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RITTER des LICHTS


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 19.10.2022

Sammet vs. Kiske

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Setzt man zwei Musiker, die sich mögen und in regem Kontakt stehen, sich aber länger nicht persönlich gesehen haben, in einem Videoanruf zusammen, beginnt ein reger Austausch über die aktuelle Lage. Sowohl Avantasia als auch Helloween kehrten 2022 nach langer Pause auf die Bühne zurück. Während Michael Kiske (54) davon berichtet, wie sehr sich die Zeit in seine Seele eingebrannt hat und dass seine Truppe erst wieder zusammenfinden musste, empfand Tobias Sammet (44) vor dem ersten Konzert große Demut. Beide Künstler pflegen ein zurückgezogenes Leben, was durch die Pandemie noch verstärkt wurde. Endlich wieder unter Menschen zu kommen und festzustellen, wie wenig sich die Kollegen verändert haben, tat beiden erklärtermaßen gut ...

Tobi, Helloween gehören zu deinen frühen Helden. Kannst du dich daran erinnern, wann du erstmals mit ihnen in Berührung kamst und was ihre Musik ...

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... in dir auslöste?

Tobias Sammet: Ich habe in einem Kaufhaus bei uns am Dorf eine Kassette gekauft, es war wohl LIVE IN THE UK (1989 – Anm.d.A.). Sie war leer, hat nicht funktioniert. Das war mein Einstieg mit Helloween. Ich war 10 oder 11 Jahre alt, aber sie nahmen die Kassette trotzdem zurück. Genau diese gab es nicht mehr, also musste ich etwas anderes nehmen und entschied mich für KEEPER OF THE SEVEN KEYS II, die knöcherne Hand sah so gefährlich aus. Ich fand alles an der Platte geil! Das ist kein Schleimen, Michi ...

Michael Kiske: Überweisungen bitte per PayPal!

Sammet: (lacht laut) Ich wollte schon vorher Musiker werden, fand AC/DC und Kiss geil. An Helloween mochte ich dieses Energiegeladene, Positive. Der Gesang in Zusammenspiel mit den Melodien hat mich total geflasht. Als erstes Lied hörte ich ‘Eagle Fly Free’, das ist bis heute mein Helloween-Lieblings-Song. Michi hat da einfach abgeliefert, das hat mich umgehauen. Ich war sofort Fan und liebte die beiden KEEPER-Alben. Später hörte ich mir die Frühphase mit Kai an. Das Gepolter und Geholper der ersten Platte hat auch seinen Charme. Auch das erste Album ohne Michi fand ich nicht schlecht. Tut mir leid ...

Kiske: Du hast Recht. Damals habe ich es boykottiert, doch mittlerweile kann ich es hören und finde es auch sehr geil.

Sammet: Das war eine Zäsur. Danach war es eine andere Band mit anderer Klangästhetik, auch wenn man frühere Elemente noch hören konnte. Dennoch: Die ersten beiden KEEPER-Alben, vor allem das zweite, haben mich umgehauen!

Kiske: Bernd Hoëcker sagte mal bei ‘Genial daneben’, dass er die KEEPER-Alben geil findet. Ich gucke immer ‘Wer weiß denn sowas?’, aber sie laden mich nicht ein. Ich liebe die Sendung, da lernt man echt geile Sachen.

Sammet: Die beiden Cousinen von Herbie (Langhans – Anm.d.A.) waren dort, Lisa und Lena (Mantler – Anm.d.A.)! Kiske: Jedenfalls: Ich fand WALLS OF JERICHO auch nicht so geil. Markus (Grosskopf – Anm.d.A.) tauchte damals im Proberaum meiner Schul-Band auf. Er suchte nach einem Sänger und gab mir die Platte. Ich rief nie zurück, weil mir das zu viel Gekloppe war. Später meinte Weiki (Michael Weikath – Anm.d.A.), das Punkige sollte für Aufmerksamkeit sorgen. Eigentlich suchten sie jemanden wie mich, hatten sogar Songs für meine Stimme geschrieben. Das waren bereits Keytracks vom KEEPER-Album, da war schnell alles klar. Auf WALLS klang für mich jeder Song gleich.

