz entstanden nun aus einer ‘Mutz & Gäste’-Show, die Gruppierung wurde beibehalten. Und trotz Erfahrung haben sie mit STARDUST nichts Herausragendes geschaffen. Dabei beginnt das Album schwungvoll: Der Opener ‘Hammer Of The Gods’ geht nach vorne, Mutz’ raue Stimme passt zur anheizenden Stimmung und kratzt stellenweise sogar so sehr, dass sie fast schon Metal anmutet – ein interessanter Zusatz in einem Rock-Song. Auch weiterhin hat STARDUST seine Momente, darunter das Anfangs-Riff von ‘All Along’ oder die Hintergrundgitarre in ‘Blessed By The Devil’, nur leider greifen Mutz und seine Banditen diese dann nicht vollständig auf, ziehen sie nicht in den Vordergrund. Das macht die Tracks austauschbar – vor allem, weil STARDUST ab der Hälfte fast ausschließlich Balladen birgt. Zwar nehmen zum Schluss hin auch die Country-Einflüsse im klassischen Rock-Sound zu, aber wirklich spannend wird das – immerhin klanglich konsequente – Album dadurch nicht. Es fehlt eine Kante in dem Ganzen, etwas Außergewöhnliches – die Atmosphäre ist vergleichbar mit Me And That Man, doch wo Nergal und seine Truppe ganz eindeutig ein Alleinstellungmerkmal haben, bieten Mutz And The Blackeyed Banditz übertragen eher den Blues, als ihn dem Hörer wirklich überzeugend zu spielen.

NORMA JEAN

Deathrattle Sing For Me

Metalcore

SOLID STATE/MEMBRAN (13 Songs / VÖ: erschienen)

Die Genre-Veteranen aus Douglasville, Georgia sind immer dann am besten, wenn sie keinen Metalcore machen. Denn meint das Quintett, auf seinem nunmehr neunten Longplayer besonders krass und hart zupacken zu müssen (oder zu wollen), geraten der Gesang und die Gitarren überaus kratzbürstig (‘1994’, ‘Spearmint Revolt’). Dadurch erscheint das Ergebnis meist einfach nur stumpf und unerträglich chaotisch. Schauen die Herren Brandan, Stewart, Marquez, Farris und Crenshaw allerdings über den musikalischen Tellerrand hinaus, wird es schnell interessant. ‘Call For The Blood’ beispielsweise mit seinem cool schleppenden Beat, dem Chino Moreno-artigen Klargesang und dem verspielten, durch einen Octaver gejagten Gitarren-Lick. Auch bei ‘Memorial Hoard’ stellt sich ein warmes Deftones-Gefühl ein. ‘Parallella’ mag nur als Interlude durchgehen, ist aber vielleicht das spannendste Lied auf DEATHRATTLE SING FOR ME.

LOTHAR GERBER

NOVELISTS FR

Déjà Vu: Première Partie

Metalcore

OUT OF LINE (12 Songs / VÖ: 2.9.)

Novelists FR schreiben ihrem Namen getreu nicht nur neue Geschichten. Sie erschaffen auch ihren ganz eigenen Kosmos, in den man stürzt wie Alice in den Kaninchenbau. Heute sind die Franzosen kaum wiederzuerkennen. Neu sind der deutsche Sänger Tobias Rische (seit 2020) und Gitarrist Pierre Danel von unter anderem Kadinja, der sich mit dem Gründungsgitarristen Florestan Durand auf dem vierten Werk DÉJÀ VU: PREMIÈRE PARTIE heftige Duelle liefert. Und Bassist Nicolas Delestrade glänzt nun mit düsterem Klargesang, wie direkt im Opener ‘Smoke Signals’. Hier zeigen sie schon alles, was sie haben – die Hooks, fiese Breakdowns und diese djentige Fusion-Gitarre, die aus dem Nichts einen Tornado von Skalen aufhetzt. Klar ist auch, die Reise geht in Richtung Bring Me The Horizon. Aber da ist mehr. ‘Heretic’ offenbart Risches Größe im markerschütternden Refrain. Alles getoppt vom Feature des Landmvrks-Sängers Florian Salfati, der fast rappt, wenn er die Strophe shoutet. Kratzige Synthies treiben die Riff-Melodien im Hintergrund. Furiose Soli flitzen vorbei. Dann ein ‘Colas’, das sich mit Raum für Ruhe schmückt, sanfte Sphären gleiten vor und zurück. Und schon schlägt ‘Made By Design’ ein wie ein Kometenhagel. Halsbrecherische Riffs, Horror-hafte Breakdowns, durchstochen von verzerrten Synthie-Spielereien, bevor wieder diese Pink Floyd-Solo-Gitarre nach den Sternen greift. Novelists FR malen ein wildes Bild aus vielen Puzzleteilen. So bleibt es nicht immer leicht, den bunten Geistern der Franzosen hinterherzueilen, wenn mit ‘-Eerre-’ ein Meisterwerk der Klassikgitarre auftaucht, bevor der Pop- Song ‘The Answer’ von brutalen Riffs zerstückelt wird. Ein Album voller Überraschungen, eine Gratwanderung zwischen Sinnlichkeit und Härte.

