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REVIEWS


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 19.10.2022

AFTER ALL

Eos

Speed Metal 5

METALVILLE/RTD(11 Songs / VÖ: erschienen)

Artikelbild für den Artikel "REVIEWS" aus der Ausgabe 11/2022 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 11/2022

Manche Alben müssen keinen prätentiösen Ansprüchen genügen; es reicht, wenn der Inhalt ab der ersten Sekunde ein Voll-auf-die-Zwölf-Gehabe repräsentiert, das Fans harter Musik zum euphorischen Recken der Faust animiert. Und EOS gehört definitiv zu diesen Scheiben. After All sprühen regelrecht – trotz diverser Neuzugänge, das Axtduo Christophe Depree/Dries van Damme ist die einzige Konstante im Laufe der Jahre geblieben – vor urigem Speed Metal der ersten Stunde. Wahlweise mit Vollgas voraus in ‘The Judas Kiss’ oder einer beherzten Geste staubiger NWOBHM-Attitüde in ‘Deceptor’ treten After All das Gaspedal mit zittrigem Fuß mal mehr, mal weniger bis zum Anschlag durch. Hier und dort bietet EOS schließlich abwechslungsreiche Schlenker wie das melodiös-pathetische ‘Elegy For The Lost’, das fast schon balladeske ‘Waiting For The Rain’ ...

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... oder den heroischen Abschluss ‘At Dawn’s First Light’. After All wissen ohne Zweifel, wie erdiger Speed Metal der konservativen Schiene zu klingen hat, ohne dabei mit leichter verdaulichen Happen Fans der alten Tage zu verprellen. Hart und melodieaffin schlagen sie den stilistischen Bogen zwischen stählernem Purismus und Modern Metal. Damit holen sie sowohl die „Speedfreaks“ als auch Liebhaber von zugänglichen Klängen eines härteren Genres ab. Hut ab vor diesem Spagat!

TOM LUBOWSKI

ALTER BRIDGE

Pawns & Kings

Heavy Rock 6

NAPALM/UNIVERSAL(10 Songs / VÖ: erschienen)

An der Stileinordnung von Alter Bridge kann man sich wunderbar die Fressleiste ausbeißen. Für klassischen Hard Rock sind der turbinenartige Gitarren-Sound und die feiste Riff-Arbeit von Mark Tremonti eigentlich zu fett, Modern Metal ist es aber dank des klassischen Gesangsstils seitens Myles Kennedy auch nicht. Alternative Metal? Dafür sind die Song-Strukturen zu klassisch. Und wie schaut es schlicht mit Rock aus? Nee, dafür ist das Material zu vielseitig und in der Seele metallisch verseucht. Im Grunde hat man das, was einen auf dem siebten Studioalbum PAWNS & KINGS erwartet, damit grob skizziert. Das US-amerikanische Quartett brilliert mit großartigem Songwriting, massiven Hooklines und einer Produktion, welche einen schlicht aus den Strümpfen hebt (selbst Fans von Dimebag Darrell oder Zakk Wylde werden diesem aggressiven Sound etwas abgewinnen können). Über all dem, was musikalisch glänzt, thront Kennedys Stimme mit einer fast schon infamen Selbstverständlichkeit. Speziell im ersten Teil kann man sich an PAWNS & KINGS nicht satthören. Die Balladen ‘Stay’ und ‘Season Of Promise’ leiten einen kleinen Spannungsabfall ein, von dem sich Alter Bridge mit dem achtminütigen Epos ‘Fable Of The Silent Son’ aber schnell wieder erholen (welches übrigens Progressive Metal-Züge trägt). Spätestens im Breakdown-Teil des abschließenden Titel-Tracks kommt man aus dem Kopfschütteln im positivsten Sinne nicht mehr raus – PAWNS & KINGS verschiebt Genre-Grenzen und setzt in diversen Kategorien qualitative Standards.

MATTHIAS WECKMANN

AMPUTATE

Dawn Of Annihilation

Death Metal 5

MASSACRE/SOULFOOD(8 Songs / VÖ: erschienen)

Nicht zu verwechseln mit den wieder aktiven Briten Amputated (immer noch Kult: ‘Slam Pig’ von 2009) ist es schön, wie die Schweiz still und leise, aber mit willkommener Regelmäßigkeit das ein oder andere Death Metal-Underground-Highlight hervorbringt. In diesem Fall handelt es sich bei den bereits seit zehn Jahren aktiven Amputate um deren zweites Album, wobei das Debüt TORTURA MACABRA bereits sechs Jahre auf dem Buckel hat. Die ursprünglich in Portugal gegründete Band um Gitarrist Nuno Santos und Schlagzeuger Max „Grinder“ Malvassora hat in der Zwischenzeit mit Roger Merki am Bass und Tom Kuzmic an Gitarre und Vocals die Hälfte des Line-ups mit frischem eidgenössischem Blut behandelt. Letzterer dürfte einigen noch von Disparaged und Cataract bekannt sein, doch bei Amputate geht es deutlich härter und kompromissloser zur Sache: Brutaler Death Metal mit sirrend-melodischen Gitarrenläufen und furiosen Blast-Einlagen steht auf dem Programm, während die brutal herausgebellten und mit harschen Backings unterlegten Vokillz gelegentlich an Deicide erinnern. Auch der ein oder andere Groove wie in ‘Feeding On Thee’ darf nicht fehlen, was wiederum an modernere Krisiun denken lässt. Das Geschick von Amputate liegt also darin, äußerst brutal zu klingen, ohne die Nachvollziehbarkeit des Songs aus den Augen beziehungsweise Ohren zu verlieren, was das von einer dystopischen Zukunft (die Vernichtung der Menschheit durch empfindsame Maschinenwesen – Skynet 2.0) handelnde DAWN OF ANNIHILATION zu einer kurzweiligen Angelegenheit für Death Metal-Fans macht – klanglich gerundet von Ralph Beier (Ashburn Productions) und optisch ansprechend beziehungsweise der Thematik entsprechend düster präsentiert dank einem Tata Kumislizer-Artwork.

THOMAS STRATER

THE ANTICHRIST IMPERIUM

Volume III: Satan In His Original Glory

Black/Death Metal4,5

APOCALYPTIC WITCHCRAFT(8 Songs / VÖ: erschienen)

Als sich Akercocke 2012 temporär auflösten, konzentrierte sich Schlagzeuger David Gray mit Gitarrist Matt Wilcock und Keyboarder Samuel Loynes neben dem kurz darauf gegründeten Projekt Voices auf die bereits 2010 gegründete Band The Antichrist Imperium. VOLUME III: SATAN IN HIS ORIGINAL GLORY erscheint vier Jahre nach seinem Vorgänger EVERY TONGUE SHALL PRAISE SATAN und führt dessen Stilistik fort: Eine sehr eigenständige Mischung aus Black- und Death Metal-Elementen, progressiv verwoben und durch plötzliche Stilwechsel aufgelockert. Neben genretypischem Grunz- und Kreischgesang bedienen sich The Antichrist Imperium auch beim Klargesang, der ebenfalls sehr abwechslungsreich ausfällt und teils bis in die Anfänge des Gothic/Batcave zurückreicht, was bei einer primär aus London stammenden Band nicht verwunderlich ist. Kleines Manko: Die große Bandbreite von Stilen sorgt einerseits für den speziellen Charme der Scheibe, macht es den Stücken aber wiederum schwer, sich zu entfalten. Groovendes Riff trifft auf Blastbeat trifft auf melancholische Melodien, diese auf hektische Gitarrensoli ... Das muss man zu goutieren wissen. Allerdings trägt die satte Produktion wiederum einiges zum positiven Gesamteindruck bei und macht in ruhigen wie auch aggressiven Momenten eine gute Figur. Kein Kandidat für einen Blindkauf, aber definitiv ein reizvolles Album für alle, die es ausgefallen und extrem mögen.

MARTIN WICKLER

AVANTASIA

A Paranormal Evening With The Moonflower Society

Melodic Metal6

NUCLEAR BLAST/RTD(11 Songs / VÖ: 21.10.)

Ganz eindeutig ist das Avantasia-Album mit dem bislang längsten Titel der geistige Nachfolger von GHOSTLIGHTS (2016) und MOONGLOW (2019). Und doch hat es – wie jedes seiner Vorgänger – eine einzigartige Identität. Tobias Sammet hatte in den zurückliegenden Monaten Zeit und Muße, tiefer denn je in Songwriting und Produktion einzutauchen und all sein Herzblut hineinzugeben. Das Ergebnis: Ein selbst für Avantasia-Verhältnisse vielschichtiges, pompöses, emotionsgeladenes Album. Klassische Melodic Metal-Nummern der alten Edguy-Schule bilden eher die Ausnahme; umso mehr aber zünden ‘The Wicked Rule The Night’ (heavy und feurig mit Ralf Scheepers), ‘The Inmost Light’ (voll mit positiver Energie und Michael Kiske) und ‘I Tame The Storm’ (mit Jørn Lande). Anderen Stücken geht dagegen beim ersten Hördurchlauf ein bisschen der unmittelbare Effekt ab. Umso mehr Spaß macht es, sich darin zu verlieren: in den märchenhaften Klangwelten von ‘Welcome To The Shadows’, den melancholischen Zwischentönen von ‘Scars’ (mit Geoff Tate), und ‘Arabesque’ mit musikalischen Einflüssen zwischen irischer und arabischer Folklore. Stilistische Ausreißer wie vereinzelt auf den vorherigen Alben sind auf A PARANORMAL EVENING WITH THE MOONFLOWER SOCIETY nicht zu finden; auch das choral-überbordende ‘Kill The Pain Away’ (Floor Jansen) und die Pop-Rock-Ballade ‘Paper Plane’ (Bob Catley) fügen sich organisch ins Gesamtbild ein. Zwischen Power- und Symphonic Metal, Classic Rock und Musical erschafft Tobias Sammet mit großen Gesten, detailverliebtem Feinsinn und unwiderstehlichen Melodien ein bezauberndes Fantasiereich – und erneut ein Album nicht nur für einen Abend.

SEBASTIAN KESSLER

AVATARIUM

Death, Where Is Your Sting

Doom Rock/Metal4

AFM/SOULFOOD(8 Songs / VÖ: 21.10.)

Zehn Jahre haben die schwedischen Doomies Avatarium mittlerweile auf dem Buckel. In dieser Zeitspanne ist einiges passiert, im personellen sowie – damit zusammenhängend – musikalischen Sinne. Seit dem Abgang von Leif Edling, der als Bassist sowie hinter den Kulissen die Fäden zog, zeichnet das Ehepaar Jidell-Smith für die Kompositionen verantwortlich und gleitet dabei merklich von Doom Metal in Richtung Okkult-Rock. Elemente wie Akustikgitarre, Keyboards, Cello und atmosphärische Exkurse säumen bis überlagern die krachende Riff-Basis immer mehr – mal mit Erfolg, wie die stimmungsvolle Hommage an die Band-Heimat ‘Stockholm’ zeigt, mal mit wohlklingenden, doch wenig memorablen Ergebnissen wie ‘Psalm For The Living’ oder ‘Mother Can You Hear Me Now’. Am stärksten klingen Avatarium immer dann, wenn grollende Doom-Massive und Jennie-Ann Smiths bezaubernde Stimme in tragischer Dramatik aufeinanderprallen (‘God Is Silent’) und die Truppe ihre märchenhaft-mysteriöse Seite offenbart (‘Nocturne’). Dank musikalischer Klasse und aufrichtiger Emotionalität lassen sich große Teile von DEATH, WHERE IS YOUR STING dabei durchaus als Hörvergnügen werten – dennoch müssen Avatarium aufpassen, ihren Wumms nicht zu sehr zu vernachlässigen und in die Belanglosigkeit abzugleiten.

KATRIN RIEDL

BANCO DEL MUTUO SOCCORSO

Orlando: Le Forme Dell’Amore

Progressive Rock4

INSIDEOUT/SONY(15 Songs / VÖ: erschienen)

Die italienischen Prog-Rocker Banco Del Mutuo Soccorso gibt es bereits seit 1968, sie haben somit mehr als 50 Jahre auf dem Buckel. Eine Zeitspanne, in der viel Wasser den Tiber hinuntergerauscht ist. Will sagen: Diese (musikalische) Welt ist nicht stehengeblieben. Für ältere Bands besteht daher die Notwendigkeit, immer wieder etwas Neues, Innovatives zu erfinden, um sich vom Wust neuerer Formationen abzuheben. Im Fall dieser römischen Gruppe ist das eine veritable Prog Rock-Oper in ausschließlich italienischer Sprache. Dem Genre-Hybrid entsprechend wird auf ORLANDO: LE FORME DELL’AMORE („Die Formen der Liebe“) eine libidinöse Geschichte in besonders theatralischer Ausprägung dargeboten, mit Bandleader/Sänger Vittorio Nocenzi im Epizentrum eines opulenten Klangkosmos’, zu dessen traditionellen Rock-Instrumenten sich vereinzelt auch Klavier, Streicher oder Ziehharmonika gesellen. Wer eine stilistische Einordnung von Banco Del Mutuo Soccorso braucht: Man nehme etwas Gentle Giant, mische dies mit dem konzeptionell verankerten Kitschfaktor des Trans-Siberian Orchestra und füge noch eine Prise luftiger Klänge à la The Flower Kings unter. Und dies alles auf Italienisch, einer per se pathetisch klingenden Sprache. Kurzum: Prog Rock mit viel Pathos, Theatralik und ein wenig Kitsch – das trifft es wohl am besten.

MATTHIAS MINEUR

BATTLESWORD

Towards The Unknown

Melodic Death Metal5

MDD/ALIVE(10 Songs / VÖ: erschienen)

Dass die deutsche Melodic Death-/ Viking Metal-Formation schon seit über zwanzig Jahren im Geschäft ist, mag angesichts weniger Alben und geringer Live-Präsenz verwundern. In Zeiten, in denen Wikinger die deutschen Charts erstürmen, könnte ihr Momentum nun gekommen sein: Auf das gute Drittwerk (2019) folgt mit TO-WARDS THE UNKNOWN ein nicht minder wuchtiger Ruf zu den Waffen. Nach einem Intro schmieden Battlesword aus zackigen Riffs, treibenden Melodien, Knurrgesang und düsterer Grundatmosphäre eine tödliche Legierung, die überdeutlich an Amon Amarth erinnert. Das Quintett setzt auf stürmische Überwältigung und „Seefahrerstimmung“, beherrscht aber auch den mal tiefgestimmten, mal hell und filigran riffenden Gitarren-Sound der Schweden. Nach kurzem Eingrooven schlagen hymnische Nummern wie ‘The Awakening’, ‘Terra Combusta’ oder ‘Backstabber’ so packend wie nachhaltig ein und lassen die Zielgruppe weitestgehend zufrieden zurück – einzig etwas mehr Abwechslung wäre wünschenswert (‘The Shores Of I’ beinhaltet ein Intermezzo). Um die Dreiviertelstunde zu füllen, haben die Nordrhein-Westfalen zudem die drei Stücke der vergriffenen Maxi von 2008 neu eingespielt, die sich stimmig eingliedern und die langjährige Klasse der Truppe im Gros untermauern. Nicht zuletzt deshalb verdienen die wohl besten deutschen Wiki-Epigonen mehr Aufmerksamkeit und empfehlen sich für größere Festivals.

