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Riff-Alarm am Ostseestrand


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 14.12.2022
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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 1/2023

Eisbrecher

D ieDünen glitzern weiß überzuckert, die raue See donnert dem Strand entgegen, und aus dem Spaßbad schallt Gelächter: Man könnte denken, für das altehrwürdige Feriendorf am Weissenhäuser Strand bräche ein normales Wochenende in der Nebensaison an. Doch weit gefehlt: Der Edeka auf dem zentralen Platz hat in weiser Voraussicht eine Extraration Bier eingelagert, die Restaurants stellen sich auf besonders hungrige Gäste ein, der Grillmeister rotiert, und das Bar-Personal weiß, dass die Aftershowpartys selten vor halb fünf Uhr morgens zu Ende gehen – hurra, die Metal-Fans sind wieder da! Schwarz gekleidete Gestalten säumen ab Donnerstag das Gelände und feiern überschwänglich in den ersten offiziellen Festival-Tag hinein.

Freitag, 18. November

Dieser Tag steht für viele zunächst im Zeichen der Anreise. Nach Ankunft und Check-In in die gemütlichen Zimmer, ersten Rundgängen über das Gelände und einem kurzen ...

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... Einkauf ploppen endlich Kronkorken von Bierflaschen und es gilt, sich auf das Bühnenprogramm in den drei unterschiedlich großen Spielstätten vorzubereiten.

Riff Alm

Vor der Riff Alm bildet sich eine lange Schlange: Cobra

Spell-Gitarristin Sonia Anubis zieht mit Ur-Bassistin Angelina Vehera und den Neuzugängen Kristina Vega (Gesang), Noelle dos Anjos (Gitarre) und Pineapple Jess (Schlagzeug) die Massen an. In bester Achtziger-Manier versetzt das internationale Damenquintett mit stimmgewaltigen Eigenkompositionen wie ‘Addicted To The Night’, ‘Poison Bite’, der taufrischen AOR-Single ‘Flaming Heart’ oder dem schlüpfrigen W.A.S.P.-Cover ‘Animal (Fuck Like A Beast)’ das Publikum zurück ins goldene Jahrzehnt metallischer Musik. Bei den Süddeutschen Undertow drängen sich die Leute nicht dermaßen dicht an dicht, was wohl am Konkurrenzprogramm von Sacred Reich liegt. Die Stimmung ist trotzdem gut: Stetig ertönen Sprechchöre, die Joachim „Joschi“ Baschin und seine Mannen gerührt aufnehmen. BIPOLAR-Ballerstücke wie ‘On Fire’ oder das hymnische ‘Call Of The Sin’ lassen Haare fliegen und Nacken knacken, während Emo-Nummern wie ‘Still Waiting’ oder ‘Shadows’ unter die Haut kriechen. Dass die Band 2023 ihr 30. Jubiläum begeht, lässt sie selbst grinsen – beim urgewaltig intonierten Mel C.-Cover ‘I Turn To You’ obliegt dies den Fans. Danach animieren die deutschen Aufsteiger Soulbound die zahlreich erschienenen Anwesenden noch vor ihrer eigentlichen Show zum Mitmachen sowie Chören. Gut aufgelegt präsentieren sie dann eine knappe Stunde lang ihren sogenannten „Melodic Industrial Metal“. Die Performance ist energetisch und wird von Licht und Nebelmaschine nahezu perfekt untermalt – dennoch: Die ein oder andere Ansage weniger und dafür ein Song wie das herausragende ‘Devil’ mehr hätte bestimmt auch einigen im Publikum gefallen.

Baltic Ballroom

METAL HAMMER PARADISE

In der zweitgrößten Spielstätte, dem schicken Baltic Ballroom, empfängt die Meute zuerst die Italiener Temperance. Die Symphonic Metal-Gruppe braucht einige Zeit, um das Publikum für sich zu gewinnen – Schwierigkeiten mit dem Sound inklusive, denn zunächst ist kaum Gesang wahrzunehmen. In ‘I Am The Fire’ sowie der neuen Single ‘Diamanti’ kommen dann jedoch die Stärken der Band – mehrstimmiger Gesang, aufgeteilt auf Sängerin und Sänger, unterstützt durch den Gitarristen – zum Tragen, und der Ballroom füllt sich merklich. „Wir sind Crowbar aus New Orleans“, tönt es danach von dem irgendwie knuffig wirkenden Herrn mit dem Rauschebart von der Bühne. Im angenehm gefüllten Konzertraum legt die Sludge-Band einen raffinierten Wechsel aus bald schon Speed Metal-ähnlichen Passagen und tief dröhnenden, langsamen Doom-Rhythmen hin, in denen man – wenn man nicht aufpasst – schon mal kurz die Orientierung verlieren kann. Ein guter Gehörschutz ist hier auch bei intakten Ohren dringend zu empfehlen – dieser filtert im besten Fall in den ersten Reihen einigen Klangmatsch.

Nach ihrem Thin Lizzy-Intro legen Sacred Reich mit ‘Divide & Conquer’ vom aktuellen Album AWAKENING einen rasanten Start hin. Arizonas Metal-Legende präsentiert sich in Spitzenform, und Thrash-Hippie Phil Rind predigt noch immer ausdauernd Friede, Freude, Eierkuchen. An zweiter Stelle bringt der Klassiker ‘The American Way’ die Meute zum Mitsingen. Das markante Stakkato-Riffing von Veteran Wiley Arnett, ergänzt durch Saitenjungspund Joey Radziwill, ist der Treibstoff für ein explosives Konzert, bei dem auch der Gassenhauer ‘Who’s To Blame’ und die finale Abrissbirne ‘Surf Nicaragua’ nicht fehlen. Am Schluss sind sich alle einig: Diese Truppe gehört zu den klaren Gewinnern des Wochenendes! Am Auftritt von Tiamat scheiden sich leider – wie so oft – die Geister. Die mit Corpsepaint sowie im Fall von Sänger Johan Edlund mit Hut ausgestatteten Gothic Metal-Ikonen sehen zu Beginn einen proppenvollen Raum vor sich und versuchen sich nach dem ‘Wildhoney’-Intro und ‘Whatever That Hurts’ am Aufbau einer düsterromantischen Kuschelstimmung, klingen dabei aber oft arg langatmig und zahnlos. In den vorderen Reihen schwelgen einige Fans in Nostalgie, und in den beschwingteren Phasen kommt etwas mehr Stimmung auf. Richtig versöhnlich gerät jedoch erst das Finale mit ‘The Sleeping Beauty’ und ‘Gaia’. Warum die Schweden konsequent auf ihr tolles, bis dato letztes Werk THE SCARRED PEOPLE verzichten, bleibt eine von vielen offenen Fragen.

Maximum Metal Stage

Auch auf der im großen Zelt aufgebauten Hauptbühne geht es rund: Nachdem Sebastian Kessler zum ersten Mal als METAL HAMMER-Chefredakteur das Festival eröffnet hat, gehen Clawfinger getreu dem Motto „Party like it’s 1997“ vor. Der auf den Band-Namen umgedichtete James Bond-Song ‘Goldfinger’ schürt zunächst Stimmung, dann regiert der Crossover der Schweden. Obwohl das Quintett alles gibt, Frontmann Zak Tel einmal seinen Bierbauch vorzeigt und Bassist André Skaug ausgiebig und voller Hingabe seine Tom Araya-Gedächtnismähne schüttelt, kocht die Stimmung noch nicht komplett über – was wiederum Clawfinger irritiert. Wer aber mit Hits spart, braucht sich nicht zu wundern. Hintenraus kommen dann aber die alten Klassiker ‘Warfair’, ‘Biggest & The Best’, ‘The Truth’ und ‘Do What I Say’ – das Stück mit dem N-Wort fehlt leider aus Gründen der politischen Korrektheit, was sicher auch den im Publikum mitfeiernden Eisbrecher-Chef Alex Wesselsky stört. Die folgenden Sodom zählen seit stolzen 40 Jahren zur Genre-Speerspitze, sind aber noch längst nicht satt oder gar müde. Stattdessen rotzen Tom „Angelripper“ Such und seine Mannen 90 Minuten lang äußerst unheiliges Geballer raus. Das Publikum ist spätestens ab Song drei, ihrem Vorzeige-Nackenbrecher ‘Agent Orange’, voll dabei, und so gleicht das Zelt – den Lauten nach zu urteilen – eher einem Viehgehege als einer Konzerthalle mit singenden Fans. Das Sperrfeuer wird höchstens für eine kleine Bierpause oder die düsteren Gitarrensoli von Frank Blackfire eingestellt. Apropos 40: Ein Klassiker von einer der erklärten Lieblings-Bands von Sodom feiert dieses Jahr ebenfalls dieses Jubiläum – also würdigen sie mit dem Cover ‘Iron Fist’ Lemmy und Konsorten.

Brutal geht es weiter: Sepultura füllen das gesamte Zelt mit ihrer eindrucksvollen Präsenz – vor allem der mittlerweile knapp 25 Jahre am Mikrofon stehende Sänger Derrick Green ist kaum zu bändigen. Nach einem für das Publikum noch recht überwältigenden Start mit Material ihres neuesten Albums QUADRA steigern sich die brasilianischen Ur-Thrasher immer mehr – bei den mit Tribalbeats versehenen Klassikern ‘Refuse/Resist’ oder ‘Cut-Throat’ flippt die Menge wahrlich aus. Von diesen hätten sie ruhig ein paar mehr spielen können! Doch als die Jungs die ikonische Riff-Rhythmuskombination von ‘Roots Bloody Roots’ anstimmen, wird ihnen auch das verziehen. Die Stimmung im Publikum ist im Anschluss so gut, dass die sonst grimmige Band um Originalbasser Paulo Xisto Pinto strahlend von der Bühne geht. Die – für manche überraschenden, aber doch für viele würdigen – Headliner Eisbrecher liefern eine verdammt gute Show ab: Die Truppe aus Bayern ist heute äußerst spielfreudig, was auch am Geburtstag von Sänger Alexander Wesselsky liegen mag – er erklärt die Fans kurzerhand zu seinem persönlichen Geschenk. Besonderes Lob gebührt außerdem Schlagzeuger Achim Färber, der schön mechanisch draufhaut. Neben den älteren Dauerbrennern ‘Verrückt’, ‘Miststück’ und ‘This Is Deutsch’ gibt es auch einige Nummern vom neuesten Album LIEBE MACHT MONSTER zu hören. Dafür, dass diese Platte erst voriges Jahr erschien, grölt es sich bei ‘Frommer Mann’ und ‘FAKK’ schon ähnlich laut mit wie bei den Klassikern der Formation. Eines muss man Eisbrecher lassen: Sie beherrschen eingängige und kraftvolle Neue Deutsche Härte-Melodien wie sonst in diesem Land nur die große Konkurrenz aus Berlin – und beschließen den ersten Tag im Paradies mit einem würdigen Auftritt. Letzte Kraftreserven fordert die traditionelle Aftershowparty, bei der bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen gefeiert wird.

