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Rotwild in NRW Inzucht als Folge menschlicher Einflüsse


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 120/2022 vom 11.11.2022

Rotwild

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Trotz lokal hoher Bestände steht es vielerorts schlecht um Cervus Elaphus.

Die Umsetzung zeitgemäßer Waldbaukonzepte wird gebietsweise durch hohe Populationsdichten von Rotwild erschwert. Gleichzeitig gilt das Rotwild aufgrund seines weiten Vorkommens, überall vorhandener Lebensräume und einer geschätzten Gesamtpopulation von rund 200.000 Tieren in Deutschland als ungefährdet. Hieraus ergibt sich die Forderung nach scharfer Restriktion und Reduktion der Art.

Ohne Vielfalt geht es nicht!

Doch die Wissenschaft bleibt nicht stehen und so weiß man heute um den geringen Wert der genannten Verbreitungskriterien für den Fortbestand von Populationen, wenn diese Populationen voneinander isoliert sind. Gerade in kleinen und isolierten Populationen geht die genetische Vielfalt zwangsläufig verloren. Wenige Tiere kön- nen weniger Genvarianten tragen. Schon der Verlust eines Einzeltieres kann den Verlust einer wichtigen Genvariante bedeuten und ein Neueintrag von Genvarianten ...

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... aus der Nachbarschaft wird durch die Isolation verhindert. Dabei muss man sich Genvarianten wie die verschiedenen Bits eines Schraubenziehers vorstellen, der zur Umsetzung des genetischen Bauplans benötigt wird. Ändert sich die Umwelt – d.h. kommen neue Schrauben, dann kennen wir alle die Verzweiflung, wenn der richtige Bit, also die richtige Genvariante, nun fehlt.

Deswegen brauchen Populationen eine hohe genetische Vielfalt, um auch in Jahrzehnten noch gesund existieren zu können. Kleine isolierte Populationen hingegen verlieren ihre genetische Vielfalt. Weniger Tiere steigern die Gefahr, dass ein Kalb von Vater und Mutter exakt dieselbe Genvariante erbt, weil diese an beide von einem gemeinsamen Vorfahren weitergegeben wurde.

Populationen brauchen eine hohe genetische Vielfalt!

Man spricht von Inzucht. Ist eine Variante defekt, ist es die andere, identische Variante also auch. So entstehen sichtbare Missbildungen, aber vor allem auch unsichtbare Inzuchtdepressionen, wie Vitalitätsverlust, Krankheitsanfälligkeit, schlechte Fruchtbarkeit und ein schlechtes Anpassungsvermögen können hier weitere Folgen sein.

Ein trauriges Beispiel ist das Rotwildvorkommen in Hasselbusch in Schleswig-Holstein. Dort werden seit Jahren regelmäßig Kälber mit Unterkiefermissbildungen, ohne Nase oder ohne Augen geboren. Die zugehörigen Defektgene haben die Population inzwischen stark durchdrungen. Ein Zurück zum gesunden Urzustand ist dort nicht mehr denkbar und so muss diese Population als hochgradig gefährdet angesehen werden.

Eine Frage der Verwandschaft

Rotwild-Populationen brauchen eine hohe genetische Vielfalt, um auch in Jahrzehnten noch weiter gesund existieren zu können.

Unsere Studie in Hessen hatte vor wenigen Jahren den kausalen Zusammenhang zwischen Isolation, Verlust genetischer Vielfalt, steigender Inzuchtgrade und dem Auftreten von Inzuchtdepressionen in inzwischen vier Rotwildgebieten aufgezeigt. Als Ursachen wurden die Zersiedlung der Lebensräume und das Prinzip der rotwildfreien Gebiete genannt, Merkmale, die in noch ausgeprägterem Maße für die Rotwildpopulationen Nordrhein-Westfalens gelten.

Folglich war es zielführend, die Untersuchungen auf Nordrhein-Westfalen auszuweiten, mit dem Ziel den Status quo der Rotwildgenetik zu erfassen. Denn erst auf Basis von Erkenntnis können geeignete Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, die ja in ihrer Konsequenz die Wildschadensbegrenzung mit dem Erhalt gesunder Rotwildpopulationen vereinen müssen.