4

5

VINCENT GRUNDKE

OZZY OSBOURNE

Patient Number 9

Heavy Metal

EPIC/SONY (13 Songs / VÖ: 9.9.)

5,5

Nein, dass mit Post Malone oder Travis Scott auf der letzten Ozzy-Scheibe ORDI-NARY MAN (2020) Künstler auftraten, die dem Heavy-Universum eher fremd waren, hat mich nicht irritiert – es war die Produktion, die so aufdringlich modern gehalten war, dass man den Eindruck bekam, man müsste Ozzy auf Gedeih und Verderb beim Jungvolk anbiedern. Zwei Feststellungen: 1. Das hat diese Legende nicht nötig. 2. PATIENT NUMBER 9 stellt sich klanglich organischer auf und erinnert an die Soloscheiben aus den Achtziger Jahren: leicht bizarr, phasenweise überdreht, voller Charakter, durchsetzt mit fantastischen Hooklines, ein Mix aus klassischem Hard Rock, Balladen, Spleens und Heavy Metal. Die Gästeliste dieser Scheibe sprengt komplett den Rahmen und dokumentiert einerseits die Aura des Frontmanns, wirkt aber auch leicht überfrachtet (Namedropping, jemand?): Tony Iommi, Jeff Beck, Eric Clapton, Chad Smith, Duff McKagan, Rob Trujillo, Josh Homme, der im März verstorbene Taylor Hawkins und der (zum Glück) unvermeidliche Zakk Wylde – alle erweisen dem Madman ihre Ehre und machen ihre Sache sehr gut. PATIENT NUMBER 9 glänzt mit typischen Ozzy-Gassenhauern (Titel-Song, ‘No Escape From Now’, ‘Mr. Darkness’, ‘Evil Shuffle’, ‘Dead And Gone’), nachdenklicheren Momenten (‘One Of Those Days’, ‘A Thousand Shades’, ‘Nothing Feels Right’, ‘God Only Knows’) und dem unvergleichlichen Osbourne-Charakter am Mikro. Es gibt aber auch Schwachstellen: ‘Immortal’ mit Pearl Jam-Gitarrist Mike McReady wirkt unrund beziehungsweise unvollendet, ‘Parasite’ ist produktionstechnisch ein schlimmer Rückgriff auf die letzte Scheibe, und ‘Degradation Rules’ kommt trotz cooler Mundharmonika im Chorus nicht aus dem Quark. Nichtdestotrotz ein richtig starkes, authentisches Ozzy-Werk.

MATTHIAS WECKMANN

PARASITE INC

. Cyan Night Dreams

Melodic Death Metal

REAPER/WARNER (10 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 22

4

Auf ihrem dritten Studioalbum legen die schwäbischen Parasite Inc. gleich los, als wäre der Teufel hinter ihnen her. ‘I Am’ klingt im besten Sinne wie alte Children Of Bodom, At The Gates oder gar Sentenced – und hat nach drei Minuten alles gesagt. Ein furioser Einstieg, der in der Folge punktuell abgebremst wird. Das Titelstück mit seinen klaren Verweisen auf In Flames ist solch ein Beispiel. Klargesang in diesem Genre ist ohnehin Geschmackssache, aber die Parasiten laufen immer dann zur Höchst-

form auf, wenn Frontmann Kai Bigler das Reibeisen herausholt und mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch herumkeift. Dann funktionieren die allgegenwärtig pluckernden Keyboards und eingängigen Refrains nämlich hervorragend als Kontrast. Wagt sich die Truppe zu sehr in melodische Gefilde vor, wird die Musik schnell zur Stangenware (‘Under Broken Skies’, ‘Into Destruction’). Unterm Strich also ein Album mit Stärken und Schwächen und sehr deutlichen Skandinavien-Verweisen, das mit Sicherheit seine Liebhaber finden wird. Weitere Anspieltipps sind der Ohrwurm ‘In False Light’ und das bedrohlich heranrollende ‘Follow The Blind’.

MARC HALUPCZOK

REMAINS

Grind Til Death

Grind

SPIKEROT (18 Songs / VÖ: erschienen)

Auch im sonnigen Melbourne scheinen die Menschen auf bösen Grind zu stehen. Die frisch gegründeten Remains nehmen ihre musikalische Einordnung direkt im Titel des Debüts GRIND TIL DEATH vorweg. Manchmal etwas zu schnell für Death, dann zu soft für Grind – also ein Mix aus beidem. 18 geradlinige Songs pusten dem Hörer in einer halben Stunde den Staub aus den Ohren, leider ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Zwar bieten manche Stücke wie ‘Shot Dead’ ein paar nette Rhythmen, und andere (‘Body In The Bin’) können mit ihrer unerbittlichen Härte etwas den Nacken stimulieren, rauschen dann aber belanglos durch den Kanal. Frontmann Tony Forde, der mit seinen Nietenarmbändern mehr nach Rob Halford als Grind aussieht, growlt die 30 Minuten ohne negativ aufzufallen durch. Jedoch geht sein Wirken nicht über die übliche Genre-Kost hinaus. Schlagzeuger Jay Jones erfüllt mit seinen durchpeitschenden Drums den Grind-Standard, die Riffs hat man allesamt schon mal gehört. Nach etwa der Hälfte verliert die geballte Aggression ihren Reiz und hängt in der Luft. GRIND TIL DEATH ist kein schlechter Einstieg, den Nummern fehlt es jedoch an Reiz und Besonderheiten, die sie aus dem Genre-Sumpf rausheben sollten.

