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ROMANTIK, TRANSEUROPA DER LITERATUR


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 197/2021 vom 25.08.2021

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Oben links: Murr und Miesmies. Umschlagzeichnung von E. T. A. Hoffmann für den 1. Band der Erstausgabe des Romans »Lebensansichten des Katers Murr«, 1819. Oben Mitte: Der Schlaf (oder Traum) der Vernunft gebiert Ungeheuer. Aus der Serie »Los Caprichos« (»Einfälle«, 1796–1797) von Francisco de Goya. Oben rechts: »Der Nachtmahr« von Johann Heinrich Füssli, zwischen 1790 und 1791. Mitte links: Meister Floh, Umschlagrückseite der 2. Auflage des Buches von E. T. A. Hoffmann 1826. Mitte: Caspar David Friedrich entwickelte die Rückenfigur zum zentralen Thema der Landschaftsmalerei: »Der Wanderer über dem Nebelmeer«, um 1817. Unten links: »Das Eis war hier, das Eis war dort, das Eis war überall«. Illustration von Gustav Doré (1866) für Samuel Taylor Colerigdes »The Rime of the Ancient Mariner« (»Der alte Seefahrer«), 1798. Unten Mitte: Wahrscheinlich das Motiv der deutschen Romantik schlechthin: ...

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... »Zwei Männer in Betrachtung des Mondes«, ebenfalls von Caspar David Friedrich, 1819.

Es gibt kein Jahrhundertwechselbewusstsein, das uns näher sein dürfte als jenes um und nach 1800. Die rationalistische Moderne kam lebensweltlich unter Beschuss, das Denksystem einer zielgerichteten Entwicklung der Moderne ging unter in fünfzehnjährigem Dauerkrieg, mit dem Napoleon Europa überzog. Andererseits war die Aufklärung zuvor ins Blutbad der Französischen Revolution gemündet, in dessen Finale die klare Vernunft in rasende Tyrannei umgekippt war. Das Bewusstsein um 1800 war das der Romantik.

Dabei wurde diese lange Zeit denunziert, verachtet, verurteilt. Der Soziologe Karl Mannheim meinte 1927, das »deutsche Denken« sei »seit dem 19. Jahrhundert dermaßen romantisch und historistisch, dass sogar seine eigene, im Lande gewachsene Opposition noch tief in diesen Denkformen« stecke. Was aber waren und sind denn nun romantische Denkformen – jenseits von »Morgenröte, Vogelschall, Glockenklang und Waldesrauschen«, so Joseph von Eichendorff, von Mondlicht, Herzenssehnen, blauer Blume, Phantasie, Fortschrittsfeindlichkeit und Irrationalität? Das alltägliche »Ach, wie romantisch!« ist nicht einmal ein schwacher Schattenabdruck davon, unscharf und sentimental.

Die jungen Autoren vor und nach 1800, die »Romantiker«, entwarfen ihr dynamisches Weltbild im elektrisierten Spannungsfeld gegensätzlicher Positionen. Sie gingen davon aus, dass es neben dem Sichtbaren, Rationalen, Bewussten anderes gebe – das Unsichtbare, Irrationale, Unbewusste. Die Physiker jener Zeit wiesen nach, dass es unsichtbares Licht in Form von Wärmestrahlen gibt. Zeitgleich entstand in ersten Umrissen eine »Psychologie«. Man begann mit der Erforschung von Träumen, die seither als Erkenntnisinstrumente galten. Die Nachtseite des Wissens war zwar noch lange nicht umfassend ergründet oder kartiert, erste Ansätze zum Verständnis ihrer Bedeutung aber zeichneten sich ab. Auch in der Kunst – Johann Heinrich Füssli und Francisco de Goya bannten Nachtmahre. Gleiches galt für den Ursprung der Dualität, mit der sich auch Goethe befasste. Zum Leben und seiner Vermehrung gehört die Teilung – die Goethe, der die Jüngeren, Nachdrängenderen wie vor allem die Gebrüder Friedrich und August Schlegel, und erst recht Schiller nicht ausstehen konnte – im Einklang mit romantischer Philosophie als Ur-Phänomen auffasste. »Nun ist«, schrieb der Frankfurter Großbürgersohn im kleinen Weimar, »aber die einfachste Teilung die Teilung in zwei, welche durch abermalige Teilung immer größere Vielheit hervorbringt, und so wird also der Begriff des Gegensatzes, welcher kein anderer ist als der aus einer Einheit in gleichem Maß hervorgegangenen Zweiheit, vollkommen ausgesprochen.«

