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RUSSLAND: RUSSISCHES ROULETTE


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 14.06.2019

Eine Reise planen? Vielleicht in groben Zügen und den Rest auf sich zukommen lassen. Das dachte sich Melanie Stegemann (Text und Fotos), als sie sich Richtung Russland auf den Weg machte. Das klingt ein bisschen nach Russischem Roulette. Aber auf diese Art unterwegs zu sein, sorgt auch für jede Menge Überraschungen.


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Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 4/2019

1Das Glück liegt auf der Straße – Ankunft in Belarus.


2Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ich unterwegs war. Neugierige Kinder in Slabodka, Belarus.


3Kulinarische Explosion in Russland. Nichts verbindet mehr, als gemeinsam zu essen.


4Eine der vielen beeindruckenden Kirchen ...

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1Teilten vier Tage ihr Zuhause mit mir: Wladimir und Vasili.


2Wie Monumente gehen, wissen die Russen.


Ernsthaft? Du willst ganz alleine durch Russland fahren?« Das war zumindest der Plan. Wirklich gelungen ist mir das letztendlich aber nicht. Die große Landmasse vor der Haustüre übte schon länger einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Zu Russland hatte ich dank der Geschichten meines Großvaters, der sich an 5 Jahre Gefangenschaft erinnert, bereits einen stillen Bezug. Des Öfteren habe ich schon die Gelegenheit ergriffen, in das größte Land der Erde zu reisen. 2017 wagte ich mich mit meiner XT sogar bis ins knapp 2000 Kilometer entfernte Pskov und zurück. Ohne Probleme. Geht doch. Diesmal wollte ich mehr.

Um aus den zahllosen Möglichkeiten eine grobe Reiseroute zu erstellen, griff ich zum Stift, fragte meinen heute 92-jährigen Großvater, wo genau er vor 70 Jahren war, verband diese Orte mit Einladungen und legte meinen östlichsten Punkt ins Uralgebirge. Fertig. Im Juni 2018 breche ich auf. Erst gen Küste, dann gen Osten. Am vierten Tag der Reise, mit Blick auf den gigantischen Strand der polnischen Ostseeküste, realisiere ich, dass ich wirklich unterwegs bin. Niemand weiß wo ich bin und ich weiß nicht, was als nächstes kommt. Freiheit! Ich bin glücklich.


Das »Ende von Europa« klingt aufregend, stellt sich aber als ein Maschendrahtzaun mitten im Wald heraus …


In der Heimat bietet mein Reisemodell noch Anlass zu Gesprächen, in Polen ist es dann schon eher Tatsache, dass ich alleine als Frau reise. Als ich meinen Helm an einer Tankstelle nahe Danzig ausziehe, lässt es sich ein junger Mann nicht nehmen, ein lautes: »Oh my God, it’s a woman!« auszurufen. Freudentanz-ähnlich bewegt er sich auf mich zu und bringt seine Begeisterung zum Ausdruck. Begegnungen dieser Art sollte es noch öfters geben. Sie machen mir Freude und bestätigen das selbstverständliche Gefühl von Sicherheit, das ich in mir trage.

Eine Einladung aus der Heimat führt mich auf die Landzunge vor der Danziger Bucht nach Krynica Morska, dem letzten Ort vor der Grenze zu Kaliningrad. Meine Gastgeber begrüßen mich herzlichst und spazieren mit mir zu Fuß bis ans »Ende von Europa«. Klingt super aufregend. Umso amüsierter bin ich, als ich den knapp 1,80 Meter hohen Maschendrahtzaun mitten im Wald erblicke, der sich an einem einsamen Stoppschild Richtung Strand vorbeischlängelt, bis er zum Ende hin steil abfällt und in den Wellen verebbt. Links von mir genießen ein paar Badegäste ihr Sonnenbad, rechts von mir ist Niemandsland und der Strand unberührt. Dies ist einer der skurrilsten Orte meiner gesamten Reise. Einen offiziellen Grenzübergang gibt es nicht.

Ich hoffe, dass ich mit Hilfe eines Passagierbootes, das auch Räder mitnimmt, durch das Frische Haff einen größeren Umweg abkürzen kann – vorausgesetzt meine XT wird als Fahrrad durchgehen. Tut sie. Vom gegenüberliegenden Frombork ist es ein Katzensprung bis zur nächsten Grenzerfahrung. Es gilt, sechs Schlagbäume zu überwinden. Drei um aus Europa auszureisen, und drei um nach Russland einzureisen. Das Grenzgeschäft ist eher ein seriöses. Doch auch Grenzbeamte sind nur Menschen und so ringt sich selbst die super strenge Dame in der Zollabfertigung ein anerkennendes Lächeln ab, als sie realisiert, dass ich alleine unterwegs bin. Ich hab mich bis dahin überhaupt nicht mit der Fußball-WM beschäftigt und natürlich begegnen sich genau hier und heute England und Belgien. Die Kaliningrader Innenstadt ist voller Fans. Ich brauche zwei Stunden, um dem zu entfliehen. Zur Dämmerung befinde ich mich dann wieder in der Nähe der Grenze zu Litauen. Dort treffe ich Vadim und Anton, zwei Biker aus Estland. Sie haben echte Cockpits und technischen Schnick-Schnack an ihren Bikes, fahren voraus und laden mich kurzerhand ins Hostel und am Morgen zum Frühstück ein. Die nächsten 300 Kilometer des Weges fahren wir gemeinsam und da die Jungs echte Gentlemänner sind, drosselten sie ihre Maschinen und begleiteten mich bis zur Grenze nach Belarus.

