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REVIEWS


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 21.09.2022

STREITFALL

AUTOPSY

Morbidity Triumphant

Death Metal 6

PEACEVILLE/EDEL (11 Songs / VÖ: 30.9.)

Artikelbild für den Artikel "REVIEWS" aus der Ausgabe 10/2022 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 10/2022

Auch nach gut dreieinhalb Jahrzehnten ist auf Autopsy Verlass. Die Death Metal-Altvorderen liefern mit dem passend betitelten MORBIDITY TRIUMPHANT genau die Art von Album ab, für die man die Band seit jeher liebt oder hasst. Bereits der Einstieg mit ‘Stab The Brain’ bietet obskures Riffing, Chris Reiferts markantes Bellen und schöne Tempowechsel – alles mit diesem organisch-räudigen, stets den Spirit einer Autopsy-Liveshow atmenden Sound versehen. Der neue, nicht mehr neue (siehe Interview in dieser Ausgabe) Bassist Greg Wilkinson fügt sich nahtlos ins Gefüge ein, und Autopsy wären nicht Autopsy, wenn sie nicht auch Spaß daran hätten, den Hörer zu überraschen. Reifert bellt mitunter variabler als gewohnt (‘Final Frost’) und packt in ‘Skin By Skin’ ein rollendes R aus, das auch Cronos gefallen würde. Das ...

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... groovende ‘The Voracious One’ würde ohne Reiferts Vocals auch als Stoner Rock durchgehen, und ‘Tapestry Of Scars’ dank des verdrallten Riffings der Herren Cutler und Coralles glatt als Autopsys Doom-Interpretation eines Slayer-Vibes – nur, dass die Todesschergen aus Oakland musikalisch eben auch immer schon deutlich „durcher“ waren als die abgetretenen Thrash-Könige. Aber Autopsy steuern ihr Leichenfischerboot sicher durch die ihnen wohlbekannten Gefilde und machen die Riff-Schnur wieder brauchbar, von doomig-schlurfend bis primitiv ballernd. MORBIDITY TRIUMPHANT ist einhundert Prozent Autopsy – ihr wisst Bescheid.

THOMAS STRATER

AUTOPSY

Morbidity Triumphant

Death Metal 2

PEACEVILLE/EDEL (11 Songs / VÖ: 30.9.)

Ja, ich weiß – solch eine Bewertung für eine derart einflussreiche Band. Sakrileg. Tomaten, Teer und Federn bitte an meine E-Mail-Adresse. Aber selbst in der kompromisslosen „Liebe oder Hass“-Kategorie ist MORBIDITY TRIUMPHANT schwere Kost, vor allem klanglich. Es rumpelt und pumpelt brutal. Da sprudelte auf der letzten regulären Scheibe TOURNIQUETS, HACKSAWS & GRAVES (2014) deutlich mehr Blut in den Adern, auf LIVE IN CHICAGO (2020) ebenso, und sogar CRITICAL MADNESS: THE DEMO YEARS von 2018 hatte mehr Fleisch am Knochen. Wenn sich dazu noch haufenweise Song-Ideen gesellen, die (im Fall dieser hoch veranlagten Musiker hundertprozentig absichtlich) wirre Wendungen nehmen, Strukturen ignorieren und sich mehr überschlagen als entwickeln, sinkt das Hörvergnügen rapide. Jetzt kann man sagen, dass „Autopsy“ und „Hörspaß“ schon immer in zwei getrennten Betten geschlafen haben, aber MORBIDITY TRIUMPHANT ist in dieser Hinsicht oberstes Regal. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden. In meinen Ohren eher Letzteres.

MATTHIAS WECKMANN

ALLEN/OLZON

Army Of Dreamers

Melodic Metal 3

FRONTIERS/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Das zweite gemeinsame Album von Russell Allen und Anette Olzon knüpft nahtlos an das Debüt WORLDS APART (2020) an. Das ist so wenig überraschend und unspektakulär wie ARMY OF DREAMERS in seiner Gesamtheit. Den Symphony X-Sänger und die ehemalige Nightwish-Sängerin zu hören, ist natürlich immer eine Freude, und beide Stimmen ergänzen sich gut. Allerdings kann man sich bei Allen/Olzon (wie bei den meisten zusammengewürfelten Kollaborationskapellen aus dem Hause Frontiers) nicht des Eindrucks erwehren, es mit einem wenig leidenschaftlichen, wenig inspirierten, wenig begeisterten (oder begeisternden) Wegwerfprojekt unter vielen zu tun zu haben. Produzent und Songwriter Magnus Karlsson weiß, was er tut; dementsprechend ist an ARMY OF DREAMERS nichts schlecht (wenngleich die Spannweite von Pop/Rock à la ‘Out Of Nowhere’ und Symphonic- und Prog Metal wie ‘A Million Skies’ ihre Fallhöhe birgt) – aber alles belanglos.

SEBASTIAN KESSLER

AUTOPHAGY

Bacteriophage

Death Metal 4,5

PULVERISED/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 30.9.)

‘Abhorrent Abomination’, der Name des Debüt-Openers der Deather Autophagy, bedeutet frei übersetzt „abscheuliche Abscheulichkeit“. Ein ziemlich zutreffender Begriff für ihre Musik, doch rein im positiven Sinne. Die Growls von Andy Swarthout sind stets etwas im Hintergrund verankert und sorgen somit für eine etwas surreale Atmosphäre. Die Gitarristen Justin Yaquinto und Kevin Miller hauen neben Doomangehauchten Düster-Riffs auch ziemlich groovige, fast schon an Pantera erinnerte Rhythmen raus (‘Beneath The Moss, Between The Roots’). Auf einer Spielzeit von rund 33 Minuten kommt daher wenig Langeweile auf. Im Titel-Track entscheiden sich die Herren aus dem amerikanischen Oregon für ein langsam schlürfendes Outro, welches durch seine Behäbigkeit an Brutalität gewinnt – die Kirsche auf der Torte sind die Slayer-Soli gen Ende des Songs. Die runde und kraftvolle Produktion von Billy Anderson (unter anderem Sleep, Neurosis, Eyehategod) sorgt für ein angenehm deftiges Sound-Erlebnis. Autophagy schufen mit BACTERIO-PHAGE ein vielversprechendes Erstwerk, welches das Rad zwar nicht neu erfindet, bei dem jedoch an den richtigen Stellen mit unterschiedlichen Versatzstücken geschraubt wurde.

FLORIAN BLUMANN

BLIND ILLUSION

Wrath Of The Gods

Thrash Metal 5

HAMMERHEART/SPV (9 Songs / VÖ: 7.10.)

1979 wurden Blind Illusion in San Francisco gegründet, und es dauerte neun Jahre bis zum Debüt – ein Jahr später war trotzdem Schluss. Erst 2008 kam die Reunion. Nach DEMON MASTER von 2010 erscheint nun ihr drittes Album. WRATH OF THE GODS zeigt, dass die Mittfünfziger nichts verlernt haben: Hält sich der Opener ‘Straight As The Crowbar Flies’ mit seiner On/Off-Spielmechanik Thrash-mäßig zwar noch etwas zurück, holt das Folgestück ‘Slow Death’ jedoch die schweren Geschütze raus. Gesang gibt es nur in den ersten zwei Minuten, danach wechseln sich krachende Riffs mit kristallklaren Gitarrensoli ab – sehr nackenschmerzenfördernd. Und so geht es in den härteren Stücken auf dem Album weiter. Mit ‘Spaced’ versuchen sich Blind Illusion an einem Hard Rock-Stück, welches eher zu Mötley Crüe nach L.A. denn an die Bay Area von San Francisco passt. Spaßend groovig, doch ihr Haupt-Genre macht mehr Laune. Überraschend ist das Titelstück mit seinem düsteren Einstieg. Generell hört sich WRATH OF THE GODS wie ein Best Of-Lauf durch die Jahrzehnte des Thrash Metal an. Damit sorgen Blind Illusion dank der etwas knirschenden Akustik für ein starkes Garagen-Gefühl der Anfangstage sowie stampfende Füße von Neunziger-Krachern wie ‘Sad But True’. Hoffentlich bleiben sie uns dieses Mal erhalten.

FLORIAN BLUMANN

BLIND THE EYE

The Lion Of Lions

Melodic Death Metal 5

EL PUERTO/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Blind The Eye zeigen uns, dass Melodic Death Metal aus dem Süden genauso gut sein kann wie der aus dem Norden. Der Beweis dafür ist ihre neue Platte: Die Portugiesen können einen mit THE LION OF LIONS, ihrem zweiten Studioalbum und Nachfolger der 2018 erschienenen Scheibe ARISE TO THETA STATE, ab Sekunde eins von sich überzeugen: In allen zehn Titeln stehen die ruhigen, melodischen und schnellen, groovigen Melodien in einem stetigen Wechselspiel miteinander. Dieses vollzieht sich äußerst flüssig und gestaltet den Silberling abwechslungsreich und interessant. Langeweile ist für die Herren aus Santa Maria da Feira definitiv ein Fremdwort, und so halten sie uns von Song zu Song richtig auf Trab. Zu Titeln wie ‘Aquilifer’, ‘As Vesta’s Fire’, ‘Mars! Exulte!’ und ‘Imperial Thunder’ lässt es sich jedoch am besten abgehen und mitgrölen. Apropos: Letzteres wäre gar nicht möglich gewesen, hätten die Herrschaften nicht schleunigst einen Ersatz für Sänger Dário Rosa gefunden. Der verließ nämlich noch während den Aufnahme dieses Albums die Band. Glücklicherweise konnte mit Rui Antunes schnell ein Ersatz gefunden werden. Mit seinen kräftigen, rauen und fiesen Growls ist er auf jeden Fall der Richtige für diesen Posten. THE LION OF LIONS ist rundum ein gutes Stück, dem allerdings ein bisschen Würze und Wiedererkennungswert fehlen. Ungeachtet dessen kommen Genrefans ganz bestimmt auf ihre Kosten.

AMANDA DIZDAREVIC

CLUTCH

Sunrise On Slaughter Beach

Stoner Rock 6

WEATHERMAKER/RTD (9 Songs / VÖ: erschienen)

Verlässlich in ihrer ganz eigenen Welt sowie auf ihrem unverändert unerreichbaren Level agierend, beglücken Neil Fallon und seine Blues-Stoner auch auf ihrem mittlerweile 13. Longplayer. Dass sich dabei das ein oder andere Selbstzitat einschleicht: geschenkt. Ursprünglich als Reaktion auf die gesellschaftliche Spaltung und Unsicherheit während der Coronakrise gedacht, geriet SUNRISE ON SLAUGHTER BEACH laut Schlagzeuger Jean-Paul Gaster „in gewisser Weise zur vielfältigsten Platte, die wir seit Langem gemacht haben“. Das heißt: Clutch haben sich das Beste aus ihrem gesamten Schaffen herausgepickt und ein unwiderstehliches Potpourri geschnürt. Als da wären: anständig zupackende Headbanger (‘Red Alert (Boss Metal Zone)’, ‘We Strive For Excellence’), Groove-Monster mit fetten Trademark-Blues-Riffs (‘Slaughter Beach’, ‘Nosferatu Madre’) oder psychedelisch angehauchte Tracks (‘Mercy Brown’, ‘Jackhammer Our Names’). Wie immer schwebt Fallon als außergewöhnlicher Texter über allem. Lieblingszeile: „Now I see the truth / Jazz music corrupts our youth“ (‘Three Golden Horns’).

LOTHAR GERBER

CRONE

Gotta Light?

Dark Rock 5

PROPHECY/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 23.9.)

2018 mischte die aus dem Secrets Of The Moonund Embedded-Umfeld stammende Band Crone mit dem okkult angehauchten Dark Rock ihres Debütalbums GOD-SPEED den hiesigen Untergrund auf. Ihr zweites, als Quintett eingespieltes Werk GOTTA LIGHT? weiß ebenso zu gefallen: Die eindringliche, einzigartige Stimme von Klarsänger Phil Jonas passt perfekt zum melancholisch-düsteren, doch immer wieder beschwingt aufriffenden Grundklang, der sich im Dark- und Post Rock/Metal bewegt. Der Albumhöhepunkt ‘Abyss Road’ und das spätere ‘Quicksand’ warten mit dominanten Keyboards sowie wunderbaren Ghost-Vibes auf, in ‘Gemini’ erklingen Trompeten, und das toll instrumentierte ‘Waiting For Ghosts’ birgt ein Füllhorn von Einflüssen, während introvertiert beginnende Lieder wie ‘This Is War’, das von Sängerin Kirsten Schuhmann unterstützte ‘Towers Underground’ oder das großartige ‘Silent Song’ im Verlauf an Intensität gewinnen. Egal, in welcher Ausprägung: Auch auf ihrem (instrumental beschlossenen) Zweitwerk gehen Crone durchweg stimmungsvoll zu Werke und wiegen ihr Publikum in schwelgerischem Wohlgefallen. Live zu erleben ist die Truppe bald in der für diese Art Musik wohl stimmigsten Umgebung – beim Prophecy Fest in der Balver Höhle. Prädikat: empfehlenswert.

KATRIN RIEDL

THE CULT

Under The Midnight Sun

Dark Rock 6

BLACK HILL/MEMBRAN (8 Songs / VÖ: 7.10.)

Sind wir mal ehrlich: Die ganz frühen Platten von The Cult waren die besten. Das ist kein anstrengendes „Früher war alles besser“-Gewäsch, sondern der Tatsache geschuldet, dass ihnen der verhallte, kratzige Post Punk/Goth Rock schon immer besser stand als der arenagroße Hard Rock der späten Achtziger und Neunziger. Umso erfreulicher, dass sich die Band nach HIDDEN CITY (2016) dazu entschlossen hat, noch einen Schritt in die Schatten hinein zu machen. Auf UNDER THE MIDNIGHT SUN klingen der große Ian Astbury und seine Gefolgschaft wie in den frühen Neunzigern, aber zugleich düster und sinnlich wie in ihren frühen Tagen – und so mühelos wie nie. Klar sind seither rund 40 Jahre vergangen, klar hört man das dem Material auch an. Hier spielt keine junge Band mehr, es gibt reife, englische, nonchalante Schlechtwettermusik. Fern von Klischees, peinlichen Texten oder Sonnenbrillen, vorgetragen von einer der besten Stimmen des Genres. Oder, wie Astbury selbst sagt: „Wir sind wie U2, nur besser.“ UNDER THE MID-NIGHT SUN ist ein überzeugendes Spätwerk einer Band, die in den letzten Jahren Stück für Stück zu alter Stärke zurückfindet.

BJÖRN SPRINGORUM

THE DEAD DAISIES

Radiance

Hard Rock 3,5

DEAD DAISIES/SPV (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Da dies schon das zweite Album der ewigen Rocker-Resterampe namens The Dead Daisies ist, bei dem Glenn Hughes Bass und Mikro bemüht und man auf diesen guten Mann einfach nichts kommen lassen darf, gehen sämtliche Bonuspunkte in der Bewertung allein auf Hughes’ Konto. Denn so handwerklich versiert und routiniert die Vorstellung von RADIANCE auch daherkommt (weniger sollte von erfahrenen Profimusikern auch nicht zu erwarten sein), dürfte das im Verbund mit dem Gitarristengespann Doug Aldrich und David Lowy verfasste Classic Rock-Baukasten-Song-Material leider das uninspirierteste, formelhafteste und vorhersehbarste unter Hughes’ Mitarbeit seit Langem sein. Dazu gesellt sich eine fast fühlbare emotionale Unbeteiligung aller Beteiligten – da helfen auch ein paar Deep Purple-Tupfer, Led Zeppelin-Verweise oder an das verbliebene Audioslave-Publikum anbiedernde Tendenzen nichts. Von keiner der zehn generischen Nummern bleibt wirklich etwas hängen, und letztendlich sind sie allesamt – analog zum stetig rotierenden Personal (jetzt wieder dabei: Drummer Brian Tichy) der Söldnertruppe um den Immobilienmogulerben, Piloten und Businessman Lowy – ganz okay, aber auch komplett austauschbar. Vor dem Hintergrund, dass Hughes mit Black Country Communion oder zuletzt California Breed durchaus ein gutes Händchen für neue, hochkarätige und vielversprechende Band-Projekte bewiesen hat, ist dies einfach nur unter seiner Würde.

