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S-FILE Die Techno-Akte


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 01.01.2020
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Bildquelle: FAZE, Ausgabe 1/2020

KURZ & KNAPP

Erste gekaufte Single:
The Flirts – Passion (als 7Inch)

Zuletzt gekaufter Track:
Jay Clarke – In Dreams (Klockworks)

Erster besuchter Club:
E-Werk, Berlin

Lieblings-DJ:
Ben Sims und Boris Dlugosch, weil beide einen exzellenten Musikgeschmack, ein sehr gutes Gefühl für die Crowd und sehr gute Mixing-Skills haben, und die eignen sich heute viele DJs nicht mehr an.

Geheimwaffe, die immer funktioniert:
Die alten X-Traxx-Platten. Früher als Kommerz verschrien, funktionieren sie heute immer und werden geliebt.

Bremen hat viele herausragende Techno-Produzenten und -DJs hervorgebracht: Steve Bug, ...

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... Thomas Schumacher, Oliver Huntemann, Stephan Bodzin oder eben Sven Strenger. Letzteren werden Techno-Liebhaber wahrscheinlich eher unter seinem Pseudonym S-File kennen. Sein enormer Output an großartigen Techno-Stompern, die von nahezu allen angesagten DJs weltweit gespielt werden, hat uns dazu bewogen, S-File in unser Büro einzuladen, um die Techno-Akte mit dem Anfangsbuchstaben „S“ zu öffnen.

Wie bist du zur elektronischen Musik gekommen und woher rührt der Name S-File?
Mein Onkel hat mich zur elektronischen Musik gebracht, da er schon in den 1970er-Jahren Platten von Gary Numan, Tears For Fears, OMD und den ganzen anderen NDW-, New-Wave- und New-Romantic-Bands gesammelt hat, die es damals gab. Ich bin schon mit fünf Jahren mit Synthie- Musik infiziert worden. Diese Begeisterung hat mich nie losgelassen und so bin ich dann auch zu Hi-NRG/Italo Disco bis hin zu Acid House und House Ende der 80er gekommen. Der Name S-File ist aus einer Bierlaune heraus entstanden. Ich habe kurz nach 2000 aufgehört, unter einem anderen Namen aufzulegen, weil mich die Zeit damals extrem gelangweilt hat; ich habe immer dieselben Clubs bespielt und in Sachen Musik ist kaum etwas Neues passiert. Als ich dann 2005 eine Houseparty organisiert habe, brauchte ich einen Warm-up-DJ, der auch wie ein Warm-up-DJ auflegt und nicht wild rumballert. Da ich keinen geeigneten gefunden habe, habe ich es unter dem Namen S-File selbst gemacht. Also als Ableitung von meinem Namen: die Sven-Akte. So ist das Pseudonym entstanden, etwas unspektakulär. (lacht)

Seit wann bist du DJ und seit wann produzierst du?
Angefangen mit dem Auflegen habe ich 1994 mit House und Techno. Zuerst als Radio-DJ mit einer wöchentlichen Radiosendung, dann auch in Clubs. Als Produzent bin ich seit knapp zehn Jahren im Job. Es gab auch früher immer mal wieder Produktionen mit Freunden, aber es ist nie etwas releast worden. Dennoch waren es Erfahrungen, die ich sammeln konnte.

Seit 2011 führst du dein eigenes Label GND Records. Was war die Initialzündung für dich, ein eigenes Label zu gründen, und was bedeutet der Name?
GND ist die Ableitung von „Guys and Dolls“. Die Idee dahinter war, Musik zu releasen, die ich gut finde, hinter der ich zu 100 Prozent stehe und die ich auch als DJ spiele. In erster Linie ging es natürlich darum, meine eigenen Sachen zu releasen, aber auch die von neuen und renommierten Künstlern. In den ersten acht Jahren erschienen Releases und Remixe von vielen renommierten Künstlern wie Mark Broom, The Hacker, David Carretta, Paul Mac, FRONT242, Shadow Dancer, Ray Kajioka, Deadwalkman oder Jensen Interceptor.

