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REVIEWS


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 16.11.2022

-(16)-

Into Dust

Sludge 5,5

RELAPSE/MEMBRAN (12 Songs / VÖ: 18.11.)

Artikelbild für den Artikel "REVIEWS" aus der Ausgabe 12/2022 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 12/2022

Die kalifornischen Sludge-Routiniers feiern dieses Jahr ihr 30. Band-Jubiläum. Glückwunsch! Wer so lange im Geschäft ist, weiß natürlich, wie die dröhnenden Gitarren zu dröhnen haben. So bleiben -(16)- auf ihrem mittlerweile neunten Studioopus eine angenehme Ausnahmeerscheinung im Genre. Der Album-Opener ‘Misfortune Teller’ mag noch Standard-Sludge der gehobenen Sorte mit Growl-Gesang sein, doch schon in ‘Dead Eyes’ setzt es herrliche Melodien. Des Weiteren überrascht ‘Scrape The Rocks’ mit Old School-Silverchair-Reminiszenzen in der Strophe, und ‘Dressed Up To Get Messed Up’ geht sogar als ausgemachter Metal-Hit durch. Die beiden Gitarristen Bobby Ferry und Alex Shuster können für diesen Musikstil fast schon zu viel auf ihren Sechssaitern – sogar Twin Leads gehen hier und da. Für den Schluss von INTO DUST haben sich -(16)- ein ...

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... Highlight aufgehoben: ‘Born On A Bar Stool’ täuscht zunächst mit Smooth Jazz-Anleihen inklusive Saxofon an, bevor das Quartett mit einem gepflegten Brett das Klangspektrum wieder zurechtrückt.

LOTHAR GERBER

96 BITTER BEINGS

Synergy Restored

Alternative Rock

NUCLEAR BLAST/RTD (11 Songs / VÖ: erschienen)

2,5

Man muss schon Teil der Generation kurz nach der Jahrtausendwende gewesen sein, um mit Namen wie ‘Jackass’, der Band CKY oder Jess Margera (CKY-Schlagzeuger und Bruder von Fernseh-Star Bam) etwas anfangen zu können. Bei 96 Bitter Beings handelt es sich jedenfalls um die neue Gruppe, die CKY-Sänger, -Gründer und -Gitarrist Deron Miller fünf Jahre nach der Trennung von seiner Stamm-Band 2011 ins Leben gerufen hat. Nach dem 2018 via Crowdfunding finanziertem DIY-Debüt geht mit neuem Plattenvertrag und SYNERGY RESTORED nun der zweite, breitenwirksamer orientierte Albumanlauf vom Stapel. Musikalisch ist das erwartungsgemäß Ami-Rock-Radioambitionierte Material im Fahrwasser von Post Grunge und Alternative Metal angesiedelt und überrascht – als einziger Sympathiepunkt – mit gelegentlichem Dark Wave-Einfluss, der dann aber wiederum gar nicht zum restlichen Skate-Fun-Verständnis-Rock passt. So kann man sich beim Hauptgitarrenmotiv von ‘Wish Me Dead’ den Vergleich nicht verkneifen, besagtes Riff klinge so, als hätten sich The Cure über Bloodhound Gangs ‘The Bad Touch’ hergemacht – allerdings nicht, ohne zuvor Danko Jones um etwas Phrasierungs-Input gebeten zu haben. Gesichts- und identitätsloser Alternative Rock für ewige Baggy-Pants-Träger mit Gatorate-Spender im Fitnesskeller und Puddle Of Mudd sowie der kompletten Drowning Pool-Diskografie auf der Workout-Playlist. Bitter.

FRANK THIESSIES

LEE AARON

Elevate

Rock

METALVILLE/RTD (10 Songs / VÖ: 25.11.)

4

So sehr sich ihre Fans auch darüber gefreut haben, dass die Kanadierin wieder der Stromgitarrenmusik frönt, muss man auch konstatieren, dass die einstige Metal Queen (so der Titel von Aarons berühmtestem Album aus dem Jahr 1984) im neuen Jahrtausend nicht mal mehr Hard Rock, sondern lediglich Pop Rock macht. Nahtlos knüpft ELEVATE an den Vorgänger RADIO ON! an und darf sich auch dessen Kritikpunkte gefallen lassen: Extrem handzahm arrangiert fragt man sich abermals, wer dieser allzu gefällig vor sich hinschaukelnden Produktion die Parkkralle angelegt hat und vor allem: warum. Während Aaron stimmlich alles gibt, um die zum Glück abwechslungsreichen und diesmal auch deutlich Hit-orientierteren Songs mit Leben zu füllen (in ‘Red Dress’ begibt sie sich gar in den Angelika Milster-Musical-Modus), spielt die Band auf, als befände sie sich auf dem Jahresball der Barbiturate-Branche. Hätte man wenigstens konsequent den Bubblegum-Pop-Blondie-Faktor von ‘Highway Romeo’ bei den anderen Stücken hochgeschraubt, müssten sich Aaron-Anhänger nicht mit der Feststellung herumärgern, dass selbst Cher Ende der Achtziger härter gerockt hat. Verschenktes Potenzial.

FRANK THIESSIES

AURORA BOREALIS

Prophecy Is The Mold In Which History Is Poured

Death Metal

HAMMERHEART/SPV (11 Songs / VÖ: erschienen)

3

Seit 1994 mit beiden Beinen im Untergrund – Aurora Borealis-Chef Ron Vento gebührt Respekt für sein Durchhaltevermögen. Die Antwort auf die Frage, ob er nie die nächste Karrierestufe erklimmen wollte oder konnte, wird der Sänger und Multiinstrumentalist wohl mit ins Grab nehmen. Fest steht: PROPHECY IS THE MOLD IN WHICH HISTORY IS POURED fällt so kompromisslos, sperrig und ... unspektakulär aus wie die sieben Vorgänger, die Aurora Borealis fernab großer Aufmerksamkeit veröffentlicht haben. Auf dem Programm steht typischer US-Death Metal mit schwarzen Stahlspitzen: Die Band aus Maryland vertraut weniger auf Melodien, dafür umso mehr auf Aggressionen und technisches Können. Wenn Vento den Grunzteufel gibt und mit seinen Kollegen Malevolent Creation, Angelcorpse, Morbid Angel, Death oder Sadist huldigt, kreist der Holzhammer permanent. Jene brachiale Therapie verlangt auch der Hörerschaft eine ordentliche Portion des eingangs erwähnten Durchhaltewillens ab. Hier ein paar fast folkige Verzierungen unter den Blastbeats versteckt (‘Ephemeral Rise’), dort eine hymnische Prise Carcass (‘Khafres Mark’), da erhabene Black Metal-Anker (‘The House Of Nimrod’) – wirklich variabel oder memorabel geht anders. Aurora Borealis’ überschaubare Anhängerschaft dürfte es freuen, ein Popularitätsschub weiterhin ausbleiben.

DOMINIK WINTER

BLACK LAVA

Soul Furnace

Death Metal

SEASON OF MIST/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 25.11.)

5

Australien ist weiterhin ein Schmelztiegel für extreme Musik. Während der Großteil der Metal hörenden Bevölkerung sicher zunächst an Parkway Drive und die Freuden des Surfens in Byron Bay denken mag, hat der fünfte Kontinent auch eine lange Tradition für brutale Eruptionen, von asozial räudigem War Metal bis hin zu progressiv vertracktem Death Metal. Als „weder noch“ lassen sich Black Lava einordnen, die sich von altem Death- und Black Metal inspiriert und als begeisterte und begeisternde Grenzgänger durchgehen. Das liegt vor allem daran, dass sie sich nicht davor scheuen, das Beste aus beiden Welten zu vereinen: Die von Kurt Ballou und Adam Douches klanglich veredelte Produktion ist wuchtig und austariert, und das Songwriting des Quartetts mit Querverweisen zu Vipassi, A Million Dead Birds Laughing und Ne Obliviscaris äußerst abwechslungsreich. Mitunter groovige Death Metal-Parts wechseln sich mit sirrenden Black Metal-Läufen ab, und beim Riffing traut sich die Band, untypische S(a/)eiten anzuschlagen. Was beides stilvoll vereint, ist der Fokus auf Atmosphäre (passend dazu das Cover-Gemälde von Paolo Girardi), was den Songs auf SOUL FURNACE eine sowohl aggressive als auch verträumt-bedrohliche Ausstrahlung verschafft. Wer die ein oder andere ähnlich gelagerte Truppe musikalisch interessant, jedoch insgesamt zu theatralisch-dissonant findet, könnte mit Black Lava ein neues Highlight finden. Gelungenes Debüt!

THOMAS STRATER

BLACK MIRRORS

Tomorrow Will Be Without Us

Alternative Rock

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Die Damen und Herren aus Brüssel zeichnen auf ihrem zweiten Album TOMORROW WILL BE WITHOUT US trotz unterhaltsamem Rock für schnelle Autofahrten in der Wüste ein finsteres und wahrscheinlich relativ realistisches Bild von morgen. Wie im Albumtitel erkenntlich, steht es laut Black Mirrors nicht allzu gut für die Menschheit. Auch wenn die Belgier angeben, Grunge zu spielen, erwartet die Hörer eher sanfter Blues beziehungsweise Garage Rock. Gelegentlich gibt es Anleihen an das Sludge-Genre: Passend zum Song-Titel ‘Lost In Desert’ bieten Black Mirrors Stoner-Riffs mit Fuzz-Verzerrung, ähnlich denen von Queens Of The Stone Age. Wenn nach den ersten vier Stücken das Muster aus ihren radiotauglichen und leider auch etwas austauschbaren Songs zu eintönig wird, kriegen sie mit ‘Ode To My Unborn Child’ die Country-Kurve; den Wüstenstaub kann man förmlich schmecken. Und so ist es nicht verwunderlich, dass dieser aus dem Konstrukt ausbrechende Titel auch der stärkste ist. Das Talent von Sängerin Marcella Di Troia liegt mehr im Erzählen düsterer Geschichten als dem Einheitsbrei aus Alternative Rock. Black Mirrors spielen auch auf ihrem Zweitling einen speziell für Genrefans allzu bekannten Stil, dafür aber auf hohem Niveau und mit Potenzial für ihre Zukunft.

FLORIAN BLUMANN

BLACKRAIN

Untamed

Sleaze Rock

STEAMHAMMER/SPV (12 Songs / VÖ: 25.11.)

4

Die Aussage von Blackrain bezüglich der Entwicklung ihres Sounds – dass es ein bisschen dauern kann, bis es richtig gut wird – lässt sich ebenfalls über ihr neuestes Album treffen. Die französischen Sleazer meinen, dass sie nach sechs Alben nun endlich den Klang gefunden haben, den sie schon immer haben wollten (was eventuell etwas mit Hannes Braun zu tun hat – die Kissin’ Dynamite-Goldkehle fungierte für UNTAMED als Produzent). Allerdings braucht die Platte eine ganze Weile, bis sie wirklich zündet. Der Titel-Song ‘Untamed’ ist noch – ganz im Gegensatz zu seinem Namen – sehr verhalten und irgendwie austauschbar. Swan Hellion (ein Künstlername, wie man ihn nicht mal seinem ärgsten Feind wünschen würde) säuselt ausgekaute Melodien vor sich hin, die Gitarre scheint etwas müde zu sein, und auch die sonst so knackige Trommelarbeit ist noch im Winterschlaf. In diesem Stil geht es vorerst weiter. Wilder wird es erst ab der Hälfte des Drehers mit ‘Demon’: Hier scheint die Band endlich wachgerüttelt zu sein und hat hörbar Spaß mit ihrem Pretty Boy Floyd-Gedächtnis-Rock. Hintergrundchor, Hooks, die hängenbleiben und die unverkennbare leichtlebige Klebrigkeit der späten Achtziger sorgen auch beim Hörer für erhöhte Munterkeit. Diese wird mit dem darauffolgenden Highlight ‘Summer Jesus’ sogar noch übertroffen. Die Band wird mit dem leichten Folk-Kick experimentierfreudig, was dem Album nach dem schwachen Start guttut. UNTAMED ist zwar nichts, das lange hängenbleibt – aber ein, zwei Drehungen kann man dieser Scheibe durchaus gönnen.

SIMON LUDWIG

BONECARVER

Carnage Funeral

Death Metal

UNIQUE LEADER/MEMBRAN (9 Songs / VÖ: erschienen)

5

Eigentlich will ein nach ‘Der Herr der Ringe’-Soundtrack anmutender Opener wie ‘Carnage Funeral’ nicht recht zu einer Brutal Death Metal-Band passen. Bonecarver machen aber das scheinbar Unmögliche möglich und legen unter den erhobenen Hauptes stolzierenden Sound hochfrequent rat-ternde Blastbeats und monströse Keiforgien. Dass Bonecarver auch „klassisch“ können, beweisen sie auf CARNAGE FUNERAL ebenfalls. Mit ‘Ancient Atrocity’ fahren die Spanier ihre orchestrale Großspurigkeit zugunsten böse fauchender Gitarren zurück, in ‘The Reckoning’ vermengt sich schwarzmetallisches Krächzen mit sanftmütigen Elfengesängen, und ‘Thorned’ driftet in fast schon Grindcoreartige Wildheit ab. Bonecarver balancieren auf dem Drahtseil stählerner Brutalität. Sie stürzen sich achtlos auf jedes erdenkliche Extrem, um ihrer Haudraufmentalität noch eine Portion mehr Wumms zu verleihen – oder eben wahlweise fein nuanciertes Pathos. CARNAGE FUNERAL ist ein krachendes Fest von ungezügeltem Geschwindigkeits- und Brutalorausch. Kurz gesagt: Ein bisschen Summoning und mindestens ebenso viel Lorna Shore. Bonecarver knüppeln die Sinfonie der harten Klänge zusammen – und diese funktioniert trotz der ungewohnten Kombination aus pathetischer Orchestrierung und unbändiger Rohheit erstaunlich gut.

TOM LUBOWSKI

BORDERS

Bloom Season

Metalcore

ARISING EMPIRE/EDEL (10 Songs / VÖ: 18.11.)

4

Natürlich ist der Name Borders nur eine Farce – die falsche Flagge, unter der die britische Bande ihren Crossover-Metalcore führt. Auf ihrem Zweitling BLOOM SEASON erinnert durchstehender UK-Rap sowie eingestreutes Synthesizer-Flimmern an ihre Landsmänner Enter Shikari oder Hacktivist. Doch Borders schnörkeln sich einen eigenwilligen Weg, nur nicht unbedingt spannender. Djentige Riffs, die im modernen Metalcore Fuß fassen – Northlane nacheifern –, lassen Raum für die obligatorischen Breakdowns. Mitreißend wird es erst, wenn ‘NWWM’ mit dem Feature der Dropout Kings und düsteren Rap-Parts neue Farben präsentiert. So auch die folgenden Balladen ‘I Get High’ und ‘Gaslight’. Letzterer könnte original als trostloser Deutsch-Rap der Neunziger durchgehen, minus den halbgaren Breakdown, der am Ende ja noch mal kommen muss. Ja, manche Passage fühlt sich sehr vertraut an. Sowieso herrscht inmitten all der lyrischen Aufgebrachtheit, der flirrenden Riffs voll Raserei wie in ‘Cut The Rope’, dann aber doch eine Unaufgeregtheit, die klar konstruierter Midtempo-Metalcore schaffen kann. Alles gut gemacht, doch sind die Stärken der Briten längst nicht ausgereizt. Es lohnt sich aber, Borders auf dem Schirm zu behalten.

VINCENT GRUNDKE

CRIME

Master Of Illusion

Hard Rock

METALAPOLIS/SPV (12 Songs / VÖ: erschienen)

5

Es gibt immer wieder Überraschungen: Die Geislinger Rocker Crime senden mit einem neuen Studioalbum – dem ersten seit dem 1995er-Underground-Kracher NO CURE – wieder Lebenszeichen. Beim Anhören folgt auch schon die nächste Überraschung, denn diese musikalisch überlieferten Vitalfunktionen hauen ziemlich rein! Die Band um den Gitarristen und Songwriter Matze Ehrhardt hat sich über die Jahre ein gutes Stück verändert. Statt dem mit Europe-esquen Keyboard-Einlagen verzierten Blick ins melodiöse Skandinavien schauen sie nun mehr in Richtung USA. Knackige Hard-Rocker mit ordentlich Groove und einer Portion Blues stehen jetzt im Fokus – souverän getragen von Francis Soto, dem Neuzugang am Mikrofon. Dieser übertrifft Originalsänger Stavros Moutzoglou glatt, was die Rauchigkeit der Stimme betrifft: Mit seinem rauen, abgeriebenen Gesang verleiht er den eigentlich blitzblank polierten, teilweise fast an Glam Metal erinnernden Riffs ein paar schöne Ecken und Kanten, die MASTER OF ILLUSION zu einem durchgängig unterhaltsamen Album machen. Am wirkungsvollsten sind die im Midtempo gehaltenen, unaufhaltsam vorwärts stampfenden Tracks ‘Kingdom Of Desire’ und ‘Tears Are Falling’, in denen Ehrhardt gitarrentechnisch wirklich zeigt, was er kann – ohne zu protzen. Ein gelungenes Comeback, das durchaus Appetit auf mehr anregt.