Es war nicht leicht, das Projekt auf die Beine zu stellen. Erst das Engagement und die dankenswerte finanzielle Unterstützung durch den Landesjagdverband NRW mit seiner Wildtier- und Biotopschutzstiftung machten den Projektstart vor 2 Jahren möglich. Unterstützt von den beteiligten Forstämtern und Jagdausübungsberechtigten, sowie der Wild- und Forschungsstelle in Bonn konnten am Ende 1200 Proben aus 19 nordrhein-westfälischen Rotwildgebieten mit 4 weiteren Teilgebieten zusammengetragen und schließlich ausgewertet werden.

Die Ergebnisse waren eindeutig. So wurden zwei funktionierende Rotwildregionen identifiziert: Das länderübergreifende topografische Rothaargebirge und die Eifel. Beide Regionen sind durch eine hohe genetische Vielfalt und einen regen genetischen Austausch der jeweils 4 zugehörigen Rotwildgebiete gekennzeichnet, wenngleich selbst im Rothaargebirge beginnende Barrieren zwischen Gebieten sichtbar wurden.

Abb. 1: Entscheidend ist in erster Linie, dass einzelne Populationen gut miteinander vernetzt sind.

Status Quo der Populationen

Abb. 2: Während einige Rotwildbestände noch genetischen Austausch erfahren, ist es um andere bereits sehr schlecht bestellt. Foto: Gerald Reiner

Deutlich ungünstiger sieht es in den nördlich anschließenden Gebieten vom Arnsberger Wald im Westen bis zum Eggegebirge im Osten aus. Hier konnten bereits deutliche Auswirkungen von Barrieren identifiziert werden und der Genfluss zwischen diesen Gebieten sowie zum Rothaargebirge war hier leider kaum noch vorhanden.

Ein extremes Bild absoluter Isolation zeigte sich für die verbleibenden 9 Gebiete im Westen und Norden. Die Farbe der Tortendiagramme macht deutlich: Sie sind genetisch stark eingeschränkt und absolut isoliert. Und so finden sich gerade dort auch die höchsten Inzuchtgrade, die höchsten jährlichen Inzuchtzuwächse und damit die stärkste Bedrohung. Wenn sich an der Situation nichts ändern sollte, muss in diesen Gebieten mit Reichswald Kleve, Minden, Nutscheid, Ebbegebirge und nördlichem Ruhrgebiet mit erheblichen Inzuchtdepressionen in Form von Vitalitätsverlust und nachlassender Fruchtbarkeit gerechnet werden. Allerdings lässt die Lage dieser Extremgebiete im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen keine wirkliche Wiedervernetzung erwarten. Auch die Wahner Heide mit dem Königsforst zeigte sich hochgradig isoliert von anderen Gebieten, doch die Verbindung zwischen beiden scheint gut zu funktionieren und trotz Isolation relativ gute Populationsdaten sprechen dort tatsächlich für ein gutes Management.

Abb 1 .: Auf einen Blick lassen sich genetische Vielfalt (an der Anzahl verschiedener Farben im Tortendiagramm) und genetische Konnektivität (an der farblichen Übereinstimmung zwischen Nachbargebieten) erkennen. Zahlreiche Gebiete, z.B. Reichswald Kleve, Minden, WahnerHeide/Königsforst, Nutscheid und nördliches Rurgebiet sind hier aktuell bereits absolut isoliert.

Abb. 2 : In NRW existieren noch 2 (in Hessen noch 4) zusammenhängende Rotwildregionen. Im Zentrum liegt das Rothaargebirge. Verbindungen in rot und oran- ge müssen als historische Reste ehemaliger Konnektivität angesehen werden. Heute findet dort mit Sicherheit kein echter Austausch mit Wanderung von Tieren mehr statt. Die gelben Verbindungen sprechen für eine eingeschränkte Verbindung. Nur die grünen Verbindungen weisen noch auf einen regen genetischen Austausch hin.

Für die zukünftige Entwicklung der Gebiete ist es wichtig, die intakten Populationen im Rothaargebirge und der Eifel zu erhalten und den sich anbahnenden Tendenzen zur Verinselung rechtzeitig zu begegnen. Vom Arnsberger Wald bis zum Eggegebirge gilt es, neuralgische Punkte zu entschärfen, um die sich entwickelnden Barrieren aufzuhalten und ein Abrutschen der Gebiete in die vollständige Isolation zu verhindern – eine solche wäre fatal.

