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RUNDE DÖRFER


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Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 17.08.2022
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Bildquelle: Landlust, Ausgabe 5/2022

Von oben ist der fast kreisrunde Dorfplatz des Rundlings Bussau gut zu erkennen. Die Hallenhäuser umgeben den Platz schützend wie ein ?Nestrand?.

Ein Rundlingsdorf, das ist auch ein Gefühl. Man erfährt es mitten auf dem Dorfplatz sitzend. Vielleicht auf einer der Milchbänke, auf denen noch bis weit in die 1970er Jahre die Dorfbewohner ihre Milchkannen bereitstellten. „Wenn man hier sitzt, fühlt man sich geschützt, wie in einem Nest“, sagt Jörg-Joachim Jäger. Er zeigt auf die mächtigen Niederdeutschen Hallenhäuser mit ihren steilen Giebeln, die den Bussauer Dorfplatz wie einen Nestrand umgeben. Wie alle zentralen Plätze in den Rundlingen wird der Bussauer Dorfplatz von den Dorfbewohnern gemeinsam gepflegt und als Dorftreff genutzt. Der 68-Jährige sitzt hier oft. An jedem ersten Sonntag im Monat, von Mai bis September, findet er sich mit den anderen Bussauern an den Milchbänken zu einem gemeinsamen Dorffrühstück zusammen.

Hofstellen wie Tortenstücke

Ob Bussau, Gühlitz, Püggen, Satemin oder Schreyahn: Es sind kleine Dörfer im Wendland, die aus ...

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... kaum mehr als einem Dutzend Häuser bestehen. Was sie verbindet, ist ihre besondere Form. Wie Tortenstücke sind die Hofstellen zum Dorfplatz ausgerichtet: An der Spitze stehen die Bauernhäuser, dahinter die Ställe und Scheunen und schließlich Hofwälder und -wiesen. Die Fachwerkgiebel der Bauernhäuser, meist Niederdeutsche Hallenhäuser (siehe nebenstehenden Infotext), zeigen zum Dorfplatz, sodass sich eine runde Form ergibt.

Diese brachte den Dörfern die Bezeichnung „Rundling“ ein. Die aufwendig ausgearbeiteten Schaugiebel zeugen vom Wohlstand, den der Flachsanbau dem Wendland im 18. und 19. Jahrhundert bescherte. Von den ursprünglich 210 Rundlingsdörfern im Wendland haben sich bis heute rund 100 Dörfer erhalten, die noch als Rundlinge wahrgenommen werden können. Ein Gebiet mit 19 Dörfern westlich der Stadt Lüchow wird von Niedersachsen für die deutsche Tentativliste für das UNESCO-Welterbe vorgeschlagen. Die Welterbe-Initiative soll den Erhalt der Dörfer sichern und die Eigentümer der Höfe hierbei unterstützen (siehe Infotext auf Seite 107).

NIEDERDEUTSCHES HALLENHAUS

Seit dem 13. Jahrhundert ist das Niederdeutsche Hallenhaus in Norddeutschland ein weitverbreitetes Wohnstallgebäude in Fachwerkbauweise. Typisch sind das große Einfahrttor, die sogenannte „Groot Dör“, und das meist prächtige Fachwerk am Schaugiebel. Wesentliches Baumerkmal ist die Holz-Innenkonstruktion in Ständerbauweise. Je nach Anzahl der tragenden Ständer unter einem Dachbalken unterscheidet man Zwei-, Drei-, und Vierständer-Hallenhäuser. Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert dominierten die geräumigeren Vierständerhäuser mit deutlicher Trennung zwischen Wohn- und Stallbereich. Rund 90 Prozent der erhaltenen Hallenhäuser im Wendland sind in Vierständerbauweise errichtet.

Geplante Dörfer

Rundlinge sind ab Mitte des 12. Jahrhunderts entlang einer deutschslawischen Kontaktzone, einem Streifen zwischen Ostsee und Erzgebirge, von deutschen Grundherren planmäßig angelegt worden.