SIMON LUDWIG

AUS DEM PIT

DIE NEUESTEN LIVE-ALBEN

THE BLACK DAHLIA MURDER

Yule ’Em All: A Holiday Variety Extravaganza

Death Metal

METAL BLADE/SONY (DVD, 8 Songs / VÖ: erschienen)

7

Was passiert, wenn COVID-bedingte Trübsal von völlig absurd-überdrehtem Humor torpediert wird? The Black Dahlia Murder haben sich nicht nur ein „Streaming-Konzert“ ausgedacht, sondern gleich eine abendfüllende DVD mit 16 Tracks und über 80 Minuten Laufzeit produziert. Und was die ‘Muppets’ oder ‘Star Wars’-Charaktere können, ist auch für Melodic-Deather kein Problem: Sie haben ein unglaublich bescheuertes „Weihnachts-Special“ kreiert, in dem kein (amerikanisches) Klischee unbedient bleibt. Jede Menge mit viel Liebe zum Detail ausgesuchte Dekoration auf einem Dachboden, dazu die Band in hässlichen Hinterwäldler-Onesies (aus denen auch mal eine Plauze herausgucken darf), während Sänger Trevor Strnad als „Schweinehase“ den Vogel abschießt. Da aufgrund der Lärmbelästigung die Polizei anrückt, zieht die Band in eine Scheune um, diesmal mit hässlichen Weihnachtspullis mit T-Rex-Dinos und Trevor mit einem southparkesken „Birthday Boy“-Jesus-Shirt. Was wirr anmutet, ist es auch, wenngleich schnell deutlich wird, dass sowohl musikalisch als auch in Sachen Ton und Kamera höchst professionell agiert wird. Zwischen den Songs sehen wir den Entertainer Gregg Turkington, der als „America’s Funnyman“ Neil Hamburger (eine Art Paul Panzer) halbgare Witze erzählt, oder George „Corpsegrinder“ Fisher, der Werbung für einen „Ham Sanitizer“ macht. Danach geht es für ein paar Songs ins Studio und in ein Haus, und dann wird der Shit real. Wo Vader und Asphyx in Essen in einer kleinen Kirche spielten, rocken The Black Dahlia Murder mit ‘Verminous’ eine wirklich verdammt große Kirche in Detroit. Da darf die Pommesgabel vor dem hell erleuchteten Altar nicht fehlen, auch wenn der Lattenjupp höchstselbst die Band dann rausschmeißt. Obskur-surreal, dass sich der leider so früh von uns gegangene Szeneheld Trevor mit solch einem Feuerwerk von schrägem Humor als letzter Veröffentlichung verabschiedet hat. Hier merkt man wieder, wie weit Erwartung(shaltung) und Realität beim Thema Depressionen auseinanderliegen können. Für YULE ’EM ALL kann es nur einen oder sieben Punkte geben. Blasphemie ist sowieso beides.

THOMAS STRATER

SOEN

Atlantis

Progressive Rock

SILVER LINING/WARNER (14 Songs / VÖ: erschienen)

5

An Ideenreichtum dürfte es Martin Lopez (ehemals Opeth, Amon Amarth) noch nie gefehlt haben. Und an hehren Zielen ebenso wenig: Mit seiner aktuellen Supergroup Soen und der Unterstützung eines achtköpfigen Orchesters hat der visionäre Schlagzeuger am 10. Dezember 2021 in den Stockholmer Atlantis Grammofon Studios die 13 vermeintlich wichtigsten Songs seiner Band live neu eingespielt. Ein überaus gelungenes Unterfangen, beschert es dem typischen Soen-Sound doch eine weitere, zusätzliche Ebene, einen größeren Tiefgang und mehr Variationsmöglichkeiten. Atmosphärisch dichte Stücke wie ‘Jinn’, ‘Lucidity’ oder das magische ‘Lunacy’ bekommen eine Extraportion Intensität und Farbe, wobei insbesondere das Spiel von Lead-Gitarrist Cody Lee Ford mitunter geradezu Pink Floyd’sche Dimensionen erreicht. Die größte Überraschung der Scheibe ist jedoch die Cover-Version von Slipknots ‘Snuff’, die beweist, welch überragendes Potenzial dieser Song über den tieftraurigcineastischen Tellerrand des Originals hinaus besitzt. Fazit: Volle 80 Minuten lang feilt die schwedische Klassetruppe erfolgreich an ihrer eigenen Legendenbildung, deshalb passt auch der Albumtitel wie die berühmte Faust aufs Auge!

MATTHIAS MINEUR

PLAYLISTS

FLORIAN BLUMANN

1. Leather WE ARE THE CHOSEN

2. Candlemass SWEET EVIL SUN

3. Tallah THE GENERATION OF DANGER Enttäuschung: Munroe’s Thunder Überraschung: Leather Vorfreude auf: METAL HAMMER PARADISE Diese Band muss ich noch mal live sehen, bevor sie aufhört: Ozzy Osbourne

ROBERT MÜLLER

1. Drudkh ??? ???????? ????

2. Kampfar TIL KLOVERS TAKT

3. In The Woods... DIVERSUM Enttäuschung: Candlemass Überraschung: In The Woods... Vorfreude auf: Woods Of Desolation Diese Band muss ich noch mal live sehen, bevor sie aufhört: Pentagram

MATTHIAS MINEUR

1. Enuff Z’Nuff FINER THAN SIN

2. Threshold DIVIDING LINES

3. Candlemass SWEET EVIL SUN Enttäuschung: Tallah – nervtötend. Überraschung: Lee Aaron Vorfreude auf: Deep Purple in Oberhausen. Diese Band muss ich noch mal live sehen, bevor sie aufhört: Aerosmith

FLORIAN KRAPP

1. Borders BLOOM SEASON

2. League Of Distortion LEAGUE OF DISTORTION

3. Fjørt NICHTS Enttäuschung: Induction Überraschung: Disturbed, Vittra Vorfreude auf: Lionheart Diese Band muss ich noch mal live sehen, bevor sie aufhört: AC/DC

MARC HALUPCZOK

1. Candlemass SWEET EVIL SUN

2. Leatherwolf KILL THE HUNTED

3. Fateful Finality EMPEROR OF THE WEAK Enttäuschung: Spiritworld Überraschung: Thy Listless Heart Vorfreude auf: Steel Panther Diese Band muss ich noch mal live sehen, bevor sie aufhört: Cirith Ungol

DE PROFUNDIS

The Corruption Of Virtue

Death Metal

3

TRANSCENDING OBSCURITY (9 Songs / VÖ: erschienen)

Album sechs der Briten De Profundis führt die bekannte Formel weiter: Die Growls von Craig Land sind dauerpräsent und erschlagen den Hörer mit gutturaler Härte, und Death Metal-typische Riffs werden darübergestülpt. Man merkt bereits: THE CORRUPTION OF VIRTUE kann nicht übermäßig begeistern. Das Dauergeholze ist bereits im ersten Song durchgekaut und wird in der Folge achtmal wiederholt. Dafür lässt sich eine gewisse Abstumpfung nicht verheimlichen, und so rauscht das Album ohne wirklich zu stören durch den Hörkanal. Zudem etwas verwirrend: Die für das Genre etwas untypischen, sehr harmonischen Soli wie im Opener ‘Ritual Cannibalism’. Das klingt erst mal interessant, bricht dann aber stellenweise stark mit dem restlichen Sound. Die Soli sind keinesfalls misslungen, in ‘Sectarian Warfare’ bröseln sie das Death-Gerüst angenehm auf. Irritierend ist nur der übersteuerte Bass in selbigem Song. THE CORRUPTION OF VIRTUE ist per se kein schlechtes Album, nur verwundern an diversen Stellen einige Stilentscheidungen. Die Death-Elemente unterhalten zwar, sind dennoch keine Genre-Wunder, sondern höchstens solider Standard – für Death-Puristen aber durchaus machbar. Extrapunkte gibt es für das besonders apokalyptische Cover!

FLORIAN BLUMANN

DESTRÖYER 666

Never Surrender

Black Thrash

SEASON OF MIST/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 2.12.)

5

Wieder so eine Band voller Gestalten, mit denen ich privat nichts zu tun haben wollte, von deren Musik ich aber nicht loskomme. Die australischen Expat-Thrasher Deströyer 666 haben seit Jahren wenig Berührungsscheu, was rechtsdrehende Populärmusik angeht, und auch beim Durchhören ihres sechsten Albums NEVER SURRENDER gibt es diese kleinen Momente, in denen einem MAGA-mäßige Textzeilen wie lästige Fliegen um den Kopf schwirren (zum Beispiel in ‘Guillotine‘). Ein Kopf aber, das muss gesagt werden, der sich ansonsten in konstanten Nickbewegungen ergeht. Denn die Truppe um den alten Haudegen K.K. Warslut macht bei dem Teil mit der Musik fast nichts falsch. Mit Veröffentlichungszyklen von einem Album alle sechs bis sieben Jahre gibt es nie den Verdacht, dass hier hastig zusammengestöpselte Ware aufgelegt wird – im Gegenteil: NEVER SURRENDER ist vom ersten bis zum letzten Takt on fire, lässt weder bei Song-Längen noch der Gesamtspielzeit etwas anbrennen und liefert äußerst befriedigende Riffs bis zum Abwinken.

ROBERT MÜLLER

DETRAKTOR

Full Body Stomp

Thrash Metal

3,5

MASSACRE/SOULFOOD (9 Songs / VÖ: 25.11.)

Das vermeintlich alte Genre Thrash Metal hält sich wacker! Zu den aktuellen Vertretern gehören auch Detraktor aus Hamburg. Auf seinem zweiten Album FULL BODY STOMP hat es das Trio sich zur Aufgabe gemacht, Urinstinkte im Menschen aufzudecken – so heißt es zumindest von offizieller Seite. Dieser Ansatz ist auch erkennbar, allerdings klingen vor allem die Texte eher primitiv als animalisch. Was gesungen wird, ist erwartbar, die Wiederholungen sind stumpf. Es geht in den Songs um Gewalt, Sex, Vergleiche mit Tieren – und das Ganze wird mit recht angestrengter Stimme vorgetragen. Vielleicht hat Sänger Boris Pavlov gerade die auf dem Cover abgebildete Begegnung mit dem Bären hinter sich? Gegen Feature-Gast Dirk Weiss (Warpath) kommt er im Undercroft-Cover ‘Evilusion’ jedenfalls nicht an. Wacher und frischer wirken Detraktor hingegen bei den Instrumentals – was bisher so negativ beschrieben wurde, hat nämlich durchaus überzeugende Momente. Bis der Gesang einsetzt, könnte man ‘Revenge’ auch in die (experimentellere) Melodic Death-Sparte einordnen, und ‘Filth Me Up’ unternimmt in der Mitte einen Ausflug in den Hard Rock. Zu FULL BODY STOMP kann man durchaus wild die Haare schütteln, aber noch besser ist es, wenn man den Kopf ein bisschen abstellt. 2017 haben Detraktor bereits beim Wacken Metal Battle Deutschland vertreten – irgendwohin wird sie ihre Musik schon führen, aber für einen Soundcheck-Sieg ist die Musik der drei noch nicht ausgefeilt genug.

ANNIKA EICHSTÄDT

DREAM UNENDING

Song Of Salvation

Doom Metal

20 BUCK SPIN/SOULFOOD (5 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Erst vergangenes Jahr legten Dream Unending ihr Debütalbum TIDE TURNS ETERNAL vor, und nun folgt bereits das Zweitwerk der Doom-Metaller. Monumental wird mit einem 14-Minuten-Stück begonnen, das zwischen Ambient-Passagen à la Alcest und Death Doom-Parts der Marke Paradise Lost changiert. Das zweite Stück ‘Secret Grief’ schmückt sich wiederum mit Klargesang und sanften Saxofonklängen – es werden Reminiszenzen an Talk Talks SPIRIT OF EDEN wach –, bevor Growls und High-Gain-Gitarren das Klangbild abrunden. Dabei gelingt es Dream Unending überraschend gut, die verträumte Atmosphäre aus dem Intro aufrechtzuerhalten. Das Interludium ‘Murmur Of Voices’ schlägt die Brücke zum proggigen ‘Unrequited’, bevor SONG OF SALVATION mit einem ähn-lich langen und vielschichtigen Track schließt, wie es begann. Dream Unending legen eine einzigartige Symbiose von Fragilität und Härte an den Tag und beweisen sich als Könner in Sachen Arrangement und Songwriting.

KONSTANTIN MICHAELY

DRUDKH

??? ???????? ????

Black Metal

5,5

SEASON OF MIST/SOULFOOD (4 Songs / VÖ: erschienen)

Es ist ein erstaunlich enigmatisches Album geworden, selbst wenn Drudkh auch sonst selten den geradlinigen Weg wählen. Seit dem 24. Februar ist das Land, das Roman Saenko, bekennender ukrainischer Nationalist, so liebt, vom Krieg überzogen. Er selbst schaffte es, aus seiner Heimatstadt Kharkiv zu flüchten, als die Raketen und Granaten einschlugen, und er schaffte es, immitten von alledem ein neues Drudkh-Album zu vollenden. „Alles gehört der Nacht“, lautet übersetzt sein Titel, und nach den Vertonungen ukrainischer Gedichte auf dem Vorgänger ?? ????? ??????? ?????, der bei aller Melancholie die Vorfreude auf einen kommenden Frühling ausstrahlte, ist dies ein lupenreines Herbstalbum, das vor allem eines zu wollen scheint: das Menschsein aufzulösen. Keine Wut, kein Zorn, kein Kriegspatriotismus – es endet mit dem Song ‘???? ??????? ? ????’ – „Bis wir im Nebel verschwinden“, 15 Minuten sich zersetzender Riffs mit nur gelegentlichem melodischem Aufbäumen. ??? ???????? ???? ist sicher typisch Drudkh, aber so traurig habe ich diese Musik bisher nicht wahrgenommen.

ROBERT MÜLLER

ECHO

Witnesses

Doom

BLACK LION (8 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Wenn es einen Klang gibt, der Ennui, Tristesse und Resignation der zurückliegenden Pandemiejahre subsumiert, dann bleischwerer Death/Doom. Die Italiener EchO nutzen ihr neues Album WIT-NESSES dementsprechend für eine Chronik dieser Zeit, ein Logbuch ihrer Kämpfe, Ängste und Sorgen. Ihr Doom enthält höchstens Spuren von Hoffnung und setzt vor allem auf sinistre Stimmung. Melancholie und Weltschmerz sitzen rechts und links neben EchO, klopfen der Band mitfühlend auf die Schulter. Ist eh alles im Arsch, wissen wir auch. Das funktioniert musikalisch deswegen, weil EchO nicht nur auf eine Stimmungsfarbe setzen. Die schwebenden, elegischen Momente ruhiger Katatonia-Songs geistern ebenso durch dieses Uhrwerk wie grollende, schäumende Wut oder monochrome Post Rock-Rauchschwaden. Alles sehr bedrückend, alles wiegt schwer auf den Schultern – ein Atlas, der von der Last der Welt gebeugt wird. Und während das alles nicht besonders innovativ ist, ist das Narrativ dennoch ein überzeugendes. Vielleicht ja, weil im Spannungsfeld vieler Songs mehr als einmal selige Erinnerungen an Ghost Brigade auftauchen. Vielleicht aber auch einfach nur, weil es hin und wieder einfach guttut, anderen beim Leiden zuzuhören. Vor allem, wenn es so überzeugend exekutiert ist wie hier.

BJÖRN SPRINGORUM

ELDER

Innate Passage

Stoner

STICKMAN/SOULFOOD (5 Songs / VÖ: 25.11.)