Sammet: Es rumpelt alles ein bisschen, hat aber einen eigenen Charme. Musikhistorisch betrachtet fabrizierte die Band – bei allem altersbedingten Dilettantismus in der Umsetzung – schon damit etwas, was andere nicht konnten.

Kiske: Vielleicht war das die Freiheit, dieser Punk-Spirit ... Sammet: Punk, und diese zweistimmigen Stakkato-Gitarren-Licks. Das war schon eigen. Sie haben gezeigt, wo es langgeht. Kai singt wie Kai, den hört man unter Tausenden raus. Mit Michi fand ich es dann aber noch besser.

Kiske: Mir geht es bei Maiden so. Viele lieben die ersten Alben, und die sind auch geil – aber für mich ging es mit Dickinson los, mit THE NUMBER OF THE BEAST. Als ich ‘Run To The Hills’ im Radio hörte, gingen mir echt die Schnürsenkel auf. Als Sänger ist man sängerfokussiert. Di’Anno hat seinen Charme, aber Dickinson klingt für mich wie aus einer anderen Welt!

»Wir wachsen am meisten durch unsere Fehler, durch Prüfungen und Schmerz.«

Michael Kiske

1992 gründete Tobi als Teenager Edguy; 1993 kam es zum Zerwürfnis zwischen Michi und Helloween. Danach wolltest du nichts mehr mit Metal zu tun haben, hast viel gelesen und die Spiritualität für dich entdeckt. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Kiske:Ich habe mich komplett rausgezogen. Es kam irrsinnig viel Enttäuschung zusammen. Ich war persönlich enttäuscht, wie es in der Band gelaufen war – und natürlich ist es jetzt umso heilsamer, dass man sich nicht nur geschäftlich, sondern auch ehrlich versteht. Andi und die Neuen kannte ich gar nicht, primär musste das zwischen Weiki und mir geklärt werden. Das zu schaffen war unglaublich gut. Ich begreife die Welt anders als viele Leute, das Spirituelle in mir war immer stark. Die Metal-Szene war ein zweischneidiges Schwert: Es gibt diese positive Power – ich sage nicht, dass man in der Kunst keine Aggression oder Frustration ausdrücken darf. Das hat seine Berechtigung, solange es nicht etwas Übles idealisiert. Doch genau das findet im Metal durch diesen satanistischen Scheiß ebenso statt. Das kam alles zu dieser tiefen persönlichen Enttäuschung dazu. Ich war damals sehr jung, bei meinem Einstieg 17, 18 bei der KEEPER, etwa 19 bei der ersten Tournee ... Es war das, was ich immer wollte, mein absoluter Traum, seit ich mit neun Jahren Elvis entdeckte und mich später ein Kumpel zum Metal brachte. Auf der ersten KEEPER-Tournee saß ich mit 18 oder 19 vorne im Bus und dachte nur: Alter, du bist glücklich! Alles war perfekt. Wenn so etwas zerbricht, verarbeitet man das schwer. Ich boykottierte alles, wollte nichts hören. Stattdessen vertiefte ich mich in Bücher, deutsche idealistische Philosophie, Schopenhauer, Kant und so weiter. Teilweise habe ich acht bis zehn Stunden am Tag gelesen! Irgendwann landete ich über Goethe und Schiller bei der Anthroposophie, da war ich zu Hause – bei Rudolf Steiner, nicht dem, was daraus gemacht wurde. Ich vertiefte mich jahrelang in Geistiges, führte eine Art Feldzug gegen meine Vergangenheit. Es dauerte eine Weile, bis sich das einpendelte. Tobi spielt mit Avantasia eine entscheidende Rolle dafür, dass ich wieder etwas aufgemacht habe. Nicht grundlos heiße ich auf dem ersten Album Ernie.

... dein Pseudonym auf Avantasias erster Single und dem ersten Album (2001)! Wie war damals dein Ersteindruck von Tobi, und was hat dich dazu bewegt, an seinem Projekt mitzuwirken?

Kiske: Er rief mich an und ich mochte ihn gleich, er ist ja auch ein sympathischer Vogel. Wir telefonierten länger, doch ich sagte ihm ab. Ich wollte nichts mehr mit Metal zu tun haben.

