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ROCKS


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 31.03.2022

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 4/2022

Peter Doherty & Frédéric Lo

The Fantasy Life Of Poetry & Crime

★★★★☆

Clean gelingt der Britpop-Legende ein großer Wurf

Unglaublich, dass das Libertines­ Debüt, „Up The Bracket“, nun auch schon 20 Jahre auf dem Buckel hat. Aber noch unglaublicher erscheint, dass Pete Doherty 2022 quietschfidel und lebendig herumspringt und immer noch hervorragende Platten aufnehmen kann. „The Fantasy Life Of Poetry & Crime“ zählt zum Besten, was der sympathische Wirrkopf je abgeliefert hat. Die Zusammenarbeit mit Frédéric Lo, einem französischen Musiker und Produzenten, bekannt durch seine Arbeit mit der großartigen Powerpop-Band Pony Pony Run Run und Stephan Eicher, entpuppt sich als völlig unaufdringlich, aber tief unter die Haut gehend.

Los französisch angehauchte, ein bisschen zum Chanson neigende Arrangements passen perfekt zu Dohertys nörgelndem Gesang, der diesmal gar nicht brüchig herüberkommt. Ein ...

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... bisschen Dramatik – ja, Theatralik – nein. Dohertys Drogenabstinenz ist jederzeit spürbar, und ein bisschen Wein und Rum durften es schon sein zu den Austern, dort in der Normandie, wo die beiden zwei Monate zusammen Songs schrieben und das Album, neben dem Standort Paris, aufnahmen. Beim Titeltrack spürt man förmlich den Seewind in der Bucht von Étretat. Am ehesten an alte Babyshambles-Tage erinnert das vorab veröffentlichte „You Can’t Keep It From Me Forever“, aber Lo weiß alles Ungestüme bei Doherty in geordnete Bahnen zu lenken, sodass ein klassischer Britpop-Track entstand, der den frühen Suede und den ersten Soloversuchen von Morrissey entspricht. Inspiriert wurde der Song übrigens von dem französischen Schriftsteller Maurice Leblanc und seinem Meisterdieb Arsène Lupin. Mehr Namedropping? Da hätten wir ja noch Victor Hugo …

Mit „The Epidemiologist“ und „Yes I Wear A Mask“ liefern die beiden gleich zwei wunderbare Songtitel zur Zeit. Nebenbei erweist sich Ersteres als schönste bisher von Doherty gesungene Pianoballade. Chris Martin, eat your heart out! Musikalische Glückseligkeit von einem grünen Rand der Welt. (Strap Originals)

FRANK LÄHNEMANN

Eric Wagner In The Lonely Light Of Mourning ★★★★☆

Der Schwanengesang des im letzten Sommer an Covid verstorbenen Doom-Kirchenvaters der zweiten Generation. Seine Band Trouble kreuzte den Altvorderen-Doom mit den modernen Spielweisen der NWOBHM und machte ihn damit anschlussfähig für die Achtziger. Zum Dekadenwechsel nahm sich Rick Rubin der Band an. Ihre Zusammenarbeit, „Trouble“ und „Manic Frustration“, reformierte das Genre durch einen Rekurs auf die psychedelischen Wurzeln. Das nannte man später Stoner Rock. Die Band war nie wirklich monetär erfolgreich, aber ungemein wirkungsmächtig. Eric Wagners kurz vor seinem Tod fertiggestelltes Soloalbum zeigt ihn noch einmal als elaborierten Großmeister der Kopfhängerei. Seine Band aus ehemaligen Mitstreitern liefert den bewährten stoisch stahlwalzenden Doom, lässt aber immer wieder viel Platz für Wagners sanft melancholisches Crooning. (Cruz Del Sur Music)

Bomber Nocturnal Creatures★★★☆☆

Keine Motörhead-Covertruppe, sondern eine dieser Reenactment-Könnerbands aus Skandinavien, die, wie erst kürzlich Nestor, den klassischen Hardrock noch einmal zelebrieren, als wären sie die Ersten. Bomber stürzen sich mit einer solchen Inbrunst auf jedes Klischee und machen es sich mit ihrem unwiderstehlichen Enthusiasmus so zu eigen, dass einem die Herkunft fast egal ist. Satzgesänge, Keyboardwände, Harmoniegitarren, AOR-Refrains, Heldensoli: alles da, was das Nostalgikerherz begehrt. Aber eben auch eine Überzeugungskraft, die man nicht imitieren kann, die man nur gewinnt, wenn alle in der Band daran glauben, gerade das komplett Richtige zu tun. (Napalm)