5,5

Die in Berlin heimisch gewordenen Ostküstenamerikaner liefern weiterhin das ab, wofür man sie auf dem fantastischen Vorgänger OMENS (2020) lieben gelernt hat. Das zusammen mit Kadavar als Eldovar veröffentlichte Kollaborationsopus A STORY OF DARKNESS & LIGHT (2021) lassen wir mal außen vor, weil es als Konzeptwerk anders angelegt war und im Vergleich tatsächlich etwas abfällt. Elder haben folglich wieder reinrassige Space Rock-Epen geschmiedet, die ihresgleichen suchen. Der Stoner-Sound mag in Basis noch zu erkennen sein, jedoch haben die zwischen achteinhalb und fast 15 Minuten langen Tracks eine schwere Psychedelic-Schlagseite. Verträumt-einlullende Synthies, umschmeichelnde Gitarren-Arpeggios und dazu der stark an Band Of Horses erinnernde Gesang von Frontmann Nick DiSalvo ergeben ein unschlagbares Paket – nicht nur, wenn man sich gerade einen Dübel gedreht hat.

LOTHAR GERBER

ENEMY EYES

History’s Hand

Heavy Metal

FRONTIERS/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: 18.11.)

3,5

Dass Johnny Gioeli seine neue Band Enemy Eyes als Herzensangelegenheit betrachtet, lässt einen darüber nachdenken, wie rastlos der amerikanische Sänger sein muss. Immerhin umfasst seine Karriere mittlerweile sieben Alben mit Hardline, zwanzig mit Axel Rudi Pell, zahlreiche Videospiel-Soundtracks mit Crush 40 und diverse andere kurzlebige Projekte. Aber es scheint ihm dennoch etwas in seinem musikalischen Leben zu fehlen – und das ist eine klassische Hard Rock-Band mit europäischem Power Metal-Touch. Damit erfindet Gioeli das Rad nicht unbedingt neu, aber legt auf den elf Liedern des Debütalbums eine (erwartungsgemäß) stramme Performance hin. Angefangen mit klassischen Hard Rock-Nummern wie dem Opener ‘Here We Are’ oder ‘The Chase’, die merkbar die Stärke des aus New York stammenden Musikers sind und auf eingängige Refrains wie auch ordentlich stampfende Gitarren setzen, bis hin zu schnellen Metal-Nummern ist eigentlich alles dabei. Leider sind die härteren Nummern tatsächlich die schwächsten des Albums. Der erwünschte „europäische“ Sound, der mit ordentlich Doublebass plus orchestral anmutenden Keyboards erzeugt werden soll, haut nicht ganz hin. Der Titel-Song etwa geht zwar streckenweise ganz schön vorwärts, jedoch wird man das Gefühl nicht los, dass Gioeli zu viel wollte – wodurch die fünf Minuten Laufzeit völlig überladen sind. Schnelles Riffing, pathetische Keyboardpassagen, Pianogeklimper, schwindelerregende Gitarrensoli und jede Menge Keychanges – da kommt man irgendwann nicht mehr mit.

SIMON LUDWIG

ENUFF Z’NUFF

Finer Than Sin

Glam Rock

FRONTIERS/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Enuff Z’Nuff haben Humor: Der Opener ihres neuen, insgesamt 17. Studioalbums FINER THAN SIN nennt sich ‘Soundcheck’ und ist ... ähm ... tatsächlich ein Soundcheck. Der zweite Song der Scheibe heißt ‘Catastrophe’ und ist ... nein, keine Katastrophe. Das wäre jetzt des Guten zu viel. ‘Catastrophe’ ist das, was auch die übrigen neun Tracks des Albums sind: ein ziemlich frecher Hybrid aus Siebziger Jahre-Rock à la The Cars, T. Rex oder Alice Cooper und unverhohlenen The Beatles-Querverweisen. Geleitet wird diese eigenwillige Achterbahnfahrt von Bassist Chip Z’Nuff, der die amerikanische Kult-Band 1984 gegründet hat und nun dafür sorgt, dass es im Untergrund ordentlich grummelt und rumst. Will sagen: Was sich kompositorisch aus Glam- und Psychedelic Rock zusammensetzt, ist auch produktionstechnisch in einer analog klingenden Flower Power-Ära verortet. Hat man sich an diesen „Kulturschock“ gewöhnt, kommt man aus dem Grinsen nicht wieder heraus. Da lebt plötzlich die Erinnerung an Marc Bolan ebenso wieder auf wie die an Barry Ryan, Brian Connolly (The Sweet) oder die Protagonisten von SERGEANT PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND. FINER THAN SIN ist ähnlich bunt und skurril wie die aktuelle Scheibe DIAMOND STAR HALOS von Def Leppard, nur deutlich konsequenter auf die Seventies geeicht. Toll!

MATTHIAS MINEUR

FATEFUL FINALITY

Emperor Of The Weak

Thrash Metal

BLOOD BLAST/BELIEVE (11 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Auch auf ihrem fünften Album machen es die Herren aus dem Schwabenland der geneigten Thrash-Anhängerschaft leicht. Denn egal, ob man auf höhere Anthrax-Stimmen oder tiefere Machine Head-Growls steht, die beiden Sänger schaffen mit ihrem Wechselspiel eine schöne Abwechslung, die zudem das wilde Hin- und Her der Twin-Gitarren unterstreicht. In ihren besten Momenten machen Fateful Finality Exodus Konkurrenz (wie im schnellen ‘Live Amid Warfare’ oder ‘Death Earth’), wohingegendie melodischen Momente wie in ‘Stealth Aggressor’ nicht ganz überzeugen können – die Growls vertragen sich nicht mit den ansonsten äußerst gelungenen Melodic-Riffs. Diese kurzen Abschnitte hauen jedoch nicht aus dem Konstrukt von EMPEROR OF THE WEAK heraus, denn das Album besitzt alles, was das Thrash-Herz begehrt. Mit ‘When Peace Is The Demand’ und ‘The Man He Was’ zeigen sie außerdem, dass sie neben dem Dauer-Headbanging auch kleine Verschnaufpausen einlegen können. Eine geradlinige Haudraufscheibe, die voll auf die Zwölf zielt und alle Fans von modernem Thrash mit Neigung zu knackigen drei- bis vierminütigen Songs ohne allzu komplizierte Soliausschweifungen zufriedenstellen sollte.

FLORIAN BLUMANN

FEAR FACTORY

Recoded

Industrial Metal

NUCLEAR BLAST/RTD (11 Songs / VÖ: erschienen)

3,5

Mit RECODED setzen Fear Factory, die Pioniere des Industrial Metal, eine Idee fort, die vor 25 Jahren geboren wurde. Sie übergeben ihr Liedgut in die Hände anderer Künstler und präsentieren dieses in neuem Gewand. Einen vergleichbaren Remix-Ansatz verfolgte die Band mit der Scheibe REMANU-FACTURE – CLONING TECHNOLOGY (1997). Allerdings diente damals das Überalbum DEMANUFACTURE (1995) als Vorlage. Auf RECODED kommen die Lieder des letzten (und unter quälenden Schmerzen produzierten) Werks AGGRESSION CONTINUUM von 2021 zum Einsatz, vor dessen Veröffentlichung sich Frontmann Burton C. Bell schon längst vom Acker gemacht hatte. Das war nun wahrlich nicht gerade das schöpferische Ruhmesblatt dieser Band, weswegen RECODED nicht mal ansatzweise gegen REMANUFACTURE – CLONING TECHNOLOGY anstinken kann (wenngleich mit Rhys Fulber ein vertrauter Knöpfchendreher zum Einsatz kommt). Es gibt immer wieder lichte Momente, in denen die Riffs durchdrehen und flankiert von industriellen Klängen packend inszeniert sind, aber insgesamt ist das Liedmaterial qualitativ allenfalls Durchschnitt. Auch im neuen Rahmen.

MATTHIAS WECKMANN

STREITFALL

DISTURBED

Divisive

Modern Metal

WARNER (10 Songs / VÖ: 18.11.)

5

Mehr Aggression und eine Mischung aus THE SICKNESS (2000) und TEN THOUSAND FISTS (2005) – nicht weniger hat Frontmann David Draiman im Vorfeld der Veröffentlichung angekündigt. Das ist eine echte Ansage, nicht nur qualitativ, sondern auch kommerziell, schließlich handelt es sich um die beiden bestverkauften Alben in der Band-Geschichte. Fans, denen das letzte Werk EVOLUTION (2018) zu viele Balladen und akustische Momente enthielt, dürften erleichtert aufgeatmet haben – aber: Bestätigt sich die Prophezeiung? Teilweise. Wo Draiman recht behält: Die Grund-Riffs und -Rhythmen sind tatsächlich überaus giftig gehalten und erinnern an die Anfänge der Band-Geschichte – grimmige Ungetüme in schnittigem Gewand. Allerdings bedienen die Höhepunkte eher wieder den Mainstream und bremsen die Wucht der vorangegangenen Strukturen mitunter aus. Ganz häuten können sich Disturbed 2022 nicht, und Hymnenhaftigkeit liefert nicht zwangsläufig Hits. Eines stimmt: Es gibt tatsächlich nur eine Ballade (und die fällt dank des Beitrags von Heart-Sängerin Ann Wilson exzellent aus), der Rest ballert nach der ebenso altbekannten wie hoch geschätzten Band-Formel. DIVISIVE ist ein sehr gutes Album, aber kein Meilenstein.

MATTHIAS WECKMANN

DISTURBED

Divisive

Modern Metal

WARNER (10 Songs / VÖ: 18.11.)

3

Die erste Formulierung, die mir persönlich zu Disturbed immer einfällt ist: „Malen nach Zahlen“. Die Musik klingt dermaßen konstruiert und seelenlos, dass es an manchen Stellen schon schmerzt. Schönes Beispiel dafür ist ‘Unstoppable’, in dessen Text Draiman davon singt, unaufhaltsam zu sein, dabei aber so emotional klingt, als würde er eine Gebrauchsanweisung für Staubsauger vertonen. ‘Feeding The Hate’ ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Text und Stimmung der Musik komplett auseinanderfallen. Dazu kommt, dass die Riffs auf DIVISIVE absolutes Standardwerk aus dem Modern-Metal-Baukasten sind, der Wiedererkennungswert der Stücke hält sich arg in Grenzen. Die Songs ähneln sich zu stark, kaum eine Melodie bleibt länger als einen Augenblick hängen. Am ehesten noch ‘Bad Man’ mit seinem seltsamen Stottergesang, der fast schon vergessene Scatman John lässt grüßen. Fazit: Disturbed mögen ihre Zeit gehabt haben, heute produzieren sie lahmen Stadionrock für mittelgroße Clubs. Spannend geht definitiv anders.

MARC HALUPCZOK

KURZ & HART

DIE NEUESTEN EPS

EPICA

The Alchemy Project

Symphonic Metal

ATOMIC FIRE/WARNER (7 Songs / VÖ: erschienen)

5,5

Mit THE ALCHEMY PROJECT wagen sich Epica über die Grenzen ihrer gewohnten Klangwelt hinaus. Diese EP ist ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem – unter der Schirmherrschaft der Niederländer – zahlreiche (auch Genre-fremde) Musiker und Musikerinnen mitgewirkt haben. Das Ergebnis kann sich sehr wohl hören lassen. Bereits die erste Single-Auskopplung ‘The Final Lullaby’ zeigt, wie gut ein Genrecrossover funktionieren kann – nicht zuletzt dank des gut positionierten Saxofonspiels von Jørgen Munkeby (Shining). Ein Glanzstück für die träumerische Fraktion ist ‘Sirens – Of Blood And Water’. Die Stimmen von Simone Simons, Charlotte Wessels (Ex-Delain) und Myrkur harmonieren derart gut, dass der Eindruck entsteht, das Trio würde schon immer zusammen musizieren. Mit von der Partie ist auch eine Legende: Phil Lanzon (Uriah Heep) haut bei ‘Wake The World’ in die Keyboard-Tasten. ‘Human Devastation’ würde wahrscheinlich niemand auf Anhieb mit Epica assoziieren: Die Kollaboration mit Henri Sattler (God Dethroned) und Sven de Caluwé (Aborted) hämmert die drei Minuten Spielzeit weg wie nichts. ‘The Miner’ bildet das fantastische Finale, das in seiner Atmosphäre deutlich an die Musik der Mitwirkenden Asim Searah (Ex-Wintersun) und Niilo Sevänen (Insomnium) erinnert. Ein absolutes Brett! THE ALCHEMY PROJECT markiert definitiv einen neuen Meilenstein für Epica und ist durchaus auch etwas für jene, die sonst nicht viel mit Symphonic Metal anfangen können.

HEIDI SKROBANSKI

FORTÍÐ

Dómur um dauðan hvern

Black Metal

LUPUS LOUNGE/SOULFOOD (2 Songs / VÖ: erschienen)

6

Die Musik von Fortíð ist seit jeher durchzogen von assoziativer Aura, archaischer Kraft und weltabgewandter Schönheit – elegischer Black Metal, der stets so klingt, als trauere er um etwas unwiederbringlich Verlorenes. Umso schmerzlicher war die lange Ruhepause zwischen PAGAN PROPHECIES (2012) und dem Comeback WORLD SERPENT (2020). Auf diesem zeigte sich Band-Kopf Eldur erfreulich gewillt, seinen ureigenen Pfad durch Islands desolate Kargheit weiterzugehen. DÓMUR UM DAUÐAN HVERN ist mit seinen zwei langen Stücken daher auch eher als Addendum zum letzten Opus zu begreifen: Atmosphäre trifft eisige Riffs, und große Melodiebögen werden von grollender Härte durchschnitten. Und auch wenn es wie ein Klischee klingt, das nach all den fantastischen isländischen Black Metal-Releases der letzten Jahre eigentlich nicht mehr bemüht werden sollte: Wer schon mal in diesem Land unterwegs war, wird in jeder Note von Fortíð Echos der epochalen Natur wiederfinden.

BJÖRN SPRINGORUM

RITUAL DICTATES

No Great Loss

Heavy Metal

ARTOFFACT/CARGO (6 Songs / VÖ: erschienen)

5

Jeder hat eine zweite Chance verdient. Diese und weitere Chancen sollte man NO GREAT LOSS beim Lauschen unbedingt zuteilwerden lassen! Wer bei den Kanadiern in Genre-Schubladen denkt, kommt damit nicht weit. Wollte man es dennoch versuchen, so liegt diesem Tonträger ein Heavy Metal-Fundament zugrunde, welches die Basis für diverse Genre-Pfeiler bildet. Dafür ist der Eröffnungs-Track ‘Burn The Widow’ das beste Beispiel: Eine kräftige Rock-Komposition, untermalt mit symphonischen Orgelklängen – und ein Drum-Spiel, wie man es sonst nur aus dem Black Metal kennt. Wie ein gesungenes Mantra dringen zudem die Worte Justin Hagbergs in ‘My Solitude (And So I Shall Depart)’ spielend einfach in unsere Sinne. Bemerkenswert ist, dass die Virtuosen in diesem Stück über acht Minuten lang mit nur einem musikalischen Hauptmotiv auskommen, während der Track nie eintönig erscheint. Von Symphonic- und Heavy Metal über Goth Rock bis hin zum akustischen Ausklang in ‘Succumbing To The Ravages Of Age’, der eine gewisse Verwundbarkeit durchblicken lässt: NO GREAT LOSS bildet auf wundersame Weise die Schnittstelle, mit der selbst Genrehardliner einen Kompromiss schließen können.

CASSANDRA HILLGRUBER

Frank Bello THEN I’M GONE (Rare Bird)

Wenn der Anthrax-Bassist seine Debüt-EP ankündigt, erwartet man eine Thrash-Platte. Doch weit gefehlt: THEN I’M GONE klingt mehr nach kalifornischem Rock, wie ihn Dave Grohl vertritt. Auch wenn Bellos Stimme bei seiner Stamm-Band ungeeignet wäre, wird mit dieser EP klar, wie schade es ist, dass er neben seiner Tätigkeit als Buchautor bisher nur Bass spielen durfte. Ein grooviger Spaß.

(FLORIAN BLUMANN / 5 PUNKTE)

FJØRT

Nichts

Post Hardcore

5

GRAND HOTEL VAN CLEEF/INDIGO (13 Songs / VÖ: erschienen)

Sein neues Album auf den Namen NICHTS zu taufen, hat etwas von Odysseus, der dem Zyklopen Polyphem meldet, sein Name wäre „Niemand“, bevor er ihm mit einem glühenden Pfahl das Auge aussticht und dessen Aufschrei „Niemand hat mich geblendet“ als Nichtigkeit verebbt. So vermutet man hinter Zeilen wie „Nichts nimmt dich in Kauf. Nichts ist, was du brauchst“ aus dem Titel-Track sogleich eher eine tiefere Bedeutung als eine Nichtigkeit. Die Texte des Aachener Trios bestehen schon immer mehr aus uneindeutigen, wohlklingenden Formulierungen, die viel Spielraum für Interpretationen lassen. In einigen der neuen Lieder wie beispielsweise ‘Kolt’ kommt die verpackte Sozialkritik diesmal deutlicher zum Vorschein. Stimmlich werden die Lyrics zum großen Teil durch typischen Hardcore-Sprechgesang vertont. Im Hintergrund treiben dazu Schlagzeug und Gitarren mal stark voran, mal reicht minimaler Klangeinsatz aus, um die richtige Stimmung zu schaffen. NICHTS ist ein wunderbar abwechslungsreiches und vor allem durch die ganz eigene Atmosphäre der einzelnen Lieder getragenes Album. Ein starkes Post Hardcore-Stück, das Fjørt fünf Jahre nach ihrem letzten Album COULEUR aus dem Jahr 2017 hiermit präsentieren.

