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Risikoprofiling von Anlegern


Sachwert Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 06.09.2018

Wie finde ich heraus, welches Risiko zu mir passt?


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Bildquelle: Sachwert Magazin, Ausgabe 4/2018

Auszug aus dem Buch
„Vermögensmanufaktur“
von Roland Eller und Markus Heinrich

Jede Finanzentscheidung ist mit Risiko verbunden. Viele Anleger hingegen suchen Sicherheit, ein Dilemma? Spätestens seit der Finanzkrise und der damit einhergehenden Nullzinspolitik der Notenbanken ist offensichtlich: keine Rendite ohne Risiko. Sogenannte »risikolose Anlagen« wie Cash, Bankeinlagen oder Bundeswertpapiere bieten nur geringe oder gar negative Renditen. Wer Vermögen aufbauen oder für das Alter vorsorgen möchte, braucht Rendite. Selbst wer lediglich sein Kapital ...

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Jede Finanzentscheidung ist mit Risiko verbunden. Viele Anleger hingegen suchen Sicherheit, ein Dilemma? Spätestens seit der Finanzkrise und der damit einhergehenden Nullzinspolitik der Notenbanken ist offensichtlich: keine Rendite ohne Risiko. Sogenannte »risikolose Anlagen« wie Cash, Bankeinlagen oder Bundeswertpapiere bieten nur geringe oder gar negative Renditen. Wer Vermögen aufbauen oder für das Alter vorsorgen möchte, braucht Rendite. Selbst wer lediglich sein Kapital erhalten möchte, braucht Rendite als Kompensation für die Inflation, die ansonsten seinem Geld die Kaufkraft entzieht. Doch wie finden Sie heraus, welches Risiko zu Ihnen passt?
Viele Kapitel in diesem Buch beschäftigen sich mit den Kapitalmärkten und Finanzprodukten, einige auch damit, wie man das Risiko dieser Produkte und Strategien misst. In diesem Beitrag schauen wir bewusst in eine andere Richtung, auf Sie als Anleger. Schauen wir nicht auf die Dinge, die uns so stressen, wie Politik, Finanzmärkte, Nachrichten oder was unser Nachbar tut. Sondern konzentrieren wir uns auf die Dinge in Bezug auf Risiko, die wir selber beeinflussen. Das ist ein wichtiger Schlüssel, stressfrei anzulegen.
Dazu werfen wir zunächst einen Blick auf die Herausforderungen im Umgang mit und in der Kommunikation zu Geld und Risiko. Anschließend erfahren Sie, wie professionelles Risikoprofiling Ihnen und Beratern helfen kann, das richtige Risikomaß für Ihre Bedürfnisse zu finden. Abgerundet wird dies mit einigen Anregungen, wie Sie als Selbstentscheider vorgehen.

2 Herausforderung im Umgang mit Geld und Risiko
Lassen Sie uns zunächst einen Blick werfen auf die wichtigsten Herausforderungen, denen sich Anleger, aber auch Berater gegenübersehen.

2.1 Die große Begriffsverwirrung
In der Anlageberatung fällt häufig der Begriff »Risiko«. Doch was, wenn Sie darunter etwas ganz anderes verstehen als Ihre Gesprächspartner?
Werden Anleger gebeten, ein anderes Wort für Risiko zu finden, fallen so unterschiedliche Begriffe wie:
• Unsicherheit
• Gefahr
• Chance
• Nervenkitzel
Bei Beratern kommen technische Begriffe hinzu, wie:
• Volatilität (Schwankungsintensität)
• Drawdown (Höhe des Absturzes vom Höchstpunkt)

In einer Studie mit dem Titel »Die große Risikoverwirrung«1 beklagen die Autoren: »Eine Hauptursache für die verheerenden Auswirkungen der Finanzkrise war, dass Anleger massiven Fehleinschätzungen in Bezug auf das Risiko von Kapitalanlagen unterlagen. Dies lag nicht zuletzt darin begründet, dass fast jeder hierunter etwas anderes verstand.« FAZIT: Wenn Sie mit anderen über Risiko sprechen, klären Sie, was diese darunter verstehen.