Ghost Impera★★★☆☆

Bei den schwedischen Theatralikern scheiden sich die Geister. Es ist nicht mal dieser Okkult-Mummenschanz, der die strikte Observanz auf die Palme bringt, sondern ihre allmähliche, aber eben auch nonchalante und geschmackvolle Totoisierung. Die True Believer möchten sich eigentlich schütteln vor so viele Schmonzette, aber die erstaunliche Hookdichte lässt sie stattdessen beeindruckt mit den Zähnen knirschen. Für solche Fälle hat der Metalgod die Ironie erfunden. (Spinefarm)

The Hellacopters Eyes Of Oblivion★★★☆☆

Sie sind zurück! In der Urbesetzung mit Backyard Baby Dregen. Wer allerdings gehofft hatte, sie würden den Garage-Punk der frühen Jahre noch einmal eins zu eins revitalisieren, wird enttäuscht. The Hellacopters arbeiten sich schon viel zu lange am erwachsenen US-Rock ab, die Entwicklung ist irreversibel, aber anders als bei Nicke Anderssons Substitut Imperial State Electric ist die alte Rotzigkeit wieder da, der enorme Energieüberschuss und die unbedingte Eingängigkeit. Leider nicht mehr bei allen Songs. (Nuclear Blast)

Niedecken

Dylanreise

★★★☆☆

Der BAP-Sänger liest über Bob und singt dessen Lieder

Während der letzten beiden Jahre hat Wolfgang Niedecken auf einiges verzichten müssen, zum Beispiel auf eine Tour zum Album „Alles fließt“ (2020) sowie auf eine groß angelegte Feier zu seinem 70. Geburtstag in der Köln-Arena 2021. Niedecken, der nicht gern untätig bleibt, nahm die Umstände zum Anlass, ein Buch über Bob Dylan zu schreiben, dessen Lieder ihn einst vom Maler zum Musiker werden ließen. Auf „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“ (KiWi) folgte eine Tournee durch kleine Spielstätten, auf der Niedecken vorlas und Dylan-Songs sang, sowohl im englischen Original als auch in eingekölschten Versionen.

Nun hat der Sänger dieses Programm aufgenommen, um es zu erhalten und es den Besuchern der (noch andauernden) Tour an die Hand zu geben. Wir hören neben der Hauptperson (Gesang, Gitarre und Mundharmonika) den Pianisten Mike Herting. Die Aufnahmen klingen, als wären sie live, und vielleicht sind sie es auch. Niedecken erinnert sich an Momente, als Dylan für seine eigene Entwicklung als Musiker eine Rolle spielte. Etwa an den, als der Frontmann aus seiner Band The Troop aussteigt und bei Niedecken der Groschen fällt, dass er fortan der Sänger sein und Texte im Stil von „Like A Rolling Stone“ schreiben würde. Oder an den im Keller des New Yorker Instrumentenladens Music Inn, wo er mit David Mansfield für die Arte-Serie „Bob Dylans Amerika“ über Dylans Verhältnis zu Deutschland spricht. Und schließlich an den, als er den Meister unter vier Augen trifft, um ihm die Lap-Steel-Gitarre eines deutschen Herstellers zu überbringen. Viel geredet haben sie nicht.

Musikalisch besonders gelungen sind eine wehmütige Version von „Forever Young“ („Für immer jung“), und „One More Cup Of Coffee“. Die schönste Erinnerung ist die an eine alte Dame, der Niedecken während seines Zivildienstes ein nach US-Folk klingendes Geburtstagslied schrieb – sein erstes auf Kölsch. Hat nichts mit Dylan zu tun, wohl aber mit dem Werden des Songschreibers Wolfgang Niedecken. (Universal)

JÖRN SCHLÜTER

Banks

Serpentina

★★★★☆

Mit Soul aufgeladener Avantgarde-Pop

Sie ist die zischende Schlange, die einem in „The Devil“ zu einem fiesen Synthiebass ins Ohr flüstert, wie viel besser doch das schnelle Leben ist. Sie ist die auf Erlösung hoffende Sünderin, die sich im gospelartigen „Spirit“ durch ein Knäuel aus Gesangsspuren wühlt. Sie ist die große Missverstandene, die einen in „Misunderstood“ in die Irre führt. Und zuletzt ist sie wieder die 20-Jährige, die vor 13 Jahren „I Still Love You“ schrieb, eine Klavierballade, die so überwältigend direkt ist, dass die Frau aus dem San Fernando Valley am Ende kichert, um wenigstens etwas Distanz zwischen sich und diesem Liebeslied zu schaffen.

