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Runde um Runde?


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 60/2020 vom 18.05.2020

In den USA ist eine Studie geplant, die klären soll, ob LONGIEREN gesundheitsschädlich für Pferde sein kann. Hinter vorgehaltener Hand heißt es auch in Deutschland, dass Longieren nicht nur positive Aspekte hat. Das Training an der Longe schädlich? Wir haben uns umgehört


Viele Wege führen nach Rom. Oder im Kreis. Denn was das Longieren angeht, so gibt es unter Pferdesportlern unterschiedlichste Meinungen und Methoden. Mit oder ohne Ausbinder? Trense oder Kappzaum? Sinnvolles Training oder auf die Dauer schädlich für das Pferd? Gerade was letztere Frage angeht, scheiden sich die Geister. So viel sei ...

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Bildquelle: St.GEORG, Ausgabe 60/2020

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... vorweggenommen: Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die sich konkret mit den Auswirkungen des Longierens auf den Pferdekörper befassen. Das soll sich aber bald ändern! Aktuell sind es vor allem „anekdotische Evidenzen“ – also Beweise, die eher auf persönlichen Erfahrungen und Fallbeispielen beruhen – die gegen das Longieren angebracht werden. Und natürlich kommt es bei all diesen Fragen auch grundsätzlich auf die Qualität und die Quantität an. Anders ausgedrückt: Longieren ist nicht gleich Longieren.

DAS SAGT DIE REITLEHRE

Wer sein Pferd ganz klassisch ausbilden möchte, vertraut hierzulande auf die Deutsche Reitlehre. Deren Grundlagen finden sich in den „Richtlinien für Reiten und Fahren“, die von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung herausgegeben werden (s. S. 52). Darin heißt es zunächst: „Wird das Longieren richtig durchgeführt, ist es eine sinnvolle Ergänzung der vielseitigen Ausbildung von Pferden.“ Einige Zeilen später steht jedoch auch geschrieben: „In der Hand eines einfühlsamen Longenführers kann das Longieren von hohem Wert sein. Wird es aber falsch durchgeführt, so kann, genau wie bei Reiten, dem Pferd mehr geschadet als in seiner Ausbildung weitergeholfen werden.“ Erste Voraussetzung, damit der Longierzirkel nicht zum „Teufelskreis“ wird, ist demnach der Mensch.

Aber auch das Drumherum muss stimmen. So sollte der Radius, auf dem sich das Pferd bewegt, einen Durchmesser von zwölf Metern niemals unterschreiten. Das zeitweilige Verkleinern des Zirkels ist nur dann sinnvoll, wenn das Pferd in seiner Ausbildung bereits weiter fortgeschritten ist. Ob dabei auf dem Reitplatz oder in einer Longierhalle mit äußerer Begrenzung gearbeitet wird, ist weniger entscheidend, als der richtige Boden. Dieser sollte griffig, aber nicht zu tief sein – eine sorgfältige Bodenpflege ist daher Pflicht! Denn ebenso wie für das häufige Longieren auf einem zu engen Radius gilt: Der Pferdekörper ist nicht für die Bewegung im Kreis konstruiert. Die seitliche Drehbelastung, die dabei auf den Knochenverbindungen liegt, ist anatomisch eigentlich nicht vorgesehen. Daher strapaziert ein zu tiefer Boden eher die Sehnen und Gelenkbänder des Pferdes, während ein zu harter Untergrund besonders bei beschlagenen Pferden die Rutschgefahr erhöht. Demnach, so auch die Richtlinien, kann ein schlechter oder unebener Boden im schlimmsten Fall zu Langzeitschäden führen.

Foto: www.toffi-images.de

DIE EXPERTEN

DR. FRIEDRICH APPELBAUM

Der Fachtierarzt für Pferde betreut viele Sportpferde, ist Spezialist fürOrthopädie und regelmäßig als FEI-Tierarzt auf großen Turnieren im Einsatz. Er ist zudem Mitglied der Gesellschaft für Pferdemedizin. www.tierarzt-odenkirchen.de

PROF. DR. BRIAN NIELSEN

Lehrt am Institut für Tierwissenschaften der Michigan State University (USA) und hat sich auf die Bewegungsphysiologie von Pferden spezialisiert. Plant eine Studie zur potenziell gesundheitsschädigenden Wirkung des Longierens. www.msu.edu/bdn