FLORIAN BLUMANN

REVOCATION

Netherheaven

Death Metal

METAL BLADE/SONY (9 Songs / VÖ: 9.9.)

Platz 12

3

4,5

Dass die Bostoner Revocation unter der Ägide von Songwriter und Growler Dave Davidson wahre Meister ihres todesmetallischen Fachgebiets und handwerkliche Genies sind, dürfte hinlänglich bekannt sein. Das aktuelle Beweisstück nennt sich NETHERHEAVEN und ist dem Gedenken an Trevor Strnad gewidmet, dessen Abgang die Szene kürzlich erschütterte – im Finale ‘Re-Crucified’ ist der The Black Dahlia Murder-Sänger neben George „Corpsegrinder“ Fisher zu hören. Davon abgesehen prallen auf dem 45-Minüter, der sich thematisch mit dem Konstrukt der Hölle befasst und dementsprechend teuflisch Gift und Galle geifert, brutaler Death Metal, technischer Anspruch und spielerische Finesse aufeinander. In ihren zumeist längeren Stücken gelingt es Revocation immer wieder, aus zunächst sperrig anmutenden Konstrukten ziemlich eingängige Passagen herauszukitzeln, die gekonnt am Schlafittchen packen (‘Lessons In Occult Theft’, ‘Strange And Eternal’, ‘The Intervening Abyss Of Untold Aeons’); mitunter entfesseln sie sogar apokalyptische Monster wie ‘Galleries Of Morbid Artistry’ (gefolgt von einem schwungvollen Instrumental). Easy Listening mag das (noch) nicht sein – aber wer zuhört, kann auf dem achten Album der Amis durchaus einige Tech Death-Hits finden und sich auf deren eindrucksvolle Live-Darbietung freuen.

KATRIN RIEDL

RUSSIAN CIRCLES

Gnosis

Post Metal

SARGENT HOUSE/CARGO (7 Songs / VÖ: erschienen)

Nicht lange reden, machen: Die US-Instrumental-Post-Metaller Russian Circles ziehen ihr Ding konsequent durch und zeigen sich drei Jahre nach BLOOD YEAR weiter auf der harten Linie. Und ich freue mich schon, wie das die Mainstream-Musikpresse, die der Band aus Chicago nach ihren früheren, sehr fluffigen, cineastischen Post Rock-Tapeten weitgehend aus der Hand frisst, im aktuellen Zeitgeschehen einordnen wird. Was eigentlich kaum der richtige Ansatz für diese Musik ist: GNOSIS ist eine Einladung, sich zu verlieren, wobei speziell in der ersten Hälfte das Album massive Riffs unwiderstehliche Verlockungen aussprechen. Große Gesten, tonnenschwere Präsenz, und dennoch leichtfüßig von einem Arrangement zum nächsten wechselnd – Russian Circles bleiben das Maß der Dinge im instrumentalen Metier, wenn ihr mich fragt. Ihr aktueller Stammproduzent Kurt Ballou hat das Ganze zur Abwechslung auch mal so gemischt, dass einem nicht gleich die Ohren bluten: Die Lautheit verschafft GNOSIS Dringlichkeit, Dynamik geht zwar anders, aber immerhin sind die Instrumente sehr sauber differenziert. Und da ja auch nicht überall rumgebrüllt wird, passt das.

ROBERT MÜLLER

SHE BITES

Superhero

Hard Rock

PRIDE & JOY/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: erschienen)

Wenn es um eine Fusion von Soul und Rock geht, denkt man in erster Linie an eher im Blues verwurzelte Oldtimer wie Humble Pie oder Poppigeres der Marke Huey Lewis And The News. Die Kölner Band She Bites geht mit ihrem zweiten Album aber in eine ganz andere Richtung: Sie setzt auf eine Mischung aus dem kräftigen, Motown-mäßigen Gesang der neu hinzugestoßenen Sängerin Marion Welch und harten, modern klingenden Gitarren-Sound. Das

5

3 macht vom Prinzip her erst einmal neugierig – und im Fall von SUPERHERO trotz des ungewöhnlichen Genre-Mixes einen ziemlich altbackenen Eindruck. Irgendetwas stimmt nicht. Und das, obwohl bei dieser Platte offensichtlich viel Talent am Werk war. Marion hat eine Wahnsinnsstimme, und der Gitarrist legt ein paar echt fetzige Riffs und Licks an den Tag. Bei Stücken wie dem Achtziger-Power Rock-Flashback ‘Holy Ground’ oder dem balladigen Duett mit Hard Rock-Legende Dan Reed stehen die Sterne richtig. Aber trotz solcher Lichtblicke fehlt dem Album einfach das, was man gemeinhin als Rock’n’Roll-Spirit bezeichnet. Der Sound ist stellenweise ziemlich dünn, und die meisten Songs hat man schon wieder vergessen, bevor sie überhaupt vorbei sind. Da hätte sich die Band etwas mehr von ihrem eigenen Namen inspirieren lassen und mehr Biss auf die Platte packen sollen.