Samstag, 19. November

Entsprechend müde und übernächtigt beginnt für einige der zweite Tag. Wer sich nicht zum Strandspaziergang aufraffen kann, taucht ins Spaßbad ein oder lässt sich vom mittäglichen Rahmenprogramm unterhalten (siehe Kasten). Auch der Band-Reigen beginnt etwas früher als am Vortag ...

Riff Alm

In der Schwitzhütte geben sich an diesem Tag vielversprechende Underdogs und Newcomer die Klinke in die Hand: Black-Thrash ist eigentlich ein ruppigeres Auftreten als das von Knife gewohnt. Deren hippieskes bis hardrockiges Erscheinungsbild kontrastiert die donnernde Schwärze mit gewaltigem Punk-Einschlag, die ‘The Hallowed Chamber Of Storms’, ‘Inside The Electric Church’ oder die Band-Hymne ‘K.N.I.F.E.’ ausmachen. Aggression entlädt sich auch im Publikum: Nach kurzem Handgemenge wird ein etwas zu durstiger Gast unsanft der Venue verwiesen. Der Gig allerdings ist gelungen! Kurios geht es weiter: Unter der Ägide von Frontfrau Tiger Lilly Marleen und angetrieben von Schlagzeuger Marc Reign (früher Destruction und Morgoth) flitzt das Berliner Quartett Bonsai Kitten flott zwischen tonnenschwerem Blues Rock à la Black Sabbath und erdigem Hard Rock hin und her, turnt beständig zwischen punkiger Rotzigkeit und leicht verträglicher Hippie-Kost. Das bunte Konzept

Rahmenprogramm

Am Samstag geht das Programm wie üblich über die Musik hinaus: Beim Veranstalter-Talk gibt Sebastian Kessler als neuer METAL HAMMER-Chefredakteur seinen Einstand und spricht mit Stephan Thanscheidt (FKP Scorpio) über die Auswirkungen der Pandemie auf Magazin wie Veranstaltungs-Branche. „Aktuell löschen wir eher Brände, als kreativ nach vorne zu denken“, verrät Thanscheidt, und geht auch auf die herausfordernde Booking-Situation 2022 ein. Er hofft auf eine Normalisierung der Situation im kommenden Frühjahr bis Sommer – nächstes Jahr wolle man sich auch beim METAL HAMMER PARADISE wieder internationaler sowie stiloffener aufstellen. Aus dem Publikum kommt Kritik zum Sound vereinzelter Bands (dies obliegt jedoch dem jeweiligen FOH-Team) sowie zur langen Vorverkaufsschlange, die zeitgleich auf dem Gelände steht. Thanscheidt verspricht, an Letzterem zu arbeiten – über ein zweites Festival werde zwar nachgedacht, konkrete Pläne dafür gäbe es aktuell aber nicht. Nach einigen Fragen zum Heft (CD-Kleber, Poster, Vinylbeilagen) äußern die Anwesenden Band-Wünsche für 2023. Der Notizzettel füllt sich rasch.

Es folgt ein Gitarren-Workshop mit dem versierten Künstler Tom Naumann, der mit Primal Fear vor Ort ist, aber auch für Sinner die Saiten glühen lässt – was soll da schiefgehen? Die Technik! Kaum entlockt der Veteran seiner Gitarre erste krachende Riffs, verabschiedet sich die Elektronik mit einem lauten Knacken. Egal: Der Blondschopf aus Esslingen unterhält blendend mit prallen Anekdoten aus seinem Musikerleben und erweist sich als hervorragender Erzähler, dessen nicht immer ganz jugendfreie Geschichten von heruntergelassenen Hosen sowie alten wie neuen Gitarrenhelden alle in den Bann ziehen.

Später gibt der langjährige METAL HAMMER-Autor Marc Halupczok aka Till Burgwächter humorvoll Kuriositäten aus dem Metal-Kosmos zum Besten. So liest er aus seinem Werk ‘Dio Digitale. Die Zukunft des Heavy Metal’ eine Passage vor, in der er die Ausschlachtung von Dio in Form eines Hologramms bedauert. Schönster Satz: „Schon früher nahm Dio nicht viel Platz weg, nun passt er in eine mittelgroße Sporttasche.“ Hoffentlich nimmt sich Herr Burgwächter in diesem Zuge auch bald der peinlichen Metaverse-Veranstaltung mit Ozzy Osbourne, Motörhead (ja, richtig gelesen) und Co. an!

Im zweiten Workshop will Oversense-Gitarristin Jasmin Pabst den Teilnehmern vor allem Mut zusprechen, mit dem Spielen anzufangen oder weiterzumachen – auch wenn man zwischendurch an sich zweifelt. Sich mit ausgewachsenen Könnern zu vergleichen, führe zu nichts. Stattdessen soll man auf seine Stärken vertrauen und dranbleiben. Mit Justierungen zum Beispiel bei der Saitenstärke, dünneren Gitarrenhälsen und einer Schritt-für-Schritt-Herangehensweise sollten dann auch Stücke wie die beiden Metallica-Klassiker ‘Enter Sandman’ und ‘Master Of Puppets’ sowie ‘Psychosocial’ von Slipknot zu spielen sein, wie Pabst eigenhändig vorführt. In ihrem YouTube-Kanal „JJ’s One Girl Band“ gibt es das alles auch noch mal zur Nachbereitung für zu Hause.

Beim abschließenden Bowling-Turnier wird auch dieses Jahr ganz großes Tennis präsentiert: Sechs Teams liefern sich in einem zwei Stunden dauernden Marathon einen erbitterten Kampf um den Antritt im Finale, in dem es dieses Mal gegen die Power-Metaller The Unity (passenderweise neben der Mannschaft „Killers Of The Unity“ platziert) und das traditionell mies spielende METAL HAMMER-Team geht. Obwohl die Titelverteidiger „Gott und Jürgen“ bis zum Finale die Nasen vorn haben, müssen sie schließlich vor den Kugelgöttern der „Pornotreppe“ niederknien. Die Gewinner mit ihren saftigen 177 Punkten lassen selbst Veteranen wie Team „Das sieht scheiße aus“ oder die „Chaosraben“ blass erscheinen, und auch die Neulinge vom „Betreuten Trinken“ (der Name ist bei diesem Event sowieso Programm) spielen im Vergleich eher nach dem Motto ‘Balls To The Wall’. geht auf – zumindest für alle, die einer derart wilden, breitgefächerten Mischung etwas abgewinnen können. Alle anderen schwanken zwischen Jubel und Verwirrung.

Dass die Nachfolgegruppe Oversense in ihrer noch jungen Karriere nach einem Auftritt bei den METAL HAMMER AWARDS nun auf der PARADISE-Bühne steht, sollte für sich sprechen. Die stolzen Franken, die mit Gitarristin Jasmin Pabst auch Verstärkung aus Hessen haben, rocken im martialischen ‘Mad Max’-Outfit in den fortgeschrittenen Abend. Thematisch passt der Look zwar nicht unbedingt zur Musik, dafür überzeugt diese aber umso mehr: Moderner Power Metal mit starkem Hang zu Melodie – Banger wie ‘The Longing’ klingen noch lange nach. Zum Alm-Abschluss gibt es noch einmal jede Menge Energie in Form von rotem Alarm: April Art haben mächtig Spaß auf der Bühne und stecken das Publikum mit einer authentischen Power-Performance aus harten Riffs, gekonnten Leadparts und treibendem Groove problemlos an. Dazu lässt Frontfrau Lisa-Marie Watz die roten Dreads fliegen. Ihre kantig-raue Stimme bringt neben sympathischen Ansagen zwischen den Songs vor allem die harten – teils sprechgesangähnlichen – Passagen gut zur Geltung. Bei solch einer körperlichen Verausgabung verzeiht man auch einige Tonungenauigkeiten in den Höhen.

Baltic Ballroom

Im Ballroom ballern Dragony zum Auftakt des zweiten Paradies-Tages ihren Power Metal in die Meute. Die Wiener stehen laut eigener Aussage wegen Zeitknappheit im Vorfeld ihres Gigs nicht in ihren richtigen Bühnen-Outfits auf den Brettern, doch das schmälert ihre Darbietung und Tracks wie ‘Made Of Metal (Cyberpunk Joseph)’, ‘Legends Never Die’ oder ‘Wolves Of The North’ wenn überhaupt nur peripher. Dass Sänger Siegfried „The Dragonslayer“ Samer zum Teil Probleme bei den hohen Tönen hat, fällt dagegen schon ins Gewicht. Musikalisch ähnlich angelegt sind die als nächste auf die Bühne stürmenden The Unity. Power Metal mit Star-Besetzung lautet hier das Motto, denn mit Mitgliedern von Gamma Ray, Edguy und Mob Rules ist die Band verdammt gut ausgestattet. Wenig überraschend ist dementsprechend, dass die epischen Melodien und mehr im Hard Rock angesiedelten Riffs ausgezeichnet dargeboten werden – nicht zuletzt auch dank der starken Performance von Sänger Gianba Manenti, der die hohen Töne trifft wie ein Meisterschütze.