Entlang dieser Zone, zu deren westlichen Randbereichen unter anderem das Wendland und die westliche Altmark gehörten, lebten seither Deutsche und Slawen, auch Wenden genannt.

Im Wendland entstanden zunächst hufeisenförmige kleine Dorfanlagen. Ihre fast runde Form erhielten die Dorfplätze zwischen Clenze und Lüchow erst Jahrhunderte später durch Nachsiedlungen und durch Höfeteilungen. Wendische Ortsnamen wie Mammoißel, Pommoißel oder Gühlitz erinnern bis heute an die slawischen Bewohner. Weshalb die Rundlinge ursprünglich hufeisenförmig geplant und angelegt worden sind, ist inzwischen gesicherte Erkenntnis: „Es ist anzunehmen, dass deutsche Grundherren damals eine zeitgebundene Vorstellung von slawischen Dörfern hatten“, sagt Wolfgang Meibeyer, emeritierter Professor für Geografie an der Technischen Hochschule Braunschweig. Die hohe Dichte der bis heute erhaltenen Rundlingsdörfer im Wendland, oft nur ein bis zwei Kilometer voneinander entfernt, gilt als einzigartig.

In den Senken

Auswärtige Besucher bekommen die Rundlinge kaum zu sehen, liegen die Dörfer doch fernab der Hauptverkehrswege. Sie ducken sich in den Geländesenken und schirmen sich mit Hofwäldern, die ringförmig ums Dorf angelegt sind, zum Offenland ab. Die geschlossene Seite des Dorfplatzes liegt meist an einer Niederung mit feuchten Wiesen, während die offene Seite mit der einzigen Zufahrtsstraße zum trockenen Geestrücken, dem Ackerland, ausgerichtet ist. Da die Christianisierung des Wendlands erst spät erfolgte, stehen Kirchen stets außerhalb des Dorfes.

Ruhige Abseitslage

Die Region im Nordosten Niedersachsens befand sich schon immer in einer Abseitslage. Bis heute fahren drei Autobahnen in weitem Abstand um das Wendland herum; es gibt keine wichtigen Bahnlinien und wenig Industrie. So konnte sich in den Rundlingsdörfern vieles erhalten, was in Gebieten mit hohem Entwicklungsdruck bereits verloren gegangen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschärfte sich die Isolation. Von drei Seiten war der Landkreis Lüchow-Dannenberg, der deckungsähnlich mit der Region des Wendlandes ist, vom Eisernen Vorhang umschlossen.

Mit 40 Einwohnern je Quadratkilometer ist Lüchow-Dannenberg der am dünnsten besiedelte Landkreis Deutschlands. Die Natur des Wendlands beeindruckt mit ihrer vielseitigen Flora und Fauna – für viele noch ein Stück „heile Welt“.

Die Region weist eine der dichtesten Besiedlungen mit Weißstörchen auf. Auch findet sich hier eines der größten westelbischen Brutgebiete des Kranichs.

Die Ruhe der Dörfer wussten Großstädter – vor allem aus Berlin und Hamburg – schon vor der Wende zu schätzen. Waren es früher Künstler, Anhänger der Umweltbewegung und Atomkraftgegner, die sich im Wendland ihr Biotop geschaffen haben, sind es heute vermehrt junge Familien, die alte Hofstellen zu behaglichen Wohnund Arbeitsstätten umbauen. Es ist diese besondere Mischung aus gut ausgebildeten Stadtflüchtlingen, Aussteigern und seit Generationen ansässigen Land- und Forstwirten, die das gewisse Rundlings-Gefühl mitprägt.

WELTERBE-INITIATIVE

Die historische „Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland“ besteht aus einem 27 Quadratkilometer großen Ausschnitt westlich der Stadt Lüchow mit 19 Rundlingsdörfern. Sie gilt als einzigartiges Beispiel einer jahrhundertealten, bäuerlich geprägten Siedlungslandschaft.