Sammet: Ich hatte zwei Jahre zuvor schon mal für Edguy angefragt. Da hatte ich mich als Journalist ausgegeben und verfasste etwas für ein Magazin, das nie veröffentlicht wurde. Damals hast du mir abgesagt.

Kiske:Weil er aber so eine Art hat, die ich mag, habe ich es dann doch gemacht – unter dem Namen Ernie. Der erste Song war ‘Reach Out For The Light’. Es machte mir Spaß, das zu singen, doch ich wollte noch nicht mit auf Tour gehen. Später brachte Seraphino (Perugino – Anm.d.A.) von Frontiers Place Vendome an, das gefiel mir auch. Langsam tastete ich mich ran und merkte, dass ich Rock-Musik doch ganz geil fand. Avantasia war einer der Startschüsse. Ganz wichtig war für mich die erste Tournee. Ich stand zuvor schon mit Unisonic auf der Bühne, doch Avantasia war optimal, um wieder reinzukommen: Ich war nicht der Hauptsänger, sondern einer von vielen – das nahm mir unglaublich viel Last von den Schultern. Außerdem ist es eine sympathische Bagage. Ich war damals nicht einfach! Rückblickend merke ich, welche große Last ich auf der Seele trug. Ich kämpfte mit Druck und Selbstzweifeln, aber Avantasia machten es mir denkbar leicht. Bei den Shows in Südamerika, wo ich noch nie zuvor war, sang das Publikum „Kiske!“ – ich hatte Gänsehaut! Avantasia wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. (Beide tauschen virtuelle Küsse aus.)

Tobi, wie war es für dich, auf einmal mit deinem Helden zu arbeiten?

Sammet: Das war sehr schön. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns schon gut kennen, weil wir oft und lang miteinander telefonierten und über vieles sprechen konnten.

Kiske: Wir haben zu vielem eine ähnliche Einstellung. Beiden ist das Geschäftliche wichtig, aber eigentlich geht es um Begeisterung. Ich habe nicht damit angefangen, weil ich reich und berühmt werden wollte. Oder, wie in der L.A.-Szene, um Mädels abzuschleppen.

Sammet:Das wollte ich schon! Aber in erster Linie natürlich Musik machen. Mein Traum war immer, so viel Geld zu verdienen, dass ich nichts „Anständiges“ arbeiten muss, sondern über die Runden komme, ein bescheidenes Leben führen kann.

Kiske:Ich war immer davon überzeugt, dass es klappen würde. Nicht im Sinn von Arroganz – ich war einfach überzeugt, dass das mein Leben sein würde, und wunderte mich, wenn das angezweifelt wurde. Es lief auch sehr schnell sehr gut. Die Zweifel kamen viel später.

Sammet: Wenn man eine Platte draußen hat und mit 15 vom Gymnasium abgehen möchte, um Rock-Star zu werden, muss man vor seinen Eltern gute Argumente haben, vielleicht sogar einen Plan B. Ich hatte keinen ernsthaften Plan B.

Kiske: Als Musiker bekommt man kaum Rückendeckung. Man muss selbst davon überzeugt sein! Deine Begeisterung spüre ich bis heute – zum Beispiel, wenn ich bei Avantasia singe. Man merkt, dass es echt ist, dass du deine Musik liebst. Das überträgt sich aufs Publikum, deshalb bist du erfolgreich. Man kann die auf dem Papier besten Leute der Welt in eine Band stecken und es wird der langweiligste Scheiß, wenn es zwischen ihnen nicht passt. Das ist eine Sache von Spiritualität, von Geist! Wenn das Schicksal Menschen zusammenführt, können sie etwas kreieren, das größer ist als der Einzelne. Das ist das Geheimnis einer Band. Kurzfristige Erfolge kann man kaufen. Castingshows erreichen ein Millionenpublikum, doch nach ein, zwei Jahren gerät der Star oft in Vergessenheit. Längere Karrieren haben Bands, die leidenschaftlich agieren, einen gewissen Spirit haben. Das Publikum spürt, ob jemand aus gutem Grund auf der Bühne steht oder nur Geld verdienen will. Nichts gegen Geldverdienen, aber es geht um Prioritäten. Tobi hatte diesen Spirit immer, deshalb ist er mit Avantasia so erfolgreich.