»Die Qualität des Lebens hängt von den Fragen ab, die ich mir stelle«



Tony Robbins


2.2 Mit Ungewissheit leben
Gewissheit in Bezug auf die Zukunft ist eher die Ausnahme im Leben. So können wir mit Gewissheit sagen, dass die Sonne morgen aufgeht, aber nicht, dass die Börse morgen steigt. Risiko ist dadurch definiert, dass sich dem Eintritt eines Ereignisses eine Wahrscheinlichkeit zuordnen lässt. Das ist beim Münzwurf (1:2) oder Würfeln (1:6) der Fall.
Bei Ungewissheit ist bekannt, was alles passieren kann, aber nicht mit welcher Wahrscheinlichkeit. Das trifft auf die Börse zu. An Finanzmärkten haben wir es vor allem mit Ungewissheit zu tun. Sie macht vielen Angst. Doch Ungewissheit herrscht in vielen Lebenssituationen, beispielsweise im Verkehr. Offensichtlich haben wir gelernt, im Verkehr damit umzugehen. Oder machen Sie sich ständig Gedanken über das Risiko (richtiger die Ungewissheit), wenn Sie mit Ihrem Auto fahren? Was lernen wir daraus? Besteht eine hohe Motivation, von A nach B zu kommen, und sind wir an eine Situation gewöhnt, fällt es uns leichter, mit Ungewissheit zu leben. Warum sollte das bei Finanzen nicht auch möglich sein? Coaches sprechen von einer Ressource.
FAZIT: Wir können mit Ungewissheit leben und lernen, damit umzugehen.

2.3 Geld und Projektion
Wir betrachten das Thema Risiko in Bezug auf Entscheidungen zu Geld. Doch was ist eigentlich Geld? Wir gehen täglich Auszug aus dem Buch „Vermögensmanufaktur“ von Roland Eller und Markus Heinrich Bild: Depositphotos/eedough, Bildmontage Martina Schäfer damit um. Geld ist uns derart vertraut, so selbstverständlich, dass uns die Frage irritiert. Wir denken nicht darüber nach, ganz so, wie die Fische in dieser kleinen Geschichte. Ein Hund am Fluss fragt zwei vorbeischwimmende Fische: »Wie ist das Wasser?« »Welches Wasser?«, fragen die Fische. Wer die Frage stellt, was Geld ist, der wird überrascht sein, wie viele unterschiedliche Antworten er erhält: »Tauschmittel, Währung, Macht, Luxus, notwendiges Übel, Belohnung, ein Fluch, Schmiermittel der Wirtschaft, Bewertungsskala, Freiheit, Unabhängigkeit, Sicherheit …«. Probieren Sie es einmal aus. Hätten Sie gedacht, dass Ihre Gesprächspartner Geld so anders sehen könnten als Sie? Wir halten unsere Interpretation von Geld für die Wahrheit. In Wirklichkeit ist es eine Perspektive von vielen.
Das bedeutet: Geld ist das, was wir glauben, was es ist. Psychologen sprechen von Projektion.2 Wir projizieren unsere Ängste, Hoffnungen und Sorgen auf Geld. Da Geld abstrakt ist und allgegenwärtig, bietet es sich als Projektionsfläche geradezu an. Diesen Zusammenhang zu kennen hilft, falsche Erwartungen zu vermeiden und Enttäuschungen vorzubeugen. Viele Menschen verbinden Geld mit Sicherheit: »Wenn ich Millionär wäre, dann würde ich mich sicher fühlen.« Die Erfahrung zeigt, dass dies nicht aufgeht. Oder warum treibt viele Millionäre die Sorge um, ihr Geld wieder verlieren zu können? Der Hoffnung auf Sicherheit folgt die Angst vor Verlust. Ganz anders ergeht es Menschen, die sagen können: Ich bin sicher, mit und ohne Geld. Weil ich …
• bereits mehrere Krisen durchgestanden habe,
• ein soziales Umfeld habe, das mich stützt,
• gesund, gut ausgebildet und ideenreich bin.

Wahre Sicherheit kommt von innen.