SIMON LUDWIG

SIGH

Shiki

Black Metal

PEACEVILLE/EDEL (10 Songs / VÖ: 26.8.)

Platz 15

5,5

Es ist der Beginn des vierten Zyklus’ von Sigh-Alben (deren Titel in jedem Zyklus nacheinander mit S, I, G und H anfangen), und eines, dass der Chef der japanischen Psychedelic-Black-Metaller, Mirai Kawashima, dem Herbst seines Schaffens zuordnet. Mittlerweile 52 und seit 32 Jahren mit Sigh aktiv, mag es tatsächlich ein guter Zeitpunkt sein, die Proto Black Metal-Anfänge der Band und die Midlife-kriselnde, manisch bis irre vorgetragene Avantgarde-Achterbahnfahrt zusammenzuführen. SHIKI ist ein beizeiten wundervolles multiinstrumentales Kaleidoskop, durch das sich ein Faden melancholischer Endzeitakzeptanz webt. Relativ geradlinige Black-Rocker wie ‘Shoujahitsumetsu’ treffen auf irritierend gespaltene Songs wie ‘Shikabane’ mit seinem wirren 8-Bit-Electro-Break, und psychedelische Maximal-Trips wie das „Fahrstuhlmucke aus der Psychiatrie“-Teil ‘Fuyu Ga Kuru’, das brandheiß in meine A Forest Of Stars/Ashenspire-Playlist gewandert ist. Im Kern bleibt festzuhalten, dass es hier genug solide Riffs gibt, die den ganzen Wahnsinn zusammenhalten und den dekadenten Varieté-Charakter im Zaum halten. Insofern ein ebenso nüchternes wie berauschendes Spätwerk der japanischen Meister der Andersartigkeit.

ROBERT MÜLLER

SIX BY SIX

Six By Six

Progressive Rock

INSIDEOUT/SONY (10 Songs / VÖ: erschienen)

6

Man tappt nicht allzu lange im Dunkeln bei der Frage, um welche Art Musik es sich beim neuen Projekt Six By Six handeln könnte – zu aussagekräftig sind allein die Namen der Beteiligten: Saga-Gitarrist Ian Crichton, Saxon-Schlagzeuger Nigel Glockler und Emerson/Palmer-Bassist/Keyboarder/Sänger Robert Berry. Hier mischt sich – vergangenheitstechnisch gesehen – also Mainstream der Achtziger mit der NWOBHM-Wucht und einer experimentellen Innovationskraft zwei der einflussreichsten Instrumentalisten der Progressive Rock-Geschichte. Und genau wie diese bunte Mixtur klingt folgerichtig auch das Band-betitelte Debütalbum des Trios. Berry ist speziell für die hymnischen Melodien verantwortlich, Crichton sondert wie gewohnt stakkatoartige Riffs und Licks ab, und Glockler kennt nur eine Richtung: wadenbeißende Grooves mit der Wucht eines Cozy Powell (R.I.P.) sowie filigranen Feinheiten à la Simon Phillips. Und da die Songs der Scheibe wie eine Mischung aus Saga und Giant klingen, kommt jeder Rock-Musik-Fan voll auf seine Kosten. Denn noch immer gilt, dass gute Songs stets ihr Ziel erreichen. Hand aufs Herz: Dies hier sind verdammt gute Songs!

MATTHIAS MINEUR

SLUGCRUST

Ecocide

Grindcore

PROSTHETIC/CARGO (12 Songs / VÖ: 9.9.)

Interessanter Karrierestart: Erst letztes Jahr gegründet, bringen Slugcrust nach zwei EPs und einer Single nun ihr Debüt bei Prosthetic heraus. Diese mögen es sowieso gerne divers und abwechslungsreich, insofern passen auch Slugcrust ins Extrem-Metal-Repertoire des Labels. Das Quartett aus South Carolina spielt nämlich derbe und rotzig, zwischen wütendem Grindcore und mit punkigen Riffs versehenem Crust-Punk, in ‘Demise Promise’ mit einem Bass-Sound so hoch wie der Elfenbeinturm des Grind-Nirwanas. Die Crust-Riffs sind ein wenig generisch, aber wenn es groovy wird, wie beim wilden Moshpart in der Mitte von ‘Drag Me To Agony’, fetzt ECOCIDE schon ordentlich. Auch der Titel-Track ist grooviger angelegt und bietet saucooles Riffing, an vielen anderen Stellen ballern Slugcrust aber auch einfach spontan drauflos, was mit durch den Wolf gedrehten Death Metal-Riffs (‘Swamp Mind’) an die eigentlich bereits entmetallisiertere Phase von Brutal Truth erinnert. Dies liegt neben allem Rückkopplungsfiepen und der ein oder anderen Blast-Kaskade auch an den Vocals von Jesse Byrdic, der mit der Gesamtsituation hörbar unzufrieden ist und seine Wut Genre-gerecht wild herausschreit, -keift und -growlt – manchmal auch mit einer sehr eigentümlichen Rhythmik (wie in ‘Echoless’) versehen. Dass das Album nicht viel länger als 22 Minuten dauert, stellt dank des intensiven Energie-Levels von Slugcrust kein Problem dar. Ein Band-Foto mit drei angezogenen Mitgliedern und einem nackten, der Linse zugewandten Arsch des Vierten erschließt sich hingegen nur partiell. Ist auch egal, wenn der Planet untergeht.