Dieses Land habe ich noch nie so richtig auf dem Schirm gehabt, aber ein Freund wird das nun ändern. Anton kommt aus Minsk und zeigt mir hingebungsvoll den Nordwesten seines Landes. Beeindruckt bin ich von den vielen Zeugen einer multikulturellen Vergangenheit. Fotos erzählen von Synagogen, die einst Tür an Tür mit Kirchen standen. Ein absolutes Highlight ist Polotsk, wo ich die Hagia Sophia bestaune, sowie die älteste Kirche des Landes, die gerade restauriert wird. Wir dürfen dennoch hinein, Fresken und eingeritzte Namen von Durchreisenden aus dem 11. Jh. bestaunen, die der abgetragene Putz nun wieder freilegt.

3Europa endet, Asien beginnt. Erstaunlich wie weit man kommt, wenn man einfach mal in eine Richtung fährt.


4Metallpins sind eine große Sache in Russland. Einen angesteckt zu bekommen fühlt sich an wie ein Ritterschlag.


Auch landschaftlich ist Belarus sehr reizvoll. Ohne Gebirge oder Küste hat es viele Seen zu bieten, einer klarer als der andere. Je weiter östlich ich reise, desto unberührter und ursprünglicher scheint nicht nur die Natur selbst zu sein, sondern auch die Natur der Menschen, die einen mit offenen Herzen und Gesichtern empfangen. In den charakteristischen urigen Holzhäusern leben die Menschen zum Teil noch wie vor hundert Jahren, oft ohne fließend Wasser, mit Holzöfen und dem obligatorischen Garten, in dem sie Obst und Gemüse anpflanzen. Wir mögen es als ärmlich bezeichnen, dabei wirken die Menschen auf mich sehr autark und kraftvoll.

Nach einer Woche kicke ich meine treue eiserne Lady zum vorerst letzten Mal in diesem wunderschönen Land an. Mit vollem Herzen und Magen mache ich mich auf den Weg nach Russland. Pskov ist nur einen Tagesritt entfernt und ich nehme mir zehn Tage Zeit, um Freunde zu treffen. Obligatorisch für mich ist ein Besuch bei Ivanic, der die meiste Zeit des Jahres in seiner Datscha, dem russischen Landhaus, lebt. Der ehemalige Gefängnisarzt ist eine der unverfälschtesten Personen, die ich je getroffen habe und wir verstehen uns auf Anhieb. Die Fahrt zu ihm ist purer Endurogenuss, denn die Straße wird immer dünner und endet als Offroadspur im Wald. Die Wiedersehensfreude ist groß und ich darf drei zauberhafte Tage mit Ivanic, seiner Frau und den fünf Enkelkindern verbringen, die den Sommer hier genießen. Kulinarischer Höhepunkt ist die Tafel auf einem Estländischen Volksfest, die bis auf das letzte Fleckchen reich gedeckt ist mit allerhand selbstgemachten Köstlichkeiten. Es wird gesungen und getrunken und es spielt keine Rolle, dass es erst Mittag ist. Auf dem Rückweg nehmen wir noch ein kühlendes Bad im Fluss und nach dem Abend essen liefern die Grillen den perfekten Soundtrack zum Sonnenuntergang. Es fällt mir schwer, diesen paradiesischen Ort und seine zauberhaften Menschen zu verlassen.

Über St. Petersburg und vorbei an zwei grasenden Elchen am Straßenrand komme ich nach Weliki Nowgorod. 859 gegründet, ist es eine der ältesten Städte und spirituelles Zentrum Russlands. Ich spaziere durch dieses kulturelle Andenken, bevor ich mich auf die Spuren meines Großvaters begebe: nach Tscherepovetz. Wie werden die Russen wohl auf meine Familienrecherche reagieren? Über diese Stadt habe ich nicht so Einladendes gehört. Als eher ärmliche Industriestadt wurde mir ausdrücklich zu Wachsamkeit und Misstrauen geraten, das Motorrad immer anzuketten und Gepäck mit ins Hotel zu nehmen.