Nicht nur Geld ist Projektionsfläche, auch viele Anlageobjekte lösen Projektionen aus:

• Immobilien: Die Immobilie ist Nachfolgerin der Höhle, in der sich schon unsere Vorfahren zu Urzeiten vor den Gefahren der Umwelt zurückgezogen haben. Das hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Kein Wunder, dass sicherheitsorientierte Anleger Immobilien schätzen.
• Gold: Menschen messen ihm seit Jahrhunderten Wert zu. Lange Zeit war der Wert von Währungen an Gold gebunden. Es ist knapp und glänzend und schwer. Es gilt als wertvoll.
• Diamanten: Sie sind umso wertvoller, je reiner und geschliffener. Sie zieren Kronen und verkörpern Exklusivität.
• Aktien: Aktienkurse schwanken stark. Die Unternehmen dahinter liefern ständig neue Nachrichten und Storys. Aktien werden rege gehandelt. Sie gelten als spekulativ.
• Kapitallebensversicherungen: Sie werden von Versicherungen angeboten, die uns gegen Risiken absichern und vor Schaden bewahren. Sie gelten als besonders sicher.
Es ist gut, sich seiner Projektionen bewusst zu sein. Viele Anleger sind fixiert auf bestimmte Anlageobjekte und gehen hohe Klumpenrisiken ein. Sie vernachlässigen die wichtigste Grundregel in Bezug auf Risiko, die Risikostreuung (Diversifikation.)
FAZIT: Wer seine Projektionen kennt, kann bewusster entscheiden.

2.4 Verluste wiegen schwer
Wissenschaftler3 fanden heraus, dass Verluste doppelt so schwer wiegen wie Gewinne. Daher versuchen wir, Verluste zu vermeiden. Diese Verlustaversion führt zu Denkfehlern (Dysfunktionale Kognition) und Verhalten,
das uns schadet. Anleger neigen dazu, Verluste laufen zu lassen und Gewinne mitzunehmen. So beschneiden sie regelmäßig größere Gewinnchancen und versäumen es, Verluste zu begrenzen. Ein Verhalten, das sich negativ in der Performance bemerkbar macht.
Menschen, die im Alltag als Konsumenten auf Preisrückgänge, Rabatte und Schnäppchen mit erhöhter Kauflust reagieren, verhalten sich als Anleger völlig anders. Fallende Aktienkurse interpretieren sie nicht als Gelegenheit, sondern als Gefahr. Statt zu kaufen, verkaufen sie panikartig aus Angst vor weiteren Verlusten. Steigende Aktienpreise hingegen versetzen sie in Kauflaune, während sie als Konsumenten bei steigenden Preisen Zurückhaltung üben. Verstärkt wird dieses widersprüchliche Verhalten durch einen ausgesprochenen Herdentrieb, dessen Wurzel sich ebenfalls bis in die Steinzeit zurückverfolgen lässt. Steinzeitmenschen fanden in der Gemeinschaft Schutz. Anerkennung in der Gruppe war existenziell. FAZIT: Es zahlt sich aus, beim Anlegen nicht dem ersten Impuls zu folgen, sondern nachzudenken.

2.5 Zeitpräferenz: Belohnung sofort
Nicht erst seit dem berühmten Marshmallow-Test4 von Walter Mischel ist bekannt, wir Menschen mögen Belohnung sofort. Belohnungsaufschub, wie beim Sparen, fällt uns schwer. Es gibt sogar eine mathematische Entsprechung, den Barwert. Mittels der Barwertformel kann5 berechnet werden,
was eine Zahlung in der Zukunft, im Vergleich zur Zahlung sofort, wert ist. Um langfristig Vermögen aufzubauen oder für das Alter vorzusorgen, ist es notwendig, auf Konsum heute zu verzichten zugunsten einer ungewissen späteren Belohnung. Doch umgekehrt gilt, wer nicht frühzeitig spart, kann keine Vorsorge aufbauen und er lässt die Kraft des Zinseszinses ungenutzt.
Mischel beschreibt noch ein weiteres Phänomen. Mithilfe eines funktionellen Magnetresonanztomografen sind Forscher in der Lage, Gehirnströme zu messen. Sie beobachten, welche Gehirnareale aktiviert werden.
Bei einem Experiment6 forderten Forscher Probanden auf, über sich selbst, über andere und über sich selbst in der Zukunft nachzudenken. Das erstaunliche Ergebnis: Im Gehirn läuft beim Nachdenken über uns selbst in der Gegenwart etwas anderes ab als beim Nachdenken über uns selbst in der Zukunft. Denken wir über unsere Zukunft nach, gleicht das eher dem Nachdenken über Fremde. Es fällt uns offensichtlich nicht leicht, uns mit unserem Selbst in der Zukunft zu identifizieren. Wir sind unserem Zukünftigen Selbst fremd. FAZIT: Für die Zukunft zu sparen, kostet Überwindung.