4

SOILWORK

Övergivenheten

Melodic Death Metal

NUCLEAR BLAST/RTD (14 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 5

6

Alle Jahre wieder grüßt das Soil- work-Verehrungs-Murmeltier – wie könnte es anders sein? ÖVERGIVEN-HETEN ist ein weiteres Stück im Puzzle der schönen Schweden-Alben. Auch bei der zwölften Platte ist Soilwork die Kreativität noch nicht ausgegangen; vom ersten Ton an holen sie ab und lassen einen nicht wieder los. Neuerdings zu sechst (Zuwachs: Bassist Rasmus Ehrnborn), klingt die Band frisch: ÖVERGIVEN-HETEN balanciert eingängige Melodien und anspruchsvolle Arrangements, ohne dabei 16-Minüter zu servieren wie die Vorgänger-EP A WHISP OF THE ATLANTIC – tatsächlich sind Soilwork hier so zugänglich wie nie. Ein Song nach dem anderen zeigt das Können von Björn Strid und seiner Truppe, gemeinsam schwanken sie zwischen Growls und Klargesang, treibenden Passagen und Schwofstellen, und bleiben dabei hochwertig. Das Album punktet damit, dass man sich hinterher an alle Tracks erinnern kann. Ausschläge nach unten bleiben aus, stattdessen stechen grandiose Momente zusätzlich hervor: In ‘Nous Sommes La Guerre’ sorgt das Einanderantreiben der Gitarren für Gänsehaut, das Riff in ‘Is It In Your Darkness’ schraubt sich einem Bohrer gleich ins Gehirn, ‘This Godless Universe’ überzeugt mit arhythmischen Stellen. Auch die auf vergangenen Alben gezeigte Affinität zum Hard Rock kommt nicht zu kurz: ‘Death, I Hear You Calling’ ist in seinen Ohrwurmqualitäten beinahe unverschämt. Und wenn man ÖVERGIVENHETEN dann zum dritten Mal in Folge hat laufen lassen, bleibt nur die Frage: Wieso ist jeder Song so gut?! Dabei sollte Musik doch genau so sein!

ANNIKA EICHSTÄDT

SPIRIT ADRIFT

20 Centuries Gone

Heavy Metal

CENTURY MEDIA/SONY (8 Songs / VÖ: erschienen)

Die amerikanischen Heavy-Metaller Spirit Adrift verneigen sich auf ihrem neuen Album einerseits vor den Künstlern, die laut ihrer Einschätzung zur eigenen DNS gehören, und präsentieren darüber hinaus zwei neue Lieder. Der Opener ‘Sorcerer’s Fate’ ist der kleine Star von 20 CENTURIES GONE, überzeugt mit Maiden-Klangharmonien, wirkt dennoch doomig-griffig und zugleich liebenswert verspielt. Der sechsminütige Siebziger-Stampfer ‘Mass Formation Psychosis’ überzeugt hingegen mit vielen atmosphärischen Wechseln und einer kraftstrotzenden Schluss-Passage. Dagegen haben es die Cover-Versionen schwer. Das Hetfield-Hasslied ‘Escape’ (Metallica) entwickelt kaum Esprit, ‘Everything Dies’ kommt an das kolossale Original von Type O Negative nicht heran, und ‘Poison Whiskey’ (Lynyrd Skynyrd) verströmt abseits der Soloarbeit zu wenig Charme. Die Gitarrenharmonien von ‘Waiting For An Alibi’ (Thin Lizzy) und das

4 kauzige ZZ Top-Element (‘Nasty Dogs And Funky Kings’) liegen Spirit Adrift eindeutig mehr. Der Höhepunkt heißt ‘Hollow’: Hiermit gelingt es der Band perfekt, den Original-Spirit von Pantera einzufangen und trotzdem mit ihrem eigenen psychedelischen Ansatz zu vermengen. Insgesamt stellt 20 CENTURIES GONE einen netten Zwischenhappen dar – mit einigem Licht, aber eben auch Schatten.

MATTHIAS WECKMANN

TAD MOROSE

March Of The Obsequious

Heavy Metal

GMR/SPV (10 Songs / VÖ: 26.8.)