CELIA WOITAS

GAUPA

Myriad

Rock

NUCLEAR BLAST/RTD (8 Songs / VÖ: 18.11.)

5,5

Mag ein Genre-Gemisch aus Prog, Stoner sowie Psychedelia, Folk und Doom auf den ersten Blick nicht sonderlich einzigartig klingen, belehrt einen die nach dem schwedischen Wort für einen Luchs benannte Band auf ihrem zweiten Album schon mit dem exzellenten Opener ‘Exoskeleton’ eines Besseren. Anstatt schiere stilistische Mimikry zu betreiben, kochen Gaupa ihr ganz eigenes Süppchen. Sind ihre Sound-Symbiosen und das Songwriting schon schön abseitig-originell, dabei jedoch nie atonal irritierend, sondern noch immer einfühlsam und eingängig, tut Sängerin Emma Näslund ihr Übriges dazu, um – und hier könnte man die durchaus vorhandene Parallele zu den göttlichen Gggolddd ziehen – der Band als Aushängeschild ein wahrhaftiges Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Egal, ob mit Grunge-Verweisen (‘Diametrical Enchantress’ evoziert ein wenig ‘Heart-Shaped Box’), ätherisch gehauchten Björk-Vibes oder inbrünstig sirenenhaft gesungen: Näslund zieht einen stets in ihren Bann. Die Band dahinter nicht minder. Da wird etwa in ‘My Sister Is A Very Angry Man‘ (der einzige überhaupt nicht mystische Titel) ein Hexen-Hard Rock-Feuerwerk entfacht, das eine Riff-Dringlichkeit an den Tag legt, die ‘Jesus Built My Hotrod’ schmeichelt. Und wenn sich im siebenminütigen Finale ‘Mammon’ sämtliche Qualitäten bündeln und auch geballt entladen, weiß man, dass Gaupa für Größeres bestimmt sein könnten, als „nur“ die nächstmögliche Roadburn-Sensation zu werden.

FRANK THIESSIES

GOSPELHEIM

Ritual & Repetition

Dark Rock

PROPHECY/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: erschienen)

5,5

Während Grave Pleasures fleißig Updates aus dem Studio posten und somit Hoffnung schüren, dass der Nachfolger zu MOTHERBLOOD langsam Gestalt annimmt, bieten Gospelheim einen recht ähnlichen Klang-Cocktail: RITUAL & REPETITION umfasst acht Tracks, die irgendwo zwischen HIM und Black Metal mäandern und sowohl bei Kutten- als auch Patschuliträgern Anklang finden dürften. Genau wie Rope Sect (welchen eine gewisse musikalische Nähe zu Grave Pleasures beziehungsweise Beastmilk ebenfalls kaum abzusprechen ist) sind Gospelheim allerdings mitnichten eine Kopie von Mat McNerneys Post Punk-Combo. Stücke wie ‘Hope Springs Infernal’, ‘Praise Be’ oder auch die plakative Hymne ‘Satan Blues’ zeugen von ausgereiftem Songwriting-Verständnis und machen neugierig darauf, was uns diese als Pandemieprojekt begonnene Band künftig noch zu bieten haben wird.

KONSTANTIN MICHAELY

GRIMNER

Urfader

Folk Metal

DESPOTZ/RTD (11 Songs / VÖ: 18.11.)

4

Nicht zuletzt aufgrund ihres kriegerischen Auftretens und ihrer Themenwahl werden die Schweden Grimner gerne in die Viking Metal-Schublade eingeordnet. Sänger und Gitarrist Ted Sjulmark ist auch bei King Of Asgard tätig, zu denen dieses Label deutlich besser passt. Seine 2008 ins Leben gerufene Hauptgruppe macht es sich hingegen seit jeher im härteren Folk Metal bequem und weckt weniger Assoziationen mit tödlichen Kollegen wie Amon Amarth als ihren Landsleuten Månegarm oder den Finnen Korpiklaani. Dies bedingen insbesondere Elemente wie die dominante Flöte, Mandola sowie stimmungsvolle Klarund Chorgesänge in der Muttersprache der Band. Auf Grimners Viertwerk finden sich auch einige härtere Stücke mit zackigen Riffs, Düsteratmosphäre und Growl-Überhang (‘Där Fröet Skall Spira’, ‘Ur Vågorna’; ‘Ivaldes Söner’ säumen zudem Schmiedegeräusche). Seinen zutiefst harmonischen Kern hält das Sextett aber weiterhin in Ehren, wobei das Finale ‘Tiundaland’ mit seinem zurückhaltend-emotionalen Klang aus dem Rahmen fällt. URFADER mag im Lauf seiner knapp einstündigen Spielzeit etwas gleichförmig klingen, lässt sich Genrefans mit den richtigen Erwartungen aber trotzdem zur Hörprobe ans Herz legen.

KATRIN RIEDL

HAAVARD

Haavard

Neo-Folk 4

AUERBACH TONTRÄGER/SOULFOOD (13 Songs / VÖ: 25.11.)

Aus der hochexperimentellen Phase des norwegischen Black Metal gegen Mitte der Neunziger sticht ein Album besonders hervor, weil es, obwohl selbst kein Metal, bis heute eine gewaltige Wirkkraft besitzt: Ohne KVELDSANGER wären zum Beispiel Empyrium in ihrer heutigen Form unvorstellbar. 1996, ein Jahr vor dem klirrenden Crescendo von MATTENS MADRIGAL, versuchten sich Olver an akustischen, Folk-artigen Liedern. Mit dabei: Haavard Jørgensen, der jetzt nach etlichen Jahren als Haavard einen sehr ähnlichen Stil pflegt, inklusive einem ‘Kveldsang II’, aber auch deutlichen Abschweifungen in nicht so nordische Assoziationswelten (‘Emmanuelle’ klingt etwa so, wie es der Name suggeriert). Getrieben sind die Songs wie schon auf dem damaligen Original von versiertem Akustikgitarrenspiel, wenngleich Haavard die Arrangements gerne mal etwas opulenter ausgestaltet, was für gepflegtes Tenhi-Flair sorgt. Gesang gibt es (auch das geht auf KVELDSANGER zurück) nur einmal unter 13 Songs. Diese sind, und damit zur Kernkritik an diesem Album, allesamt deutlich länger als einstmals. HAAVARD ist hübsch, aber zu sehr „Mehr vom Gleichen“, daher etwas langweilig – und vor allem zieht es sich gewaltig.

ROBERT MÜLLER

SAMMY HAGAR AND THE CIRCLE

Crazy Times

Hard Rock

5

UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: erschienen)

Im Musikerfreundeskreis von Bassist Michael Anthony (Van Halen, Chickenfoot), Schlagzeuger Jason Bonham (Black Country Communion) und dem alten Wabos-Weggefährten und ewigen Begleit-Band-Gitarristen Vic Johnson präsentiert Hagar nach einem Lockdown-Cover-Album wieder (überwiegend) eigenes Material. Mit dem akustischen ‘Intro: The Beginning Of The End’ startend und der elektrifizierten Motivwiederaufnahme von ‘Childhood’s End’ beschließend, setzt der zweite Van Halen-Sänger musikalisch ebenfalls auf zirkuläre Prinzipien. Doch auch sonst ist CRAZY TIMES eine runde Sache. Von lässigen Classic Rock-Nummern über das Elvis Costello-Cover ‘Pump It Up’ oder das ‘Rebel Rebel’ von Bowie belehnende ‘You Get What You Pay For’ bis hin zu zwei dezent in Country-Gefilde lugende Balladen reicht das Spektrum, wobei Nashville-Star-Produzent Dave Cobb (Rival Sons, Europe, Slash) dem Ganzen einen klanglichen Anstrich verliehen hat, der an den Bruce Fairbairn-Produktionsgeniestreich in Gestalt von Aerosmiths PUMP gemahnt: Das Grundformat ist hochglanz, jedoch mit deutlich Roots-betonenden Schlagschatten. Mögen Songs wie ‘Father Time’ oder das final anmutende ‘Childhood’s End’ fast schon einen Anflug von Abgesangsstimmung suggerieren, stellt der Red-Rocker, der auf diesem Album als rotglühender Romantiker fast noch die bessere Figur abgibt, in ‘Be Still’ unmissverständlich klar: „Still like to write a good song / Istill like a little buzz / Istill like my music a bit too loud.“ Bleibt zu hoffen, dass das noch lange so bleibt.

FRANK THIESSIES

HIGH COMMAND

Eclipse Of The Dual Moons

Thrash Crossover

4

SOUTHERN LORD/CARGO (8 Songs / VÖ: 25.11.)

Wow, totaler Blast from the past! Zurück in die Höhlen vage nach Zwiebel riechender Jugendzimmer, in denen sich billige Fantasy-Paperbacks türmen und die Wände mit Postern lockiger Bay Area-Bands in Hi Tops tapeziert sind! Bei High Command kehrt diese goldene, seltsam unschuldige Ära wieder, seelentrinkende Schwerter und heroisches Pathos inklusive. Und nachdem das Quintett aus Worcester, Massachusetts, mit seinem Southern Lord-Debüt BEYOND THE WALL OF DESOLATION 2019 bereits für gefälliges Raunen gesorgt hat, könnte aus dem Liebhaberthema durchaus mehr werden. Ihr Thrashmeets-Dio-meets-Bathory-Pomp mit Hardcore und Morgenstern besticht durch (momentan reichlich benötigten!) Eskapismus und entführt nach Secartha, der Fantasy-Welt, in der sich High Command seit ihrem ersten Demo tummeln. Unerwartet dieses Mal: die filigrane Klampfen- und Geigenlandschaft am Anfang von ‘Chamber Of Agony’. Visitenkarte des Albums: ‘Imposing Hammers Of Cold Sorcery’. Waaahnsinn: die Namen. Gibt’s für Kreationen wie ‘Omniscient Flail Of Infamy’ eigentlich einen Fantasy-Song-Titelgenerator? Schade: Sänger Kevin Fitzgerald kriegt die Wechsel zwischen planen Thrashvox, Black Metal-Keifen und gebelfertem Storytelling noch immer nicht so gut hin – und fällt damit hinter die lustvoll wettstreitenden Gitarristen Ryan McArdle und Razzle zurück. Trotzdem: amüsant!

MELANIE ASCHENBRENNER

I’LL BE DAMNED

Culture

Groove Metal

5

TARGET/SPV (9 Songs / VÖ: 25.11.)

Autsch! Wer nicht aufpasst, verbrennt sich an der neuen Platte von I’ll Be Damned ruckzuck die Ohren. Aber das soll bei Weitem nicht das Einzige sein, das zu brennen beginnt, wenn wir zu den Southern Rock-Riffs in ‘Hell Come (Take Me Now)’ den texanischen Whisky auspacken und der Rachen gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen wird. Ob leidschaffend und leidenschaftlich – beide Bezeichnungen treffen auf die Performance des dänischen Exports in CULTURE zu. Dreckige Riffs mit rhythmischen Aufgeregtheiten wie in ‘Primal Fear’ lassen Hörer den legeren Groove am eigenen Leib nachspüren. Hauptverantwortlich dafür ist insbesondere Sänger Stig Gamborg, dessen Wandelbarkeit es einfach nicht anders zulässt, als sich technisch auszuprobieren und diverse Spielarten zu bedienen, wie sich am Power Fry-lastigen Opener ‘FuckYouMoney’ und dem Doom-artigen Abschluss in ‘Forever, Right’ zeigt. Der zuletzt genannte Track beginnt lethargisch und düster, bis Gamborg seine in die Knie zwingende Bruststimme auspackt und so viel gefühlvolle Hüllenlosigkeit hineingibt, dass man sich fragt, ob man überhaupt dazu imstande ist, so viel Leidenschaft zu empfangen, wie von diesem Output ausgeht. Überrumpelt und entsetzt stellt man letztlich fest: „Wie, der Achtminüter ist schon vorbei?“ I’ll Be Damned haben sich in CULTURE auf den persönlichen Feinschliff konzentriert und ihren Typus fernab stilistischer Idole wie D-A-D weiterentwickelt.

CASSANDRA HILLGRUBER

IMHA TARIKAT

Hearts Unchained – At War With A Passionless World

Black Metal

4

LUPUS LOUNGE/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Mit dem 2020 erschienenen STERNENBERSTER konnte das Duo um Mastermind Ruhsuz Cellât im Underground bereits einige Beachtung erlangen. Album Nummer drei, HEARTS UNCHAINED – AT WAR WITH A PASSIONLESS WORLD bietet erneut Blastbeat-lastigen Black Metal, welcher verstärkt eine eigene Note anstrebt. Bei genauerer Betrachtung wird auch vermehrt der Fuß vom Gaspedal genommen, um größeren Raum für Melodie zu schaffen. Dabei wird gar kurzzeitig in Richtung traditioneller Heavy Metal geschwenkt. Meist wirkt die musikalische Reise sehr zielgerichtet, mit Blick nach vorne: Riffs werden gerne auch monoton in Szene gesetzt, deren Wirkung vom kraftvollen Schlagzeugspiel von Melvin Cieslar unterstützt, der teils primitiv, aber wuchtig zur Sache geht und den Songs eine punkige Note verleiht. Aber es ist nicht alles Black Metal, was düster ist: ‘Streams Of Power’ hätte auch von Whores Of Babylon stammen können. Den sehr kehligen, angestrengt wirkenden Gesang muss man allerdings mögen, zumal dieser sehr im Vordergrund steht. Wer sich daran nicht stört, kann hiermit eine sehr interessante, stilistisch unverbraucht wirkende Scheibe entdecken.

MARTIN WICKLER

SPECIAL-TIPP

GUNS N’ ROSES

Use Your Illusion I + II (diverse Formate)

Hard Rock

UNIVERSAL (97 SONGS / VÖ: ERSCHIENEN)

Dass Fans in den USA damals vor Plattenläden campierten, um beim mitternächtlichen Vorverkaufsstart der beiden neuen Guns N’ Roses-Scheiben zu den Erstbesitzern zählen zu können, verdeutlicht den Rock-kulturellen Paukenschlag, den diese Doppelveröffentlichung vor 31 Jahren darstellte. Die Neuauflagen des letzten megalomanischen und hedonistischen Rock’n’Roll-Monsters einer vergangenen Ära erscheinen nun im hörbar knusprigeren Remastering (‘November Rain’ bekam obendrauf neue und erstmals echte Orchesterspuren spendiert) und in diversen Ausgaben. Während die mit üppigem Devotionaliennippes ausgestatteten – und jeweils um eine Blu-ray ergänzten – 7-CD- oder 12-LP-Deluxe-Fassungen stolze Preise aufrufen, suchen Outtake- und B-Seiten-Sammler vergebens nach neu geborgenen Perlen. Stattdessen gibt es zwei unveröffentlichte Liveshow-Mitschnitte. Der eine, ‘Live In Las Vegas’, stammt von der 1992er-UIY-Tour. Das andere, weitaus spannendere Live- und Zeitdokument namens ‘Live In New York’ ist vom Mai 1991 und ein Mitschnitt der letzten Warm-up-Show vor der großen Welttournee. Hier kommt man in den Genuss eines ungewohnt ansagenredseligen Mr. Rose, Izzy Stradlins an der Rhythmusgitarre sowie des seligen Axl-Kumpels und Blind Melon-Sängers Shannon Hoon als Live-Gast-Star in ‘Don’t Cry’ und ‘You Ain’t The First’. Weitere Formate sind die reinen Albumfassungen auf CD und LP sowie jeweils eine Deluxe-Doppel-CD-Ausgabe von Teil I und II, die ihrerseits mit bunt gemischtem Live-Material aufwarten, das auch Aufnahmen aus Paris und Rio inkludiert und (perfiderweise) nicht Teil des großen Boxsets ist.