FRANK THIESSIES

STREITFALL

BEHEMOTH

Opvs Contra Natvram

Death Metal 4

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Seit Behemoth angefangen haben, richtig lange für ihre Alben zu brauchen, geht es leider zunehmend in die falsche Richtung. Nach dem Triumph von THE SATANIST, das versprach, nach dem Black Metal der ersten Phase und dem Morbid Angel-beeinflussten Black Death der zweiten eine atmosphärisch aufgeladene dritte Schaffensperiode einzuleiten, deutete schon I LOVED YOU AT YOUR DARKEST an, dass das ein Strohfeuer gewesen sein könnte. OPVS CONTRA NATVRAM bestätigt das leider. Es ist ein Album vollgepackt mit Behemoth-Manierismen, mit Bombast, martialischem Gedröhne in Wort und Tat, und erschreckend blank, wenn es um gute Songs geht. ‘Ov My Mercurian Exile’ ist ein Paradebeispiel dafür, wie große Gesten zu wirrem Gefuchtel werden, wenn sie von einem scheinbar willkürlich zusammengestöpselten Riff-Gerüst getragen werden. Hieronymus Bosch hat in seinen apokalyptischen Bildvisionen gerne Menschen in Eiern gemalt – als Symbol für ihre Narretei. OPVS CONTRA NATVRAM ist wie ein Zeugnis davon: eine leere Eierschale, scheinbar so hart, doch der Schein zerbröselt nur zu bereitwillig und entblößt den Geist, in dem das alles entstanden ist. Auf morbide Weise bleibt es ein faszinierendes Album, aber die große Zeit der Polen ist zu Ende.

ROBERT MÜLLER

BEHEMOTH

Opvs Contra Natvram

Extreme Metal 5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Für meinen Geschmack machen Nergal und Co. genauso wenig Death Metal wie Tribulation. Aber, hey: Wer kehrt? Was dem Kollegen Müller sauer aufstößt – wobei sich seine Rezension eher nach 3 als 4 Punkten, also Meckern auf hohem Niveau, anhört –, kommt dem Autor dieser Zeilen gerade recht. Mitreißende Hooks (‘The Deathless Sun’), „‘Hells Bells’ auf Black Metal“-Grooves mit feist gezocktem Refrain-Riff (‘Ov My Mercurian Exile’) sowie eine unbändige Satyricon-Wut (‘Off To War!’) machen das zwölfte Behemoth-Werk zu einem abwechslungsreichen Unterfangen. Das Schöne an OPVS CONTRA NATVRAM: Die Hits scheinen kein Ende zu nehmen (‘Once Upon A Pale Horse’, ‘Neo-Spartacvs’). Wem das alles nicht stringent oder tiefgehend genug ist, braucht die Bon Jovi des Extreme Metal schließlich nicht aufzulegen. Die andere Option: Einfach mal fünfe gerade sein lassen und sich den Songs hingeben. Bei diesem Electric Callboy-Fanboy hat’s funktioniert:

LOTHAR GERBER

DEVOUROR

Diabolos Brigade

Death Metal 4

LISTENABLE/EDEL (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Auch im sonnigen Singapur steht man auf Blasphemie und Satanismus – schön. Die 2018 geformten Devouror legen mit diesen Thematiken ein schnelles und finsteres Debüt vor. Bevor der Funke überspringt, gilt es leider drei austauschbare Songs direkt zu Beginn zu überstehen. Ab ‘Wrath Angel’ haben sich die fünf mit Patronengürtel geschulterten Herren eingegroovt. Ihre Stärke: die wirbelsturmartigen Explosionen von wilden Drums und geschredderten Gitarren-Riffs wie in genanntem Song. Sänger Asuras Growls sind zwar noch ausbaufähig und keine Neuentdeckung, tragen die zehn Songs jedoch einigermaßen verlässlich. Die Drums von Dizazter sind der große Stimmungsmacher: Die Bongo-Trommeln zwischendurch lockern das Dauerrauschen bequem auf und wirken wie kleine Verschnaufspausen für eine neue Phase. Auch seine Doublebass haut meistens ordentlich rein. Bestes Beispiel dafür ist das Draufgeholze in ‘Bestial Deathcult Warfare’. Man merkt es bereits an den Song-Titeln: Lyrische Meisterwerke gibt es keine, lieber wurde stumpfem, aber sehr unterhaltsamem Atheismus gefrönt. Ihrem Genre spielen sie im Schlusslicht ‘Death Metal’ eine brutale Hommage. DIABLOS BRIGADE ist dank der düsteren Themen ein sehr spaßiges Erstwerk, gerne mehr davon – doch dann mit etwas mehr Abwechslung!

FLORIAN BLUMANN

DROPKICK MURPHYS

This Machine Still Kills Fascists

Punk Rock 6

DUMMY LUCK/RTD (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Dass das elfte Album der Boston-basierten Celtic Punks das erste seit etlichen Jahren ist, welches ohne den seine kranke Mutter pflegenden Teilsänger Al Barr auskommen muss, ist nicht die einzige Besonderheit dieser außerregulären Platte. Auch hinsichtlich erwähnter Umstände nun verwirklicht, ist THIS MACHINE STILL KILLS FASCISTS das sich seit längerer Zeit anbahnende erste Dropkick Murphys-Akustikalbum, und zudem das erste auf Grundlage von Song-Texten des 1967 verstorbenen, politisch ambitionierten US-Folk-Paten Woody Guthrie. Während Guthries glühende Lyrik, die sich Themen wie Gewerkschaftssolidarität, Trinksucht oder Kanonenfutter genauso widmet wie sie schöne Schnurren über Jukeboxen und sinkende Schiffe zu spinnen vermag, naturgemäß über jegliche Kritik erhaben ist, gilt dies für die von Interpret/Bassist Ken Casey sowie der Band geschaffenen Arrangements genauso. Seien es das mit punkiger Schnodderschnauze und Western-Twang vorgetragene ‘Talking Jukebox’, die hervorragenden Duette (eines mit Outlaw-Country-Königin Nikki Lane, eines mit Red Dirt-Country-Sänger/-Gitarrist Evan Felker von den Turnpike Troubadours), das Folk-Shanty ‘Waters Are A’risin’ oder gar Guthries via alter Tonbandaufnahme zum Leben erweckter Gesangsbeitrag in ‘Dig A Hole’. THIS MACHINE STILL KILLS FASCISTS (eine aktualisierte Abwandlung des markanten Aufkleberspruchs auf Guthries Gitarre) nimmt seine an gesellschaftlicher und menschlicher Brisanz sowie Relevanz kein Stück eingebüßt habenden Botschaften und die musikalische Folk-Tradition eindringlich ernst und überzeugt auf ganzer Linie.

FRANK THIESSIES

ESCUELA GRIND

Memory Theater

Grindcore 4,5

MNRK HEAVY/SPV (9 Songs / VÖ: 30.9.)

Fiese Riffs, Blastbeats und stumpfes Stampfen: Sängerin Katerina Economou, Gitarristin Kris Morash, Bassist Tom Sifuentes und Schlagzeuger Jesse Fuentes predigen in der Escuela Grind („Grind-Schule“) die rabiate Lehre. Ihre zweite Unterrichtsstunde bietet ebenso wenig Neues wie INDOCTRINATION (2020), erweist sich aber als adäquates Gegenmittel, wenn der Hals vor lauter Ärger mal wieder einen ungesunden Umfang angenommen hat. Allzu viel Zeit nimmt sich die Band von der US-Ostküste nicht: In neun Songs und 22 Minuten ist alles gesagt beziehungsweise ein Großteil der Wut vernichtet. Dafür sorgen Auf-die-Fresse-Kompositionen, eine gewohnt schroffe Produktion von Converge-Gitarrist Kurt Ballou und Katerina Economou: Die Frontfrau keift, faucht und schreit wie ein tollwütiges Tier und animiert ihr Publikum in Songs wie ‘My Heart, My Hands’ oder dem bisweilen thrashig galoppierenden Banger ‘Cliffhanger’ sogar hin und wieder zum Mitgrölen. Gleiches gilt, wenn Escuela Grind den Rohrstock in dem Krach-Bonbon ‘Forced Collective Introspection’ und dem abgrundtief bösen ‘The Feed’ vor dem Ertönen der Pausenglocke noch einmal besonders heftig und nachhaltig schwingen. Dass dazwischen nicht jede MEMORY THEATER-Lektion im Gedächtnis haften bleiben möchte, legt nicht nur eine Eigenart des Genres, sondern auch eine weitere Parallele zum realen Schulsystem offen. In der Disziplin ‘Don’t You (Forget About Me)’ spielt der „Grindfast Club“ also (noch) nicht auf ‘Breakfast Club’-Niveau.

DOMINIK WINTER

FIGURES OF SPEECHLESS

Tunnel At The End Of The Light

Progressive Metal 4

SAOL/H’ART (11 Songs / VÖ: erschienen)

Hinter dem wortspielgewandten Projekt- und in eine ähnliche Kerbe schlagenden Albumtitel steht der australische Komponist und Gitarrist Glen McMaster, der sich für die Verwirklichung seines Prog Metal-Traumalbums die Unterstützung einer ganzen Armada von Koryphäen sichern konnte. Neben Keyboarder Derek Sherinian (Dream Theater, Black Country Communion, Sons Of Apollo), der bereits früh an Bord und auch Teil des Songwriting-Prozesses war, konnte McMaster für das Line-up seines All-Star-Albumprojekts Namen wie Ron „Bumblefoot“ Thal (Guns N’ Roses, Sons Of Apollo), Fates Warning-Sänger Ray Alder, The Firm-/Blue Murder-Bassist Tony Franklin und Drummer Brian Tichy (Whitesnake, The Dead Daisies) verpflichten. Das Ergebnis klingt größtenteils wie (auf Dauer etwas ermüdende) immer neue Variationen des Erfolgsrezepts von Dream Theaters IMAGES AND WORDS. Kaskadierende Keyboards und vertrackte Soli sowie Rhythmen treffen auf Gesangsmelodien mit Arena-Rock-Ambitionen und verbinden dadurch musikalischen mit Eingängigkeitsanspruch. Am interessantesten gelingt FIGURE OF SPEECHLESS der Spagat in ‘Draw The Line’ – einem Song, der in der Strophe Theremineinsatz evozierende Horrorfilms-Sounds mit gesanglich fast schon Pop-naher Hook-Breite konterkariert, im Refrain und Gitarren- wie Synthie-Solo aber seinen progressiven Verpflichtungen wieder stärker nachkommt.

FRANK THIESSIES

FIRTAN

Marter

Black Metal 5,5

AOP/EDEL (8 Songs / VÖ: 30.9.)

Firtan aus dem schönen Lörrach werden mehr und mehr zum Morgenstern der deutschen Black Metal-Szene: Nach dem unauffälligen NIEDERGANG ließ man 2018 mit dem ansprechenden OKEANOS durchaus aufhorchen; jetzt spielt die Band ihre Trümpfe erstmals gekonnt aus. Mit einem Fundament, das nach wie vor im Norwegen der frühen Neunziger eingenordet werden kann, strebt die Band in ihren langen Kompositionen immer mehr in andere musikalische Welten empor, fern von Scheuklappen und ohne den garstigen Geist des Genres zu verprellen. Längere, klassizistisch anmutende Intermezzi, beschwörende Soundscapes, ein behutsam eingewobener Folklore-Part, viel verwaschene Post Rock-Poesie und ein großes Augenmerk auf herbstliche Stimmung machen den Firtan-Sound zu einem düster schimmernden Kaleidoskop. Ganz ähnlich haben früher Agalloch ihre melancholischen Legenden gesponnen. MARTER oszilliert zwischen berserkerhafter, klirrender Raserei und eleganter Anmut, vermeidet Klischees und geht eingängig ins Mark: Mit Abstand das stärkste Material der Band. Bis dato.

BJÖRN SPRINGORUM

GAEREA

Mirage

Black Metal 5,5

SEASON OF MIST/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 23.9.)

Es gibt so etwas wie einen neuen Hipster-Black Metal-Sound nach dem waldberauschten Cascadian-Trip des vergangenen Jahrzehnts. Es steckt eine große Prise

Mgła in seiner DNS, aber die klassische zweite Welle scheint in der Ferne gebrochen und ersetzt durch den transzendent-positivistischen Traum, den Deafheaven einst in unsere Gehirne pflanzten. Neben Uada waren es die Portugiesen Gaerea mit ihrem Debüt UNSETT-LING WHISPERS, die 2018 weltweit das berühmte Untergrundraunen auslösten. Und anders als Uada haben sie es geschafft, das alles auf ihrem dritten Album MIRAGE intaktzuhalten. Nach dem etwas schwächeren, passend betitelten Zweitwerk LIMBO lodert es hier wieder von der ersten Sekunde an, und sobald es gelingt, das Gehirn so weit runterzudimmen, dass es sich voll auf die Windkanalerfahrung einlässt, ist es eine sehr befriedigende Sause. Warum aber sollte der Geist im Kopf, der diesen liebend schüttelt, ein wenig sediert werden? Nun, es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Gaerea sowohl die individuelle musikalische Klasse als auch das Gefühl für großartige Songs, das Mgła auszeichnet, abgeht, und der Reiz des Hörens eher singulär ist. Somit hat auch MIRAGE den passenden Albumtitel: Es ist flirrend, faszinierend, aber nicht sehr handfest.

ROBERT MÜLLER

GOATWHORE

Angels Hung From The Arches Of Heaven

Extreme Metal 5,5

METAL BLADE/SONY (12 Songs / VÖ: 7.10.)

Spätestens seit CONSTRICTING RAGE OF THE MERCILESS (2014) agieren Goatwhore weniger nach dem „Masse statt Klasse“-Prinzip und konzentrieren sich zu 666 Prozent auf die Stärken der von ihnen bemühten Sparten. Auf ihrem achten Album komponiert die 1997 gegründete Band noch ein Quäntchen entschlackter als auf dem bereits nahezu fettfreien VENGEFUL ASCENSION (2017). Diese Devise geht mit einer gewissen Vorhersehbarkeit einher, was aber allein die mächtige Rhythmusabteilung wettmacht. Der eröffnende Hit ‘Born Of Satan’s Flesh’ klingt mit seiner ausgewogenen Balance aus Schwärze und Druck, als hätten sich Behemoth, Decapitated, Cradle Of Filth, Devildriver und Slayer in einer Louisiana-Schmuddelscheune zum Rudelbums verabredet. Und zwar maskiert, denn trotz vertrauter Gerüche markieren Goatwhore das Revier als ihr eigenes. Auch im Folgenden, wenn sich das mehrköpfige Biest vogelfrei auf seiner von Thrash-, Death-, Black- und Heavy Metal-Pfeilern abgesteckten Wiese austobt: ‘The Bestowal Of Abomination’ schafft Platz für Melodien, das epische Titelstück klingt mit Klavier aus, das hymnische ‘Death From Above’ trifft zwischen Hardcore-Schlag und Sludge-Süffigkeit ins Schwarze, ‘Ruinous Liturgy’ schlägt mit Crossover-Ansätzen Spandexhosen-Alarm, ‘Victory Is The Lightning Of Destruction’ peitscht punkig voraus, ‘Voracious Blood Fixation’ profitiert von Stoner-Wucht, und die Groove-Granate ‘Nihil’ begräbt alles unter sich. Wo es bei anderen Ziegen nur für ein schwaches „Mäh“ reicht, gibt es für die Goatwhore also ein lautes „Yäh“!

DOMINIK WINTER

GURD

Hallucinations

Thrash Metal 5

MASSACRE/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 23.9.)

V.O. Pulver ist bei mir seit Jahrzehnten als die schweizerische Antwort auf Tommy Victor gespeichert. Ebenso wie der Prong-Frontmann versteht es der 53-Jährige in Perfektion, Groove und Riffs auf dem Altar des Thrash zu vereinen. Das ist auch auf dem elften Album HALLUCINA-TIONS ab der ersten Sekunde der Fall. Nacken und Knie wippen freudig im Takt, während sich Gurd mit großem Elan, Spielwitz und einigen überraschend feinen Melodielinien durch die zehn Lieder holzen. Die Truppe hat seit dem letzten Werk FAKE von 2014 nichts verlernt – eher im Gegenteil. Das Material versprüht die Frische der Anfangswerke GURD, ADDICTED (beide 1995) und D-FECT (1996), nach denen den Schweizern eine große Zukunft vorausgesagt wurde. Zum ganz großen Wurf hat es nicht gereicht, die Band gilt eher als stets verlässliche Konstante. Mit HALLUCINATIONS kehren Gurd gekonnt zu ihren Wurzeln zurück, zu denen sich auch mal Pro-Pain-Momente gesellen. Dass dieser Ansatz ein bisschen angestaubt wirkt, mindert den Hörspaß nur gering. Gurd bieten einen richtig guten, satten Ritt in die groovenden Thrash-Zeiten der Neunzig er Jahre.

MATTHIAS WECKMANN

HETROERTZEN

Phosphorus Vol. 1

Black Metal 3,5

LISTENABLE/EDEL (10 Songs / VÖ: erschienen)

Sie kommen ursprünglich aus Chile, haben sich aber wie eine überraschend große Anzahl ihrer Metalschaffenden Landsleute in Schweden angesiedelt. Was, betrachtet man Hetroertzens bisheriges Œuvre, gut passt, denn sie spielen eine Sorte okkult überfrachteten, liturgischen Black Metal, wie man ihn auch von Bands wie Mephorash oder Ofermod kennt. PHOSPHORUS VOL. 1 ist dementsprechend erwartungsgemäß ein länglicher Reigen von magischen Ritualen über wattigen Blastbeats, die es phasenweise auch schaffen, eine außerweltliche Entrücktheit über den Geist kommen zu lassen. Aber die letzte Messe ist das hier leider nicht geworden. Außer SHEM HA MEPHORASH der genannten Mephorash fällt mir kein Album dieses Zuschnitts ein, das die magische Atmosphäre über seine gesamte Laufzeit zu halten vermag, und PHOSPHORUS VOL. 1 ist dabei keine Ausnahme: Die roboterhaften Drums, obwohl offenbar nicht programmiert, wirken seelenlos. In den langsamen Passagen mischen sich die öligen Vocals und der matschige Gitarren-Sound zu einem zähen Brei, und echte Highlights wie das zweiteilige ‘Absorption Of The Current’ mit seinen feinen Watain-Vibes sind zu selten.