Eigentlich gebe ich nicht viel auf solche Informationen, aber nachdem ich 13 Stunden und 560 Kilometer lang durch trübes Wetter gefahren bin und im Dunkeln eine apokalyptische, dem Anschein nach brennende Stadt erblicke, spielt meine Hirnrinde die gespeicherten Tapes doch wieder ab. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Zum Glück bin ich zu erschöpft, um mir intensiv Sorgen zu machen. Meine letzte Energie geht für die Suche nach einem Schlafplatz drauf, das Anketten meines Motorrads und der Gepäckentnahme. Willkommen im Abenteuer!

Die Aufregung hält nicht lange, denn bei Tag zeigt sich die Sonne am blauen Himmel und der düstere erste Eindruck ist wie weggeblasen. Wieder mal alles nicht so wild wie die vorauseilende Legende. Auch hier leben Menschen und bewältigen ihren Alltag. Alla zum Beispiel, die im örtlichen Heimat- und Kriegsmuseum arbeitet und die vor 14 Jahren noch Deutsch unterrichtete. Mein Vorhaben, etwas zu finden was mein Opa eventuell wiedererkennen könnte, begeisterte sie sofort. Aufgeregt zeigt sie mir nicht nur Gegenstände aus dem Lager, sondern erklärt mir auch, wo der Ort ist, an dem das Lager einst stand. Die Gebäude sind in den 70er Jahren zerstört worden und heute ist das Territorium ein wilder Park am Ufer der Scheksna. Besucher baden und grillen am Strand.

1Tempel aller Religionen bei Kasan.


2Überall in Russland wird Fri sches und Eingekochtes aus Wald und Garten verkauft.


Nun bin auch ich hier, genau wie mein Großvater einst. Ziel erreicht. Und nun? Keine Ahnung! Die Energie, diesen Weg auf mich zu nehmen, hat mich gefühlt schneller hergebracht als das Wissen, wieso ich das alles überhaupt mache. Bei meinem nächsten Ziel Wologda ist es mir sogar möglich, Gebäude aus den Erzählungen meines Opas zu erkennen. Das Gefängnis, an dem er auf dem Weg in die Stadt vorbeimarschierte, gibt es immer noch. Genau wie das Krankenhaus, in dem ihm ganz knapp das Leben gerettet wurde. Dort zu sein ist bewegend, denn hier besiegelte sich damals schließlich auch mein Schicksal.

Dank zwei sehr freundlichen und hilfsbereiten Damen in der Touristeninformation erhalte ich die Telefonnummer von Anatoli, einem Historiker und Kafka-Spezialisten, der besser Deutsch spricht als ich. Eine halbe Stunde nach meinem Anruf treffen wir uns und er führt mich auf den Parkplatz einer Berufsschule und einem Gerichtsgebäude. Damals wohnten hier die Gefangenen und wo heute Autos parken, war damals der Appellplatz. Unglaublich! Anatoli, der seit 15 Jahren mit einem Kollegen an der Aufarbeitung und Erhaltung dieser Vergangenheit arbeitet, Bücher veröffentlicht und eine umfangreiche Internetseite aufgebaut hat, will mir mehr über seine Arbeit erzählen und lädt mich zu sich ein. Er räumt seine Garage für meine Maschine und kocht uns Abendessen, während ich mich durch die Bücher, Lagerzeichnungen, Luftbilder und Zeitungsartikel wühle. Eine solche Begegnung hätte man nicht besser planen können.

Nach der letzten größeren Stadt Kostroma verlasse ich die gut geteerte Hauptstraße und begebe mich auf spärlich geteerte Abwege. 200 Kilometer feinster Flickenteppich und Schlaglöcher liegen vor mir und meiner treuen Einzylinderin. Mit maximal 55 km/h bahnt sie sich unbeeindruckter als ich ihren Weg. Fünf Stunden lang. Im Dunkeln kommen wir an. Die Erleichterung wird dicht gefolgt von der Frage, ob ich das Haus wiederfinden und überhaupt jemand zuhause sein würde. Letztes Jahr bin ich nämlich mit einem Freund aus Pskov zu dessen Vater und Onkel ins beschauliche Makarjew gefahren. Damals hatte man mir das Versprechen abgenommen, wiederzukommen. Und nun stehe ich im Garten. Ich hätte gerne geklingelt um mich anzukündigen, aber eine Klingel existiert nicht. Ein paar Schritte später stehe ich dann einfach im Wohnzimmer. Das Wiedersehen ist sehr herzlich, als hätten wir uns letzte Woche erst gesehen. Unmittelbar fühle ich mich in diesem 50 Jahre alten Holzhaus heimelig, das in Schräglage am Hang eines Klosterhügels steht, ohne fließend Wasser, bewohnt von zwei älteren russischen Herren. Der Willkommens-Wodka wirkt wie ein Schlafmittel und mir fallen im Sitzen die Augen zu.