Geht es um die Grundausrüstung für das Pferd, sind laut Richtlinien eine Trense oder ein Kappzaum am besten als Zäumung geeignet. Das Longieren am Halfter ist gefährlich. Wenn Ausbinder oder Hilfszügel verwendet werden, braucht es zudem einen Longiergurt oder alternativ einen Laufgurt, der über den Sattel geschnallt wird. Ob Ausbinder, Dreiecks- oder Laufferzügel, Chambon oder doch gar keine Hilfszügel zum Einsatz kommen sollten, ist vom Pferd, dessen Ausbildungsstand, dem Ziel der Longenarbeit und nicht zuletzt von der eigenen Trainingsphilosophie abhängig. Immer gilt aber: Wenn falsch ausgebunden wird, kann das zu Schwierigkeiten und Widerstand seitens des Pferdes führen. Wer sein Pferd ausbinden möchte, muss sich daher im Vorhinein unbedingt mit der Wirkungsweise der unterschiedlichen Hilfszügel vertraut machen.

DAS SAGT DER TIERARZT

Grundsätzlich hält Dr. Friedrich Appelbaum es für eine gute Idee, die Reitlehre als einen roten Faden für das Longieren heranzuziehen. Diese basiert auf der Reitvorschrift H.Dv.12 von 1937, welche wiederum die Ausbildung des Pferdes für den Einsatz im Militär regelte. „Und warum sollte man so viel Mühe und Sorgfalt auf die Grundausbildung verwendet haben, wenn es nur um die Regulierung von Tempo und Richtung gegangen wäre. Logischer ist doch, dass der Ausbildungsweg des Pferdes schon damals nicht nur Gehorsam und Vertrauen beinhaltet hat, sondern in letzter Instanz auch Basis für die Gesunderhaltung des Tieres sein sollte. Und wenn das Longieren ein Bestandteil davon war, kann es nicht per se schädlich sein – das wäre kontraproduktiv“, so der Tierarzt.

Ein weiteres Argument pro Longieren sieht er darin, dass sich das Pferd dabei ohne Reitergewicht taktmäßig, losgelassen und frei bewegen kann. „An der Longe lässt sich das Bewegungspotenzial eines Pferdes ganz ohne Manipulation beobachten“, begründet Dr. Appelbaum. Beim Thema Hilfszügel gilt für den Fachtierarzt für Pferde allerdings: Weniger ist mehr! Er bevorzugt das Longieren ohne Ausbinder – wenn überhaupt sollten letztere dem Pferd eine Richtungsempfehlung geben, aber keinen Zwang ausüben. „Entscheidend ist die Reaktion des Pferdes: Wenn es sich auf den Zügel legt oder dagegen arbeitet, fördert das eher den Unterhals als die tragende Muskulatur. Und wenn das Pferd mit Hilfszügeln nicht durch den Körper arbeitet, kann kein losgelassener Gang entwickelt werden“, erklärt er.

Kappzaum, Laufgurt und Ausbinder sind laut Richtlinien gut für die Longenarbeit geeignet.


Foto: www.toffi-images.de

Daher empfiehlt Dr. Appelbaum Pferde wenn möglich unausgebunden in einem aktiven Arbeitstempo zu longieren: „Dann können die Pferde ihre eigene Balance finden, sich strecken und dehnen – und den in den Richtlinien angestrebten taktmäßigen und losgelassenen Gang erreichen. Kein Pferd kann ewig im Hohlkreuz laufen. Und ab dem Punkt, wo es die Oberlinie entspannt, fängt die Arbeit an. Wenn das Pferd ausbalanciert im geregelten Arbeitstrab gleichmäßig auf der Linie trabt, habe ich mein Ziel erreicht.“ Auf diese Art und Weise sei das Longieren laut Appelbaum ein guter Ausgleichssport, egal ob für das vielbeschäftigte Schulpferd oder den erfolgreichen Turniercrack. So auch die Empfehlung aus den Richtlinien für Reiten und Fahren, die die Longenarbeit als erfolgreiches Instrument zur Korrektur vorsieht, wenn sich „Unregelmäßigkeiten in Folge falscher Arbeit unter dem Reiter in Gang und Haltung eingestellt haben“.