ROBERT MÜLLER

HEXED

Pagans Rising

Symphonic Metal 4

VICISOLUM (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Nach NETHER-WORLD bringen die schwedischen Symphonic-Metaller Hexed nun ihr zweites Studioalbum auf den Markt. Im Fokus steht dabei kraftvoller weiblicher Gesang über breiten und zum Teil tonnenschweren Instrumenten – man höre den langsamen, ternären Rhythmus in ‘Dark Storm’, der so dunkel daherkommt, wie es der Titel verspricht. Das Ganze wird außerdem mit einem ausgiebigen symphonischen Synthie geschmückt und nicht zuletzt den tiefen Growls als Gegenpol zum klaren Gesang (mischt sich bereits sehr gut im Opener ‘Pagans Rising’). Grundsätzlich macht die Truppe ihre Sache gut: Die Songs klingen allesamt energisch, wobei insbesondere ‘Stigma Diabolo’ mit seiner einprägsamen Melodie überzeugt; live könnte sich dieses Stück als mitsingbare Hymne entpuppen. Auch besagte Stimme von Sängerin Tina Gunnarsson muss gewürdigt werden: in den hohen Melodien zieht sie ebenso mit wie in den härteren Parts, wo sie wütend und rau klingt (wirksam vor allem im Halftime-Zwischen-Part von ‘Repentance’). Trotz dieser Pluspunkte bleibt zu erwähnen, dass man ebendiese Kombination schon häufig gehört hat. Hexed wissen ihr Handwerk gut einzusetzen – neu oder gar erfinderisch ist es leider nicht. Den üblichen Schemata ein bisschen mehr zu entfliehen, hier und da noch weiter zu experimentieren, würde ihre Musik hervorheben. Dennoch ein rundes Album, das einen Nachfolger verdient.

RAPHAEL SIEMS

HOUSE OF LORDS

Saints And Sinners

Hard Rock 5

FRONTIERS/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Seit fast 35 Jahren und mit (diesem hier) elf Alben ist der Name James Christian, seines Zeichens Sänger, Mastermind und alleiniger Hausherr jener vielfach umbesetzten Band, Hard Rock-Fans mit ausgeprägteren Melodiebedürfnissen fester Begriff und verlässlicher Qualitätsgarant in Personalunion. Daran ändert sich auch 2022 nichts. Das Hook-strotzende Eröffnungs-Triple aus dem Titel-Track, ‘House Of The Lord’ (arglistige Abrutschgefahr auf ein schmieriges Schlager-/Power Metal-Parkett wird mit hochkarätigem wie exzessivem Jimi Bell-Gitarren- und markigem Mark Mangold-Mini-Moog-Geklimper abgefedert) und dem zwischen Musical und Kane Roberts’ zweiter Soloscheibe (die witzigerweise auf exakt denselben Albumtitel hört) tanzende ‘Take It All’ allein genügt als Beweis. Ergänzt um den AOR-Balladenbombast von ‘Avalanche’ (über zu viel Zucker darf man sich beim Gatten von Robin „Coca-Cola-Song“ Beck nicht beschweren), ‘Roll Like Thunder’ (ein Song, für den Danger Danger damals getötet hätten) oder das gekonnt Post- 1987-Whitesnake heraufbeschwörende ‘Razzle Dazzle’ sind kontemporäre Achtziger-Exponate, wie sie im Buche stehen. Klischeehafte Rock-Floskeln inklusive. Aber wer hat House Of Lords jemals schon wegen ihrer poetischlyrischen Relevanz gehört?

FRANK THIESSIES

SPECIAL-TIPP

EPICA

We Still Take You With Us

Symphonic Metal

NUCLEAR BLAST/ RTD (78 Songs / VÖ: erschienen)

Man mag es beim Anblick der scheinbar niemals alternden Simone Simons nicht glauben, dass Epica dieses Jahr ihre Porzellanhochzeit zelebrieren dürfen. Aus diesem feierwürdigen Anlass heraus haben sich die Niederländer überlegt, auf ihre Anfänge zurückzublicken. Unter dem halbwegs altbekannten Motto WE STILL TAKE YOU WITH US wollen sie sich auf einem fünfteiligen LP-/CD-Boxset und zudem DVD/Blu-ray verewigen. Im Dankespaket an ihre Fans enthalten sind die remasterten Versionen der ersten beiden Studioalben THE PHANTOM AGONY und CONSIGN TO OBLIVION sowie die Soundtrack-LP zu THE SCORE. Live-Musik-Enthusiasten dürfte sich kurzzeitig die Kehle zuschnüren, denn mit dem Jubiläums-Set sichert man sich obendrein die Platte LIVE AT THE PARADISO von Epicas legendärem Amsterdam-Auftritt 2008 – der uns der zeitgemäß in 4K-Auflösung vorliegt. Bis hierhin wird für die gut aufgestellten Symphonic-Verfechter nur bedingt ein Kaufargument gegeben sein. Richtig interessant wird es aber mit dem Live-Mitschnitt ihres ersten Fernsehauftritts in WE WILL TAKE YOU WITH US aus 2005. Wer damit nicht weit genug in die Vergangenheit zurückgereist ist und den Opera Metal in den Kinderschuhen erleben will, wird sich über die exklusive Demozugabe von Sahara Dust, dem Vorläufer Epicas, freuen.

CASSANDRA HILLGRUBER

VIRGIL & STEVE HOWE

Lunar Mist

Progressive Rock 4,5

INSIDEOUT/SONY (14 Songs / VÖ: 23.9.)

Als sich der Yes- und Asia-Gitarrist Steve Howe zusammen mit seinem Schlagzeug und Keyboard spielenden Sohn Virgil an das gemeinsame Album NEXUS gemacht hatte, wurde dessen Veröffentlichung 2017 vom überraschenden Tod des nur 41 Jahre jungen Sprosses überschattet. Fünf Jahre später hat sich der 75-jährige Howe Senior nun noch einmal an das musikalische Vermächtnis seines Sohns gemacht und dessen unvollendete Skizzen vervollständigt. Blendet man die Tragik der Hintergrundgeschichte aus, ist LUNAR MIST eine ätherische und atmosphärische, unaufgeregt leisetretende Sammlung von zurückhaltend arrangierten Instrumentalstücken, die voller wunderbarer melodischer Vignetten steckt und mit ansteckender Ausgeglichenheit aufwartet. Steve Howes Gitarrenton gemahnt dabei gelegentlich an den von Mark Knopfler, und man kann in LUNAR MIST eintauchen wie in ein kristallblaues, nur von wärmenden Sonnenstrahlen gebrochenes Kraterseegewässer. An den Stellen, an denen die Keyboards den Ton angeben, fühlt man sich von der Stimmung (und den Erdtrabanttitelparallelen) her fast an David Bryans 1995er-Soloalbum ON A FULL MOON erinnert. Allein das Finale ‘Martian Mood’ fällt mit seinen roboterartigen Sounds etwas aus dem ansonsten höchst organischen und befriedend harmonischen Rahmen.

FRANK THIESSIES

INFIDEL RISING

A Complex Divinity

Power Metal 3,5

PURE STEEL/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: 30.9.)

Bei Power Metal denkt man gemeinhin nicht direkt an den staubigen US-Bundesstaat Texas – doch genau das ist die Heimat der Power-Metaller Infidel Rising, die mit A COMPLEX DIVINITY ein recht durchwachsenes Zweitwerk veröffentlichen. Durchwachsen, weil die Songs wirklich gut sind – ausladender Power Metal, der im Gegensatz zu den europäischen Genre-Vertretern weniger auf Doublebass und Hooks setzt, sondern mehr auf komplexe Instrumentalisierung und Struktur. Dabei fällt in erster Linie das überaus präsente Keyboard auf, das teilweise schon fast in Deep Purple-Territorien unterwegs ist, sowie Travis Wills’ hohes, Genre-typisches Stimmchen. Überdies durchwachsen, weil die Songs innerhalb des Albums einfach alle gleich sind. Schon nach wenigen Nummern hat man das Gefühl, bereits alles zu kennen – und das tut man auch. Das einzige Stück, das einen noch zu überraschen vermag, ist ‘Shadow Maker’. Düstere Klavier- wie auch Streichermelodien, die sich zu überschnellen Metal-Sounds entwickeln, und neben dem schrillen Lead-Gesang fiese Growls im Refrain mitbringen. Davon reicht eigentlich ein Song, etwas mehr Variation in diesem Stil hätte A COMPLEX DIVINITY sicher gutgetan.

SIMON LUDWIG

KID KAPICHI

Here’s What You Could Have Won

Alternative Rock 4,5

SPINEFARM/UNIVERSAL (11 Songs / VÖ: 23.9.)

Dass Sprechgesang längst auch zum Protestsprachrohr der weißen Bevölkerung geworden ist, weiß man seit Eminem oder Mike Skinner. Die aus Hastings stammenden Kid Kapichi sind zwar eine auf instrumentaler Ebene mit Stromgitarren und Schlagzeug klassisch besetzte Rock-Band, orientieren ihr Sounddesign aber vornehmlich an HipHop, Rap und elektronisch anmutender Musik. Evoziert der unter Mitwirkung der Grime-Punks Bob Vylan entstandene, heimatkritische Opener ‘New England’ noch eine Art britische Beastie Boys, zeigt sich das Quartett auf seinem von Nothing But Thieves’ Gitarrist/Keyboarder Dom Craik produzierten zweiten Album stilistisch doch flexibler. Im inspirativen Fahrwasser der beiden großen Franks aus Großbritannien, Carter und Turner, sowie von The Streets – und in ‘Smash The Gaff’ sogar The Prodigy –, gibt die Band zwar primär die Clubsoundgeschulten Lümmel-Lads, kann aber ihr ebenso vorhandenes Britpop-Gen nicht komplett verleugnen. ‘Party At No. 10’ – inhaltlich die Us-and-Them-Abrechnung mit Johnsons Downing Street-Exzessen während des Lockdowns – etwa kommt The Beatleshaft mit Akustikgitarren, Gesang und Gepfeife daher und konnte kompositorisches Twitter-Lob von Liam Gallagher einheimsen. Aber auch wenn Sänger/Gitarrist Jack Wilson für die Pianoballade ‘Never Really Had You’ die Schmachtstimme auspackt oder sich auf dem anschwellenden ‘Special’ in hymnische Lagen schwingt, muss man leicht wehmütig an die Mittneunziger und ein Prä-Brexit-England denken.

FRANK THIESSIES

KING BUFFALO

Regenerator

Progressive Rock 5,5

STICKMAN/SOULFOOD (7 Songs / VÖ: erschienen)

Nach den beiden 2021 veröffentlichten Alben (THE BURDEN OF REST-LESSNESS und ACHERON) bildet REGENERATOR den Abschluss der intendierten Pandemietrilogie. Es ist eine schließende Klammer, die bereits im neunminütigen, zugleich melodisch verspielten wie pulsierend vertrackten Titel-Track-Opener optimistisch und versöhnlich sowie mit Gitarren-Parts daherkommt, die man wohl auch auf U2s ACHTUNG BABY nicht als verstörend empfunden hätte. Die Grenzen des zeitgenössischen Pyschedelic Rock auslotend, zeigt das in Rochester/New York residente Trio abermals, dass es zu den spannendsten Vertretern seiner Zunft zählt. Da drückt ‘Hours’ aufs Hyperantrieb-Pedal in schöne Space Rock-Gefilde, darf das zwischenspielhafte ‘Interlude’ Folk-Prog und Pink Floyd auf den Plan rufen, oder verfällt ‘Mammoth’ einer Pop-Songstrukturellen Eingängigkeit mitsamt hübscher Gesangsmelodie und einem monumentalen Heldensolo von Gitarrist, Sänger und Synthie-Mann Sean McVay. Das fast Grunge-hafte, Neil Young-fragil beginnende und sich mit Furor aufbäumende ‘Firmament’ ist als letzter Neunminüter des Albums und des Dreiteilers zugleich königlicher und krönender Abschluss eines von außergewöhnlichen Zeiten inspirierten, außergewöhnlichen Albenzyklus’.

FRANK THIESSIES

KINGS OF MERCIA

Kings Of Mercia

Heavy Metal 3

METAL BLADE/SONY (10 Songs / VÖ: 23.7.)

Und schon wieder eine neue Supergroup mit halbvergessenen Achtziger-Rockern! Das klingt zwar etwas zynisch, aber es ist schon erstaunlich, wie beschäftigt die alten Hasen in letzter Zeit sind. So haben sich nun Jeff Matheos von Fates Warning und Steve Overland von FM zusammengetan, um ein ganz klassisches Heavy Rock-Album zu schreiben – Matheos die Musik, Overland die Texte. Zusätzlich sitzt der ehemalige Toto-Drummer Simon Phillips hinter dem Kit. Was kann also schiefgehen? Nicht viel, und richtig schiefgegangen ist auch nichts. Aber auch nichts übermäßig gut. Irgendwie scheint Overlands sehr bluesige Stimme einfach nicht zu den vorwärts stampfenden Riffs zu passen, die Matheos aufs Band zupfte. Vor allem bei den etwas mehr heavy ausgefallenen Songs passen die beiden einfach nicht optimal zueinander. Dafür allerdings wirklich gut bei den ruhigeren, bluesigeren Nummern. Im Akustikstück ‘Everyday Angels’, das mit seiner arg schnulzigen Hook ziemlich radiotauglich ist, blüht Overland richtig auf. In vereinzelten Hard Rock-Nummern harmoniert das Duo allerdings doch, allen voran das Kernstück des Albums: ‘Humankind’. Ein schön stürmischer Riff-Rocker mit Replay-Faktor. Leider werden solche Momente des Lichts schnell wieder von Einheitsbrei wie ‘Liberate Me’ oder ‘Sweet Revenge’ verdunkelt, die sich einfach nicht richtig anfühlen.

SIMON LUDWIG

KNORKATOR

Sieg der Vernunft

Comedy Metal 5,5

TUBARECKORZ/RTD (11 Songs / VÖ: 7.10.)

Zum elften Mal wollen uns die Satiriker Knorkator gehörig auf die Schippe nehmen – und das mit Themen, die jenseits von Gut und Böse sind. Genau dieses Wechselspiel lässt sich bei den Komikern des Metal in SIEG DER VERNUNFT instrumentell nachempfinden. Gute Miene zu bösem musikalischem Spiel, könnte die entsprechende Zusammenfassung lauten: Mithilfe aggressiver Synthbeats und dramatischer Tastenspielereien leiten sie ihre Weltuntergangshymnen im Opener ‘Die Welt wird nie wieder so wie sie vorher war’ und dem Titel-Song ein. Letzterer kann sich mit seinem überraschend rohen Hard Rock-Anschlag zum Glanzstück heraufkämpfen. Ähnliche Härte finden wir in ‘Tut uns leid’ und ‘Es lebe der Tod’ vor. Weniger überraschend, doch immer gerne gesehen und gehört hingegen ist die Performance des großen Tremolomeisters, Sänger Gero Ivers, dessen stimmliche Theatralik sich hervorragend zum Geschichtenerzählen eignet: Naturkatastrophen, Kannibalismus, Profitgier, Korruption – alles, was das Herz eben nicht begehren will, steht in diesem Sammelband menschlicher Laster auf der Tagesordnung. Allerdings beweisen die fünf Knorkatoren anhand der instrumentalen Titel ‘Menschenfleisch’, das durch die beruhigende Pianomusik genauso gut als Soundtrack für eine Tierdokumentation herhalten könnte, sowie dem Katzenwiegenlied ‘Knurrkator’, dass sie die große Kunst des Entertainments selbst ohne narrative Instanz beherrschen. Dystopien für jung und alt, Mensch und Tier – mit dieser Platte kommt jeder auf seine Unterhaltungskosten.

CASSANDRA HILLGRUBER

LAMB OF GOD

Omens

Thrash Metal 5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 7.10.)