Eine Weltveränderung also. Und damit ist man im Zentrum der Romantik. Diese »Schule« oder Richtung, nichts davon war sie tatsächlich, fasst der in Jena lehrende Ordinarius für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft Stefan Matuschek feinsinnig neu. Er

interpretiert vor allem die Frühromantik als Stilphänomen. Alles sollte da, in den Aphorismen Friedrich Schlegels, der Dichtung von Novalis, der Prosa Ludwig Tiecks, Achim von Arnims und, noch exaltierter, ironischer, raffinierter, von E. T. A. Hoffmann gesteigert werden. Die schöne neue Literaturwelt, über die theoretisiert wurde, bevor es sie überhaupt gab, sollte die virulente metaphysische Obdachlosigkeit durch Ästhetik, Witz, Sinnlichkeit auffüllen und ersetzen. Man muss sich vor Augen halten: Als die Frühromantiker anfingen, von »progressiver Universalpoesie« zu rhapsodieren, war der Terreur in Frankreich gerade verebbt und ein junger skrupelfreier General, gebürtig aus Korsika, rasant im Aufstieg begriffen. Für Matuschek ist die Romantik kein radikaler Gefühlsaufstand gegen die Vorgängergeneration der Aufklärer. Sondern so wie diese ebenfalls ein gesamt-, ja ein transeuropäisches Großereignis, das »unmittelbar auf die Weltanschauung und Lebenseinstellung durchschlägt«. Das Erfinden taucht als Erzählfigur und -motiv auf. Nicht auf das Was kaprizierten sich die Romantiker, sondern auf das Wie. Auf Fabrikation. Spiel. Und Leichtsinn. Klug erweitert Matuschek seinen Fokus, behandelt Schlegel und Schleiermacher ebenso wie Byron, die Gebrüder Grimm, Richard Wagner, Victor Hugo und endet verblüffenderweise, aber einsichtig, bei J. D. Salinger und dem 2007 verstorbenen Wolfgang Hilbig. Matuscheks Buch ist erhellend und ergiebiger als vieles andere über die Romantik als »deutsche Affäre«.

Die Romantik aber kam nicht aus dem Nichts. Was war davor? Liefen die Zeiten zwangsläufig auf Poetisierung zu? Damit beschäftigt sich Helge Hesse in »Die Welt neu beginnen«. Der Titel ist schlüssig wie stupend. In den Jahren 1775 bis 1799 entstand tatsächlich die Welt neu. Hesse präsentiert eine lebendige, instruktive Chronik laufender Ereignisse. Die numerische Anordnung und das Aufreihen nach Kalendermonaten und Kalenderjahren ist zwar so neu nicht, doch ihm gelingt eine abwechslungsreiche, eindringliche, erhellende Blitzlichtrevue, die von Berlin, Wien, Salzburg über Jena, Paris und Manchester bis zu jenen englischen Kolonien in Übersee reicht, die sich in einem langen Kampf, der jahrelang fast ohne Erfolg oder Aussicht ausgefochten wurde, als »Vereinigte Staaten von Amerika« selbstständig machten. Unter anderem treten auf: James Watt und Goethe, Lichtenberg und Benjamin Franklin, Louis XVI. und Mozart, Robespierre, Danton und Élisabeth Vigée-Lebrun, George Washington und Friedrich der Große, Lafayette und ein schwäbisch schwätzender Schiller.