Die folgenden Night Demon verlieren durch Sound-Probleme sechs Minuten und feuern im Verlauf ohne Atempause durch – keine Ansagen, nur feinster klassischer Heavy Metal. Für Fan-Nähe sorgt Sänger Jarvis Leatherby, welcher für seine schmissigsten Bass-Passagen auf Augenhöhe ins Publikum steigt. Äußerst gut macht sich live der Opener ‘Screams In The Night’ sowie das Thin Lizzy-Cover ‘The Sun Goes Down’. Ein Problem bleibt die Akustik des Ballrooms, denn das Schlagzeug übertönt leider die schönen Klampfen-Riffs von Armand John Anthony. Weiter geht’s: Mit seinen AOR-Piloten The Night Flight Orchestra läuft Soilworks Björn „Speed“ Strid akut Gefahr, seiner Haupt-Band den Rang abzulaufen. Wie die Schweden den kitschigen Pomp der Achtziger und den Sound von Survivor, Night Ranger, Styx und anderen Pathos-Heroen beschwören, hat Weltklasse. Sonnenbrillen sind Pflicht, und zwei Stewardessen aka Background-Sängerinnen unterstützen mit prachtvollem Stimm- und Körpereinsatz – beim Busen-Bongo fallen alle Hemmungen. Zwischen ‘How Long’ und ‘White Jeans’ gibt Björn in Glitzeranzug, Gold-Umhang und Dave-Bickler-Barett die fetteste Party-Sau des Wochenendes.

Gleich mehrere Premieren feiern die Pott-Thrasher Bonded – sie spielen die erste Show sowohl in diesem Line-up als auch dieses Jahr. Beides ist kaum merklich, kommt das Quintett doch wie eine Urgewalt über die Meute und legt einen der besten Auftritte des Festivals hin. Chef-Gitarrist Bernemann kommt kaum aus dem Grinsen heraus, die Neumitglieder Speesy Giesler (Ex-Kreator) und Marco Stützer bangen sich munter an, Gastschlagzeuger Gerd Lücking (Holy Moses) trommelt wie ein Verrückter, und was Frontsau Ingo Bajonczak gesanglich, darbieterisch sowie an der Mundharmonika (!) abliefert, geht sowieso auf keine Kuhhaut – mal davon abgesehen, dass der Klargesang nicht ganz so tight rüberkommt wie auf Platte. Deshalb ist aber sowieso niemand vor Ort – stattdessen zerlegt sich zu Granaten wie ‘Je Suis Charlie’ („Ein Song über Freiheit!“), ‘Division Of The Damned’ („Buchempfehlung!“) und ‘Rest In Violence’ der Pit, segeln Crowdsurfer über die Hände und fliegen Haare, dass es eine wahre Freude ist. Ansagen wie „Die Gabel auf dem Porzellanteller – das sind wir!“ tun ihr Übriges dazu, um diese Band so schnell es geht wiedersehen zu wollen. Kontrastprogramm liefern alsbald Rhapsody Of Fire, die jedoch nicht minder ordentlich über die Menge hinwegfegen. Und was für einen Sturm

Veranstalterinterview mit Stephan Thanscheidt (FKP Scorpio)

Stephan, wie hast du das neunte METAL HAMMER PARADISE erlebt? Was hat dich begeistert, bewegt, beschäftigt – vielleicht auch hinter den Kulissen?

Unser neuntes Metal-Fest war so intensiv wie wir es kennen und schätzen, aber vielleicht noch ein wenig emotionaler als sonst. Unsere Gäste haben schon bei den frühen Acts für eine großartige Stimmung und volle Venues gesorgt und wurden von unseren Headlinern Eisbrecher und In Extremo an beiden Abenden begeistert in die Nacht entlassen, die viele von uns auf den Partys zum Tag gemacht haben. Aber nicht nur unsere Gäste hatten ihren Spaß, auch unsere Künstlerinnen und Künstler waren hochzufrieden mit dem Festival, dessen besondere Atmosphäre sich in der Szene herumgesprochen hat. Alexander Wesselsky von Eisbrecher hat übrigens nicht nur seine Show sichtlich genossen, sondern auch seinen Geburtstag mit uns gefeiert. Wenn unsere Artists eine gute Zeit haben, freut mich das natürlich sehr. Auch darüber hinaus gab es viele schöne Momente, zum Beispiel der offene Austausch mit unseren Gästen beim Veranstalter-Talk, die Gitarren-Workshops oder das Bowling-Turnier gegen The Unity. Die programmatische Vielfalt und Nähe zu unseren Künstlerinnen und Künstlern macht das METAL HAMMER PARADISE definitiv zu etwas Besonderem.

Das Line-up war durchweg stark, und das Publikum der Shows merklich euphorisch. Zugleich fiel der Fokus auf deutsche Bands auf. Wie sehr ist das auch der zunächst unsicheren Reisebestimmungen und gestiegenen Kosten geschuldet?

Diese Beobachtung ist richtig, auch wenn wir stolz darauf sind, dass wir keine qualitativen Abstriche im Line-up machen mussten. Der Booking-Prozess für das METAL HAMMER PARADISE fiel aber tatsächlich in eine Zeit, in der die Unsicherheit ungleich höher war als heute. Der vielbeschworene Neustart ist in Wirklichkeit ein langwieriger Prozess, der die Live-Musik-Branche und die angeschlossene Wertschöpfungskette in 2022 komplett bestimmt hat. Die Kalender der Venues sind voll mit Nachholterminen, die Nachfrage nach Live-Kultur ist insgesamt gesehen zurückgegangen, die Kosten sind gestiegen und viel qualifiziertes Personal ist abgewandert – das macht viele Bands verständlicherweise vorsichtig und hat Auswirkungen auf ihre Reiseaktivität. Während die pandemiebedingten Herausforderungen größtenteils hinter uns liegen, werden uns die wirtschaftlichen Probleme, die Russlands schrecklicher Krieg in der Ukraine mit sich bringt, noch weiter beschäftigen.

Wie schon 2021 war der Andrang auf Tickets und Zimmer für das kommende Jahr enorm. Toll, so viel Begeisterung und Vertrauen der Gäste zu spüren – aber unschön, wenn sich deswegen am Samstagmittag eine lange Schlange an der Rezeption bildet. Was tut ihr, um den Buchungsprozess zu optimieren? Wir freuen uns natürlich auch über die hohe Nachfrage, werden im Dialog mit unserem Partner Weissenhäuser Strand aber sicherstellen müssen, dass der Prozess nächstes Jahr besser läuft. Wenn der Andrang so hoch ist, sind höhere Wartezeiten an der Rezeption erwartbar, aber zeitweise kam es zu Verzögerungen, bei denen wir uns bei den Wartenden nur noch mit Freibier für ihre Geduld bedanken konnten. Das kam zwar gut an, soll aber natürlich nicht die Regel werden ...

2023 steht das zehnte METAL HAMMER PARADISE an. Wann wird mit ersten bestätigten Bands für das Jubiläum zu rechnen sein?

Wir arbeiten bereits am Line-up für unser Jubiläum und werden uns Anfang des Jahres mit Neuigkeiten melden. Wir freuen uns schon jetzt auf unser Wiedersehen! die italienischen Power-Metaller zusammengebraut haben! Nachdem zunächst technische Probleme den Start des Sets verzögern, nimmt das Publikum dankend an, was ihm in der Folge dargeboten wird. Die Doublebass läuft bei Songs wie ‘March Against The Tyrant’ heiß, bei ‘Dawn Of Victory’ darf die Meute die Flitzefinger von Gitarrist Roby De Micheli im Einsatz bewundern. Fäuste in der Luft, Schädel rotieren, Menschen geben noch ein letztes Mal alles – ein würdiger Ballroom-Abschluss.

Maximum Metal Stage

Im Zelt sind die Gothic Metal-Veteranen Crematory eine gute Wahl für die „frühen“ Stunden des Samstags: Ihre Melodien, Rhythmen und Texte gehen schnell in den Kopf und überfordern nicht mal müde Geister – bei den pseudophilosophischen Ansagen sieht es hingegen etwas anders aus. Während zu Beginn des Gigs hier und da noch größere Lücken in den Publikumsreihen klaffen, füllt sich das Zelt im Verlauf ordentlich. Für einen guten Sound sorgt am Mischpult der ehemalige Bassist Jason Mathias, der auf der Bühne von Patrick Schmid abgelöst wurde. Gitarrist Rolf Munkes strahlt mit seiner Motivation bis in die hinteren Reihen und wirkt wie der Animateur der Band. Bei der restlichen Truppe hat man teilweise das Gefühl, dass die letzte Nacht noch in den Knochen steckt. Dann steht, zumindest stimmlich, das Gegenteil zu Crematory auf dem Programm: Axxis! Bernhard Weiß und Co. sind seit 1989 aktiv, sein Gesang ist weiterhin absolut unverwechselbar. Klar, die üblichen Klamaukansagen dürfen nicht fehlen. Heute wird über das Altern gesprochen – so gesteht Weiß dem Publikum, er trage mittlerweile Thrombosestrümpfe. Musikalisch ist jedoch alles dabei, was das Fan-Herz höherschlagen lässt. Vor allem der Abschlussdreier ‘Little Look Back’, ‘Living In A World’ und ‘Kingdom Of The Night’ löst starke Reaktionen seitens des Publikums aus, das dankbar eine wirklich tighte und erfrischende Band erleben darf. Den nächsten 30 Jahren steht wohl nichts im Weg!

Die folgenden Primal Fear treten noch immer ohne Chef-Komponist Mat Sinner auf, haben in Alex Jansen aber einen soliden Ersatz (mit schicken Instrumenten) gefunden. An diesem Abend können die Süddeutschen trotzdem nicht ihr ganzes Potenzial ausspielen: Zwar animiert Ralf Scheepers die Fans zu Mitsingspielen (so hoch wie er kommt natürlich niemand), doch im Zelt mangelt es an Wumms. Einige Stücke stechen dennoch hervor – darunter das stürmische ‘Nuclear Fire’, die beklatschten Balladen ‘Fighting The Darkness’ und ‘When Death Comes Knocking’ sowie ‘The End Is Near’. Richtig zelebriert wird schlussendlich der Lobgesang auf die Szene sowie das Finale mit ‘Chainbreaker’, ‘Metal Is Forever’ und ‘In Metal We Trust’. Hernach bei J.B.O. hat das äußerst zahlreich anwesende Publikum ordentlich Feierlaune. Die Erlanger danken es ihm mit einer spaßigen Show sowie einer gelungenen Setlist mit Tracks aus der gesamten Band-Geschichte, darunter ‘Ein guter Tag zum Sterben’, ‘Alles nur geklaut’ und ‘Vier Finger für ein Halleluja’, bei dem der Vier-Finger-Mann und der Langweiler auf der Bühne gegeneinander kämpfen. Danach gibt sich Hannes „G. Laber“ Holzmann emotional: „Es so schön, wieder für euch spielen zu dürfen. Die zwei Jahre Corona waren echt scheiße. Ihr seid ‘Verteidiger des Blödsinns’!“ Dass die Fun-Metaller auch ernst können, wenn es darauf ankommt, beweisen sie mit dem Neil Young-Cover ‘Rockin’ In The Free World’ – für die Band ein Song gegen den Krieg. In der Zugabe setzt es mit ‘Kuschelmetal’ dann noch „die ganz alte Scheiße“, die J.B.O. schon bei ihrem ersten Konzert 1989 gespielt haben. Mit ‘Wacken ist nur einmal im Jahr’ und ‘Ein Fest’ sind letztlich alle restlos und rundum bedient.