Junge Hirsche sind wichtig

Für die kleinen, isolierten Gebiete muss versucht werden, Wanderrouten zu erarbeiten und eine Wiedervernetzung zu initiieren, sofern eine solche vor dem Hintergrund der extremen Abschottung mancher Gebiete hinter Autobahnen und menschlichen Ballungsräumen überhaupt noch möglich sein kann. Noch bestehende Verbindungen müssen in der Raumordnungsplanung festgeschrieben werden; denn bereits kleinere bauliche Maßnahmen können zur absoluten Barriere zwischen zwei Gebieten werden, wenn sie an kritischen Stellen verwirklicht werden.

Die Schonung wandernden männlichen Rotwildes im Alter von 2 bis 5 Jahren in den rotwildfreien Gebieten stellt eine wichtige Forderung und eine zentrale Herausforderung für die Jagdausübungsberechtigten dar. Denn diese Hirsche sind die Träger des genetischen Austauschs. Das Verbringen von Rotwild zwischen den Gebieten sollte für die Fläche nicht als ernsthafte Alternative angesehen werden, weil punktuelle Bemühungen nachhaltigen Austausch nicht ersetzen können, weil die genetische Qualität der Population hierdurch nur marginal beeinflusst wird und weil es dabei immer ums gesamte Ökosystem geht und nicht nur um den Rothirsch als einzige Tierart.

Die Schonung wandernden männlichen Rotwilds stellt eine zentrale Herausforderung dar.

Bei den vorliegenden Rotwildopulationen handelt es sich um einzigartige, unersetzbare, an ihren Lebensraum ökologisch hervorragend angepasste Vorkommen. Noch sind in fast allen Gebieten genügend Tiere mit intakter Genetik vorhanden. Den genetischen Austausch zwischen Nachbargebieten zu fördern, bedeutet diese Populationen und ein natürliches System zu erhalten, anstatt es in einen, einem Wildpark ähnlichen, Zustand zu versetzen.

Jagd als Schlüssel zum Erfolg

Die Verbesserung der Lebensräume vermag die genetische Qualität der Population signifikant zu steigern, ohne dass die tatsächlichen Rotwildzahlen erhöht werden müssen. So lassen sich zudem auch Schälschäden zugleich überaus wirkungsvoll reduzieren. Außerdem müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Lebensraumqualität und die Qualität der Populationen zu steigern. Es gilt die Stressoren abzubauen, die zur Schäle führen. Als wirkungsvolle Maßnahmen dienen die Schaffung von Ruhezonen und Ruhezeiten, die Erfüllung des Abschusses bis Ende Dezember, das Aufheben der Frühjahrs-, Frühsommer- und Januarjagd und damit eine allgemeine Reduktion der Jagdzeiten. Solche Maßnahmen ziehen das Wild aus dem Wald auf die Äsungsflächen.

Die Einführung der Schwerpunktbejagung an den besonders bedrohten Lokalisationen ermöglicht die Entnahme der reviertreuen Tiere, die unmittelbar für die Schäden verantwortlich sind, während für im Gießkannenprinzip bejagte Flächen auch bei erheblicher Rotwildreduktion Rotwildreduktion kaum Verbesserungen erreichbar sind. Kulturpflanzungen sollten an besonderen Schadensschwerpunkten durch Gatter geschützt und Sozialstrukturen beim Wild durch kontrollierte Bejagung erhalten werden. Der Erhalt gesunder Populationen und Habitate erfordert eine Reihe von Maßnahmen!

Prof. Dr. Dr. habil. Gerald Reiner betrachtet seit 1987 mit Fragen der Genetik, seit 2001 mit Schwarz- und seit 2010 mit Rotwild. Er ist außerdem Tierarzt und Mitglied im Arbeitskreis Wildbiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Darüberhinaus leitet er die dort Klinik für Wiederkäuer.

Julian Laumeier geb. 1994. Familiär blieb ihm nichts anderes übrig, als direkt mit 16 den Jugendjagschein zu machen. Seit 2020 ist er Tierarzt und Promovent über die Rotwildgenetik in NRW und Hessen. Durch sein tägliches Jägerleben begleitet ihn seit 2017 sein Kleiner Münsterländer-Rüde „Brix“, mit dem er auch die VGP und VFsP erfolgreich bestreiten durfte