Zudem seid ihr beide extrem positive Kräfte im deutschen Metal, wenn man so will: zwei „Ritter des Lichts“, die in einer teils ziemlich negativ eingestellten Szene für das Gute stehen ...

»Avantasia wird immer einen Platz in meinem Herzen haben.«

Michael Kiske

Kiske:Das stimmt, und Helloween sind auch so. Sascha kannte ich vorher nicht, aber ich liege mit ihm auf einer Wellenlänge. Er würde sich nicht Christ oder Anthroposoph nennen, hat aber eine natürliche Spiritualität, ist sehr intelligent. Man versteht sich auf geistiger Ebene ganz unmittelbar und muss nur ein paar Begriffe ausloten, weil nicht jeder dasselbe damit verbindet. Die Bezeichnung „Ritter des Lichts“ passt auch auf ihn: Als ich einmal mit Andis Frau Lydia sprach und meinte, ich könne auch Sascha sehr fühlen, meinte sie: Ja, das ist mein Ritter des Lichts. Weiki ist genauso! Er ist ein extremer Typ und hat gewaltig einen an der Murmel, glaubt aber an das Gute, hat ein Herz. Jeder von uns kann austicken und hat seine Baustellen – wir sind schließlich auf Erden, um uns zu entwickeln, aneinander zu reiben und zu wachsen. Doch tief drinnen glaubt Weiki an das Gute. Bei Hansen ist es genauso. Er ist Rock’n’Roll pur, mit seinem Lebensstil wäre ich schon vor zwanzig Jahren gestorben, und bei vielem haben wir ganz andere Ansichten, aber seine Texte auf KEEPER I und II entsprechen im Grunde meiner Weltanschauung. Auch er hat tief im Inneren eine spirituelle Natur. Es ist nie Zufall, dass sich Menschen kennenlernen. Manchmal trifft man Leute und es passiert nichts; bei anderen reagiert dafür umso mehr in einem. Helloween sind eine dieser Karma-Familien. Das erzeugt unschlagbare Kraft. Wie bei den Beatles: Die hielten sich für die beste Band der Welt, und brachten es genau deshalb so weit. Es geht immer um Kräfte, Energie und Geist. Das kann man nicht faken. Mit selbstzerstörerischen Selbstzweifeln wird es schwer – manche zerbrechen daran, wie Elvis. Wenn man nicht an das glaubt, was man tut, muss man versuchen, das zu ändern. Wenn man spürt, dass etwas nicht stimmt, muss man herausfinden, was es ist, und es in den Griff kriegen. Das ist der Motor und gibt einem die Kraft, Leute zu erreichen. Erfolg ist für mich der künstlerische Erfolg, Leute zu berühren. Insbesondere im Metal können viele Leute singen wie Tobi und ich, aber manche Sänger berühren die Fans, andere weniger. Echte Künstler haben ihr Leben lang diesen Kampf zu kämpfen, um die Seele und Authentizität, das Heiligtum.

Sammet: Man kann sich das bewahren, muss es aber vor äußeren Einflüssen schützen – das merkt man im Musikgeschäft jeden Tag. Man muss leidensfähig sein und sich zur Not auch gegen Fans verteidigen, die sich Alben wie früher wünschen. Das kann ich nicht: Ich bin zwanzig Jahre älter, es wäre ein Abklatsch. Man muss sich einen Schutzschild gegen Erwartungen und die daraus folgende Enttäuschung zulegen. Erwartungen sind nicht die Schuld derer, die etwas machen, sondern derer, die sie aufbauen.

Kiske: Die Industrialisierung von Rock’n’Roll ist überhaupt ein Konflikt. Stiller sagt, Kunst könne sich nur in Freiheit entfalten. Es ist notwendig, sich nicht von der Industrie und ihren Erwartungen fressen zu lassen. Als Künstler muss man ein Bewusstsein dafür haben, dass es nicht die eigene Aufgabe ist, Märkte zu bedienen. Man sollte sein Ding machen und dann einen Markt dafür schaffen! Die Hauptsache darf nicht sterben, weil es nur noch um die Wirtschaft geht. Beethoven hatte ein von Fürsten eingerichtetes Stipendium – damals gab es ein Bewusstsein dafür, dass er zur Erschaffung seiner Kunst frei sein muss. Das glaube ich auch: Kunst, Kultur und Geistesleben müssen frei sein.