Etwas später kniet nicht nur Gitarrist Bas Maas vor der „Queen Of Metal“: Seit 39 Jahren steht Doro auf der Bühne, 29 davon ist Schlagzeuger Johnny Dee dabei. Auf ihn singt die 58-jährige Düsseldorferin nur Lobeshymnen, später eröffnet er mit dem Einstieg der Kiss-Nummer ‘I Love It Loud’ ein zehnminütiges Drum-Solo. Doro gehört längst zum Heavy Metal-Standard, und diese Ehrung weiß sie auch auf der Bühne zu verteidigen. Dennoch will heute nicht alles zünden – so etwa die Ballade ‘Für immer’, die im Publikum immerhin für ein paar gezückte Feuerzeuge sorgt. Auch der ruhige Einstieg zum Judas Priest-Cover ‘Breaking The Law’ klingt auf halbem Tempo nicht so gut. Dann jedoch leitet ‘For Whom The Bell Tolls’ von Metallica ‘All We Are’ ein – die Queen verneigt sich vor den Metal-Göttern, während ihr die Halle zu Füßen liegt. Einer geht noch, wenn sich In Extremo die Ehre geben: Die deutschen Rocker mit Sackpfeife und Schalmei müssen zwar hart arbeiten, um den letzten Funken Energie aus dem prallvollen Zelt zu holen, doch Charme-Bolzen Michael Rhein schlägt das Publikum mit jedem Lied stärker in seinen Bann. Die erste Station heißt ‘Troja’, doch mit ‘Vollmond’ kommt schon bald ein Gassenhauer ins Spiel, der auch als Zugabe funktionieren würde. Marco aka Flex der Biegsame ist als Sackpfeifer fast im Dauereinsatz, wobei ihm mittlerweile André alias Dr. Pymonte verstärkt zur Seite springt, wann immer ein Stück nach einem zweiten Dudelsack verlangt. Zwei Mal werden die Spielleute politisch, das kapitalkritische ‘Quid Pro Quo’ nicht mitgezählt: Mit ‘Lieb Vaterland, magst ruhig sein’ und ‘Saigon und Bagdad’ singen In Extremo tapfer gegen Nationalismus und Krieg an. Für Jubelstimmung sorgen ‘Rasend Herz’, ‘Sängerkrieg’ und vor allem das mitgegrölte ‘Sternhagelvoll’. Gefühlt zu schnell erfolgt der Rauswurf mit ‘Pikse Palve’, welcher das Festival endgültig beschließt – mal abgesehen von letzten Zuckungen auf der Aftershowparty. Obgleich für die Veranstaltung im Folgejahr noch keine Bands bekanntgegeben wurden, bleibt das Stammpublikum dem Festival offensichtlich treu: Bereits am Dienstag nach dem Wochenende konnte das METAL HAMMER PARADISE für 2023 die Meldung „Ausverkauft!“ verbreiten. METAL HAMMER sagt: Danke für eure Treue und bis nächstes Jahr am Weissenhäuser Strand!

FLORIAN BLUMANN, LOTHAR GERBER, SEBASTIAN KESSLER, MATTHIAS KLEPZIG, TOM LUBOWSKI, SIMON LUDWIG, KATRIN

RIEDL, GUNNAR SAUERMANN, CELIA WOITAS Fotos: M. Haack, L. Pietzsch, K. Riedl

VOLBEAT

+ Skindred + Bad Wolves

Köln: Lanxess Arena

D assVolbeat-Boss Michael Poulsen kein Geheimnis aus seiner musikalischen Death Metal-Vergangenheit macht und gerne auch mal alte Helden und Kollegen als Gäste auf die Bühne bittet, ist durchaus bekannt. Man denke nur an den leider bereits verstorbenen LG Petrov von Entombed (AD), dem auch ‘Becoming’ vom aktuellen Album SERVANT OF THE MIND gewidmet ist. Dass sich auf dem „Servant Of The Road“-Tourneeposter neben Skindred und Bad Wolves auch die Birminghamer Grindcore-Legende Napalm Death finden lässt, ist hingegen eine handfeste Überraschung. Vor Ort allerdings eine unangenehme, denn das Kleingedruckte des Posters verrät das Logo als partielle Mogelpackung, da Napalm Death nur auf den britischen Inseln dabei sind. Was für ein Spaß es gewesen wäre, die irritierten Gesichter des „Mainstream“-Anteils der Volbeat-Fans zu sehen, wenn Mark „Barney“ Greenway samt seinem brutalen Organ über die ein Quadrat mit der Bühne bildenden Laufstege getobt wäre – Poulsen kam schon vor zehn Jahren auf Wacken aus dem Grinsen nicht heraus, als der Kollege ‘Evelyn’ in den Acker bellte. Aber so bietet sich die Show erst recht als Konsensausflug mit weniger metallisch veranlagten Holden oder dem eigenen Nachwuchs an – dass dieser jetzt fahren kann, wird von Bierpreisen jenseits der Fünf-Euro-Grenze getrübt, und auch bei Snacks und Merch steht überall „gesalzen“ dran; Arena-Preise, eben. Der Raum zwischen den zuvor erwähnten Laufstegen wird auch genutzt – was bei Metallica der „Snake Pit“ war, ist bei Volbeat aktuell der „Parasite Pit“. Klingt doof, aber nun ja. Tipp: Vor Ort einfach mal am Stand der VIP-Betreuung nach dem Pit erkundigen, Gerüchten zufolge gibt es für „echte Fans“ hier und da auch mal einen Gratiszugang abzustauben.

Doch zunächst stehen Bad Wolves als erste Band auf der Bühne der sich nur langsam füllenden Arena, und die Augen der Fans liegen natürlich besonders auf Tommy Vext-Nachfolger Daniel „DL“ Laskiewicz. Der Mann kann definitiv singen – interessanter Umstand, wenn man bedenkt, dass er vor knapp zehn Jahren mit The Acacia Strain noch bitterbösen Bollocore brüllte. Die Fans tauen langsam auf. Der Sound macht es ihnen dabei auch nicht allzu einfach, aber beim Cranberries-Cover ‘Zombie’ werden dann doch die Handy-Lampen (für alte Menschen: Feuerzeuge) gezückt, es wird gesungen und geschunkelt. Daniel, der mittlerweile in den Fotograben gesprungen ist und direkt vor den Fans singt (dank seiner Vergangenheit dürfte er kaum Berührungsängste kennen), schmeißt als Dankeschön ein paar T-Shirts in die Menge. Danach kommen Skindred, die natürlich von ihrem (hyper-)aktiven Sänger Benji Webbe durch die Show getragen werden. Als ihm die Resonanz des Publikums anfänglich zu gering erscheint, scheißt er auf

SKID ROW

+ Wolfskull

Oberhausen: Turbinenhalle 2 enn Fans in Klamotten von Bathory, Gamma Ray, Carcass, Mötley Crüe oder

W Death freiwillig beisammenstehen, bist du entweder auf Wacken oder bei einer echten Konsens-Band. Wenn dich der ehemalige Chefredakteur mit „Was machst du denn hier? Was ist, wenn dich jemand sieht?“ begrüßt, wohl erst recht. Immerhin hat auch der junge Leimsen dereinst seine ersten Schritte auf der Gitarre zur Musik des Headliners gemacht. Eröffnet wird der Abend jedoch von Wolfskull, die vor der Rüsselseuche bereits „Helden von Morgen“ bei uns waren, ganz aktuell überraschend den Soundcheck gewinnen und den Fans ihren eigentümlichen Sound entgegenrocken – dank des noch arg schmutzigen Sounds deutlich roher als auf Platte.

Roh geht es auch bei Skid Row los: Sowohl das Ramones-Intro als auch der anfänglich unfreiwillig rotzige Sound atmen Punk-Einfluss und Arbeitermentalität. Warum die Jungs aus New Jersey eine Konsens-Band sind? Weil sie den Haarspray-Appeal nie übertrieben haben und immer den kleinen, aber nötigen Ticken härter waren als die „Poser“-Kollegen des L.A.-Strip. Gitarrist Dave Sabo bedankt sich bei den Fans, dass sie es Skid Row ermöglichen, seit über 30 Jahren als Berufsmusiker ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Bassist Rachel Bolan lobt die eingangs erwähnte Diversität der Fans und verkündet, dass Skid Row und Deutschland ab sofort die Vereinten Nationen des Rock’n’Roll bilden. Scotti Hill soliert toll, Rob Hammersmith wird seinem Namen gerecht, und der neue Sänger Erik Grönwall erweist sich als Frischblutinfusion erster Klasse (Sebastian Bach will ja nicht mit der alten Gang auftreten). Vom schwedischen ‘Superstar’ (damals mit ‘18 And Life’ gestartet) über H.E.A.T. zu den alten Idolen Skid Row – was für eine Karriere! Die Skids präsentieren natürlich nicht nur ihr aktuelles Album THE GANG’S ALL HERE mit seinem coolen Titelstück, sondern auch reihenweise Hits des Debüts und von SLAVE TO THE GRIND. Geschickte Dynamik zum Schluss des rund 75-minütigen Sets: Der neue, schleifende Stampfer ‘Time Bomb’ leitet zum finalen Über-Hit ‘Youth Gone Wild’ über, und 750 Nasen brüllen wild „Skid Row!“ ins Break – nicht schlecht für einen Donnerstagabend. Die Gang bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten.