KATRIN RIEDL

BLACK ANVIL

Regenesis

Black Metal5

SEASON OF MIST/SOULFOOD(12 Songs / VÖ: 4.11.)

Fünf Jahre sind vergangen seit AS WAS, dem interessanten, aber auch durchaus kontroversen vierten Album der New Yorker Black-Thrasher Black Anvil. Auch zuvor war die Band, die eher aus dem Hardcore als einer Darkthrone-Fan-Kollektion stammt, nie hundert Prozent konform mit dem, was unsereiner ohne lange nachzudenken als „Black Metal“ tituliert, sondern klingt eher wie eine Mischung aus First Wave (circa Celtic Frost) und Thrash. Wenn man Letzteren als „circa Coroner“ denkt, ist man schon recht dicht an dem, was REGENESIS in relativ dichter Nachfolge zu AS WAS abliefert: Toughe, simpel geriffte Headbanger auf der einen, oft mit erstaunlich griffigen Hooks versehene Rock-Nummern auf der anderen Seite. Black Anvil sind keine Band, die mit nur einem einzigen Song ihre Visitenkarte abgeben – es braucht das ganze Album mit all seinen Facetten, Überraschungen und Irritationen, um den eklektischen, nicht immer ganz nachvollziehbaren, aber meist sehr unterhaltsamen Mix schätzen zu lernen. Ähnlich wie Ketzer wird das hier nie ganz groß werden, und so richtig funktioniert es auch nicht immer, aber es bleibt eine erfrischende Andersartigkeit im zurzeit ultrakonformistischen erweiterten Black Metal.

ROBERT MÜLLER

BLACK SPACE RIDERS

We Have Been Here Before

Alternative Rock5

BLACK SPACE/CARGO(15 Songs / VÖ: 21.10.)

2018 hatte die Band ihren Fans mit dem zweiteiligen Albumzyklus AMORETUM einiges abverlangt, bringt ihre charakteristische Song-Sprunghaftigkeit zwischen Post, Prog, Dark, Stoner und Punk doch schon auf einem singulären Album allerhand Höreindrücke mit sich, die verarbeitet werden wollen. Nach vierjähriger Verdauungspause folgt nun der ebenbürtig gewaltige Nachschlag: WE HAVE BEEN HERE BEFORE lässt sich als musikalisches Motto des Münsteraner Genre-Gemischtwarenladens verstehen, laufen auf dem siebten Langspieler doch alle bereits gesponnenen stilistischen Fäden wieder zusammen (ohne dass man sich noch entlegenerer Spielarten wie HipHop oder K-Pop annehmen müsste). Hier fusionieren Black Space Riders mit ihrer für stimmliche Diversität sorgenden Lead-Gesangsdoppelspitze aus JE (Gitarre) und SEB (Keyboards) in ‘Trapped In An Endless Loop’ New Wave mit der Dark Rock-Version der Queens Of The Stone Age, schlagen im unaufgeregten ‘This Flow’ die Brücke zu Billy Idol und folgen, den aktuellen Crippled Dark Phoenix gar nicht unähnlich, den atmosphärisch dunklen Pfaden von Bauhaus, Fields Of The Nephilim oder Kellermensch immer tiefer in auszulotende Abgründe. Allerdings nicht, ohne wiederholt mit Versatzstücken aus Punk, Neunziger-Hardcore und, natürlich, Space Rock zu kokettieren und am Ende gar Weltmusik-Groove(-Metal) aufzufahren. Klingt schräg? Ist es. Aber gerade noch gefällig, durchdacht und in sich geschlossen genug, dass man als Rezipient bei einer Spielzeit von 84 Minuten nicht den Anschluss geschweige denn Appetit verliert.

FRANK THIESSIES

BOREALIS

Illusions

Melodic Metal3,5

AFM/SOULFOOD(11 Songs / VÖ: erschienen)

Nicht alles, was glänzt, ist Gold – dieses übernutzte Sprichwort könnte einem nach dem Hören des mittlerweile sechsten Studioalbums von Borealis durchaus durch den Kopf gehen. Denn ILLUSIONS (daraus könnte man ebenfalls eine passende Metapher basteln) ist ein auf Hochglanz poliertes, vor Schnickschnack sowie Dramaturgie strotzendes Werk. Die Kanadier haben sich in Sachen Produktion nicht lumpen lassen – was vielleicht auch an den drei Jahren liegt, in denen an der Platte herumgeschraubt wurde. Sänger Matt Marinelli gibt alles, um den hauptsächlich von seiner Stimme getragenen Werken Kraft und Epik zu geben, was bei den Highlights des Albums definitiv seine Wirkung zeigt: ‘Ashes To Rain’ oder ‘Pray For Water’ nehmen einen mit und geben sich stimmlich wie instrumental eindrucksvoll. Die Gitarre brettert voller Druck und legt sich nicht bloß auf einen Rhythmus fest, sondern zeigt Variation. Die orchestrale Begleitung donnert dazu genauso wuchtvoll. Hier muss man Neuzugang Vikram Shankar loben: Der Multiinstrumentalist setzt nicht nur auf erprobte Streichinstrumente, sondern fügt dem Klangteppich zusätzlich allerhand bunte Synthiesounds hinzu. Dadurch wirkt das Werk streckenweise nicht ganz so kitschig. Dennoch macht sich beim Hörer ab spätestens der Hälfte Müdigkeit bemerkbar: Es ist zu viel des Guten. Der Hang zum Bombast geht einem auf die Nerven und kulminiert schließlich darin, dass man das Gefühl hat, immer denselben Song zu hören. Da helfen leider auch die subtilen Erneuerungen nicht weiter.

SIMON LUDWIG

BOSTON MANOR

Datura

Rock4

SHARPTONE/RTD(7 Songs / VÖ: erschienen)

„Kein langes, aber ein großartiges Album.“ Das nenne ich mal eine treffende Ankündigung – zumindest, was die Spielzeit betrifft. DATURA kommt nach nicht einmal 27 Minuten ins Ziel (die letztjährige EP DESPERATE TIMES, DESPERATE PLEASURES war nur einige Minuten kürzer). Sollte man sich als Rock-Fan diesen Quickie gönnen? Eine Voraussetzung wäre, dass man auf Synthesizer steht, welche den düster gehaltenen Soundcollagen immer wieder ein fiebriges Zucken entlocken. Die Briten orientieren sich grob an den Ideen von Neunziger-Jahre-Bands wie Stabbing Westward, Filter oder Gravity Kills, welche einen ähnlichen Stil-Mix aus Industrial, Rock, Alternative und Goth präsentierten. Der Mix aus technisch anmutendem und zuweilen unterkühltem Groove, Bratpfannengitarren und emotionalem Gesang verfehlt auch 2022 seine Wirkung nicht. Allerdings gelingt es Boston Manor nicht immer, aus den Voraussetzungen die optimalen Ergebnisse (das wären nämlich Hits) zu erzielen. Die Höhepunkte sind okay, aber meist eine Spur zu süßlich und unscheinbar gehalten, um nach dem letzten Ton von DATURA wirklich nachzuklingen. Und der kommt e ben verdammt schnell.

MATTHIAS WECKMANN

BRUTUS

Unison Life

Post Hardcore5

HASSLE/CARGO(10 Songs / VÖ: 21.10.)

Bands mit eigenwilligen oder gar herausragenden Stimmen haben es oft leichter, im Gros der immerwährenden VÖ-Masse aufzufallen und Gehör zu finden. Insofern darf sich das seit 2014 existente belgische Trio Brutus zu der weisen Entscheidung gratulieren, sein Drittwerk mit einer zurückhaltenden Nummer einzuleiten, in der Stefanie Mannaerts und ihr Organ klar im Mittelpunkt stehen. In der Folge verschwimmt die eindringlich singende Trommlerin oft im tösenden, toll riffenden Post Hardcore-Gebräu ihrer Kollegen, manchmal dominiert sie dieses aber auch – bereits das Folgestück ‘Brave’ zeigt beide Gestaltungsoptionen. Auf UNISON LIFE beeindruckt aber nicht nur der Gesang, sondern auch alles andere: Stücke wie ‘Victoria’ beinhalten geradezu hymnische Refrains und drängen auf ihre Live-Zelebration. In Songs wie ‘What Have We Done’ oder ‘Dreamlife’ kochen Emotionen über, manchmal reizt die Truppe ihre Möglichkeiten mit punkiger Attitüde bis zum Anschlag aus (‘Dust’) und in ‘Chainlife’ sowie ‘Desert Rain’ klingen einige Riffs sogar regelrecht metallisch. Sollte die für dritte Alben gebräuchliche Weisheit „Make it or break it“ noch immer gelten, ist UNISON LIFE ohne Zweifel als Mittel zum Durchbruch anzusehen. Zu wünschen wäre es Brutus.

KATRIN RIEDL

CABAL

Magno Interitus

Deathcore4,5

NUCLEAR BLAST/RTD(11 Songs / VÖ: 21.10.)

Gedankenspiel: Eine düstere Fabrikhalle, flackernde Lichter. Maschinen stampfen im Takt mit dem panisch pochenden Herzen. Und man selbst ist auf der Flucht vor etwas Unbekanntem, das jeden Moment ... Was daherkommt wie ein Drehbuch, ist die Atmosphäre, die Cabal auf ihrem dritten Album vermitteln. MAGNO INTERITUS klingt wie ein musikgewordener Horrorfilm. Dass das Kommende nicht leicht verdaulich sein wird, zeigt bereits der erste Titel ‘If I Hang, Let Me Swing’. Das Kultthema haben die fünf Musiker zwar zurückgelassen, aber fröhlicher sind sie nicht geworden. Stets liegt etwas Beunruhigendes in den Songs. Ihr Deathcore gemischt mit Elementen aus Black Metal und Djent, aus dem immer wieder gruselige Sound-Effekte und Unterbrechungen mit Gänsehauteffekt hervorstechen, ist enorm brutal und wiegt ebenso schwer. Besonders interessant sind ‘Blod Af Mit’, das durch die Mitarbeit des Industrial-Kollektivs John Cxnnor nach Marilyn Manson klingt und am stärksten das einleitende Bild vermittelt, außerdem die symphonischen Teile in ‘Like Vultures’ und die Features von Joe Bad (Fit For An Autopsy) und Simon Olsen (Baest) im Titel-Track respektive ‘Insidious’. Auf MAGNO INTERITUS passiert viel – und das häufig gleichzeitig. Stellenweise stehen die Dänen sich selbst im Weg, denn auf Dauer kann das zu viel werden (zumal Sänger Andreas Bjulver im Brüllen ohnehin schon teils mehrstimmig unterstützt wird). Vor diesem Album davonzulaufen, wäre dennoch die falsche Entscheidung.

ANNIKA EICHSTÄDT

CALLEJON

Eternia

Metalcore5

WARNER(10 Songs / VÖ: 28.10.)

Da ist es wieder, das rheinländische Schwergewicht des deutschen Metalcore. Und es weckt große Erwartungen: ETERNIA sei das „Coming-Of-Age-Werk“, so die eigene Aussage der Band. Es verbinde alles, was die Truppe ausmacht und sei somit das Callejon-Album schlechthin. Eine Aussage, die so schwer wiegt wie die Musik selbst – und dabei bedrohlich wankt und schwankt. Aber eins nach dem anderen; zunächst einmal: Ja, die Platte dürfte vielen Fans Freude bereiten. Und, ja, sie spiegelt im Grunde den Kern von Callejon wider: Düsternis, Wut, Melancholie, Angst und Schrecken. Allein das Coverartwork (wie immer von Frontmann Bastian Sobtzick gestaltet) macht klar, dass nichts anderes zu erwarten ist. ‘Tor des Todes’, die erste Single-Auskopplung, ist ein Gemetzel, das binnen 1:43 Minuten alles in Schutt und Asche zerlegt. Melodische Linien wie in ‘Mary Shelley’ fressen sich ins Gedächtnis, und bei ‘Guillotine’ hat man den brutalen Moshpit direkt vor seinem inneren Auge. Aber macht es das zum „Coming-Of-Age-Werk“ von Callejon? Für jemanden, der sich vor allem im Rätselhaften, dem Zauber der Band, verloren hat – heißt: die fesselnde Melodieführung von ‘Mondfinsternis’ (VIDEODROM), die einnehmende Kälte von ‘Polar’ (BLITZKREUZ) und der Glanz von ‘Utopia’ (FANDIGO) –, und der das viel zu stumpfe HARTGELD IM CLUB hingegen einmal gehört und nie wieder angerührt hat, lautet die Antwort: Nein. Das Verhältnis zwischen Brutalität und Tiefe ist würdig und mächtig – aber nicht besser als je zuvor.

RAPHAEL SIEMS

CATALYST

A Different Painting For A New World

Death Metal 4

NON SERVIAM(10 Songs / VÖ: erschienen)

Nach THE GREAT PURPOSE OF THE LORD (2019) erscheint nun das zweite Album der Franzosen aus Metz. A DIFFERENT PAINTING FOR A NEW WORLD erzählt von der Entstehung einer besseren Welt durch die Zerstörung unserer jetzigen. Neben diesem Grundthema ist der Zweitling der Herren als Konzeptalbum zu verstehen und erzählt von zwei Wesen, die für unterschiedliche Überzeugungen kämpfen, welche sich auch im Sound manifestieren: Zum einen der schleppende Death (die ersten Minuten in ‘Arise Of The Anathema’), zum anderen der für Catalyst typische, verschwurbelte Tech – mit dem alle vier Band-Mitglieder zeigen wollen, was sie können. Stellenweise übertreiben es die Franzosen aber und überladen ihre Songs, wie etwa im Mittelteil von ‘The Last Warning’. Tech-Nerds erfreuen sich gewiss an dieser Reizüberflutung. Die anstrengenderen Passagen verzeiht man Catalyst schnell, denn die harmonischen, teils wirklich herausstechend schönen Melodien (‘Worms And Locusts’) sowie die groovigen Momente (‘Paragon Of Devastation’) sorgen für viel Abwechslung. Hinzu kommt, dass Sänger Jules Kicka krächzen und Klargesang kann. Kein neuer Tech-Messias, aber eine weitere Steigerung der Fähigkeiten der Band aus dem kleinen malerischen Örtchen mit Ambitionen und Talent für die großen Bühnen.