FRANK THIESSIES

IMPRECATION

In Nomine Diaboli

Death Metal

4

DARK DESCENT/SOULFOOD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Im Auftrag des Teufels treten die Death-Metaller Imprecation mit IN NOMINE DIABOLI aus dem Höllenschlund hervor, um die unheilvolle Kunde an die Menschheit zu überbringen. Die schweren, donnernden Saiten- und Glockenschläge im Opener ‘Reborn In Fire’ kündigen den Anfang vom Ende an und bereiten die Hörer auf die nächsten grausamen Kapitel des Albums vor. Wie gehabt erweisen Imprecation auch auf ihrem dritten Langspieler den okkultistischen Motiven ihre Treue, obschon es im Spiel beachtliche Entwicklungen im Vergleich zu den Vorgängerplatten gibt. Das Fünfergespann kehrt dem Black Metal, der zuvor des Öfteren auf der Tagesordnung stand, indes immer mehr den Rücken. So kokettieren zu Beginn von ‘Ars Goetia’ die zähflüssigen, psychedelischen Gitarren mit der Hörerschaft, woraufhin Sänger Dave Herrera das innere Leid mit seinen bedrohlichen Growls nach außen trägt. Der gutturale Höhepunkt dürfte mit ‘Forward The Spears’ erreicht sein, indem Herrera die extremen Schreie immer weiter hochskaliert und sich dabei selbst jedes Mal übertrifft. Einige feine Details und stilistische Ausreißer wie Synth-Einsätze oder Doom-Verwandtschaften finden in Songs wie ‘Thorns Of Hate’ oder ‘No Kingdom Awaits (Let Us Prey)’ ihren Platz. Die hämmernden Bassdrums, die durch die komplette Tracklist preschen, wurden noch von Ruben Elizondo eingespielt, der vergangenes Jahr an Corona verstarb. Auf IN NOMINE DIABOLI verewigt, wird er dort und in den Death Metal-Herzen dieser Welt weiterleben.

CASSANDRA HILLGRUBER

INCURSION

Blinding Force

Heavy Metal

NO REMORSE/THE ORCHARD (9 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Man könnte meinen, bei den Amis Incursion handele es sich um eine Newcomer-Truppe. Aber weit gefehlt, die Band gründete sich bereits 1982 und verschwand 1986 nach einem unbetitelten Demo wieder. Nun wollen es die beiden Originalgitarristen mit neuen Leuten wieder wissen und veröffentlichen ihren Debütlangspieler BLINDING FORCE. Dabei haben es mit ‘Vengeance’ und ‘Hang ’Em High’ zwei Songs des Demos auch auf das Album geschafft und stellen somit die Verbindung zur Vergangenheit her. Rein musikalisch bietet das Quintett aus Nashville ordentlichen US-Metal ohne Firlefanz. Nummern wie ‘Running Out’ oder ‘Master Of Evil’ würden beim Keep It True oder Headbangers Open Air sicher großen Anklang finden. Kleinerer Schwachpunkt ist Sänger Steve Samson, der seinen Job zwar ordentlich erledigt, aber nur wenig Akzente setzt. Um sich mit den Sternstunden von Jag Panzer oder Vicious Rumors zu messen, reicht es also noch nicht. Das kuttentragende Zielpublikum darf sich aber durchaus angesprochen fühlen und mal ein Ohr riskieren.

MARC HALUPCZOK

INDUCTION

Born From Fire

Power Metal

ATOMIC FIRE/WARNER (12 Songs / VÖ: 25.11.)

5

Wunderbare Melodiebögen, wuchtige Riffs und wertvolles Songwriting von Verrat und verlorener Liebe über Leidenschaft hin zu Neuanfängen und Hoffnung. Man könnte fast annehmen, es handle sich um vertonte Erfahrungswerte. Immerhin hatte sich das Quintett 2019 endlich in seiner Konstellation für das Debüt INDUCTION gefunden, und nun – drei Jahre später – ist einzig Tim Hansen von der Ursprungsbesetzung geblieben. BORN FROM FIRE ist also in vielerlei Hinsicht ein rockig-symphonisches Statement. Craig Cairns (Ex-Midnight Prophecy) stellt ab Sekunde eins seine stimmliche Bandbreite unter Beweis: Ob mit kraftvollen Screams im preschenden Opener ‘Born From Fire’, stimmungsvollem Klargesang im experimentierfreudigen ‘Go To Hell’ oder beißend-düsteren Growls im Midtempo-Kracher ‘The Beauty Of Monstrance’. Dazu astreine musikalische Untermalung: Packende Gitarrensoli und ergreifende Orchestrierung (‘Fallen Angel’) oder dynamische Tempowechsel und brachial-metallische Klänge (‘Embers’). Induction feuern ihr ganzes musikalisches Können ab. Da sind die Wiener-Walzer-Winter-Wonderland-Ballade ‘Eternal Silence’ und platte Oh-Oh-Oh-Chöre in ‘I Am Alive’ nahezu verzeihlich. Gemixt und gemastert von Jacob Hansen kommt die fantasievolle Platte BORN FROM FIRE außerdem ordentlich professionell, virtuos und mit der nötigen Härte daher. Reinhören lohnt sich!

BIANCA HÄRTZSCH

IN THE WOODS...

Diversum

Avantgarde Metal

4

SOULSELLER/SPV (8 Songs / VÖ: 25.11.)

In The Woods... können ein Lied davon singen, wie schwer 30 Jahre wiegen. Ja, man stand an der Wiege eines Genres (in diesem Fall: Pagan Metal) und beherbergte ein paar der ganz großen norwegischen Namen. Aber spätestens seit der Neugründung 2014 musste sich die Band um Drummer Anders Kobro (heute das einzige Mitglied der Urbesetzung) so gnadenlos an der glorreichen Vergangenheit messen, dass es fast keine Zukunft zu geben schien. Die jüngeren Alben PURE und CEASE THE DAY fielen bei manchen Fans und Kritikern durch: zu unmotiviertes Black Pagan Prog-Malen nach Zahlen, lautete das Urteil. Andererseits: Wäre CEASE THE DAY das Debüt einer jungen, frischen Band gewesen? Die Leute hätten gejubelt. DIVERSUM kommt nun schon wieder mit neuem Personal daher (ey, sind hier wir bei Crippled Black Phoenix?), bewahrt sich aber eine vertraute, behäbige Intensität. Der neue Sänger Bernt Fjellestad schlägt sich gut, sein warmer, Pop-affiner Klargesang ist ein guter Kontrast zur hellen Hard Rock-Stimme und den erdigen Growls (schönes Beispiel: ‘Master Of None’). Überraschungen auf DIVERSUM? Puh, nicht wirklich. Aber routiniert melancholische Songs wie ‘A Wonderful Crisis’ und das treibende ‘Humanity’ haben was von Lieblingspulli: sie kratzen nicht mehr und eignen sich für lange Winterspaziergänge. Avantgarde ist das längst nicht mehr – aber auf so hohem Niveau mucken muss man auch erst mal können.

MELANIE ASCHENBRENNER

ISAFJØRD

Hjartastjaki

Post Metal

4,5

SVART/MEMBRAN (8 Songs / VÖ: 2.12.)

Der Kopf der isländischen Post Metal-Heroen Sólstafir, Sänger und Gitarrist Aðalbjörn „Addi“ Tryggvason, hat mit seinem Landsmann und kurzzeitigen Live-Bassisten Ragnar Zolberg (Sign, Ex-Pain Of Salvation) ein neues Projekt ins Leben gerufen. Dessen Name Isafjørd spielt auf den Herkunftsort der Väter beider Musiker an. Das Debüt HJARTASTJAKI erinnert zu großen Teilen an die ruhigeren Passagen im Schaffen Sólstafirs und punktet mit ähnlicher Intensität wie Emotionalität, die durch den abwechslungsreichen Gesang beider Protagonisten sowie den Einsatz von Klavier entsteht. Fragile Stücke wie ‘Mín Svarta Hlið’ oder der orchestral dramatisierte Titel-Track kriechen auch ohne metallische Schlagseite zuverlässig unter die Haut; in Nummern wie ‘Heiðin’, ‘Kuldaró’ oder ‘Njálssaga’ trumpfen aber auch (teilweise verzerrte) Gitarren auf. Das wohl bewegendste Stück der Platte ist aber das ausnahmsweise englischsprachige ‘Fjord Of Hope’, das die grundlegende Gefühlslage nicht nur musikalisch, sondern auch in verständlichen Worten vermittelt. Beinharten Metallern könnte das etwa 50-minütige Werk mit seinen überlangen Songs zu zurückhaltend ausfallen; introvertierte Seelen, Gefühlsmenschen und natürlich Sólstafir-Fans sollten Isafjørd aber mindestens ein neugieriges Ohr leihen.

KATRIN RIEDL

JORDFÄST

Av Stoft

Black Metal

NORDVIS/RTD (2 Songs / VÖ: erschienen)

3,5

Nordvis gehört zu den Labels, die meist sehr sorgfältig selektierte Musik einer sehr spezifischen Machart liefern, in diesem Fall eine neue Generation von explizit schwedischem, oft introvertiertem, folkigkammermusikalisch inszeniertem Black Metal. Der Kern des Portfolios um die Bergraven/Stilla/Grift-Blase ist fantastisch, Jordäst kann man grob als massiven, aber etwas gesichtslosen Trabanten darum sehen. Die Credits des Duos sind für alle, denen sowas wichtig ist, katastrophal: Melo-Death, Party-Grind, Re-Thrash – alles dabei. Umso grimmiger inszenieren sie ihre Alben: AV STOFT besteht wie das Debüt HÄDANEFTER aus genau zwei Songs und beschränkt sich auf gut 30 Minuten Spielzeit, in denen auch nicht sagenhaft viel Spektakuläres passiert. Immerhin: Statt nur eine Reihe pessimistischer Riffs aneinanderzuhäkeln, gibt es so etwas wie einen atmosphärischen Bogen für jeden Song, und die Monotonie hält sich in Grenzen. Warum das Ganze aber zwingend in dieser Breite ausgerollt werden muss, erschließt sich nicht. Als Soundtrack für einen verregneten Herbstsonntag taugt das Teil, aber süchtig macht es eher nicht.

ROBERT MÜLLER

JUDICATOR

The Majesty Of Decay

Power Metal

PROSTHETIC/CARGO (10 Songs / VÖ: 25.11.)

Nachdem sich Judicator vom Großteil des Lineups verabschieden mussten, schlägt die Truppe um Frontmann John Yelland neue Töne an. Zwar spielt der druckvoll und episch inszenierte Power Metal weiterhin eine wichtige Rolle, wird aber von massiven Progressive Metal-Passagen gekontert; selbst Ausflüge in den Black Metal-Bereich gibt es auf THE MAJESTY OF DECAY zu erleben – als musikalisch allerfeinste Kost. Dazu kommt der hohe Gesang, der dem Ganzen eine klassische Note verleiht und zu dem sich auch immer wieder kernige Heavy Metal-Riffs gesellen. Wer auf metallische Abwechslung steht und grandiose Gitarrenarbeit sowie griffige Arrangements schätzt, wird mit dem sechsten Studioalbum der US-Band eine unterhaltsame Abenteuerfahrt erleben – inklusive des Welt-Hits ‘The High Priestess’.

MATTHIAS WECKMANN

KAMPFAR

Til Klovers Takt

Black Metal

INDIE/SOULFOOD (6 Songs / VÖ: erschienen)

Die norwegischen Satansbraten Kampfar um Chef-Denker Dolk befinden sich momentan in einer bärenstarken Phase. Dies konnte man zuletzt hautnah auf Konzerten wie etwa beim Wacken Open Air oder der Walpurgisnacht zu Berlin erleben, lässt sich nun aber auch in Form ihres neunten Studiowerks feststellen. Für Band-Ultras ist dieses leider etwas enttäuschend, da es nur wenig Neues beinhaltet, sondern sämtliche (bislang allerdings nur digital erhältliche) Singleund EP-Veröffentlichungen von 2022 auf einem 45-Minüter versammelt. Die sechs langen Stücke vereinen heidnische Spielfreude, pure Erhabenheit und die einzigartige, von Gesängen gesäumte Atmosphäre, die in dieser Form und Vielfalt wohl nur Kampfar erbauen können – von den stellaren Klavierklängen in ‘Lausdans Under Stjernene’ und dem mantraartigen ‘Urkraft’ über mal apokalyptisch schrammelnde, mal immens dichte Offensiven wie ‘Fandens Trall’, ‘Flammen Fra Nord’ oder ‘Rekviem’ (mit englischen Text-Passagen) bis hin zum getragenen, gen Ende feierbaren Epos ‘Dødens Aperitiff’, das als einziger komplett neuer Song die Platte beschließt. TIL KLOVERS TAKT klingt tiefschwarz, bitterböse und dabei betörend – ein weit über das eigene Genre hinaus strahlender Hörgenuss!

KATRIN RIEDL

KASSOGTHA

Revolve

Death Metal

4,5

KLANG MACHINE/DISTROKID (9 Songs / VÖ: erschienen)

Häufig ist für Progressive Metal ein langer Atem vonnöten. Auf REVOLVE trifft dieser Umstand zwar nur bedingt zu, trotzdem kränkelt das Album an partieller Zähigkeit. Mit mehr als einer Stunde Spielzeit kratzen Kassogtha bereits empfindlich am Aufmerksamkeitsmaximum. Für manchen Genre-Liebhaber dürften die Schweizer dennoch wohltuende Überraschungen in der Hinterhand bereithalten. ‘Drown’ schwankt beherzt zwischen eindringlichen Vocals und tiefbösen Growls, ‘Complacency’ schlägt in ambivalent-aufpeitschende Emotionalität um, und ‘Awake’ lassen Kassogtha mit ungewöhnlicher Ruhe ausklingen. Ein knackiger Metalcore-Einschlag und femininer Gesang runden das anspruchsvolle Paket ab. Angesichts des Genres ist es fast unnötig zu erwähnen, dass sich keiner der Songs auch nur ansatzweise auf Airplay-Länge einpendelt; der Rausschmeißer ‘Save Us’ knackt sogar die Zehn-Minuten-Marke. Das Ergebnis bleibt nicht ohne Schwächen. Leider schaffen es Kassogtha nicht, über die komplette Dauer der Platte zu überzeugen. Sie verrennen sich in ausufernde Kompositionen, die leider nicht immer den für derartige Epen notwendigen Sogfaktor erzeugen. Stattdessen irrt die Band über weite Strecken umher und lässt REVOLVE zu einem zwar melodisch griffigen, aber nicht immer spannenden Album werden. Schade, hier ist eindeutig Luft nach oben – sofern die Lieder nicht noch ausladender werden, versteht sich.

TOM LUBOWSKI

KILL DIVISION

Peace Through Tyranny

Grindcore

REDEFINING DARKNESS (14 Songs / VÖ: erschienen)

2,5

Das zweite Album der Niederländer Kill Division hat nach zehn Sekunden direkt ein durchgehendes Problem: Nach einem an ‘Hit The Lights’ von Metallica erinnernden Einstieg durch ein durchpeitschendes Schlagzeug zeigt sich ein Fehler in der Produktion. Die Drums sind grundsätzlich in Ordnung, doch der Bass ist ein absoluter Störfaktor und blitzt immer wieder wie ein nerviges Metronom auf. Generell ist die Abmischung an der Grenze zu einem Demotape. Das mag Absicht sein, wirkt aber unpassend. Einige Songs wie ‘Surrounded By Filth’ können etwas Laune verbreiten und erinnern wegen der gesellschaftskritischen Thematik (und des ähnlichen Album-Covers) an SCUM von Napalm Death. Leider haben Kill Division im Gegensatz zu ihren britischen Kollegen 35 Jahre später jedoch nicht den Vorteil, dass dies bahnbrechend und neu wirkt, sondern ausgelutscht und stumpf. Die vereinzelt groovigen Riffs sorgen zwar für leichtes Kopfnicken, ansonsten wird man von PEACE THROUGH TYRANNY eher überfordernd berauscht als wohlig von krachender Brutalität erschlagen.

Eine volle Versenkung ist diese Platte nach neun Jahren Pause nicht. Mit genügend Liebe für Grind schafft man es auch durch die für ein Album dieses Genres recht langen 14 Songs. Viele Glanzmomente darf man aber nicht erwarten.

FLORIAN BLUMANN

THRESHOLD

Dividing Lies

Progressive Metal

5

NUCLEAR BLAST/RTD (10 Songs / VÖ: 18.11.)

