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RONALD H. TUSCHL: Der Traum vom ewigen Frieden


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 13.12.2018

Weltfrieden als Utopie des Konkreten


„Denken ist die Arbeit des Intellekts, Traumen sein Vergnugen.“
Victor Hugo, Les Miserables

„Aber der Friede erfordert unentwegten, zahen, dauernden Dienst, er verlangt Ausdauer, erlaubt keinen Zweifel.“
Aristide Briand, Dans la Voie de la Paix

Weltfrieden wird im alltaglichen Sprachgebrauch oft und gerne mit dem Attribut „utopisch“ in Verbindung gebracht und gilt daher gemeinhin als weltfremd und unrealisierbar. Um diese Frage beantworten zu konnen, scheint ein Blick auf den etymologischen und ideengeschichtlichen Ursprung dieses Begriffs vonnoten zu sein. Der ...

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Weltfrieden wird im alltaglichen Sprachgebrauch oft und gerne mit dem Attribut „utopisch“ in Verbindung gebracht und gilt daher gemeinhin als weltfremd und unrealisierbar. Um diese Frage beantworten zu konnen, scheint ein Blick auf den etymologischen und ideengeschichtlichen Ursprung dieses Begriffs vonnoten zu sein. Der TerminusUtopie leitet sich vom altgriechischen Wortou-tópos (griech.: ο-τόπος) her und bedeutet „Nicht-Ort “. Gemeint ist damit ein gesellschaftlicher Ort oder Zustand, der in seiner idealen Form als unerreichbar gilt, vergleichbar mit einem Fixstern am nachtlichen Himmel, wonach die Seefahrt seit jeher ihren Kurs ausrichtet, obwohl dieser Stern in unerreichbarer Ferne liegt.


Die Idee von einer utopischen, besseren Gesellschaft ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst.


Bereits in der Antike beschrieb der griechische Philosoph Platon im zweiten Buch seiner „Politeia “ die sagenhafte Insel Atlantis, die nicht nur durch ihren auserlichen Glanz zu beindrucken vermochte, sondern auch durch den Umstand, dass dort die reiche Oberschicht hochstens viermal so viel verdienen durfte wie die arme Unterschicht und wo die Sklaverei weitestgehend abgeschafft war. Dieser Denktradition von einer idealtypischen Inselwelt folgte auch der Renaissance-Humanist Thomas Morus in seinem im Jahre 1516 erschienenen Buch uber die InselUtopia , welche ebenfalls einen visionaren Entwurf einer besseren und sozial gerechteren Welt aufzeigte. Selbst in der gegenwartigen Literatur findet sich beispielsweise beim franzosischen Schriftsteller Michel Houellebecq eine modernisierte Fortfuhrung dieses klassischen Utopie-Gedankens in dessen Buch„Die Möglichkeit einer Insel“ , worin der Protagonist sich ein erfulltes Leben in einer Inselwelt erhofft.

Im Mittelalter ruckte der Utopie-Gedanke deutlich in den Hintergrund, zumal die katholische Kirche den glaubigen Menschen ein besseres Leben nach deren Tode im Jenseits versprochen hatte, dennoch berichteten heimkehrende Kreuzritter von Geschichten uber das himmlische Jerusalem und von marchenhaften Stadten aus dem Morgenland. In der fruhen Neuzeit entwarf Thomas Hobbes in seinem im Jahre 1651 erschienenen Werk „Leviathan “ die Utopie von einem Staatssouveran als Antithese zum mittelalterlichen Absolutismus und schuf damit die Grundlage fur das Gewaltmonopol des modernen Staates, der sich spater durch Sakularisierung und Gewaltenteilung auszeichnete. 1795 veroffentlichte Immanuel Kant seinen utopischen Entwurf einer auf Foderalismus und gegenseitiger Toleranz beruhenden Weltordnung mit dem Titel „Zum ewigen Frieden “, der 150 Jahre spater masgeblich die Charta der Vereinten Nationen beeinflussen sollte.

Auf der ganzen Welt traumen Menschen vom Weltfrieden. Ob er jemals Wirklichkeit wird?


© Lucian Milasan |Dreamstime.com

Zum ewigen Frieden – Von der Utopie des Konkreten

Immanuel Kant (1724–1804) wird nachgesagt, dass er seine Heimatstadt Konigsberg zu Lebzeiten nie verlassen hatte. Umso erstaunlicher ist es, dass er der Welt ein Werk hinterlies, das bis zum heutigen Tag an friedenspolitischer Wirkung und Relevanz nichts verloren hat. Sein 1795 entstandenes Werk „Zum ewigen Frieden“ ist in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt enthalt Verbotsgesetze in Form von sechsPräliminarartikeln , die fur jeden Staat Gultigkeit besitzen und die Grundlage fur den ewigen Frieden schaffen sollen. Im zweiten Abschnitt, der dreiDefinitivartikel beinhaltet, nennt Kant die Voraussetzungen fur einen ewigen Frieden.