2.6 Verzerrte Wahrnehmung
Das Bild vom Menschen als rationalem Nutzenmaximierer (Homo oeconomicus) ist überholt. Auch die Finanzwissenschaft hat erkannt, dass psychologische Faktoren von großer Bedeutung sind. Ein eigener Zweig, genannt »Behavioral Finance«, beschäftigt sich mit dem Verhalten bei Finanzentscheidungen. Es gibt eine große Zahl an Denkfallen, die ich hier nur kurz anreißen kann:
• Wir überschätzen den Wert der Dinge, die wir besitzen (Besitzstandseffekt).
• Wir überschätzen die Bedeutung von Ereignissen, die gerade passiert sind im Vergleich zu früheren Ereignissen. Wir halten Dinge eher für wahr, wenn wir sie wiederholt hören. (Verfügbarkeits-Heuristik)
• Wir überschätzen seltene Ereignisse (Terror, Crash) und unterschätzen schleichende Prozesse (mangelnde Bewegung, Inflation).
• Wir lassen uns von der Art der Darstellung einer Sache beeinflussen (Ankereffekt, Framing).
In Bezug auf Risiko bedeutet das: Unser Risikoempfinden ist stark davon geprägt, wie wir Risiko wahrnehmen. Das hält oftmals einer objektiven Überprüfung nicht stand. Wir tun gut daran, unserer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen und ihr nicht unreflektiert zu folgen.
FAZIT: Handeln Sie überlegt und betrachten Sie Ihr Risiko aus unterschiedlichen Perspektiven.

Wie wir gesehen haben, ist es gar nicht leicht, finanzielle Risiken richtig einzuschätzen. Eine professionelle Sicht auf Risiko ist daher nie einseitig.

3 Professionelles Risikoprofiling
Erst durch die Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven ergibt sich ein Gesamtbild. Wie ein Profiler im Krimi aus einzelnen Puzzlesteinchen ein Bild zusammensetzt, so besteht auch professionelles Risikoprofiling aus mehreren Schritten. Es beantwortet die Frage: Welches Risiko passt zum Anleger?

3.1 Das Risikoprofil Im Leben ist es hilfreich, ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das Risikoprofil setzt sich aus vier Perspektiven zusammen. Zwei finanzielle, rechenbare Größen und zwei psychologische Faktoren.

Wer ein Anlageziel (Vermögen) erreichen möchte, hat drei wesentliche Stellschrauben. Steht fest, wie viel er anlegen kann (Kapital) und wie lange (Zeit), bleibt nur, an der Rendite zu drehen. Da Rendite unweigerlich mit Risiko einhergeht, stellt sich die Frage: Welches Risiko muss der Anleger mindestens eingehen, um sein Ziel erreichen zu können?

Da Rendite eine Funktion des Risikos ist, müssen Anleger, die eine bestimmte Rendite benötigen, um ihr Finanzziel zu erreichen, auch ein äquivalentes Risiko in Kauf nehmen. Risiko und Renditen sind unmittelbar miteinander verknüpft. Keine Rendite ohne Risiko. Umgekehrt gilt das leider nicht. Es gibt zwar Anlagen mit null Rendite, aber keineswegs Anlagen mit null Risiko.

Risikokapazität Die Risikokapazität ist eine finanzielle Kategorie. Sie beantwortet die Frage: Wie viel Risiko kann sich der Anleger leisten, ohne seine Anlageziele zu gefährden? Mancher spricht auch von Risikotragfähigkeit. Sollte Ihr erforderliches Risiko höher sein als das tragbare, sollten Sie Ihr Anlageziel überdenken. Gegebenenfalls können Sie ein Stufenkonzept verfolgen und zunächst ein Zwischenziel definieren.