FLORIAN BLUMANN

CAVERNOUS GATE

Voices From A Fathomless Realm

Black Doom4,5

PROPHECY/SOULFOOD(9 Songs / VÖ: erschienen)

Puh, das ist ein schwerer Brocken: Eine Spielzeit von über einer Stunde und Songs, die nicht selten an der Zehnminutenmarke kratzen. Bei VOICES FROM A FATHOM-LESS REALM ist nicht nur für das Lesen des Titels Durchhaltevermögen vonnöten. Auch der Trip durch die höllenschwarze Doom-Walze zehrt ordentlich an den Nerven derer, die die Person hinter Cavernous Gate, Sebastian Körkemeier, eher für seine Tätigkeit bei den schwarzmetallenen Paganisten Helrunar kennen und schätzen. Sofern man der langatmigen und brachialen Sound-Gewalt dieses Einmannprojekts allerdings etwas abgewinnen kann, entpuppt sich VOICES FROM A FATHOMLESS REALM als kleiner Hörgenuss. Nach dem zugegebenermaßen langatmigen Einstieg ‘The Night... (Intro)’ folgt mit ‘Old Graves Stir’ die erste Probe für Ungeduldige: doomige Riffs im Schleichgang münden in infernalisch-bombastische Trommelgewitter mit grazilem Ausklang. Stampfend-sakral geht es in ‘Through The Morass’ durch mönchsartige Gesänge und okkulte Atmosphäre, ehe ‘A World In Shade’ wieder in eine klanglich schwarze Apokalypse hechtet. Es ist ein stetes Hin und Her zwischen Extremen. VOICES FROM A FATHOM-LESS REALM ist schwere Kost – nicht nur, weil die Platte in ihrer schieren Breite nichts für die Nebenbeibeschallung ist. Der Wille zur Langstrecke ist bei Cavernous Gate Pflichtvoraussetzung. Wer sich darauf einlässt, sieht sich möglicherweise belohnt. Anderen dürfte das schwarze Epos wohl deutlich zu schwer in den Ohren liegen.

TOM LUBOWSKI

THE COMMONERS

Find A Better Way

Classic Rock 4

GYPSY SOUL(11 Songs / VÖ: 4.11.)

„The Black Crowes sind ein großer Einfluss für uns“, bestätigen die Kanadier bereits im biografischen Begleitschreiben und adressieren damit offensiv jegliche Kopistenvorwürfe. Denn dass die ersten beiden The Black Crowes-Alben von Sänger/Gitarrist Chris Medhursts Phrasierungen über die Siebziger-authentischen Arrangements bis hin zu den weiblichen Backing-Chören klare Ankerpunkte eines offensichtlichen Blaupausen-Sounds sind, ist anfangs nicht zu leugnen. Zugute halten möchte man der Truppe aus Toronto aber, dass sie sich auf Mimikri sehr gut versteht, die letzte Studioarbeit der Gebrüder Robinson 13 Jahre zurückliegt und auch die aktuelle Reunion kein Garant für eine neue Scheibe der genuinen Retro-Rocker ist. Wer sich also nach aktuellem Albumsurrogat mit etwas mehr Südstaaten-Flair (‘More Than Mistakes’ kommt mit The Allman Brothers-Gitarrenanleihen daher) sehnt, dürfte bei den Commoners durchaus fündig werden. Interpretiert man den Albumtitel indes in Richtung stilistischer Selbstfindung, befindet sich die Band mit der weniger The Black Crowes- und dafür mehr Country-Rock-affinen zweiten Albumhälfte – inklusive des überraschenden Psychedelic-Parts von ‘Deadlines’ – wiederum eher auf dem richtigen Pfad.

FRANK THIESSIES

DEAD CROSS II

Hardcore5

IPECAC/RTD(9 Songs / VÖ: 28.10.)

Die Welt ist seit dem ersten Dead Cross-Album vor fünf Jahren nicht besser geworden. Im Gegenteil; nach unten ist offen. Dead Cross (Mike Patton, Dave Lombardo, Michael Crain und Justin Pearson) aber packen das Biest bei den Hörnern. Weder Krebs (bei Crain) noch mentale Turbulenzen (bei Patton) konnten die vier apokalyptischen Reiter stoppen; Crain schleppte sich sogar während der Chemotherapie ins Studio und rang seiner Erkrankung die rasende Wut ab, die man überall auf dem Album hört. Hart und präzise flippern die Songs zwischen SoCal-Punk, Grind- und experimentellem Hardcore herum; schlagen Haken, ballern ein furioses Spektakel ab. Pattons schizoide Bauchrednerei könnte einem dabei durchaus Angst machen, wenn sie nicht so deluxe wäre – also hilft nur festhalten, vom schlingernden, an den Nerven zerrenden Opener ‘Love Without Love’ bis zum Highspeed-Rausschmeißer ‘Imposter Syndrome’. Wer Letzteres hat, glaubt, unverdient zu Erfolg gekommen zu sein und sicher bald als Bluff enttarnt zu werden. Kaum zu glauben, dass jemand von Dead Cross darunter leiden könnte, aber genau das ist ja das Perfide daran. Der Call & Response-Track ‘Christian Missile Crisis’ (eine Hass-Ode an die amerikanische Waffenlobby) schließlich klingt wie Slayer meets Dead Kennedys, und das Speed Metal-Pastiche ‘Reign Of Error’ erkennt: Die Menschheit selbst ist das Problem. Aber, Zynismus beiseite: II macht auch greifbar, welch ein Zusammenhalt in dieser Supergroup herrscht – und das ist echt herzerwärmend.

MELANIE ASCHENBRENNER

DEFLESHED

Grind Over Matter

Death Metal4,5

METAL BLADE/SONY(11 Songs / VÖ: 28.10.)

Totgesagte leben länger, oder wie heißt es so schön? Dieser Tage wird das Sprichwort nicht nur von mehreren Musikmagazinen als Überschrift für dieselben Bands verwendet, sondern lässt sich auch auf die Schweden Defleshed anwenden. Die Todesmetaller zogen sich 2005 nach zehn produktiven Jahren mit fünf Studioalben zurück. Nun ist das Trio in seiner letzten Besetzung mit Platte Nummer sechs wieder am Start: Das mit Elementen von Thrash und Grindcore gespickte, aber vor allem im Death Metal angesiedelte GRIND OVER MATTER ist ein bitterböser Hassbatzen, der so potent sägt und wütet, dass Genrefans in Verzückung geraten dürften. Während zackig vorgetragene Attacken wie der Titel-Track, ‘One Grave To Fit Them All’ oder ‘Blastbeast’ Nacken- wie Fingermuskulatur malträtieren, bringen ‘Heavy Haul’ und ‘Last Nail In The Coffin’ dank F.K.Ü.-Gangshouts eine Extraportion Energie ein, die das sowieso hurtige Treiben weiter anstachelt. Davon und dem teils verzögernden ‘Behind Dead Eyes’ abgesehen, legt die Truppe wenig Wert auf Abwechslung, sondern zockt knapp 40 Minuten lang Songs nach Schema F runter. Kompromisslos Spaß haben, hieß offenkundig die Maxime – wem das reicht, erfreut sich vorbehaltlos an Deflesheds Rückkehr und hofft, dass die zum Schluss eingeschlagenen Sargnägel nicht auf ewig halten.

KATRIN RIEDL

DRAGONLAND

The Power Of The Nightstar

Melodic Metal4,5

AFM/SOULFOOD(13 Songs / VÖ: erschienen)

Lange Zeit war es still um Dragonland. Mehr als zehn Jahre sind seit dem letzten Album UNDER THE GREY BANNER aus dem Jahr 2011 vergangen. Doch wer zuvor derart abgeliefert hat, braucht sich nicht zu sorgen, in Vergessenheit zu geraten. Oder? Mit THE POWER OF THE NIGHTSTAR befeuern die sechs Schweden ein kraftvolles Comeback: Bombast, Power und Fantasie ringen einander das Maximum in den 66 Minuten Spielzeit ab. Thematisch wird der kreative Faden der Vorgängeralben weitergesponnen; dieses Mal in einem feindlichen Universum, in dem sich ein Volk auf die Suche nach einer neuen Heimat begibt. Passend zum Science-Fiction-Thema arbeitet THE POWER OF THE NIGHTSTAR mit weit mehr elektronischen Einflüssen (‘Through Galaxies Endless’), euphorischem Pathos (‘The Scattering Of Darkness’) und epischer Cineastik (‘Journey’s End’) als seine Vorgängeralben. Dafür fegen ‘Flight From Destruction’ und ‘The Power Of The Nightstar’ gewohnt berserkerhaft in feinster Dragonland-Manier über die Platte. Die einzelnen Songs ergänzen sich zu einem stimmungsvollen, kompakten Konzeptalbum, welches ursprünglich als solches gedacht war und demnach auch so gehört werden sollte. Kein Wunder also, dass THE POWER OF THE NIGHTSTAR laut Keyboarder Elias Holmlid das „längste und aufwändigste“ Werk der Band sei. Dabei erscheint es genau zur rechten Zeit. Immerhin pflegt sich die Platte perfekt in die herbstlich-mystische Atmosphäre der nasskalten Jahreszeit ein und lässt viel Spielraum für die eigene Fantasie.

BIANCA HÄRTZSCH

ELLENDE

Ellenbogengesellschaft

Black Metal 5

AOP/SOULFOOD(8 Songs / VÖ: erschienen)

Black Metal mit deutschsprachigen Texten läuft leider allzu häufig Gefahr, zur peinlichen, gefühlsduseligen Melancholieorgie zu verkommen. Umso schöner ist es, wenn die Macher keine klischeehafte Schleimspur legen, auf der sie drohen, auszurutschen. Nach dem ruhig dahinplätschernden Intro ‘Ich bin’ spitzt sich ELLENBOGENGESELLSCHAFT mit ‘Unsterblich’ zu einer tobenden Black Metal-Raserei zu. Ellende schlagen wild um sich. Zwischen schwarzem Krächzen und Blastbeats finden sich zuweilen ungewohnt harmonische Gitarren-Parts mit ‘Hand aufs Herz’, oder auch eine bekümmert-anmutige Klavieruntermalung in ‘Someday’. Mit seinem Einmannprojekt beweist Mastermind Lukas Gosch wieder einmal eindrucksvoll, aus welch finsterem Holz er geschnitzt ist. ELLENBOGEN-GESELLSCHAFT strahlt pure Melancholie aus, schwenkt von bestialischen Black Metal-Stürmen zu postigen Friedensklängen und atmosphärisch-emotionalen Momenten. Die Mischung geht erstaunlich gut auf. Auf ELLEN-BOGENGESELLSCHAFT vertonen Ellende triste Lyrik im Post Black Metal-Gewand – ein depressiver Strudel, der mit seiner geballten Emotionalität alles in die düsteren Abgründe reißt. Das ist – angesichts ihrer Landsmänner Harakiri For The Sky und Karg – vielleicht keine innovative Meisterleistung, aber definitiv eine ansprechende Zusammenführung des vielschichtigen Könnens der Österreicher.

TOM LUBOWSKI

EXHUMED

To The Dead

Death Metal 5

RELAPSE/MEMBRAN(10 Songs / VÖ: 21.10.)

Mehr als 30 Jahre sind Exhumed aus Kalifornien bereits aktiv, und das natürlich mit aller gebotenen Extremität, dachten sie sich doch mit ihrem 1998er-Debüt gleich das „Sub-Subgenre“ Gore Metal aus. War die Band in den ersten Jahren noch stark vom Grindcore der frühen Carcass-Jahre geprägt, folgte sie auch später deren Weg, sich mehr und mehr dem Death Metal zu öffnen (Kollege Sauermann versteht übrigens weder das eine noch das andere). Das bedeutet in diesem Fall, dass es mehr Melodien als in den ganz frühen Rumpeltagen gibt, aber noch immer jede Menge Geballer und teuflische Doppel-Vokillz zwischen Tieftöner und bösem Gebell – Matt Harvey (unter anderem Gruesome und Pounder) und Ross Sewage (unter anderem Impaled – noch mehr Carcass-Worship) schenken sich und dem geneigten Hörer nichts. Während sich die Briten später noch deutlich rockiger zeigten, sind Exhumed einfach an der für viele Fans besten Phase der Inspirationsquelle stehengeblieben und ziehen ihr Ding seitdem unbeirrt durch. Was bei Exhumed ebenfalls ziemlich wild ist: Sie scheißen auf sterile Produktionen und klingen auch 2022 noch herrlich analog und live-haftig dreckig. Mit pumpendem Bass, böllernden Drums und diesem einen dreckigen Gitarren-Sound, der selbst Songs wie ‘Drained Of Color’ oder ‘Carbonized’ einen mehr oder weniger starken Hauch von Groove verleiht – was aber auch am konstant Song-dienlichen Drumming von Deeds Of Flesh-Granate Mike Hamilton liegt. Wie es sich für Exhumed gehört, bietet das Album natürlich auch ein gar nicht mal so appetitliches Coverartwork, das ein wenig an die letzte „Reunion“-Fotosession von Dismembers Fred Estby erinnert. Und laut Verkaufsinfo haben Exhumed diesmal auch die alten Kameraden beziehungsweise ehemaligen Band-Mitglieder Mike Beams, Leon del Muerte, Matt Widener und Bud Burke eingeladen, sich mit Ideen am Songwriting-Prozess zu beteiligen, um die „überraschende Langlebigkeit von Gore Fucking Metal“ zu feiern. Da schließen wir uns gerne an!