Die folgenden vier Tage, die ich mit Vasily und Wladimir verbringe, sind unbeschreiblich. Sie sind pensionierte Fischermänner und leben hier in einfachsten Verhältnissen. Trotzdem gelingt es vor allem Wladimir, der schon morgens mit dem Kochen beginnt, immer etwas super Leckeres zu zaubern, meistens aus Zutaten aus dem Garten. Ich bin völlig beseelt von der Großzügigkeit, mit der er so bedingungslos sein Zuhause mit mir teilt. Und ich genieße es sehr, erfahren zu dürfen, wie wenig es doch zum eigentlichen Leben braucht. Und Wladimir entschuldigte sich jedes Mal, dass er mir nicht mehr bieten kann! Er fährt mit mir zum Angeln raus. Mit einer Engelsgeduld entwirrt er das Knäuel zu einem Netz und lässt es ins Wasser. Einen Tag später holen wir acht Fische ein und pflücken ein paar Pfifferlinge im Wald. Auf dem Heimweg treffen wir einen Mann, der einen riesen Eimer voller Blaubeeren und eine Einkaufstüte voller Pilze gesammelt hat. Ich soll so viele Beeren mitnehmen, wie ich tragen kann und er schenkt mir einen prächtigen Steinpilz. Bevor ich mich an dieses gemütliche Treiben noch gewöhnen würde, muss ich weiterfahren.

3Hostel und Parteizentrale: Übernachtung bei politisch aktiven Kosaken im Südwesten Russlands.


4Umsatteln auf dem Dach des Kaukasus.


Andrei Sacharow, der Erfinder der Wasserstoffbombe, verschrieb sein Leben dem Schutz der Erde


Nischni Nowgorod ist die fünftgrößte Stadt des Landes und liegt an der Einmündung der Oka und der Wolga, die diese Stadt auch geografisch zu teilen scheinen. Auf der westlichen Seite der Oka ist das Land flach, auf der östlichen ragen große Hügel empor. Hier kann ich der Stadt die Geschichte eines mehr als interessanten Mannes entlocken. Sein Name ist Andrei Sacharow und er war Physiker, Vater der Wasserstoffbombe und Friedensnobelpreisträger. Durch seine Arbeit erkannte er, wie verheerend die Zerstörungskraft dieser Bombe nicht nur vor Ort, sondern auch global ist. Fortan setzte er sich für diese Erkenntnis und ein sensibleres Bewusstsein ein und verschrieb sein Leben dem Schutz der Erde.

Die nächste Stadt Kasan bietet mir einen ganz neuen Eindruck von Russland. Die Hauptstadt der halbautonomen Republik Tatarstan verfügt seit 2005 über die größte Moschee Europas. Gemeinsam mit der Orthodoxen Kirche ragt sie über die Mauern des Kremls und ist Teil einer beeindruckenden Skyline. Dass der Islam hier so stark vertreten ist, ist mir völlig neu. Innerhalb dieser toleranten und multikulturellen Stadt fühlte ich mich pudelwohl. Etwas außerhalb der Stadt beeindruckt mich auch der Tempel aller Religionen. Nach einer Eingebung hatte ein Mann zur Schaufel gegriffen und einfach begonnen, ihn zu bauen.

Einen Tagesritt ist Ufa nur noch von mir entfernt, das ich zu meinem östlichsten Ziel erkoren habe. Ich bin so gespannt, den Ural und endlich Berge zu sehen. Mein Kopf stellt sich sowas wie die Alpen vor. Quasi eine Wand, die mir das Umkehren erleichtern würde. Vorgefunden habe ich allerdings nur eine Hügellandschaft. Diese Tatsache für mich auszuwerten, muss erstmal hinten angestellt werden, denn es ist Samstag und ich brauche einen Ölwechsel. Da ich keine Ahnung habe, wie Motorradwerkstätten heißen, frage ich das Internet nach Bikershops. Dort sollte man mir doch sagen können, wo ich eine gute Garage finden kann. Es ist schon 15 Uhr, als ich einen Motocross-Laden betrete. Hinterm Tresen begrüßte mich Valeri, der mir gleich nach draußen folgt, um mit eigenen Augen zu sehen, was ich ihm da gerade erzählt habe. Nach seinem herzlichen Lachen zu urteilen findet er das alles geil. Er schaut auf die Uhr, zieht die Augenbrauen hoch und verschwindet. Was dann folgt, ist die coolste Aktion der gesamten Reise: In einen Blaumann gekleidet, rollt er meine Maschine hinter den Laden und beginnt damit, eine Freiluftgarage zu eröffnen. Er mache seine Ölwechsel immer selber, erklärt er mir, das bekäme er schon hin.