Anlagehorizont Der Horizont ist der Punkt, bis zu dem wir blicken können. Der Anlagehorizont ist die Dauer, für die ein Anleger gewillt ist, eine freie Kapitalsumme in eine Anlage zu investieren.
Es ist nicht nur notwendig zu wissen, wie viel Euro Sie anstreben, sondern auch, bis zu welchem Zeitpunkt. Liegt der Zeitpunkt, wo Sie das Geld benötigen, noch in der Ferne, gibt Ihnen dies die notwendige Ruhe, Marktschwankungen auszusitzen. Benötigen Sie hingegen kurzfristig einen bestimmten Geldbetrag, der Marktschwankungen ausgesetzt ist, gilt es, Risiko zu reduzieren.

Finanzielle Risikobereitschaft Die finanzielle Risikobereitschaft ist eine von vier verschiedenen Arten von Risikobereitschaft. Sie ist zu unterscheiden von der:
– physischen Risikobereitschaft (Verletzungsrisiko)
– sozialen Risikobereitschaft (sich zur Wahl stellen, auf die Bühne gehen)
– ethischen Risikobereitschaft (Eingriff in die Natur)
Das bedeutet, dass eine hohe Risikobereitschaft in einem anderen Bereich noch nichts über die finanzielle Risikobereitschaft eines Menschen aussagt. Die finanzielle Risikobereitschaft stellt ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal8 dar. Geschehen keine gravierenden, prägenden Ereignisse, bleibt sie über drei bis fünf Jahre regelmäßig konstant. Sie ist messbar in einem Persönlichkeitstest.

Wahrgenommenes Risiko
Wie riskant eine Aktion einer Person erscheint, hängt sehr von ihrer Wahrnehmung ab und ist eine Frage der Bewertung. Wie wir Risiko wahrnehmen, wird stark beeinflusst von der Perspektive und unterliegt, wie wir gesehen haben, Verzerrungen. Wer Denkfehler vermeiden möchte, dem empfehle ich, eine Nacht über Entscheidungen zu schlafen oder bewusst gedanklich einen Schritt zurück- zutreten und eine andere Perspektive zu suchen.

3.2 Anforderungen an die Ermittlung der finanziellen Risikobereitschaft
Die Ermittlung der finanziellen Risikobereitschaft erfolgt in der Anlageberatung durch Befragen des Anlegers. Dieser wird gebeten, eine Selbsteinschätzung vorzunehmen. In der Praxis erfolgt das oft durch Ankreuzen vorgegebener Alternativen. Wesentlich fundiertere Ergebnisse erhalten Kunde und Berater mittels standardisierter Risikoprofiling-Tests. Da die finanzielle Risikobereitschaft ein psychologisches Merkmal ist, kann sie durch einen Persönlichkeitstest ermittelt werden. Die Psychometrik – eine Querschnittsdisziplin aus Psychologie und Statistik – entwickelt Standards für valide und zuverlässige Tests sowie deren Analyse. Ein Test ist dann valide, wenn er genau das misst, was er zu messen vorgibt. Der Anleger erhält ein unmittelbares Feedback und eine Einordnung seiner finanziellen Risikobereitschaft im Vergleich zu einer möglichst großen Stichprobe an Testpersonen.
Das Ergebnis ist kein fertiger Befund, sondern idealerweise Ausgangspunkt eines intensiven Gesprächs zwischen Berater und Anleger. Die Auswertung soll zum Nachdenken anregen und das gegenseitige Verständnis fördern. Besonders wichtig ist das Gespräch unter Partnern, wenn Anleger gemeinsam Geld anlegen.
Im nachfolgenden Abschnitt erläutere ich exemplarisch, wie ich vorgehe. Ich nutze, wie viele Berater weltweit und mittlerweile auch in Deutschland, den Risikoprofiling-Test des australischen Anbieters FinaMetrica. Ein Onlinetest mit 25 Fragen, einer Datenbank mit weltweit über einer Million Testpersonen und einer praktischen Erfahrung von 20 Jahren. Der Test wurde ursprünglich in Zusammenarbeit mit der Universität von New South Wales in Australien entwickelt und ist in sieben Sprachen verfügbar.