THOMAS STRATER

FALL OF CARTHAGE

Drawn Into Madness

Groove Metal4,5

MDD/ALIVE(8 Songs / VÖ: erschienen)

Nach vier Jahren Veröffentlichungspause (EMMA GREEN erschien 2018) kehrt das Trio um Arkadius Antonik (Suidakra) mit seiner vierten Platte zurück. Und wie immer ist ein energischer Mix aus groovenden Schlagzeugrhythmen, tief verzerrten Gitarren-Riffs und rauem, wütendem Brüllgesang zu hören. Was dabei immer wieder zum Vorschein kommt, sind die deutlichen Einflüsse anderer Bands. Sowohl im Instrumentalen als auch im Gesang schwingt stets eine ordentliche Portion Five Finger Death Punch mit, unüberhörbar etwa im tief gesprochenen Intro von ‘Smell Of The Oak’. Auch Mushroomhead klingen regelmäßig durch – nicht nur in der Stimme selbst, sondern auch, wenn in ‘Slipping Through The Wall’ der angenehm melodische Gesang auf den lauten, tosenden Einstieg folgt. Dabei muss man allerdings einräumen, dass Fall Of Carthage nicht einfach nur kopieren. Sie bauen verschiedenste Elemente aneinander, die man so nicht unbedingt erwartet hätte, und verpassen dem Ergebnis eine solide Menge Eigenes. Teils mögen die Elemente auch zu unterschiedlich sein, wenn etwa im besagten ‘Slipping Through The Wall’ die letzte Strophe plötzlich nicht mehr geschrien, sondern gerappt wird. Elektronische Beats erklingen, wo kurz zuvor noch ein Breakdown à la Parkway Drive zu hören war. Wer auf derartigen Crossover allergisch reagiert, sollte gleich die Finger davon lassen. Liebhabern solcher Experimente hingegen sei DRAWN INTO MADNESS durchaus empfohlen.

RAPHAEL SIEMS

FIRE FROM THE GODS

Soul Revolution

Modern Metal3,5

BETTER NOISE/SONY(12 Songs / VÖ: 28.10.)

Rap und Metal – diese beiden Genres im gleichen Satz zu nennen, tut Puristen bereits weh, und sie zu mischen, grenzt an Blasphemie. Na gut, Geschmackssache. Dass Fire From The Gods auf SOUL RE-VOLUTION nicht durchgängig den Ansatz des Rap Metal, mit dessen Label die Texaner häufig geschmückt werden, nutzen, ist tatsächlich schade. Der Titel-Track und Opener ist stark, danach fehlt der Platte allerdings eine Kante, die mit aggressiverem Gesang wieder hätte reingeholt werden können. Crossover ist untrve, aber immerhin eine Ecke für sich. Songs wie ‘Thousand Lifetimes’ und ‘Love Is Dangerous’ fehlt dagegen gänzlich das Alleinstellungsmerkmal. Solide melodische Songs, sicher, doch sie könnten genauso auch von einer jungen Gruppe kommen, die ihre Nische noch nicht gefunden hat, anstatt sich auf dem vierten Album einer Band zu befinden, die im Vorprogramm von Five Finger Death Punch spielt. Nach dem Auftakt gerät also eine ganze Menge Titel erst mal in Vergessenheit – ‘World So Cold’ zieht wenigstens noch damit Aufmerksamkeit auf sich, dass der Refrain irritierend nach dem Mittelteil von Ylvis’ ‘The Fox’ klingt. Bei der Menge an Mittelmäßigkeit ist es dann fast schon überraschend, als ‘The Message’ um die Ecke kommt. Sänger AJ Channer hat jamaikanische Wurzeln, und das hört man ihm in keinem der neuen Songs deutlicher an. Dadurch heben sich Fire From The Gods ab, sind originell. Auch danach wirkt das Quintett wie wachgerüttelt. Dass alle Kraft von SOUL REVOLUTION im Schluss liegt, ist schade und kann den wenig überzeugenden Start nur bedingt ausgleichen – unabhängig vom Genre.

ANNIKA EICHSTÄDT

HÄMATOM

Lang lebe der Hass

NDH 4

ANTI ALLES/BELIEVE(11 Songs / VÖ: 4.11.)

‘Es regnet Bier’. Wer sein Album mit diesem Titel eröffnet, hat bei mir schon mal einen Bonuspunkt kassiert. Der Opener des neuen Hämatoms-Albums hätte textlich wie musikalisch augenzwinkernd auch problemlos von J.B.O. kommen können. Ein Biergartenstampfer, der das diesjährige Wacken zum Schunkeln brachte. Muss man sich trauen (gibt es auf dem Album übrigens auch in englischer Version). Von solchen „unmetallischen“ Aha-Momenten, welche die Kitschgrenze kaschieren, tauchen auf dem achten Studioalbum einige auf. Gut so, denn der Metal-Polizei vor das beinharte Stahlknie zu treten, ist nie verkehrt. Dazu kommt die Gangart, für die Hämatom eigentlich stehen: Brettharte Riff-Salven, giftige deutsche Texte, ein wilder Mix aus Punk, Modern Metal und NDH, der die umtriebigen Franken mittlerweile jedes Mal in die Top Ten führt. Wo wir bei einem Problem wären: In der Coronaphase brannten bei dem Quartett offensichtlich die schöpferischen Drähte durch. Drei Scheiben, 2021 das Projekt BERLIN (EIN AKUSTISCHER TANZ AUF DEM VULKAN) und DIE LIEBE IST TOT, nun LANG LEBE DER HASS. Das ist innerhalb von anderthalb Jahren eine Menge Holz – und nicht wirklich zielführend. Dem neuen Werk geht auf Distanz die Luft aus. Es sind ein paar Nummern dabei, die qualitativ nicht ganz das Niveau des Vorgängers halten können. Spaß macht die Scheibe größtenteils trotzdem. Meine Empfehlung: Mal kurz durchatmen, Jungs – und dann wieder mit voller Kraft und frischer Kreativität die Szene verwirren.

MATTHIAS WECKMANN

HOAXED

Two Shadows

Heavy Rock4,5

RELAPSE/MEMBRAN(9 Songs / VÖ: 28.10.)

Gloom Rock – so bezeichnet das Duo aus Sängerin und Gitarristin Kat Keo sowie Schlagzeugerin Kim Coffel die Musik, die ihr Langspieldebüt füllt. Sehr treffend, denn Gloom (was auf Deutsch so viel düster oder trübsinnig bedeutet) ist genau das, was die Musik der beiden ausmacht. Langsames, schwermütiges Songwriting zieht sich durch das gesamte Werk. Die Platte ist nicht unbedingt etwas, das man auf einer Party abspielen würde – eher bei einem einsamen Spaziergang durch einen Herbstwald oder wenn man bedeutungsschwanger durchs Fenster dem Regen zuguckt. Wer nun aber denkt, dass sich Hoaxed dem musikalischen Nihilismus des Gothic Rock verschrieben haben, liegt falsch – ihr selbst erfundenes Genre ist vielmehr eine Mischung aus allen möglichen (finsteren) Spielarten, Gothic Rock inklusive. Mit dabei sind allerdings auch Doom Metal, Hard Rock, Folk sowie auch ein bisschen Post Punk. Alles in allem eine gelungene, wunderbar miteinander harmonierende Mixtur, die nicht zuletzt aufgrund von Keos engelsgleichem Gesang gut funktioniert. Zwar zeigt sie mit diesem ziemlich wenig Variation und singt in jedem Song gefühlt dieselbe hohe, melancholische Melodie – aber das nimmt man ihr nicht übel. Passen tut das nämlich, und außerdem bleibt das Album dank seiner neun recht kurz gehaltenen Lieder sowieso durchgehend kurzweilig. Kaufempfehlung für alle, die etwas für gute Schlechte-Laune-Musik übrighaben!

SIMON LUDWIG

INGESTED

Ashes Lie Still

Death Metal4,5

METAL BLADE/SONY(10 Songs / VÖ: 4.11.)

Gerade mal zwei Jahre nach WHERE ONLY GODS MAY TREAD hauen die Herren aus Manchester ihren nächsten Death-Brecher raus. Wie schon der Vorgänger ist ihr sechstes Album ASHES LIE STILL eine Lawine aus Doublebassdrums und rasanten Riffs. Besonders wohlig erschlagend schaffen sie es im Titelstück sowie in ‘From Hollow Words’. Vielleicht muss dieses Mal aber ein besonders großes Ventil für die angestauten Gefühle her, dann laut Ingested wurde das Werk in einer der schwierigsten Phasen ihres Lebens sowie ihrer Karriere als Band geschrieben und aufgenommen. Die Düsternis aus dieser Verkündung hört man in ‘Sea Of Stone’, und die Melodien erschaffen eine schöne Weite, in der man sich verlieren kann. Besonders beherrschen Ingested aber Breakdowns und das Wechselspiel zweier verschiedener Growl-Gesänge. Speziell das neueste Werk sollte für Fronter Jason Evans live eine Herausforderung werden. Wenn ASHES LIE STILL im letzten Drittel ankommt, wird man noch einmal angenehm überrascht: Nachdem ‘All I’ve Lost’ ungewöhnlich ruhig eröffnet, hat Trivium-Fronter Matthew K. Heafy seinen Auftritt – er ergänzt sich erstaunlich gut mit Evans. Ingested sahen sich schon immer als Underdogs, die „um die Reste kämpfen“ mussten. Doch jetzt seien sie „an der Reihe, am Tisch zu essen“. Na dann: Guten Appetit!

FLORIAN BLUMANN

INVICTUS

Unstoppable

Death Metal5,5

MNRK HEAVY/SPV(11 Songs / VÖ: erschienen)

Seine eigenen Bands Kataklysm und Ex Deo sowie seine Tätigkeit als Manager und Booker für andere Gruppen reichen dem erklärten Workaholic Maurizio Iacono offenbar nicht. Deshalb stampfte er 2021 Invictus aus dem Boden und legt nun deren Debüt UNSTOPPABLE vor. Das Projekt beinhaltet (nicht zuletzt angesichts seines „Invictus“-Tattoos) einen persönlichen Bezug und weist einige Unterschiede zum sonstigen Schaffen des heute in Florida lebenden gebürtigen Kanadiers auf: Zwar zählt der Chef weiterhin auf bekannte Mitstreiter wie J-F Dagenais und Jeramie Kling, als Hauptkomponist sowie Produzent und Klarsänger (!) tritt jedoch Chris Clancy (Mutiny Within) in Erscheinung. Der ungewohnte Gesang tritt in den meisten der elf Stücke zutage und bildet eine stimmige Ergänzung zu Iaconos Growls und Screams, die den energetisch treibenden, doch weniger „hyperblastenden“ Death Metal bestimmen. Details wie quietschende Gitarren am Anschlag (‘Get Up’), sparsam eingesetzte Orchestrationen (‘Weaponized’) und herrliche Zwillingsgitarrenläufe (‘Ghost Of My Father’) mischen die über weite Strecken extrem eingängige Mixtur zusätzlich auf (hymnische Züge: ‘American Outcast’). UNSTOPPABLE ermöglicht nicht nur textlich, sondern auch musikalisch einen neuen Blick auf den Imperator und lässt sich als bärenstarker Einstand begreifen.

KATRIN RIEDL

IRON ALLIES

Blood In Blood Out

Heavy Metal4

AFM/SOULFOOD(12 Songs / VÖ: 21.10.)

Metal vom alten Schlag von alten Haudegen des Metal: Mit Herman Frank und David Reece tun sich bei Iron Allies zwei Accept-Veteranen zusammen, die jedoch nie zur selben Zeit an Bord der teutonischen Stahlschmiede waren. Auf diese Konstellation passt der Titel des Openers ‘Full Of Surprises’ durchaus; musikalisch hingegen verbergen sich auf BLOOD IN BLOOD OUT keine großen Überraschungen, was durchaus in Ordnung geht. Die eisernen Alliierten treffen sich ziemlich genau in der Mitte zwischen Franks schwermetallischem, Accepttypischen Riffing und der Hard Rocklastigen Prägung der kurzen Reece-Phase. Insofern ist BLOOD IN BLOOD OUT die perfekte Platte für all jene, die nach einem geistigen Nachfolger von EAT THE HEAT (1989) verlangten. David Reece verfügt über ein unauffälligeres, geerdeteres Gesangsorgan als seine Vorgänger und Nachfolger und klingt damit grundsolide, kraftvoll, und in diesem Umfeld stimmig. Dies gilt genauso für das Album insgesamt: Das Debüt rockt – zeitgemäß druckvoll produziert – durchweg gefällig. Aufhorchen lässt es vor allem bei metallischheftigeren Momenten und gefällt am besten, wenn wie in der pathosgeladenen Hymne ‘Blood On The Land’ starke Melodien und heavy Riffs zusammenfinden.

SEBASTIAN KESSLER

JADED HEART

Heart Attack

Melodic Metal4,5

MASSACRE/SOULFOOD(11 Songs / VÖ: erschienen)

Ein Blick auf die Song-Titel der aktuellen Jaded Heart-Scheibe macht die stilistische Ausrichtung der Band erneut deutlich: Bei Nummern wie ‘Blood Red Skies’, ‘Sweet Sensation’, ‘Heart Attack’ oder ‘Midnight Stalker’ kann es sich nur um traditionellen, von den Achtzigern inspirierten Hard Rock handeln, im Stil von Dokken, Ratt, Warrant oder Winger. Erfreulicherweise haben Jaded Heart mit dem Schweden Johan Fahlberg einen exquisiten Frontmann (den beispielsweise Dokken nie hatten) und mit Sascha Gerstner (Helloween) sowie Rupert Keplinger (Eisbrecher) sogar zwei namhafte Gastkomponisten dabei. Zudem hat Gitarrenmeister Peter Östros seine George Lynch-Lektion gelernt und feuert rhythmisch wie solistisch aus vollen Rohren. Gleiches kann man auch über das generelle Songwriting sagen, das vermutlich jedem traditionellen Hard Rock/Melodic Metal-Fan gefallen wird. Allerdings hat die Entscheidung, die gesamte Scheibe so natürlich wie möglich klingen zu lassen und deshalb auf moderne Schlagzeug-Samples und digitale Unterstützung zu verzichten, auch ihre Schattenseiten: Rhythmisch klingt HEART ATTACK etwas hölzern beziehungsweise flach. Vielleicht wäre eine Spur weniger Idealismus dem Gesamt-Sound zuträglich gewesen.

MATTHIAS MINEUR

KILL RITUAL

Kill Star Black Mark Dead Hand Pierced Heart

Heavy Metal4

MASSACRE/SOULFOOD(9 Songs / VÖ: 28.10.)