Ich vertraue ihm sofort und eine Stunde später ist nicht nur der Ölwechsel erledigt, sondern auch Ladenschluss und eigentlich Wochenende. Aber jetzt kommt auch noch Roman, der Besitzer des Ladens, hinzu und nun fiebern zwei Männer jeder Möglichkeit entgegen, die Maschine der deutschen Frau aufzupeppeln. Sie arbeiten sich vor zum gerissenen Gummipuffer am Gepäckträger, durchbohren und fixieren ihn. »Russische Innovation« nennt es Valeri. Sie bringen sogar meinen Tacho und Drehzahlmesser wieder ans Laufen. Gegen 21 Uhr wird die letzte Schraube festgezogen und ich habe den Eindruck, dass die Freude der beiden noch größer ist als meine. Ich kann gar nicht glauben, wieviel Glück ich wieder einmal habe. Der Firmenaufkleber, den sie nach getaner Arbeit meinem Koffer verpassen, fühlt sich an wie ein Ritterschlag.

1Die Polizeiattrappe am Straßenrand wirkt ziemlich echt.


2Rast auf dem Salzsee in der Steppenlandschaft der Kaspischen Senke.


Der Metall-Pin, den er mir feierlich ansteckt, gilt beinahe wie eine Art Ritterschlag


Der nächste folgt gleich zwei Tage später in Tscheljabinsk. Ich habe mich entschlossen weiterzufahren, da sich Ufa noch nicht wie mein »Ende« und Umkehrpunkt anfühlte. Nur 400 Kilometer weiter sieht das schon anders aus, denn nun bin ich tatsächlich in Asien! Den Marker an der Straße habe ich übersehen, da ich ihn wohl für eines der zahlreichen Monumente gehalten habe, die an Russlands Straßenrändern stehen. In der Innenstadt von Tscheljabinsk treffe ich auf einen Antikhändler, der mir einen Metall-Pin von seiner Stadt schenkt, dem nun östlichsten Punkt meiner Reise. Fast feierlich steckt er ihn mir an die Jacke. Ritterschlag eben.

Wenn ich schon mal hier bin, will ich auch noch Jekaterinburg sehen. Viel spannender als die Stadt ist Juri, der mich in perfektem Englisch anspricht. Vor knapp zwei Jahren war er selbst mit seinem Motorrad von hier bis zur französischen Atlantikküste gefahren, was mir kurioserweise als eine völlig verrückte Unternehmung vorkommt. Er ist aktiver Couchsurfer und bietet mir an, bei ihm zu übernachten. Er ist der perfekte Gastgeber. Super locker, weltoffen, herzlich, gesprächig und einfach unglaublich humorvoll. Wir reden, obwohl uns irgendwann die Augen vor Müdigkeit fast zufallen.

Tagsüber muss Juri arbeiten und ich mache mit Hilfe seiner zahlreichen Empfehlungen die Stadt unsicher. Nach Feierabend holt er mich mit seiner Schwester ab und lotst mich zu den drei Marksteinen, die in dieser Gegend die Grenze zwischen Asien und Europa kennzeichnen. Wir machen Fotos und Juri fragt mich, wie ich mich fühle. Gar nicht so einfach zu beantworten. Die Sentimentalität, die in der Tatsache steckt, dass ich zurückfahren muss, wird in diesem Moment von der Realisation überdeckt, dass man echt viel erlebt, wenn man einfach mal in eine Richtung fährt. Ich habe das Motorradfahren schließlich nicht neu erfunden, sondern bin statt zum Supermarkt einfach in den Ural gefahren. Für mich liegt etwas erschreckend, aber auch beflügelnd Unspektakuläres in dieser Tatsache.

Trotzdem merke ich, wie mich von nun an etwas Anderes zieht. Ich habe zwar noch ganze fünf Wochen vor mir, mit neuen Abenteuern und Begegnungen, aber mein Kopf verpasst diesem Abschnitt die Überschrift »Rückweg«. Und er sollte sich auch anders, irgendwie schneller anfühlen. Obwohl ich noch einfach eine Nacht länger hätte bleiben können, breche ich am nächsten Tag völlig überzeugt im strömenden Regen gen Westen auf. Nach einer Stunde bin ich bereits komplett durchweicht und durchfroren. Ich ärgere mich, einen der schönsten Streckenabschnitte der gesamten Reise unter diesen Voraussetzungen zu erleben. Als der Regen kurz mal innehält, taucht ein bestimmt 10 Meter hohes, gelbes Orthodoxes Kreuz vor mir auf. Sonst gibt‘s hier nur Wald.

Ich halte an, um mich umzuziehen. Der Regen hat sich gnadenlos am Hals den Weg zu den untersten Schichten meiner Kleidung gebahnt und meine gesamte Brustpartie unter Wasser gesetzt. Ich ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus und alles an trockener Kleidung an, was ich habe. Plötzlich entdecke ich einen Mann, der angelaufen kommt. Ich denke noch, dass er vielleicht Hilfe braucht, aber er kommt, um mir zu helfen. Er zeigt auf die Bäume, sagt er hätte mich von dort gesehen und dachte ich sei bestimmt liegengeblieben und brauche Benzin. Dann hebt er seinen 5-Liter-Kanister hoch und lächelt. Mir ist als hätte ich eine Erscheinung. Wenn mir jemand hier draußen schon unaufgefordert helfen würde, dann kann ich auch überall sonst auf Hilfe vertrauen! Den Rest des Tages fahre ich im Regen – und im Kreis. Da ich keinen Empfang habe und mit dem Handy navigiere, verliere ich die Orientierung. Ich frage zwei Frauen nach dem Weg, die völlig fassungslos die Straße herunterblicken und ständig fragen, wo denn mein Mann sei.