Dass heute lediglich noch Gitarrist Christer „Krunt“ Andersson bei den Schweden die Gründungsmitgliedsfahne hochhält und die seit 1991 aktive Band neben personellen ebenso stilistische Schwerpunktsverlagerungen von Heavy-, Power- und Progressive Metal durchlaufen hat, ist bei einer über 30-jährigen Karriere durchaus probat. Den Kitschfremdschamfaktor des Power Metal lediglich in manchen (Chor-) Arrangements zur Schau tragend, sind Tad Morose anno 2022 erfreulicherweise eher Black Sabbath als Sabaton zugetan und ziehen strecken- sowie für den Autor erfreulicherweise Queensrÿche Hammerfall vor. Womit die zuweilen etwas gellenden Höhenausbrüche von Sänger Ronny Hemlin (immerhin schon seit 2008 dabei), etliche Etüdensoli und vor allem das sich wirklich sehr gut in die Geoff Tate-Galerie einreihen lassende ‘Phantasm’ durchaus in Ordnung gehen. Ob das jedoch reicht, um mehr als den Langzeit-Fan hinter dem Ofen hervorzulocken, ist fraglich.

FRANK THIESSIES

TALLAH

The Generation Of Danger

Modern Metal

EARACHE/EDEL (13 Songs / VÖ: 9.9.)

Platz 32

4

5

Ganz ehrlich: Eine Augenbraue war beim ersten Reinhorchen weit nach oben gezogen. Denn bei der Musik von Tallah fragt man sich, ob die junge Band aus Pennsylvania das Ziel hat, den Hörer möglichst zu überreizen und mit allem abzuwerfen, was gerade herumliegt. Haut man den Kopf einigermaßen oft gegen die Wand oder gibt sich wahlweise dem Tornado aus Stör- und Verzerrgeräuschen sowie mindestens drei Rhythmuswechseln innerhalb von wenigen Sekunden hin, macht THE GENERATION OF DANGER für ein auf den ersten Reinhörer anstrengendes Sound-Konstrukt viel Laune. Vielleicht wollen Tallah damit nur von ihrem Können ablenken: Nach aggressivem Nu Metal-Rap und wildem Geschrei kommen meist gelungene Klargesangs-Passagen, die sogar ein wenig an frühe Linkin Park-Werke erinnern. Speziell in ‘The Hard Reset’ hauen einen neben dem Gesang die Riffs ordentlich aus den Socken. Die Scheibe bleibt durchgehend spannend, da man sich nie sicher ist, die Formel verstanden zu haben. Passend etwa zum

Titel ‘The Impressionist’ wird auf alle Konformen geschissen, ein ordentliches Drum-Solo eingeschleust und mit Klaviertönen ausgeleitet. Im Anschluss verteilt ‘Shaken (Not Stirred)’ Schellen, für die man gerne die Wange hinhält. Hut ab, wer die Ausdauer hat, den ganzen wilden Ritt von fast einer Stunde mitmachen zu können. Zweiflern sei gesagt: Ein paar Titel ausharren – die Sogwirkung sollte bald eintreffen. Tallah ist Nu Metal 2.0, super abwechslungsreich und durch die Härte überzeugend.

FLORIAN BLUMANN

THUNDERMOTHER

Black And Gold

Hard Rock

AFM/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Thundermother erfahren derzeit einen ziemlichen Hype. Böse Zungen haben ihre Theorien, wieso, doch wer den Schwedinnen den Erfolg nach dem fünften Album weiterhin nur aufgrund ihres Geschlechts attestiert, hat den musikalischen Schuss nicht gehört. BLACK AND GOLD beginnt nämlich bereits mit einer Menge Power. Der Opener ‘The Light In The Sky’ bietet einiges an: Schmissige Gitarren, Ohrwurmqualitäten – und Sängerin Guernica Mancini, die mit ihrer rauen Stimme selbst deklariert: „We are running this game!“ Und ein Game führen Thundermother sicher an: Das Mitreißen des Publikums. Die vier Musikerinnen haben diesen Aspekt in ihren Songs perfektioniert. Die Chöre laden zum Singen ein, und vor allem im Titel-Track schaffen sie es, durch direktes Auffordern der Gitarristin Filippa Nässil zum Solo, anschließendes Kommentieren und das „Louder!“-Anfeuern der Hörer ein Live-Gefühl zu erzeugen. Keine Frage, die Songs von Thundermother sind auf Konzerte ausgelegt. Doch Lob und Kritik gehen bei diesem Album Hand in Hand: Zwar verliert BLACK AND GOLD über seine gesamte Länge nicht an Kraft, allerdings zeigen Thundermother wenig Variation darin, wie sie diese erzeugen. Man kann zu allen Songs abgehen, aber sie sind sich eben auch sehr ähnlich (wobei die Balladen ‘Hot Mess’ und ‘Borrowed Time’ durchaus stark sind). Wer Abweichungen sucht, wird nicht unbedingt fündig, doch wem der Sound von Thundermother bisher gefiel, bekommt mit BLACK AND GOLD die geballte Dröhnung Hommage an alten Hard Rock. Insgesamt ist der Hype um die Band also berechtigt, aber es gibt noch Luft nach oben.