Das kalifornische Killerkommando Kill Ritual meldet sich mit einer neuen Power-Platte zurück. Vergangenes Jahr stampften die Henker des Heavy Metal ihre EP THY WILL BE DONE aus dem Boden. Der sechste Longplayer KILL STAR BLACK MARK DEAD HAND PIERCED HEART knüpft stilistisch genau dort an, sodass sich sagen lässt: An Durchhaltevermögen mangelt es dem Quartett nicht, denn von vorne bis hinten lassen die Künstler ihren Killerinstinkten freien Lauf. Davon kann sich selbst der unverhofft (zumindest zu Beginn) bedächtige Song ‘I Am The Night’ nicht freisprechen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die ruppigen (zeitweise sogar thrashigen) Gitarren-Riffs von Steven Rice (‘7 Knives’). Stimmlich gesehen platzt Brian „Chalice“ Betterton nur so vor Energie; allerdings schießt er in Tracks wie ‘I Am The Night’ oder ‘The Smell Of Death’ deutlich über das Ziel hinaus, wodurch es ihm nicht immer gelingt, die längeren Töne sauber ausklingen zu lassen. Besser läuft es mit Songs der Sorte ‘Get In Line’, bei dem Bettertons Gesang stattdessen bündiger zum Einsatz kommt. Keine Frage, die Heavy Metal-Assassinen verhelfen uns mit KILL STAR BLACK MARK DEAD HAND PIERCED HEART zu mehr Vitalität in unseren Nackenpartien; so souverän wie in THE OPAQUE AND THE DIVINE (2020) performen sie jedoch nicht.

CASSANDRA HILLGRUBER

KING DUDE

Death

Dark Rock5,5

VÁN/SOULFOOD(11 Songs / VÖ: erschienen)

Dass das zehnte King Dude-Album sein letztes ist und der Todesstoß-Schachzugplan bereits seit über zehn Jahren in der königlichen Schublade lag, war nun wirklich nicht abzusehen. Lässt diese unabänderbare Tatsache DEATH in einem anderen Dämmerlicht erscheinen? Vielleicht. Letzten Endes ändert es aber auch nichts daran, dass der Abschluss des aus LOVE (2011), FEAR (2014) und SEX (2016) bestehenden Albumzyklus’ noch einmal sämtliche Qualitäten des Mannes zur Schau trägt, der auf dem Bürgeramt im heimischen Seattle noch immer als Thomas Jefferson Cowgill vorstellig werden muss. The Sisters Of Mercy, The Mission sowie auch Joy Division und Depeche Mode evozierende Achtziger-Wave-Schwofer wie gemacht für die statische Tanzfläche des seligen Bochumer Zwischenfall. Dazu gesellen sich schöne Duette wie ‘Sweet Death’ mit Shannon Funchess beziehungsweise das mit Gesangs-Partnerin Nicole Estill von der texanischen Stonegaze-Band True Widow im Hazlewood-Western-Wechselspiel intonierte ‘Black And Blue’. Oder eben das rein auf Stimme und Synthie-Geplucker reduzierte ‘Out Of View’. Das große Finale von ‘Lay Waste To The Human Race’ lässt den Dude seinen Schwanengesangs-Song gar von einsamschweren Piano-Akkorden getragen im Spannungsfeld von Nick Cave und Leonard Cohen inszenieren. Vorhang. Ovationen. Seufzen. Das Warten auf die nächste künstlerische Inkarnation von Mr. Cowgill hat begonnen.

FRANK THIESSIES

LANGUISH

Feeding The Flames Of Annihilation

Grindcore 5

PROSTHETIC/CARGO(11 Songs / VÖ: erschienen)

Das auf Shakespeares Stück ‘Hamlet‘ zurückgehende Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ nimmt sich die Grindcore-Truppe Languish wohl ziemlich zu Herzen. So dauern ihre Vorgängerwerke EXTINCTION (2015) und UNWORTHY (2020) gerade mal 16 beziehungsweise 26 Minuten. Auch in ihrem Neuling FEEDING THE FLAMES OF ANNIHILATION kommen die Herren aus Arizona in rund 27 Minuten auf den Punkt. Trotz der kurzen Dauer braucht man nach dem ersten Anhören dennoch eine Verschnaufpause. Zum einen, da sie mit ihrem fiesen und rotzigen Mix aus Grindcore, Death Metal und vielen Black Metal-Akzenten einen Nackenbrecher nach dem anderen liefern, und zum anderen dringt ihre dermaßen aggressive und angepisste Energie schon ab dem ersten Titel in den Hörer ein. Hervorzuheben sind Lieder wie ‘Manifesto’, ‘Ripped Remains’ oder ‘Judas Goat’. Daneben meistert es die vierköpfige Band, genau an den richtigen Stellen den Death Metal in den Vordergrund zu stellen. Auf diese Weise wirken sie dem brutalen, Grindcore-typischen Chaos entgegen und gestalten den Silberling etwas melodischer. Während Headbangen in diesem Fall also kein Problem ist, sieht es für das Mitbrüllen nicht so gut aus, denn das Gegrunze von Sänger Sean Mears (Gatecreeper) ist eher unverständlich. Sehr schade, da die Texte äußerst prägnant und bedeutungsvoll sind. Beispielsweise teilen sie uns in ‘Comply Or Die’ mit Worten wie „Killing more than they protect“ sowie „They only care about the power they hold and abuse to no end“ ihren Groll und ihre Frustration gegenüber der amerikanischen Polizei und ihren Taten mit. Daher gilt: Lyrics nachlesen, Nacken dehnen und auf „Play“ drücken.

AMANDA DIZDAREVIC

LORNA SHORE

Pain Remains

Deathcore3,5

CENTURY MEDIA/SONY(10 Songs / VÖ: erschienen)

Auch Lorna Shore gehören zu jenen Bands, die dank der allseits beliebten Reaction-Videos im Netz enormen Auftrieb erfahren haben. So war es vor allem die krasse gesangliche Performance von Frontbeau Will Ramos in ‘To The Hellfire’, die das Quintett zum Hype hat avancieren lassen. Nun legen die Ostküstenmetaller mit Studiowerk Nummer vier nach – und es bleibt, wie es war: Man liebt oder hasst sie. Und das liegt an der Intensität, welche die Band fortlaufend hochhält. Sowohl die exzellent abliefernden Instrumente als auch Ramos geben von Anfang bis Ende Vollgas – und darauf muss der geneigte Hörer einfach abfahren. Ansonsten kratzen die grundsätzlich angenehm daherballernden Riffs und fiesen Vocals schnell in den Ohren. Vor allem Ramos’ Organ, das durchgehend und ausnahmslos zwischen Screams, Growls und Pigsqueals changiert und dem Deathcore von Lorna Shore damit einen saftigen Grindcore-Anstrich verpasst, trägt zum hohen Anstrengungsgrad bei. Dabei fällt die Produktion inklusive Streichern, Chören, Synthies und vielen kleinen Melodien durchaus ansprechend aus. Weniger ist manchmal einfach mehr.

LOTHAR GERBER

MASSIVE WAGONS

Triggered

Rock5,5

EARACHE/EDEL(13 Songs / VÖ: 28.10.)

War HOUSE OF NOISE, das 2020 erstmals unter (fremder) Klang-Regie von Chris Clancey und Colin Richardson entstandene fünfte Album der Lads aus Lancester, noch ein wenig Ausdruck einer Neuaufstellungsphase, knüpft TRIGGERED wieder stärker an die Qualitätsmerkmale eines Meisterwerks wie FULL NELSON (2018) an. Dass die DIY-erprobte Band, die wie kaum eine andere aktuellen Classic-, Hard- und Punk Rock in Hook-strotzende Hymnen zu übersetzen versteht, ihren eigenen Charakter-Sound inzwischen gefunden hat, ist längst nicht mehr zu bestreiten. Wahlweise als urbritische Variante von The Bloodhound Gang oder vielleicht auch die (noch) witzigeren The Wildhearts zu bezeichnen, schütteln Massive Wagons wunderbare Melodien mit bissig-anarchistischen Textbeobachtungen aus dem Ärmel, dass es eine wahre Freude ist. Da darf die Strophe von ‘Please Stay Calm’ schon mal auf einem instrumentalen Unterbau fußen, der ‘Every Breath You Take’ lässig zu einem HYSTERIA-Outtake macht, nur um dann noch in einem Megachorus zu explodieren. ‘Generation Prime’ gerät zur Quasifortsetzung des eigenen Hits ‘China Plates’ und versteht es prächtig, zwischen Punk und – Skindreds Benji Webbe sei Dank – Reggae zu pendeln und als ultimative Online-Versandhausabrechnung durchzugehen. Dass zum Ende mit ‘Sawdust’ und ‘No Friend Of Mine’ angedenk der angepissteren Anfänge noch mal mit erhöhter Riff-Härte und Temposteigerung eine The Offspring-Offensive gestartet wird, wie sie die Originale schon längst nicht mehr hinbekommen, macht die Sache nicht unsympathischer.

FRANK THIESSIES

MASTIC SCUM

Icon

Death Metal4

MDD/ALIVE(10 Songs / VÖ: erschienen)

Nach dem Tod von Sänger Will Schett im Jahr 2012 verblieben nur noch die Brüder Harry und Man Gandler als Gründungsmitglieder der Wiener Death-Fraktion Mastic Scum. Mit neuem Bassisten kehren sie neun Jahre nach CTRL mit geballter Stärke zurück. Während der Opener ‘Digital Dementia’ noch etwas herumdümpelt, wird im Anschluss mit ‘Room 23‘ die Peitsche ausgepackt. Die Herren, die schon seit 30 Jahren operieren, packen es in ICON sehr groovig an und erinnern immer wieder an den frühen Sound von Death-Größen wie Obituary. Charakteristisch ist dabei der Gesang von Maggo Wenzel mit viel Hall, der stellenweise kathedralische Sphären erreicht. Was in einigen Songs wunderbar funktioniert, nutzt sich jedoch etwas ab: Das dumpfe Geholze in ‘Doomsayer’ und ‘Twice The Pain’ ist ziemlich eintönig, auch wenn dabei der Punk-Einfluss am deutlichsten wird. So wechseln sich grandiose Death-Stücke mit Mittelmaß ab. Mit ‘Retribution’ gibt es ein über sechsminütiges und damit etwas zu langes Schlusslicht, welches einen etwas ratlos auf die Platte zurückblicken lässt. Das sechste Studioalbum der Österreicher ist kein besonders ikonisches Werk der Death-Szene, aber stellenweise ein sehr guter Nackenbrecher.

FLORIAN BLUMANN

MISS MAY I

Curse Of Existence

Metalcore5

SHARPTONE/RTD(10 Songs / VÖ: erschienen)

Es blitzt, es donnert – Miss May I brennen erneut einen Flashback in eure Synapsensuppe. Good ol’ Metalcore wird auf ihrer siebten Scheibe CURSE OF EXISTENCE wieder so selbstbewusst inszeniert, wie er vor 15 Jahren schon die Hütten beben ließ. Nur hält hier natürlich die Moderne Einzug in die Musikmaschinen: Effektgeladene Riffs treffen auf ausproduzierte, übergroße Gesten in den Hooks. Ja, okay, Plattitüden wie „Set the world on fire“ in ‘Savior Of Self’ gewinnen keinen Pulitzer-Preis, aber besonders das Timbre des Klargesangs brilliert wie eine meditative Hypnose. Sowieso beherrscht Bassist Ryan Neff mit seiner Stimme die Kunst der packenden Harmonien, wenn eine süße Schwere durch ‘Bleed Together’ und ‘Earth Shaker’ sickert. Dazu die ins Räudige abdriftende Kehle von Sänger Levi Benton, und die magischen Kontraste des Genres sind ausgelotet. Miss May I präsentieren intelligenten Metalcore mit viel Liebe zum Detail. Es entladen sich Melodiegewitter der Gitarren und übertriebene Soli wie in ‘Into Oblivion’, und dann gibt es ‘Free Fall’, das zum modernen Klassiker avancieren kann. Zwar stammen all ihre genutzten Formeln aus den Lehrbüchern, ihre Anwendung ist aber herausragend. Miss May I schnüren ein Rundumsorglospaket. Kein Cyber-Schnickschnack, keine Genre-Soljanka, nur ehrliches Riffing und Spaß an der Freude. Standesgemäß geleiten ein heftiger Breakdown, fies gegurgelte Schreie und ein Refrain, der vor Selbstzerwürfnis tropft, mit ‘Unconquered’ hinaus.

VINCENT GRUNDKE

SKID ROW

The Gang’s All Here

Hard Rock5

EAR/EDEL(10 Songs / VÖ: erschienen)

Skid Row ohne Sebastian Bach – für mich immer eine mühsame Vorstellung. Ich war Ultra-Fan, und nach SUBHUMAN RACE (1995) raus. Mitunter wusste ich gar nicht mal mehr genau, wer bei Skid Row gerade am Mikro steht. Sean McCabe, Johnny Solinger, Tony Harnell, ZP Theart – die Saloon-Türen rotierten zu schnell. Aber mit dem Schweden Erik Grönwall (ehemals H.E.A.T.) haben Skid Row tatsächlich voll in die heilige Scheiße gegriffen. Der Typ besitzt genau diese enthemmte Straßen- und Punk-Attitüde, welche Skid Row von Beginn an von anderen Hard Rock-Bands unterschieden hat. Eine absolute Top-Leistung. Und, ja – auch Ähnlichkeiten zu Sebastian Bach. Ganz großes Kopfkino. Entsprechend zimmerten die Instrumentalisten ihrem neuen Frontmann eine Platte hin, die musikalisch viele Anleihen aus den Anfängen des Band-betitelten Debüts im Jahr 1989 bezieht. Nein, die Hit-Tauglichkeit der SKID ROW-Veröffentlichung erreicht diese Scheibe nicht mal ansatzweise, aber hätte man geglaubt, dass diese Band dazu in der Lage sein könnte, noch mal solch eine kraftstrotzende Scheibe rauszuhauen? Null. Nein. Niemals. Und doch ist es so gekommen. Meine Damen und Herren: Skid Row sind wieder da! Besser wäre THE GANG’S ALL HERE nur mit dem jungen Bach am Mikro gewesen. Zumindest im Konjunktiv.

