Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

Ruhrgebiet


Logo von Weltkunst
Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 202/2022 vom 26.07.2022

Drei Tage im

Artikelbild für den Artikel "Ruhrgebiet" aus der Ausgabe 202/2022 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 202/2022

Blick auf den Flusslauf der Emscher am Stadtrand von Dortmund

1. Tag

Die Radstation am Dortmunder Hauptbahnhof ist ein grauer Kasten mit freundlichen Menschen, die reparieren und verleihen. Wer die Tour nicht mit dem eigenen Rad fahren will, ist hier goldrichtig. Der erste Streckenabschnitt dauert mit Abschließen gerade mal fünf Minuten, denn das Dortmunder U liegt in Sichtweite.

Die Brauereiwirtschaft gehört zu den wenigen Industriezweigen, die sich im Ruhrgebiet gehalten haben, doch in dem Hochhaus aus den 1920er-Jahren mit dem Buchstaben auf dem Dach werden schon lange keine Fässer mehr gelagert. Es beherbergt heute unter anderem das Museum Ostwall, das eine sehr gute Fluxus-Sammlung hat und uns mit einer Sonderausstellung zu Blumen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts auf das Naturerlebnis der kommenden Tage einstimmt. Auch das nächste Etappenstück endet schnell, gut einen Kilometer westlich, hier hat Samuel Treindl aus einer ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Weltkunst. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 202/2022 von UNSER TITELBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNSER TITELBILD
Titelbild der Ausgabe 202/2022 von Vieldeutigkeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vieldeutigkeit
Titelbild der Ausgabe 202/2022 von WAS BEWEGT DIE KUNST ?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WAS BEWEGT DIE KUNST ?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Radikal anders
Vorheriger Artikel
Radikal anders
ABSEITS DER ROUTE
Nächster Artikel
ABSEITS DER ROUTE
Mehr Lesetipps

... kaputten Leuchtreklame ein Kunstwerk geschaffen. Wo vorher nur ein Ö und ein L verblieben waren, prangt nun das Wort an einer heruntergekommenen Hauswand und bildet vor dem blauen Himmel einen lustigen Dialog mit der Gegend, in der es vor allem alte Werkstätten, Hinterhöfe mit Plastikstühlen und türkische Kulturvereine gibt.

Die Leuchtschrift ist unsere erste Station des Emscherkunstwegs, auch wenn der kleine Fluss hier gefühlt noch weit weg ist. Die Skulpturenroute entstand 2010, als das Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt war, und wurde sukzessive erweitert. Mehr als 20 Kunstinstallationen umfasst sie mittlerweile zwischen Dortmund und Duisburg und führt von der Quelle der Emscher bis zur Mündung in den Rhein.

Von der Vogelleuchte radeln wir nun nordwestlich durch ein Gewerbegebiet, hier franst die Stadt Dortmund schon etwas aus. Auf einer Brücke sehen wir sie endlich: die Emscher.

Schmal und etwas eingeklemmt, aber überraschend malerisch. Die schändlichen Tage als Abwasserkanal scheinen in weite Ferne gerückt, denn hier ist das große Projekt der Renaturierung des Flusses weit fortgeschritten. Es geht noch einmal um die Ecke, dann stehen wir vor einer steinernen Höhle in Schlumpfmützenform.

Außen grau und eher unscheinbar, doch nach dem Eingangsloch wartet ein goldener Raum, der trotz der unvermeidlichen Graffiti-Tags an Kunst im öffentlichen Raum seinen Effekt nicht verfehlt. Die Attraktion ist der Sound, wer hier die Stimme erhebt, findet tiefen, dunklen Widerhall. Zur kleinen Weile heißt das Werk, von dem aus wir die Straße kreuzen und uns unter dem Zubringer zur Autobahn wiederfinden. Es ist stiller als vermutet an diesem für das Ruhrgebiet so typischen urbanen Nichtort, wo Skater einen coolen Parcours angelegt haben.

Wir stellen unser Rad ab und gehen ein paar Schritte weiter in ein Wäldchen. Dort haben die Berliner Landschaftsarchitekten Atelier le balto hölzerne Stege verlegt. Obdachlose hinterließen hier ein paar Spuren, auf einem zerknüllten T-Shirt liegt schon seit Langem Laub, dennoch wird die Kunstpause ihrem Namen gerecht. Wir machen eine solche und genießen das luftige Grün.