Europäischer als die Romantik war Europa in der Moderne selten gestimmt. Mit diesem Satz beginnt Rüdiger Görner sein Buch. Deutlich wird bei ihm, dem Auslandsgermanisten in London, dass Romantik ein »Thema mit nationalen Varianten, die zeitversetzt wirkten«, war. Die französische Romantik trat erst nach 1820 mit Hugo, Charles Nodier und Lamartine massiv auf den Plan. Man merkt, dass Görner auch Lyrik und Prosa veröffentlichte, überaus lesbar, fast elegant schreibt er. Explizit geht er auch auf die Musik ein, etwa auf Franz Liszt, Rossini, Chopin, Robert Schumann. Dazu und daneben auf Walter Scott, John Keats, Thomas Carlyle. Das liest sich, unterteilt in viele kurze Kapitel, angenehm, entschlägt sich jedoch des klugen Akzents, den Matuschek setzt.

Wie kosmopolitisch, dabei hypernationalistisch Romantiker in der Praxis sein konnten, das führt der in Wien lebende Richard Schuberth vor. Der Anfangsfünfziger, studierter Ethnologe, der auch Cartoonist und Kabarettist war, Filmregisseur, DJ, Gründer und Programmleiter eines Musikfestivals, hat bisher das Kunststück fertiggebracht, fast jedes seiner gar nicht wenigen Bücher – von einem Lexikon der irischen, schottischen, englischen und bretonischen World, Folk und traditionellen Musik über Satiren und Aphorismen, einen Essayband über Karl Kraus bis zu einem Schelmenroman – in einem anderen Verlag herauszubringen. Nun also eine nicht nur im Wortsinn schwergewichtige Monografie über George Gordon Byron, 6th Baron Byron (1788–1824), einen der vielleicht größten romantischen Dichter englischer Zunge und Superstar seiner Generation. Und über einen Bürger- und Freiheitskrieg, der in Europa fast unbekannt ist: den der Griechen vor genau 200 Jahren.

Brauchte zwei Generationen zuvor das verheerende Erdbeben in Lissabon noch viele Wochen und Monate, um sich in Europa zu verbreiten, so kann der Aufstand der Hellenen gegen die Osmanen durchaus als erster medialer Konflikt vor dem Medienzeitalter benannt werden. Lebendig, ausgreifend, oft plastisch schildert Schuberth diesen Konflikt, den im Grunde Nicht-Griechen gegen Nicht-Griechen fochten. Der heute südliche Teil von Hellas hieß damals »Morea«. Und als »Griechen« fühlten sich die dortigen Bewohner keineswegs, war doch die Bevölkerung hochgradig ethnisch gemischt, der Einschlag von Albanern und Slowenen war übergroß.

Krieg und seine Ästhetisierung: So ließe sich die Intervention des skandalumwitterten Lyrikers titulieren, der tatsächlich an die 300 Kämpfer befehligte. Weniger deren und des Philhellenen Byrons Mut flößte den Hellenen Respekt und Vertrauen ein. Es war mehr die Kriegskasse, die er mit seinem Vermögen auffüllte. Byron, im Gegensatz zu anderen ein genauer Beobachter der Vorgänge, ging recht elend zugrunde, wie kolportiert wird an Malaria, wahrscheinlicher jedoch am grausamen Aderlassen, dem er von Ärzten unterzogen wurde. Schuberth erzählt das Gemenge aus Nationalismus und humanitärer Katastrophe, freiheitlich-literarischem Idealismus und realpolitischer Naivität als »blutige Burleske der Verkennungen«.

An einem anderen Ort im Nordwesten Europas lässt sich auch ein Ort der Romantik finden. Im englischen Lake District. Dorthin zog 1799 der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge (1772–1834). Heute ist das von ihm vier Jahre lang bewohnte Haus Greta Hall in Keswick ein B & B. »The Coleridge Wing« darin enthält sein einstiges Arbeitszimmer. Auch wenn Coleridge im Langgedicht »Kublai Khan« den sprichwörtlich utopischen Ort Xanadu erfand, wirklich entdeckt ist er im deutschen Sprachraum nicht. Wird daran die von Joachim Kalka neu eingedeutsche Schauerballade »Christabel« etwas ändern, die nun als Broschur im Minihandtaschenformat vorliegt? Kaum. Das nie abgeschlossene Poem, 1797 begonnen, 1816 erstmals gedruckt, um zwei Frauen, psychische Furcht und Qual, einen Traum, mutmaßlich ein Trauma, Verlust und, besonders aktuell, Sexualität und Geschlechtszuschreibungen ist denn doch keine leichte Kost, auch wenn Kalkas Übersetzung gelungen ist.

