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Röhrenendstufe: Ultima Ratio


Stereoplay - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 09.08.2019

Kosten? Egal. Aufwand? Gigantisch. Ausführung? Kompromisslos. Ergebnis? Perfekt. Und nicht (mehr) von dieser Welt.


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Bildquelle: Stereoplay, Ausgabe 9/2019

Wir wissen nicht, ob der Controller und der Buchhalter gemeinsam Andreas Hofmanns Labor aufsuchten und dem Chef von Octave Audio mit besorgtem Lächeln dringend rieten, doch mal zwei, drei Wochen Urlaub zu machen. Vielleicht Riviera? Oder ein ruhiger Kurort?


„Damit sind die Jubilee 300B eine moderne und kompromisslose Umsetzung der wahrscheinlich besten Verstärkertechnologie.“


Wir wissen ehrlich gesagt nicht einmal, ob es bei Octave überhaupt einen Controller gibt. Wir vermuten aber, dass das ...

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... Rechnungswesen durchaus eine Meinung zu der Entscheidung gehabt hätte, einen Verstärker zu bauen, der pro erzeugtem Watt zwei Kilogramm auf die Waage bringt und in Mono-Bauweise 60 Kilogramm wiegt – pro Monoblock, versteht sich.

Etwas trockener formuliert: Die Octave Jubilee 300B leistet 30 Watt pro Kanal, ein Monoblock ist 24 Zentimeter breit, 66 Zentimeter hoch und 40 Zentimeter tief, beide Monos zusammen bringen 120 Kilogramm auf die Waage.

Allerdings haben Projekte dieser Größenordnung bei Octave eine gewisse Tradition. Man erinnere sich nur an die Jubilee Mono SE, ebenfalls ein richtiges Monster, freilich eines mit 400 Watt. Eine ähnliche Gewichts- und Preisklasse mit einem 300BVerstärker anzusteuern, ist aber mindestens mutig, wenn nicht sogar ein bisschen verrückt. Doch Andreas Hofmann, an sich bekannt als notorischer Push-Pull-Pentoden-Entwickler, ist zwar neuerdings dem Single-Ended-Virus verfallen, aber alles andere als verrückt. Zum Glück, muss man sagen, denn beim Thema 300B herrschte seit Jahren (mit ganz wenigen Ausnahmen) gepflegte Langeweile und technischer Stillstand. Zwar können einfache, „kurze“ Schaltungen und gute Bauteile den von einem uralten Western-Electric-Kinoverstärker begründeten Hype um Single-Ended-300B-Verstärker klanglich untermauern, aber die grundsätzlichen Probleme dieses Prinzips, angefangen mit geringer Leistung, blieben ungelöst.

Der erste Fingerzeig in die neue Richtung kam dann mit der Octave V16 Single Ended, ein Voll- und Kopfhörerverstärker mit der indirekt geheizten, „modernen“ KT120. Eines der drängendsten Probleme des Eintakters war hier bereits genial gelöst, nämlich die Anodenstrom-Vorbelastung des Ausgangsübertragers. Augenzwinkernd bestätigte Andreas Hofmann aber schon anlässlich des Tests der V16 (stereoplay 5/17), sich auch mit der 300B zu „beschäftigen“. Über die Größenordnung dieses Projekts hielt sich der Entwickler aber bedeckt.

Single-Ended-Parallel

Die Jubilee 300B huldigt der berühmten Triode dreimal und schaltet zwecks Leistungserhöhung gleich drei der Röhren parallel. Das ergibt 30 Watt Nominalleistung und damit Kompatibilität zu vielen Lautsprechern. Doch damit nicht genug: Mit den neuen Amps hat Andreas Hofmann praktisch alle Probleme der Single-Ended-Technik mit einem Schlag gelöst! Der Aufwand ist entsprechend groß, ja brutal und wir rollen diesen außergewöhnlichen Verstärker jetzt einmal von hinten her auf: Ein neu entwickelter Ausgangsübertrager, ganz oben im Gehäuse unterhalb des Röhren-„ Stockwerks“ angeordnet besitzt im Gegensatz zu üblichen Octave-Übertragern nunmehr Vier- und Acht-Ohm-Lautsprecheranschlüsse. Die Kernbleche weisen keinen Luftspalt auf, stattdessen kompensiert eine zusätzliche, quasi gegensinnig aufgebrachte Wicklung die Aufmagnetisierung des Kerns durch den Anodenstrom der drei Endröhren. Gespeist wird diese Wicklung von einer aufwendigen Stromquelle, deren Leistungsfähigkeit dem aufaddierten Strom durch die drei Röhren entsprechen muss; da diese Ausgleichswicklung mit auf dem Übertragerkern liegt, darf sie keinerlei Störspannungen induzieren, muss also unbedingt „sauber“ sein.