Trotz aller Sängerwechsel haben sich Threshold in rund 30 Jahren ihre DNS bewahrt, das Ergebnis aber stets fleißig variiert. So schlägt auch DIVIDING LIES einen dezent anderen Ton an als zuvor LEGENDS OF THE SHIRES (2017): Das zweite Album nach der Rückkehr von Sänger Glynn Morgan wirkt etwas düsterer und in sich gekehrter als zuletzt. Und doch bekommen Fans, was sie an den Briten lieben: große Emotionen in packenden Melodien sowie heavy Gitarren von Karl Groom im Duett und Duell mit den mal schwebenden, mal vordergründigen Keyboards von Richard West. Speziell der Kontrast aus traditionellen (Prog) Metal-Sounds und moderneren Anklängen schafft Spannung und Atmosphäre. Oft genug ragen aus den zehn Midtempo-Stücken einzelne Höhepunkte heraus: ‘Complex’ fällt mit treibendem Sound und verspielten Synthies auf, ‘Let It Burn’ mit einnehmenden "Ohohoh"-Chören sowie aggressivkämpferischem Refrain, und in ‘Hall Of Echoes’ verschmelzen wie selbstverständlich moderne und Queen-artige Gitarren, Nightwish- und Deep Purple-Keyboards sowie melancholisch-hymnische Metal-Melodien miteinander. Zum Glück verstehen es Threshold, jedem Instrument seine glanzvollen Minuten einzuräumen, ohne Soli oder instrumentale Waberstrecken zum Selbstzweck verkommen zu lassen. Angesichts traditionell gehaltener Song-Strukturen ohne allzu wüste Ton- und Tempowechsel dürfen Expertenkreise diskutieren, ob das noch Prog Metal ist oder nur mit Elementen des Genres gespielt wird; der Zugänglichkeit (selbst in den Elfminütern ‘The Domino Effect’ und ‘Defence Condition’) ist das nur zuträglich. Dieses zwölfte Studiowerk mag für Threshold keinen großen Schritt nach vorne darstellen, aber ihren eigenen Status und den von Glynn Morgan als Nachfolger von Fan-Liebling Damian Wilson festigen.

SEBASTIAN KESSLER

Die Rückkehr von Sänger Glynn Morgan entpuppt sich immer mehr als wahrer Glücksgriff für Threshold. Dies liegt nicht nur am Gesang allein, sondern auch am noch variantenreicheren Songwriting, das jetzt auf drei Schultern (Morgan, Gitarrist Karl Groom, Keyboarder Richard West) verteilt ist. Vielfalt rules auf DIVIDING LINES! Gut so! Matthias Mineur (5,5 Punkte)

Threshold gelten aufgrund ihrer beeindruckenden Musikalität schon immer als Ausnahmegruppe. Umso schöner ist es festzustellen, dass sich Glynn Morgan als neuer, alter Sänger auch auf DIVIDING LINES stimmig einfügt und zum angenehm schmeichelnden Klang der Engländer beiträgt. In den besten Momenten entstehen abhebende, fast beflügelt klingende Prog-Hymnen wie ‘The Domino Effect’. In emotionaler wie textlicher Hinsicht liegt die Truppe sowieso ganz weit vorne. Katrin Riedl (5 Punkte)

MYTHOSPHERE

Pathological

Progressive Metal

CRUZ DEL SUR/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: 18.11.)

3,5

Prog-Fans, die tief in der Materie stecken, könnten die Mitglieder dieser Band bereits kennen. Jene konnten sich nämlich durch Fates Warning, Beelzefuzz und Pale Divine einen Namen in der US-amerikanischen Szene machen. PATHOLOGICAL ist nun das erste Werk ihres neuen Projekts, mit dem sich die Musiker auf den Weg zurück in die Achtziger begeben. Nicht alles an diesem Debüt zieht einen richtig an. Das Tempo etwa, das die Platte dominiert, ist ein mittellangsamer Gleichschritt, der sich nur hin und wieder in schnellere Sphären wagt. Sänger Dana Ort weiß den Hörer durchaus zu entführen, wie etwa sein mehrstimmiger Chor in ‘For No Other Eye’ zeigt, entkommt dabei nur leider nie seinen stets ähnlich klingenden Gesangslagen. Und auch Sound-technisch könnte man noch einiges rausholen: Der Old School-Klang mag eine bewusste Entscheidung sein – durch einen kleinen Hauch Moderne würde das Achtziger-Feeling jedoch sicher nicht verlorengehen. Immerhin: Über Geschmack lässt sich streiten, nicht aber über technisches Können. Dieses kann bei Mythosphere trotz aller Kritik wenig angezweifelt werden. Vor allem die Gitarrenarbeit sticht hervor (rhythmisch wie solistisch in ‘Walk In Darkness’), während das leicht gespenstische Gewand der Gesangsmelodien dem Album durchaus zugutekommt. Echten Liebhabern des Progressiven könnte die Platte also Freude bereiten – um mehr zu erreichen, bräuchte sie ein breiteres Spektrum.

RAPHAEL SIEMS

NICKELBACK

Get Rollin’

Rock

BMG/WARNER (11 Songs / VÖ: 18.11.)

4

Für mich haben Nickelback diverse Seiten. Einerseits die griffigen Heavy Rock-Nummern, die speziell live alles wegballern, dann die extrem clever produzierten Modern Rock-Lieder, bei denen das US-Radio abspritzt, und dann die Balladen, die mich permanent zum Brechen bringen. Direkt zu Beginn stellen Nickelback sicher, dass sie noch immer zum Rock-Bereich gezählt werden müssen. Die bratenden Gitarren der ersten Single ‘San Quentin’ und des folgenden Lieds ‘Skinny Little Missy’ versengen unerbittlich Nackenhaare, bevor ich mich zu dem unsäglichen Mitklatschschmachtfetzen ‘Those Days’ erstmals übergebe.

Auch ‘Does Heaven Even Know You’re Missing’ und ‘Horizon’ räumen unweigerlich das Gesicht aus (das etwas abgehangene Alternative Rock-Pendant ‘Tidal Wave’ und das an Metallicas LOAD-Ära erinnernde ‘Steel Still Rusts’ verursachen deutlich weniger Magenschmerzen). Mir bietet GET ROLLIN’ zu viele ruhige Momente, und darunter leidet deutlich die Dynamik der Scheibe. Aber dann gibt es eben auch noch den grandiosen 7-Punkte-Abschluss ‘Just One More’, der als Vorlage an alle Musikschulen verteilt werden sollte – exakt so komponiert, produziert und arrangiert man einen mitreißenden Hit. Nickelback waren, sind und bleiben eine Hassliebe.

MATTHIAS WECKMANN

OFDRYKKJA

After The Storm

Neofolk

3

AOP/EDEL (7 Songs / VÖ: erschienen)

Achtung: Ofdrykkja spielen 2022 nicht ansatzweise Metal. Einst mit beiden Beinen noch relativ bodenständig im Black Metal verhaftet, liebäugelten die Schweden im Lauf der Jahre mehr und mehr mit Folk-Einflüssen. Wuchs dieser Anteil 2017 mit IRRFÄRD, war auf GRYNINGSVISOR nur noch teilweise eine verzerrte Gitarre zu hören. Mit AFTER THE STORM wurde sich jetzt von den Band-Wurzeln losgesagt, auch wenn das Presseinfoschreiben das Gegenteil behaupten mag. Der Geist des Metal mag irgendwo sein, aber nicht hier. Aus ästhetischer Perspektive mögen der einschläfernde Gesang und die sehr getragenen Melodien nett sein, aber Metal-Fans sollten lieber die Beine in die Hand nehmen. Wer nicht unbedingt Metal braucht, aber wenigstens auf Pathos, spannende Kompositionen oder sorgsam inszenierte Spannungsbögen à la Wardruna hofft, ist ebenfalls fehl am Platz. AFTER THE STORM plätschert wie ein leichter Nieselregen vor sich hin. Für gelungene Herbstdepressionen greift man als Metal-Fan besser zu My Dying Bride, auch wenn Ofdrykkja ähnlich klingen. Nun, zumindest, wenn man Ersteren den Strom abstellen und die richtige Mischung aus Valium und LSD einwerfen würde. Das soll nicht gehässig klingen, sondern lediglich recht hilflos den zelebrierten Sound aus der Perspektive eines Metal-Fans zu beschreiben versuchen. Apropos Metal-Fan: Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu hören.

MARTIN WICKLER

THE OFFERING

Seeing The Elephant

Modern Metal

5

CENTURY MEDIA/SONY (10 Songs / VÖ: erschienen)

Jetzt drehen The Offering richtig auf. Oder durch. Schon das Debüt HOME (2019) bot überraschende Wendungen in Serie, aber SEEING THE ELEPHANT setzt dem Ganzen vorerst die Krone auf – und zwar schon im ersten Lied ‘W.A.S.P.’. Beginnend mit einem turbulenten Einstieg, bei dem man sich fragt, ob die Band während der Songwriting-Phase zu oft ‘The Heretic Anthem’ (Slipknot scheinen allgemein eine große Inspirationsquelle zu sein) lauschte, entwickelt sich das Lied innerhalb von siebeneinhalb Minuten in eine salbungsvolle System Of A Down-Richtung (die oft eingeschlagen wird), bevor das ganze Gebilde irgendwo in Progressive Metal-Sphären verglüht. Das Quartett interpretiert Modern Metal um Welten kreativer (man könnte auch sagen: wilder und chaotischer) als der Großteil der Genre-Kollegen. Wer feiste Riffs und hohe Musikalität sucht, wird hier definitiv fündig. Man braucht aber starke Nerven – geschenkt wird einem auf SEEING THE ELEPHANT gar nichts. Manche Ecken und Kanten könnten noch ein wenig Politur vertragen, einiges wirkt überfrachtet, aber dafür wird man mit der vielleicht spannendsten (und enthemmtesten) Veröffentlichung dieses Monats belohnt.

MATTHIAS WECKMANN

OUR MIRAGE

Eclipse

Post Hardcore

ARISING EMPIRE/EDEL (12 Songs / VÖ: 25.11.)

4,5

Mit ECLIPSE werfen Our Mirage ihren neuen Langspieler in den Ring und treffen damit direkt einen Nerv: Auf dem dritten Werk der Gruppe aus Marl geht es nämlich um mentale Probleme, Schmerz sowie Ängste, mit denen die Menschheit oft zu kämpfen hat. Passend zur Thematik ist der Klargesang sehr melancholisch und gefühlvoll, sind die Screams verzweifelt – fast schon herzzerreißend. Beispielhaft dafür sind Titel wie ‘Suffocation’, ‘Black Hole’, ‘Calling You’ oder ‘Remedy’. Was aber auch nicht überhört werden kann, ist die gesangliche Ähnlichkeit zwischen dem Our Mirage Sänger und Brian Burkhaiser, dem Klarvokalisten der amerikanischen Truppe I Prevail. Der Gesang wie auch die vielen Emotionen, die einem das ein oder andere Mal sogar eine Gänsehaut verpassen könnten, sind auf jeden Fall die größte Stärke dieser Platte. Die Lieder gleiten zwischen Post Hardcore und Metalcore, sind von der milderen Sorte und weisen keine großen Besonderheiten oder Wow-Momente auf. Zwei Songs stechen dennoch ein bisschen heraus, und zwar der etwas dynamischere Opener ‘Awakening’ mit seinen Rap-Passagen sowie ‘Summertown’, das sich vielmehr dem Pop Punk zuordnen lässt. Im Großen und Ganzen ist ECLIPSE ein annehmbares Werk und eignet sich am besten für Anhänger von Bands wie zum Beispiel Beartooth, We Came As Romans oder I Prevail. Sucht man aber brutales Moshpit-Material oder fiese Breakdowns, ist man hier an der falschen Adresse.

AMANDA DIZDAREVIC

R.A.M.B.O.

Defy Extinction

Hardcore Punk

RELAPSE/MEMBRAN (17 Songs / VÖ: erschienen)

3,5

Vor 15 Jahren spielten R.A.M.B.O. ihr letztes Konzert, danach folgte die Auflösung. Im Jahr 2022 stehen die Freunde aus Philadelphia ihrem Heimatland abermals äußerst kritisch gegenüber. Ein Grund für ihre Reunion ist die „erwachsenere Sicht auf die aktuelle Lage“, ein anderer die Freundschaft unter den Band-Mitgliedern.

OUR MIRAGE

Eclipse

Post Hardcore

ARISING EMPIRE/EDEL (12 Songs / VÖ: 25.11.)

4,5

Mit ECLIPSE werfen Our Mirage ihren neuen Langspieler in den Ring und treffen damit direkt einen Nerv: Auf dem dritten Werk der Gruppe aus Marl geht es nämlich um mentale Probleme, Schmerz sowie Ängste, mit denen die Menschheit oft zu kämpfen hat. Passend zur Thematik ist der Klargesang sehr melancholisch und gefühlvoll, sind die Screams verzweifelt – fast schon herzzerreißend. Beispielhaft dafür sind Titel wie ‘Suffocation’, ‘Black Hole’, ‘Calling You’ oder ‘Remedy’. Was aber auch nicht überhört werden kann, ist die gesangliche Ähnlichkeit zwischen dem Our Mirage Sänger und Brian Burkhaiser, dem Klarvokalisten der amerikanischen Truppe I Prevail. Der Gesang wie auch die vielen Emotionen, die einem das ein oder andere Mal sogar eine Gänsehaut verpassen könnten, sind auf jeden Fall die größte Stärke dieser Platte. Die Lieder gleiten zwischen Post Hardcore und Metalcore, sind von der milderen Sorte und weisen keine großen Besonderheiten oder Wow-Momente auf. Zwei Songs stechen dennoch ein bisschen heraus, und zwar der etwas dynamischere Opener ‘Awakening’ mit seinen Rap-Passagen sowie ‘Summertown’, das sich vielmehr dem Pop Punk zuordnen lässt. Im Großen und Ganzen ist ECLIPSE ein annehmbares Werk und eignet sich am besten für Anhänger von Bands wie zum Beispiel Beartooth, We Came As Romans oder I Prevail. Sucht man aber brutales Moshpit-Material oder fiese Breakdowns, ist man hier an der falschen Adresse.

AMANDA DIZDAREVIC

R.A.M.B.O.

Defy Extinction

Hardcore Punk

RELAPSE/MEMBRAN (17 Songs / VÖ: erschienen)

3,5

Vor 15 Jahren spielten R.A.M.B.O. ihr letztes Konzert, danach folgte die Auflösung. Im Jahr 2022 stehen die Freunde aus Philadelphia ihrem Heimatland abermals äußerst kritisch gegenüber. Ein Grund für ihre Reunion ist die „erwachsenere Sicht auf die aktuelle Lage“, ein anderer die Freundschaft unter den Band-Mitgliedern.

Das Amerika unserer Zeit bietet nach den turbulenten Jahren mit Trump viel Angriffsfläche für wütende Songs, und so macht DEFY EXTINCTION bereits mit dem Cover klar, wem sie an den Kragen wollen: den Anhängern des vorherigen US-Präsidenten. Ihre Meinung verpacken sie meist in Gangshouts im Hardcore-Stil gepaart mit gezähmten Punk-Riffs, ähnlich denen von zeitgenössischen Genre-Größen wie Stick To Your Guns. Dabei können sie instrumental wesentlich besser überzeugen als mit den auf Dauer etwas stumpfen Growls von Tony Croasdale. Die 17 Songs flutschen für solch ein Wutthema wie die Idiotie von Trump-Sympathisanten doch etwas zu ereignislos und behäbig durchs Gehör. Mehr Aggression wäre stellenweise wünschenswert gewesen, ansonsten können R.A.M.B.O. mit ihrem Comeback solide unterhalten.

FLORIAN BLUMANN

SARCATOR

Alkahest

Black Thrash

5

BLACK LION (9 Songs / VÖ: erschienen)

An Sarcator sieht man, dass der Metal-Spirit einfach niemals ausstirbt: Die Herren aus Schweden sind mit ihrer Altersspanne von 17-23 Jahren noch junge Hüpfer, zeigen jedoch schon auf ihrer zweiten Platte ALKAHEST, was sie können. War ihr Debüt REDEFINING DARKNESS noch stark von Metallica und Slayer geprägt, finden sie nun einen eigenen Stil. Sie wollen in neue Territorien vorstoßen und versuchen sich erfolgreich an Black-Riffs und Punk-Rhythmen (besonders hörbar in ‘Perdition’s Hand’). Auch wenn es klingt, als wollen sich die jungen Schweden noch etwas in jedem Genre austoben, reihen sie die einzelnen Versatzstücke sehr stimmig und schlüssig zusammen. Trotz der fiesen und äußerst gelungenen Growls von Sänger Mateo Tervonen spürt man mit jedem Track den Spaß der Jungs. Ist nur zu hoffen, dass sie auch so klingen wollen – denn ALKAHEST ist kein Werk für Finsternisfreunde, sondern eher eine Party-Platte. Doch auch die Black-Anhänger können sie mit dem Siebenminüter ‘Dreameater’ abholen. Beachtlich ist, dass Sarcator sogar in längeren Stücken wie dem zehnminütigen Titel-Track oder ‘He Who Comes From The Dark’ die Spannung halten können. Die Schweden liefern mit ALKAHEST besser ab als manch ein Metal-Veteran.

