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ROBERT GUSCHELBAUER: Lehre neu gedacht


GVmanager - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 10.12.2019

Eine HACCP-Software, die bosnisch versteht, ein Exoskelett, das Bewohner hebt oder eine App, die Azubis beim Lernen hilft – GV-Manager des Jahres Robert Guschelbauer vom KWP hat uns von digitalen Projekten und der Ausbildung der 65 Kochazubis berichtet.


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Bildquelle: GVmanager, Ausgabe 12/2019

STECKBRIEF

Der diplomierte Tourismuswirt Robert Guschelbauer sammelte zehn Jahre operative Erfahrung bei Starbucks Coffee Austria & Switzerland. Nach einem Sales-Lehrgang wechselte er zu Eurest und trug als Regionaldirektor in Wien Verantwortung für über 30 Betriebe. 2017 wurde er von einem Headhunter als Bereichsleiter Gastronomisches Management für das ...

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... Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser abgeworben.

Zu ihrem 106. Geburtstag wollte eine Bewohnerin eines Wohnhauses des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) kürzlich nochmal Skifahren gehen. Die hauseigene VR-Brille machte es möglich: Die Dame bretterte am Ehrentag die Streif in Kitzbühel hinab. „Das war Emotion und Freude pur”, berichtet Robert Guschelbauer begeistert. Was Digitalisierung angeht, ist sein Wiener Arbeitgeber, der ihn vor gut zwei Jahren per Headhunter aus der Betriebsgastronomie abgeworben hat, sehr innovativ unterwegs. Aber auch Robert Guschelbauer, der im Oktober in der Kategorie Care – Seniorenverpflegung zum GV-Manager des Jahres 2019 gekürt wurde, hat bereits digitale Zeichen gesetzt: in Form einer eigenen Azubi-App. Wie es dazu kam, was das für die Ausbildung bedeutet und was er aus seinem berufsbegleitenden Lehrgang zur Digitalen Unternehmenstransformation ableitet, hat uns Robert Guschelbauer berichtet.

Was haben Sie im Umgang mit Kochazubis geändert, als Sie vor zwei Jahren zum Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser kamen?

Mir war es wichtig, die Azubis mit ins Boot zu holen, auszuloten, was sie brauchen und wollen. Daher habe ich den direkten Kontakt gesucht und mögliche Wünsche an uns als Ausbilder erfragt. So entstand die Idee einer App, welche den Kochazubis das Lernen erleichtern könnte.

Wie aufwändig war die Entwicklung dieser Azubi-App?

Die technische Seite haben wir durch die Kooperation mit einer nahegelegenen Schule abgedeckt, einer höheren technischen Lehranstalt mit EDV-Schwerpunkt. Schüler aus der Oberstufe haben für uns die Programmierung übernommen.

Den Content haben unsere Ausbilder zusammenge tragen, die auch in der Prüfungskommission tätig sind. So kam Stoff für 1.000 Multiple- Choice-Fragen zusammen.

Verfügt die App auch über besondere Funktionen oder interaktive Elemente?

Inhaltlich sind die Multiple-Choice-Fragen den drei Lehrjahren zugeordnet. Zusätzlich können die Fragen sortiert nach Themengebieten, wie HACCP, abgearbeitet werden. Nach Wählen der richtigen Antwort bekommt der Azubi eine ergänzende Erläuterung. Von diesen relativ langen Textelementen wollen wir uns im nächsten Schritt trennen, da sie laut den Lehrlingen schwer zu lesen sind. Stattdessen wollen wir mehr Bilder und Videos hinterlegen.

Außerdem möchte ich den Gamifica-tion-Anteil erhöhen. So könnten Lehrlinge aus Haus 1 gegen Haus 2 oder ihre Ausbilder antreten.

Stellen Sie die App auch anderen Kollegen zur Verfügung?

Ich habe eine Kooperation mit meinem vorigen Arbeitgeber Eurest. Dessen Azubis nutzen kostenlos unsere App, dafür dürfen unsere Azubis kostenlos gewisse Fußballspiele im Stadion Rapid sehen – immer wenn der Kundentisch von Eurest, der dort Stadioncaterer ist, nicht ausgebucht ist.

Können Sie den Erfolg der App messen?

Jein. Aber ich habe die App kürzlich hinterfragt, im Rahmen meiner Abschlussarbeit über die Digitalisierung der Lehrlingsausbildung. Basis für die Arbeit ist eine Umfrage unter den Azubis, den Ausbildern und Küchenchefs.