Sammet: Ich hatte Glück, dass mir das mit meinem Kram gelungen ist. Wobei: Anfangs wollte es keine Plattenfirma haben; Ende der Neunziger war Heavy Metal relativ tot. Doch als Zwanzigjähriger war ich davon überzeugt und glaubte daran. Eine Plattenfirma erbarmte sich schließlich. Später waren auch alle anderen interessiert.

Kiske: Plattenfirmen richten sich oft danach, was erfolgreich war und aktuell in den Charts ist. Dieses wirtschaftliche Denken ist destruktiv für Kunst und Kultur. Als Musiker muss man die Eier haben, Krieg für die eigene Freiheit zu führen. Sonst geht man selbst zugrunde, und die Musikkultur auch. Wichtig sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Freiheit im Geiste, Gleichheit vor dem Gesetz, Brüderlichkeit in der Wirtschaft – also Fairness statt Ausbeutung.

Ein bisschen gilt das auch für Avantasia, oder? Große Persönlichkeiten stellen ihr Ego für die gemeinsame Sache zurück ...

Kiske: Bei Avantasia ist Tobi der Kapitän, das macht vieles leichter. Ich hatte nie das Gefühl, mich nicht ausleben zu dürfen. Tobi lädt Leute ein, damit sie sie selbst sind. Bei Helloween muss man sich eher zurücknehmen. Ich bin sehr individualistisch und musste das erst wieder lernen: Es geht nicht um mich, sondern die Band, die Gemeinschaft, die Mukke. So kann man auch Druck abgeben: Man steht nicht allein auf der Bühne, sondern gemeinsam. Das funktioniert. Bei Avantasia sollen die Leute ihre Egos eher einbringen ... Sammet: Da der Rahmen abgesteckt ist, hat man es leichter als in einer Band. Trotzdem gibt es eine Art Band-Gefühl.

»Erwartungen sind nicht die Schuld derer, die etwas machen, sondern derer, die sie aufbauen.«

Tobias Sammet

Jeder bekommt seinen Raum, um zu glänzen – wenn ein Michi auf die Bühne kommt, kriegt er seinen Spot. Als Fan räume ich den Platz liebend gerne frei. Ich habe die Musik gemacht, nehme mich aber gerne zurück. Auf der ersten Tournee mit Michi und Kai dachte ich nur: Geil, jetzt stehen die beiden wieder zusammen auf der Bühne – das Einzige, was stört, bin ich. Und dass sie nicht ‘Eagle Fly Free’ spielen. (Gelächter) Man guckt sich das an, als würde man Meerschweinchen zusammenführen: Na, beißen sie sich?

Kiske: Mit Kai hatte ich keine so angespannte Beziehung wie mit Weiki. Ich traf Kai immer wieder, sang für Gamma Ray, wir waren okay miteinander. Doch tatsächlich fühlte es sich bei der Avantasia-Tournee mit mir und Kai erstmals wieder richtig gut an und wir begannen darüber zu sprechen, wieder etwas zusammen zu machen. Er wollte, dass ich bei Gamma Ray einsteige, das war aber nicht meine Baustelle. Dann kam irgendwann Unisonic ... Aber ja, das war das erste Mal, um später wieder öfter gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

Bist du dementsprechend vielleicht sogar ein bisschen stolz auf deine Rolle für Helloween, Tobi?

Sammet:Stolz ist das falsche Wort, ich bin glücklich. Als Fan habe ich mir das gewünscht. Sie hätten es auch ohne mich hingekriegt, aber ich habe schon früh zu Michi gesagt, dass es passieren wird – noch bevor er es selbst geglaubt hat.

Kiske: Das Wichtigste war, dass ich damals in Frankreich in Weiki reingerannt bin – das war aber auch wieder auf Tour mit Avantasia. Du spielst definitiv eine Rolle, Tobi.