Ich bin noch immer der Meinung, dass Lamb Of God nach SACRA-MENT (2006) falsch abgebogen sind und den Schritt als Pantera-Nachfolger durch die Festivalheadliner-Tür hätten gehen können. Damals brachte die Band alles auf einen Nenner: progressives Denken, feiste Technik, brutale Härte, eine fette Produktion – und vor allem: Hits! Das schrullig-kreative Element, das Lamb Of God seit Anbeginn ihrer Karriere begleitete, übernahm in den Folgejahren immer mehr das Zepter, worunter die Eingängigkeit litt. Auch OMENS ist mitunter ein wankelmütiger Geselle. Es gibt so geile und griffige Momente, da möchte man sich freiwillig die Halswirbel brechen: Teile von ‘Vanishing’, ‘Ditch’, dem Titel-Song, ‘Gomorrah’, ‘Ill Designs’ oder dem abschließenden ‘September Song’ zum Beispiel. Wohlgemerkt – Teile. Die erwähnte Kompaktheit von SACRAMENT haben Lamb Of God nicht wiedergefunden. Und dennoch spielt sich das Klagen hier auf hohem Niveau ab, zumal sich diese Band nie als einfach zu hörende Kapelle definiert hat. Man muss sich (wieder mal) tief in die neue Studioscheibe reingraben, um die wertvollen Passagen herausschürfen zu können. Diese haben es dann aber in sich.

MATTHIAS WECKMANN

LIVE BURIAL

Curse Of The Forlorn

Death Metal 3,5

TRANSCENDING OBSCURITY (7 Songs / VÖ: 23.9.)

Dürfen wir vorstellen: Live Burial. Ihr Spezialgebiet: Das irdische Grauen akustisch erlebbar machen. Das mag zwar nicht gerade die feine englische Art sein, aber immerhin darf man von den Musikern aus Newcastle nach ihren letzten zwei erschienenen Langspielern feinen Death Metal erwarten. Wie der Band-Name bereits vermuten lässt, führen uns die unheilvollen Kavalleristen in ‘Despair Of The Lost Self’ durch ein Labyrinth allen Elends. Einzig die prägnanten Melodien der hell ertönenden Gitarre lotsen uns nach sieben Minuten erfolgreich aus der Düsterkeit hinaus. Nach diesem Etappensieg geht es in den nachfolgenden Kapiteln rasanter weiter, woraus ein Schema erkennbar wird: Chaotisch und experimentell beginnen Songs wie ‘My Head As Tribute’ oder ‘Exhumation And Execution’, gipfeln aber in melodischeren Gitarrenakrobatiken der beiden „Saitenhieber“ Rob Hindmarsh und Jake Bielby. Solche Funken lassen allerdings des Öfteren auf sich warten. Ein bedachterer Einstieg gelingt den Briten in ‘Blood And Copper’, insbesondere aber dem finalen Track ‘This Prison I Call Flesh’, der uns auf zwölf Minuten einige Motive zu bieten hat. Trotz seiner Länge schafft es das Schlussstück genau wie der Album-Opener, sich nicht durch eintönige Abschnitte fortzubewegen. Den Growls von Jamie Brown eine längere Hallfahne zu gewähren, hat allerdings zur Folge, dass uns das Instrumentelle zwar präsenter im Ohr liegt, doch die Stücke halbgar klingen – da ist noch Luft nach oben!

CASSANDRA HILLGRUBER

THE LORD & PETRA HADEN

Devotional

Art Rock 6

SOUTHERN LORD/CARGO (6 Songs (VÖ: 30.9.)

Wer schon immer mal zu den Drones von SUNN O))) Yoga machen wollte, wird jubeln. Endlich! DEVOTIONAL bietet diese so überfällige wie unglaubliche Ehe von tieffrequenter Organmassage und fordernder Meditationspraxis. Auf sechs Tracks windet sich Petra Haden (eine der drei Töchter von Jazz-Legende Charlie Haden, Mitglied der Decemberists und gelegentliche Kollaborateurin von Weezer, Mike Watt, Green Day, SUNN O))) et cetera) mit ihrer Sirenenstimme um Greg Andersons Gitarre und beschwört alles in Grund und Boden. Sie braucht keine Texte. Der bloße Sound ihrer Stimme, die mehrschichtig durch den Raum wirbelt, ist Mantra genug – und wer Hadens PETRA GOES TO THE MOVIES-Album von 2013 kennt (die A-cappella-Version des ‘Psycho’-Themes!), weiß, was für ein Präzisionsinstrument sie da schwingt. Mit Southern Lord-Chef Anderson (der mit DEVOTIONAL bereits sein zweites Soloprojekt in diesem Jahr vorlegt) verbindet Petra die Lust an der Improvisation, die Fähigkeit, sich mit Haut und Haar im Klang zu verlieren – eine feinstoffliche Chemie, die man vom ersten Ton an spürt. Ist das zu viel esoterisches Gelaber? Kann sein. Aber die zwei sind mit so viel Esprit dabei, dass man ihrem Räucherstäbchenmassaker gerne beiwohnt. Wie sie indische Stylings mit Heaviness mixen, ist mal zuckersüß und magisch, mal bedrohlich (siehe ‘Ma Anand Sheela’, inspiriert von der knallharten Diktatorin an der Seite von Guru Baghwan) und endet mit ‘The End Of Absence’ wundersam erhebend. Einmal Augenzurückrollen, bitte!

MELANIE ASCHENBRENNER

LOST SOCIETY

If The Sky Came Down

Modern Metal 5,5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Ja, ja – Lost Society waren lange Zeit ein vielversprechender Nachwuchs des Thrash Metal. Inzwischen kann man die Finnen aber wirklich nicht mehr als solchen einstufen, dafür ist IF THE SKY CAME DOWN zu modern. Bereits der Opener ‘112’ fackelt nicht lange, um eingängig wie richtungweisend zu vermitteln, womit man es bei diesem Lost Society-Werk zu tun hat. Die Texte drehen sich um psychische Gesundheit, Sänger Samy Elbanna schwankt zwischen Mitsing-Refrains und harschen Rufen, und wenn man gerade noch die Wurzeln der Band erahnen will, führen einen Turntable-Scratches schnell an der Nase herum. Nach und nach offenbaren Lost Society auf ihrem fünften Album, wer ihre neuen Helden sind – ‘(We Are The) Braindead’ ist zwar im Hinblick auf ihr 2016er-Album BRAINDEAD selbstreferenziell, klanglich aber Slipknot näher als Anthrax, und in ‘Stitches’ ist Linkin Park-Einfluss zu erkennen. Besonders stark ist IF THE SKY CAME DOWN immer dann, wenn man das Thema der Lyrics in der Musik erahnen kann: In ‘What Have I Done’ und ‘Awake’ (schön: Streicher!) vermitteln die Instrumente ein unbehagliches Gefühl, in ‘Creature’ lässt Elbanna ein irres Lachen hören, und aus der schließenden Ballade ‘Suffocating’ trieft der Schmerz. So schade Lost Societys Veränderung für Fans der ersten Stunde sein mag: Viel wichtiger als eine möglichst klassische Genre-Bezeichnung ist, ob das Quartett nach wie vor gut in dem ist, was es macht. Die Antwort ist einfach: Ja.

ANNIKA EICHSTÄDT

LYBICA

Lybica

Instrumental Rock 3,5

METAL BLADE/SONY (9 Songs / VÖ: erschienen)

Als Killswitch Engage-Drummer Justin Foley im Verlauf der Coronapandemie 2020 klar wurde, dass er seine Kollegen längere Zeit nicht sehen würde, sichtete er diejenigen Demos, die stilistisch nicht zur Stamm-Band passen und rekrutierte zwei befreundete Musiker, um den vagen Ideen Form und Farbe zu verleihen. Bei diesem Instrumentaltrio bedient Foley nicht nur das Schlagzeug, sondern auch eine der Gitarren. Das Debüt von Lybica (benannt nach einer kleinen, in Afrika beheimateten Wildkatzenart, die als erste vom Menschen gezähmt und domestiziert wurde) dreht sich stilistisch um rockige Gangarten, erlaubt sich aber auch einige Ausflüge in härtere Gefilde. Grundsätzlich befindet sich LYBICA im Fluss – und das ist in diesem Fall kein großes Lob. Die Lieder sind relativ ähnlich strukturiert, verkörpern passagenweise hohe Energie, wecken aber zu wenige Bilder und haben auf Strecke zu wenig Fleisch am Knochen. Wenn instrumentale Musik (grundsätzlich eines der komplexesten Genres) kein Kopfkino kreiert, ist das Drehbuch nicht prall genug. Die Ansätze sind vorhanden, aber dynamisch zeigen sich auf diesem Debüt einige Schwachstellen.

MATTHIAS WECKMANN

MARATON

Unseen Color

Progressive Rock 5

INDIE/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 7.10.)

Nachdem es für ihr Debüt META im Jahr 2019 gute Kritiken hagelte, melden sich Maraton mit ihrem zweiten Album UNSEEN COLOR zurück. Dabei wählten die fünf Norweger für ihr neuestes Werk bewusst Songs aus, von denen die Band anfangs selbst glaubte, dass sie nicht dem typischen Maraton-Sound entsprächen. Jedes Lied spiegelt dabei eine bisher nicht gesehene Facette der Band wider. Und, tatsächlich: UNSEEN COLOR ist in Teilen zwar weniger rockig-kräftig als sein Vorgänger, dafür aber experimenteller, mit Einflüssen aus Pop und Electro, und zeichnet insgesamt eine hellere Klanglandschaft. Präzision und Detailverliebtheit stehen gänzlich außer Frage und heben die Platte auf ein durchgehend hohes Niveau. Bereits der dynamisch-treibende, emotionale Opener ‘In Syzygy’ setzt die Spannungsbögen für das gesamte Album. Die beiden Single-Auskopplungen ‘Contranym’ und ‘Non-Euclidean Heart’ glänzen mit progrockiger Instrumentation, exklusiven Rhythmen, einprägsamen, tanzbaren Melodien und absolutem Ohrwurmpotenzial. ‘Imitation Flesh’ ist das radiotauglichste Stück der Platte, während der Titel-Track ‘Unseen Color’ mit Bombast und Melancholie eine derart bizarre, surreal-schöne Atmosphäre schafft, dass es einem die Nackenhaare aufstellt. Thematisch befasst sich das Album mit der menschlichen Empfänglichkeit für neue Eindrücke und Entwicklungen sowie der Akzeptanz des Unbekannten im Leben. Passend dazu überzeugt UN-SEEN COLOR mit überraschenden Rhythmus-, Melodie- und einhergehenden Stimmungswechseln, jeder Menge Herz und ungemeinem Facettenreichtum. Fans von Leprous und aufgeschlossene Neugierige sollten einen Hörversuch wagen!

BIANCA HÄRTZSCH

MARCO MENDOZA

New Direction

Hard Rock 3,5

TARGET/SPV (10 Songs / VÖ: erschienen)

Thin Lizzy, Journey, Whitesnake, Ted Nugent, Black Star Riders, The Dead Daisies – die Visitenkarte von Marco Mendoza ist prominent bestückt und zeugt von großer Umtriebigkeit. Das heißt im Umkehrschluss allerdings nicht zwangsläufig, dass der Bassist auch als Solokünstler und Frontmann überzeugen kann. Mit NEW DIRECTION präsentiert der US-Amerikaner sein viertes Soloalbum. Stilistisch wandelt er auf Hard Rock-Pfaden, die klar aus Songwriter-Sicht geschrieben sind, konstruiert wirken und die Leidenschaft vermissen lassen. Witzigerweise ist es die Ballade (‘Walk Next To You’), welche die Kohlen aus dem ansonsten recht unterkühlten Feuer holt. Solch eine Passion vermitteln die härteren Lieder leider selten. Mendoza bewegt sich in erstaunlich engen Grenzen, versucht nicht anzuecken und wirkt dabei stoisch. Da helfen auch die Gastauftritte von Søren Andersen (Glenn Hughes, Mike Tramp), Allan Tschicaja (Pretty Maids), Tommy Gentry (Gun) und Morten Hellborn (Electric Guitars) wenig. Von solch einem Mann erwarte ich mehr Esprit.

MATTHIAS WECKMANN

MIDNIGHT RIDER

Beyond The Blood Red Horizon

Heavy Metal 4,5

MASSACRE/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 7.10.)

Ursprünglich waren Midnight Rider mal eine deutschjapanische Combo mit Mitgliedern der japanischen Kultmetaller Metalucifer (wobei Blumi, Gitarrist bei Midnight Rider, ebenfalls der deutschen Besetzung der Band angehört), mittlerweile sind sie „nur“ noch deutsch. Dafür haben sie nun aber ein ziemlich starkes zweites Album in der Pipeline: BEYOND THE BLOOD RED HORIZON kann die Erwartungen nach dem genialen ersten Werk definitiv erfüllen. Wieder einmal ist den Jungs ein schönes Stück authentischer Siebziger-Rock gelungen, das gar nicht nach wiedergekäutem Schlaghosen-Revival-Metal klingt. Na gut, vielleicht ein bisschen, denn die Stoner-Einflüsse sind auf dem zweiten Dreher doch etwas wichtiger geworden, und die Judas Priest-Momente sind vermehrt in den Hintergrund gerückt. Dennoch könnten Songs wie das trabende ‘Intruder’ mit seinem zuckenden Riffing direkt von deren Frühwerk stammen. Tatsächlich ist aber auch viel mehr Abwechslung auf der Platte: Etwa die zum Mitsingen einladende Hymne ‘No Regrets’, das ruhig vor sich hin bluesende ‘Rising Dawn’ oder der an Pagan Altar erinnernde, recht doomige Titel-Song. Aber egal, welchen Track man sich anhört, es fällt primär Sänger Wayne auf – stimmlich irgendwo zwischen Magnus Pelander von Witchcraft und Ozzy angesiedelt, haucht er jedem Song Charakter ein. Mit BEYOND THE BLOOD HORIZON sind Fans jedes Genres gut beraten!

SIMON LUDWIG

NEU AUFGELEGT

NESTOR

Kids In A Ghost Town

Hard Rock 6

NAPALM/UNIVERSAL (14 Songs / VÖ: 30.9.)

Zugegeben: Niemand kommt gerne zu spät zur Party. Vor allem nicht, wenn es sich um die größte Achtziger-Party seit ebenselbigen handelt. Während dieses über drei Dekaden später entstandene Debütalbum (!) der angeblich 1989 gegründeten schwedischen Band bereits 2021 in etlichen einschlägigen Jahresbestenlisten auftauchte, lassen wir es uns nicht nehmen, dieses Melodic-/Hard Rock-Meisterwerk nun in seiner Neuauflage vorzustellen. Erweitert um drei Bonustracks (darunter ein perfekt Journey-siertes Cover von Whitney Houstons ‘I Wanna Dance With Somebody’), die effektiv in die bestehende Track-Folge integriert wurden, gibt es mit dieser Edition nun noch mehr Vokuhilavollbedienung. KIDS IN A GHOST TOWN klingt, als hätten Europe (von denen sich Nestor sowieso das meiste abgeschaut haben) in der Band-Phase von 1986-1988 Ted Poley als Sänger angeheuert. Einzelne Hits hervorzuheben, ist unmöglich, denn aus jedem der – abzüglich eines Intros – 13 Stücke trieft die Essenz der ultimativen Arena-Rock-Ära. Natürlich ist das alles auch viel Pastiche und Mimikry, aber wen kümmert das, wenn die Songs zünden, Arrangements und Produktion perfekt sind, Seite-3-Starlet Samantha „Touch Me“ Fox in ‘Tomorrow’ mitsingt und selbst die Texte einer Zeitkapsel entsprungen zu sein scheinen? Mit derselben Leichtigkeit und kategorischen Kitschresistenz wie Nestor solch grandiose Song-Titel wie ‘Perfect 10 (Eyes Like Demi Moore)’ aus dem Ärmel schütteln, übertrifft die Band vergleichsweise bemühter wirkende Konkurrenten wie ihre Landsmänner The Night Flight Orchestra in Sachen Achtzigerauthentizität um Längen. Besser zu spät zur Party, als sie ganz zu verpassen.

FRANK THIESSIES

RAVEN

Leave ’Em Bleeding

Heavy Metal

STEAMHAMMER/SPV (12 Songs / VÖ: 30.9.)

LEAVE ’EM BLEEDING ist eine Mischung aus Best Of der letzten sieben Jahre und sechs bisher unveröffentlichten Songs. Über Sinn und Unsinn solch einer Veröffentlichung lässt sich gewiss streiten, Fakt ist aber, dass die britische Institution mit EXTERMINATION (2015) und METAL CITY (2020) zwei starke Alben veröffentlicht hat, die in jede Sammlung eines Trad-Metal-Fans gehören. Man höre nur ‘Top Of The Mountain’, ‘The Power’ oder ‘Destroy All Monsters’, die sich alle auch auf diesem Album wiederfinden. Zusätzlich gibt es den Rausschmeißer ‘Crash Bang Wallop’ vom 2019 erschienenen Live-Album SCREAMING MURDER DEATH FROM ABOVE: LIVE FROM AALBORG zu erlauschen. Unter den unveröffentlichten Songs finden sich zwei Cover-Versionen von Montrose und Thin Lizzy sowie bisher unbekannte Eigenkompositionen aus den Jahren 2001 und 2015 plus weitere Kleinode, darunter eine von Produzentenlegende Michael Wagner live im Studio mitgeschnittene Version von ‘Rock This Town’. Das macht unterm Strich fast 50 Minuten Rabenvollbedienung, die nicht nur für Einsteiger interessant sein dürfte.