Jillian Rose Banks’ Avantgarde-Pop hat sich auf „Serpentina“ mit Soul aufgeladen, der Lockdown hat sie nachdenklicher gemacht. Während sie virtuos mit Trap-Beats und Melodien experimentiert, begräbt sie kaputte Beziehungen („Deadend“, „Skinnydipped“, „Fuck Love“), setzt sich für „Birds By The Sea“ an den Flügel, versorgt uns mit knifflig-grandiosen Dance-Tracks wie „Meteorite“ oder „Anything 4 U“ und führt mit Tracks wie „Holding Back“ Auto-Tune ad absurdum. (AWAL)

GUNTHER REINHARDT

Aldous Harding

Warm Chris

★★★★☆

Die Neuseeländerin erweitert ihre Möglichkeiten

Auf der ersten Single ihres vierten Albums, „Lawn“, spielt uns Hannah Sian Topp alias Aldous Harding einen Streich: Mit fast kindlicher Stimme singt sie ein summendes Lied, das etwas Französisches an sich zu haben scheint – so viel Leichtigkeit! Nach zwei dunklen Alben war das eine Überraschung.

Auch anderswo auf „Warm Chris“ variiert die Neuseeländerin ihre Stimme und ihr Songwriting, etwa beim lateinamerikanisch tänzelnden „Passion Babe“, der feierlichen Pianominiatur „She’ll Be Coming Round The Mountain“ oder dem theaterhaften „Leathery Whip“. Auf ihren letzten Werken brachte Harding mit Produzent John Parish (hier wieder dabei) ihre Version von Late-Sixtiesund Early-Seventies-Folk zur Meisterschaft, umgab sich mit einer Aura wie Nico und phrasierte wie Nick Drake. Vielleicht ist es das Thema dieses Repertoires, neue Möglichkeiten auszuloten, jedenfalls nicht dasselbe noch mal zu machen. „Warm Chris“ ist wiederum ein sehr gutes Album, weil Harding konsequent unterschiedliche Ideen auslotet und dabei ihre sonderbare Perspektive auf die Musik nicht verliert. (Beggars)

JÖRN SCHLÜTER

Get Well Soon

Amen

★★★★★

Konstantin Gropper hat sein Meisterwerk komponiert

Die Akklamationsformel „Amen“ bestätigt inbrünstig das Gebet. Der Würdenträger Konstantin Gropper faltet dabei jedoch weder die Hände noch seinen frisch gebügelten Optimismus („Our Best Hope“). Er fordert mit seinem sechsten Album dazu auf, die mächtige Selbstpredigt zu aktualisieren. Im Phil-Spector-spektakulären Eröffnungsstück, „A Song For Myself“, wird die Larmoyanz, die noch durch die Strophen melancholiert, verabschiedet, und der Chor befiehlt, ganz im Sinne seiner Kommentatorenrolle im antiken Drama: „Stop your whining, you’re alright!“

Eine virtuelle Assistentin führt durch den Selbsterfahrungstrip in zwölf Stationen – eine distanzierte Instanz als Kontrast zu diesen in jeder Sekunde nahegehenden Emotionen, himmelhohen Melodien und grandios gewobenen Arrangements, hinreißend filmisch orchestriert. „My Home Is My Heart“ kredenzt Premium-Pop im Geiste der Pet Shop Boys, „One For The Workout“ hinterfragt den Selbstoptimierungswahn, „I Love Humans“ erforscht die Faszination menschlicher Abgründe. „Amen“ ist ein Opus fürs Volk. Zum Niederknien. (Virgin)

INA SIMONE MAUTZ

Kae Tempest

The Line Is A Curve

★★★★★

Inspirierte Lyrik und Sounds voller zarter Hoffnung – groß!

Inspiration war noch nie ein Problem für Kae Tempest. Auf ihrem fünften Studioalbum sprudelt das Allroundgenie Sentimente und Worte wie eh und je, bis einem schwindlig wird vor Glück oder vor Mitleid. Doch zuweilen lässt sich – anders als bei den Vorgängern – zart die Hoffnung blicken, nicht allein durch das Chaos des Lebens zu müssen: In „I Saw Light“ spuckt Tempest ein Liebeslied auf den nassen Asphalt, spricht von Kälte und Leidenschaft, Abschweifung und Ausschweifung, bis sich Grian Chatten (Fontaines D.C.) dazugesellt – as romantisch as it gets, ohne am Kitsch entlangzuschrammen. „When I felt my body and your body rise up together/ It slipped into legend/ My eyes said forever“, heißt es woanders, die Ambivalenz von Liebe wird auf den Punkt gebracht.