THOMAS STRATER

Fotos S. Steinfort

jegliche politische Korrektheit und sagt dem Publikum, dass er sich an ihrer Stelle auch fragen würde, was dieser „(böses N-Wort)“ denn da treibt. Nebenbei schimpft der Paradiesvogel über seine Kinder und haut mit seinen Kollegen Klassiker wie ‘Kill The Power’, ‘Nobody’ oder ‘Warning’ raus. Lediglich beim neuen Stück ‘Gimme That Boom’ bleibt die Frage offen, warum bei dieser Selbstvorlage im Refrain nicht die Bassbooster zünden – Großbritannier und Elfmeter, altbekanntes Problem.

Nach einer halbstündigen Umbaupause hat sich die Arena dann doch mehr als ansehnlich gefüllt, und Volbeat stürmen die Bühne. Die Fans gehen sofort steil und feuern die Band regelmäßig an – egal, ob zu neueren Songs wie ‘Pelvis On Fire’ und ‘Temple Of Ekur’ oder Standards wie ‘Fallen’ und ‘Sad Man’s Tongue’ – Volbeat kredenzen ein hübsches Best Of-Set mit der ein oder anderen Überraschung wie den ZZ Bottom-Kollegen. Michael Poulsen bedankt sich für das zahlreiche Erscheinen (bis auf die unsexy Oberränge ist die Arena nun gut gefüllt), kündigt ob der wirren Zeiten draußen zwei Stunden „Gehirn ausschalten, Spaß haben“ an und führt im positiven Sinne so souverän durch die Show wie einst Kulenkampff oder Gottschalk durch einen Samstagabend. Rob Caggiano hat den ollen Hut durch eine Truckercap über der offenen Mähne ersetzt und hat ebenfalls Bock – er und Poulsen treten eben öfter ins Scheinwerferlicht als die „Arbeiterfraktion“ Larsen und Larsen. Apropos Licht: Super! Statt überstrapazierter Feuereffekte setzen Volbeat auf großflächige Videoleinwände mit abwechslungsreichem, auf die Songs abgestimmtem Inhalt, dazu gibt es später diagonale Nebelwerfer und Konfettikanonen. Wichtiger: Volbeat schaffen es scheinbar spielerisch, eine gelungene Balance zwischen melodiösen Rock-Momenten und purem Heavy Metal (‘The Sacred Stones’), Thrash (‘Doc Holliday’ als überdeutliche Metallica-Verneigung) und gar Death Metal-Einlagen (‘Shotgun Blues’ ballert richtig!) zu kreieren. Tolle Show! Epilog: Der deutsche Michel hat hernach doch noch etwas zu krähen: Michael Poulsen versprach 120 Minuten Programm, lieferte aber nur circa 105 – auf höchstem Niveau und ohne Durchhänger. Dass man über die exakte Länge der Show beim zuvor gebotenen Unterhaltungswert geflissentlich hinwegsehen kann und sollte, beweist das alte Sprichwort: Was stört es die dänische Eiche, wenn sich eine Social Media-Nöle an ihr reibt?

THOMAS STRATER

HYPOCRISY

+ Septicflesh + The Agonist + Horizon Ignited

Berlin: ORWOhaus

Tourneeabschlüsse haben stets etwas Wehmütiges an sich, insbesondere bei so stimmigen Paketen wie diesem. Seit Ende September zieht der Tross durch Europa und endet mit Gig 37 in Berlin. Anfangs drängen sich die Finnen Horizon Ignited zu sechst (mit Keyboarder) auf der Bühne, verzücken aber mit gesanglich an Amorphis erinnerndem Melo Death: Alte Stücke wie ‘Equal In Death’ klingen ähnlich toll wie der Vinylbonustrack ‘Carry Me’ vom Zweitwerk oder ‘Leviathan’. Mit „Krankenwagen! Schmetterling!“ beweist Okko Solanterä profunde Deutschkenntnisse – das toppt nur der Abschiedsstreich, bei dem Roadies vor dem Finale die Bühne fegen. Weiter geht’s mit The Agonist „all the way from Canada“. Die einstige Band von Alissa White-Gluz bringt modernere, progressivere Klänge hervor und punktet mit der potent singenden wie growlenden Vicky Psarakis, die ‘Blood As My Guide’, ‘Follow The Crossed Line‘ oder ‘Immaculate Deception’ mit Chuzpe rüberbringt. Die Meute im gefüllten Laden schwankt zwischen Mitnicken und Verstörung: Zu oft wirken die Songs eher sperrig-komplex als packend. Mit einer Ansage zum (vermeintlichen) Ende der Pandemie und der Feier der Live-Rückkehr vereint die Truppe schlussendlich alle hinter sich. Dies gelingt auch den Griechen Septicflesh, die urgewaltig über Berlin kommen. Live zündet ihr Symphonic Death Metal noch mehr als auf Platte: Wuchtiges wie ‘Pyramid God’ schlägt unbarmherzig ein, während Spiros Antoniou zu ‘Neuromancer’ zum Mitsingen auffordert. Dem Hünen gelingt es, mit aufpeitschenden Ansagen das gesamte Haus zum Mitmachen zu animieren: Vor ‘The Vampire From Nazareth’ brandet Jubel auf, während ‘Communion’ mit seiner Wall Of Sound-Überforderungstaktik einnimmt und unter die Haut kriecht. Zu ‘A Desert Throne’ und ‘Anubis’ ist die Meute bereits so weichgekocht, dass von exzessivem Headbangen bis Mitgrölen alles geboten ist. Septicflesh sind am Ende der Reise erklärtermaßen müde, kreieren aber bis zum Schluss Kunst, wie nicht zuletzt ‘Dark Art’ auf den Punkt bringt. Großes Tennis!

Hypocrisy schließen nahtlos daran an und ackern sich in gut anderthalb Stunden durch ihre gesamte Diskografie – von PENETRALIA (‘Impotent God’) bis WORSHIP (Titel-Track, ‘Chemical Whore’, ‘Children Of The Gray’). Nach sperrigem Beginn zündet ‘Fire In The Sky’ zuverlässig, ‘Eraser’ wird mitskandiert, und zu ‘Inferior Devoties’ gehen die Hände hoch. Sowohl auf als auch vor der (überraschend gut beleuchteten) Bühne fliegen die Haare, während Peter Tägtgren Samstagskonzerte und das harmonische Band-Paket preist. Seiner dauerbangenden Truppe gelingt es wie keiner zweiten, gefährliche Kriecher und flotte Nummern zu einer mächtigen Sound-Kulisse zu vereinen – besonders heftig schlagen Hymnen wie ‘End Of Disclosure’, das dräuende ‘The Final Chapter’ sowie das epische ‘Fractured Millennium’ ein. Letzteres eröffnet die Zugabe, die der Nackenbrecher ‘Adjusting The Sun’ sowie der Über-Hit ‘Roswell 47’ krönen und ausleiten – eine echte Machtdemonstration!

KATRIN RIEDL

ALTER BRIDGE

+ Halestorm + Mammoth WVH

Berlin: Columbiahalle

s ist Freitagabend, kurz vor halb sieben, und schon jetzt ist die Columbiahalle mehr als wohlgefüllt. Zu E Recht, lässt sich doch als Auftakt des hochwertigen Dreierpakets die Berlin-Premiere von Mammoth WVHs erster deutscher Bühnenreise überhaupt bewundern. Gut gelaunt empfängt einen der sympathische Spross des seligen Eddie Van Halen mit seiner famosen fünfköpfigen Begleit-Band – zu welcher auch der Conspiratorserprobte Myles & Slash-Gitarrist Frank Sidoris zählt – und geizt von Anfang an nicht mit Bühnenpräsenz. Entsprechend euphorisch wird der sich auf Gesang, Gitarre und gelegentliches Keyboard-Spiel begrenzende Multiinstrumentalist vom Publikum begrüßt. Als ehemaliger Bassist aus Tremontis Solo-Band genießt Wolfgang hinter der Bühne ohnehin den Status eines Familienmitglieds – wobei sein Alternative Rock-Sound mit dezentem Neunziger-Schlag aber eben auch perfekt zu Alter Bridge passt. Sei es The Beatles-Nahes wie ‘Epiphany’, der moderne Hard-Rocker ‘Think It Over’ (den Wolfgang als Lieblings-Song seines Vaters ankündigt) oder ‘You’re To Blame’, bei dem er solierend auf der Gitarre glänzt – sämtliches Material zündet und lässt den Wunsch nach einer eigenen Headlinertour der Truppe lauter werden. Nachdem die Hälfte der Songs des gleichnamigen Debütalbums von Mammoth WVH soeben als überzeugende Live-Visitenkarte gedient haben, gestaltet sich die Pausenmusik nicht minder angenehm. Eben noch sind die letzten Töne von Whitesnakes ‘Still Of The Night’ verhallt, schon heißt es Bühne frei für Halestorm. Genauer gesagt für Lzzy Hale. Schließlich bildet die Sängerin unerschrocken die Vorhut und schreit sich zur A-cappella-Einstimmung mit den Refrain-Zeilen von ‘The Steeple’ solo die Seele aus dem Leib. Vor dem Hintergrund einer derben Laser-Licht-Show gibt sukzessive die Band gemeinsam alles. ‘Psycho Crazy’ treibt und drückt, ‘I Get Off’ kokettiert mit klassischen Achtziger-Hard Rock-Vibes, und der Griff ins Debütarchiv mit ‘Familiar Taste Of Poison’ gerät zum Show-Schlüsselmoment: Ohne Gitarre liefert Frau Hale eine dramatische Charakter-Performance ab, die dem Scorpions evozierenden ‘Still Loving You’-Charakter des Stücks voll gerecht wird. Wer wie Halestorm das Große-Rock-Gesten-Repertoire komplett verinnerlicht hat, kommt zwangsläufig nicht um das schlimmste, einst obligatorische Relikt des Rock-Konzertklassikerkanons herum: das Drum-Solo. Zum Glück jedoch gelingt dem wie seine Schwester frisch blondierten Trommelbruder Arejay Hale zum Ende noch die ironische Brechung mit einem Paar Baseballschläger-artig überdimensionierter Sticks. Dass der Rest des 50-minütigen Sets im Dienst von Songs wie ‘Wicked Ways’ oder dem finalen ‘I Miss The Misery’ steht, ist dennoch besser. Eine halbe Stunde später steht auch schon der feierliche Einzug von Alter Bridge auf dem Programm. Zwar dröhnt und scheppert es nun etwas mehr als bei den vorangegangenen Bands, aber Myles Kennedys Ausnahmestimme ist zu jedem Zeitpunkt im Mix schön präsent. Von neuen Songs wie dem Opener ‘Silver Tongue’ über das mehr metallische Kante demonstrierende ‘Addicted To Pain’ ist es nur ein kurzer Weg zur ersten Power-Ballade ‘Before Tomorrow Comes’. Müsste man Alter Bridge auf ein Adjektiv herunterbrechen, wäre dieses wohl „armausbreitend“. Zumindest ist die Band immer dann am überzeugendsten, wenn sie im Hymnenmodus den Härtefaktor einen Gang zurückschraubt. So auch bei