„Longieren setzt neben der richtigen Technik und dem entsprechenden Fachwissen ein hohes Maß an Gefühl voraus. Daher sollte es für Ausbilder und Reiter selbstverständlich sein, das Longieren fachgerecht zu erlenen.“
Richtlinien für Reiten und Fahren, Bd. 6


Was seine vierbeinigen Patienten betrifft, so hat Dr. Appelbaum bisher noch kein Pferd behandelt, das offensichtlich „kaputt longiert“ worden ist. Andersherum kann er aber durchaus von Fällen berichten, in denen die oben beschriebene Longenarbeit sogar einen positiven Effekt hatte. Viele Pferde fingen dann wieder an, ihren Körper zu nutzen und fanden zu einem natürlichen und entspannten Bewegungsablauf zurück. Falls es dem Pferd schwer fällt, die Dehnung zu finden, können Hilfszügel eine Unterstützung sein, um dem Pferd die Richtung vorzugeben. „Der Rahmen, den ich setze, sollte das Bewegungspotenzial des Pferdes aber nie einschränken. Bis das Pferd sich in diesem Zwangsrahmen wohlfühlt, leidet es. Und es ist zudem unlogisch, Losgelassenheit durch Zwang erreichen zu wollen.“


„Ich sehe das Longieren als Ausgleichssport.“
Dr. Friedrich Appelbaum


In den Richtlinien heißt es auch: „Weiterhin ist das Longieren angebracht bei Pferden, die krank gewesen sind und nur leichte Arbeit verrichten sollen.“ Dr. Appelbaum hadert jedoch mit den Reitern, die ihr Pferd dann mit Ausbindern „zu einem Paket verschnüren“, weil sie Angst vor explosivem Verhalten haben. Denn dann kann das Pferd weder sein Bewegungspotenzial frei entfalten, noch einen Ruck oder Stoß ausgleichen, wenn es buckelt oder erschrickt. Nach orthophädischen Verletzungen rät er vom Antrainieren an der Longe ab. Pauschale Aussagen zu Dauer und Häufigkeit des Longierens möchte er vermeiden, gibt aber zu bedenken: „Die Arbeit an der Longe stellt eine konstante Belastung mit einem gleichmäßigen Ablauf dar. Im Grand Prix oder Stechen sind die Belastungsspitzen auf Bänder und Gelenke sicher höher.“ Laut Richtlinien sollte die Longenarbeit maximal 30 bis 40 Minuten in Anspruch nehmen, wobei alle fünf bis zehn Minuten ein Handwechsel stattfindet. „Übertriebenes Longieren auf einer Hand stumpft das Pferd ab und führt eher zu Verspannungen als zu Losgelassenheit. Gesundheitliche Schäden können ebenfalls die Folge sein“, steht als Merksatz geschrieben. Das Fazit von Dr. Appelbaum: Unausgebundenes Longieren kann – richtig umgesetzt – den natürlichen Bewegungsablauf fördern, Balance und Rückentätigkeit verbessern. „Ein Ersatz für das reiterliche Training ist es aber nicht, denn irgendwann brauche ich auch Aufrichtung, Versammlung usw.“, so der Tierarzt.

DAS SAGT DER WISSENSCHAFTLER

Prof. Brian Nielsen steht dem Longieren hingegen eher kritisch gegenüber. Der amerikanische Pferdewissenschaftler kommt selbst ursprünglich aus dem Galopprennsport, jobbte vor 30 Jahren als Trainingsreiter auf der Rennbahn. Ein Erlebnis aus damaligen Zeiten hat ihn nachhaltig beeinflusst: „Eines der Pferde dort gehörte einem lokalen Tierarzt, der Geld sparen wollte und seine Stute daher zunächst selbst trainierte. Der Mann ließ sein junges Pferd viel und häufig an der Longe galoppieren. Als die Stute dann zu uns kam, hatte sie bereits Probleme mit den Gelenken.“ Nachdem die Erfolge auf der Rennbahn ausblieben, ließ man der Stute entzündungshemmende Corticosteroide spritzen. Wenige Tage später gewann sie ihr erstes Rennen. Im Rennen darauf wurde sie Zweite. „Danach schickte der Trainer die Stute in die Zucht in dem Wissen, dass sie sich selbst wahrscheinlich großen Schaden zufügen könnte, wenn er sie weiter Rennen laufen ließe.“ Dieser Vorfall gab für Prof. Nielsen den Anstoß, um sich im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere insbesondere mit zwei Aspekten zu beschäftigen: der schmerzstillenden Wirkung von Corticosteroiden – und dem potenziellen Schaden für die Gelenke durch das Longieren.

