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Robert Swan: »Ich bin ein sehr guter Überlebenskünstler«


natur - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 20.03.2020

Robert Swan ist der erste Mensch, der zu Fuß zum Nord- und Südpol gelaufen ist. Seither engagiert er sich für den Schutz der Antarktis. Ein Gespräch über eisige Expeditionen, den Klimawandel und die Kraft von Lebensträumen


Artikelbild für den Artikel "Robert Swan: »Ich bin ein sehr guter Überlebenskünstler«" aus der Ausgabe 4/2020 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 4/2020

Über das ewige Eis gleiten: Im Dezember 2019 machte sich der Abenteurer Robert Swan mit einem Team zum dritten Mal auf den Weg zum geografischen Südpol


natur: Kinder wollen Feuerwehrmann oder Ärztin oder Lehrer werden. Ihr größter Wunsch war es, zum Nord- und Südpol zu laufen. Gab es für Sie keinen „gewöhnlicheren“ Lebenstraum?
Swan: Nicht wirklich. Als ich elf Jahre alt war, sah ich ...

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... einen Film über das Rennen zum Südpol zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Engländer Robert F. Scott. Ich war fasziniert von diesen Entdeckern und dem Kontinent, den niemand besitzt und auf dem es nichts gibt, keinen Krieg und keine Bomben. Zu dem Zeitpunkt war die Bedrohung durch nukleare Waffen ja ein großes Thema.

Roald Amundsen erreichte im Dezember 1911, etwa einen Monat vor Scott, den Südpol …
Als Scott am Pol ankam und dachte, er sei der erste, wehte dort die norwegische Flagge. Was für eine Enttäuschung! Über einen weiteren bekannten Polarforscher, den Briten Ernest Henry Shackleton, las ich damals ein Buch. Er wollte den antarktischen Kontinent von Küste zu Küste durchqueren und scheiterte. Auch das hat mich angespornt.

Inwiefern?
Ich wollte als erster Mensch zu beiden Polen laufen, es den Norwegern zeigen und schaffen, was Shackleton nicht geschafft hatte. Mit Anfang 20 kam der Plan außerdem ziemlich gut bei Frauen an (lacht).


»In der Arktis schmolz direkt unter unseren Füßen das Eis. Ich hatte Angst, dass wir sterben«


Nach Ihrem Geschichtsstudium arbeiteten Sie für das Polarforschungs - programm Großbritanniens. Am 11. Januar 1986 erreichten Sie mit 29 Jahren den Südpol. Drei Jahre später, im Mai 1989, den Nordpol. Was Sie gesehen und erlebt haben, hat Ihr Leben verändert. Erzählen Sie uns von den Expeditionen?
Als wir durch Antarktika liefen, klaffte über uns das Ozonloch. Kaum jemand wusste von ihm, doch die ultravioletten Strahlen, die es durchließ, verbrannten mir meine Haut und die Augen. Die haben seither eine andere Farbe, früher waren sie dunkelblau, heute sind sie sehr hellblau. Ich war damals völlig entsetzt, warum sich niemand für das Ozonloch interessierte.

Und in der Arktis?
Dort schmolz direkt unter unseren Füßen das Eis. Viel zu früh im Jahr. Ich hatte Angst, dass wir sterben. Heute, nur 30 Jahre später, ist es unmöglich, unseren Weg zur selben Jahreszeit zu laufen. Jeder, der nicht an den Klimawandel glaubt, soll es einmal versuchen. Er wird schwimmen müssen.

Ein Kontinent, bedeckt von Eis. Am 90. Breitengrad Süd liegt der geografische Südpol. Robert Swans großes Ziel bleibt es, Antarktika einmal zu durchqueren. Dafür fehlen ihm etwa 40 Meilen


Robert Swan, geboren 1956 im englischen Durham, lebt mittlerweile in den USA. Zusammen mit seinem Sohn, Barney Swan, der sich ebenfalls für den Umweltschutz einsetzt, unternimmt er Schiffsexpeditionen in der Antarktis. Auf die Reisen nehmen sie junge Menschen aus aller Welt mit, um aus ihnen Botschafter der Antarktis zu machen. Infos zur nächsten Tour im November 2020: www.explorerspassage.com/cli mateforce-robert-swan/

Großer Triumph (o.): Robert Swan (l.), Gareth Wood und Roger Mear erreichen am 11. Januar 1986 nach 70 Tagen Marsch den Südpol. Drei Jahre später schafft es Swan auch zum Nordpol. Der heute 63-Jährige ist vom Abenteuer gezeichnet (r.): Auf seiner ersten Expedition zum Südpol verbrannte sich Swan die Augen. Diese sind seither stechend hellblau


Wie ging es Ihnen nach den beiden harten Expeditionen? Sie hatten sich ja Ihren Traum erfüllt!
Ich wurde depressiv.

Warum?
Die Eindrücke an den Polen schockierten mich. Gleichzeitig hatte ich mein Leben so lang auf dieses Ziel ausgerichtet und es plötzlich erreicht. Danach fiel ich in ein Loch.

