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Sabine Devieilhe: Barocker Spieltrieb


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Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 30.11.2018

Eigentlich singt die französische Sopranistin eher die großen Koloraturpartien, und gar nicht so viel Händel. Aber für sie ist er Medizin.


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Bildquelle: Rondo, Ausgabe 6/2018

Tief durchatmen: Für Sabine Devieilhe haben selbst Händels Gelegenheitswerke enormen musikalischen Tiefgang


Nein, diese Doppel-CD sei kein Folgeprojekt zu ihrem Furore machenden Mozart-Konzeptalbum über die mit dem Komponisten vielfach verbandelten Mannheimer Weber-Schwestern. So erzählt es die mit diesem Kompendium auch hierzulande bekannt gewordene französische Koloratursopranistin Sabine Devieilhe. Dabei steht hinter dem simpel „Italian Cantatas“ bezeichneten ...

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... Unternehmen zumindest als Schatten auch eine starke, bedeutende Sängerin: Margherita Durastanti. Keine Sopranistin hat länger mit dem auch hier die Musik liefernden Georg Friedrich Händel zusammengearbeitet.

Die Durastanti, mit hohen Tönen ebenso ausgestattet wie mit einer überbordenden Ausdruckskraft, gehörte zum Haushalt des römischen Fürsten Francesco Maria Ruspoli. Dort lernte sie der junge „caro sassone“ kennen, der sich eben seine ersten Komponistensporen im Lande der Oper verdiente. Und Händel kam gut an bei den Prälaten und Adeligen, die ebenso auf seine damals noch hübsche Gestalt abfuhren, wie auch auf seine himmlischen Melodien. Und so komponierte er für den häuslichen Musiziergebrauch wie zur akustischen Ausgestaltung von Partys und Festen diverse Kantaten. Später dienten ihm diese – auch die drei hier vorgestellten „Arminta e Fillide“, „Armida abbandonata“ und „La Lucrezia“ – als gerne zweitverwertetes Musikarchiv für seine Opern und Oratorien.

„Ein anderes Werk aus dieser Zeit, das Oratorium ‚Il trionfo del Tempo e del Disinganno‘, habe ich als erstes Händel-Stück gesungen“, erinnert sich Sabine Devieilhe. „Und dann in Aix-en-Provence wie derholt, mit Emmanuelle Haïm und ihrem Ensemble Le Concert d’Astrée, das hat wunderbar funktioniert. So wollten wir schnell weiter zusammenarbeiten, was wiederum unser gemeinsamer Plattenboss Alain Lanceron gut fand. Emmanuelle hat mir gleich die Kantaten-Noten gegeben und gesagt, die soll ich mir mal anschauen. So entstand diese Auswahl. Für ‚Aminta‘ brauchten wir einen lyrischen Mezzo, denn das ist ja ein langes Ding mit zehn Soloarien und einem Duett, und so kamen wir auf Lea Desandre. Die kannte ich zwar, denn die Pariser Musikszene ist klein, aber es ist unsere erste Zusammenarbeit. Wir haben ja nur das eine Duett, aber da mischen sich die Stimmen perfekt. Und ich habe ihr gern zugehört, denn wir haben die Kantaten vor der Aufnahme auch auf einer kleinen Tournee gesungen.“

Offen für Neues

Was ist für sie besonders an dieser Aufnahme? „Dass wir so viel Zeit hatten, uns ausführlich mit den Da-capo-Teilen der Arien und ihren Verzierungen zu beschäftigen“, erzählt sie. „Emmanuelle probiert viel aus. Erst extrahiert sie Stimmen anderer Instrumente, um diese zu variieren oder ihr Material aufzunehmen. Dann wird spielerisch improvisiert, aber auch nach Plan. Und oftmals haben wir noch am Tag der Aufnahme geändert. Man dringt so sehr dicht zu den Noten vor. Und ich habe wieder gemerkt, Händel ist für mich einfach Medizin. Zu ihm kehre ich immer wieder gern zurück. Selbst in diesen Gelegenheitswerken behaupten seine Noten eine Tiefe, die von den Texten oft nicht eingelöst wird, der man sich als wache Interpretin aber schnell bewusst wird.“

Schäferründchen

Die Accademia dell’Arcadia wurde am 5. Oktober 1690 in Rom vom Dichterzirkel der verstorbenen Königin Christina von Schweden gegründet. Der Name bezieht sich auf die bukolische Dichtung „Arcadia“ des italienischen Dichters Jacopo Sannazaro, benannt nach der ländlichen Region im Zentrum des Peloponnes, welche Schauplatz der griechisch-römischen Poesie ist. In der Accademia versammelten sich römische Kleriker und Adelige. Gedichte wurden gern auch vertont – und nicht selten – von Frauen gesungen, obwohl die Kirche das vor Ort eigentlich verboten hatte. Händel fand in diesem Kreis dankbare Auftraggeber (und oft zugleich auch Textdichter) für seine frühen Kantaten.

Sabine Devieilhe, die als Frau des Dirigenten Raphaël Pichon gerne auch mit ihm und seinem Ensemble Pygmalion die Batterien kreativ auflädt, singt sonst nicht so viel Barockmusik. Längst sind die verzierten Koloraturpartien ihr eigentliches Metier, besonders auch die von Richard Strauss. Im Sommer hat sie wieder in Aix die Zerbinetta in „Ariadne auf Naxos“ gesungen. Dann stand ihr Mozart-Debüt an der Seite von Pichon in Salzburg an, das – obwohl sie morgens um 11 Uhr die schwersten Koloraturarien zwitschern musste – so gut ankam, dass man dort weiter mit ihr plant. Zur Saisoneröffnung war sie in Brüssel mal wieder in ihrer Referenzpartie als Königin der Nacht zu hören, freilich in ei-ner sehr ungewöhnlichen Inszenierung des Italieners Romeo Castellucci: „Sie hat mich tief berührt, dieser Regisseur hat eine tiefe Humanität. Ich nehme sehr viel mit, wenn ich die Rolle jetzt woanders singe, denn viel Profil hat sie ja nicht, aber jetzt weiß ich, woher sie kommt und wohin sie gehen könnte.“ (Verfügbar in der Mediathek von arte.)

Weiter geht es mit Devieilhes erster „Rosenkavalier“-Sophie in Zürich, „die ist schwierig für mich, weil sie oft in der Mittellage über ein großes Orchester dringen muss. Aber dass ich etwa an der Wiener Staatsoper [Anm. Donizettis „La fille du règiment“, Regie: Laurent Pelly] so gut ankam, wo der Orchestergraben sehr hoch und offen ist, hat mich bestärkt, dass meine Stimme gut liegt, über diesen Schwall dringt.“ In der gleichen Inszenierung ist sie Ende der Spielzeit dann auch in London zu erleben. „Und es kommt auch wieder Händel – aber erst in drei Jahren.“

Neu erschienen: Händel: Italienische Kantaten (Kantaten HWV 83 „Aminta e Fillide“; HWV 105 „Armida abbandonata“; HWV 145 „Lucrezia“ u. a.), 2 CDs, mit Devieilhe, Desandre, Le Concert d’Astrée, Haïm,Erato /Warner
Abonnenten-CD: Track 8


Foto: Piergab/Warner Classics