Dr. Appelbaum empfiehlt das Longieren ohne Ausbinder im fleißigen Arbeitstempo.


Foto: Slawik

Schon in den 1980er-Jahren fand man heraus: Wenn Pferde auf einem Zirkel bewegt werden, reduziert sich die lastaufnehmende Fläche deutlich. Dadurch steigt auch die Belastung der lastaufnehmenden Gelenkfläche. Einfach erklärt: Die Kraft, die normalerweise auf gerader Linie gleichmäßig über die gesamte Gelenkfläche verteilt wird, konzentriert sich bei der Zirkelarbeit auf einen viel kleineren Bereich. „Wenn man das Pferd nur unregelmäßig oder nur im langsamen Tempo longiert, wird dadurch wahrscheinlich nicht viel Schaden angerichtet. Unglücklicherweise zählt für viele Pferdebesitzer das Longieren zu ihrem regulären Trainingsprogramm – und oft wählen sie dabei ein Tempo, das vermutlich schon ausreicht um Schaden zu verursachen. Zusätzlich ist es für den Longenführer üblich, den Kreis zu verkleinern, sobald das Pferd schneller wird. Aber je kleiner der Zirkel und je schneller das Pferd, umso größer ist der mögliche Schaden“, führt Prof. Nielsen aus.

In den USA will man wissenschaftlich untersuchen, ob die Gelenke beim Longieren nachhaltig geschädigt werden.


Foto: Slawik


„Longieren Sie ihr Pferd nur dann, wenn es absolut notwendig ist.“
Prof. Dr. Brian Nielsen


Eine britische Studie von 2012 beschäftigte sich mit dem Effekt von Tempo und Radius auf das Gleichmaß der Bewegung an der Longe. Man fand heraus, dass der Körperneigungswinkel sich entsprechend verändert – das Pferd gerät beim Longieren mit steigendem Tempo zunehmend in Schräglage. „Hinzu kommt, dass Gelenkerkrankungen einer der häufigsten Gründe für Lahmheiten bei Dressurpferden sind – und gerade in dieser Disziplin werden die Pferde sehr häufig longiert“, so Prof. Nielsen. „Es existieren zwar anekdotische Beweise für den Zusammenhang zwischen Longieren und Gelenkschäden, aber es mangelt leider an kontrollierten Studien. Es ist daher schwierig, konkrete Empfehlungen an die Pferdeindustrie auszusprechen“, räumt der Wissenschaftler ein. Daher sind an der Michigan State University bereits mehrere Studien in Planung, bei denen untersucht werden soll, inwiefern Tempo und Radius beim Longieren sich auf die Knochenmarker, Knorpel und Gelenke auswirken. Die American Quarter Horse Association finanziert zudem eine Studie, bei der die Kräfte erforscht werden sollen, die beim Zirkeltraining auf die Hufe einwirken. Allerdings wird es aufgrund der Corona-Pandemie vermutlich noch mindestens ein Jahr dauern, bis die Ergebnisse dieser Studien feststehen.

Pferdebesitzern empfiehlt Prof. Nielsen bis dahin einen kleinen Praxistest: „Laufen Sie einmal selbst auf dem Platz oder in der Reithalle im Kreis. Und zwar mit dem Durchmesser, und in der Geschwindigkeit, mit der Sie normalerweise Ihr Pferd longieren würden. Halten Sie diese Bewegung für einige Runden durch. Wenn Sie keinen Gelenkschmerz spüren, prima. Wenn sich die Drehkraft in Ihren Beinen und Gelenken unangenehm anfühlt, stellen Sie sich einmal vor, wie viel mehr Schaden das für ein Tier bedeutet, das vermutlich zehnmal so viel wiegt wie Sie. Und dann überlegen Sie noch einmal, wie oft und für welche Dauer Sie Ihr Pferd longieren und multiplizieren Sie die Größe des Schadens mit diesem Faktor. Zumal die meisten Pferde wohl in einem viel höheren Tempo longiert werden, als Sie wahrscheinlich laufen können …“