War August Wilhelm Schlegel (1767–1845), der seinen Bruder Friedrich um ein Vierteljahrhundert überlebte, ein Dichter? Wenn man »Universalpoet« meint, dann ja. Denn wie kein anderer war er Vermittler. Ebenso war er Übersetzer aus romanischen Sprachen sowie aus dem Sanskrit, womit er die Indologie begründete. Vor allem berühmt ist er für seine Shakespeare-Übertragung, die bis heute die »klassische« ist. Seine Alma Mater Bonn widmete ihm 2018/19 eine Ringvorlesung, dabei schultern Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Disziplinen jeweils eine Vorlesung. So geht es in dem nun in Druckform vorliegenden »August Wilhelm Schlegel und die Episteme der Geschichte« um germanische Sprachen, Schlegels Entdeckung des Provenzalischen, Sprachtypologisches, eine Übertragung aus dem Spanischen, um Troubador-Lyrik und Geschichtstheorien. Als Vertiefung zeigen diese Aufsätze: Romantik war entgegen allem Nationalismus immer erz-, ja transeuropäisch.

Wie so häufig erstaunt die Diskrepanz zwischen Werk und Leben: Da kam Friedrich von Hardenberg 1772 zur Welt. Und starb nach Jus- und Bergbaustudium mit 28 Jahren im Rang eines Salinen-Assessors an Tuberkulose. 1792 war der große, schlanke, gutaussehende Adelige erstmals Friedrich Schlegel begegnet, in den folgenden Jahren traf er andere Romantiker. 1791 veröffentlichte er sein erstes Gedicht, es entstanden danach, als er sich entlehnt aus altem Familiennamen »Novalis« nannte, »Die Christenheit oder Europa«, die »Hymnen an die Nacht«, der nicht abgeschlossene Roman »Heinrich von Ofterdingen«. Alles in allem ein überschaubares Werk. Die ihm gewidmete historisch-kritische Ausgabe in acht sehr umfangreichen Bänden aber wurde in mehr als 30 Jahren erarbeitet, länger also, als Novalis lebte. Silvio Vietta hat lange an der kleinen deutschen Universität Hildesheim südlich von Hannover gelehrt. Sein Buch ist angenehm unakademisch und immer wieder subjektiv, ja persönlich. Seine Interpretationsroute führt durch Leben, Werk, Ideen (zu Europa in einem kleinteilig zerrissenen Europa) bis zur »Wunderkraft der Fiction« und dem Poetischen Staat. Er präsentiert nur Weniges, das über Gerhard Schulz’ Novalis-Monografie von 2011 hinausgeht. Dafür liegt hier ein guter, prägnanter und kundiger Einstieg in Werk und Leben dieses Romantikers vor.

Vielleicht »bist du, o mein Leser! auch so wie ich des Sinnes, dass der menschliche Geist selbst das allerwunderbarste Märchen ist, das es nur geben kann«, heißt es in »Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde«, jener Erzählung, die Hoffmann im Herbst 1821 begonnen hatte, gleich nach dem Ende seiner Arbeit als einer der höchsten Richter Preußens in der Immediatskommission, die politisch Recht zu sprechen hatte. Am 1. März 1822 hatte er das siebte und letzte Kapitel, das er schwerstkrank – Einschätzungen schwanken zwischen Syphilis und ALS – nur hatte diktieren können, an einen Freund zur Durchsicht geschickt. Es war diese Erzählung, die ihn in die Schusslinien des preußischen Polizeiministeriums und dessen Direktors, des stockkonservativen Karl Albert von Kamptz, rückte. Inklusive Beschlagnahme des Manuskripts beim Drucker und Verleger und Anstrengung eines Prozesses wegen Beamtenverleumdung und Majestätsbeleidigung, weil er, so der Vorwurf, aus gerichtlichen Prozessunterlagen zitiert habe.