MATTHIAS WECKMANN

Mit Neusänger Erik Grönwall und Fan-Produzent Nick Raskulinecz gelingt Skid Row auf ihrem ersten Langspieler seit 16 Jahren die rassige Rückbesinnung auf alte Tugenden. Von Rachel Bolans punkigem Boller-Bass und Straßenpoesie-Texten über die Wechsel-Leads von Dave Sabo und Scotti Hill bis hin zu Grönwalls – Sebastian Bach evozierender, aber nie stumpf kopierender – Höchstleistungs-Intonation bietet das neue Album der New Jersey-Boys (nahezu) alles, was viele bei dieser Band seit 1991 vermisst haben.

Frank Thiessies (5,5 Punkte)

Als Skid Row 1989 erstmals auf großer Bühne erschienen, hoffte man auf eine etwas härtere Variante des Bon Jovi-Hardrocks. Diese Hoffnung hat sich nun, anno 2022, auf erstaunliche Weise bewahrheitet. Denn während der schöne Beau Bongiovi mittlerweile nur noch musikalische Konfektionsware präsentiert, geht es auf THE GANG´S ALL HERE erfreulich kernig zu. Zwar ist hier nicht alles Gold, dafür stimmt aber die Richtung. Look out Jon, that‘s Rock‘n‘Roll!

Matthias Mineur (5 Punkte)

THE NEW ROSES

Sweet Poison

Hard Rock4,5

NAPALM/UNIVERSAL(11 Songs / VÖ: 21.10.)

Die Glam Metal-Glanzzeit und den Hard Rock der Achtziger authentischer zelebrierend als etliche andere aktuelle Kollegen aus der Revival-Blase, gibt das im Rheingau gegründete und manchen als Vorgruppe von Kiss bekannte Quartett auch auf seinem fünften Album alles, um einen unbeschwerteren musikalischen Zeitgeist wiederauferstehen zu lassen. Einen Zeitgeist, der von großen Frisuren, aber auch ebensolchen Hooks und Melodien bestimmt war. Der Traditionsfortsetzung letzterer beider Song-Tugenden haben sich The New Roses seit Anbeginn verschrieben, wenn auch mit moderat modernerem Haupthaar und optisch allgemein bodenständiger sowie im Ausdruck kerniger und Blues- wie Rootsorientierter. Sprich: Die Band hat mehr von den späten Tyketto als von Poison oder Winger. In einem Song wie ‘All I Ever Needed’ findet schließlich doch alles zusammen: Sowohl der dreitagebärtige Baritonansatz von Asphalt Ballet in The New Roses-Sänger Timmy Roughs raspelnd-rauem stimmlichen Ausdruck als auch etwas vom glattrasierten Balladen-Glamour eines Songs wie ‘Blind Faith’ von Warrant.

FRANK THIESSIES

NOCTEM

Credo Certe Ne Gras

Black/Death4

MNRK HEAVY/SPV(10 Songs / VÖ: erschienen)

Noctem aus Valencia, Spanien, schwenken dank einiger personeller Umbesetzungen (von denen lediglich Sänger Beleth verschont blieb) seit ihrer Gründung 2001 stilistisch ein wenig hin und her. War EXILIUM um 2014 noch von teils bombastischer Epik à la Fleshgod Apocalypse geprägt, ging das Nachfolgealbum HAERESIS bereits etwas geradlinigere Wege und warf neben manch Synthie-Spielerei auch diverse Thrash Metal-Wurzeln über Bord. Der Nachfolger THE BLACK CONSECRATION wurde 2019 noch weiter auf Blastbeatlastigen Black Metal ausgerichtet. Dessen Linie setzt CREDO CERTE NE GRAS nun fort. Iin puncto Melodieführung gehen sie relativ simple Wege, was der Atmosphäre abträglich ist. Dafür springt einem CREDO CERTE NE GRAS oft wesentlich direkter ins Gesicht, was aber auch zum Reiz dieser Scheibe beiträgt. Zwar gibt es auch Ausnahmen wie das zumeist getragene ‘The Pale Moon Rite’, aber die Mehrzahl der Songs ist auf Geschwindigkeit ausgelegt. Wer seinen Schwarzmetall also heftig mag, ohne gleich gänzlich auf Melodie zu verzichten, dürfte CREDO CERTE NE GRAS durchaus etwas abgewinnen.

MARTIN WICKLER

NO RETURN

Requiem

Death/Thrash Metal4

MIGHTY/SPV(10 Songs / VÖ: 21.10.)

Fast fünf Jahre haben sich die Pariser Veteranen für ihre neue Platte Zeit gelassen. REQUIEM darf aber keineswegs als Abgesang gewertet werden. Vielmehr scheint sich die neuerliche Line-up-Veränderung positiv ausgewirkt zu haben: Mit Geoffroy Lebon steht Komponist Alain Clément ein neuer Co-Gitarrist zur Seite; zudem kehrt Steeve „Zuul“ Petit zurück ans Mikro, wo er bereits von 2000 bis 2002 den Ton angab. Der melodischen Death- und Thrash Metal vereinende Stil des Quintetts profitiert von ballernder Geschwindigkeit, gekonnter Gitarrenarbeit und einer stimmigen Balance zwischen Aggressivität und Melodie. Als Höhepunkt sticht das wüst treibende ‘Affliction’ hervor, weitere Auffälligkeiten finden sich in diversen Soli (etwa ‘No Apologies’, ‘Nobody Cares About You’, ‘Unscarred’), dem von einer Durchsage gerahmten ‘Lies’ sowie dem Finale ‘The Black Wolfs Kingdom’, das neben fiesem Grunzen und Krächzen auch klaren wie geflüsterten Gesang beinhaltet. Alles in allem ist REQUIEM ein ordentliches Stück Musik geworden, das Fans beider Genre-Lager zum Probedurchlauf empfohlen sei.

KATRIN RIEDL

NOTHING MORE

Spirits

Modern Metal5

SONY(13 Songs / VÖ erschienen)

Satte fünf Jahre ist es her, dass Nothing More mit THE STORIES WE TELL OURSELVES (2017) den größten Erfolg ihrer Karriere feierten, auf Platz 15 der Billboard Charts landeten und sich über drei Grammy-Nominierungen freuen konnten. Aber: Die Fans vergessen schnell. Anstatt nachlegen zu können, kamen Masken, Impfungen und Konzertabsagen. Höchste Zeit für die Texaner, das Feuer neu zu entfachen – und das gelingt mit SPIRITS. Speziell für den US-amerikanischen Markt ist das vierte Studioalbum förmlich maßgeschneidert: Hier findet jeder Anhänger von modernem Rock und Metal seine besonderen Minuten. Auf ‘Tired Of Winning’ entsinnt man sich im Grund-Riff des Einflusses von Rage Against The Machine, ‘You Don’t Know What Love Means’ besitzt den Vibe von Audioslave, ‘Don’t Look Back’ entfacht die rausgebrüllte Emotion von Linkin Park, und der Rest tummelt sich im bekannten US-Kosmos: fett produziert, im Grunde Pop-inspiriert und hochmelodisch, garniert mit einigen energischen Eruptionen. SPIRITS mag das suspekte Gießkannenprinzip zu verkörpern, aber eben auf solch einem hohen Level, dass man aufrichtig neu entflammt sein darf.

MATTIAS WECKMANN

OBSIDIUS

Iconic

Modern Metal4

SEASON OF MIST/SOULFOOD(10 Songs / VÖ: 28.10.)

Nachdem sich Linus Klausenitzer (Bass), Rafael Trujillo (Gitarre) und Sebastian Lanser (Schlagzeug) 2020 von ihrer Stammformation Obscura verabschiedeten, sollte mit Obsidius ein neuer Weg eingeschlagen werden. Wo einst Technical Death Metal gespielt wurde, steht nun Modern Metal auf dem Programm. Obschon sich die Band-Namen etwas nahekommen, ist musikalisch ein Unterschied zu hören – allein schon stimmlich. Für Growls und Gesang wurde Javi Perera (Juggernaut) ins Boot geholt. Dieser kann durchaus überzeugen. Seine Variabilität zeigt Perera insbesondere bei ‘I Am’, ‘Lake Of Afterlife’ oder der jüngsten Single-Auskopplung ‘Devotion’. Im Großen und Ganzen setzen Obsidius bei ihrem Debüt auf rasante Riffs und Drums. Hier und da wird mal ein wenig Tempo herausgenommen. In leicht höherer Konzentration könnte genau dieses Stilmittel das Hörerlebnis durchaus noch spannender gestalten. Das soll nicht heißen, dass ICONIC eine langweilige, gar schlechte Platte wäre, denn Handwerk und Wumms sind klar vorhanden. Nur bleibt leider nicht besonders viel hängen. Auch die Tatsache, dass schon im Vorfeld das halbe Album in Form von Singles (‘Devotion’, ‘Bound By Fire’, ‘Under The Black Skies’, ‘Sense Of Lust’, ‘Iconic’) veröffentlicht wurde, hinterlässt Fragezeichen. Lohnt sich die Investition in das Debütalbum von Obsidius überhaupt noch? Wem die bereits veröffentlichten Titel gefallen, wird sicher auch mit den übrigen fünf Songs etwas anfangen können.

HEIDI SKROBANSKI

OMOPHAGIA

Rebirth In Black

Death Metal6

UNIQUE LEADER/MEMBRAN(11 Songs / VÖ: erschienen)

Vor 15 Jahren gegründet, kehren die aus der Schweiz stammenden und um bassspielendes brasilianisches Feuer verstärkten Omophagia mit ihrem vierten Werk REBIRTH THE BLACK zurück. Schwarzsehen wird hier vor allem Kollege Sauermann, wenn er feststellen muss, dass die Jungs nicht nur seine geliebten Black Metal-Bands mit links an die Wand blasten, sondern auch mehr dunkle Atmosphäre in ihren Songs verbreiten als viele seiner seltsamen Favoriten. Das Ganze vermischen die „Omos“ mit einer technischen Brillanz, die vor allem davon lebt, dass die Band diese nicht mit großer „Poser-Mentalität“ nach außen trägt, sondern sie als natürlich wirkendes Element in ihren Sound integriert. Dabei ist die Truppe für eine „Tech-Band“ unglaublich aggressiv, was nicht zuletzt an Vokiller Beni Rahn liegt, der nicht eintönig growlt, sondern zwischen Hardcore-Shouting und Bree-Squeals der Benighted-Klasse variiert. Wie schon die Franzosen haben auch Omophagia wieder im Kohlekeller Studio aufgenommen – diesen unglaublich komplexen Sound gleichzeitig transparent aber auch wuchtig klingen zu lassen, ist schon eine Herausforderung für sich. Das produktionstechnische „Dilemma“, diesen ganzen Wahnsinn nachvollziehbar klingen zu lassen, lässt sich beim Titel-Track bemerken: Bei einem Break bei Minute 1:25 und 4:57 zündet ein kleiner Bassboost, den andere Bands dazu missbraucht hätten, einen ganzen Häuserblock einzureißen. Hier bleibt alles homogen, ebenso wie bei den vielen kleinen, Atmosphäre schaffenden Nebengeräuschen – sind das wirklich Hörner? Und, ja, bei ‘Redemption In Self-Destruction’ hat Niles Karl Sanders ein Gastsolo beigesteuert. Mit REBIRTH IN BLACK ist Omophagia das Kunststück gelungen, Kopfhörermusik für den Moshpit zu schreiben – den Ausrastrhythmus in ‘All For None’ hätten Hatebreed (langsamer gespielt) auch gerne gehabt. Pflichtprogramm für Ballerburg-Ästheten!

THOMAS STRATER

ORIANTHI

Rock Candy

Hard Rock 5

FRONTIERS/SOULFOOD(11 Songs / VÖ: erschienen)

Man kann nur erahnen, wie viele junge Musikerinnen vor Neid erblassen, wenn sie Orianthi Panagaris beim Musikmachen zuschauen. Die Australierin mit griechischen Vorfahren spielt nicht nur exzellent Gitarre und schreibt mehr als passable Songs, sondern hat auch eine kraftvolle Stimme. Manche Menschen sind eben vom Glück verfolgt. Aber: Orianthi hat viel dafür getan, dass sie heute eine der renommiertesten Gitarristinnen der Welt ist und sich Namen wie Michael Jackson, Prince, Eric Clapton, Steve Vai oder Alice Cooper ans Revers heften kann. Denn sie ist auch weiterhin enorm fleißig, präsentiert nur zwei Jahre nach dem letzten Soloalbum O (2020) ihr neuestes Werk ROCK CANDY und hat auch darauf einen Großteil der Instrumente eigenhändig gespielt. Zudem hat die 37-Jährige intensiv an ihren Gesangsfähigkeiten gearbeitet und sich damit zu einer wirklich kompletten Musikerin entwickelt. Davon profitiert auch ROCK CANDY unüberhörbar, zumal sich Orianthi – trotz ihrer eindrucksvollen handwerklichen Fähigkeiten – nicht zu einem reinen Technik-Showdown hat hinreißen lassen, sondern traditionelle Rock-Songs mit Herz und Hirn präsentiert, die leicht ins Ohr gehen und von starken Hooklines und eingängigen Refrains geprägt sind. Eindrucksvoll!

MATTHIAS MINEUR

O.R.K.

Screamnasium

Progressive Rock 5

KSCOPE/SNAPPER(10 Songs / VÖ: 21.10.)

Bei Fans von dynamischem, abwechslungsreichem und hochenergetischem Prog Rock sorgen diese Namen für genüssliches Zungenschnalzen: O.R.K. ist eine multilateral besetzte Supergroup um den ehemaligen Porcupine Tree-Bassisten Colin Edwin und den King Crimson-Schlagzeuger Pat Mastelotto, ergänzt um den hochdekorierten italienischen Sänger/Produzenten LEF aka Lorenzo Esposito Fornasari sowie den aus Bologna stammenden Gitarristen Carmelo Pipitone (Marta Sui Tubi). Das vierte Album SCREAMNASIUM des exzellenten Quartetts zeichnet sich vor allem durch große Emotionen und handwerkliche Entschlossenheit aus, will sagen: Wenn Frontmann LEF seine Stimmbänder dehnt und von großen Gefühlen und kleinen Abenteuern singt, halten seine drei Mitstreiter mit entsprechendem Instrumenteneinsatz gleichwertig dagegen. Und damit der Kohl richtig fett wird, haben O.R.K. in ‘Consequence’ auch noch Elisa als Gastsängerin an Bord geholt. Die bekannte Grammy-Gewinnerin hat insbesondere Tarantino-Fans durch ihre musikalische Kollaboration mit Ennio Morricone im Kinoknüller ‘Django Unchained’ begeistert. Macht summa summarum ein Album, bei dem es an nichts fehlt, was sich Prog-Fans wünschen, inklusive einiger wunderbar schräger Harmonien (‘Don’t Call Me A Joke’), ungewöhnlicher Solosequenzen (‘Someone Waits’) und rhythmischer Besonderheiten à la King’s X (‘Something Broke’).