Sven, du stammst aus Bremen, lebst aber seit einiger Zeit in der Provinz – in Weyhe. Weyhe ist nicht unbedingt als Nabel der elektronischen Welt bekannt. Inwiefern hilft es dir, so abgeschieden zu wohnen, und in welcher Hinsicht schadet es dir? Hamburg und Bremen liegen ja nicht so weit entfernt.
Ich lebe erst seit fünf Jahren hier in Weyhe. Grund war damals, raus aus der Stadt zu kommen. Aus einer Stadt mit überteuerten, renovierungsbedürftigen Wohnungen, nervigen, lauten Nachbarn. Dazu kam, dass ich mit meiner Freundin damals zusammengezogen bin und wir uns entschlossen haben, mitten im Wald zu leben. Aber um auf den Nabel der Welt zurückzukommen: Das ist Bremen auch nicht. Bremen ist auch nur ein Dorf mit einer Straßenbahn. Aber Bremen hat einen Flughafen, den ich mit dem Auto in 25 Minuten erreiche und von dem aus ich mehrmals am Tag nach Amsterdam, Frankfurt oder München fliegen kann. Besser kann es nicht sein, denn man lebt auf dem Land, ist aber schnell am Flughafen. Zum Arbeiten ist es ruhig, man kann sich hier gut konzentrieren und ist nicht ständig abgelenkt wie in einer Stadt wie Hamburg oder Berlin. Der Gedanke, nach Berlin zu ziehen, stand jedoch nicht nur einmal im Raum, denn ein wenig isoliert ist man hier natürlich schon. Jeder Wohnort hat sein Für und Wider, auch Städte wie Berlin, Hamburg oder München. Aber das Landleben hat schon was für sich …

Du scheinst eine besondere Verbindung zu Südamerika zu pflegen, da du dort häufig Auftritte hast. Wie kommt es dazu?
Ja, das ist richtig, ich spiele einmal im Jahr in Kolumbien. Ich war im November zum vierten Mal in fünf Jahren dort. Ich spiele dort regelmäßig in den drei besten Clubs des Landes, MUTE Medellin, Baum Bogota und Tunnel Pereira. Nach Südamerika gekommen bin ich damals über meinen Freund Alex, der mich im Namen seiner Agentur gefragt hatte, ob ich für die Ford-Focus-Kampagne in Lateinamerika die Musik machen könne. Der Spot wurde im Kino, TV und Internet gezeigt. Durch diesen Kontakt sind dann andere Kontakte und eine besondere Freundschaft zu Alex entstanden. Ich habe dann nach und nach die Leute, die die Clubs und Festivals betreiben, persönlich kennengelernt. Die Kontakte halten bis heute an.

Wie würdest du die Szene dort beschreiben? Was macht sie besonders?
Südamerika ist aufregend und auch sehr speziell. Man hat kleine Technoszenen in Argentinien, Peru, Chile und eine etwas größere in Brasilien. In Panama versuchen die Jungs jetzt auch, was aufzuziehen, und die Szene wächst. Kolumbien hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Seit fünf Jahren touren dort viele Touristen durch das Land. Ich erlebe auch in den Clubs, wenn ich dort spiele, dass ebenfalls Urlauber aus Deutschland dort zu Gast sind, so zum Beispiel bei meinem letzten Gig im MUTE Medellin. Da hatte ich eine witzige Begegnung mit Jungs aus Frankfurt. Kolumbien ist das Techno-Land in Lateinamerika. Hier spielen jede Woche die Top-Leute wie Amelie Lens, Nina Kraviz, Ben Klock oder Oscar Mulero. Ob Bogota, Cali, Medellin, Pereira oder im Busch: Hier finden immer Festivals statt und auch die Clubs buchen die Top-Leute aus Europa. Die Szene dort ist sehr dankbar und man kann die Leute leicht mit seiner Musik mitreißen. Es gibt die etablierten Top-Clubs wie das MUTE, den Nummer-1-Club in Kolumbien, und das Baum in Bogota. Dazu kommen aber auch neue Clubs in Cali oder der Tunnel in Pereira, in dem ich dachte „Alter, das ist hier 1992“. Bei unserem ersten GND-Showcase im November im Tunnel standen die Leute bereits um Mitternacht Schlange, um reinzukommen, und sind erst gegen 14:00 Uhr am Mittag gegangen. Die Stimmung war unfassbar. Das sind Gigs, nach denen man als DJ sucht. Kolumbien muss man erlebt haben!