Platz 8

ANNIKA EICHSTÄDT

TOMB OF FINLAND

Across The Barren Fields

Melodic Death Metal

UPRISING/SPV (9 Songs / VÖ: erschienen)

Guter Death Metal – ob mit oder ohne melodische Elemente – weiß in einen Strudel aus Melancholie, Dunkelheit und einer gewissen Schwerfälligkeit zu ziehen. So viel gleich vorweg: Tomb Of Finland gelingt das leider noch nicht ganz. 2009 von Gitarrist Jasse

4 von Hast gegründet, spielten die Finnen seither zwei Alben ein. Nach BELOW THE GREEN (2015) und FROZEN BENEATH (2018) kommt nun also ACROSS THE BARREN FIELDS. Ja, ein paar Nummern der Platte sind schwerfällig – vielleicht nur nicht unbedingt so, wie erwartet. ‘Coffin Bound’ hat beispielsweise leider etwas von einem Kaugummi. Die erste Single ‘Wretched Bliss’ oder der Sieben-Minuten-Brecher ‘The Gallows’ zeigen wiederum, dass das Quintett durchaus dazu in der Lage ist, große Werke zu erschaffen. Handwerklich ist hier keinesfalls schlecht gearbeitet worden. Nur wurde bereits bei den Vorgängeralben mitunter fehlende Originalität bemängelt. Daran hapert es nach wie vor noch etwas. Aber die Finnen sind auf einem guten Weg. Zwar sind im direkten Vergleich Landsmänner wie Insomnium oder Amorphis noch um Längen entfernt – dazu fehlt es einfach noch ein bisschen an Finesse und Intensität –, doch zeigt die Musik von Tomb Of Finland durchaus Parallelen zum finnischen Death Metal der Neunziger. Gewollt oder nicht – ACROSS THE BARREN FIELDS macht keine schlechte Figur, aber eben auch keine überragend gute. In der Gesamtheit eher mittelmäßig, hebt sich die zweite Hälfte des Albums recht positiv empor. Davon dürfte es gerne mehr sein.

HEIDI SKROBANSKI

TRIAL (SWE)

Feed The Fire

Heavy Metal

METAL BLADE/SONY (9 Songs / VÖ: 2.9.)

Platz 6

4,5

Nach drei Alben melden sich die schwedischen Aufsteiger Trial zurück – mit dem etwas sperrigen, der Distinktion von diversen Namensvettern dienenden Landeszusatz (Swe) sowie ihrem Viertwerk nebst Neuzugang am Mikro: Der phasenweise bis an die Schmerzgrenze reichende hohe Gesang Arthur W. Anderssons mag nicht jedermanns Sache sein (‘In The Highest’), bewegt sich aber noch im grünen Bereich, passt gut zum kernigen Heavy Metal des okkult angehauchten Quintetts und spiegelt klanglich dessen Old School-Attitüde wider. Nostalgie wecken auch die herrlichen Zwillingsgitarren, die den Riff-Sturm mit Melodien füttern (man höre den Titel-Track). Während die erste Albumhälfte meist energetisch (‘Sulphery’) bis hittig (‘Thrice Great Path’) voranprescht, fallen die am Ende platzierten Stücke im mittleren Tempo wie ‘The Faustus Hood’, ‘Quadrivium’ sowie der finale Neunminüter ‘The Crystal Sea’ etwas ab. In ‘Snare Of The Fowler’ grätscht indes At The Gates-Growler Tompa Lindberg dazwischen – eine überraschende, aber interessante Note. Insgesamt empfiehlt sich FEED THE FIRE King Diamond- und Mercyful Fate-Jüngern sowie Fans schwedischer Heavy-Hoffnungsträger wie Portrait oder Ram.

KATRIN RIEDL

UNPROCESSED

Gold

Progressive Rock

AIRFORCE1/UNIVERSAL (16 Songs / VÖ: erschienen)

Futuristischer Hybrid-Mix aus Pop, Rock und Metal – bei dieser Ankündigung müssen die Ohren erst mal schlucken. Aber: GOLD ist weitaus tiefgründiger konzipiert, als es die Werbung suggeriert. In das Vorprogramm solch versierter Musiker wie Animals As Leaders oder Tesseract kommt man nicht ohne eigenes technisches Können. Anscheinend möchten Unprocessed 2022 unter Modern Metal laufen, doch ich finde die Bezeichnung Prog Rock sehr viel passender. Die Subtilität, mit der das deutsche Quartett auf seinem vierten Studioalbum zu Werke geht, der Ideenreichtum und die variantenreichen Arrangements, die mitunter Soundtrack-artige Dimensionen annehmen, sprechen eindeutig dafür. Auf GOLD wird man mit dem zarten Fehdehandschuh vermöbelt. Gut, dass die Gitarren-Riffs (wenn denn mal massiv eingesetzt) klanglich genügend Druck entwickeln, um einen Kontrapunkt zu der fragilen Grundstruktur setzen zu können. Auf diese Dynamik könnten für meinen Geschmack sogar noch mehr Minuten abfallen. Auch die progressive Rhythmik spielt eine wichtige Rolle für diese Band, die mit der Ruhe flirtet, auf GOLD aber sehr, sehr oft den richtigen Ausgang zum Rock findet. Interessante Kapelle.