Mit der Bewerbung zur Nominierung als Welterbe, initiiert durch die Samtgemeinde Lüchow (Wendland) in Kooperation mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und dem Rundlingsverein, sollen die Rundlingsdörfer als bedeutendes kulturelles Erbe der Menschheit für künftige Generationen geschützt und erhalten werden. „Die Welterbe-Nominierung kann dabei helfen, eine ländliche Modellregion der Zukunft zu entwickeln“, erläutert Dr. Thomas Kellmann, Oberkonservator beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalschutz die Potenziale. Bereits jetzt arbeiteten Naturschutz, Klimamanagement, Landwirtschaft und Denkmalpflege in den 19 Dörfern eng zusammen.

Bis Herbst 2023 entscheidet die Kultusministerkonferenz, ob es im Namen der Bundesrepublik Deutschlands zu einem Vollantrag bei der UNESCO um Aufnahme in das Weltkulturerbe kommen wird.

Kontakte: www.rundlingsverein.de www.welterbe-rundlinge.com

„Dafür“ statt „dagegen“

So unterschiedlich die Einwohner der Rundlinge auch sind, der Widerstand gegen Atomkraft hat sie zusammengeschweißt. Die Bewerbung für die deutsche UNESCO-Welterbeliste fordert sie nun neu heraus. Statt „dagegen“ heißt es gemeinsam „dafür“ zu sein. Vor Antragstellung holten die Welterbe-Initiatoren in allen Rundlingen ein Stimmungsbild ein. „Die Resonanz der Dorfbewohner war sehr positiv. Die Mehrheit stand dahinter“, erinnert sich Ilka Burkhardt-Liebig. Sie ist Vorsitzende des Rundlingsvereins, der sich seit 1969 mit viel Öffentlichkeitsarbeit sowie der Hilfe von Siedlungs- und Hausforschern für den Erhalt der Rundlinge einsetzt. „Hilfreich waren die vielen zugezogenen Städter, die mit ihrem Blick von außen der hiesigen Bevölkerung vermittelt haben: Ihr habt hier sehr besondere Dörfer“, erzählt die 72-Jährige.

Hilfen für die Dorfbewohner

Um die Bewohner bei der Sanierung ihrer Hofstellen zu unterstützen, erhalten die 19 Dörfer seit 2017 Fördergelder aus dem Programm der Dorfentwicklung des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Das Programm fördert Maßnahmen zum Erhalt der historischen Gebäudesubstanz. Zusätzlich stellt das Land Niedersachsen Mittel der Denkmalpflege zur Verfügung. „Das Programm ist sehr gut angenommen worden; in den vergangenen sechs Jahren konnten so rund 180 Maßnahmen in den 19 Rundlingsdörfern gefördert und ausgeführt werden“, sagt Kerstin Duncker, Vertreterin der Unteren Denkmalschutzbehörde beim Landkreis Lüchow-Dannenberg.

Durchfahrtscheunen werden zu attraktiven Wohnhäusern oder Kunst- und Kulturstätten umgenutzt. In Hallenhäusern entstehen Mietwohnungen und Büroräume. Und einstige Ställe bieten Touristen eine charmante Bleibe.

Chancen und Risiken

Doch die Welterbe-Initiative wirft auch Fragen auf. Eine Region, in der an jeder zweiten Ecke Symbole des Widerstandes gegen Atomkraft prangen, sieht nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. „Können wir uns das leisten?“, „Werden wir ein steriles Freilichtmuseum?“ oder „Wird der Tourismus aus dem Ruder laufen?“ Entsprechend viele Gespräche führen die Denkmalpfleger, die den persönlichen Kontakt zu jeder Hofstelle suchen, Dorf für Dorf. „Unsere Arbeit ist immer ein Prozess, in dem ein Kompromiss zwischen den Interessen des Nutzers und dem Erhalt des Baudenkmals angestrebt wird“, sagt Kerstin Duncker. Jörg-Joachim Jäger aus Bussau steht klar hinter der Welterbe-Initiative: „Ich wünsche mir, dass die Menschen einen Blick dafür bekommen, dass die Rundlinge etwas Besonderes sind.“ Er selbst zieht für seine Hofstelle derzeit keine Ausbauprojekte in Betracht. „Ich passe gut auf, dass der Hof nicht umfällt“, sagt er augenzwinkernd.