MARC HALUPCZOK

THE NECROMANCERS

Where The Void Rose

Heavy Metal 5

S/R / RIPPLE (6 Songs / VÖ: erschienen)

Nachdem zwischen SERVANTS OF THE SALEM GIRL und OF BLOOD AND WINE nur ein Jahr gelegen hatte, nahmen sich The Necromancers für WHERE THE VOID ROSE satte vier Jahre Zeit. Das spiegelt sich im ausgefeilten Songwriting wider: Der Opener ‘Sunken Hunters’ legt vor mit angezerrtem Riffing im Midtempo-Segment und ähnlich gelagertem Gesang aus der Kehle von Frontmann Basile Chevalier-Coudrains. Im weiteren Verlauf jedoch wird mit einem Auge in Richtung Iron Maiden schielend aufs Gaspedal gedrückt und die Stimme dementsprechend klar. ‘Crimson Hour’ hingegen erinnert gesanglich wie instrumental an Soundgarden und bewegt sich zwischen ‘Slaves & Bulldozers’ und ‘Mailman’, ohne dass das Resultat ein Abklatsch eines oder beider dieser Songs wäre. Von der griffigen Leadsingle ‘The Needle’ über den Zart-zu-hart-Spannungsbogen von ‘Orchard’ bis hin zum verträumten Titel-Track und der Opeth-esk progressiven Schlussnummer ‘Over The Threshold’ bietet das Drittwerk der Franzosen einen abwechslungsreichen und ausgefeilten Stil-Mix.

KONSTANTIN MICHAELY

NORDJEVEL

Gnavhòl

Black Metal 4

INDIE/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Nordjevel hatten bereits mit der 2021 erschienenen EP FENRIIR einen kurzen Vorgeschmack auf GNAVHÒL gegeben: Große Änderungen gegenüber der bisherigen Ausrichtung gibt es nicht, auch auf der dritten Scheibe spielt das Quintett norwegischen Black Metal, wie man ihn seit den Neunzigern kennt. Obwohl die Band erst 2015 gegründet wurde, sind hier einige erfahrene Musiker am Werk. Da wäre beispielsweise Dominator am Schlagzeug, der bereits durch seine Arbeit mit Dark Funeral, Myrkskog, 1349 oder The Wretched End bekannt wurde, oder Destructhor, der bereits bei Death Metal-Veteranen wie Morbid Angel, Zyklon oder Cadaver aushalf. Auch die übrigen Musiker haben eine recht beeindruckende Vita, insofern konnte man davon ausgehen, dass hier handwerklich nichts anbrennt. Wie erwähnt, GNAVHÒL bietet typisch skandinavischen Black Metal der alten Schule, durchzogen von Stilelementen des amerikanischen Death Metal der Neunziger Jahre. Das wirkt in seiner Konsequenz sehr stimmig und durchaus überzeugend, konzentriert sich aber primär auf die Konservierung liebgewordener Hörgewohnheiten. Mit anderen Worten: Wirklich Neues haben NORDJEVEL nicht zu bieten, aber was sie tun, machen sie effektiv und mit Überzeugung. Selbst wenn einige Riffs durch die teils monotonen, aber vehementen Blastbeats austauschbar wirken. Wer also die Klassiker der zweiten Welle des Black Metal durch hat oder eine moderne Produktion vorzieht, kann hier nichts falsch machen.

MARTIN WICKLER

PHOBOPHILIC

Enveloping Absurdity

Death Metal 4

PROSTHETIC/CARGO (8 Songs / VÖ: erschienen)

Der fundamentale Glaubenssatz „Nomen est omen“ scheint im 29 Death Metal für Band-Namen, Alben- und Song-Titel gleichermaßen zu gelten. Davon sind ebenso Phobophilic nicht freizusprechen. Und es ist wahr, eingangs bekommt man auf ENVELOPING ABSURDITY textlich wie auch den Sound betreffend denjenigen (klassischen) Death Metal geboten, den man auch bestellt hat. Davon nehmen die Herrschaften allerdings oft genug Abstand. Schon in ‘Those Which Stare Back’ konfrontiert uns das Ensemble mit progressiven Zugängen. Auf stilistische Abstecher will das Quartett auch im Folgenden nicht verzichten. So beginnt ‘Cathedrals Of Blood’ vielversprechend neumodisch, kehrt aber zum vertrauten Terrain zurück. Im unerwartet ruhigen Interludium ‘Individuation’ legen Phobophilic ein erneutes Bekenntnis zur Doom Metal-Liebelei ab. Trotz des instrumentalen Facettenreichtums bleibt genau jener guttural gesehen auf der Strecke und lässt manche Passagen dadurch monotoner wirken, als sie eigentlich sein müssten. Der Titel- und Abschluss-Track fasst die vorigen Stücke bestens zusammen: Immer dann, wenn zwei Schritte aus der Komfortzone herausführen, gehen Phobophilic den einen vorsichtshalber doch wieder zurück.

CASSANDRA HILLGRUBER

PURPENDICULAR

Human Mechanic

Hard Rock 4

METALVILLE/RTD (10 Songs / VÖ: 23.9.)

Ursprünglich war die von Sänger Robby Thomas Walsh 2007 ins Leben gerufene und nach dem 15. Studioalbum ihrer Vorbilder benannte Band eine Deep Purple-Tribute-Kapelle. Eine Deep-Purple-Tribute-Kapelle wohlgemerkt, an welcher der Drummer der Originale, Ian Paice, schnell einen Narren gefressen hatte, mit ihnen etliche Auftritte absolvierte und schließlich sogar Teil der Band wurde. Nur folgerichtig, dass HUMAN MECHANIC, das dritte Studioalbum der Formation, seine Wurzeln kaum zu verbergen vermag. Trotz viel Lord-Gedächtnisgeorgel und Paices prägnantem Rhythmusspiel schaffen es Purpendicular aber nicht, dem jüngsten kreativen Lauf der Originale auf Augenhöhe zu begegnen. So bleibt vieles auf HUMAN MECHANIC – trotz durchaus melodisch begeisternder Momente wie etwa im angefunkten ‘Something Magical’ – zu eindimensional und formelhaft. Ob HUMAN MECHANIC als ausgeklügelte Sci-Fi-Dystopie und damit eventuell gar Konzeptalbum angedacht ist (es gibt durchaus Hinweise darauf), lässt sich ohne ein verifizierendes Gespräch mit den Beteiligten leider nicht klären. Dass Sänger Walsh allerdings einen seltsamen Gesangsansatz und Hang dazu hat, partiell so zu klingen, als würde er mehrere Charakterstimmen oder mit sich selbst im Duett singen, lässt sich auch ohne weitere Interna attestieren.

FRANK THIESSIES

QUEENSRŸCHE

Digital Noise Alliance

Heavy Metal 5,5

CENTURY MEDIA/SONY (12 Songs / VÖ: 7.10.)

Es gibt nur wenige Bands, bei denen man jedes Mal dermaßen gespannt ist, wie dicht ein neues Album an die glorreiche Vergangenheit heranreicht, wie im Fall von Queensrÿche. Natürlich sprechen wir von OPERATION: MINDCRIME (1988) und EMPIRE (1990), Meilensteine der Metal-Historie, mit denen sich auch DIGITAL NOISE ALLIANCE messen lassen muss. Und das, obwohl sich bekanntlich die Besetzung 2022 vom damaligen Line-up signifikant unterscheidet. Die Nachfolger von Sänger Geoff Tate und Gitarrist Chris DeGarmo, die Herren Todd La Torre und Mike Stone, beweisen auf der 16. Studioveröffentlichung, dass die musikalische Gegenwart sicher nicht an die beiden Klassiker heranreicht, mit allen übrigen Queensrÿche-Scheiben jedoch mühelos mithalten kann. Denn vor allem La Torre mit seiner grandiosen Stimme macht DIGITAL NOISE ALLI-ANCE zum Ohrenschmaus, der durch eine gelungene Mixtur aus Eingängigem und Anspruchsvollem besticht. Natürlich ragt die Ballade ‘Forest’ heraus und darf man sich gerne am kantigen ‘In Extremis’ ebenso reiben wie an der etwas deplatziert wirkenden Cover-Version von Billy Idols ‘Rebel Yell’. Doch genauso ist diese Scheibe gedacht: Sie holt die Zuhörer bei ihren Erwartungen ab, führt sie aber auch auf neues Terrain. Eine Kunst, die dieser Band mit diesem Album besonders gut gelungen ist.

MATTHIAS MINEUR

RAZOR

Cycle Of Contempt

Thrash Metal 4,5

RELAPSE/RTD (12 Songs / VÖ: 23.9.)

Lange war es still um Razor. Galten die Kanadier unter Genre-Kennern einst als Kulttruppe des Thrash Metal, liegt das bislang letzte Album DECIBELS (1997) bereits geschlagene 25 Jahre zurück. Grund genug für die Veteranen, auf ihre alten Tage nachzulegen – beinahe so gewaltig wie einst! Mit CYCLE OF CONTEMPT weichen Razor keinen Deut von ihrer einstigen Agenda ab. Im Klartext: Hier gibt es mit aggressiven Gitarren-Riffs und Punk-Attitüde mächtig auf die Zwölf! Auf ‘Flames Of Hatred’ rollt die Genre-Urgewalt in halsbrecherischer Geschwindigkeit und bis an die Zähne bewaffnet mit drakonischem Sound über jedes Hindernis hinweg, und schlägt etwa mit ‘Jabroni’ in wütende Thrash-Stampfer um. ‘Crossed’ schraubt das Tempo wieder gehörig nach oben, ‘All Fist Fighting’ wagt dagegen einen Abstecher in groovige Gefilde mit Flitzegitarren, und ‘King Shit’ gibt als treibender Höllenrausch den fulminanten Abschluss. CYCLE OF CONTEMPT ist sicher kein zweites VIOLENT RESTITUTION (1988), aber trotzdem vereint es alle Trademarks, für die man Razor liebt: Schnelle, zackige Thrash-Riffs ohne Schnörkeleien, bellender Gesang und eine ordentliche Portion Hardcore Punk-Rotzigkeit – nur eben leider nicht mehr auf dem Weltklasse-Niveau, für das die Band in den Achtziger Jahren bekannt war. Ein solider Neuzugang in der kultigen Diskografie ist CYCLE OF CONTEMPT aber allemal!

TOM LUBOWSKI

RED ROT

Mal De Vivre

Death Metal 3

SVART/MEMBRAN (17 Songs / VÖ: erschienen)

Bekanntlich wird die Aufmerksamkeitspanne des Menschen immer kürzer und kürzer. So fällt es dem ein oder anderen schwer, sich ein Album von Anfang bis Ende ohne Pause anzuhören – insbesondere, wenn sich 17 Songs darauf befinden. Den lauten Seufzer kann man sich in diesem Fall jedoch sparen: Der Großteil der Titel dauert nur ein bis zwei Minuten; mit dreieinhalb stellen ‘Ashes’ und ‘Conversation With A Demon’ Ausnahmen dar. Für die Newcomer Red Rot wäre es aber vorteilhaft gewesen, ihr Debütwerk MAL DE VIVRE in der Mitte zu teilen und uns lediglich die zweite Hälfte vorzulegen, was die Bewertung sicher um einen Punkt erhöht hätte. Allein schon nach dem Anhören des ersten Titels ‘Ashes’ weiß man nicht genau, was man davon halten soll: Beispielsweise klingt das Schlagzeug an einigen Stellen, als hätte man einfach willkürlich drauflosgedroschen, an anderen Passagen bekommen wir wiederum solides Spiel zu hören – das trifft auch auf beispielsweise ‘Greatest Failure’ zu. Nach diesem Titel geht es mit dem Album endlich aufwärts. Stücke wie ‘Behind The Secret’, ‘Dysmorphia’, ‘Dualism’ oder ‘Emotional Neglect’ zählen zu den Favoriten: Sie sind intensiv, düster und bieten gutes Headbang-Material. Für gemischte Gefühle sorgt zudem der Gesang, der sich aus Growls und Klar-, beinahe Sprechgesang zusammensetzt: Während an Ersterem nichts bemängelt werden kann, wirken die klar gesungenen Teile ziemlich leblos und gewöhnungsbedürftig. Ist demnach eher eine Sache des Geschmacks, so auch MAL DE VIVRE.

AMANDA DIZDAREVIC

SMITH/KOTZEN

Better Days ...And Nights

Hard Rock 5

BMG (9 Songs / VÖ: erschienen)

Wer im vergangenen Herbst leer ausgegangen ist und eines der seltenen Exemplare der mittlerweile ausverkauften Limited Edition 12“-Vinyl-EP BETTER DAYS verpasst hat, die anlässlich des weltweiten „Record Store Day“ auf den Markt kam, darf nun aufatmen: Das spektakuläre Duo Smith/Kotzen, bestehend aus Iron Maiden-Gitarrist Adrian Smith und seinem Gunslinger-Kollegen Richie Kotzen (unter anderem The Winery Dogs), zeigt sich spendabel, hat zusätzlich fünf Songs aus seinem aktuellen Live-Archiv freigegeben und präsentiert dies nun als Neun-Track-CD BETTER DAYS ...AND NIGHTS. Die vier (von der EP bekannten) Studio-Tracks erweisen sich von ebenso großer Güte wie das Material des Debütalbums, mit überwiegend ähnlichen Blues-/Hard Rock-Direktiven, aber auch einem überraschenden Jazz Rock-Track namens ‘Rise Again’, der vermutlich auf Kotzens Initiative zurückgeht. Die fünf Livesongs stammen von der ersten umfassenden Tournee der Supergroup durch Amerika und England zu Beginn des Jahres 2022. Macht summa summarum ein knapp 50-minütiges Feuerwerk von Riffs, coolen Gesängen und virtuosen Soli. Sollte man unbedingt gehört haben!

MATTHIAS MINEUR

SONATA ARCTICA

Acoustic Adventures – Volume Two

Symphonic Metal 4

ATOMIC FIRE/WARNER (12 Songs / VÖ: 30.9.)

Einige Monate nach ihrem ersten akustischen Streich mit zwölf Neuaufnahmen Band-eigener Stücke begeben sich die Finnen Sonata Arctica abermals auf ACOUSTIC ADVENTURES und hüllen weitere zwölf Lieder in ein besinnlich-ruhiges, teils auch strukturell leicht abgeändertes Gewand (man höre etwa die Streicher in ‘Gravenimage’ oder die übersprungene Emo-Zeile in ‘Victoria’s Secret’). Dabei profitieren einige geliebte Klassiker wie ‘Black Sheep’, ‘Letter To Dana’ oder ‘Shamandalie’ davon, dass Tony Kakko stimmlich wie emotional sein gesamtes Potenzial präsentieren kann. ‘Flag In The Ground’ steht der in den Vordergrund gerückte Honky Tonk-Stil gut zu Gesicht. Die zurückhaltende Interpretation sorgt naturgemäß aber auch dafür, dass Lieder wie ‘Broken’ oder ‘Fullmoon’ ihre tragische Dramatik verlieren – also genau das Element, das die Songs in der Urfassung aus- und so großartig macht. Besonders weh tun hier leider das sonst überragende ‘San Sebastian’ sowie ‘My Land’, denen nun jeglicher Schneid fehlt. Natürlich kann man das Unterfangen weiterhin als interessantes Experiment werten und Lieblingsstücke in alternativer Fassung neu für sich entdecken. Hat aber man die Wahl, greift zumindest die Autorin weiterhin, wie so oft bei Eigen-Covern, lieber zu den (in diesem Licht noch perfekter erscheinenden) Originalen. Wer die Band dennoch in intimer Atmosphäre live erleben will, hat ab Ende Oktober in hiesigen Gefilden die Chance dazu.

KATRIN RIEDL

SONJA

Loud Arriver

Heavy Rock 4,5

CRUZ DEL SUR/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: 23.9.)

Mina Caputo und Laura Jane Grace hatten das Glück, dass ihre Bands (von Ex-Life Of Agony-Drummer Sal Abruscato mal abgesehen) sie als Transfrauen unterstützten. Melissa Moore dagegen wurde 2018 nach ihrem Outing aus der Extreme Metal-Gruppe Absu geschmissen. Mit Tourneeschlagzeuger Grzesiek Czapla reaktivierte die Musikerin ihr Projekt Sonja, mit dem sie alles andere als düstere Klänge erzeugt. Das durch Bassist Ben Brand vervollständigte Trio agiert irgendwo zwischen High Spirits (‘Nylon Nights’) und Alternative Rock-Klängen (‘When The Candle Burns Low...’), klingt dabei aber angenehm rau und unterproduziert. Über allem tönt die sirenengleiche, stets mit ordentlich Hall ausstaffierte Stimme von Moore. Sie verarbeitet dabei ihre unschönen Erfahrungen und Gefühle (‘Wanting Me Dead’, ‘Fuck, Then Die’). Die besten Momente auf LOUD ARRIVER liefern Sonja, wenn sie direkt die Hook suchen und unbeschwert abrocken. Hier und da verlieren sich die US-Amerikaner leider in kompositorischen Ausfransungen, die den Songs die Dichte nehmen.