3.3 Risikoprofiling im Beratungsprozess am Beispiel
des FinaMetrica Risikoprofilings Der Risikoprofiling-Test von FinaMetrica misst die psychologische Dimension »finanzielle Risikobereitschaft «. Das erforderliche Risiko bzw. die Risikokapazität zu bestimmen, ist Mathematik und bleibt Aufgabe des Finanzplaners. Nachfolgend zeige ich einen idealtypischen Ablauf mit einigen Leitfragen und beschreibe die Schritte:

Einstieg in die Beratung
• Ich würde mich freuen, wenn Sie das Risikoprofil vor unserem nächsten Gespräch ausfüllen.
• Das Risikoprofil von FinaMetrica hilft mir, Sie bestmöglich zu verstehen und Sie bei Ihren Entscheidungen optimal zu begleiten. Der Anleger füllt den Test vorab zu Hause am PC eigenständig aus. Die Fragen des Tests sind leicht verständlich. Dauer: 15– 20 Minuten. Der Anleger wird zum Nachdenken über seine Risikobereitschaft angeregt. Er erhält eine unmittelbare Rückmeldung in Form einer Auswertung mit einer objektiven Einschätzung seiner finanziellen Risikobereitschaft. Nebeneffekt: Der Anleger wird sofort ins Tun gebracht und angeregt, über seine Rolle als Entscheider nachzudenken. Seine Person mit ihren Einstellungen steht im Mittelpunkt des Prozesses.

Auswertungsgespräch
• Was waren Ihre Erlebnisse und Erfahrungen, während Sie die Fragen gelesen und beantwortet haben?
• Was haben Sie beim Lesen der Auswertung erlebt, was war überraschend, was war interessant?
• Was möchten Sie noch besser verstehen?
• Was sind Ihre ersten Erkenntnisse aus dem Test?

Der Berater klärt Verständnisfragen des Anlegers und hinterfragt die Antworten des Anlegers. Dabei nicht zu werten, ist der Schlüssel zu einem offenen Gespräch. Punktzahl für die Risikobereitschaft. Die finanzielle Risikobereitschaft aller Menschen ist normalverteilt. FinaMetrica nutzt eine Scala von 1 bis 100 und ordnet diese sieben Gruppen zu. Interessant ist,
• ob und wie weit der gemessene Wert von der Selbsteinschätzung des Anlegers abweicht,
• welche seiner Antworten von typischen Antworten in seiner Vergleichsgruppe abweichen,
• wie stark der Wert und die Antworten von denen seines Partners abweichen (bei Paaren).
Indem Partner einzeln befragt und ihre Antworten anschließend gemeinsam besprochen werden, werden Konflikte frühzeitig aufgedeckt und angesprochen. Die Parteien können dann unter Moderation des Beraters bewusst nach einer Lösung suchen, die allen Seiten gerecht wird. Dies erfordert zwar soziale Risikobereitschaft beider Seiten, Anleger wie Berater. Es zahlt sich jedoch langfristig aus. So ist sichergestellt, dass latente Konflikte die Umsetzung einer erfolgversprechenden Strategie nicht gefährden. FinaMetrica ermöglicht einen Realitätscheck. Im Test werden Renditeerwartung, maximal akzeptabler Verlust oder bevorzugtes Musterportfolio erfragt. Oft haben Anleger widersprüchliche Erwartungen, die nicht gleichzeitig erfüllt werden können. FinaMetrica liefert umfangreiche, historische Auswertungen von Portfolien, die es ermöglichen, mit dem Anleger die Anlage zu simulieren. Quasi eine Art Probefahrt mit den Daten der Vergangenheit. Dabei ist zu beachten, dass historische Daten zwar nützliche Hinweise für mögliche Szenarien liefern, jedoch die Zukunft nicht vorherbestimmen können.
FinaMetrica unterstützt die Umsetzung langfristiger Strategien, wie sie für Ziele wie Vermögensaufbau und Altersvorsorge charakteristisch sind. Um eine Strategie erfolgreich umzusetzen, erfordert es Disziplin und Durchhaltevermögen. Übersprungshandlungen, wie Verkäufe oder häufige Strategiewechsel, sind kontraproduktiv. Sie passieren, wenn Anleger in Panik geraten (zu hohes Risiko) oder sich langweilen (zu geringes Risiko). FinaMetrica zeigt »Komfortzonen« auf. Das sind keine Kuschelecken, sondern vielmehr Bandbreiten von Risiken, in denen die höchste Wahrscheinlichkeit besteht, dass Anleger durchhalten.