Kant beginnt seine Ausfuhrungen mit eben jenen sechs Verbotsgesetzen (Praliminarartikel), die Voraussetzungen fur die definitiven Grundlagen eines ewigen Friedens sind. Im ersten Praliminarartikel sollten nach Kants Vorstellungen bei einem Friedensvertrag jegliche spatere Streitigkeiten und Feindseligkeiten ausgeschlossen werden. Weist beispielsweise ein Friedensvertrag Lucken in seiner Formulierung auf oder wird er nur zum Schein formuliert, um die kriegfuhrenden Parteien erneut in eine kriegerische Auseinandersetzung zu verwickeln, dann konne nur von einem Waffenstillstand die Rede sein.


Denn wirklicher Friede bedeutet, dass keinerlei Feindseligkeiten mehr vorhanden sind.


Die Formulierung eines Friedensvertrages erfordert demnach ein bedachtes Vorgehen der Politiker, da fehlerhafte Formulierungen zu erneuten Streitigkeiten fuhren konnen.

Im zweiten Praliminarartikel postuliert Kant, dass jeder Staat, wie auch jeder Mensch, das Recht habe, sich selbst zu verwalten und von keinem anderen Staat einverleibt werden durfe. In diesem Zusammenhang muss erwahnt werden, dass es zu Kants Lebzeiten durchaus ublich war, seine Macht und seinen Besitz durch Schenkung, Kauf, Heirat oder Krieg zu vergrosern.

Im dritten Praliminarartikel fordert Kant die Abschaffung aller stehenden Heere (miles perpetuus ). Der Umstand, dass diese bestehen, fuhre unweigerlich zu einem Wettrusten zwischen den Staaten untereinander. Auf lange Sicht ware diese Rustungsspirale fur den Staatshaushalt unerschwinglich, wodurch ein Staat immer mehr Schulden machen musse, was wiederum, um diesem Teufelskreis zu entrinnen, die Kriegsfuhrung begunstige. Kant fordert daher, das Wettrusten zu beenden, spricht sich allerdings nicht dagegen aus, die Staatsburger an der Waffe auszubilden, da er die Landesverteidigung fur notig erachtete.


Im vierten Praliminarartikel verlangt Kant, dass es Staaten grundsatzlich nicht erlaubt sei, Schulden zu machen, um damit Kriege zu finanzieren.


Ein kriegfuhrender Staat sei namlich niemals imstande, geliehenes Geld zuruckzuzahlen. Vielmehr zwinge die Kriegsfuhrung einen Staat dazu, noch weitere Kredite aufzunehmen, um den Krieg fortfuhren zu konnen. Die Ruckzahlung von Kriegskrediten sei auch deswegen unmoglich, da aller Erfahrung nach ein Krieg mehr koste als er letztendlich einbringe.

In seinem funften Praliminarartikel greift Kant erneut die Autonomie der Staaten auf und verlangt, dass kein Staat das Recht besase, sich in andere staatsinterne Angelegenheiten gewalttatig einzumischen. Selbst die Tatsache, dass die Bevolkerung eines anderen Staates ein negatives Beispiel fur die eigene Bevolkerung darstellen konnte, bemachtige keinen Staat, sich gewalttatig in die inneren Konflikte eines anderen Staates einzumischen.

Im sechsten und letzten Praliminarartikel fordert Kant schlieslich, dass selbst im Zustand des Krieges eine Vertrauensbasis zwischen den Staaten bestehen musse. Unehrenhafte Mittel seien in einem Krieg untersagt, da sie das Vertrauen in einen eventuellen spateren Frieden schmalerten. Kant nennt hier Meuchelmorder (percussores ), Giftmischer (venefici ), Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats (perduellio ), die das wechselseitige Vertrauen im kunftigen Frieden unmoglich machten

Demnach sei ein Staat, der die oben genannten Mittel im Krieg einsetzt, nicht imstande, einen Frieden mit anderen Staaten zu schliesen, da diese ihm kein Vertrauen mehr entgegenbringen wurden. Bei der Wahl der Kriegsmittel solle nach Kant auf jeden Fall darauf Bedacht genommen werden, dass das langfristige Ziel des Staates nicht permanente Kriegsfuhrung sein konne.


Kein Staat der Welt sei in der Lage, alle anderen Staaten zu besiegen, womit zwangslaufig irgendwann ein Zustand des Friedens angestrebt werden musse.


Folglich sei von vornherein darauf Bedacht zu nehmen, dass selbst in einem Zustand der Gesetzlosigkeit die elementaren Rechte erhalten bleiben.

DieDefinitivartikel bauen auf den durch die Praliminarartikel geschaffenen Voraussetzungen auf und geben Anweisungen, wie der ewige Frieden zu erreichen sei: Erstens soll die burgerliche Verfassung in jedem Staate republikanisch sein, zweitens soll das Volkerrecht auf einem Foderalismus freier Staaten gegrundet werden und drittens musse das Weltburgerrecht auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalitat (Besuchsrecht) eingeschrankt sein.