LOTHAR GERBER

SPELLBOOK

Deadly Charms

Classic Metal 5,5

CRUZ DEL SUR/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 23.9.)

Bei der Debütveröffentlichung 2020 war noch der Hinweis vonnöten, dass Spellbook zuvor zu dem inflationären Kreis von Bands gehörten, die einst unter den Namen Witch Hazel liefen und fortan mit Label- auch einen Namenswechsel vollzogen hatten. Der Nachfolger DEADLY CHARMS ist nun der wirkliche Neuanfang, zumal inzwischen auch das Gitarrentandem ein ganz frisches anderes ist. Lässt das wie aus dem instrumentalen Mittelteil von ‘No More Tears’ gemopst wirkende Piano-Intro ‘1928’ bereits Ozzy-Assoziationen aufblitzen, tut Sänger Nate Tyson in Folge wenig, um seine wohl größte stimmliche Inspiration zu verleugnen, und lässt zuweilen noch eine Portion Phil Lewis einfließen. DEADLY CHARMS ist damit das tongewordene teuflische Gedankenexperiment, wie ein bereits Achtziger-Solokarrieren- und somit Hard Rock-Hit-erfahrener Madman zu seiner Stamm-Band zurückkehrt und der Kalender fortan für immer 1977 anzeigt. Mit lyrischer Lokalkoloritliebe für übernatürliche, aber historisch verbriefte Personen und Ereignisse, entfacht die Band aus Pennsylvania in neun Songs ein vollmundig klassisches Hard Rock-/Heavy Metal-Freudenfeuer, das weder an Hooks noch Licks spart. Dass das große Finale von ‘Out For Blood’ darüber hinaus den Mindfucktrip inszeniert, Mother Love Bones Andrew Wood hätte in einem Paralleluniversum die perfekte Fusion-Fassung von ‘Mama, I’m Coming Home’ und ‘Chloe Dancer/Crown Of Thorns’ ersonnen, hebt die Begeisterung noch auf ein ganz anderes Level. Was aber bitte nicht davon ablenken lassen soll, dass Spellbook wissen, wie man Classic Metal richtig buchstabiert.

FRANK THIESSIES

SPIRITUS MORTIS

The Great Seal

Doom Metal 4

SVART/MEMBRAN (8 Songs / VÖ: erschienen)

Nach einem starken Anfang in Form des druckvollen Stücks ‘Puputan’, das wie Candlemass auf Speed klingt, verpasst das eher getragene ‘Death’s Charioteer’ der Euphorie einen raschen Dämpfer. Der Opener markiert definitiv den Höhepunkt des Albums, nichtsdestotrotz gibt es auch im weiteren Verlauf von THE GREAT SEAL immer wieder starke Momente. ‘Martyrdom Operation’ etwa besticht mit erstklassigem Gitarren-Sound, ‘Khristovovery’ schiebt hervorragend, und ‘Feast Of The Lord’ hat einen herrlich eingängigen Refrain. Die Kehrseite: Spiritus Mortis neigen zur Monotonie und schaffen es oft nicht, Spannungsbögen aufrechtzuerhalten. Somit entstehen ganz gute Songs, die das Potenzial verschenken, zu super Songs zu werden. Auch der Schlusstitel ‘Are You A Witch’ fadet nach sieben schleppenden Minuten etwas willkürlich ins Nichts aus – ein Stück weit symptomatisch für die Platte insgesamt, trotz guter Ansätze.

KONSTANTIN MICHAELY

AUS DEM PIT

DIE NEUESTEN LIVE-ALBEN

MOONSPELL

From Down Below – Live 80 Meters Deep

Dark Metal 5,5

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: 23.9.)

Es ist erstaunlich, aber wenn man Moonspell 80 Meter tief unter die Erde verfrachtet und sie in einer natürlichen Höhle ihr letztes Album HERMITAGE in Gänze aufführen lässt, klingen die Songs mehr nach Pink Floyd denn je. Nicht, dass Moonspell zuvor mit den Briten viel gemeinsam gehabt hätten; vielmehr lässt die einzigartige Akustik im Naturwunder Grutas de Mira D’Aire die Musik der Portugiesen auf eine ganz andere Weise atmen, pulsieren, wirken. Natürlich kann man als Außenstehender nur zaghaft vermuten, wie dieses Höhlenkonzert wohl gewesen sein mag. Als Schwesterveröffentlichung zum letzten Studioalbum ist dieses Experiment aber eine große Freude. Das liegt natürlich auch an der hohen Qualität, die Moonspell mit HERMITAGE abgeliefert haben. In den kraftstrotzenden Livearrangements, dem sehr nahbaren Sound und dem Hall der Höhlenwände entfaltet das zwölfte Studioalbum der wichtigsten Metal-Band Portugals einen eigentümlichen Zauber, mit dem nicht einmal die reguläre Aufnahme mithalten kann.

BJÖRN SPRINGORUM

OBITUARY

Cause Of Death – Live Infection

Death Metal 4,5

RELAPSE/MEMBRAN (13 Songs / VÖ: erschienen)

Auch wenn ein neues Album noch auf sich warten lässt, gibt’s hiermit ein kleines Trostpflaster. Das neben SLOWLY WE ROT zweite Obituary-Aushängeschild CAUSE OF DEATH gibt es nun als LIVE INFECTION. Wie der Titel andeutet, handelt es sich dabei um Live-Aufnahmen, bei denen die Platte chronologisch und in voller Länge gespielt wird. Sie wurden während der Livestreams aufgenommen, die Obituary im Lockdown 2020 an die Außenwelt gesendet hat. Das komplette Ausbleiben von Zuschauerreaktionen in jeglicher Hinsicht ist ein weiteres Mahnmal der Coronazeit. Das stört allerdings erstaunlich wenig. Grund dafür ist die intime, fast schon proberaummäßige Atmosphäre der Platte. Auch wenn das Konzert für viele gedacht war, fühlt man sich Obituary sehr nah. Hier und da geht mal ein Griff daneben oder ein Drumstick fällt auf den Boden, doch das trägt zum großen Reiz bei. Ebenso die kurzen Absprachen der Band zwischen den Titeln. Die starken Momente sind der epische, mit Gitarrensoli gespickte Ausstieg von ‘Body Bag’ oder der generell etwas progressivere Ansatz. Wer also den Klassiker von 1990 in einer leicht kratzigen und wilden Version hören mag, kann hiermit nichts falsch machen.

FLORIAN BLUMANN

OBITUARY

Slowly We Rot – Live And Rotting

Death Metal 5

RELAPSE/MEMBRAN (16 Songs / VÖ: erschienen)

1989 war das Schicksalsjahr von Obituary: Ihr alter Name Xecutioner fiel weg, und mit SLOWLY WE ROT schufen sie einen von Fans und Kritikern bis heute gefeierten Klassiker des Death Metal. Einige sprechen sogar von der Blaupause des Genres. Wie CAUSE OF DEATH erscheint auch diese Platte als Live-Version in voller Länge und chronologisch, dem nervigen C-Virus beziehungsweise Livestream von Obituary aus dem Lockdown-Jahr 2020 sei Dank. Damals mit einem aufgrund des geringen Budgets nicht ganz so knackigen Sound versehen, kommt hiermit kein Hochglanz- oder Audiophil-Meisterwerk, sondern die perfekte Live-Abmischung. Kraftvoll genug, um ordentlich reinzuziehen, jedoch mit dem etwas verruchten Rauschen von Club-Atmosphäre. SLOWLY WE ROT kommt akustisch noch besser weg als CAUSE OF DEATH – LIVE INFECTION, was aber an der im Vergleich zum Nachfolger noch weiter ausufernden Härte liegen mag. Leider fehlen die netten kleinen Patzer, wie sie beim Release-Kollegen zu finden sind. Die nahtlosen Übergänge saugen dafür schön in einen Endlos-Death-Schlund. Nicht nur Fans von Obituary sei daher geraten: Viel Spaß beim Abstieg.

FLORIAN BLUMANN

STRATOVARIUS

Survive

Power Metal 4,5

EARMUSIC/EDEL (11 Songs / VÖ: 23.9.)

Blickt man rund 25 Jahre zurück, galten Stratovarius als möglicher Headliner großer Festivals und Nachfolger der „alten Helden“. Bekanntermaßen kamen diverse Line-up-Probleme (unter anderem der spektakuläre Ausstieg von Bandchef Timo Tolkki) und mehrere uninspirierte Alben dazwischen, bevor die Finnen vor sieben Jahren ganz von der Bildfläche verschwanden. Das sicher nicht aus Zufall so getaufte SURVIVE ist ein Comeback mit den Mitstreitern aus dem Jahr 2015 und soll den Dampfer wieder in gewohnt erfolgreiche Gewässer führen. Ob das klappt? Ansatzweise ja, denn Kotipeltos Stimme ist bis heute unverkennbar und besonders. Sie verleiht Kompositionen wie dem Titelstück oder dem über elfminütigen Rausschmeißer ‘Voice Of Thunder’ das gewisse Etwas. Leider halten nicht alle Kompositionen diese Klasse, zwischendrin versteckt sich schon der ein oder andere Füller (‘Broken’, ‘Frozen In Time’). Trotzdem muss man der Truppe über Albumdistanz eine hörbare Spielfreude attestieren. Ob es zurück bis ganz an die Spitze reicht, wird die Zeit zeigen.

MARC HALUPCZOK

STRAY FROM THE PATH

Euthanasia

Hardcore 6

UNFD/MEMBRAN (10 Songs / VÖ: erschienen)

Fakten auf den Tisch: Mehr Groove hat keine moderne Hardcore-Band. Die New Yorker Stray From The Path reiten die Rhythmen wie beim Rodeo. Allein der Opener ‘Needful Things’ galoppiert in einem Affentempo, dazu die Hook: „Are you in or in the way?“ Ey, voll dabei! Hier spielt ausgetüftelte Hardcore-Musik, zu der der Körper nicht stillstehen kann. Irgendetwas wackelt immer – erst das Bein, dann der Nacken, schließlich das Herz. Der Kopfnicker ‘May You Live Forever’ macht dabei keinen Halt. Und mit ‘III’ haben Stray From The Path einen Über-Hit geschrieben – dieser vibt wie Rage Against The Machine. Mosh-Material vom feinsten, das Tanzbein schickt Grüße ans Gehirn. Auch der beigesteuerte Klargesang von Stick To Your Guns-Sänger Jesse Barnett verschmilzt rückstandslos mit dem melodramatischen Sound von ‘Bread & Roses’. Neue Facetten, die so guttun. Aber: So sympathisch, witzig und spritzig, wie sich die Band auf der Bühne gibt, so erschreckend kann sie sein, wenn sie in ‘Guillotine’ voller Inbrunst „Off with their fucking heads“ brüllt. Brutal. Sowieso hält sich Schreihals Andrew Dijorio nicht mit Beschimpfungen aller Couleur zurück. Jugendfrei ist anders: Von den Kardashians über Zuckerberg und J.K. Rowling bis hin zu Schwurblern kriegen alle ihr Fett weg, und das allein im Song ‘Law Abiding Citizen’. Zum Schluss versprüht noch Scratching-Arbeit in ‘Ladder Work’ als schöne Reminiszenz die Nu Metal-Romantik, bevor der Track ins Fahrwasser von Gojira abdriftet. Die spannendste Band im modernen Hardcore.

VINCENT GRUNDKE

STRIGOI

Viscera

Death Doom 5

SEASON OF MIST/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Außergewöhnliche Doom-Spielarten genießen dieser Tage ungeahnte Beliebtheit. Auch Strigoi, die Nachfolge-Band zu Vallenfyre von Paradise Lost-Gitarrist Gregor Mackintosh, widmen sich mit ihrem zweiten Album VISCERA quälend langsamen, druckvollen Gitarren-Riffs und Tiefton-Vocals. ‘United In Viscera’ läutet großspurig die getragene Dampfwalzenatmosphäre ein, in ‘King Of All Terror’ entledigen sich die Briten kurzerhand der Doom-Leidenschaft zugunsten von Crust-Elementen, nur um gegen Ende wieder deutlich ins Zeitlupentempo zu verfallen. Mit ‘Napalm Frost’ packen Strigoi eine gehörige Prise Groove dazu, und ‘Hollow’ ist ein sich in großen Schritten anbahnender Höllenmarsch. Strigoi sind majestätisch und unbändigrüpelhaft zugleich. VISCERA verbindet Death Metal der alten Schule wie Morbid Angel oder Obituary mit Crust-Elementen und streckenweise deutlich reduziertem Tempo mit gewaltig Pathos. Das gefällt – vor allem, weil die Kombination herrlich unverbraucht anmutet und penibel austariert wirkt. Kurzum: VISCERA ist so abwechslungsreich, dass selbst die Veteranen des Extreme Metal deutlich ihre Krachlauscher spitzen dürften.

TOM LUBOWSKI

STRÖM

Ström

Hard Rock 3

BLACK LODGE/SPV (10 Songs / VÖ: 23.9.)

Wieder so eine Band, unter deren Namen man im Netz nahezu nichts findet, weil sie meinte, es wäre wohl eine gute Idee, sich internationalen Schreibweisen zu verweigern und das Röck-Döt-Umlautklischee zu bemühen. Dabei machen die jungen Schweden nicht mal einen auf Motörhead, sondern verehren AC/DC über alles. Gut, Bon Jovi und Kiss mag man hörbar auch, genauso wie Ström vermutlich sämtliche Status Quo-Platten im Regal stehen haben. Anders als unzählige andere Young-Kopisten haben sich Ström neben dem „ö“ dazu entschieden, ihren Pub-Rock-Gedenk-Sound in schwedischer Sprache zu präsentieren – das vermutlich einzige Alleinstellungsmerkmal, welches man als AC/ DC-Epigonen heute noch bemühen kann. Zwar erspart das heimische Idiom direkt identifizierbare lyrische Peinlichkeiten, klingt aber mit Sänger Zdravko Zizmonds manchmal eine Spur zu schneidend spitzem Organ zuweilen wie eine ungarische AC/DC-Cover-Truppe, die sich der kurzen Liveband-Phase mit Axl Rose als Interims-Ersatzsänger verschrieben hat. Mehr als den Skurrilitätspreis können Ström leider nicht gewinnen.

FRANK THIESSIES

SUMERLANDS

Dreamkiller

Heavy Metal 5

RELAPSE/MEMBRAN (8 Songs / VÖ: erschienen)

Augenreibend nehmen wir nach sechs Jahren der Funkstille Sumerlands zweite Platte in Empfang. Dass nach dem Debütalbum aus 2016 noch ein Nachfolgewerk auf uns warten würde, hätte man nach all der Zeit des Stillstands kaum mehr für möglich gehalten. Vermutlich ging es für die US-Amerikaner auch nicht anders, als auf den Reifeprozess zu setzen und sich eine Auszeit zu nehmen: Mit dem Wechsel an der Front hieß es für die Band, ihr bisheriges Konzept zu überdenken und weiterhin an ihrem Heavy Metal-basierten Stil zu schleifen. Im Vergleich zum Doomlastigeren Vorgänger, der sich beispielsweise Ozzy Osbournes THE ULTIMATE SIN zum Vorbild nahm, schlagen sie mit Brendan Radigan am Mikrofon den Seitenpfad des Power Metal ein. Eine hervorragende Wahl, wenn man auf Stimmverwandtschaften mit Rushs Geddy Lee oder Greta Van Fleets Joshua Kiszka setzt. Leichtfüßige Shreddings wie in den Stücken ‘Edge Of The Knive’ und ‘Dreamkiller’ sowie der Spannung erzeugende, nahtlose Übergang zu ‘Night Drive’ lassen Hair Metal-Herzen höherschlagen. Song-Durststrecken, bei denen ihnen die Puste ausgeht, sind praktisch kaum vorhanden, denn selbst der rhythmisch schwerfällige Track ‘The Savior’s Lie’ beherbergt feuerfangende Momente. Vom Opener ‘Twilight Points The Way’ bis zum triumphalen Abgang in ‘Death To Mercy’ brettern sich Sumerlands mit vorbildlicher Durchschlagskraft zurück.