FLORIAN BLUMANN

ZEKE SKY

Intergalactic Demon King

Progressive Metal

5

ATOMIC FIRE/WARNER (11 Songs / VÖ: erschienen)

Sich selbst als „Warrior Poet Of Metal“ zu bezeichnen, ist eine Ansage. Ein Album bis auf das Schlagzeug komplett allein aufzunehmen, auch. Wirklich alles selbst zu machen, kann die Gefahr bergen, nichts davon gut zu können – Multiinstrumentalist und Sänger Zeke Sky allerdings beweist auf seinem Debüt das Gegenteil. Das Bild, welches Titel und Cover vermitteln, ist für INTERGALACTIC DEMON KING fast schon hinderlich – der überladene Kitsch des Ersteindrucks weicht beim Hören nuancierter Epik. Zeke Sky bietet eine Menge an, mischt zahlreiche Subgenres, doch innerhalb eines Songs wird es nie zu viel. In ‘Light The Sky’ beruft er sich auf voranpreschenden Heavy Metal, ‘Light In The Hollow’ bietet Growls, der Ohrwurm ‘Level The Heights’ startet mit opernhaftem Gesang, und nicht nur ‘On The Top Of The Tongue’ und ‘Faith And Sorrow’ könnten problemlos Titelmelodien von Fantasy-Serien sein. Hier ein bisschen Thrash, dort ein bisschen Prog – den roten Faden im Genrepotpourri bietet die Gitarrenarbeit des US-Amerikaners. Besonders schön zusammengeführt wird das Album im Instrumental ‘Fire Witch’. INTERGALACTIC DEMON KING klingt wie ein komplex vertontes Märchenbuch – und so überraschend das bei dieser Aufmachung auch sein mag, irgendwie ergibt am Ende sogar Zeke Skys Selbstbezeichnung einen Sinn. Wofür der „Warrior Poet“ kämpft? Keine Ahnung – aber dieses Debütalbum ist wahrlich kein schlechter erster Schlag.

ANNIKA EICHSTÄDT

SOULDRAINER

Departure

Melodic Death Metal

5

BLACK LION (9 Songs / VÖ: 25.11.)

Seit Souldrainers ARCHI-TECT-Album sind ganze acht Jahre vergangen. Umso intensiver und bedrohlicher wirkt nun DEPARTURE – und zwar bewusst: Unter ihrem ausgekoppelten YouTube-Video von ‘Rats Of The International Race’ schreibt die Band: „Wir haben dafür gesorgt, dass jeder Song euch mit Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, Leere, Wut und Verzweiflung zurücklässt.“ Nun, man könnte sagen, die Jungs haben ihr Ziel erreicht. Die Songs leben von einer enormen Brutalität, die durch tiefe Growls, messerscharfe Riffs und stets langsamen, jedoch absolut wirksamen Rhythmen entsteht. Vor allem die orchestralen Klänge, die immerzu dezent im Hintergrund ertönen, lassen das Ganze dabei sehr mächtig erscheinen (besonders deutlich in ‘Council Of Five’ oder ‘I Abort You’). Auch wenn die Schweden häufig ähnliche Stilelemente verwenden und damit teils zur Monotonie neigen, kriegen sie doch die Kurve, indem sie zwischen den langsamen Rhythmen schnellere Banger einstreuen (wie etwa ‘Paint The World In Lies’) oder auf besondere Effekte zurückgreifen wie die Spieluhr zu Beginn von ‘One Last Shot’. DEPARTURE ist ein starkes und brachiales Album, dem Genre-Fans eine Chance geben sollten.

RAPHAEL SIEMS

SPIRITWORLD

Deathwestern

Thrash/Hardcore

4,5

CENTURY MEDIA/SONY (11 Songs / VÖ: 25.11.)

Ja, was denn nun – Death Metal oder Country-Musik? Nach der Veröffentlichung ihres ersten Langspielers PAGAN RHYTHMS fragen sich Spiritworld-Kenner erst einmal zurecht: Was hat es mit den Genre-Andeutungen in den Albumtiteln auf sich? Zum Debüt vor genau einem Jahr fühlte man sich als Pagan-Anhänger böse zum metallischen Hardcore hinters Licht geführt. Da liegt es nahe, dass vorerst einige Vertrauensarbeit geleistet werden muss. Der Opener stimmt minutiöse Hörer zufrieden, denn mehr Western geht bei diesem Country-Gitarrenspiel nicht. Schön, dass die erwartete Kehrtwende nicht lange auf sich warten lässt, denn ihre ausgewogene Mischung aus thrashiger Grundlage und Hardcore’schen Feinheiten haben Spiritworld auf ihrem jüngsten Werk perfektioniert. Anschauliche Beispiele für die gelungene Symbiose sind halsbrecherische Stücke wie ‘Moonlit Torture’ oder ‘Crucified Heathen Scum’. Während man bei Letzterem die kurze Spielzeit bedauert, werden die Titel ‘Purafied In Violence‘, ‘U L CER’ und ‘Committee Of Buzzards’, in denen man zeitweise auf mehr Varianz hofft, als länger empfunden. Auf die gesamte Platte gesehen tun die paar Momente der Stagnation dennoch nicht so sehr weh: DEATHWESTERN ist von einem Country-Rahmen umgeben, der einen Metallic Hardcore-Kern im Inneren trägt und viele eingängige Mosh-Melodien mitbringt. Spiritworlds Werke sind eben wie Pralinenschachteln – (trotz Beschriftung) weiß man nie richtig, was man bekommt.

CASSANDRA HILLGRUBER

STRANGER VISION

Wasteland

Power Metal

4

PRIDE & JOY/SOULFOOD (12 Songs / VÖ: erschienen)

Gerade mal anderthalb Jahre ist es her, dass die aus der lauschigen Po-Ebene (an dieser Stelle wird ausnahmsweise auf einen Flachwitz verzichtet) stammenden Power-Metaller Stranger Vision mit ihrem Debüt POETICA einen beindruckenden Karrierestart hinlegten. Auf jenem Album ist kein schlechter Song – und diese Erwartung hat man ebenfalls nach dem grandiosen Auftakt des neuen Werks. Mit keinem Geringeren als Hansi Kürsch von Blind Guardian als Gastsänger hauen einem die Italiener nach dem obligatorischen Film-Score-Intro ein ganz schönes Brett um die Ohren. Hartes Riffing, das passenderweise an Blind Guardians Frühwerk erinnert, gepaart mit kurzen, melodiöseren Momenten und natürlich wieder dem spitzenmäßigen Saitengezappel von Gitarrist Riccardo Toni. Allerdings wird es nach dem Titel-Track bedeutend ruhiger: mit dem seicht im Hintergrund herum-klimpernden Klavier und dem schnulzigen Chorus wirkt ‘Handful Of Dust’ leider recht unbeeindruckend. Genauso wie die anderen sanften Songs des Albums (allen voran die Schnarchballade ‘Under Your Spell’). Beim langsamen, dramatischen Tempo passt Ivan Adamis Stimme einfach nicht recht. Er bewegt sich stimmlich eher im tieferen Segment der Töne – was tausendmal besser zu rabiateren Nummern wie dem Gröler ‘Desolate Sea’ (der ein absolut geniales, sich in Neoklassik auslassendes Gitarrensolo mitbringt) oder ‘The Road’ passt. Genau deshalb funktionieren diese auch – wie bei Album numero uno – hervorragend. Nächstes Mal bitte mehr davon!

SIMON LUDWIG

THEOTOXIN

Fragment : Totenruhe

Black Metal

AOP/EDEL (9 Songs / VÖ: erschienen)

4,5

Das österreichische Quintett Theotoxin wurde 2016 gegründet und legt mit FRAGMENT : TOTENRUHE bereits das vierte Album vor. Müßiggang scheint der Band nicht zu liegen. Aber leidet die Qualität unter diesem recht kurzen Albumzyklus? Klares nein, diese Scheibe muss sich definitiv nicht hinter ihrem Vorgänger FRAGMENT : ERHABENHEIT verstecken, welcher übrigens ebenso in der Klangschmiede E (Eisregen, Dornenreich etc.) produziert wurde. Das Klangbild beider Scheiben ähnelt sich somit – im direkten Vergleich scheinen die neuen Songs höheren Fokus auf Härte zu legen, der Anteil an Blastbeats ist ein wenig gestiegen. Hier passt das Marduk-Cover von ‘Frontschwein’ gut ins Bild, welches das Album abschließt und sich recht stimmig ins musikalische Gesamtbild einfügt. Richtig glänzen können Theotoxin allerdings meist in puncto abwechslungsreiches Songwriting, da ihre Interpretation von Black Metal zwar wohlgemerkt nicht auf stilfremde Experimente setzt, aber sich innerhalb der Stilistik viel Spielraum nimmt. Langsame, treibende Passagen, Akustikgitarren, ordentlicher Groove, eingängige Riffs, aber auch das nötige Quäntchen Melodie, um nicht in Monotonie abzudriften. FRAGMENT : TOTENRUHE ist sehr unterhaltsamer Black Metal, den man als Genrefan durchaus antesten sollte. Gegebenenfalls live, da die Band mit Archgoat und Whoredom Rife im Zeitraum Oktober/ November auf Tournee ist.

MARTIN WICKLER

THY LISTLESS HEART

Pilgrims On The Path Of No Return

Doom Metal

HAMMERHEART/SPV (7 Songs / VÖ: 18.11.)

4,5

Nachdem der von einer verzerrten Sologitarre getragene Einstieg des Openers ‘As The Light Fades’ zunächst etwas beliebig vor sich hin plätschert, entlädt sich mit dem Einsetzen des Gesangs auf einmal die über anderthalb Minuten hinweg aufgebaute Stimmung, und der Song entfaltet sich in überraschender Epik und Eingängigkeit. PILGRIMS ON THE PATH OF NO RETURN ist für dieses Projekt zwar das Debütalbum, aber dass Mastermind Simon Bibby nicht erst seit gestern musiziert, ist nicht zu überhören. In Stücken wie ‘The Precipice’, ‘Yearning’ oder auch ‘The Search For Meaning’ kommt ein feines Gespür für Dynamik zum Ausdruck. Am Musical-haften ‘When The Spirit Departs The Body’ werden sich die Geister scheiden – des einen Kitsch ist bekanntlich des anderen Stoff für Gänsehaut –, doch der nachfolgende Brecher ‘Confessions’ macht das mit dicken Gitarrenwänden wieder wett. Gelungenes Album für Fans von Epic Doom.

KONSTANTIN MICHAELY

DER TRAUERSCHWAN

Sanguinare Vampiris

Dark Metal

SOULSELLER/SEASON OF MIST (7 Songs / VÖ: 25.11.)

Der Trauerschwan vertont auf seinem Debüt „das nackte Tagebuch eines Vampirs – inspiriert von den englischen Dichtern der Romantik“. Trauerschwan? Vampir? Wo ist das ‘Star Trek’-Fremdschäm-Meme, wenn man es in der echten Welt braucht? Ganz so schlimm ist SANGUI-NARE VAMPIRIS aber doch nicht, denn: Unter der dicken Klischeedecke schlummert manch interessante, wenn auch nicht immer ausgereifte oder gar innovative Idee. ‘Of Broken Vows And Sorrow’ erinnert aufgrund eindringlicher Melodieführungen beispielsweise entfernt an einen Schrei der Menschheit aus der Kehle einer sterbenden Braut. Und, ja, die morbide, von kriechenden Rhythmen und gekrächzter Seelenpein heraufbeschworene Stimmung in ‘To Where No Pathway Goes’ oder ‘The Malady Of Mortality’ streichelt das misanthropische Herz durchaus. Richtig überspringen will der Funke allerdings nicht: Der Trauerschwan alias Tristan Moreau alias Ex-Hetroertzen-Bassist Ham zitiert seine Black- und Doom Metal-Idole respektvoll, ohne eigene Impulse hinzuzufügen. SANGUINARE VAMPIRIS vermittelt immer wieder den Eindruck, als habe sich der Schwede als Multiinstrumentalist, Produzent und Gestalter übernommen und sein Werk verfrüht zur Veröffentlichung freigegeben, statt Arrangements weiter zu verfeinern und externe Meinungen beziehungsweise Hilfe einzuholen. Der Song ‘Out Of Sight, Out Of Mind’ fasst die Problematik des Albums dementsprechend unfreiwillig zusammen.

DOMINIK WINTER

VITTRA

Blasphemy Blues

Melodic Death Metal

5

EMRINC./BORDER MUSIC SWEDEN (9 Songs / VÖ: erschienen)

Wie jeder von uns weiß, gibt es schwedische Melodic Death Metal-Bands wie Sterne am Himmel. Bei solch einem großen Angebot ist es natürlich schwer, sich von der Masse abzuheben. Für Vittra scheint dies aber kein allzu großes Problem zu sein: Mit BLASPHEMY BLUES und dem darauf vorhandenen Mix aus Thrash- und Death Metal sowie vereinzelten Ausflügen in das Black Metal-Terrain gelingt es ihnen problemlos, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es ist aber nicht nur das, was die Band interessant macht: Die von den alten In Flames, At The Gates und Dissection stark beeinflussten Schweden veröffentlichen erst fünf Jahre nach ihrer Gründung dieses Debütalbum. Zuvor ließen sie 2021 ihre EP WARDENS auf uns los. Hier fragt man sich nun, ob es tatsächlich ihr erster Langspieler ist. Kaum zu glauben, da Vittra auf BLASPHEMY BLUES enorm erfahren, professionell und authentisch klingen. Die Herren wissen ganz genau, was sie tun. Vom Gesang bis hin zu den Instrumenten ist alles stimmig, und den Rhythmus- und Tempowechsel meistern sie mühelos – langweilig wird es daher nicht. Titel wie ‘Halls Of Ancients’, ‘Self-Loathing’ oder ‘Temptation’ treten durch die rasanten Soli und Riffs besonders in den Vordergrund. Nach diesem soliden Debüt kann die Vorfreude auf zukünftige Werke des Quartetts nur groß sein.

AMANDA DIZDAREVIC

WARKINGS

Morgana

Power Metal

4

NAPALM/UNIVERSAL (12 Songs / VÖ: erschienen)

Die Geschichten um die vier Kriegskönige aus Valhalla gehen in die nächste Runde – immerhin haben Warkings noch nie lange auf ein neues Album warten lassen. So marschiert der vierte Longplayer gewohnt temporeich-metallisch durch die Boxen und hält doch einige Überraschungen parat. Zunächst präsentiert sich eine neue Verbündete: die sagenumwobene Zauberin Morgana le Fay, die zweifelsohne mit ihren betörenden Growls bereits den Opener ‘Hellfire’ in Schutt und Asche fetzt – und dabei ganz neue Akzente im musikalischen Schaffen von Warkings setzt. Respekt! Denn diese neu gewonnene brachialdüstere Atmosphäre schmiegt sich perfekt in die ansonsten generische Power Metal-Klanglandschaft. Klare Anspieltipps: das mystisch-orientalische ‘Heart Of Rage’ und der grollende Headbanger ‘Monsters’. Wer es kaum abwarten kann, mit in die Schlacht zu ziehen, dem bieten sich etliche Möglichkeiten, etwa im stampfend-schönen ‘Shame’, der Schlachthymne ‘To The King’ oder dem schaurigen, sakral angehauchten ‘Last Of The English’. Krieger und Schildmaiden müssen sich dafür nicht einmal in Geduld üben, touren Warkings doch bereits mit Dragonforce und Powerwolf im Rahmen der Wolfsnächte. Wie passend, dass MORGANA gleich mit zwei Bonustracks (‘Armata Strigoi’ und ‘Cry Thunder’) aufwartet, eingängige Melodien und starke Riffs wie Salven abfeuert und jede Menge Headbang-Potenzial bereithält.