Da die Arbeit auf dem Zirkel in der Pferdeausbildung immer eine wichtige Rolle spielen wird – egal in welcher Disziplin –, ist es für Prof. Nielsen umso wichtiger, mehr Bewusstsein für eventuelle Folgeschäden zu schaffen. „Viele Pferde leiden an Gelenkerkrankungen, wie Osteoarthritis. Besitzer und Trainer geben so viel Geld für Supplementierungen, wie Ergänzungsfuttermittel und Spritzen, aus. Für die wenigsten davon ist jedoch wissenschaftlich bewiesen, dass sie wirklich helfen“, führt er an. Sein Appell lautet daher: „Es ist immer die bessere Option, solche Probleme von Anfang an zu verhindern. Fangen Sie doch damit an, indem sie erkennen, dass das Zirkeltraining teilweise oder auch ganz schuld an geschädigten Gelenken sein könnte und longieren Sie Ihr Pferd nur dann, wenn es absolut notwendig ist.“

LONGIEREN

DIE BASICS

Definition: Longieren ist das Bewegen, Schulen und Gymnastizieren von Pferden an einer 7 bis 8 Meter langen Leine, der Longe. In der Regel bewegen sich die Pferde dabei auf einem entsprechenden Kreisbogen.

In den „Richtlinien für Reiten und Fahren – Band 6“ werden die notwendigen Voraussetzungen, die verschiedenen Techniken und die unterschiedlichen Zielsetzungen, die durch die Longenarbeit erreicht werden können, erläutert. www.fn-verlag.de


Anwendungsbereiche (u. a.):
● Gewöhnung des jungen Pferdes an den Sattel oder das Geschirr
● Unterstützung der Ausbildung des Reitoder Fahrpferdes
● Ausbildung des Pferdes ohne Belastung durch das Reitergewicht
● Korrektur von Problempferden
● Weiterführende Ausbildung des Pferdes insbesondere im Hinblick auf die vorbereitende Arbeit in der Versammlung
● Bewegung von Pferden, die, z. B. nach Krankheiten, langsam wieder an ihr tägliches Arbeitspensum herangeführt werden sollen
● Sitzschulung des Reiters
● Voltigiersport

Ausrüstung: 7 bis 8 Meter lange Longe aus griffigem, festen Gurt- oder Strickmaterial, Longierpeitsche, festes Schuhwerk und Handschuhe für den Longenführer

LONGIEREN
DAS SAGT DER AUSBILDER

MARTIN PLEWA zählt zu den renommiertesten Ausbildern in Deutschland, war 16 Jahre lang Bundestrainer und selbst im Vielseitigkeitssattel hoch erfolgreich. „Ich bin kein großer Befürworter des Longierens, erst recht nicht bei jungen Pferden. Es ist eine sehr unnatürliche Bewegung und damit auch Belastung – kein Pferd würde in freier Wildbahn zwanzig Minuten lang auf einem so engen Kreis laufen. Gerade junge Pferde können sich an der Longe schlecht ausbalancieren und werden dazu noch oft falsch ausgebunden. Eine Unterstellung von mir ist, dass junge Pferde häufig longiert werden, um sie müde zu machen, ehe sich der Reiter in den Sattel setzt, um die Sturzgefahr zu verringern. Das ist aber nicht die richtige Vorgehensweise – körperliche und geistige Ausgeglichenheit sollten Pferde durch Weidegang erfahren. Auch bei älteren Pferden halte ich den Effekt des Longierens – auch wenn man es gut macht – für häufig überschätzt. Für eine Sitzschulung des Reiters ist es mal in Ordnung und sinnvoll. Rittigkeitsprobleme lassen sich jedoch nicht durch Longieren lösen. Wenn man schon longiert, sollte man es wenigstens richtig machen. Der Reiter sollte Ausbinder wählen, mit denen das Pferd eine Anlehnung aufbauen kann. Das Pferd muss sich abstoßen können. Allerdings kann ich als Longenführer nicht aktiv nachgeben. Sobald ich merke, dass das Pferd eine Anlehnung findet, muss ich den Ausbinder daher eigentlich schon wieder länger machen. Auf diese Weise kann man vor mancher Reiteinheit mitunter schon dazu beitragen, dass das Pferd bereits zu Losgelassenheit gefunden hat, ehe der Reiter aufsteigt.“


Foto: Lafrentz