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REVOLTE


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 11.03.2020

Der weltweite Aufstand gegen Globalisierung. Ein Nachwort zur deutschen Ausgabe.


Inmitten der Arbeit an den letzten Seiten dieses Buches wurde ich gebeten, zu dem Anschlag vom 9. Oktober 2019 in Halle an der Saale Stellung zu nehmen, wo ein deutscher Rechtsradikaler erfolglos versucht hatte, ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten, und danach in der Nähe zwei unschuldige Menschen erschoss. Die Ideen, die er sich zu eigen gemacht hatte, kommen in den Kapiteln über Fundamentalismus, Rechtsradikalismus und Nationalismus zur Sprache, und natürlich verwundert es nicht, dass der Mann eine jüdische ...

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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 3/2020

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... Einrichtung zu stürmen versuchte und anschließend einen Döner-Imbiss angriff: Juden und Muslime sind die bevorzugten Ziele einer übernationalen rassistischen Bewegung, die in ganz Europa und Nordamerika aktiv ist. Die Massenmorde, die ihre Anhänger verüben, weisen wiederkehrende radikale Merkmale auf, egal, ob der Mord in einer Synagoge in San Diego, in neuseeländischen Moscheen oder in einer Kirche in Charleston, South Carolina, stattfindet. Die Bewegung arbeitet dezentral, flexibel und führungslos. Manche meinen, es sei eigentlich gar keine Bewegung, sondern lediglich eine Inspirationsquelle, ein ideelles Milieu, das Extremismus verbreitet. Es gibt schließlich weder eine einheitliche Ideologie noch eine feste Organisation. Aber das gilt für die Revolte als Ganze, die nicht so aussieht und agiert wie »politische Bewegungen«, »Terrororganisationen «, »revolutionäre Verbände« oder andere alte Zusammenschlüsse aus dem vorigen Jahrhundert. Politische Phänomene, ob gewalttätig oder gutartig, haben heutzutage typischerweise eine schwache Hierarchie, keine einheitliche Ideologie und argumentieren kaum noch mit Tatsachen. Die Rechtsradikalen unter ihnen, die sich auf den Webseiten von Holocaustleugnern und in Nachrichten-Foren für Einwanderer-Fake-News wohlfühlen, sind die Erben der Braunhemden. An die Stelle des Dröhnens lederner Schaftstiefel ist das Klackern von Computertastaturen getreten, aber die Dynamik läuft in beiden Fällen auf entfesselte Gewalt gegen den Anderen hinaus.

So viel hängt derzeit von Deutschland ab. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und der Wahl Donald Trumps in den USA hat sich bei vielen Menschen weltweit die Erkenntnis durchgesetzt, dass das wichtigste und stabilste Bollwerk liberaler Werte - in progressiver oder konservativer Spielart - in Berlin steht. Das ist die Ironie der Geschichte und ihre Hoffnung: dass das Volk, von dem einst die schlimmste Bedrohung für die Menschlichkeit ausging und dessen Vorväter für das grauenhafteste Verbrechen der modernen Zeit, den Holocaust, verantwortlich waren, heute als der größte Hoffnungsträger der freien Welt gilt und seine Staatschefin Angela Merkel als deren Anführerin - mit guten Gründen. Anders als die Vereinigten Staaten hat Deutschland seinen Mittelschichten die nötige Sicherheit gegeben und keine Schuldenberge angehäuft; anders als Frankreich hat man rechtzeitig auf wirtschaftliche Produktivität geachtet und für politische Stabilität gesorgt. Und das Allerwichtigste: Das Fundament des politischen Diskurses in Deutschland bildete die Erinnerung. Die Vorsicht und Mäßigung des Zeitalters der Verantwortung beruhten nicht auf Ideologien, sondern auf der Erinnerung an die Verwüstung zweier Weltkriege, die weite Bevölkerungskreise vor Extremismus, Oberflächlichkeit und gefährlichen Lügen bewahrte. Mit »Erinnerung « meine ich nicht die Historie, sondern das kollektive Gedächtnis der Menschen. An zwei Orten der Welt war die Erinnerung an die Verbrechen des Krieges besonders lebendig: in meiner Heimat, dem Land der Opfer, und in Deutschland, dem Land ihrer Mörder. Doch jenes Zeitalter ist vorüber. Jene, die den Krieg miterlebt haben, scheiden aus dem Leben, und ihre Kinder werden alt und verlieren an politischem Gewicht. Die Erinnerung schwindet. So dramatisch sich die globale Lage seit dem Zweiten Weltkrieg auch verbessert hat - sie ist nicht von Dauer. Jeder Tag, der verging, seit ich die hebräische Originalfassung dieses Buches zu schreiben begann, veranschaulicht das. Deutschlands harsche Politik gegenüber seinen südlichen Nachbarn in der EU und die Erhöhung seines fiskalischen Konservatismus zu einem Grundwert haben den Massen im In- und Ausland einen hohen Preis abverlangt. Die deutsche Politik erlebt einen Prozess beschleunigter Fragmentierung, zusehends begleitet von Enttäuschung über den Mainstream, einschließlich dem merkelscher Prägung. Deutsche Arbeitnehmer fühlen sich nicht mehr so sicher wie zuvor. Die jungen Menschen von »Fridays for Future« wollen auf einen von ihnen empfundenen Notstand aufmerksam machen, der ihr eigenes Überleben und das ihrer Kinder gefährdet. Die Anhänger des Gelbwesten-Protests in Frankreich waren überzeugt, dass die Verteilung der Ressourcen fehlgeleitet sei, und protestierten mit ihren populistischen, gegen das Establishment gerichteten Aktionen gegen Ungleichheit. Die Wähler, die auf die Scharlatane der deutschen AfD hereinfallen, wähnen ihre Identität, oder ihr Gemeinschaftsgefühl, in Gefahr. Jahre lang galt es im neuen Europa als politisch unkorrekt, solche Begriffe überhaupt zu verwenden, und nach und nach vergaßen große Teile der öffentlichen Elite die Bedeutung des Lokalen - und ja, auch des Nationalen - für manche Bürger. Schließlich begannen Menschen, auf verschiedene Weise zu protestieren.