OPETH

+ VoÏvod

Wiesbaden: Schlachthof

D ie Schlange ist exorbitant – kein anerkennender Kommentar an der Pinkelrinne, sondern der überraschte Ausruf meiner Begleitung beim Anblick der Masse von wartenden Fans vor dem Einlass gegen kurz nach sieben. Um halb acht soll es bereits mit den Kanadiern Voïvod losgehen, wir schaffen es noch rechtzeitig zum Beginn in die ausverkaufte Halle. Der Sound besitzt leider nur Vorband-Niveau, die Spielfreude der Veteranen gereicht allerdings einem Headliner zu Ehren. Schlagzeuger Away sieht man die gute Laune durchgehend an, und Sänger Snake ist mit seinen ebenfalls knapp 60 Jahren noch recht agil bei der Sache. Trotz des anfangs ziemlich matschigen Sounds, insbesondere bei Gitarre und Bass, erweist sich das abschließende Pink Floyd-Cover ‘Astronomy Domine’ als ohrenschmeichelnder Höhepunkt, der zu Recht ordentlichen Applaus einfährt.

Aber dann Opeth: Elegant mit ‘Ghost Of Perdition’ direkt einen Klassiker in perfektem Sound abgefeuert, untermalt von großen LED-Wänden und -Bühnenaufbauten, welche die imposante Licht-Show ergänzen. Wobei, wenn wir von Klassikern reden: Statt primär ihr aktuelles Album IN CAUDA VENENUM vorzustellen, präsentieren Opeth einfach mal alle Alben. Jedes wird mit einem Song bedacht, wobei sich in den 13 Nummern der Setlist einige Überraschungen wiederfinden. Beispielsweise ‘Black Rose Immortal’ von MORNINGRISE oder ‘Under The Weeping Moon’ von ORCHID. Selbst WATERSHED wird nicht mit den üblichen Kandidaten abgespeist: Stattdessen packen die Schweden ‘Burden’ aus, welches zuletzt 2006 gespielt wurde. Gemessen an den Reaktionen hätten die Mannen um Mikael Åkerfeldt aber wohl auch ebenso die gesetzlichen Regelungen zum Jugendschutz in der Öffentlichkeit vertonen können, denn jeder Song wird frenetisch bejubelt, was der Band nicht unbemerkt bleibt und Mikael im Gegenzug einige Komplimente entlockt. Sein unterkühlter Humor wirkt sehr sympathisch, auch lässt er sich während der Band-Vorstellung zu der Bemerkung hinreißen, er hätte heute spontan seinen Namen in Holger geändert. Okay. Besondere Erwähnung findet Neuzugang Waltteri Väyrynen am Schlagzeug, der offiziell erst im September zur Band stieß und eine saubere Performance hinlegt – wobei spieltechnische Fehler sowieso nicht auszumachen sind. Die Musikerpolizei scheint zufrieden zu sein, der Rest des Publikums begeistert. Einfach makellos.

MARTIN WICKLER

‘Burn It Down’, dem Tourpremieren-Stück vom insgesamt mit fünf Songs fast schon omnipräsenten Debütalbum ONE DAY REMAINS. Hier übernimmt heute Mark Tremonti patent den Gesang, und Myles die Lead-Gitarre. Im modifizierten Arrangement evoziert der Song auch gelungen Grungenahe Soundgarden-Gefühle. Kerniger wird es wieder mit dem Titelstück des aktuellen Albums PAWNS & KINGS (ob hier jemals der „Weird Al“ Yankovic-Ritterschlag in Form der Meeresfrüchteliebhaber-Ode ‘Prawns & Shrimps’ erfolgen wird?). Dann werden für die akustische Darbietung von ‘In Loving Memory’ auch schon stilecht die Barhocker für Mark und Myles zurechtgerückt. Das kann nur noch von ‘Blackbird’ getoppt werden. Mit Szenenapplaus beginnend und episch inszeniert die Hallenekstase auf ein Höchst-Level hievend, brilliert die Band mit ihrem Erkennungs-Song. Schade nur, dass nach 90 Minuten das insgeheim erhoffte All-Star-Jam-Finale doch ausbleibt und Alter Bridge einen – in Anführungsstrichen – lediglich mit dem Creed-nahen Debüt-Single-Hit ‘Open Your Eyes’ um zehn nach zehn nach Hause ziehen lassen.

HEILUNG

+ Eivør + Lili Refrain

Berlin: Tempodrom uch wenn bei den folgenden Künstlern ein Platz in freier Natur noch passender

A wäre, ist mit dem Tempodrom und dessen arenaförmiger Struktur samt hoher Zeltdecke eine gute Wahl getroffen. Die Italienerin Lili Refrain weiß als Solokünstlerin den Abend für Pagan-Fans mit ihrem Mix aus Synthesizern, Trommeln und verzerrter Gitarre ordentlich einzuleiten, während Eivør (derzeit erfolgreich in Blockbuster-Produktionen wie dem Videospiel ‘God Of War: Ragnarök’ vertreten) mit ihrer spirituellen Stimme eine sanfte Pause vor dem kommenden Kriegerritual der Haupt-Band bietet.

Als Überleitung während des Umbaus beschallen Heilung die Halle mit Vogelgezwitscher, bevor Band-Gründer Kai Uwe Faust in seiner Druidentracht auf der Bühne erscheint und diese mit dem Rauch verbrannter Kräuter einweiht. Die restlichen Mitglieder betreten die Bühne, bilden einen Kreis, mittig Druide Faust – auch sie werden in einer rund zehnminütigen Eröffnungszeremonie auf die kommenden zwei Stunden mit Rauch eingestimmt. Danach beginnt mit ‘In Maidjan’ das Konzert – oder eher der Rausch: Drei Trommler, drei gutturale Gesänge sowie mehrere Frauenchöre sorgen für ein beeindruckendes Sound-Gewitter, abgerundet mit hypnotischen Lichteffekten. Besonders schön: Die lautstarken Fans mit ihren teils animalisch wirkenden Jubelrufen. Immer wieder kommt eine (im Internet zusammengetrommelte) Kriegertruppe auf die Bühne. Auch wenn es kaum zu glauben ist, dass Heilung außer Mikros keine elektronischen Gerätschaften verwenden, sieht es optisch nicht so aus, als ob sie moderne Hilfsmittel benötigen würden. Zum Höhepunkt kommt es mit ‘Hamrer Hippyer’, in welchem die gesamte Band samt Kämpfer rhythmisch stampft und tanzt. Dies animiert auch solche Zuschauer zum Exorzismus, welche durch ihre Alltagskleidung auf den ersten Blick nicht als vermeintliche Freizeitkrieger erscheinen. Ein Heilung-Konzert ist intensiv und überwältigend; es zeigt sich, dass der Band-Name zu Recht getroffen wurde – man fühlt sich angenehm durchgeschüttelt. Ein Abend, der im Gedächtnis bleibt.

FLORIAN BLUMANN

+ Vagabundos de Lujo

Köln: Essigfabrik

I mSeptember füllte er mit seiner „anderen“ Band die Kölner Lanxess Arena, zwei Monate später gibt sich Onkel Weidner in der nicht minder vollgestopften Essigfabrik die Ehre. Ein deutlich intimerer Rahmen also, der dem persönlichen Charakter des Der W-Materials (siehe Interview in METAL HAMMER 06/22) entgegenkommt. Die Stimmung kocht auf Anhieb hoch und beschert dem mit Akustik-Cover-Versionen von Metallica, Iron Maiden, Rammstein oder – klar – Böhse Onkelz bewaffneten Anheizergitarrenduo Vagabundos de Lujo ein leichtes Spiel.

Auf dem Der W-Programm stehen nach einer kurzen Umbaupause Stücke des 2022er-V-Albums und „das Beste von damals – nur ein bisschen gereift“. Letzteres gilt nicht zuletzt stimmlich, zumal sich Stephan Weidner immer wieder des Gitarrenballasts entledigt und auf Gesang sowie Interaktionen fokussiert. Seine fordernde Körperhaltung spricht Bände: Der 59-Jährige fühlt sich als Frontmann im von intensiven Rot-, Grün- und Blautönen dominierten Rampenlicht pudelwohl und will mit seiner wuchtig groovenden Band ausschließlich positive Energie verbreiten. Auszüge der gewohnt unmissverständlich formulierten Botschaften: Verzeihe (‘Schatten’), blicke im Guten auf gescheiterte Beziehungen zurück (‘Haus aus Spiegeln’) und betrachte Freiheitskämpfer wie Nelson Mandela als Vorbilder (‘Justitia’). Kurzum: Für plumpe Sauf- und Raufgeschichten ist Der W die falsche Anlaufstelle. Im „Leben nach dem Hass“ regiert Liebe, ohne die alles nichts ist (‘Kosmogenesis’). Eine Grundeinstellung, die abfärbt: Die überhaupt nicht saure Essigfabrik singt Neues wie ‘Der Berg bewegt sich nicht’ oder ‘Alles wieder anders’ ebenso laut mit wie Bekanntes der Sorte ‘Urlaub mit Stalin’ oder ‘Mein bester Feind’, hält bei Getragenem (‘In stürmischer See’, ‘Das letzte Boot über den Acheron’) inne, grinst mit Weidner über einen verpassten Einsatz (‘Lektion in Wermut’) und feiert ‘Gewinnen kann jeder’ wie einen Mexiko-Import ab. Als nach zwei Stunden mit ‘Operation Transformation’ das letzte Gebet der Motivationsmesse ausklingt, ist klar: Die gleichsam versöhnliche wie ungebrochen hungrige Attitüde steht dem W bestens zu Gesicht.