Was hat Ihnen geholfen?
Das nächste Ziel. Der Ozeanforscher Jacques-Yves Cousteau war mein Mentor und sagte damals: „Ich habe eine neue Mission für dich.“

Es ging darum, die Antarktis weiterhin vor Ausbeutung zu schützen.
Richtig!

Dafür haben Sie die Stiftung „2041“ ins Leben gerufen. Das ist das Jahr, in dem der internationale Antarktisvertrag ausläuft. Er untersagt den Abbau von Rohstoffen, jegliche militärische Aktivitäten und das Erheben von Gebietsansprüchen einzelner Länder.
Die Antarktis ist ein Ort für Wissenschaft und Frieden. Wie toll wäre es, wenn wir es so beibehalten könnten! Damit die Menschen einmal sagen können: „Wow, die Idioten haben zumindest diesen Teil der Erde in Ruhe gelassen!“

Wie sieht Ihre Arbeit für die Stiftung aus?
Ich wurde über die Jahre zu einem Kämpfer für erneuerbare Energien, bin mit Hilfe von Wind- und Sonnenenergie auf den Weltmeeren gesegelt, habe Lernstationen in Nepal, Indien, in den USA und der Antarktis errichtet, um Menschen vor Ort zu inspirieren. Eins ist klar: Wenn wir unsere Energie woanders herbekommen, gibt es keinen Grund mehr, die Antarktis auszubeuten und dort irgendwann nach Öl und Kohle zu bohren. Das ist einfach zu teuer.


»Die Antarktis ist ein Ort für Wissenschaft und Frieden. Wie toll wäre es, wenn es so bleibt!«


Sie nehmen junge Menschen aus aller Welt mit auf Schiffsexpeditionen in die Antarktis. Was wollen Sie damit erreichen?
Sie sind es, die 2041 Entscheidungen treffen, die vielleicht in Firmen auf entscheidenden Posten sitzen oder Einfluss auf die Politik haben. Mit unseren Expeditionen wollen wir aus ihnen Botschafter für die Antarktis machen.

Viele kommen aus Asien. Dort gibt es auch Umweltprobleme. Sollten sie sich nicht lieber darum kümmern, statt mit Ihnen in die Antarktis zu fahren?
In Asien liegen viele wachsende und mächtige Nationen, die unseren Planeten maßgeblich prägen werden. Von dort kommen Ideen und Technologien. Ich glaube, einen Ort wie die Antarktis zu sehen und bei unserem Programm über Nachhaltigkeit und Führungsstil zu lernen, motiviert die jungen Menschen. Sie haben danach eine aufregende Geschichte zu erzählen. Die braucht es, um andere zu überzeugen und sie mitzureißen. Viele der Expeditionsteilnehmer stoßen zuhause Projekte an, zum Beispiel zum Thema Recycling. Oder sie bringen Solarenergie in abgelegene Regionen wie in den Himalaya.

Mit Ihren vielen Reisen haben Sie selbst einen ziemlich großen ökologischen Fußabdruck …
Wir versuchen, alle unsere Emissionen wieder auszugleichen und pflanzen Bäume, arbeiten mit Aufforstungsprojekten zusammen.

Im Februar stieg das Thermometer in der Antarktis auf über 20 Grad Celsius. Die höchste je gemessene Temperatur. Was ist Ihnen bei Ihren letzten Besuchen in der Antarktis aufgefallen?
Auf unseren Expeditionen entlang der antarktischen Küste kann man gut beobachten, dass es viel mehr grüne Flächen und schneefreie Felsen gibt als vor 20 Jahren. Doch das sind nur meine persönlichen Eindrücke. Am Ende müssen wir auf wissenschaftliche Langzeitdaten zurückgreifen. Sie geben uns die Beweise für den Klimawandel.

Lange hat man Ihnen nicht zugehört, wenn Sie über das Schmelzen des Eises gesprochen haben. Doch es hat sich etwas geändert …
Auf einmal hören die Menschen den Wissenschaftlern zu und verstehen, dass der Klimawandel ein sehr ernstes Problem ist. Vor allem die jungen Menschen stehen auf und sagen: Es ist genug! Seit drei Jahrzehnten warte ich darauf. Doch ich habe auch ein Problem mit dem Protest. Er basiert auf Frustration, Wut und kümmert sich wenig um Lösungen. Dabei geht Zeit verloren, die wir nicht haben.

Ankunft im Eis: Viele Expeditionen starten am Campingplatz Union Glacier Camp in Westantarktika


Aber braucht es nicht genau diese Wut, um aufzustehen?
Natürlich, aber die Suche nach Lösungen darf nicht untergehen. Mein Sohn Barney hat die gemeinnützige Organisation „Climate Force“ ins Leben gerufen. Er will Informationen und Lösungen für nachhaltige Entwicklung bekannter und zugänglicher machen - für Firmen, an Schulen und für Menschen, die sich bisher noch nicht mit den Themen beschäftigt haben. Schon kleine alltägliche Veränderungen können helfen: was du isst, wie du dich fortbewegst, welche Energie du nutzt.