Wissenswertes

Allgemein: Russland ist einfach riesig und hat kulturell wie landschaftlich für jeden Geschmack etwas zu bieten. Die Landessprache zu sprechen ist wie in jedem Land von Vorteil. Wenig junge Menschen sprechen Englisch, ältere häufiger sogar etwas Deutsch. Warm mit dem Kyrillischen Alphabet zu sein ist mehr als hilfreich, um Straßenschilder zu entziffern. Zwischenmenschliche Gepflogenheiten gleichen sehr stark unseren. Wer in eine der vielen Kirchen gehen möchte, muss als Mann den Hut ausziehen und als Frau einen Rock überziehen und das Haar bedecken. Entsprechende Tücher dafür werden am Eingang zur Verfügung gestellt. Fürs Handy empfehle ich eine Pre-Paid Sim Karte von MTS (MTC).

Verkehr: Die Haupttangenten zwischen größeren Städten sind meist zweispurig und sehr gut ausgebaut. Fernab der Hauptstraßen ist der Belag schlechter, aber immer befahrbar. Innerhalb der Städte ist die Qualität der Straßen meist am schlechtesten. Es macht fast den Anschein als hätte das System, da es volle Aufmerksamkeit des Verkehrsteilnehmers fordert und die Geschwindigkeit reguliert. Der Gegenverkehr bricht den Überholvorgang nicht ab, nur weil man ihm entgegenkommt. Es wird gefahren wo Platz ist. Allgemein hilft es, pragmatisch zu denken. Selber überholt zu werden heißt immer, geschnitten zu werden. Die Höchstgeschwindigkeit innerorts ist 60 km/h, außerhalb 90 bis 110 km/h. Die Verkehrszeichen sind unseren ähnlich.

Reisezeit: Der Sommer in Russland ist zwar kurz, das Fenster zwischen Mai und September aber trotz möglicher Temperaturschwankungen groß genug, um recht angenehm reisen zu können. Eigentlich ist es bis auf den potentiell starken Winter wie bei uns.

Anreise: Für europäische Touristen werden 90-Tage-Visa mit einer oder zwei Einfahrten vergeben, die man nur durch eine Einladung erhält. Das erledigt aber jedes Reisebüro, falls man selber keine Kontakte hat. Kostenpunkt 90 Euro. Die Einreise ist unkompliziert. Ein Carnet braucht man nicht, nur die grüne Versicherungskarte.

Polizeiliche Registrierung: Bleibt man länger als 7 Tage in Russland, muss man sich mit einer offiziellen Adresse polizeilich registrieren lassen. Auf eigene Faust kostet es 210 Rubel (ca. 3 Euro). Unterwegs übernehmen das die Hotels und Hostels kostenlos. Da kann es schon mal vorkommen, dass der gesamte Reisepass kopiert wird. Wie lückenlos das Protokoll wirklich sein muss, ist schwer zu sagen. In manchen Hostels wurde ich erst gar nicht registriert und ich registrierte mich auch nicht auf eigene Faust, wenn ich bei Einheimischen nächtigte. Probleme hatte ich deswegen nie und nachgefragt hat auch nie jemand.

Übernachten: Obwohl wildes Campen in ganz Russland erlaubt ist, habe ich es mir doch verkniffen, da ich auf die des Öfteren gestellte Frage »Weißt du wie du dich verhalten musst, wenn du einem Bären oder Wildschwein begegnest? « keine Antwort wusste, die mir ein beruhigendes Gefühl gab. Da es überall günstige Hostels gibt (4 bis 10 Euro), die zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar sind, nutzte ich hauptsächlich diese. Gefunden habe ich sie ganz einfach über die Internetsuche übers Handy und nach deutschsprachigen Suchergebnissen.

Sicherheit: Ich habe mich immer und überall sicher gefühlt. Genau wie Zuhause konnte ich auf meinen Instinkt vertrauen und Entscheidungen treffen. Es gibt in meinen Augen nichts Besonderes zu beachten. Als Talisman und psychologischen Schutz habe ich den Ehering meiner Großmutter getragen. Das sendet schon ein starkes Signal in diesem doch konservativen Land und kann ich jeder Frau, die alleine reist, absolut empfehlen.

Tanken: Das Netz von Tankstellen war für meinen 20 Liter Tank immer dicht genug. Benzin kostet in Russland nur knapp ein Drittel so viel wie bei uns und ist relativ häufig in 100, sehr häufig in 98 und immer in 95, 92 und 80 Oktan verfügbar, ebenso wie DT (Diesel).