MATTHIAS MINEUR

RHYTHM OF FEAR

Fatal Horizons

Thrash Metal4,5

MNRK/SPV(13 Songs / VÖ: erschienen)

Konnten Rhythm Of Fear mit ihrem Debüt MAZE OF CONFUSION noch als Crossover mit Thrash-Einflüssen kategorisiert werden, trifft nun nur noch die zweite Genre-Bezeichnung auf sie zu. Von dem Sound aus der Hardcore-Szene haben sie sich weitestgehend entfernt und besinnen sich jetzt auf schmissige Riffs und groovige Hymnen ähnlich denen von Megadeth. Die Sci-Fi-Thematiken verpacken sie dabei optisch wie akustisch, immer wieder gibt es kleine futuristische Instrumentalzwischenschübe wie ‘Disintegration Of Reality’, um die zehn Dauerprügeltitel (netto) etwas abzufedern. Jedoch kann man nur bedingt von einem Konzeptalbum sprechen, denn die tieferen Themen behandeln die menschliche Psyche, okkulte Magie und üben Gesellschaftskritik. Die Herren aus Florida bleiben dabei weitestgehend unterhaltsam und können hier und da für Überraschungen sorgen, wie etwa im Titel-Track mit einem Gitarrensolo in bester Power Metal-Manier. Stellenweise driften sie in epochale Sphären ab (das Ende von ‘Self Destructive Brain’), die ebenfalls etwas aus dem Thrash-Einerlei herausziehen können. Auch schön: ihre Synthie-Liebe mit großer Achtziger-Referenz zu Filmen wie ‘Hellraiser’ in ‘Dissolution Of Time In Space’. FATAL HORIZONS ist somit ein viel durchdachteres Werk als der Vorgänger; die fünf Jahre Wartezeit machen sich bemerkbar. Rhythm Of Fear sind vom Thrash-Olymp wegen mangelnden Erkennungsmerkmals zwar noch weit entfernt, können sich aber gegen andere Genre-Vertreter behaupten.

FLORIAN BLUMANN

RIOT CITY

Electric Elite

Heavy Metal5,5

NO REMORSE/MEMBRAN(8 Songs / VÖ: erschienen)

Riot City aus Kanada tauchten vor wenigen Jahren wie aus dem Nichts auf und begeisterten die traditionell ausgerichteten Fans mit ihrem Debüt BURN THE NIGHT. Nun folgt ELECTRIC ELITE, und es hat sich ein wenig etwas verändert. Als Lead-Sänger ist nicht länger Gitarrist Cale Savy zu hören, dieser möchte sich lieber auf sein Spiel konzentrieren. Mit Jordan Jacobs wurde ein Ersatz gefunden, der nicht nur eine Spur aggressiver klingt, sondern auch problemlos in die höchsten Höhen vordringt. Durchs Savys neu gewonnene Freiheit ist die musikalische Grundausrichtung eine Spur progressiver ausgefallen, basiert aber noch immer auf den besten Momenten der NWOBHM und einem ordentlichen Schuss Judas Priest. Dass bei solch einer Gemengelage nicht mehr viel schiefgehen kann, ist klar. Songs wie der Startschuss ‘Eye Of The Jaguar’, das hymnische ‘Ghost Of Reality’ oder das beherzt nach vorne stürmende ‘Paris Nights’ erfreuen stählerne wie angerostete Herzen und erinnern daran, warum Heavy Metal die geilste Musik der Welt ist und bleibt.

MARC HALUPCZOK

RIPPED TO SHREDS

劇變 (Jubian)

Death Metal 4

RELAPSE/RTD(8 Songs / VÖ: erschienen)

Ripped To Shreds-Chef Andrew Lee kocht auf dem dritten Album seiner Band weiterhin strikt nach Frühneunzigerrezept – mit vorwiegend schwedischen, längst abgelaufenen Zutaten und auf einem glühenden HM-2-Pedal als Herd. Dementsprechend bietet 劇變 (JUBIAN) nichts, das wir in sehr ähnlichen Formen nicht schon auf dem 2018 erschienenen Debüt 埋葬 (MAI-ZANG), dem 2020er-Nachfolger 亂 (LUAN) und generell in der riesigen Old School-Death Metal-Landschaft gehört haben: Ripped To Shreds lieben sägende Riffs, markante Soli, kehligen Kotzgesang sowie Laut-und-noch-lauter-Spiele zwischen Doom, D- und Blastbeats. Dabei zeigen Songs wie ‘Split Apart By Five Chariots’, ‘Harmonious Impiety’ oder das grindige ‘Reek Of Burning Freedom’, dass Aufgewärmtes nicht zwingend sauer schmecken muss. Allerdings tischt 劇變 (JUBIAN) zwischen diesen dynamischen Glanzlichtern auch einige Standardgänge auf. Wirklich mutig kommt lediglich ‘獨 孤九劍日月神教第三節(In Solitude)’ daher: Das dritte Kapitel der ‘Sun Moon Holy Cult’-Saga nimmt sich zehn Minuten Zeit für großzügige Schlenker in deathdoomige, thrashige und progressive Gefilde. Wenngleich nicht alle der vergleichsweise experimentell angeordneten Zahnräder ineinandergreifen wollen, entstehen zumindest interessante Bassläufe, Rhythmen und Strukturen, die bei effektiverer Anordnung zukünftig mehr eigene Impulse und Aha-Momente generieren könnten. Bis dahin bleibt bei Ripped To Shreds (bewusst) alles beim gaaanz Alten.

DOMINIK WINTER

SAHG

Born Demon

Doom Metal

DRAKKAR/SOULFOOD(10 Songs / VÖ: erschienen)

Sechs Jahre haben sich Sahg Zeit gelassen, den Nachfolger zu MEMENTO MORI aufzunehmen. Entsprechend wuchtig muss der Einstieg von BORN DEMON ausfallen – die Uptempo-Nummer mit Hymnencharakter ‘Fall Into The Fire’ macht einen exzellenten Job. ‘House Of Worship’ ist ähnlich treibend, während der Titel-Track im Wechsel mit schleppendem Doom-Riffing und lieblichen Klargitarrenläufen glänzt. Auch die restlichen Titel wie ‘Descendants Of The Devil’, ‘Evil Immortal’, ‘Salvation Damnation’ oder auch ‘Heksedans’ machen einen guten Spagat zwischen Eingängigkeit und Heaviness – der Sound von BORN DEMON lässt sich dabei vage als Mix von Danzig und Ghost umschreiben. Gelungenes Album, das live mindestens genauso viel Spaß machen dürfte wie auf Platte!

KONSTANTIN MICHAELY

SPELL

Tragic Magic

Heavy Metal 4

BAD OMEN/SOULFOOD(10 Songs / VÖ: 28.10.)

Spell sind so eine Band, die man im Grunde um jeden Preis gut finden will. Schweinecooler, weil extrem naheliegender Band-Name, hübsches Artwork und hoffnungslos veralteter Musikgeschmack: Die Kanadier tun recht überzeugend so, als hätten sie nach Blue Öyster Cult und ein paar sehr frühen NWOBHM-Scheiben bewusst aufgehört, Musik zu hören. TRAGIC MAGIC hat daher alles, was man sich von einer Proto Metal-Platte aus den frühen Achtzigern wünscht. Nur irgendwie fehlt doch was. Vielleicht, weil Spell versuchen, fabulierende Melodien wie Ghost zu schreiben und das einfach nicht schaffen. Oder weil die Produktion dann doch einen Tick zu saftlos ist. Könnte auch am Gesang liegen, der mal wie bei einer Grunge-Band klingt, mal sakral tönt und mal in den Höhen an Kraft verliert. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, Spell hätten gleich drei Sänger. Stimmt auch fast: Die fatalistischen Anachronisten sind zu zweit, und beide singen sie. Extrem sympathische Band, cooles Feeling, beneidenswerte Hingabe ... Aber eben nicht richtig zündende Songs. Dennoch gibt’s einen Extrapunkt: für pure Chuzpe.

BJÖRN SPRINGORUM

STORMRULER

Sacred Rites & Black Magick

Black Metal 5

NAPALM/UNIVERSAL(20 Songs / VÖ: erschienen)

Nach dem erfolgreichen 2021er-Kaltstart UNDER THE BURNING ECLIPSE schmieden Stormruler ihr heißes Eisen ohne Atempause weiter. Sänger/Gitarrist/Bassist Jason Asberry und Schlagzeuger/Sänger Jesse Schobel erzählen ihre finsteren Geschichten auf SACRED RITES & BLACK MAGICK mit reichlich instrumentalen Zwischenstücken abermals wie einen Spielfilm. Hinzu kommt eine Produktion, die Trveheimern zu sauber erscheinen mag, aber Stormrulers viele Facetten transparent abbildet. Denn obwohl das Black Metal-Duo aus Missouri seine Wut ungezügelt herausschreit und -prügelt, sind es vor allem die Kontraste, die SACRED RITES & BLACK MAGICK die titelgebende Magie verleihen. So schafft ‘Internal Fulmination Of The Grand Deceivers’ einen Spagat zwischen Raserei, Erinnerungen an die Titelmelodie des 1987er-Filmmeilensteins ‘RoboCop’ und (Heavy Metal-)Epik, während sich ‘To Bear The Twin Faces Of The Dragon’ treibend-majestätisch gebärdet oder ‘Entranced Within The Moon Presence’ Aggressionen folkig verpackt. Obwohl SACRED RITES & BLACK MAGICK als Reise durch den europäischen (Neunziger-)Schwarzstahl prima funktioniert, können Stormruler die Mankos ihres Debüts aber noch nicht gänzlich ausradieren: Ihren oft gleichförmigen Kompositionen fehlt es weiterhin an markanten, individuell herausragenden i-Tüpfelchen für die Ewigkeit, um den Band-Namen in einem Atemzug mit eindeutigen Idolen wie Dissection, Naglfar oder Bathory nennen zu können. Mit weiteren Schichten im Schmiedebetrieb könnte sich das aber durchaus ändern ...

DOMINIK WINTER

STRYPER

The Final Battle

White Metal 4

FRONTIERS/SOULFOOD(11 Songs / VÖ: 21.10.)

Zählte das letzte Stryper-Werk EVEN THE DEVIL BELIEVES zu den Überraschungsalben 2020, verhält es sich mit der 19. Studioscheibe der gläubigen Metaller leider nicht ganz so eindeutig. Lobsam bleibt, dass das Quartett aus dem kalifornischen Orange County auf seine alten Tage eine klare klassische metallische Kante aufzufahren versteht, die durchaus Parallelen zu Dios Glanztaten sowohl mit Black Sabbath als auch solo aufweist und was durchaus als Kompliment an Sänger/ Gitarrist Michael Sweet zu verstehen ist. Davon zeugen unter anderem der Opener ‘Transgressor’, das zentrale wie epische ‘Rise To The Call’ und das Finale ‘Ashes To Ashes’ (kein Bowie-Cover), die Stryper durchaus als veritable Heavy Metal-Hohepriester qualifizieren. Allerdings finden sich auf THE FINAL BATTLE auch etliche Stücke, die entweder nicht die kompositorische Klasse erwähnter Glanztaten besitzen oder zu sehr versuchen, auch der Streifenspandexfraktion unter den Stryper-Fans mit melodischen Hard Rock-Bestrebungen Honig ums Maul zu schmieren (‘Heart & Soul’, ‘Near’). Das Resultat ist ein unausgewogenes Gesamtbild, wobei die erschreckend schwachbrüstige Produktion ihr Übriges dazu tut, um bei THE FINAL BATTLE nicht in unerwartete Begeisterungsstürme zu verfallen. Gleich mit Bibeln bewerfen muss man die Band deswegen aber auch nicht.

FRANK THIESSIES

TALCO

Videogame

Punk Rock4,5

HFMN CREW/CARGO(13 Songs / VÖ: erschienen)

Italienische Metal-Bands gibt es wie Sand am Mittelmeer, und so sind ebensolche auch regelmäßig hier vertreten. Geht es hingegen um italienischsprachige (Ska-)Punk-Bands mit Bläsern, Folklore-Elementen und Latino-Einflüssen sowie einer ehrfürchtigen Hochachtung vor jenem impressiven Stilgemisch, welches die Franzosen Mano Negra unter der Ägide von Sänger Manu Chao auf ihrem 1988er-Debüt als PATCHANKA definierten, wird es schon dünner. Talco aus Venedig sind solch eine Ausnahme-Band. Die seit Anfang des Jahrtausends aktive Truppe hat seitdem etliche Alben veröffentlicht und mit dem Song ‘St. Pauli’ sogar ein Lied im Programm, das deutschen Fußball-Fans ein Begriff sein dürfte. Mit hoher rhythmischer Schlagzahl (die damals für eine Session ‘Decathlon’ durchaus motivierend gewesen wäre) und eingängigen Pit-Stimmungsmachern (die über einen Italienisch-Abendkurs-Song mit den Toten Hosen hinausgehen) ist VIDEOGAME keinesfalls ein kreatives Groschengrab, sondern sprudelt vor Spielfreude und bunten Song-Ideen nur so über. Schade nur, dass Nichtmuttersprachler die gesellschaftskritischen, antifaschistischen, ambitionierten textlichen Aussagen der Band kaum verstehen dürften.

FRANK THIESSIES

SERAINA TELLI

Simple Talk

Rock4,5

METALVILLE/RTD(12 Songs / VÖ: 21.10.)

Die Schweizerin Seraina Telli spielt mit Farben und künstlerischen Kontrapunkten: ihre Gitarre in knalligem Lila, ihre Haare von ozeanblau bis ins Grünliche changierend, dazu eine stylische Sonnenbrille und Kleidung. Doch die wichtigsten Stärken der ehemaligen Frontfrau der Metal-Formation Burning Witches sind andere: Seraina Telli hat eine Stimme, die ein wenig an Melissa Etheridge erinnert und den Rock-Gedanken in jeder gesungenen Note transportiert. Auch stilistisch gibt es gewisse Ähnlichkeiten zu Etheridge, denn Tellis Songs sind hart, aber nicht metallisch, druckvoll, aber nicht krachend, abwechslungsreich, aber dennoch fast wie aus einem Guss. Woran also könnte es für eine Welt-Karriere (noch) fehlen? Allenfalls am mangelnden Hit-Potenzial ihrer Stücke, denn in seiner Gesamtheit ist SIMPLE TALK rundum gelungen, doch im Detail fehlt möglicherweise der ganz große Ohrwurm.