Keineswegs soll hier das Bestreben junger Leute, die Erdkugel und ihre Bewohner zu retten, moralisch auf eine Stufe mit der tumb raunenden Sprache der AfD gestellt werden. Ich verweise nur auf das tiefe Empfinden mancher Menschen und Gruppen, dass ein allgemeiner Aufbruch nötig sei. Rosa Luxemburg sagte einst von der Sozialdemokratie als Vertreterin des Proletariats: »Ihr eigener Führer ist in Wirklichkeit die Masse selbst, und zwar dies dialektisch in ihrem Entwicklungsprozess aufgefasst.« Das gilt heute vielleicht mehr als damals. Dieses Gefühl äußert sich übrigens nicht nur in Europa, sondern auch in der arabischen Welt, vom Irak bis zum Libanon, sowie in Lateinamerika und in Ostasien. Die Spielarten und Begründungen der Revolte sind unterschiedlich, aber das Ziel ist ähnlich: Die Machtzentren sind nach Ansicht der Rebellen zusehends irrelevant oder sogar gefährlich und müssten daher von Grund auf umgestaltet oder vollständig zerstört werden.

Leider begünstigen solche radikalen Momente hauptsächlich radikale Kräfte, für die das Ziel alle Mittel heiligt. Das Wuchern der Rechtsradikalen wurde früher zumeist von staatlichen Institutionen gezügelt; deren Schwächung führt naturgemäß zum Aufstieg radikaler Kräfte, wie bei einem wild wachsenden Strauch, der plötzlich mehr Sonnenlicht erhält. Sollte erneut eine Weltwirtschaftskrise ausbrechen, könnten ihre Folgen schicksalhaft und gewaltsam sein. Andererseits kann der globale Süden nicht tatenlos abwarten, bis der Westen, einschließlich Deutschland, seine tiefen inneren Risse überbrückt. Er braucht Soforthilfe, und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Engagement und Handlungsbereitschaft. Vor einigen Jahren traf ich in einem Flüchtlingsheim am Stadtrand von Berlin den Kurden Nouri, der im Irakkrieg beide Beine verloren hatte. Er saß in dem Gemüsegarten, den seine Frau Asma mit angelegt hatte, und erzählte mir, wer von seinen engeren Angehörigen umgekommen war und wie man ihn »halb tot« nach Deutschland gerettet hatte. Nouri bot mir eine Tomate an, die er selbst in deutscher Erde herangezogen hatte. Wir stimmten überein, dass sie nicht so schmeckte wie zu Hause, im Nahen Osten. Er empfand unendliches Heimweh, war Deutschland jedoch außerordentlich dankbar. Plötzlich hatte das Land eine große Aufgabe in der Welt.