BIANCA HÄRTZSCH

NEU AUFGELEGT

CELTIC FROST

Danse Macabre – Deluxe Box Set

Avantgarde Metal

BMG/WARNER (91 Songs / VÖ: erschienen)

Celtic Frost gehören zu den einflussreichsten Bands des extremen Genres, das steht ganz außer Frage. Die Karriere der Schweizer um Tom G. Warrior und Martin Eric Ain (Letzterer verstarb 2017 unerwartet) umspannte viele unterschiedliche Phasen. Diese luxuriöse Box, die den Titel DANSE MACABRE trägt, fasst ausschließlich die ersten drei Jahre der Band zusammen und präsentiert nahezu alle Aufnahmen von 1984 bis 1987. Diese Zusammenstellung enthält die Alben MORBID TALES, TO MEGA THERION und INTO THE PANDEMONIUM sowie die EPs EMPEROR’S RETURN, TRAGIC SERENADES, I WON’T DANCE und THE COLLECTOR’S CELTIC FROST. Der Vinylversion liegt die ‘Visual Aggression’-7“ bei, ein Tape mit Band-Proben aus dem Jahr 1984 und ein 40-seitiges Buch mit einigen unveröffentlichten Fotos aus der Frühphase der Band sowie aktuellen Interviews. Damit nicht genug, findet ihr einen Heptagram-USB-Stick, der mit dem kompletten Audiomaterial des Boxsets als MP3 bestückt ist. Weiterhin: Ein gewebter DANSE MACABRE-Patch, ein doppelseitiges Poster sowie ein Abzeichen des Necromaniac-Union-Fanclubs runden dieses Fan-Package ab. Die CD-Version umfasst fünf CDs mit allen Songs, aber ohne Poster und USB-Stick. Für Sammler ist allem voran die auf 1.000 Exemplare limitierte Mailorder-Edition interessant. Für alle anderen, die beim Thema Celtic Frost nie wirklich wussten, wo sie beginnen sollen, ist DANSE MACABRE der perfekte Einstieg.

PETRA SCHURER

AYREON

Universal Migrator Part I & II

Progressive Metal

MASCOT/RTD (20 Songs / VÖ: 18.11.)

Hier kommt erneut zusammen, was zusammengehört: 2000 wurden die beiden UNIVERSAL MIGRATOR-Teile THE DREAM SEQUENCER und FLIGHT OF THE MIGRATOR als separate Alben veröffentlicht. Ayreon-Projektleiter Arjen Lucassen wollte damit sowohl den Metal- als auch den Progressive Rock-Hörern unter seinen Fans etwas Gutes tun – mit dem Ergebnis, dass diese dann doch beide Alben gleichermaßen ins Herz schlossen. Rückblickend kein Wunder: Das schwere, verdrehte, entrückte PART II: FLIGHT OF THE MIGRATOR präsentiert mit Bruce Dickinson den bis heute spektakulärsten Gastsänger einer jeden Metal-Oper; aber auch Damian Wilson, Ralf Scheepers und Co. veredeln den vertonten Trip durch Weltraum und Wurmlöcher. Ein Stück geerdeter, mit größerem Fokus auf folkige und bombastische Melodien sowie erhabene Pink Floyd-Momente geht es auf dem metallischen Zeitreisealbum PART I: THE DREAM SEQUENCER zu – mit unter anderem Floor Jansen, Johan Edlund und Neal Morse. Schon 2012 zusammengeführt, ist es exakt zehn Jahren später Zeit für ein tiefgreifendes Remixing und Remastering, für welches Lucassen unter anderem alte Achtspur-Bänder digitalisiert hat. Nicht nur lassen sich dadurch die Songs neu entdecken: Die Bonus-CD (die uns zur Rezension leider nicht vorlag) enthält alternative Gesangslinien und unveröffentlichte Stücke. Wer es noch opulenter möchte: Vinyl- und CD-Special Editions kommen je nach Ausstattung mit Artbook, 40-seitigem Comic und Bonus-DVD.

SEBASTIAN KESSLER

Type O Negative DEAD AGAIN (Nuclear Blast/RTD)

Wer das letzte Studioalbum von Peter Steele auf Vinyl besitzen möchte, muss derzeit noch tief in die Tasche greifen (rund 200 Euro auf den gängigen Händlerplattformen). Doch dieser Missstand wird Ende November behoben. Zum 15. Jubiläum gibt es diverse Live-Mitschnitte, auch vom einzigen Wacken-Auftritt. Allein aus diesem Grund ein Pflichtkauf. Die Vinylversion gibt es zudem – wie sollte es anders sein – in schickem Splitter-Grün.

(FLORIAN BLUMANN)

Vio-Lence ETERNAL NIGHTMARE (Metal Blade/Sony)

Immer wieder schön, wenn Bay Area-Klassiker eine Neuabmischung erhalten. Dieses ultraschnelle Thrash-Juwel erscheint mit einem Live-Mitschnitt von 2001 aus dem legendären Slims in San Francisco. Auch wenn hierbei keine Hochglanzaufnahme erwartet werden kann, geht die Qualität weit über ein Bootleg hinaus. Ein spätes Genrehighlight für dieses Jahr.

(FLORIAN BLUMANN)

LEAGUE OF DISTORTION

League Of Distortion

Modern Metal

NAPALM/UNIVERSAL (10 Songs / VÖ: 25.11.)

5

Es ist schon eine Seltenheit, wenn Newcomer nicht wie „eine Kopie von ...“ klingen. League Of Distortion gehören zu dieser kleinen Gruppe: Sie haben Wiedererkennungswert – besonders stimmlich. Das rauchige Power-Organ von Frontfrau Anna „Ace“ Brunner kennt man von Exit Eden oder einigen Gastauftritten, beispielsweise bei Kissin’ Dynamite. Gemeinsam mit deren Gitarrist Jim „Arro“ Müller gründete sie 2020 League Of Distortion. Für das Bandbetitelte Debüt wurden noch Drummer Tino „Aeon“ Calmbach und Bassist Felix „Ax“ Rehmann dazugeholt. Sinnbildlich für die Platte stehen die Single-Auskopplungen ‘Wolf Or Lamb’ und ‘My Revenge’. Eingängige Melodien, starke Riffs und subtil verwendete Synth-Klänge bleiben recht schnell im Gehörgang. Für ‘It Hurts So Good’ wurde sich Unterstützung von Annisokay geholt, was recht gut passt. Auch lyrisch gibt es in der Gesamtheit nichts zu meckern. Die Texte sind direkt und ehrlich. Nummern wie ‘Solitary Confinement’ oder das schwermütige ‘SIN’ vermitteln sogar sehr persönliche Eindrücke. Abgesehen vom leicht nervigen Refrain in ‘L.O.D.’ sammelt LEAGUE OF DISTORTION nicht besonders viele Minuspunkte. Ace und ihre Jungs beherrschen ihr Handwerk und rotzen nicht einfach halbherzig etwas daher. Wer ein offenes Ohr für frischen Modern Metal mit weiblicher Rock-Röhre hat, sollte reinlauschen.

HEIDI SKROBANSKI

LEATHER

We Are The Chosen

Heavy Metal

STEAMHAMMER/SPV (10 Songs / VÖ: 25.11.)

5

Dass Sängerin Catherine Anne Leone alias Leather Leone schon über 60 sein soll, kann man nach dem Hören ihres dritten Soloalbums WE ARE THE CHOSEN kaum glauben. Leone ließ sich von der auch für sie herausfordernden Pandemie nicht unterkriegen und formte mit Gitarrist Vinnie Tex zehn kraftvolle Songs. Dabei haut sie auch gerne auf die Mütze, wie die Doublebass in ‘Always Been Evil’ beweist. Direkt im Anschluss kann Leather mit dem wütenden Stampfer ‘Shadows’ überzeugen. Das düstere ‘Hallowed Ground’ widmet sie ihrem Freund Dio und liess sich von sich dessen typischer Gesangsart inspirieren. Die einzige Graupe bietet ausgerechnet der Titel-Song, welcher sich der Metal-Gemeinde annimmt. Auch wenn das Solo von Vinnie Tex schön epochal klingt, bietet Leather hier Genre-Einheitsbrei. Diesen kleinen Patzer ausgenommen ist WE ARE THE CHOSEN ein geradliniges, zwischen Metal und Hard Rock pendelndes Album für gute Laune und hochgereckte Fäuste.

FLORIAN BLUMANN

LEATHERWOLF

Kill The Hunted

Heavy Metal

5,5

ROCK OF ANGELS/SOULFOOD (11 Songs / VÖ: erschienen)

Die Semilegende ist zurück! Leatherwolf, 1981 in Kalifornien gegründet, wurden im Lauf ihrer langen Karriere von der Glücksgöttin nicht gerade bevorteilt. Businessquerelen, unzählige Besetzungswechsel, Namensstreitigkeiten, missratene Album-Mixe und andere Probleme verhinderten ein Durchstarten der Combo, von deren Original-Crew nur noch Schlagzeuger Dean Roberts übrig ist. Das hindert den Lederwolf aber nicht daran, auf KILL THE HUNTED den Fans diese typische Mischung aus Heavy Metal und Anklängen von melodischem Rock zu servieren, für die der Name seit nunmehr 40 Jahren steht. Songs wie das Titelstück, ‘Hit The Dirt’, ‘Madhouse’ oder ‘Lights Out Again’ sind zeitlose Perlen, die man garantiert auch in fünf oder zehn Jahren noch gerne auflegt. Zumal die Band mit Keith Adamiak ein bis dato unbekanntes Talent ans Mikro gestellt hat, dessen Stimmfärbung perfekt zum Sound passt. Wer Armored Saint, Lizzy Borden oder Metal Church zu seinen Favoriten zählt, sollte sich unbedingt mit dieser Truppe beschäftigen.

MARC HALUPCZOK

L.S. DUNES

Past Lives

Post Punk

4,5

FANTASY/CONCORD/UNIVERSAL (5 Songs / VÖ: erschienen)

In gewissen Kreisen könnte diese neu gegründete Band durchaus als Supergroup durchgehen. Vor allem, wer in den Nullerjahren auf Indie Rock, (Post) Punk, Emo und Hardcore abgefahren ist, dürfte den Zusammenschluss von Sänger Anthony Green (Circa Survive), Bassist Tim Payne (Thursday), Drummer Tucker Rule (Thursday, Yellowcard) sowie den beiden Gitarristen Frank Iero (My Chemical Romance) und Travis Stever (Coheed And Cambria) goutieren. So hat das Debüt dieses Quintetts etwas von einer Zeitreise. Die Tracks stimmen größtenteils auch – oft zupackend mit treibenden Gitarren und wilden Bassläufen, mitunter elegischmelancholisch schaffen es L.S. Dunes meist, den roten Faden nicht zu verlieren. Irgendwie verströmt die Platte The Mars Volta-Vibes – ohne Prog sowie ganz große Melodien. Für den gemeinen Metaller ist PAST LIVES sicher einerseits zu lahm und andererseits zu nischig.

LOTHAR GERBER

MACERATION

It Never Ends

Death Metal

TARGET/SPV (9 Songs / VÖ: 25.11.)

4

Nach langer Schaffenspause kehren die Dänen Maceration mit ihrem skandinavischen Kollegen und Genre-Veteranen Dan Swanö (Edge Of Sanity, Bloodbath) am Mikro zurück. Swanö, der das Growlen eigentlich aufgegeben hatte, wurde 1991 als Session-Musiker für das Debüt ausgewählt, und um dies zu ehren, sagte er bei erneuter Anfrage nun, drei Dekaden später, zu. Macerations letztes und einziges Studioalbum liegt also lange zurück. Schaffen es die Herren dennoch, mit modernem Death mitzuhalten? Der 49-Jährige Swanö kann trotz seiner langen Abstinenz in den gutturalen Gefilden voll überzeugen. Mit ihren verschwurbelten Riffs wie im Titel-Song schaffen Maceration zudem schön melodisch-finstere Passagen, denen dank der Zurückhaltung des Sängers auch mal etwas Platz zur Entfaltung geboten wird. Trotz dieser Momente schafft es die Platte nicht über ihr größtes Manko hinaus: IT NEVER ENDS klingt auf Dauer eintönig. Die brutale Hysterie des Anfangs schwindet ab der Hälfte, ist demnach nur kurzfristig überzeugend. Nichtsdestotrotz: Freunde der alten Death-Schule brauchen auch ob des modernen Covers nicht abgeschreckt zu sein – hier findet sich kein Technikschnickschnack, sondern reinste Handarbeit.

FLORIAN BLUMANN

MARC URSELLI’S STEPPENDOOM

Steppendoom

Doom

6

MAGNETIC EYE/SOULFOOD (8 Songs / VÖ: 18.11.)

Doomiges Donnerwetter: Da sag noch mal einer, der Metal-Szene gehen die Ideen aus. Für sein Projekt Steppendoom hat der schweizerische Avantgarde-Gott und dreifache Grammy-Gewinner Marc Urselli eine Art Porträtgalerie des Doom um sich geschart und mit internationalen Ausnahmekünstlern des Kehlkopfgesangs vereint. Klingt auf den ersten Blick abgefahren, ergibt aber Sinn: Der schleppendzähe Trademarksound des Doom-Genres wird durch die hohe, zutiefst spirituelle Kunst dieser besonderen Gesangsform wie von selbst auf eine andere, astrale Ebene gehoben. Mystik pur. Und so kommt auf STEPPENDOOM zusammen, was irgendwie immer schon zusammengehört hat. In der Metal-Ecke dröhnen unter anderem Matt Pike (Sleep), Aaron Aedy (Paradise Lost), Steve Von Till (Neurosis), Dave Chandler (Saint Vitus) oder Scott „Wino“ Weinrich (The Obsessed); Gesang kommt vom Alash Ensemble aus Russland, von Tanya Tagaq von den kanadischen Inuk oder Alexey Tegin (ebenfalls Russland). Die andersweltliche Verbindung von verzerrtem, kriechendem, experimentellem Doom und Kehlkopfgesang sorgt für ein Treffen zwischen archaischer Kraft und moderner Technik. Also, der Rezensent schwört zumindest, beim Abspielen dieses Albums aus Versehen ein Gewitter ausgelöst zu haben.

BJÖRN SPRINGORUM

MERRYWEATHER STARK WACKERMAN

Cosmic Affect

Hard Rock

5

METALVILLE/RTD (10 Songs / VÖ: erschienen)

Dies ist die Geschichte der drei Kollegen/Freunde Neil Merryweather (Steve Miller, Lita Ford), Janne Stark und John Wackerman, die im November 2019 spontan und ohne Vorplanung ein gemeinsames Album einspielten. Jenes blieb monatelang unvollkommen, bis einer der drei, nämlich Gitarrist Neil Merryweather, im März 2021 an einem Hirntumor starb. Hätte daraufhin nicht Merryweathers Freundin auf die posthume Fertigstellung der Scheibe gedrängt, die spontane Studio-Session vom Herbst 2019 wäre wohl unvollendet in irgendeiner Schublade verschwunden. So aber wurden die Aufnahmen vervollständigt und um einen Song namens ‘End Times’ inklusive der Hinzunahme von Gitarrenguru Mike Varney erweitert. Das Ergebnis liegt jetzt in Form von COSMIC AFFECT vor und erinnert in Sound und stilistischer Ausprägung an die Siebziger, an Bands wie Mountain, West, Bruce & Laing oder frühe ZZ Top. Dies sei ausdrücklich als Qualitätsmerkmal gewertet, denn im prädigitalen Zeitalter klangen viele Studioproduktionen deutlich lebendiger als heutzutage. Zudem gibt es weder kompositorisch noch handwerklich etwas zu kritteln, diese Band rockt und weiß auch ihre Hooks und Licks passgenau ins Ziel zu bringen. Ergo: Für Retro-Fans eine echte Perle – für alle anderen auch.

MATTHIAS MINEUR

MUNROE’S THUNDER

The Black Watch

Power Metal

4

RFL (11 Songs / VÖ: erschienen)

Sänger Ronny Munroe hat schon in Bands wie Metal Church, Lillian Axe, Trans-Siberian Orchestra oder neuerdings Vicious Rumors seine Visitenkarte abgegeben und dabei nie eine schlechte Figur gemacht. Sein Projekt Munroe’s Thunder beschäftigt sich mit seiner eigenen Familiengeschichte, denn der US-Sänger will Vorfahren ausgemacht haben, die im 16. Jahrhundert im direkten Umfeld der legendären Schottenkönigin Mary Stuart gedient haben. THE BLACK WATCH erzählt also die sattsam bekannte Story vom Aufstieg und (kopflosen) Fall der Monarchin. Munroe und seine Mitstreiter, unter anderem der britische Gitarrist und Produzent David Mark Pearce, geben sich Mühe, die Geschichte mit Keyboard- und anderen Sound-Effekten aufzupeppen. Dabei vergessen sie zwischendurch aber gerne mal, richtig starke Songs darum zu stricken. Während das Titelstück, ‘Echoes Of The Dead’ und vor allem der Rausschmeißer ‘The Executioner’ (die Sache mit dem Kopf) diese Anforderungen erfüllen, herrscht im Mittelteil gepflegte Langeweile. ‘Awaken The Fire’, ‘Gary Hall’ oder ‘Brace For The Night’ sind einfach nur biederer Durchschnitt. Unterm Strich bleibt also ein durchwachsener Eindruck. Monroe täte gut daran, seine zweifellos tolle Stimme in den Dienst von Vicious Rumors zu stellen und sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren.

MARC HALUPCZOK