Ergebnissicherung und Umsetzung
• Finden Sie sich in den Testergebnissen wieder?
• Sind Sie einverstanden, dass wir die Ergebnisse des Tests und Ihren Risiko-Score als Basis für Ihre Anlagestrategie nutzen?
Das Ergebnis des Gesprächs wird dokumentiert. Die finanzielle Risikobereitschaft ist, neben den finanziellen Kriterien, wichtige Basis der Anlageentscheidung.
Ziel ist es, den Anleger durch Information, Berechnungshilfen und Selbstreflexion in die Lage zu versetzen, eine fundierte Entscheidung zu treffen und ihn darin zu unterstützen. Erfahrungsgemäß ist die Begleitung durch einen Berater oder Coach wichtig, um den Anleger auch ins Tun zu bringen. Die konkrete Umsetzung ist quasi der Rubikon, bei dessen Überschreitung das Risiko spürbar wird.

Dauerhafte Begleitung
• Sie nehmen die aktuelle Marktsituation als bedrohlich wahr. Wovor haben Sie konkret Angst?
• Was hat sich durch die aktuelle Marktsituation an Ihrer Situation (Anlagehorizont, Anlageziel, Risikokapazität, finanzielle Risikobereitschaft) verändert?
• Sie schauen täglich nach den Kursen Ihrer Wertpapiere. Welche Gefühle löst das bei Ihnen aus? Was stresst Sie? Wie könnten Sie die Kontrolle behalten ohne diesen Stressimpuls?
Die besondere Herausforderung besteht darin, eine Anlageentscheidung nicht auf Basis kurzfristiger Wahrnehmung zu treffen. Objektivierbare Fakten wie Risikokapazität und erforderliches Risiko sowie das relativ konstante Persönlichkeitsmerkmal finanzielle Risikobereitschaft bieten ein solideres Fundament. Um langfristige Anlageziele zu erreichen, braucht es eine Strategie und deren erfolgreiche Umsetzung erfordert Disziplin und Durchhaltevermögen. Ein erfahrener Berater an der Seite des Anlegers sollte ihn darin bestärken und helfen, seine langfristigen Ziele im Fokus zu behalten.

4 So können Sie vorgehen
Für alle, die ohne Berater entscheiden, ein paar spannende Fragen, über die nachzudenken sich lohnt. Wenn möglich, erörtern Sie diese mit einer Person, der Sie vertrauen. Das könnte Ihr Partner, ein Freund oder ein Coach sein.

4.1 Fragen zur Selbstreflexion
• Wofür ist mir Geld wichtig?
• Empfinde ich starke Gefühle (Verlangen, Euphorie, Ängste, Abscheu), wenn es um Geld geht?
• Was verstehe ich unter Risiko?
• Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Was schließe ich daraus?
• Was möchte ich konkret erreichen?
• Habe ich einen guten Überblick über meine Finanzen und verstehe ich die Zusammenhänge?
• Kenne ich meine finanzielle Risikobereitschaft und die meines Partners?
• Ist mir bewusst, wie ich finanzielle Risiken empfinde, und ist das gegebenenfalls anders als bei anderen Risiken?
• Wie viel Risiko brauche ich, um mein Anlageziel zu erreichen?
• Tipp: Unter www.zinsen-berechnen.de finden Sie zahlreiche Tools, um Anlagen zu berechnen.
• Wie viel Risiko kann ich vertragen, ohne meinen Lebensstandard zu gefährden?
• Kennen Sie Ihre Ausgaben? Führen Sie ein Haushaltsbuch? Tipp: Banken bieten oftmals Tools zur Analyse der Kontoauszüge. Sollten Sie die Antworten nicht alleine finden, so helfen
• Finanzcoaches beim Nachdenken über Geld
• Finanzplaner beim Überblick über Ihre Finanzen (Vermögensbilanz, Risikoanalyse)
• Finanzberater bei der konkreten Anlageentscheidung und Produktauswahl