Wieder handelt es von Zerrissenheit und Zwiespalt: Hier Peregrinus Tyß, der eine reiche entflammbare Fantasie besitzt, sich in »unverständlichem Treiben in lauter Einbildungen und Träumen« verliert, mit 36 hochneurotisch und noch unbeweibt ist und zurückgezogen lebt – dort sein Vater, der in der Handelskapitale Frankfurt am Main wohlhabend gewordene Kaufmann, dessen Erbe der berufslose Peregrinus, der drei Jahre um die Welt gezogen war, verzehrt. Eine mysteriöse schöne Frau, die von Peregrinus fordert, ihr einen Gefangenen zu übergeben – er hat keine Ahnung, wovon sie spricht. Die schöne Dörtje, die ein Flohbändiger wie eine Gefangene hielt und die verschwunden ist. Ein Wesen namens Meister Floh, das sprechen kann und gebildet ist und Peregrinus Abenteuerliches über eine entführte Prinzessin erzählt. Und der mit Polizeibefugnissen ausgestattete, rüde Geheime Hofrat Knarrpanti, der ebenfalls nach der Prinzessin sucht. Liebe, Verbrechen, Tod und Fast-Tod, ein Karfunkelstein und Talisman, Freundschaft und amouröse Entsagung. Von Anfang an nicht zu übersehen: die visuellen Verwirrungen allerorten und die Verwandlungen, als Vergrößerung, Verkleinerung, präsurrealistische Verzerrung. Und ganz am Ende die Verwandlung eines Liebes- und Ehepaares in eine verblühte Fackeldistel und eine verblühte Tulpe. Schon Heinrich Heine monierte etwas enttäuscht die etwas bindungsfreie Melange der traumschubhaften Handlung. Märchenhafte, zumindest literarisch märchenhaft gebrochene Schilderungen und Handlungsmotive, oder Satire: Heine meinte, Hoffmann würde Menschen in Bestien verwandeln und Bestien sogar in preußische Hofräte. Andererseits gehörte schon reichlich Fantasie dazu und entsprechende Optik, sich wie von Kamptz in Knarrpanti (Leitmotto: »Wenn erst der Verbrecher ermittelt sei, würde sich das begangene Verbrechen von selbst finden«) wiedererkennen zu wollen. Was dem Beamten jedoch nicht schwer fiel, weil auch Hoffmann wenig diplomatisch öffentlich den Mythus vom Schlüsseltext mitbefördert hatte. Nur Hoffmanns Tod im Juni 1822 verhinderte scharfe berufliche Konsequenzen. Romantik, romantische Satire, prallte auf Realpolitik, blieb Opfer seiner Zeit. Und war zugleich überzeitlich.

Kindsmord, Vampire, Kopflose, Kannibalen, Geisteskranke. Doppelgänger und Schizophrenie, Amokläufer und Automaten, Maschinenmenschen. Romantische Literatur ist voller Fantasy- und Anderswelt-Motive. So verwundert auch nicht, dass es eine scharfsinnige Analyse von Hoffmanns »Der Sandmann« von Sigmund Freud gibt. Hans Richard Brittnacher, der lange als Spezialist für phantastische Literatur Germanistik in Berlin lehrte, legt nun – innerhalb der schön gestalteten und reichlich mit historischen Illustrationen ausgestatteten handschmeichlerischen »Handlichen Bibliothek der Romantik« – eine Zusammenstellung von Horror- und Schauergeschichten vor. Bei der Lektüre zu bedenken: Die zeitgenössischen Leserinnen und Leser waren real Härteres gewohnt, andererseits waren sie medial bei Weitem nicht so abgehärtet. Die Zivilisierung des Homo sapiens, Hässliches, Ekel, Bestialität, all das gab es in der Romantik, eiskalt wie heißlüstern serviert. Als allerneuesten Schauder im Schlagschatten der Guillotine und der europäischen Felder, auf denen Napoleon Zigtausende von Soldaten kaltblütig in den Tod schickte.