Hast du dort schon kritische bzw. gefährliche Situationen erlebt? Dass es auf den Straßen teils sehr kriminell zugeht, ist ja leider kein Geheimnis.
Nein, das habe ich ehrlich gesagt nicht. Es ist wie in jedem Land auf der Welt: Man muss sich der Situation anpassen und bestimmte Verhaltensregeln beachten. Im November war allerdings durch den Aufstand und die Streiks im ganzen Land die Situation angespannt – Alkohol-Verbot, kein Strom etc. Es sind viele Touristen in den letzten Jahren ins Land gekommen, die entweder durchs Land reisen oder am Strand Urlaub machen. Flüge gibt es ab 600 Euro und das Land selbst ist nicht teuer für Europäer. Eines sollte man als Tourist aber meiden, und zwar Gebiete, die an Venezuela oder Ecuador grenzen. Kolumbien baut mittlerweile auf den Tourismus und ich habe bis jetzt sehr schöne Erfahrungen dort machen können. Ich freue mich darauf, 2020 wieder dorthin zu reisen und zu spielen.

TOP 3 DER ALL-TIME-FAVOURITES

The Smiths – Stop Me If You Think You’ve Heard This One Before

A Flock of Seagulls – Nightmares

The Police – Walking on the Moon

Du hast bereits jede Menge EPs releast, ein Album hingegen
noch nicht. Ist das einfach nicht dein Ding oder wie kommt es
dazu?
Ja, das stimmt. Ich habe immer wieder geplant, ein Album aufzunehmen, aber das Projekt dann immer wieder nach hinten geschoben. Ein Album braucht viel Zeit und Geld. Ein Album zu produzieren, ist eine Sache, aber die Vermarktung eine andere, da muss alles stimmen. Fünf Tracks für ein eventuelles Album habe ich bereits fertig, mal schauen, vielleicht kommt im Herbst ja mein erstes heraus.

Du hast sehr viel Erfahrung als DJ, auch aus deiner Radiozeit. Wie würdest du die Musik in deinen Sets beschreiben?
Ich spiele Techno, gemischt mit ein paar einzelnen Oldschool-House- und Techno-Tracks, und ab und an ist mal ein Electro-Track aus alten Tagen dabei. Ich versuche, in meinen Sets immer viele neue, unreleaste Sachen mit Klassikern zu verbinden. Dazu kommen alte Sachen, die ich als Edits für meine Sets aufbereitet habe. Die Beatport-Top-100 können andere rauf und runter spielen. Mir ist wichtig, dass die Musik den Leuten Spaß macht, sie eine gute Zeit haben und den Alltag vergessen. Wenn ich mit meinem Set fertig bin und die Leute klatschen und zufrieden ausschauen, der Promoter zufrieden ist, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. In meiner Radioshow spiele ich natürlich eine ganze Bandbreite von Tracks, die sich in den vier Wochen seit der jeweils letzten Sendung angestaut haben. Das ist dann wirklich alles neu und eine ganze Palette von Techno und House. Sachen, die ich in meinem DJ-Set nicht spielen kann. Dafür bietet das Radio die richtige Plattform.

Gibt es Künstler, von denen du dich inspirieren lässt? Was läuft bei dir privat im Player?
Die neuen Sachen, die im Radio laufen, interessieren mich nicht. Das ist zu 90 Prozent Müll, was da gespielt wird. Ich höre gerne ältere Sachen, die kann ich immer wieder hören, zum Beispiel The Smiths, Depeche Mode – bis „Violator“ –, The Police, The Cure oder auch alte Motown- oder Disco- Tracks aus den 70er-Jahren. Ich höre viel und gerne Musik, das war schon immer ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Im Auto höre ich gerade David Bowies Album „Let’s Dance“ – ein unglaubliches Album von Nile und David. Gerade in den älteren Songs findet man Ideen für seine Tracks. Das inspiriert mich im Studio.

Mit welchem Setup produzierst du, welche DAW benutzt du und wieso? Ich bin da der etwas einfach gestrickte Typ. Außer einer TR09, TB-03, Novation MP25 und Yamaha HS7 benutze ich keine Hardware. Ich produziere alles mit Plugins auf Cubase.

Zum Abschluss die obligatorische Frage schlechthin: Was hast du für 2020 geplant?
Es kommt eine ganze Menge. Ende Januar erscheint auf dem Label On Edge Society eine EP, die bereits von DJ Rush rauf und runter gespielt wird, mit einem neuen Mike-Dearborn-Remix und Ende Februar eine EP auf Say What?, dem Label von Ramon Tapia. Dann gibt es im Februar eine neue Platte auf GND und im März erscheint ein Zwei-Track-Kollabo-Release mit meinem sehr guten Freund aus Kolumbien, Deadwalkman. Dann ist auch wieder eine Tour durch Kolumbien geplant und die Festivalzeit geht wieder los – und vielleicht kommt dann ja mal ein Album von mir.