Die internationale Wirklichkeit nimmt zusehends die Form einer multipolaren Landkarte an, und Deutschland ist der Kanarienvogel im Bergwerk. Es liegt an den Deutschen und den Franzosen, die Europäische Union, das ehrgeizigste politische Projekt der globalisierten Welt, neu zu erfinden. Sie wird nicht nur durch den öffentlichen Vertrauensverlust gefährdet, sondern auch durch starke geostrategische und ideologische Gegner wie Russland unter Wladimir Putin. Sollte Deutschlands fiskalische und monetäre Stabilität im nächsten Jahrzehnt erheblich leiden und sinken, wäre das ein deutliches Anzeichen dafür, dass der ganze Westen in einer Krise steckt. Wenn es Deutschland nicht gelingt, seine Mittelschicht zu schützen und wirksame Lösungen für seinen Arbeitskräftemangel zu finden, wird es wohl kaum ein anderer Staat schaffen. Sollte Deutschland - trotz wirtschaftlicher Notwendigkeit und trotz der beispiellosen Ressourcen, die darin investiert wurden - daran scheitern, seine Zuwanderer gut zu integrieren, werden andere europäische Staaten es vielleicht gar nicht erst versuchen. Sollte die starke politische und öffentliche Unterstützung für Umweltziele in Deutschland nicht in eine wahre Revolution umgesetzt werden, sieht es dafür in anderen Staaten, wo das Umweltbewusstsein erheblich geringer ist, erst recht düster aus. Sollten Antisemitismus und Rassismus im Allgemeinen in Deutschland nicht in die Schranken gewiesen werden und jüdische Existenz ausgerechnet dort gefährdet sein, wird sie überall in Gefahr geraten. Und wenn ausgerechnet in Deutschland eine Partei aufsteigt, deren Mitglieder manchmal stürmische Affären mit völkischen Ideen und der Trivialisierung des Holocaust haben, dann ist anderen weit rechts stehenden Parteien an vielen Orten der Weg geebnet. In meiner Sicht, mit den Augen eines Fremden, sind das die aktuellsten Schlussfolgerungen aus der deutschen Geschichte. Und wie gewöhnlich stellen sie besonders große Herausforderungen dar.

Zum ersten Mal seit langer Zeit trägt Deutschland Verantwortung nicht nur für die eigene Nation oder für Europa, sondern für den weltweiten Diskurs, und das nicht nur bei Wirtschaftsthemen. Die Welt blickt auf Berlin.

Nadav Eyal ist der internationale Chefkorrespondent von Channel 13 und einer der bekanntesten Journalisten Israels. Sein Buch „Revolte - Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung“ ist eine komplexe und aufrüttelnde Analyse unserer heutigen Weltlage. Ausgehend von seinen Beobachtungen als politischer Reporter an den Brennpunkten der Welt in den letzten 20 Jahren beschreibt er den epochalen Umbruch, auf den wir zusteuern - in Zeiten, in denen die Globalisierung unsere Welt vollständig erfasst hat und sich gleichzeitig weltweit gesellschaftliche Revolten gegen sie Bahn brechen. Nadav Eyal sucht nach den Ursachen und spricht mit Menschen vor Ort wie Trump-Wählern in Pennsylvania, syrischen Flüchtlingen auf der Balkanroute und thüringischen Nazis in ihrem Kleingarten-Treffpunkt. Doch auch historische Exkurse - von den chinesischen Opiumkriegen bis zum Sklavenaufstand in Haiti - sind eingewoben in seine Geschichte der Globalisierung. Migration und Weltbürgerschaft, Nationalismus und grenzenloser Klima-Aktivismus, übernationale Konzerne und Demokratiekrisen - die große Kunst dieses Autors ist es, von sehr persönlichen Nahaufnahmen in die globale Perspektive zu denken und darüber hinaus. Gegen die weltweiten Revolten hilft nur der Kampf für eine neue globale Erzählung, die lokale Identitäten und die Menschen, anstatt die Konzerne, in den Fokus nimmt. Denn wir leben in einem radikalen Moment, der eine Chance bietet, die größer ist als all seine Gefahren, so Eyal: statt nur die Errungenschaften der letzten Dekaden zu bewahren, eine gerechtere und nachhaltige Welt zu schaffen.

NADAV EYAL: Revolte Übersetzt von Ruth Achlama Ullstein, 496 Seiten, 29,99 Euro

VERLOSUNG

BÜCHERmagazin verlost fünfmal „Revolte“ (Ullstein). Teilnahmebedingungen S. 4. Viel Glück!


Foto: Nadav Eyal © Dani Bar-Adon