Energiemanagement für Versorgungs- und Heizspannungen sorgt für lange Röhren-Lebensdauer, ein Schutz- und Überlastsystem schützt vor Bedienungs- und Röhrenfehlern. Die Ruhestrom-Kontrolle der drei Endröhren erfolgt über ein Messgerät mit Digitalanzeige.


Sieben Hertz – mit Power!

Die Heizung der 300Bs erfolgt mit einer Wechselspannnung, genauer gesagt, einer klirrfaktor-optimierten, reinen Sinusschwingung von sieben Hertz Frequenz. Da die Heizung der 300B ja auch ihre Kathode darstellt, muss eine galvanische Trennung erfolgen, deshalb erzeugt ein analoger Generator, an sich eine amplitudenstabilisierte 7-Hertz-Endstufe, diese Wechselspannung, die primär in einen Heiztrafo eingespeist wird. Drei Sekundärwicklungen versorgen dann die 300Bs langzeitstabil mit exakt fünf Volt bei jeweils 1,2 Ampere. Besagter Trafo sitzt im mittleren Stockwerk der Jubilee 300B und trägt nicht unwesentlich zum Gesamtgewicht bei. Mit dieser Technik sind klangbeeinflussende Brumm- und Hochfrequenz-Störungen über die Heizung absolut ausgeschlossen.

Im „Keller“ der beiden Mono-Wuchtbrummen befindet sich schließlich die Energieversorgung: Zwei streufeldarme, gewaltige Trafos mit fast einem Kilowatt Gesamtleistung kümmern sich um die Anoden-Hochspannung, alle Hilfsspannungen und um die Versorgung des Heizungs-Generators. Selbstredend ist die Stromversorgung der Endstufe einschließlich der Anodenspannungen komplett elektronisch stabilisiert und sogar kurzschlussfest. Instabilitäten durch schwankende Netzspannung sind folglich kein Thema mehr. Andreas Hofmanns trockene Bemerkung dazu: „Spannungsänderungen sind Stromänderungen“, eine Stabilisierung sei bei Trioden „zwingend notwendig“.

Kompromisslos

Ähnlich kompromisslos geht es natürlich bei der Audioschaltung weiter. Da (auch mit Rücksicht auf verschiedene 300BTypen) drei Ruhestrom-Niveaus für die 300Bs einstellbar sind, arbeitet die Endstufe mit einer Mischung aus aktiver Gittervorspannung und sogenannter automatischer Gittervorspannung via Kathodenwiderstand, die aktive Gittervorspannung muss natürlich stabilisiert und extrem rauscharm sein, da sie ja direkt an den Steuergittern liegt. Übrigens sind hier die 300Bs nicht simpel parallel geschaltet, sondern sie besitzen jeweils ihre eigene Außenbeschaltung, „Indirekt Parallelbetrieb“ heißt es dazu. Der Entwickler kommentiert weiter: „Es ging uns nicht um Leistung um der Leistung willen, sondern darum, der 300B ein perfektes Umfeld zu bieten, das die klanglichen Eigenschaften der Röhre noch besser zur Geltung bringt“.