Ihr blickt beide auf langjährige Erfahrungen im Musikgeschäft zurück. Was würdet ihr euren jüngeren Ichs im heutigen Wissen raten?

Kiske: Ich habe eine Zeit lang alles viel zu ernst und persönlich genommen, das darf man nicht! Humor ist unglaublich wichtig – auch, über sich selbst lachen zu können. Es gehört zum Jungsein, nicht viel Lebenserfahrung zu haben. Man verändert sich mit der Zeit selbst. Ich steckte lange in alten Denkmustern fest und musste erst erleben, dass sich meine Haltung verändert hat, dass ich längst ein anderer geworden war. Das lässt sich nicht verhindern: Junge Menschen müssen Fehler machen, dadurch lernt man. Heute würde ich vieles anders machen, doch ich glaube, ich wäre ohne die Fehler nicht da, wo ich heute bin. Das Leben ist nicht dazu da, bequem zu sein, sondern um etwas zu lernen. Wir wachsen am meisten durch unsere Fehler, durch Prüfungen und Schmerz.

Sammet:Ich sehe das ähnlich: Frühere Taten sind die Bedingung für das heutige Ich. Ich kam sehr jung ins Musikgeschäft, gründete Edguy mit 14 und wollte unbedingt gehört werden. Manchmal bin ich übers Ziel hinausgeschossen. Wenn ich mir heute manche Interviews oder Sprüche durchlese, die ich für lustig hielt, schäme ich mich für einiges, was ich gesagt habe. Das war Unbedarftheit. Auch einiges, was ich auf der Bühne gesagt habe, war nicht immer treffsicher. Ich habe mich selbst nie sonderlich ernst genommen. Natürlich war ich immer überzeugt von meiner Musik, aber mich selbst habe ich nie so ernst genommen, es gab immer eine gewisse Ironie. Früher kam das vielleicht nicht so gut rüber, doch dadurch wurde ich erst gehört und wahrgenommen. Ich würde dem Typen von früher keine Tipps geben, er würde mir wohl gar nicht zuhören.

Kiske: Anecken halte ich für wichtig! Wenn man etwas anders denkt und drauf ist, ist das in dieser Szene gar nicht so verkehrt. Man darf auch mal einen Shitstorm kriegen. Politische Korrektheit ist die schlimmste Form der Heuchelei! Leute erstellen Gesetze, nach denen man handeln muss, um moralisch zu sein ... Nein! Das sind genau die Leute, die nicht moralisch sind. Als moralischer Mensch mit Herz und Persönlichkeit hat man Ansichten und steht dazu! Es braucht kein Korsett politischer Korrektheit. Im Rock’n’Roll ist es doch die Lachnummer schlechthin, wenn man Angst davor hat, man selbst zu sein. Viele sagen nicht mehr, was sie denken, weil sie sonst niedergeknüppelt werden. Doch das Sprengen spießbürgerlicher Konventionen verleiht dem Rock’n’Roll erst Berechtigung! Das Wertvollste daran war für mich immer, zu eigenen Gefühlen zu stehen. Das hatte auch mit der sexuellen Revolution zu tun, die Enttabuisierung von Sexualität spielte in den Fünfzigern und Sechzigern eine nicht zu unterschätzende Rolle. Natürlich wurde alles überzogen und ging in einigen Punkten viel zu weit, das ist ja immer so. Doch Rock’n’Roll hat seine Lebensberechtigung in Authentizität und Freiheit, im Ausdruck echter Gefühle. Das ist das Gegenteil von politischer Korrektheit. Rock’n’Roller sind dazu aufgerufen, das Maul aufzumachen. Man darf keine Angst davor haben, auf die Mütze zu kriegen! Das ist das Mittel der Faschisten, die knüppeln einen mit Angst und Gewalt nieder. Wir brauchen Liebe und Respekt. Jeder, der ein intaktes Herz hat, kennt die Grundregeln, wie man miteinander umgeht, es braucht keine Moralprediger. Wir leben in einer Zeit, in der Rock’n’Roll mal wiedergeboren werden müsste! Die Menschen haben Sehnsucht nach Echtheit und Freiheit – das ist der gute Geist des Rock’n’Roll!

KATRIN RIEDL