MATTHIAS WECKMANN

5

VOODOO KISS

Voodoo Kiss

Hard Rock

REAPER/UNIVERSAL (8 Songs / VÖ: erschienen)

Platz 1 8

4,5

Von der Band-Gründung bis zum Debütalbum kann es schon mal eine Weile dauern. Manchmal bedeutet „Weile“, dass man zwischendurch ein Festival gründet, die Band auflöst, besagtes Festival zu einem der größten in Europa hochzieht, und erst dann die Musiker wieder für die erste Platte zusammentrommelt. Was erfunden klingt, ist die Geschichte von Voodoo Kiss und dem Summer Breeze Open Air. Bei der frisch auferstandenen Gruppe sitzt nämlich Veranstalter Achim Ostertag am Schlagzeug. Tatsächlich ist Sänger Gerrit Mutz (Sacred Steel, Dawn Of Winter) der einzige Neuzugang im Quartett. Gemeinsam haben sie VOODOO KISS entwickelt, ein Debütalbum, dessen Betitelung passender nicht sein könnte. Nachdem sich die Band im Jahr 2000 aufgelöst hatte, muss sie der breiten Masse schließlich noch mal vorgestellt werden! Das gelingt mit den acht Songs gut: Voodoo Kiss positionieren sich nach 22 Jahren Pause überzeugend als Hard Rock-Band, die mit dem Heavy Metal liebäugelt – oder andersrum. Mal ist der eine Einfluss stärker, mal der andere, aber immer hört man ihnen an, dass die Band aus Spaß an der Musik wiederbelebt wurde. Das musikalische Rad haben sie nicht neu erfunden, aber trotzdem ist der ‘Nice Guys’-Refrain eingängig, lädt ‘Bat An Eye’ zum Tanzen ein, und wirkt Gastsängerin Stefanie Stuber (Mission In Black) als schöne Abwechslung. Wer sich von der neuen alten Truppe live überzeugen will, bekommt bald die Gelegenheit. Wo? Na, beim Breeze – wie könnte es anders sein?

ANNIKA EICHSTÄDT

WAYWARD DAWN

All-Consuming Void

Death Metal

EMANZIPATION/SPV (7 Songs / VÖ: 9.9.)

Ja, auf Wayward Dawns zweijährigen Veröffentlichungsrhythmus ist Verlass. Inhaltlich bleiben die Dänen ebenfalls berechenbar, hat ihr Old School-Death Metal doch seit der Band-Gründung im Jahr 2015 keinerlei Modernisierungen erfahren. Unter der Ägide allseits bekannter US-Genre-Veteranen slammen, grooven und galoppieren Songs wie ‘Cage Of Resentment’ quer durch die frühe Todesgeschichte. Als roter Faden dienen sinistre Leads, die neben Cannibal Corpse und Morbid Angel gelegentlich auch die skandinavischen Nachbarn Entombed zitieren (‘The Crushing Weight’). Trotz des längst überschrittenen Neunziger-Mindesthaltbarkeitsdatums erweisen sich die Zutaten weiterhin als genießbar, schmecken aber merklich abgestanden. Dazu trägt neben Wayward Dawns unauffälligen Kompositionen auch Jacob Bredahls Produktion bei: Der Ex-

3

Hatesphere-Sänger fängt den antiquierten Rumpel-Untergrund-Charme adäquat ein, begräbt die Stimmen von Gitarrist Rasmus Johansen und Bassist Kasper Szupienko Petersen aber teilweise unter ihren Instrumenten und Lukas Nysteds scheppernden Becken. Daher bleibt – mit Ausnahme rockiger Saitenakzente im Zwölfminüter ‘Pull Of The Boulder’ – nicht viel hängen.

DOMINIK WINTER

WHISKEY MYERS

Tornillo

Southern Rock 5,5

WIGGY THUMP/30 TIGERS/MEMBRAN (12 Songs / VÖ: erschienen)

Whiskey Myers’ sechstes Album ist etwas weniger STICKY FINGERS-Rolling Stones, bewahrt sich aber Muscle Shoals als Brücke, die auf der anderen Seite erneut zu Lynyrd Skynyrd führt. Allerdings zu deren schwitziger End-(Siebziger-)-Ära. Darüber hinaus runden Gasttastenspezialist Drew Harakal II (Orgel, Wurlitzer, Piano) sowie Streicherund Bläsersätze das erweiterte Ensemble ab. Und wenn dann noch Sänger und Haupt-Song-Schreiber Cody Cannon „We don’t have to be happy“ skandiert und damit für einen Zweckfortbestand einer zerbrechenden Familie plädiert, ist dies fürwahr tief berührend. Womit TORNILLO der untermauernde Beweis dafür ist, dass Whiskey Myers – neben Blackberry Smoke und den Steel Woods – weiterhin einen Teil der Speerspitze des kontemporären Southern Rock bilden.

FRANK THIESSIES