Verpflegung: Geldautomaten gibt es in jeder Stadt. Probleme mit der Kreditkarte (Visa) gab es nie. Zu kaufen gibt es alles. Produkte aus dem Westen sind aber oft viel teurer als bei uns. Ansonsten sind die Waren für uns sehr günstig. Die Küche in Russland ist vielseitig und fleischlastig. Aber man kann sich auch problemlos als Vegetarier ernähren. Veganismus ist noch nicht wirklich in Russland angekommen.

Links: melanie-stegemann.com (meine Website mit künstlerischer Arbeit); go-your-heartest.com (begonnener aber noch unvollständiger Blog über die Reise auf Englisch); russki-plen.ucoz.ru (Website des Historikers aus Wologda).

1Typische Straßenrandidylle irgendwo in Russland.


2Wilder Westen im Osten – eine verlassene Tankstelle südlich von Wolgograd.


Ich entschließe mich, die geplante Tagesetappe zurück nach Ufa zu unterbrechen und kehre in einem Hotel am Straßenrand ein. In 7 Stunden habe ich nur knapp 250 Kilometer geschafft. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Wortlos legen meine Gastgeber Holz nach, um die Zentralheizung anzufeuern und fordern mich auf, meine nassen Sachen im Heizungsraum aufzuhängen, heiß zu duschen und zum Essen zu kommen. Es ist ein abgefahrenes Gefühl, wenn die Lebensgeister wieder zurückkehren.

Der nächste Tag ist mein Geburtstag. Ich bin wieder bei Kräften, die Schuhe sind fast trocken und ich kann die Tatsache genießen, ohne Empfang irgendwo im Ural zu sitzen. Das Wetter ist besser und es gibt noch viele wunderschöne Strecken, die ich genießen kann. Am nächsten Tag verlasse ich den Ural mit einem recht spektakulären letzten Hügel, von dem aus ich das flache Land vor mir überblicken kann. Unten angekommen, halte ich nochmal an, genieße die Rückschau, den Sonnenuntergang und essse ein bisschen Käse. Dummerweise hat der im selben Koffer gelegen wie immer, der seit dem Richtungswechsel aber den ganzen Tag im Süden und in der Sonne hängt. Was folgt, ist sowas wie eine Lebensmittelvergiftung. Drei Tage lang.

Ich brauche eine Stunde, um am Morgen das Motorrad zu packen, mich anzuziehen und loszufahren, so schwach bin ich. Der Hotelmanager von der Kaschemme am Straßenrand, die ich in meinem Anflug von Übelkeit am Abend zuvor aufsuchte, bietet mir an, mich weiter auf dem Zimmer auszuruhen, so gequält muss ich wohl aussehen. Aber der Laden ist erstens nicht so einladend und zweitens will ich weiter, denn ich habe eine Einladung im Kaukasus.

Die nächsten zwei Tage halte ich eigentlich nur zum Tanken und Übernachten. Alles andere wäre zu anstrengend. Zum Glück geht es mir an dem Morgen, an dem ich in Wolgograd erwache, gut genug, um mir die Monumental-Statue »Mutter Heimat ruft« anzuschauen. Mit 85 Metern ist sie eine der größten Statuen der Welt und erinnert an die historische Schlacht zu Stalingrad. Ich schätze es dauert eine Stunde, um den Berg hinauf zu gehen, auf dem sie thront. Weit gefehlt. In Russland weiß man, wie man Denkmäler anlegt und die Betonstatue ist nur der höchste Punkt einer Gedenkstätte. Man muss erst mehrere Level durchlaufen, vorbei an Statuen und durch eine riesige Halle, in der eine noch riesigere Hand die ewige Flamme hält. Die 3 ½ Stunden, die ich dort verbringe, sind sehr beeindruckend. Zwar gedenken die Russen primär dem Sieg. Aber dieser Ort ist so kolossal und monströs, dass er mich demütig fühlen lässt und etwas tief Mahnendes ausstrahlt, was unabhängig von Sieg und Niederlage ist.

Südlich von Wolgograd beginnt die Region der Kaspischen Senke und ich finde mich ziemlich plötzlich in einer soliden Steppenlandschaft wieder. Es hat doch was, wenn man sich so gar nicht groß über seine Route informiert. So erlebt man echt viele Überraschungen. Ich hatte keine Ahnung, dass ich mich in einem Gebiet befinde, dessen tiefste Stelle 132 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. In den folgenden zwei Tagen fahre ich an Salzseen vorbei, verlassenen Tankstellen, die dem wilden Westen in nichts nachstehen, und übernachte in Elista, das mit seinen Pagoden-ähnlichen Gebäuden eher aussieht wie ein Ort im fernen Osten. Tatsächlich ist es die Hauptstadt der Region Kalmückien, in der einmalig in Europa der Buddhismus die vorherrschende Religion ist.