Was mich überrascht hat, waren die Ergebnisse zur Bekanntheit der App: 25 Prozent der Ausbilder kannten sie gar nicht und 20 Prozent der Azubis kannten oder nutzten sie nicht, da sie zu umständlich sei.

Hinzu kommt, dass wir dieses Jahr erstmals ein tendenziell schlechteres Prüfungsergebnis hatten als in den Jahren zuvor. Im Praxisteil haben die Azubis super abgeschnitten, aber das Lernen der Theorie scheint eine Herausforderung zu sein – und da braucht es mehr Unterstützung. Die Unterstützung per App scheint noch zu kompliziert zu sein, also muss ich die Inhalte einfacher gestalten.

Wie wollen Sie das theoretische Lernen vereinfachen?

Ich erhoffe mir Impulse von einem Event zusammen mit einer Trainerin, die sich mit Design-Thinking-Prozessen auseinandersetzt. Sie soll unser Ausbildungskonzept zusammen mit den Azubis, Ausbildern, Küchenchefs und den Verantwortlichen für Lehrlingsausbildung komplett auf den Prüfstand stellen. Es sollen neue, schräge Ansätze durchdacht werden – ganz unabhängig vom Budget oder deren Umsetzbarkeit. Im Anschluss möchte ich erst den Reality-Filter darüberlegen und prüfen, was sich in zwei, drei oder fünf Jahren umsetzen lässt – oder eben gar nicht.


„Wir wollen VR-Brillen für die Einweisung neuer Küchenmitarbeiter nutzen, z. B. um 3-D den HACCP-Weg durchs Haus zu zeigen.”


25 Prozent Ihrer Kochazubis sind integrative Lehrlinge – welchen zusätzlichen „Aufwand” bringt das mit sich?

Innovativ: In der Demenzarbeit kommen VR-Brillen zum Einsatz.


Integrative Lehrlinge werden nicht einfach zentral zugeteilt. Stattdessen lassen wir das den potenziellen Ausbildungsleiter und sein Team selbst entscheiden – begleitet von externer Unterstützung. Entscheidet sich ein Team dafür, hat das meiner Erfahrung nach – trotz größerem Aufwand – sogar den Effekt, dass Krankenstand und Fehlzeiten zurückgehen, weil sich das Team verantwortlich für seinen besonderen Schützling fühlt.

Natürlich schulen wir die Teams vorher und es gibt begleitende Maßnahmen.

Nächstes Jahr werden wir explizite Seminare und Ausbildungen für Ausbilder integrativer Kochazubis fokussieren. Es geht um den Umgang mit interkulturellen oder religiösen Differenzen, angefangen bei „Ich greife kein Schweinefleisch an” bis hin zu „Ich akzeptiere Frauen in Führungspositionen nicht”. Hier gilt es, viele Herausforderungen zu bewältigen, die ein System relativ schnell überhitzen können.

Nicht zu vergessen: Integration erfordert teils auch Investitionen und Baumaßnahmen. In einem Haus mit Gehörlosem muss z. B. das akustische Signal beim Feueralarm um ein optisches ergänzt werden. Es gibt dafür teils Förderprogramme, aber einen Teil muss man selbst leisten – und das tun wir auch.

Was bedeuten integrative Lehrlinge für die Küchenprozesse?

Das kommt auf den einzelnen Lehrling an. Bleiben wir beim Beispiel des Gehörlosen: Anfangs hat das Team mit ihm per Bildern und Zetteln kommuniziert. Inzwischen nutzen sie eine Tablet-Kommunikation, maßgeschneidert auf ihn. Generell sind die Lösungen individuell – ein Aufwand, den wir uns leisten auch ohne zusätzliches Zeitkontingent der Ausbilder-Köche. Was es aber vereinfacht: Die Azubis unterliegen keiner Produktivität. Alle Kochazubis kommen on top auf den Stellenplan.

Im Januar starten Sie ein integratives Projekt mit Küchenhilfen. Wie sieht das konkret aus?

Wir werden 20 junge Flüchtlinge zu Küchenhilfen ausbilden, um einen möglichst niederschwelligen Eintritt in die Arbeitswelt in Österreich zu bieten. Praktische Arbeit und Integration werden kombiniert. Das heißt konkret: Die Teilnehmer arbeiten 20 Stunden an vier Tagen pro Woche. Zusätzlich absolvieren sie acht Stunden Theorie, wie Unterricht in Deutsch, Wienerisch oder in Fachwissen. Das Ganze dauert zwölf Monate und endet mit einem Zertifikat. Bisherige Projekte gehen meiner Meinung nach mit großem Zeitverlust einher. Man versucht zunächst Theorie, kombiniert mit Deutsch, zu vermitteln. Wir haben das in Kooperation mit dem AMS ArbeitsMarktService verschränkt – was viel sinnvoller ist. Das Projekt kann auch auf andere Bereiche mit Fachkräftemangel ausgeweitet werden und ist daher sehr wegweisend.