Über neuen Schauder beziehungsweise das Phantastische der musikalischen Romantik beugt sich der Musikwissenschaftler Christian Kämpf. Einer deutschsprachigen Promotion entsprechend ist die ordentlich strukturierte Arbeit reich an Nach- und Verweisen und nicht eben leicht zugänglich. Er behandelt Phantastikund Unendlichkeitskonzepte als grundlegende Kategorien und beschäftigt sich teils mit bekannten Kompositionen und Tonkünstlern wie auch mit fast ganz vergessenen wie Spontini, Spohr oder Marschner. Ausgreifend werden theoretische Konzeptionen von Gefühls- und Glaubensphilosophie erörtert, auch die »Diskursgeschichte«. Gelegentlich ist weniger die Musik »entgrenzt« als das akademisch umständliche Gebaren. Interessant aber, dass er bis zum Fin de siècle sieht, zur Moderne um und nach 1900. So bearbeitete Hans Pfitzner 1925 Heinrich Marschners »Der Vampyr« – drei Jahre zuvor hatte F. W. Murnau seinen klassischen Horrorfilm »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens« gedreht. Die Musik stammte von Hans Erdmann, der acht Jahre später musikalischer Leiter beim Kurzfilm »Kater Murr« war, nach E. T. A. Hoffmanns grandiosem Roman, der 150 Jahre vor der Postmoderne alles Postmoderne durchdekliniert hatte.

Der ungarische Essayist und Philosoph Lászlo F. Földényi kehrt intellektuell wagemutig die Perspektive und die Historie um. So tritt bei ihm der romantische Maler Caspar David Friedrich (1774–1840) als Ur-Kinematograf auf. Üblich ist ja, dass sich Regisseure und Kameraleute von Malerei und Fotografie haben inspirieren lassen, ob nun Peter Greenaway oder Wes Anderson, Vittorio Storaro oder Eugen Schüfftan. Erst 50 Jahre nach Friedrichs Tod wurde das Kino erfunden. Földényi denkt durchaus anregend, wenn auch hie und da in Holzhohlwege sich vorwagend, über Darstellen und Abbilden, Welt-Anschauen und Welt-Anschauung, über Flüssiges, kaum Greifbares wie Nebel und Fixes und Fixiertes nach. Realismus, Metaphysisches und Allegorisches treten deutlich in diesem Essay zutage.

Eine schöne Idee hatte Michael Grus aus der Brentano-Abteilung im Goethe-Haus in Frankfurt am Main. Die Gemälde des Dresdners Friedrich in Zwiesprache treten lassen mit Texten von Brentano, Eichendorff, Kleist bis zu Platen, Heine und Tieck. Da geht es um Künstlerrollen und Gedächtnis, um Zeit und Menschen überdauernde Natur, natürlich auch um Sehnsucht und Meer und Mondaufgang. Nicht selten ergibt sich ein Wechselspiel von Text und Bild. Kleist etwa war gebannt von Friedrichs »Seelenlandschaft«, die klirrend kalter Existenzialismus war: »Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis.«

Romantik ist auch »Gedächtnislandschaft« aus Holz, Stein, Mörtel. 50 Orte der Romantik porträtieren Anne Bohnenkamp-Renken und zwei ihrer Mitarbeiter vom Frankfurter Goethe-Museum, die auch für das wohl noch 2021 öffnende »Deutsches Romantik Museum zu Frankfurt« verantwortlich zeichnen. Wenn auch die Bezeichnung »Schatzhaus« im Titel gelegentlich übertrieben erscheint – konnte sich doch E. T. A. Hoffmann in Bamberg nur zwei Zimmer im schmalsten Haus der Stadt leisten –, so lassen sich hier neben Bekanntem (Schloss Wiepersdorf, der Hölderlinturm, das Museum »Grimmwelt« zu Kassel) doch manche Entdeckung machen. Wer kennt schon das Haus der Romantik in Marburg an der Lahn oder das Chamisso Museum im Kunersdorfer Musenhof ? Wie viele Besucherinnen und Besucher wurden (vor Corona) in der Fichte-Gedenkstätte im Barockschloss Rammenau rund 20 Kilometer westlich von Bautzen pro Tag, Woche und Jahr gezählt? Kurioserweise wurde ausgerechnet in und um dieses Schloss herum 1972 von der DEFA Erzromantisches auf Zelluloid gebannt – eben hier wurde Joseph von Eichendorffs Erzählung »Aus dem Leben eines Taugenichts« gedreht. Wenn das nicht romantisch ist.