Im Hostel treffe ich Cassandra, eine englische Schriftstellerin und Yogalehrerin, die eigentlich in die Mongolei wollte. Aufgrund von Zeitmangel aber wurde ihr empfohlen, hierher in die »Mini-Mongolei« zu kommen, wie sie mir erzählt. Wir verstehen uns wundervoll und sie nimmt mich am nächsten Tag mit in den örtlichen Tempel, in dem mit neun Metern die momentan höchste Buddha-Statue Europas steht. Hier fühlte ich mich am weitesten entfernt von Zuhause. Schade, dass ich nicht länger bleiben kann. Ein Freund erwartet mich bereits in Tscherkessk. Shamil habe ich in Pskov kennengelernt und er entpuppte sich als mein Endgegner in punkto Gastfreundschaft. Er blüht als Gastgeber so richtig auf und mit meiner Ansage, dass ich 2 bis 3 Tage bleiben könne, bucht er gleich mal für drei Nächte ein Hotel in dem Ferienörtchen Dombai, inmitten der Berge. Meine Schuhe hält er für diesen Ausflug für gänzlich ungeeignet und stattet mich prompt mit ordentlicher Besohlung aus. Keine Widerrede … Er organisiert einen Ausritt durch die Berge, für den ich die Sitzbank mit einem echten Sattel tauschen muss. Mit der Seilbahn geht es bis auf 3200 Kaukasische Höhenmeter. Hier habe ich nun meine Berge. Es ist atemberaubend schön. Mindestens fünfmal täglich geht Shamil mit mir Essen. Ich soll so viele kulinarische Köstlichkeit seiner Heimat kosten wie möglich. Und ständig bringt er mich zum Lachen.

3Mondaufgang am Schwarzen Meer.


4Sicherer Schlafplatz fürs Motorrad. Anatoli räumte seine Garage für meine Einzylinderin.


Für einen Ausritt in die Berge muss ich die Sitzbank mit einem echten Sattel tauschen


Auf meiner letzten Etappe halte ich noch in Schachty, dem letzten Ort, in dem mein Großvater war, und von wo aus er Weihnachten 1949 nach Hause entlassen wurde. Ein junger Museumsmitarbeiter namens Dima hilft mir, die Schule ausfindig zu machen, in der mein Opa höchstwahrscheinlich untergebracht war.

Die Nacht verbringe ich in einem von Kosaken geführten Hostel. Der Chef hat eine recht ausgeprägte politische Gesinnung. Anstatt sich mit mir zu unterhalten, bombardiert er mich mit zahllosen unangenehmen Fragen zu Merkel, Putin, Mindesteinkommen. Permanent will er mich zu Fotos und Interviews bewegen, die er zu Werbezwecken für seine Partei nutzen will. Das ist mir weder geheuer noch recht und es gelingt mir nur mit Mühe, ihm das auszureden. Eine komplett neue Erfahrung auf dieser Reise. Wie eingeschränkt die Kommunikation doch ist, wenn jemand die Welt ausschließlich politisch wahrnimmt.

Den Osten der Ukraine muss ich wegen des Krieges umfahren. Südöstlich von Kursk überquere ich die Grenze zur Ukraine und fahre über Sumy nach Kiew. Dieser Streckenabschnitt ist der für mich härteste überhaupt. Die Straße ist so schlecht wie alle bisherigen schlechten Straßen zusammen. Von Kiew aus fahre ich über Odessa ans Schwarze Meer. Weiter südlich, am Naturstrand bei Satoka, ist wildes Campen möglich, wie ich es mir schon immer vorgestellt habe: einsam, entspannt und unweit entfernt von ein paar kleinen Ferienorten, in denen man sehr günstig alles bekommt, was das Herz begehrt.

Westlich von Kiew spricht mich ein junger Motorradfahrer an. Taras ist auf dem Weg nach Kroatien und will auch in Lwiw übernachten. Er bietet mir an, mir seine Lieblingsstadt zu zeigen. Im Stadtbild ist ungefähr jeder architektonische Stil und jede Epoche vertreten. Eine absolute Überraschung und wahrlich eine zauberhafte Stadt. 70 Kilometer weiter befindet sich bereits die Grenze zu Polen. Als sei ich durch ein Sternentor gereist, spukt sie mich gefühlt bereits wieder in der Heimat aus. Die Autobahn ist ausgebaut wie daheim. Die asphaltierte Gewissheit, dass das Abenteuer vorbei ist. Unmittelbares Fernweh stellte sich ein. Fast unbemerkt finde ich mich zwei Tage später in Deutschland wieder. Die letzte besondere Begegnung dieser Reise ist die mit meinem Großvater. Er kann die Rührung, als er meine Karre und mich vor seiner Haustüre erblickt, nicht verbergen. Hier also schließt sich nun der Kreis. Effektlos lässt sich ein Leben eben nicht leben. Und alleine reisen? Das ist auch völlig unmöglich.