DOMINIK WINTER

POWERWOLF

+ Dragonforce + Warkings

München: Zenith

W ährend kleinere und mittelgroße Bands momentan zum Teil erhebliche Schwierigkeiten haben, ihre Shows und Tourneen aufgrund von schwachen Ticket-Vorverkäufen rentabel und damit umsetzbar zu halten, kommen viele etablierte Metal-Größen nun endlich dazu, ihre wegen der Pandemie mehrfach verschobenen Konzertreisen nachzuholen. So auch die Werwölfe aus Saarbr..., pardon: Transsilvanien. Selbige dürfen nun zum zweiten Mal in ihrer Karriere im ausverkauften Schlauch im Münchener Norden ran. Die internationale Kämpfertruppe Warkings macht ihre Sache zum Auftakt mehr als passabel. Frontkönig Tribune aka Serenity-Sänger Georg Neuhauser stachelt bei ‘The Last Battle’ zunächst als einziger Vokalist die Meute an, wird jedoch schon beim zweiten Track ‘Spartacus’ vom weiblichen Neuzugang Morgana le Fay unterstützt. Das Quintett schafft es schnell, die Leute zu begeistern, sodass nicht nur zum mitreißenden ‘Bella Ciao’-Cover ‘Fight’ allseits die Fäuste gen Himmel gereckt werden. Alles in allem passen Warkings mit ihrem klassischen Power-/Heavy Metal-Verschnitt fast besser zu den Wölfen als die nachfolgenden Geschwindigkeitsfanatiker Dragonforce. Böse Zungen könnten behaupten, dass die zwei rechts und links am Bühnenrand positionierten, überdimensionalen Arcade-Videospiel-Automat-Attrappen, über welche die ganze Zeit alte Game-Ausschnitte flackern, das Beste am Auftritt der Briten sind. Gewiss sind Herman Li und Sam Totman wahre Könner an ihren Instrumenten, doch am meisten Stimmung kommt auf, wenn sich die beiden zugunsten eines Lieds zurücknehmen – wie zum Beispiel bei der ‘Skyrim’-Power-Ballade ‘The Last Dragonborn’. Ob die Saitenhexer auch im Bett wahre Turbolover sind und alles, was sich ihnen in den Weg stellt, weggniedeln? Es wäre müßig, darüber zu spekulieren ... Ansonsten machen noch die Nebelpistole von Frontmann Marc Hudson, das Céline Dion-Cover ‘My Heart Will Go On’ (inklusive forschem Circle Pit) und der Über-Song ‘Through The Fire And The Flames’ reichlich Laune.

Nach einem epischen Einmarsch durch das Burgtor auf der Bühne eröffnen Powerwolf traditionell mit dem Opener ihres aktuellen Albums – in diesem Fall mit ‘Faster

Than The Flame’ von CALL OF THE WILD. In der Folge schwenkt Front-Lupus Attila Dorn ein wenig Weihrauch herum, um mit ‘Incense And Iron’ das Zenith von jeglicher Pop-Musik zu reinigen. Was die Gruppe hier alles auffährt, lässt wirklich keine Wünsche offen. Zuvorderst beeindruckt die riesige Videowand im Hintergrund, auf der sich detailreiche und farbenfrohe Artworks stets leicht bewegen. Darüber hinaus lassen die fünf Musiker gerne Heißes sprechen. So schwenkt Falk Maria Schlegel beispielsweise zu ‘Cardinal Sin’ eine funkensprühende Fahne. Des Weiteren spielt der Keyboarder und fortwährend herumwuselnde Anheizer bei ‘Amen & Attack’ auf einer ultraschicken Kirchenorgel, aus deren Pfeifen Feuer schießt. Mönche mit Fackeln leiten ‘Stossgebet’ ein, während Dorn zu ‘Fire And Forgive’ mit einer Feuerpistole herumballert. Manch einer mag finden, dass sich Powerwolf zu sehr bei Rammstein bedienen – dieser Argumentation folgend dürfte allerdings keine andere Band mehr bei ihren Shows etwas in Richtung Pyrotechnik darbieten. Überdies verfügen die Wölfe bereits seit einigen Jahren über einen gnadenlos guten Katalog von Stücken, sodass nur unwiderstehliche Hits in der Setlist Platz haben. So erweist sich ‘Dancing With The Dead’ live als wahre Hymne, ‘Armata Strigoi’ ist sowieso fürs Mitsingen komponiert, und die „Oh-oh-ohoh-oh-oh“s in ‘Demons Are A Girl’s Best Friend’ haben fast schon Die Toten Hosen-Qualitäten. Das Œuvre von Powerwolf ist mittlerweile derart üppig, dass München auf ‘Resurrection By Erection’ verzichten muss. Bei all dieser positiven Energie ist die Atmosphäre so ausgelassen, dass selbst Zuschauer, die es gar nicht darauf anlegen, einfach nach oben gehoben werden und crowdsurfen „dürfen“. Auch die ruhigeren Stücke (‘Let There Be Night’ und ‘Where The Wild Wolves Have Gone’) haben es in sich. Bei Letzterem übertreibt es eine etwas übermotivierte Schneemaschine ein wenig, sodass Stagehands eilig das Nass aufwischen müssen. Macht nichts – nach dem ultimativen Zugabenblock mit ‘Sanctified With Dynamite’, ‘We Drink Your Blood’ und ‘Werewolves Of Armenia’ sind alle Konzertgänger zufrieden, geschafft und glücklich.

LOTHAR GERBER

THE HELLACOPTERS

+ Kadavar + The Datsuns

Berlin: Columbiahalle

Z uKonzertbeginn mit The Datsuns um 19:35 Uhr ist es an einem Dienstag erwartungsgemäß recht spärlich gefüllt. Die Neuseeländer unter Führung von Sänger/Bassist Dolf de Borst, der in letztgenannter Funktion später mit den Hellacopters gleich noch mal ran darf, zeigen Motörhead-mäßige Garagen-Punk-Kante, scheppern aber auch gehörig und wirken auf der großen Bühne fast verloren. Das kann man von Kadavar nicht behaupten. Im Ansagensegment gewohnt auf Understatement setzend (erste Publikumsbegrüßung: „Seid ihr da, habt ihr Bock?“), weiß das Trio die weltbedeutenden

Bretter des inzwischen recht gut gefüllten Innenraums der zur Hälfte bespielten Columbiahalle auszufüllen und hält neben Black Sabbath- die Hawkwind-Fahne hoch. Lediglich, wenn sie sich gen Ende zu sehr in sphärisch verspielten Space-Gitarrensoli verlieren, ist man fast geneigt, die Berliner in die just erfundene „Anti-Action Rock“-Schublade zu stecken. Doch dann holt die Band mit dem beherzten The Beatles-Cover ‘Helter Skelter’ auch die vereinzelt anwesende Turbojugend wieder mit zurück ins Boot.

Dicht drängt sich das Publikum daraufhin an die Bühne, um den Abflug nicht zu verpassen. Das nachfolgende Bordprogramm gestaltet sich geschmackvoll, fahren The Hellacopters doch eine teuflisch gute Setlist auf. Erster Beweis: Wer ‘Carry Me Home’ schon an dritter Position verbraten kann, hat noch einiges mehr in petto. So mischt sich Material vom starken aktuellen Album EYES OF OBLIVION wie ein lässiges Doppel aus ‘A Plow And A Doctor’ und ‘Positively Not Knowing’ mit dem prädestinierten Cover-Stück ‘Circus’ der obskuren Band String Driven Thing. Aber auch ältere Gassenhauer vom Schlage ‘The Devil Stole The Beat From The Lord’ gehen mit einem Deep Cut wie ‘Rainy Days Revisited’ gut Hand in Hand, bevor der Prä-Zugabenblock mit ‘By The Grace Of God’ und damit einem von Keyboarder Boba Fett ausgeführten Piano-Fingerzeig Gottes beschließt. Logisch, dass auf das finale Ausrufezeichen von ‘(Gotta Get Some Action) Now!’ nicht verzichtet werden kann, auch wenn nach dieser an sich tollen Skandi-Rock-Sause ein Fragezeichen im Raum schweben bleibt: Wäre, ganz im Sinne von ‘Respect The Rock – Reloaded’, eine erneut gemeinsame Tourneesache mit Gluecifer – auch vor dem Hintergrund, dass die Norweger ihre diesjährige Jahresenddeutschlandtournee aus Gründen der Unwirtschaftlichkeit vollständig absagen mussten – nicht das homogenere sowie historischere Ereignis gewesen?

FRANK THIESSIES

SALTATIO MORTIS

+ Antiheld

Ludwigsburg: MHP Arena

ie MHP Arena scheint an diesem Wochenende ein Zeitproblem zu haben, denn wie Orbit Culture am

D Vorabend stehen auch Antiheld früher auf der Bühne als angekündigt. Allerdings ist die Halle bereits zur Vor-Band voller, als es bei der In Flames-Tour je wurde (Bericht: S. 110). Kein Wunder also, dass Sänger Luca Opifanti so gerührt ist. Auch, dass die Rock-Gruppe wohl dem Headliner Saltatio Mortis versprochen hat, diesen Abend zu einem ganz besonderen zu machen, ist nachvollziehbar: Antiheld kommen aus Stuttgart, haben in Ludwigsburg also beinahe ein Heimspiel. Die Heimatnähe erklärt vermutlich auch die lockere Stimmung so früh am Abend: Das Publikum schreit die Texte mit, es wird getanzt, ein aufgeblasener Ball fliegt durch die Menge. Bis hinunter in den Kessel solle man die Band hören, wünscht sich der Frontmann – dass er sich dabei vor Aufregung verhaspelt, überspielt er sympathisch. Antiheld kommen mit ihrem soliden Auftritt insgesamt entsprechend an und ernten zu einer Ansprache über die große Relevanz des Politischseins noch einmal einen extra großen Applaus.