Mit Barney sind Sie 2017, 30 Jahre nach Ihrer ersten Expedition, erneut zum Südpol aufgebrochen. Warum?
Wir wollten nur mit Hilfe von erneuerbaren Energien zum Südpol gelangen. Wir haben zum Beispiel Solarenergie genutzt, um aus Eis heißes Wasser zu machen. Es war wichtig, dass wir das gemeinsam gemacht haben. Beim Kampf für den Planeten müssen die Generationen zusammenarbeiten. Barney hat es zum Südpol geschafft, ich musste nach 300 Meilen abbrechen. Meine linke Hüfte war verletzt. Nicht gerade der beste Tag meines Lebens. Verständlich …
Es war unfassbar schmerzhaft. Dass ich deshalb abbrechen und meinen Sohn zurücklassen musste, konnte ich nur schwer ertragen. Doch es war auch der Moment, wo der alte Krieger seinen jungen Sohn die Hälfte des Weges begleitet und ihn dann ziehen lässt, um die Mission zu beenden.

Kochen im Antarktis-Style: Barney Swan bereitet sein Abendessen mit Hilfe von Biokraftstoff zu (l.). Emotionaler Moment: Nachdem Robert Swan die gemeinsame Tour abbrechen musste, fliegt er wenig später in die Nähe des Südpols, um die letzten Meilen mit seinem Sohn zu gehen (r.)


Ein guter Tag: Die Sonne scheint auf den Polarentdecker herab. An vielen anderen Tagen hüllt sich alles in Weiß, Himmel und Erde verschwimmen


Im vergangenen Dezember sind Sie doch wieder losgelaufen. Sie starteten an dem Punkt, wo Sie 2017 Ihre Tour abbrechen mussten, um die letzten 300 Meilen zum Pol zu laufen. Mit 63 Jahren und einer künstlichen Hüfte. Warum quälen Sie sich so?
Der Traum des Elfjährigen ist noch da. Auf meiner Karte von Antarktika prangte eine Lücke. Wenn ich die schließe, habe ich mit meinen Expeditionen den Kontinent von Küste zu Küste durchquert. So wie es einst Shackleton schaffen wollte.

Auch dieses Mal haben Sie modernstes Equipment in dem extremen Umfeld getestet …
Wir schliefen in Schlafsäcken aus recyceltem Plastik, trugen Sonnenbrillen aus umgewandeltem CO2 und haben Biobrennstoffe aus Abfall genutzt. Die Ausrüstung hat sich sehr weiterentwickelt. Bei den ersten Polarexpeditionen schlief man in Schlafsäcken aus Robbenhaut und nutzte Waltran als Treibstoff.

Glauben Sie daran, dass uns Technologie einmal retten wird?
Ich glaube an Technologie, aber sie wird nicht ausgleichen, was wir auslösen, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern.

Leider sind Sie auch diesmal vor dem Erreichen des Südpols gestürzt …
Ja, das Hüftgelenk ist dabei rausgesprungen. Ich wurde mit dem Flieger abtransportiert. Ich war frustriert. Nach einem Monat auf den Skiern war die Expedition für mich wieder vorbei.

Nach der langen Polarnacht erstrahlt ein Eisberg in der antarktischen Atka-Bucht im ersten Licht. Aufgenommen wurde das Bild im Juli 2017


Geben Sie nun auf?
Nein! Ich muss zurückkehren und es noch einmal versuchen. Mir geht es Woche für Woche besser. Mit noch mehr Training bin ich mir sicher, dass ich es hinbekomme.

Sie scheinen trotz der Rückschläge voller Zuversicht. Für die Expedition und für Ihren Kampf um die Antarktis. Wie behalten Sie Ihre Hoffnung?
Ich schulde es den nächsten Generationen. Ich wäre echt sauer, wenn der Planet in Stücke zerfällt und die Generationen vor mir nichts dagegen unternommen hätten. Ich fühle mich verantwortlich, obwohl es eine große Herausforderung ist, immer weiterzumachen und hoffnungsvoll zu bleiben. Eine Sache, die mir konkret Hoffnung gibt, ist das Ozonloch. Habe ich mir unter ihm vor 30 Jahren Haut und Augen verbrannt, ist es heute viel kleiner. Bei seiner Bekämpfung haben viele Staaten zusammengearbeitet, das Montreal-Protokoll unterschrieben. Wir können Dinge verändern, und das ist ein hervorragendes Beispiel.

Wenn Sie auf Ihr Leben blicken, wie würden Sie sich selbst beschreiben? Als Entdecker? Forscher? Umweltschützer?
Weder noch. Ich bin ein sehr guter Überlebenskünstler. Und die letzte große Erkundung auf der Erde wird sein, herauszufinden, wie man auf ihr überleben kann.


Fotos: Robert Swan / www.2041foundation.org (2); Karte: Rainer Lesniewski / iStock, Karl Marx

Fotos: Robert Swan / www.2041foundation.org (4), mauritius images / Roger Clark / Alamy

Fotos: Robert Swan / www.2041foundation.org, Stefan Christmann / naturepl.com