SEHENS-WÜRDIGKEITEN

RUNDLINGSMUSEUM

Das Lübelner Rundlingsmuseum Wendland zählt zu den wenigen deutschen Freilichtmuseen, dessen Gebäude am Originalstandort erhalten sind. Der „Wendlandhof“ wurde in den 1970er Jahren zum Dorfgemeinschaftshaus umgestaltet und später zum Freilichtmuseum erweitert. Zu der Hofstelle des Museums gehörten ursprünglich ein Dreiständerhaus von 1733 und ein Vierständerhaus von 1823. Es wurde später um ein Zweiständerhaus und etliche Wirtschaftsgebäude ergänzt.

In ihnen wird die wendländische Lebens- und Arbeitsweise in der Siedlungslandschaft der Rundlinge gezeigt. nwp.rundlingsmuseum.de

STIPENDIATENSTÄTTE SCHREYAHN

Die Niedersächsische Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn bietet seit ihrer Gründung im Jahr 1979 Schriftstellern und Komponisten Stipendienaufenthalte. Der Künstlerhof, der regelmäßig zu Lesungen und Konzerten einlädt, liegt als einer von 14 Höfen im Rundlingsdorf Schreyahn. Zentraler Veranstaltungsort ist die geräumige Diele des Niederdeutschen Hallenhauses, die mit ihrer großen, verglasten Groot Dör Offenheit zum Dorf demonstriert. www.kuenstlerhof-schreyahn.de

KULTURELLE LANDPARTIE

Seit 1989 öffnet das Wendland zwischen Himmelfahrt und Pfingsten mit der Kulturellen Landpartie (KLP) seine Dorfplätze, Hoftore, Scheunen, Werkstätten und Ateliers für interessierte Besucher.

An mehr als 100 „Wunderpunkten“ in 90 Dörfern präsentieren Jahr für Jahr etwa 600 Künstler und Kunsthandwerker eine Vielfalt an zeitgenössischer Kunst.

Ihre Wurzeln hat die Landpartie im Widerstand gegen das Atommülllager Gorleben. www.kulturelle-landpartie.de

Im Rundlingsdorf Satemin

An eine verfallene Durchfahrtscheune von 1837 wagen sich Brigitte Fehrle und Andreas Schoelzel aus Satemin heran. Das Programm der Dorfentwicklung brachte die Journalistin und den Fotografen auf die Idee, das Gebäude als Ausstellungsort für Künstler und Kunsthandwerker zu erhalten. Den Sateminern soll es als Treffpunkt offen stehen.

Im Rundlingsdorf Gühlitz

Astrid von Stackelberg nutzt die Fördergelder für die Sanierung zweier Hofstellen in Gühlitz. In einem Hallenhaus von 1847, das zuletzt als Kuhstall genutzt wurde, entstehen zwei Wohnungen und Büroräume. Ein Schweinestall aus den 1970er Jahren ist seit kurzem Wohnhaus der Tochter. „Für die Nebengebäude ist das Programm ein Rettungsring“, sagt die Architektin.

Im Rundlingsdorf Püggen

Landwirt Manfred Ebeling aus Püggen nutzte die Fördergelder für die Sanierung seines Elternhauses. Den Fachwerkbau hatten seine Eltern Mitte der 1960er Jahre an der westlichen Traufseite, die zum Dorfplatz zeigt, mit einer modernen, massiv gemauerten Fassade versehen. „Fachwerk war nicht modern zu der Zeit“, erklärt der 70-Jährige. Anhand historischer Fotos ließ er die Fassade wieder in ihr ursprüngliches Erscheinungsbild zurückversetzen. Die Hälfte des Hauses möchte er mit seiner Frau Karola bewohnen. Die andere Hälfte ist zu zwei Wohneinheiten ausgebaut, die er vermietet.

■ Text: Isa von Bismarck-Osten