Zurück auf dem Rad, kommen wir richtig in Fahrt. Gute zehn Kilometer, die meiste Zeit am Fluss entlang, sind es bis zum Hof Emscher-Auen. Ohne es besonders zu merken, überschreiten wir eine Stadtgrenze, wir befinden uns jetzt in Castrop-Rauxel, ein eher ungewöhnliches Ausflugsziel. In dem sanierten Hof ist am Wochenende ein Café geöffnet, auf dem Gelände gibt es zwei Kunstinstallationen. Massimo Bartolinis Black Circle Square, inspiriert von Kasimir Malewitschs »Schwarzem Kreis«, und das Parkhotel Inside-Outsite von Andreas Strauss: drei einstige Kanalröhren mit Guckloch zum Übernachten samt gelber Vogelbeobachtungsstation, in der mit Blick über das Castrop-Rauxeler Auenland unser erster Tag leise endet.

2. Tag

Heute starten wir früh und überwinden mit Schwung die gut zehn Kilometer zum Herner Meer, wo sich der Rhein-Herne-Kanal, der große Bruder der Emscher, zu einer weiten Fläche verbreitert. In deren Mitte steht ein hoher gelber Turm, der aussieht, als hätte der Künstler Bogomir Ecker löchrige Eimer übereinandergestapelt. Nachts wird das Werk von einer Straßenlaterne beleuchtet, die ebenfalls im Wasser steht. Den Kanal entlang geht es weiter zur ehemaligen Kläranlage Herne. Dort erinnert ein großes Mosaik von Silke Wagner an die Bergarbeiterproteste in der Region seit dem späten 19. Jahrhundert.

Danach weichen wir von der Route des Emscherkunstwegs ab und radeln durch den hübschen Landschaftspark Emscherbruch zur weniger hübschen Cranger Straße in Gelsenkirchen-Erle. Umgeben von Straßenbahnschienen, Imbissbuden, Woolworth und dem einen oder anderen Fachgeschäft steht die aufgegebene Kirche St. Bonifatius, die seit Juni dieses Jahres von der Künstlerin Irena Haiduk genutzt wird. Die partizipative Arbeit Healing Complex spielt mit der ungewöhnlichen polygonalen Architektur aus den 1960er-Jahren, zentraler Bezugspunkt der Installation ist ein großer Backofen. In Workshops mit der lokalen Bevölkerung, aber auch mit Studierenden der Columbia University in New York, an der Haiduk lehrt, wird gemeinsam gebacken, und man schmiedet Pläne zur Zukunft des Gebäudes.

Nach einer Kaffee-und-Kuchen-Pause gleich nebenan auf der Terrasse der Bäckerei Zipper, die vor der Kunstaktion die Kirche als Lagerraum nutzte, geht es rund fünf Kilometer in Richtung Südwesten. Auf einem grünen Streifen zwischen Kanal und Emscher, die hier noch schnurgerade in einem Betonbett verläuft, steht Olaf Nicolais und Douglas Gordons Fake-Felsen Monument for a Forgotten Future aus Spritzbeton, aus dessen Innerem in Dauerschleife Musik der schottischen Band Mogwai erklingt.

Unser nächstes Ziel ist ebenfalls ein Monument, und zwar eines von enormen Ausmaßen.

Um dort hinzugelangen, radeln wir am Nordsternpark in Gelsenkirchen vorbei, der rund um eine frühere gleichnamige Zeche entstanden ist, passieren auf ehemaligen Bahntrassen die Essener Stadtgrenze und kommen zur Zeche Zollverein, UNESCO-Welterbe und ein imposantes Denkmal des Steinkohlebergbaus. Hier sind nicht nur die Bauten der Industriekultur sehenswert, sondern auch mehrere Museen, darunter ein von Norman Foster gestaltetes Designmuseum im Kesselhaus, auch die Folkwang-Hochschule residiert an diesem Ort.