Im ersten Definitivartikel vertrat Kant die Ansicht, dass die Republik die einzig wahre Staatsform sei. Ein Zustand des Friedens innerhalb eines Volkes konne nicht aus sich selbst heraus entstehen, sondern musse politisch begrundet und gesichert sein. Die Menschen verzichten demnach auf einen anarchischen Zustand der absoluten Freiheit, in dem keine Regeln gelten und unterwerfen sich stattdessen einer herrschenden, friedensstiftenden Obrigkeit, die die innere und ausere Sicherheit zu gewahrleisten vermag.

Der zweite Definitivartikel ist fur Kant wohl der wichtigste Schritt zur Erreichung des ewigen Friedens. Fur Kant ist die Schaffung eines Weltstaates, zu dem sich alle Volker zusammengeschlossen haben, die idealste Losung. In einem solchen Weltstaat wurden alle Staaten ihre Souveranitat zugunsten einer Weltregierung aufgeben.

Im dritten Definitivartikel befasst sich Kant mit den grundlegenden Rechten eines jeden Menschen auf Erden.


Seiner Ansicht nach stunde jedem Menschen ein Besuchsrecht (Hospitalitat) zu, denn solange ein Besucher uns nichts Boses antue, liese sich daraus kein Recht auf Vertreibung ableiten.


Dies grunde schon alleine auf der Tatsache, dass die Welt jedem Menschen gleichermasen gehore und jeder Mensch ein Recht auf Lebensraum habe.

Die Bedeutung von Kants ewigem Frieden für die heutige Zeit

Schon beim Durchlesen der Praliminarartikel fallt auf, dass Kants Gedanken nicht nur reine Utopie waren, sondern in der Tat zur geistigen Grundlage des modernen Volkerrechts und internationaler Konventionen geworden sind (z. B. die Volkerbundsatzung oder die Charta der Vereinten Nationen).

In Anbetracht der heutigen, mit dem Burgerkrieg in Syrien zusammenhangen Fluchtlingskrise scheint der dritte Definitivartikel von ganz besonderer und aktueller Bedeutung zu sein:


Demnach, so sagt Kant, habe ein Fremder ein Besuchsrecht (Hospitalitat) fur ein anderes Land und durfe sich dort aufhalten, ohne dass man ihm feindselig gesinnt sein durfe, solange er sich selbst rechtmasig verhalte.


Ein Mensch, der fremdes Staatsgebiet betrete, durfe auch nicht ausgewiesen werden, sofern dies zu seinem Leid geschehe, es sei denn, er habe sich feindselig gegen den fremden Staat verhalten. Dieser Forderung wurde durch die im Jahre 1954 in Kraft getreteneGenfer Flüchtlingskonvention insofern Rechnung getragen, die besagt, dass Menschen, die wegen Rasse, Religion, Nationalitat, Zugehorigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politischen Uberzeugung verfolgt werden, auch einen Antrag auf Asyl in einem sicheren Gastgeberland stellen konnen.

Dem ist allerdings hinzuzufugen, dass hiervon sogenannte Wirtschafts- oder Klimafluchtlinge ausgenommen sind und daher nicht in den Geltungsbereich der Fluchtlingskonvention fallen – ein Umstand, der in den offentlichen Medien immer wieder mit sogenannten „Konventionsfluchtlingen“ gleichgesetzt wird und in der offentlichen Wahrnehmung zu der falschlichen Annahme fuhrt, dass alle in Europa ankommenden Menschen ein Recht auf Schutz und Asyl hatten. An diesem Umstand durfte sich auch durch den im Dezember 2018 zu unterzeichnenden UN-Migrationspakt (Globaler Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration ) nichts andern, da dieser keine volkerrechtliche Verbindlichkeit fur die Signatarstaaten hat. Auch die im sechsten Praliminarartikel erwahnten „Meuchelmorder“ und „Giftmischer“ wurden durch die UN-Genozidkonvention und durch die UNChemiewaffenkonvention im heute geltenden Volkerrecht berucksichtigt, die 1951 bzw. 1997 in Kraft traten. Aber sie gibt es heute noch, wenn wir zum Beispiel an den Mord an Jamal Ahmad Khashoggi im saudischen Konsulat von Istanbul oder der Giftgasanchlag an Sergej Skripal in Grosbritannien denken. Daran lasst sich deutlich erkennen, dass sich zwar Kants Traum vom ewigen Frieden noch in weiter Ferne befindet, jedoch schon deutliche Schritte zu dessen Verwirklichung gemacht wurden.

Warum ist die Einheit der Welt und der Menschheit, die ja so offensichtlich erscheint, in der Praxis so schwer lebbar?


© Quietbits |Dreamstime.com