Neben elektronischen Sounds vieler Songs walzt sich bei „These Are The Days“ ein trauriger Shuffle heran: „Wenn diese Zeit vorbei ist, werde ich mich an sie erinnern als die Zeit, als ich einen Fokus hatte“, beschwört Tempest. Eigentlich ist es müßig, einzelne Zeilen zu zitieren – das gesamte Album ist zitierwürdig. (Fiction/Virgin)

JENNI ZYLKA

Bastille

Give Me The Future

★★☆☆☆

Leider wenig variable futuristische Dance-Spielwiese

Lässt man sich auf den Radio-Einheitsbrei ein, sticht stets ein Bastille-Song positiv heraus. Anders verhält es sich, wenn man es konzentrierter mit den Elektropoppern zu tun bekommt. Das liegt zum Teil daran, dass die Stimme von Dan Smith, ein Hybrid aus Chris Martin und Justin Bieber, wenig Variationen bietet. Aber das vierte Album, ein durchaus ambitioniertes Werk über Techno-Traumwelten, zeigt auch, dass an Bastilles Zukunft einfach viel zu viele beteiligt sein wollen: Als Co-Writer agieren Rami Yacoub, Ryan Tedder, Jonny Coffer … Kurioserweise sind Bastille am wenigsten austauschbar, wenn sie musikalisch die Vergangenheit auf den Plan rufen, wie beim Police-artigen Titelsong oder mit den Afrobeat-Anklängen von „Shut Off The Lights“. (Universal)

FRANK LÄHNEMANN

Raphael Kestler

Innen und außen

★★★☆☆

Uneitle, wohlgesetzte Worte und Melodien

Diese elf Songs sind in pandemischen Zeiten wie das Äquivalent eines Abends in der Bar. Während du ins Glas starrst, erzählt jemand der Tresenperson aus seinem Leben. Und du musst zuhören. Viele der privaten Episoden gehen mit dir in Resonanz: Die des Paars, das im Lokal seine Hochzeit beredet. Die des Sohns, den die Eltern mit ihren Querdenker-Einsichten heimsuchen. Und einige diffusere Storys bieten größere Freiräume. Auch beim vierten Album des Augsburgers fühlt man sich wie ein zufälliger Zeuge. Er findet uneitle, aber wohlgesetzte Worte für seine Geschichten. Seine Melodien fließen wie absichtslos durch Klangschwaden. Kestler will nicht beeindrucken, nur kurz das Schlüsselloch freigeben. Eine überraschende, menschliche Begegnung. (Selma)

RÜDIGER KNOPF

Let’s Eat Grandma

Two Ribbons

★★★☆☆

Hymnischer, etwas zerrissener Indie-Pop der Britinnen

Die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Rosa Walton und Jenny Hollingworth begann im Kindergarten. Damals bondeten die Britinnen über Buntstifte. Als Teenager nahmen sie zwei eigenwillige, von der Musikpresse gefeierte Alben auf, die zwischen Lorde und CocoRosie eine Nische fanden. 2020 kriselte ihre Freundschaft. Zum ersten Mal lebten die beiden in unterschiedlichen Städten. Während Walton ihre Bisexualität entdeckte und an Liebeskummer litt, musste Hollingworth den Tod eines Freundes miterleben. Das Getrennt-Erwachsenwerden hat Spuren auf „Two Ribbons“ hinterlassen. Das dritte Album klingt lebensbejahender, hymnischer, tanzbarer, feiert mit Folk-Reflexionen und Friedhof-Instrumentals aber auch die Schönheit des Vergänglichen. (PIAS)

FABIAN PELTSCH

Jerry Leger

Nothing Pressing

★★★★☆

Wundervolle Introspektion und lässiger Rock’n’Roll

„Have You Ever Been Happy?“, fragt Jerry Leger, produziert von Cowboy Junkie Michael Timmins. Glücklich jedenfalls der Singer-Songwriter, der beides so gut kann: sich (fast) ohne Begleitung der wundervollen Introspektion eines „Still Patience“ hingeben und so frei zu sein, mit seiner Band The Situation lässige Rock­ ’n’Roll-Schwinger wie den eingangs genannten oder „Kill It With Kindness“ zu platzieren. Für weniger glückliche Momente hat der Kanadier in „Underground Blues“ auch noch was parat: „When the others drop like flies, drop me a line from the ground.“ Darauf ein melancholischer Slow Waltz? „Protector“ beschließt das tolle Album, schon sein etwa zehntes. Gelegentlich arbeitet Leger auch unter dem Ha‐Ha-Pseudonym Hank Holly. Das passt. (Latent/Bertus)

JÖRG FEYER