Die Stadt Essen bemüht sich seit Längerem, Zollverein als Standort für das künftige Deutsche Fotoinstitut durchzusetzen, deshalb sind dort regelmäßig hochkarätige Fotoausstellungen zu sehen. Eine davon, die perfekt zu unserer Tour passt, ist Beyond Emscher. Die Schau präsentiert noch bis zum 6. November in der Mischanlage fünfhundert Aufnahmen aus der Emscherregion. Die Bilder aus den Jahren 2015 bis 2022 dokumentieren den Umbau des einst als »Köttelbecke« verschrienen Abwasserkanals zu einem lebendigen Naturraum und würdigen die Anstrengungen der Menschen des nördlichen und traditionell besonders armen Ruhrgebiets, dem Strukturwandel Herr zu werden.

Den Abend lassen wir im Restaurant Casino zwischen Betonpfeilern und Kompressorkessel ausklingen, bevor wir im Hotel friends auf dem Gelände die Radlerwaden ausstrecken.

3. Tag

Die letzte große Strecke beginnt in Bottrop, auch am dortigen Hauptbahnhof findet sich eine Radstation. Im nahen BernePark, der auf dem Gelände einer früheren Kläranlage gewachsen ist, hat der Niederländer Piet Oudolf ein Amphitheater für Pflanzen angelegt.

Auf dem folgenden Radweg sieht die Emscher noch so aus wie in industriellen Zeiten, klein, braun und einbetoniert.

Schön wird der Weg, als er zum Rhein-Herne-Kanal führt. Den Kanal entlang passieren wir die grüne Grenze nach Oberhausen. Auf Höhe einer kleinen Brücke steigen wir kurz ab und schieben zur anderen Seite, wo im Gehölzgarten Ripshorst ein Strommast die Hüften schwingt. Zauberlehrling ist ein Kunstobjekt der Berliner Künstlergruppe Inges Idee. Es geht zurück über die Brücke und vorbei am Gasometer, der schon Christo und Jeanne-Claude beschäftigte. Langsam wird das Umfeld wieder städtischer, und wir erreichen Slinky Springs to Fame, eine mehrfarbige Spiralbrücke von Tobias Rehberger. Herrlich angenehm gibt der Tartanboden nach, als wir sie zu Fuß überqueren. Am

anderen Ufer warten Liegestühle, ein schöner Garten und die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, in der noch bis 11. September eine Schau mit Fotografien Linda McCartneys zu sehen ist. Wieder auf dem Rad geht es vorbei am Fußballstadion von Rot-Weiß Oberhausen und dann entlang der Emscher, die hier einen gesunden Eindruck macht. Wir biegen ein in den »Grünen Pfad«, der seinem Namen alle Ehre bereitet, und erreichen Duisburg.

Der erste Halt gilt Neustadt von Marta Dyachenko und Julius von Bismarck. Um Hochhäuser, Kirchen und Hallenbäder im Maßstab 1:25 wuchert das Unkraut, und beim Blick auf rostige Plattenbauten, die so klein sind wie ein Mensch, ergeben sich im wahrsten Sinne neue Perspektiven auf Städtebau und Vergänglichkeit. Ein Stück weiter beginnt der Landschaftspark Duisburg-Nord, ein besonders schönes Denkmal der Industriekultur. Wir stärken uns mit Pommes und Currywurst, der Spaziergang rund um die Ruinen der heute geschmähten Montanindustrie stimmt demütig und erinnert auch an den Verlust von Lebensund Arbeitswelten, die der Wandel der Region gebracht hat.

Die letzte Etappe hat nach der toten Industrie nun eine noch lebendige zum Ziel: die Kläranlage Alte Emscher und das Hüttenwerk Bruckhausen der ThyssenKrupp AG. Vor dem Werkstor hat Nicole Wermers jüngst ihre Emscher Folly aufgebaut, eine Installation aus Fahrrädern, die sich vor den Schornsteinen im Hintergrund ducken. Der Weg zurück in die Innenstadt führt uns an einen Deich, dahinter öffnet sich der Blick auf den weiten und traumschön trägen Rhein und einen anderen Kulturraum, den Niederrhein.

Wir beenden unsere Fahrradreise, wie wir sie begonnen haben: in einem Museum. Das MKM Museum Küppersmühle hat vor einem Jahr einen fantastischen Erweiterungsbau erhalten, in dem vor allem Werke des Informel und der abstrakten Malerei der 1950er- und 1960er-Jahre hängen, also aus einer Zeit, in der auch das Ruhrgebiet noch ganz groß war.