Überirdisch

Nur höchst selten juckt es uns so sehr wie in diesem Fall in den Fingern, einen Verstärker mit Lobpreisungen zu überhäufen. Doch die Jubilee 300B scheint nicht von dieser Welt, sondern ist eher in einer Art von 300B-Universum anzusiedeln. Dort kombiniert sie den geschmeidigen, höchst emotionalen und immer mitreißenden Klang der alten Triode jetzt mit einem Maß an essentieller Reinheit, Transparenz und schierer Kraft, das man bisher von der 300B (oder von einem beliebigen anderen Röhrenverstärker) noch niemals gehört hat. Dass die völlig zu Recht weltberühmte Röhre in herkömmlicher Schaltungstechnik schaumgebremst läuft, bemerkt man ungläubig staunend erst dann, wenn der Hauptschalter der Jubilee 300B gedrückt wird. Die auch dynamisch so lässig „nachlegt“, dass sie ihre eigene Leistungsangabe ad absurdum führt und sich als unnachgiebiger Spielpartner selbst anspruchsvoller Lautsprecher erweist. Berge versetzt sie immer noch nicht, doch die subjektiv zur Disposition stehende Leistung liegt deutlich über den reinen Daten, beherzt zupackender, knurriger und höchst kontrollierter Bass inklusive.

Lassen wir Betrachtungen in Watt und Ampere einmal außen vor. Suchen wir stattdessen lieber einen passenden Lautsprecher, der Fullrange-Betrieb mit der Octave ermöglicht. Und dann hören wir einfach nur Musik. Mit dem womöglich, ach was, dem allerbesten Röhrenverstärker, den man für Geld und gute Worte kaufen kann.

Messtechnisch erweist sich die Jubilee 300B als außergewöhnlich gut, auch der Klirr bleibt für einen gegenkopplungsfreien Amp auf sehr niedrigem Niveau.


Kein Hybride, sondern Röhre pur und die klassische 300B-Grundschaltung im Signalweg: In „Low Gain“-Einstellung dient eine Pentode des Typs EF800 als Treiber, wird mehr Verstärkung benötigt, kann eine ECC82 vorgeschaltet werden. Drei Bias-Pegel von 25, 50 und 70 Milliampere ermöglichen den Einsatz verschiedener 300B-Derivate.


Anmerkungen zur 300B im Eintaktbetrieb

Die ungekrönte Königin der Audiotrioden, die Western Electric 300B, ist eine direkt geheizte Leistungstriode aus den 30er-Jahren mit einem hochlinearen Kennlinienfeld. Sie wurde explizit für die Audioverstärkung entworfen und entspricht mit ihrer direkten, für Wechselspannung vorgesehenen 5-Volt-Heizung (Heizfaden ist gleichzeitig Kathode) natürlich der Röhrentechnik jener Zeit. Die mit Wechselspannungsheizung verbundene 50-Hertz-Brummproblematik ist trotz Heizungssymmetrierung über zwei Widerstände in einem modernen Audioverstärker nicht akzeptabel, sodass heutzutage meist mit Gleichspannung geheizt wird, was allerdings durch das Potenzialgefälle über die Länge des Heizfadens neben anderen Problemen zu einer ungleichmäßigen Abnutzung der Kathode führt. Clever gemachte Verstärker mildern diesen Effekt durch Umpolung der Heizspannung beim Einschalten ab, lösen das Problem aber nicht wirklich. Im (klanglich beliebtesten) Eintaktbetrieb der Triode sind wegen der Vorbelastung (Aufmagnetisierung) des Ausgangsübertragers durch den Anoden-Gleichstrom Übertrager mit Luftspalt und groß dimensioniertem Kern erforderlich, wobei der Luftspalt die Eigenschaften des Übertragers (Querinduktivität) signifikant verschlechtert.

Erfahrungsgemäß klingen Designs mit (phasenschiebenden) Kondensatoren zwischen Endröhre und dann luftspaltlosem Übertrager (Single Ended Parafeed) häufig besser als SE-Amps üblicher Bauart. Hinzu kommt angesichts des Bedarfes aktueller Lautsprecher die höchst überschaubare Leistung einer einzelnen 300B von realistisch sechs bis sieben Watt (Angaben von zehn oder zwölf Watt sind „optimistisch“). Steigern ließe sich der Output durch Parallelschaltung mehrerer Endröhren (Single-Ended-Parallel), womit sich jedoch die Problematik der Vormagnetisierung des Ausgangsübertragers durch den nunmehr aufaddierten Anodenstrom zweier oder gar dreier Endröhren quasi multipliziert, weshalb solche Verstärker nur sehr selten realisiert werden.