Ein ähnliches Statement setzen auch Saltatio Mortis: Vor ihrem Auftritt verdeckt ein großes Banner mit Dudelsack und Regenbogenfahne die Bühne. Unter diesem feiern Fans ausgelassen zur Pausenmusik, bis die Mittelalter-Rocker endlich loslegen. Vom Schattenspiel zur Konfettikanone – der Start-Song ‘Große Träume’ bietet bereits einiges. Dynamischer als das Publikum ist nämlich nur, was rund um Sänger Jörg „Alea“ Roth und die anderen auf der Bühne geschieht. Hit um Hit geht die Setlist, auf Lichtspiel folgt Feuer, und Alea wünscht sich, dass nach dem Konzert „alle mindestens halb nackt sein“ sollen – vor Schwitzen, versteht sich. Nach dieser Aussage ist es fast erstaunlich, dass er selbst erst beim vorletzten Song sein T-Shirt in die Menge schmeißt ... Ein Vorgriff: Das Publikum frisst ihm aus der Hand. Was Saltatio Mortis auch tun, die Stimmung im Publikum reißt nicht ab. Es wird geklatscht, getanzt, gesungen, bis hinauf in die Ränge – einigen Gesprächen in der Menge nach zu schließen auch nicht zum ersten Mal auf dieser Tour. ‘Linien im Sand’ feiert diesen Herbst Livepremiere und erhält genauso viel Applaus wie der neue Song ‘Odins Raben’, den die Band den Fans widmet. Währenddessen beginnt auch das eindrucksvollste Schauspiel des Abends: Von der Decke fahren Fahnen mit nordischer Symbolik. Die Neonfarben sind zwar fragwürdig, wirken in der dunklen Halle aber

LORDI

+ Almanac + Dymytry

Berlin: Hole44 ie meisten Bands gehen mit einem Album auf Tour – die Finnen Lordi mit sieben! Diese

D wahnwitzige Idee von 2021, solch eine Anzahl von Platten innerhalb eines Jahres zu veröffentlichen, tragen Mr. Lordi & Co. nun auf die Bühnen. In Berlin verschlägt es sie ins kuschelig-enge Hole44: Weiter als 15 Meter ist man nie voneinander entfernt, und so kann sich niemand den kommenden Blutspritzern entziehen. Bis es so weit ist, leiten die tschechischen Masken-Metaller Dymytry in den Abend ein, um danach von Victor Smolskis Almanac um Längen übertroffen zu werden. Das ehemalige Rage-Mitglied versammelt hierbei eine äußerst fähige und sympathische Truppe um sich, die der Meute ordentlich einheizt. Es ist jedoch nicht verwunderlich, dass man einige „Kiss Army“-Shirts sieht, ist Mr. Lordi doch bekennender Super-Fan und seine Band eine etwas härter gedachte Weiterführung des Kiss-Schemas. Das Intro ‘God Of Thunder’ kann somit begeistern, bevor die Euphorie vom etwas lahmen ‘Borderline’ eingedämmt wird. Generell ist es verwunderlich, dass die originellsten Songs von LORDIVERSITY am schlechtesten ankommen: Vor dem genialen Disco-Stück ‘Believe Me’ entschuldigt sich Mr. Lordi sogar dafür.

Die meisten Zuschauer wünschen sich den typischen Hard Rock-Sound im Stil von ‘Devil Is A Loser’. Lordi sind sich dessen bewusst und erklären die heutigen Songs zu „zukünftigen Klassikern“; ihr Frontmann kann diese Behauptung auch charmant verpacken, wie er generell das gesamte Konzert mit seiner humorvollen Art trägt. So macht er sich über deutsche Phrasen wie „Ja ja“ lustig, welche eine ganz andere Bedeutung haben soll als ein einfaches „Ja“. Optisch wird die Funky Horror Show durch die Kostüme, Mr. Lordis bewegliche Fledermausflügel und Accessoires wie eine dampfende Kettensäge abgerundet. Das wäre auf einer großen Bühne eindrucksvoller, hat so aber schon den richtigen Trash-Faktor. Der ESC-Hit ‘Hard Rock Hallelujah’ macht 16 Jahre später noch immer Spaß, auch wenn er Lordi wahrscheinlich aus der Silikonkehle hängt.toll. In dieser Atmosphäre wirken die ruhigeren, englischsprachigen Songs ‘Pray To The Hunter’ und ‘My Mother Told Me’ gut, bevor es wieder hell wird und Alea dem Publikum noch einmal alles abverlangt. Einander ein ganzes Lied lang in den Armen liegen und von rechts nach links hüpfen, einen Circle Pit mit über dem Kopf zum Herz geformten Händen durchhalten? Offenbar kein Problem für Saltatio Mortis’ Fans – es hilft sicher auch, dass Alea all diese Späße selbst mitmacht. Die Musiker fordern viel von ihren Fans, doch mindestens genauso viel geben sie zurück. Über zwei Stunden stehen sie auf der Bühne, und auch wenn die 26 Songs umfassende Setlist in der ersten von zwei Zugaben ein wenig langatmig wird, kann man diese unglaubliche Energie nur lobend hervorheben – in Großbuchstaben sogar: WOW! Saltatio Mortis wollen die Bühne offenbar gar nicht mehr verlassen – und der Party im Publikum nach zu schließen müssen sie das auch gar nicht. Selbst als mit ‘Spielmannsschwur’ alle Songs gespielt sind, einige in der Halle halbnackt herumspringen und das Erinnerungsfoto (samt rosa Mini-Keyboard) längst gemacht ist, feiern Musiker und Fans noch gemeinsam. Ein gelungener Abend! as für ein Line-up! Allein die beiden Melodic Death-Begründer In Flames und At The Gates

IN FLAMES

+ At The Gates + Imminence + Orbit Culture

Ludwigsburg: MHP Arena

W zusammen sehen zu können, sollte Argument genug sein, diese Tournee zu besuchen – und die beiden jüngeren Supportacts dürften wirklich jede Gegenrede ausschließen. Dementsprechend verwunderlich ist die Leere in der Halle zu Beginn von Orbit Culture. Kaum jemand ist da, als die schwedische Antwort auf Metallica mit dem neuen Song ‘Vultures Of North’ in ihr Set startet. An der Band kann es nicht liegen – zwar ist der Sound stellenweise etwas dumpf und sind die Backgroundvocals klarer zu hören als Sänger Niklas Karlsson, doch insgesamt liefern die vier gut ab. Nein, das Konzert wurde vorverlegt, die Information allerdings nicht ausreichend verbreitet. Wer erst zum angedachten Konzertanfang die MHP Arena erreicht, kann immerhin Imminence sehen. Die leichten Sound-Probleme beim Gesang sind inzwischen behoben, auch ist die Halle merklich voller als zuvor. Das einzige Manko ist nun, dass die Geige in den Backingtracks lauter ist als Sänger Eddie Bergs eigenes Spiel. Darüber ist bei der Dynamik des Frontmanns und seiner großartigen Performance allerdings hinwegzusehen. Der Circle Pit, den sich die Schweden zu ‘Paralyzed’ wünschen, kommt zwar nicht zustande, doch Applaus ist ihnen nach den Schlusstakten von ‘Temptation’ gewiss.

Weiter geht’s mit At The Gates, Vorhang auf für Göteborg! Auf ‘Spectre Of Extinction’ vom aktuellen Album folgt direkt ‘Slaughter Of The Soul’. Zwar ist die Dichte von In Flames-Merchandise im Publikum bemerkenswert, doch auch zu den Genre-Kollegen des Headliners wird genickt. Und wenn Tomas Lindberg schon dazu auffordert, die Hände zu heben, kann man auch gleich klatschen – am besten ganz ‘Death And The Labyrinth’ hindurch. Als der Frontmann vor ‘The Night Eternal’ dann allen „Dankeschön und gute Nacht“ wünscht, wirkt es, als sei der Auftritt recht schnell vorbei gewesen – doch allzu groß waren eben weder Ansprachen ans Publikum noch die Energie der Musiker. Zwischen Imminence und In Flames sehen At The Gates – trotz guter musikalischer Leistung! – verhältnismäßig alt aus. Dieser Aussage ist allerdings abmildernd hinzuzufügen, dass neben Anders Fridén, Björn Gelotte und Co. wohl jeder an diesem Abend alt ausgesehen hätte.

Nicht nur sind In Flames lauter abgemischt als At The Gates zuvor, sie wirken auch auf der Bühne präsenter. Sie liefern einen unglaublich starken Auftritt, zu dem auch die Setlist beiträgt, die als beeindruckend zu beschreiben der Sache wohl immer noch nicht gerecht werden würde. Schon bei ‘The Great Deceiver’ bewegt sich das Publikum mehr als bei allen drei Bands davor. Der Klassiker ‘Pinball Map’ intensiviert das Geschehen, und bei ‘Cloud Connected’ gibt es wohl keine Person in der Halle, die den Titel nicht mitschreit. Als wirklich jedem eingeheizt ist, beginnen Göteborgs Helden eine Reise durch die eigene Diskografie. Beinahe aus jedem Album wird chronologisch ein Song gespielt, dazu leuchtet die Bühne in Farben passend zum jeweiligen Coverartwork – tolle Details! Fridén ist mühelos cool unterwegs, und als er ‘The Hive’ als Hommage an das an diesem Tag vor 25 Jahren erschienene WHORACLE ankündigt, kann überhaupt nichts mehr schiefgehen. Die Energie der sechs Musiker – Live-Keyboarder Niels Nielsen ist dabei – ist unvergleichlich, und das Konzert kommt offensichtlich von Herzen anstatt bloß auswendig gelernt zu sein. So verändert Fridén hier und da kleine Stellen, und auf einen Crowdsurfer ohne Musik reagiert die Band humorvoll mit angedeuteter Zirkusmusik. In absoluter Bestform schüren sie den Hype auf das kommende FOREGONE, ohne alte Fans vor den Kopf zu stoßen. Unter gehen dabei lediglich die Vertreter von A SENSE OF PURPOSE, doch das ist egal, schaffen In Flames doch die Pits hervorzurufen, zu denen es bei den Vor-Bands nicht kam. Nach anderthalb Stunden kraftvoller Darbietung und einem buchstäblichen Mic-Drop nach ‘Take This Life’ sollte jedem klar sein, was für eine Ausnahme-Show soeben dargeboten wurde.

ANNIKA EICHSTÄDT Fotos: R. Jaenecke