CASSANDRA HILLGRUBER

TABOO

Taboo

Alternative Rock 2,5

FRONTIERS/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Nicht zu verwechseln mit den Schweizern gleichen Namens, die in den Achtzigern bei den Eidgenossen recht hoch im Kurs standen, handelt es sich bei diesen dänischen Taboo um das neue Projekt von Pretty Maids-Gitarrist/-Co-Songwriter Ken Hammer und den primär in Japan durch die Band H.E.R.O. bekannten Landsmann, Sänger und Produzent Christoffer Stjerne. Unterstützt werden die beiden Kernkünstler unter anderem von keinem Geringeren als Mat Sinner, der für zwei Songs den Bass schwingt, sowie von Jacob Hansen, der für Mix und Mastering des selbst aufgenommenen und -produzierten Albums verantwortlich zeichnet. Das Resultat ist ein glattgebügeltes, auf moderne US-Standards getrimmtes Alternative Rock-Album, das sich stilistisch eher an Linkin Park oder Three Days Grace orientiert und der Hörerschaft solcher Bands sicher genauso gut gefallen dürfte wie den Programmverantwortungsgremien von Rock-Radio-Stationen, die ihre Playlist gerne mit aktuellen Stangenwaren-Sounds füllen. Die vermutlich größte Herausforderung, Taboo einem mit Material und Materie nicht Vertrautem zu beschreiben, dürfte somit wohl darin bestehen, die fünf Begriffe klinisch, blutleer, Trend-schielend, Autotune-verunstaltet oder überflüssig nicht zu verwenden.

FRANK THIESSIES

TALAS

1985

Hard Rock 5,5

METAL BLADE/SONY (11 Songs / VÖ: 23.9.)

1985 ist in allen Aspekten ein ganz besonderes Album. Zuerst einmal – und rein objektiv betrachtet – ist es verdammt gut. Dann kommt aber noch dazu, dass es das erste Album der Band um Basslegende Billy Sheehan seit 1985 (man beachte den Titel des Albums) ist. In diesem Jahr schrieb die Band das Album – nahm es aber nie auf, da sie sich auflöste, um andere Wege zu gehen. Ein weiterer, ziemlich trauriger Grund, das Album zu hören, ist, dass es das letzte von Sänger Phil Naro ist. Dieser verlor letztes Jahr tragischerweise kurz nach den Aufnahmen für 1985 seinen harten Kampf gegen den Krebs. Das entstandene Material gibt allerdings ein wunderbares Epitaph für den verstorbenen Ausnahmesänger her. Schon beim Opener ‘Inner Mounting Flame’ wird man von musikalischer Wucht mitgerissen: Sheehans virtuos getappter Bass bietet die Fundamente für simple, aber effektive Riff-Arbeit. Klassischer Achtziger-Hard Rock an der Grenze zum Heavy Metal. Auch alles, was folgt, weiß zu überzeugen. Da wäre etwa ‘Crystal Clear’ – ein ruhiger, irgendwo zwischen The Clash, The Police und Ratt angesiedelter Ohrwurm. Oder der aufgeregte Kopfrüttler ‘On The Take’. Aber es gibt sowieso keinen schlechten Song (sogar das einzige nicht in den Achtzigern entstandene ‘Black And Blue’ ist ein ziemliches Brett). Alle Musiker harmonieren hörbar und machen die Platte zu einer authentischen Zeitreise – der DeLorean auf dem Cover kann als Sinnbild dafür verstanden werden!

SIMON LUDWIG

TANKARD

Pavlov’s Dawgs

Thrash Metal 5

REAPER/WARNER (10 Songs / VÖ: 30.9.)

Wer Tankard auf den zurückliegenden Festivals live gesehen hat, hat es gemerkt: Die Thrasher sind auch 40 Jahre nach ihrer Gründung fit und stark wie eh und je – vielleicht sogar noch mehr. Das macht sich auch auf ihrem 18. Album bemerkbar: PAVLOV’S DAWGS bellen nicht nur, sondern beißen auch! ‘Beerbarians’ liefert die im Song-Titel versprochene Hymne mit versoffen-kämpferischem Amon Amarth-Dreh, während sich Nummern wie ‘Diary Of A Nihilist’ vor klassischem, gehetztem Thrash Metal alter Metallica- und Exodus-Schule verneigen. ‘Dark Self Intruder’ trifft von seinem klar gespielten Intro bis zum mitsing- und -moshbaren Refrain den Nerv all jener Fans, denen Kreator dieser Tage nicht bodenständig genug rüberkommen. Mit beispielsweise ‘On The Day I Die’ und ‘Veins Of Terra’ betonen die Frankfurt-Fans ihre ernstere Seite, klingen regelrecht drückend, kredenzen im Gegenzug aber herrliche Gitarrensoli zum Reinlegen. Zeitgenössisch-kritische Botschaften werden etwa in ‘Metal Cash Machine’ und ‘Ex-Fluencer’ zwar bissig und böse, aber immer mit Schalk im Glas rübergebracht. Speziell hier macht sich bezahlt, dass „Gerre“ Geremias Gesang so klar verständlich ins krachige Klangbild gemischt wurde. PAVLOV’S DAWGS macht keine großen Sprünge, aber durchweg Spaß, ohne oberflächlich zu bleiben: Kein Alters-, sondern ein Reifewerk!

SEBASTIAN KESSLER

KURZ & HART

DIE NEUESTEN EPS

THE 69 EYES

Drive 4

Gothic Rock

ATOMIC FIRE/WARNER (4 Songs / VÖ: erschienen)

Die Kippe am staubigen Wegesrand ausgestampft, steigen wir gedanklich in unseren Sportflitzer ein und drehen eine Runde bei Nacht. Den passenden Rennstrecken-Soundtrack dazu liefern uns die finnischen Dark-Rocker auf ihrer Vinyl-EP im Titel-Track. Dieser lädt zum Mitgrölen ein, wie man es par excellence nicht anders als von ‘Rebel Yell’ kennt. Zu gewohnt finsterer Miene erleben Hörer, wie die Goth’n’Roll-Vampire in ‘Call Me A Snake’ auf Beutezug gehen. Diejenigen, die der lüsternen Stimme von Jyrki Pekka Emil Linnankivi zum Opfer gefallen sind, können dann auch nicht anders, als sich dem unbeirrbaren Rhythmus zu den leicht mitschwingenden Synths hinzugeben. Überraschend heiter schließt der Tonträger mit ‘California’ ab, das uns eine muntere Spritzfahrt im Golden State geloben will – und dieses Versprechen einhält. Von rigorosem Dark Rock zu sonnigen Country-Frequenzen – für die Musiker, die gute 33 Jahre auf dem Band-Buckel haben, ist jener Mix alles andere als ein Widerspruch, für andere Geschmäcker aber womöglich schon. The 69 Eyes legen uns mit DRIVE eine Transformation in drei Akten vor, bei der sie sich gegen Ende von dem etwaigen Gothic-Duktus entfernen und neue, spannende Wege gehen. Darüber kann selbst mit der Zugabe in Form der Live-Aufnahme von ‘Two Horns Up’ nicht hinweggesehen werden.

CASSANDRA HILLGRUBER

RAGE

Spreading The Plague

Heavy Metal 5

STEAMHAMMER/SPV (6 Songs / VÖ: 30.9.)

Pünktlich zum lang erwarteten Tourneestart mit Brainstorm spendieren Rage ihren Fans eine neue EP mit sechs Songs. Die ersten drei Stücke stammen aus der Session des extrem erfolgreichen Studioalbums RESURRECTION DAY (2021) und waren bisher komplett unveröffentlicht. Vor allem der Opener ‘To Live And To Die’ weiß zu überzeugen, aber auch das Titelstück und ‘The King Has Lost His Crown’ laufen als typischer Rage-Stoff mit griffigen Riffs und eingängigen Refrains ordentlich rein. Die Akustikversion von ‘A New Land’ funktioniert nicht ganz so flüssig, dafür gibt es mit ‘The Price Of War 2.0’ (bisher nur digital zum Einstieg der neuen Band-Mitglieder veröffentlicht) und einer Livestream-Version von ‘Straight To Hell’ aus der Balver Höhle im Jahr 2020 noch zwei alte Bekannte in neuem Gewand. Dies macht das Kleinod mit dem schicken Coverartwork (erscheint auch auf LP) noch nicht zum absoluten Pflichtkauf, vermutlich aber schon bald zum gesuchten Sammlerstück. Und Rage-Fanatiker greifen sowieso zu.

MARC HALUPCZOK

Ebenfalls erschienen: The Hirsch Effekt SOLITAER / GREGAER (Long Branch/SPV)

Die Freidenker des deutschen Progressive Metal bleiben in Experimentierlaune: Die drei neuen Songs für SOLITAER entstanden – der Name deutet es an – getrennt voneinander, ersonnen von je einem Band-Mitglied. Dass es deswegen trotzdem nicht mehr geradeaus geht, sondern jedes rockende Genre zwischen Hardcore, Indie Rock, Post Punk und Jazz gestreift wird, versteht sich von selbst. Schwer greifbar, aber beeindruckend. Die vier Tracks der orchestralen EP GREGAER sowie eine Neuaufnahme deren Titel-Songs ergänzen diese Veröffentlichung. (SEBASTIAN KESSLER / 5 PUNKTE)

VINYL COUNTDOWN

MOTÖRHEAD

Iron Fist

BMG/WARNER

Nachdem Motörhead 1980 mit ACE OF SPADES ihr bisheriges Studiomeisterwerk und mit NO SLEEP ’TIL HAMMERSMITH ein Jahr darauf sogar ein Live-Album an der Spitze der UK-Charts platzieren konnten, kann man Anfang der Achtziger guten Gewissens von einem Lauf für Lemmy und seine Bande sprechen. Doch schon die Trennung von ACE OF SPADES-Produzent Vic Maile und die sukzessive Pultübernahme durch Gitarrist „Fast“ Eddie Clarke (mit Unterstützung von Will Reid Dick) deuteten 1982 auf Personalpolitikschwierigkeiten hin, die im Ausstieg von Clarke auf der anschließenden Tournee kulminieren sollten. IRON FIST allein darauf zu reduzieren, dass es das letzte Album der berühmt-berüchtigten Triobesetzung ist, wird der Platte genauso wenig gerecht wie sie aufgrund ihres etwas muffigen Sounds und des ein oder anderen generischen Songs zu diskreditieren. Der bollernde Titel-Track-Klassiker mit seinen ‘Ace Of Spades’-Parallelen, aber auch Perlen wie ‘I’m The Doctor’ oder ‘America’ wollen nämlich wiederentdeckt werden. Dabei enthält die in zwanzigseitiger Bookpack-Aufmachung erhältliche Dreifach-Vinylfassung der remasterten Neuauflage zusätzlich noch den damaligen Tourneemitschnitt eines Glasgower Gigs, Boni wie die Single-B-Seite ‘Remember Me, I’m Gone’ oder rudimentäre Demo-Tracks für die ultimative Song-Seziersitzung. Auch als Doppel-CD oder Einzel-LP im blauschwarz-marmorierten Farbstrudel-Design erhältlich.

FRANK THIESSIES

Savatage EDGE OF THORNS + HANDFUL OF RAIN (earMusic/Edel) Das Schicksal schlägt hart zu: Mit EDGE OF THORNS (1993) befinden sich Savatage in ruhigem Karriere-Fahrwasser, ernten Chart-Einstiege und Anerkennung in der Szene. Stücke wie ‘Follow Me’ oder ‘He Carves His Stone’ verkörpern perfekt den Anspruch der US-Metaller, heavy Riffs, große Emotionen und Musical-artigen Pomp zu verbinden. Sechs Monate nach Albumveröffentlichung stirbt Gitarrist Criss Oliva bei einem Autounfall, hinterlässt eine Band und einen Bruder am Boden. Jon Oliva spielt HANDFUL OF RAIN (1994) fast im Alleingang ein – Sänger Zak Stevens und Testament-Gitarrist Alex Skolnick (sowie Produzent und Co-Songwriter Paul O’Neill) unterstützen ihn bei seiner Trauerarbeit. Kein Wunder, dass das Ergebnis düsterer ausfällt, dabei aber nicht weniger theatralisch: ‘Chance’ führt den Kontrapunktgesang in Savatages Portfolio ein – denn die Geschichte der Band ist längst nicht auserzählt! Die Vinylwiederveröffentlichungen verzichten auf Bonustracks, kommen dafür frisch gemastert im jeweils ans Original-Artwork angelehnten Gatefold und mit zwölfseitigem Booklet.

SEBASTIAN KESSLER

Dio DIO AT DONINGTON ’83 & ’87 (Niji/BMG) Das bereits 2011 als Komplett-Set erschienene Gig-Doppel erfährt hier seine aufgewertete, (limitierte) Vinyl-Einzelbehandlung. Während der 1983er-Auftritt mit Vivian Campbell an der Gitarre und einer frischgebackenen Band unter Strom zu begeistern weiß, kommt man auf dem 1987er-Mitschnitt in den Genuss von Craig Goldys Sechssaitenkünsten und eines Dio-Diskografierepräsentativeren Sets. Beide klanglich tadellose Mitschnitte sind nun auf jeweils drei LP-Seiten verteilt und kommen mit 3D-Artprint-Cover daher.

FRANK THIESSIES

Lee Bains & The Glory Fires OLD-TIME FOLKS (Don Giovanni/H’Art) Bislang hatte die seit 2011 aktive Band aus Birmingham, Alabama, auf drei Alben eine Stilmischung destilliert, die man neben evidenter Soul- und Folk-Verbundenheit aufgrund ihrer Ruppigkeit am ehesten wohl als Southern Punk bezeichnen konnte. Nun steht auf Album Nummer vier die Kür an. Zusammen mit Drive-By Truckers-Produzent David Barbe macht die Band mit 13 Songs (inklusive Pro- und Epilog-Klammer) eine emotionale, gesellschaftliche und ideelle Bestandsaufnahme ihrer Heimat. Dabei verstehen sie es meisterlich, traditionelle Southern Rock-Statuten (‘The Battle Of Atlanta’), aber auch Roots-Rock-Erzählkino wie etwa im epischen Siebenminüter ‘God’s A Working Man’ miteinander zu verknüpfen. Kompositorisch aufgeräumter und zugleich ausformulierter als bislang, ist OLD-TIME FOLKS nichts weniger als das eine gute halbe Stunde kürzer ausgefallene SOUTHERN ROCK OPERA einer neuen Generation Südstaatenmusiker. Die schicke Doppelvinyl-Gatefold-Ausgabe besticht darüber hinaus – ausgeklappt – mit einem stilvollen, historisch inspirierten Linolschnittstimmungsbild der Region. Hervorragend!

FRANK THIESSIES

Shining / Høstsol UGLY AND COLD / DIN SKÖRDETID ÄR NU KOMMEN (The Sinister Initiative) Neues Line-up, zweite Band und eigenes Label: Niklas Kvarforth hat viel gearbeitet. Und endlich kann er sich auch um neue Musik kümmern (Shining gehen im Herbst ins Studio, das Høstsol-Album ist offenbar auch fertig): ‘Ugly And Cold’ macht fies Laune auf mehr, und im Høstsol-Track zeigt Kvarforth seine musikalisch primitivere Seite. Limitierte 12“ auf schwarzem (300), silbernem oder lila (je 100) Vinyl mit der schönen Katalognummer KINSKI001.

THOMAS SONDER

TOADEATER

Bexadde

Black Metal 4

FDA/SOULFOOD (4 Songs / VÖ: erschienen)

2018 gegründet, hauen TOADEATER bereits ihren dritten Longplayer raus. Wobei, nur vier Songs? Wie auf dem Vorgänger BIT TO EWIGEN DAOGEN werden diese allerdings erneut in opulenter Länge zelebriert und kommen auf eine stattliche Gesamtspielzeit von knapp 44 Minuten. Musikalisch hat sich die mittlerweile auf Quartettgröße angewachsene Band aus Niedersachsen dem (Post) Black Metal verschrieben. Dabei setzen sie auf einen (der Ästhetik ihres Stils entsprechend) angenehmen Flow innerhalb der monolithischen Songs, die dabei teils hypnotischen Charme entwickeln. Insbesondere der Opener ‘Asche’ weiß in dieser Hinsicht zu überzeugen, aber generell setzt BEXADDE häufig auf repetitive Melodien, flächige Klangkaskaden und eine dichte, düstere Atmosphäre. Die Songs sind dabei roh und urwüchsig in Szene gesetzt, zudem sehr emotional aufgeladen. Gefühlt teils etwas zu sehr – das weinerliche und vielfach wiederholte „Let The Darkness Swallow You“ des gleichnamigen Songs vermag beispielsweise durchaus das Nervenkostüm zu penetrieren. Geschmackssache. Meist ist der Gesang sehr abwechslungsreich und stimmig ausgefallen, und die vier überlangen Kompositionen trotz ihrer sperrigexzentrischen Art auf ihre Weise eingängig und einlullend. Natürlich ist der dabei entstehende Klangteppich nicht konstant von Innovation und musikalischem Genius durchwoben, doch Freunde des Genres sollten BEXADDE ein Ohr leihen. Interessant und unterhaltsam ist diese Scheibe allemal.