4.2 Unnötige Fehler vermeiden
Fünf Punkte, die Ihnen helfen, die größten Fehler zu vermeiden:
1. Treffen Sie Finanzentscheidungen nie spontan (Reflexion).
2. Bedenken Sie die Auswirkungen Ihrer Entscheidungen (Risikokapazität).
3. Verstehen Sie Ihre Situation und Ihre Bedürfnisse (Finanzplan, finanzielle Risikobereitschaft).
4. Kaufen Sie nur, was Sie verstehen (Finanzwissen).
5. Bleiben Sie handlungsfähig (Liquidität).

Fazit Risikokompetenz
Unter Risikokompetenz versteht man die Fähigkeit, informiert, kritisch und reflektiert mit bekannten und unbekannten Risiken umzugehen.
Wer stressfrei Geld anlegen möchte im Klimawandel der Finanzmärkte, braucht Risikokompetenz. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie selbst beeinflussen, und lassen Sie sich nicht vom »Nachrichten-Lärm« der Finanzmärkte stressen. Wenn Sie Ihr Risikoprofil kennen, haben Sie eine solide Grundlage, Anlageentscheidungen zu treffen.

1 Thielmann, Karl-Heinz/Svetlova, Ekaterina, Die große Risikoverwirrung, 2013, Blog: Mit ruhiger Hand.
2 Müller, Monika, Finanzcoaching für Unternehmer, 2013, 1.2.6 Geld als Projektionsfläche.
3 Kahneman, Daniel, Schnelles Denken, langsames Denken, S.347.
4 Mischel, Walter, Der Marshmallow-Test, 2015 siehe auch Videos zum Stichwort auf YouTube.
5 Barwertformel: www.wikipedia.org/wiki/Rentenrechnung
6 Ersner-Hershlield, Wimmer u. Knutson, 2009, Aufsatz »Saving for the Future Self: Neural Measures if Future Fi4 Mischel, Walter, Der Marshmallow-Test, 2015 siehe auch Videos zum Stichwort auf YouTube. 5 Barwertformel: www.wikipedia.org/wiki/Rentenrechnung 6 Ersner-Hershlield, Wimmer u. Knutson, 2009, Aufsatz »Saving for the Future Self: Neural Measures if FutureSelf-Continuity Predict Temporal Discounting « in Social Affective Neuroscience 4, Nr.1.
7 Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 71. Brief.
8 Gerans, Faff und Harret, Studie, 2015, Quelle: https:// www.onefpa.org/journal/Pages/AUG16-The-Intertemporal-Persistence-of-Risk-Tolerance-Scores. aspx
9 Gemäß DIN ISO 22222, Norm zur privaten Finanzplanung.

Anlageziel
In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass die wenigsten Anleger konkrete Finanzziele besitzen. Meist haben sie Sehnsucht nach Sicherheit, Freiheit, Unabhängigkeit oder Reichtum. Sie wünschen sich, unangreifbar zu sein, Wohlstand und weniger Stress. Es ist elementar wichtig, am Anfang jeder Anlageüberlegung ein klares Ziel zu formulieren. Nur so haben sie Orientierung und Maßstab für ihre Entscheidungen. Es lohnt sich, Zeit und Energie zu investieren, ein Ziel zu finden und zu definieren. Schon der römische Philosoph Seneca7 wusste: »Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.«

Erforderliches Risiko
Vermögensformel
Vermögen = Kapital x Rendite x Zeit

Risikobereitschaft
Risikobereitschaft ist definiert9 als das Ausmaß, in dem eine Person bereit ist, negative Konsequenzen (Verluste) in Kauf zu nehmen, um ein angenehmes Ergebnis (Gewinne) zu erreichen.

Bild: Privat

Lothar Schmidt ist Inhaber von Lothar Schmidt Finanzcoaching in Landau i. d. Pfalz. Er berät private Kunden als Finanzcoach, Finanzplaner (CFP) und Honorar-Finanzanlagenberater nach § 34 h GewO


Bild: Depositphotos/eedough, Bildmontage Martina Schäfer

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