MATTHIAS MINEUR

THEM

Fear City

Power Metal3

STEAMHAMMER/SPV(14 Songs / VÖ: 28.10.)

Man kennt es schon von großen Kino-Franchises: Die Geschichten werden weitererzählt, selbst wenn es gar nichts mehr zu erzählen gibt. Die multinationale Metal-Formation Them tut es ihnen mit ihrer Geschichte um KK Fossor (ebenfalls der Name des Sängers, der den Charakter auf der Bühne spielt), der auf Hexenjägerjagd allerhand gruselige Abenteuer erlebt, gleich. Denn eigentlich war die Story nach drei Alben fertig erzählt, aber nun kommt mit FEAR CITY ein weiteres Sequel – diesmal allerdings nicht im 19. Jahrhundert angesiedelt, sondern im verdreckten Moloch, wie es New York in den Achtzigern einer war. Musikalisch entfernen sie sich auf diesem Werk noch weiter von ihren ursprünglichen King Diamond-Tribute-Wurzeln und orientieren sich eher an europäischem, leicht progressivem Power Metal-Sound. Wobei sie es dabei nicht belassen: ‘Graffiti Park’ ist zum Beispiel eine Kreuzung aus Doom Metal und Dudel-Keyboard, ‘The Deconsecrated House Of Sin’ überrascht den Hörer mit einem astreinen Black Metal-Riff, und Thrash Metal-Flirts sind ebenfalls über das ganze Album verteilt. Diese Abwechslung rettet das Album – denn leider ist der Großteil einfach nicht besonders überzeugend. Die Melodien säuseln ins Nichts, weshalb sie kaum hängenbleiben. Darüber hinaus ist auch der Gesang ohne das Falsett etwas öde.

SIMON LUDWIG

THERION

Leviathan II

Symphonic Metal3,5

NUCLEAR BLAST/RTD(11 Songs / VÖ: 28.10.)

Therion hatten schon immer ein Händchen dafür, im schönen Wechsel mit dem einen Album zu begeistern, und mit dem nächsten vor den Kopf zu stoßen. Letzteres gelingt ihnen mit LEVIATHAN II erneut, obwohl es das Konzept seines Vorgängers fortsetzen soll: den Fans nach 35 Band-Jahren das zu geben, was sie sich wünschen. Fiel das Ergebnis dieses hehren Ziels 2021 noch beschwingt, belebt und mitreißend aus, wirkt Teil zwei an vielen Stellen uninspiriert, zielund sogar seelenlos – obwohl alle Markenzeichen von Christofer Johnssons freigeistigem Symphonic Metal-Projekt vorhanden und gewohnt hochklassig umgesetzt sind. ‘Litany Of The Fallen’ entfaltet in seinen besten Momenten gar Nightwish-Zauber und überrascht mit Hammondorgel-Klängen; ‘Alchemy Of The Fallen’ und ‘Cavern Cold As Ice’ erinnern an Gothic Metal der Neunziger, und ‘Pazuzu’ (mit Eclipse-Sänger Erik Mårtensson) verbindet den düsteren Pomp mit hitzigem AOR (erst recht in der alternativen Bonustrack-Version). Doch bleibt LEVIATHAN II zu oft blass und hüftsteif. Eine Trilogie soll es werden, heißt es. Nach der gewohnten Therion-Formel dürfte der Abschluss großartig werden.

SEBASTIAN KESSLER

DEVIN TOWNSEND

Lightwork

Progressive Rock5,5

INSIDEOUT/SONY(10 Songs / VÖ: 21.10.)

Devin Townsend hat sich gefunden. Der Prozess, der sich bereits auf dem enorm bunten EMPATH (2019) bemerkbar machte, kommt mit LIGHTWORK zu seinem (vorläufigen) Abschluss. Das Album ruht, wie der Künstler, in sich, klingt selbstzufrieden, hoffnungsfroh und im besten Sinne poppig: Die zumeist rund fünfminütigen Songs zeichnen sich aus durch weite wie tiefe Sound-Landschaften, warme synthetische wie handgemachte Klänge und Townsends Gesang zwischen verträumtem Säuseln, herzlichem Klargesang, und – selten – erregtem Brüllen. Produzent Garth „GGGarth“ Richardson half dem überbordend kreativen Geist hörbar, seine Ideen in nachvollziehbare Bahnen zu lenken; trotz dessen ist LIGHTWORK meilenweit von einem leicht wegzuhörenden Pop-Album entfernt. Der Quasi-Titel-Song ‘Lightworker’ gibt sich mal symphonischerhaben, mal märchenhaft-verspielt, ‘Heartbreaker’ wühlt mit verqueren Rhythmus- und Stimmungswechseln auf, ‘Heavy Burden’ steigert sich vom sachten Ambient-Experiment zum choralen Stampfer, und mit ‘Dimensions’ und ‘Celestial Signals’ begibt sich Devin Townsend in psychedelische Sphären. Dass der nostalgische Dreiminüter ‘Vacation’ genauso für Gänsehaut sorgt wie der ausleitende und -ladende Zehnminüter ‘Children Of God’, sagt viel über die Bandbreite, Kunstfertigkeit und Intensität des Albums aus. Auch in oberflächlich ruhigeren Fahrwassern entfacht Devin Townsend Sog und Wirbel.

SEBASTIAN KESSLER

JOE LYNN TURNER

Belly Of The Beast

Hard Rock5

MASCOT/RTD(11 Songs / VÖ: 28.10.)

Joe Lynn Turner hat eine beachtliche Vita vorzuweisen. Er war als Background-Sänger für Don Johnson, Cher und Billy Joel tätig, hat das Mikro bei Rainbow, Yngwie Malmsteen und Deep Purple geführt und kann auf Band-Albumveröffentlichungen im zweistelligen Bereich sowie ein Dutzend Soloscheiben zurückblicken. Sein jüngstes Werk ist indes sein vielleicht ungewöhnlichstes. Hatte sich Turner in der Vergangenheit oftmals ausgemachte Melodiker wie Desmond Child, Jack Ponti oder Jim Peterik als Kollaborateure ausgesucht, entstand BELLY OF THE BEAST im Verbund mit Songwriting-Partner und Produzent Peter Tägtgren (Hypocrisy, Pain), den er 2017 bei der Geburtstags-Party seines Bruders kennengelernt hatte. Tägtgrens immanente Düsternis und sein in Pain ausgelebtes Faible für Synthie-sinfonische schwarze Dark Metal-Magie steht Turners weiterhin hochpotentem Hard Rock-Heldengesang auf diesen elf zeitlosen wie sinister-hymnischen Songs jedenfalls ausgezeichnet zu Gesicht. Dazu findet die musikalische Neuinszenierung in einem ebenso konsequenten Ästhetikkonzept, welches vom alchemistisch-archaischen Album-Artwork bis hin zu Turners neuem, die ewige Perücke an den Nagel hängenden Anton LaVey-Gedächtnis-Look reicht, ihre adäquate Umsetzung. Ein starkes wie stimmiges, zwei vermeintlich unterschiedliche Welten vereinendes Album, welches nebenbei offenbart, wer bei dem (zum Glück) recht kurzlebigen Tägtgren-Projekt Lindemann musikalisch das schwache Glied in der Kreativkette war.

FRANK THIESSIES

UGLY KID JOE

Rad Wings Of Destiny

Hard Rock4,5

METALVILLE/RTD(10 Songs / VÖ: 21.10.)

Ihr Faible für humorvolle Albumtitel behalten Ugly Kid Joe ebenso bei wie das schrullige Neunziger-Skateboard-Flair ihrer Cover. Ewig junggeblieben? Ja, aber eben auch fest verwurzelt in der Classic Rock-Historie. Wer geglaubt hat, dass die Band um Frontmann Whitfield Crane und Gitarrist Klaus Eichstadt anlässlich des 30. Jubiläums des Multiplatindebüts AMERICA’S LEAST WANTED (1992) und der Rekrutierung des damaligen Produzenten Mark Dodson zu abgerissenen Shorts, Surfer- und juveniler Punk-Attitüde zurückkehrt, wird überrascht sein. Beim Opener ‘That Ain’t Livin’ glaubt man, einem neuen AC/DC-Song zu lauschen (‘Dead Friends Play’ zielt später in eine ähnlich rudimentäre Richtung). Sehr lässig. Allgemein betonen die Kalifornier ihre klassischen Rock-Wurzeln merklich auf dem ersten Album seit sieben Jahren (UGLIER THAN THEY USED TA BE erschien 2015). Joan Jett, Aerosmith, Lynyrd Skynyrd – das Cover von ‘Lola’ (The Kinks) passt da perfekt ins Bild. Mit ‘Up In The City’ präsentiert man zudem noch einen Song, den die Red Hot Chili Peppers nie eingespielt haben. RAD WINGS OF DESTINY ist ein sehr cooles Rock-Album, mit dem sich Ugly Kid Joe ernsthafter positionieren. Cool gemacht, aber es fehlt der kecke Ansatz von früher.

MATTHIAS WECKMANN

VORBID

A Swan By The Edge Of Mandala

Thrash Metal2,5

INDIE/SOULFOOD(8 Songs / VÖ: erschienen)

Wahrscheinlich würde man in einem betrieblichen Zeugnis schreiben: Vorbid waren stets ambitioniert. Dahinter verbirgt sich meist ein kleiner Euphemismus. Auch bei den Norwegern: Auf A SWAN BY THE EDGE OF MANDALA kleiden Vorbid hochtrabende, arg verkünstelte Philosophie in komplexen, sperrigen, progressiven Thrash Metal. Der ist gut gemeint und durchaus auch gut durchdacht; ein Funke will aber nur selten überspringen. Krude Arrangements changieren zwischen abgehackter Rhythmik, Synkopen, klassisch-melodischen Heavy Metal-Soli, komplexen Riffs und zweistimmigem Gesang. Das schwarzmetallische Gekrächze geht in Ordnung und erinnert bisweilen an Borknagar, der klare Gesang jault aber in Frequenzen, die manchmal für das menschliche Ohr besser unhörbar geblieben wären. Vielleicht hätte man sich weniger von Exzentrikern wie Solefald abschauen sollen und wäre lieber beim ruppig-charmanten Old School-Thrash des Vorgängers MIND geblieben.

BJÖRN SPRINGORUM

WE CAME AS ROMANS

Darkbloom

Metalcore5,5

SHARPTONE/RTD(10 Songs / VÖ: 14.10.)

Nach dem tragischen Tod ihres Sängers Kyle Pavone 2018 melden sich We Came As Romans nun zum ersten Mal mit neuer Musik zurück. Ihr sechstes Album DARKBLOOM widmeten sie nicht nur ihrem verstorbenen Freund, es zittert auch durchweg vor dem Frust, den nur Trauernde so empfinden können. Mit dem Opener ‘Darkbloom’ machen die Drums bereits klar, wer hier den Ton angibt. Einfach gehaltene, wirksame Riffs werden zur Hook gepeitscht, die nicht ohne Chöre auskommen will. Im folgenden ‘Plagued’ pflügen dreckige Synthesizer über brutalen Riff-Boden. Als Kontrast dient eine schwungvoll gesungene Linkin Park-Strophe, die an einem schreigesungenen While She Sleeps-Refrain abprallt. Sowieso orientieren sich die eingestreuten elektronischen Spielereien gerne und immer wieder an Linkin Parks Erbe. So darf auch das luftige ‘Black Hole’ den Nu Metal-Vibe nicht nur in den Synths, sondern auch der poppigen Song-Struktur fühlen. Als übergroßes i-Tüpfelchen schürft Beartooths Caleb Shomo noch seinen Schlund aus. Gut gewählt, stark inszeniert. In ‘Daggers’ überrascht ein Rap-Part von Zero 9:36, der erschreckend wie Eminem klingt. „Energiegeladen“ ist das Wort für DARKBLOOM. Das grantige Ungeheuer ‘Doublespeak’ macht dies überdeutlich, vollgepumpt mit Synthies auf Steroiden. Im mächtigen Klangkorsett bleibt aber ein Spalt offen, der ihre Narben zur Schau stellt. So heißt es in ‘Plagued’: „I can’t escape this hell that I live in“. Klar spenden sich We Came As Romans mit DARKBLOOM selbst Trost. Deshalb trieft das Werk vor Herzblut, darum singen sie „Every day is a new day“ in ‘Holding The Embers’, und darum machen sie weiter als Band. Ein Glück!

VINCENT GRUNDKE

XENTRIX

Seven Words

Thrash Metal4

LISTENABLE/SOULFOOD(11 Songs / VÖ: 4.11.)

Nachdem die Thrasher Xentrix 1996 ihre vierte Scheibe SCOURGE veröffentlichten, verschwanden sie 23 Jahre lang von der Bildfläche – von ein paar Konzerten im Jahr 2006 abgesehen. Seit BURY THE PAIN (2019) haben sie die internen Reformationen anscheinend begraben und erfreuen sich am neuen Bassisten Chris Shires und dem frischen Sänger Jay Walsh. Letzterer kann sich dem Sound von Xentrix gut anpassen, während die Gründungsmitglieder Gitarrist Kristian „Stan“ Havard und Drummer Dennis Gasser verlässlich abliefern. Also ein rundum gelungener Thrasher? Nur bedingt: Man sollte auf den Sound modernen Thrashs stehen, denn der neue Fronter klingt stellenweise nach dem James Hetfield der letzten Metallica-Platten oder den Aggro-Ansagen von Exodus – ohne deren schnelle Brutalität mitzunehmen. Old School-Thrasher und Freunde der ersten beiden Xentrix-Werke werden sie damit eventuell etwas verschrecken. Alle Anhänger von krachigem Midtempo-Gekloppe kann man damit aber solide unterhalten. Meist setzen die Briten dabei mehr auf entschleunigte, dafür wütende Stampfer (besonders in ‘Spit Coin’ und ‘Everybody Loves You When You’re Dead’) als auf hektische Rhythmen. So bleibt ihr sechstes Album ein erfreuliches Lebenszeichen für all jene, denen die anderen Herren älterer Semester etwas zu wild sind.

FLORIAN BLUMANN