MARTIN WICKLER

TOEHIDER

I Have Little To No Memories Of These Memories

Progressive Rock 5

BIRD’S ROBE/MGM (1 Song / VÖ: erschienen)

Man könnte Toehider den Versuch unterstellen, mit diesem aus lediglich einem einzigen, 47-minütigen Stück bestehenden Album die Hörgewohnheiten der aufmerksamkeitsschwachen Ein-Song-Generation auszutricksen und ihnen quasi einen trojanischen Track unterzujubeln. Ob dies die kalkulierte Motivation hinter I HAVE LITTLE TO NO MEMORIES OF THESE MEMORIES (ein heißer Anwärter auf den Albumtitel des Monats) ist, kann final nicht geklärt werden. Fakt ist, dass der in Melbourne ansässige Sänger, Song-Schreiber, Multiinstrumentalist und Kopf hinter Toehider, Mike Mills, seine eigene Durchgeknalltheit (im positiven Sinne) noch einmal selbst übertrifft und ein stilistisch springendes Synapsenstrobofeuerwerk vom Feinsten abliefert. Queen und Muse sind genauso wie Meat Loaf, Musical und Metal-Tropen Konstanten, genauso dürfen aber auch Funk-Verweise, HipHop-Scratchingparts, Emooder Synthiepop-Elemente in diesem Trip durch ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte nicht fehlen. Geschenkt, dass in der 29. Minute ein Fadeout das letzte Drittel einläutet und der überbordende Ideenfluss nicht mehr ganz wie aus einem Guss wirkt. Inhaltlich wird in dieser nicht spoilerbaren Prog Opera übrigens eine (w)irre Weltraumgeschichte erzählt, die einen Mann, eine Frau, einen großen Vogel, einen Außerirdischen und zwei Boote involviert. Wenn das nicht fast so klingt, als hätten Justin Roiland und Dan Harmon endlich die ‘Rick And Morty’-Folge realisiert, in der Ziltoid The Omniscient zum Kaffee vorbeischaut...

FRANK THIESSIES

TRAUMA

Awakening

Heavy Metal 4,5

MASSACRE/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Die Speed-Metaller Trauma sind bereits seit 42 Jahren unterwegs, die ersten zwei davon sogar noch mit Basslegende Cliff Burton, später Metallica. Doch außer einem Album in den Achtzigern und einer Reunion-Platte von 2015 ist die Diskografie auf Demos beschränkt. Schade, denn auch wenn der Speed Metal auf Heavy Metal runtergedreht wurde, ist noch einiges an Power zu holen. Alle instrumental vertretenen Künstler machen einen starken Job, nur Frontmann Brian Allen steht etwas hinten an. Größte Stärke des Sängers sind seine Einlagen in den schnellen Zwischen-Passagen: Hier klingen Trauma wie die Thrasher Testament. Abseits dieser, vor allem in den Refrains, kann er die Höhen aber nicht tragen und klingt etwas dünn. Manchmal überrascht Allen jedoch mit fast schon Death-artigem Geschrei (‘Meat’). Besonders interessant ist die Experimentierfreude der Herren. Im Opener ‘Walk Away’ bieten sie ein orientalisch anmutendes Gitarrensolo, welches erstaunlich gut zum geradlinigen Heavy Metal passt. In ‘Falling Down’ trauen sie sich an einen langsameren, dadurch aber nicht weniger aggressiven Stil. Die Themen sind zwar allesamt schon durchgekaut und ein durchgehender roter Faden ist nicht erkennbar, doch es ist vor allem die Aggressivität, die beeindruckt. Sie wirkt keineswegs aufgesetzt, sondern mitreißend und stimmig.

FLORIAN BLUMANN

VENOM INC.

There’s Only Black

Thrash Metal 5

NUCLEAR BLAST/RTD (12 Songs / VÖ: 23.9.)

Ja, wo fangen wir jetzt an? Während der gute alte Cronos seit 2007 mit seinen „neuen“ Kumpanen Rage und Danté die Black Metal-Urväter Venom weiterführt, sind Venom Inc. seit 2015 der erzählerische „Nebenstrang“, bietet die Band doch Venoms 1989er PRIME EVIL-Line-up mit Gitarrist Mantas und Frontmann Demolition Man auf. Trommler Abaddon war auf dem Debüt AVÉ von 2017 auch noch dabei, wurde aber zwischenzeitlich von War Machine (Jeramie Kling von Ex Deo und Inhuman Condition) ersetzt. Zu verlockend war offenbar die Option, mit dem Band-Namen auf die eigene Verbindung zur hartmetallischen Ursuppe hinzuweisen. Das birgt jedoch auch zwei Probleme: Während jeder Metaller, der länger als seit der letzten ‘Stranger Things’-Staffel dabei ist, mindestens ‘Countess Bathory’ und ‘Black Metal’ mitgrölen kann, ist das Interesse nach 1985 doch überschaubarer geworden. Das zweite Problem ist, dass der überlebensgroße Name davon ablenkt, dass Venom Inc. eigentlich ganz coolen britischen Heavy-, meistens aber schon eher Thrash Metal spielen, der möglichst neutral betrachtet recht sympathisch klingt. Mantas spielt nicht nur thrashige und gerne auch groovige Riffs, sondern vor allem auch wirklich gefühlvolle Leads, wie zum Beispiel in ‘Infinitum’ und ‘Tyrant’. Tony Dolan wiederum steuert neben Song-dienlichem Bassspiel (zum Glück nicht so ein Drama wie bei Onslaught) seine coole, nach einigen Runden Whisky klingende Stimme bei, die stets verständlich, aber auch räudigrauchig-giftig klingt, ohne sich in zu aggressivem Geschrei zu verzetteln. Wenn wir also das ganze „Venom hier, Venom da“-Gehudel weglassen, ist THERE’S ONLY BLACK kein Welten aus den Angeln hebendes, aber durchaus gutes Album für Freunde britischer Thrash-Kunst geworden.

THOMAS STRATER

VIRTUAL SYMMETRY

Virtual Symmetry

Progressive Metal 4,5

SENSORY/ALIVE (8 Songs / VÖ: erschienen)

Wenn ein Album nach der Band betitelt ist, handelt es sich oft um ein Debüt. Hier nicht. Virtual Symmetry sind ein Quintett aus Lugano (in der italienischsprachigen Schweiz, was die Texte widerspiegeln). Sie existieren bereits seit 2009 und haben seitdem zwei Studioalben, ein Live-Album und eine EP veröffentlicht. Dass sich hinter der Truppe also keine Anfänger mehr verbergen, ist ungefähr das Erste, was man dieser Scheibe anmerkt. Der zwanzigminüte Einstiegsund Titel-Song mag rein von der Dauer her überrumpeln. Tatsächlich fühlt er sich jedoch nicht wie ein einzelnes Lied an – und auch nicht wie mehrere. Sondern wie eine Erzählung, die immer weiter fortschreitet. Und auch wenn die anschließenden Stücke einer gewöhnlicheren Dauer entsprechen, bleibt dieser Charakter erhalten. Das liegt an den ungewöhnlichen Strukturen, vielen Taktwechseln, fehlenden Wiederholungen sowie ausufernden Soli. Ein Stück wie ‘Butterfly Effect’ steigt mit fast melodramatischem Gesang ein und nimmt einen freien und erzählerischen Charakter à la Ayreon an, bevor es nach der Hälfte in einen abrupten Groove übergeht, über den die einfühlsame Stimme an starkem Reiz gewinnt. Durch diese Vielfalt breitet sich eine besondere Stimmung aus, die es durchaus interessant macht – aber auch anstrengend. VIRTUAL SYMMETRY verlangt dem Hörer eine Menge ab. Es erfordert Konzentration, hat dafür aber auch viel zu bieten. Ergo: Prog-Fans werden es mögen. Vermutlich aber nur die.

RAPHAEL SIEMS

VLAD IN TEARS

Porpora

Dark Rock 3,5

METALVILLE/RTD (12 Songs / VÖ: erschienen)

Mit nunmehr 15 Lenzen auf der Uhr möchte man meinen, Vlad In Tears hätten auf PORPORA endlich ihren eigenen Sound gefunden. Leider nein. Klangen nicht wenige Stücke bis vor zwei Jahren noch wie semigelungene Kopien von The Rasmus oder HIM (auch optisch wurde tief in die Love-Metal-Kiste gegriffen), wurde sich nun anscheinend in Richtung Bring Me The Horizon und Co. umorientiert. Zugutehalten kann man den Wahl-Berlinern, dass sie sich nicht so schnell unterkriegen lassen – und das ist durchaus zu hören. Die aktuell eingeschlagene Richtung steht dem Quartett etwas besser zu Gesicht. Die Melodiearbeit ist im Großen und Ganzen recht ordentlich und ausgereift. Einzeln betrachtet klingen jedoch alle Songs irgendwie gleich. Schade! Jedes Stück ist nach demselben Schema aufgebaut, bei dem man es sich wohl auf die Fahne geschrieben hat, den Song-Titel möglichst oft im Refrain zu wiederholen. ‘Sorry’, ‘Closer’ oder ‘Hope’ sind nur einige Beispiele hierfür. Es tut dir leid, ist klar! Hoffnung ist alles, was bleibt – schon kapiert! Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es auch bei der Schlussnummer: eine Cover-Version von Kate Bushs ‘Running Up That Hill’. Ob hiermit der neuerliche Hype um den emotionalen Achtziger-Hit ausgenutzt wurde? Wer weiß. Wie dem auch sei – es geht gar nicht übel los, mündet dann aber leider in einem kreischenden Fiasko. Sorry Jungs, das haben Placebo tausendmal besser hinbekommen. Vielleicht wird Album acht ja besser. Hoffnung und so ...

HEIDI SKROBANSKI

VOGELFREY

Titanium

Mittelalter-Rock 4

METALVILLE/RTD (16 Songs / VÖ: erschienen)

Vogelfrey gehen auch auf dem sechsten Studioalbum konsequent ihren Weg weiter. Mittelalterliche Klänge gepaart mit metallisch-rockigen Riffs; hier und da ein paar Electro-Sounds. Die Texte mal tiefgründig, mal ironisch-witzig, und dann wieder flacher als der Wasserstand der Elbe im Hochsommer. Los geht es leider auch schon mit dem bereits zigmal verwursteten Phönix-Thema, nur heißt es hier ‘Flammenvogel’. Auch wenn der Titel textlich mit Einfallslosigkeit glänzt, rhythmisch geht er gut in die Beine. Bei ‘Gott gegen Gott’ wird mal wieder der NDH-Hammer aus dem Schrank geholt, und ‘Nicht A’ ist sowohl unterhaltsam als auch nervig: Lyrisch gibt es die volle Dröhnung Ironie – was gut ist. Weniger gut ist der Malle-Charakter im Refrain. Nicht minder anstrengend ist das Deichkind-Cover ‘1000 Jahre Bier’. Daran kann auch Mr. Hurley nichts ändern, der „gesangliche“ Unterstützung leistet. Das Ruder herumreißen kann die erste englische Nummer der Hanseaten: ‘Sawney Bean’ erzählt die düstere Legende des schottischen Kannibalen aus dem 15. Jahrhundert. Getragen und unheilvoll, überrascht das Stück durchaus positiv. Hierzu dürfen sich auch ‘Legenden’ und ‘Unsterblich’ gesellen. Letzteres beschließt die Platte mit orchestral arrangierter Schwermut, bei der Vogelfrey ihre gefühlvolle Seite zeigen. Apropos: In der limitierten Edition gibt es sechs Bonustracks, die komplett akustisch präsentiert werden – darunter auch der emotionale Brecher ‘Walhalla’ vom letzten Album NACHTWACHE (2019). Ende gut, alles gut? Na ja, zumindest besser.

HEIDI SKROBANSKI

WEDNESDAY 13

Horrifier

Glam Metal 4,5

NAPALM/UNIVERSAL (11 Songs / VÖ: 7.10.)

Pünktlich zum Halloween-Monat stehen Wednesday 13 mit einem neuen Langspielwerk auf der Matte. Damit unsere Playlist mit ausreichend Grusel-Soundtracks befüllt werden kann, kommt uns diese Platte doch sehr gelegen. Nur blöd, dass das Albumetikett nicht mehr richtig zum Inhalt passt. Bei den ersten beiden sowie dem vorletzten Song(s) könnte man noch widersprechen, aber für alle anderen Tracks gilt: Die Zeiten allen Schreckens sind mit HORRIFIER so gut wie vorbei. Auslöser dafür sind Titel wie ‘You’re So Hideous’ und ‘Good Day To Be A Bad Guy’, die uns seelisch auf die lustige Kostümparty vorbereiten. Selbstverständlich hat es das früher (mit ‘Rambo’ oder ‘I Walked With A Zombie’) auch schon gegeben, doch hat das Gruselkabinett diesmal auf den Horror-Punk verzichtet. Stattdessen bedient sich Sänger Joseph Poole, wie Wednesday 13 mit bürgerlichem Namen heißt, diverser Stilmittel. Das Heavy Metal-Outfit in ‘Halfway To The Grave’ sitzt wie angegossen, doch ebenso könnte man sich an die Hard Rock-Abstecher mit groovigen Highlights wie in ‘Hell Is Coming’ gewöhnen. Dieser Wandel bestätigt sich anhand des letzten Titels ‘The Other Side’, der nicht treffender hätte gewählt sein können: Ist das eigentlich noch dieselbe Platte, oder hören wir jetzt etwa Foo Fighters? HORRIFIER scheint für Wednesday-Verhältnisse ausgesprochen experimentell zu sein, und dieser Hang zur Wandelbarkeit steht ihnen mehr als gut.

CASSANDRA HILLGRUBER

CHARLOTTE WESSELS

Tales From Six Feet Under Vol. II

Rock 4,5

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: 7.10.)

Während ihr früherer Kollege und jetziger Widersacher Martijn Westerholt die ehemals gemeinsame Band Delain nun plötzlich doch in neuer Besetzung fortsetzt, konzentriert sich Sängerin Charlotte Wessels verstärkt auf ihre Solokarriere. Was auch immer zum Zerwürfnis geführt haben mag, es konnte Wessels’ kreativer Vielseitigkeit nichts anhaben. Mehr noch: Bereits auf ihrem Solodebüt TALES FROM SIX FEET UNDER (2021) zeigte sich die Niederländerin als ideenreiche Grenzgängerin zwischen Rock, Pop und Metal. Diesen Kurs setzt sie nun mit dem Nachfolger TALES FROM SIX FEET UNDER VOL. II unbeirrt vor. Und wie auf ihrem Erstwerk sind es nicht etwa die pompösen, opulenten und reichhaltig orchestrierten Epen, die den besonderen Charme ihrer Stimme unterstreichen, sondern eher die kleinen, etwas spärlicher instrumentierten Nummern. Wie etwa die phasenweise sogar an Abba erinnernde Ballade ‘Against All Odds’ oder das einfühlsame ‘A Million Lives’, das sich über knapp fünf Minuten zu einer wahren Hymne aufschwingt. Wunderbar auch die Momente, in denen Wessels der künstlerische Tiefgang einer Kate Bush (‘The Final Roadtrip’) oder die Melancholie einer Sinéad O’Connor (‘I Forget’) gelingt. Einziger Kritikpunkt: Die überwiegend programmierten, etwas künstlich klingenden Instrumente rauben der Scheibe ein Stück ihrer Lebendigkeit. Mit Ausnahme des sphärischen Finales ‘Utopia’ wäre mehr Natur sicher gut gewesen.

MATTHIAS MINEUR

WOLFHEART

King Of The North

Melodic Death Metal 5

NAPALM/UNIVERSAL (9 Songs / VÖ: erschienen)

Skandinavien steht für Kälte und Metal. Die Melodic Death-Metaller Wolfheart sind also in guter Gesellschaft – vor allem, weil sie ihre Musik als „Winter Metal“ bezeichnen. Allerdings kann man dem, was die Finnen machen, tatsächlich die dunkelste Jahreszeit anhören. KING OF THE NORTH wiegt schwer – und prescht dann doch so kraftvoll voran, dass man die Schneeflocken bereits aufstieben sieht. Beim sechsten Album der Gruppe ist von Anfang an eindeutig eine Weiterentwicklung im Vergleich zum Vorgänger WOLVES OF KARELIA (2020) erkennbar: Der Einsatz von Klargesang ist neu. In ‘Skyforger’ klingt er zwar noch etwas holprig, dafür fügt er sich später umso besser mit den Growls zusammen (vor allem der letzte Song ‘Eternal Slumber’ ist schön). Zusätzlich haben sich Wolfheart erstmals Verstärkung in ihre Songs geholt: In ‘Ancestor’ unterstützt Killswitch Engage-Sänger Jesse Leach im Refrain, und wer es dunkler mag, kommt mit Nile-Frontmann Karl Sanders in ‘Cold Flame’ auf seine Kosten. Wolfheart können mit Genre-Kollegen durchaus mithalten; passagenweise erinnern sie in ihrer Melancholie auch an Insomnium (‘Skyforger’) oder in verspielten Gitarrensoli an Amorphis (‘Knell’ – welches in seiner Melodie zugleich dem erst kürzlich erschienenen ‘Dawn Of The Norsemen’ von Amon Amarth ähnelt). Insgesamt ein rundes, atmosphärisches Album, auf das man gerne zurückkommt.

ANNIKA EICHSTÄDT