Integrativ: 25 Prozent der 65 Kochazubis sind integrativ. Das Lernen erleichtert allen eine eigene App.


Ich bin froh, mit dem KWP einen Arbeitgeber zu haben, der das, wie auch vieles andere, zulässt und fördert.

Wir bekommen zwar Fördergelder, doch wenn ich es langfristig rechne, dann tragen sich alle Förderungen doppelt und dreifach. Alles, was wir tun, rechnet sich und trägt sich selbst, wenn man es gut und gescheit macht – und ich hoffe, das gelingt uns auch mit den Küchenhilfen. Auf jeden Fall steht eine engagierte Truppe guter Mitarbeiter dahinter.

Sie absolvieren derzeit einen Lehrgang zur Digitalen Unternehmenstransformation. Welche digitalen Besonderheiten, abgesehen von der App, finden sich bereits jetzt in Ihrer Gastronomie?

Wir testen gerade eine Software für Küchenauditierungen und zur HACCP-Prüfung, die mit Spracherkennung arbeitet. Das Spannende daran: Die Software versteht z. B. auch serbokroatisch oder bosnisch und transkribiert das Ganze im Hintergrund reibungslos in einen deutschsprachigen Bericht – sensationell!

Darüber hinaus wollen wir die VR-Brillen auch für die Einweisung neuer Küchenmitarbeiter nutzen, z. B. um per 3-D den HACCP-Weg durchs Haus zu zeigen – das wird in fünf Jahren nichts Ungewöhnliches mehr sein.

Außerdem bauen wir unser Essensvorbestellsystem auf Touchscreens um. Künftig ist denkbar, dass hier eine Gesichtserkennung integriert ist, welche die Bewohner und ihre Essenswünsche automatisch zuordnen kann.

Was neue Bewerbungsverfahren angeht, könnte ich mir auch Gespräche vorstellen, die über ein 3-D-Hologramm-Modul ablaufen.


„Die Lösungen für integrative Azubis sind individuell – ein Aufwand, den wir uns leisten auch ohne zusätzliches Zeitkontingent der Ausbilder-Köche.


Werden Pflegeroboter kommen?

Ich bin überzeugt, dass der Job einer guten Pflegekraft in Österreich oder Deutschland nicht von einem Roboter streitig gemacht wird – derartige Technologie kann aber eine sensationelle Unterstützung sein, z. B. Exoskelette, die Bewohner mit aus dem Bett herausheben.

Das KWP hat in Wien eine Forschungswohnung namens „Schwester Immerda” eingerichtet, in welcher wir verschiedene Ambient Assisted Living-Techniken und Produkte testen. Die Wohnung passt auf sturzgefährdete, pflegebedürftige Senioren auf, sodass diese trotzdem alleine zu Hause leben können. Das reicht von einfacher Sensorik am Bett, die einen LED-Leuchtstreifen beim Aufstehen aktiviert, bis hin zu Sturzpräventionsmatten und Thermosensoren.

Unser Zugang dabei lautet: Die digitale Entwicklung hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt.

Eine private Abschlussfrage: Wie digital geht es bei Ihnen zu Hause zu – Stichwort Smart Home oder Kochroboter/Thermomix?

Tatsächlich habe ich in meinem Haus ein BUS-System und überlege mir gerade, einen Saugroboter zu kaufen. Mein Ofen/Dämpfer hat einen Temperaturfühler.

Der Thermomix hat wohl seine Berechtigung, doch ich koche viel zu gerne für Freunde und meine Familie und genieße es hier, noch alles selbst zu machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch! Kir

MEHR DAZU

Lesen Sie online ergänzend , wie das KWP die Ausbildung seiner 65 Azubis (de)zentral koordiniert und deren Wissensstand überprüft sowie welche besonderen Wege der Motivation beschritten werden. Außerdem gibt es Links zu „Schwester Immerda” und dem Azubi-Blog.www.gastroinfoportal.de/guschelbauer


Foto: Aktas

Foto: KWP

Fotos: KWP, © L_amica – stock.adobe.com